Donnerstag, 18. Juni 2020

Ich werde mein Haus in Zukunft mit einem Aufreißfaden sichern - weil ich offenbar die einzige bin, die damit umgehen kann

Der Aufreißfaden soll natürlich Messer, Schere und andere Hilfsmittel zum Öffnen von Verpackungen überflüssig machen. Die Krux daran ist allerdings, dass viele das nicht zu kapieren scheinen bzw. dass manche gar nicht erst danach suchen - stattdessen wird die Verpackung so sehr misshandelt, dass die Gefühle, die beim Anblick eines zerfetzten Kartons mit noch vorhandenem Aufreißfaden in mir freigesetzt werden, mich unweigerlich an einen gewissen Fernsehdetektiv denken lassen, dessen Zwangsneurosen wir es zu verdanken haben, dass er inzwischen zu einem geflügelten Wort geworden ist. Aber gut, ab und an habe auch ich so meinem Ärger mit dem Aufreißfaden - manchmal reißt nämlich die Lasche ab, an der man ziehen soll, während man an ihr zieht! Das soll mal einer verstehen. Aber im Großen und Ganzen scheine ich mit Aufreißfäden weniger Probleme zu haben als andere. Sonst würden sich nicht so viele darüber beschweren, dass die Dinger ja ach so nervig sind.

Und nervig geht es jetzt auch weiter, nämlich mit einer Fortsetzung meiner allseits beliebten Eierer-Liste - die dieses Mal jedoch nicht mehr so Corona-lastig ausfallen wird wie die vorige. Auch wenn ich es mir, offen gestanden, nicht verkneifen kann, ein paar Seitenhiebe an jene ganz speziellen Exemplare zu verteilen, die uns Krisenzeiten wie diese noch ein kleines bisschen weniger erträglich machen. Aber über die allermeisten kritisch Nachdenkenden habe ich mich ja schon in meiner letzten Liste zur Genüge ausgelassen. Deshalb ist diese wieder ein wenig aufgelockert mit anderen Exemplaren nerviger Menschen.

Top-Eierer Numero 9: Die Realitätsverdränger

Und springen wir gleich ins kalte Wasser, damit wir es hinter uns haben! Ich weiß nicht, ob es am Lockdown liegt, als ich vergleichsweise wenig von der Außenwelt mitbekam, oder daran, dass ich mit Außenreizen ohnehin schon so meine Probleme habe - vielleicht ist es beides zusammen -, aber momentan habe ich das Gefühl, als drehe sich die Welt mit doppelter Geschwindigkeit. Beispielsweise habe ich besonders an belebten Plätzen oft das Gefühl, ständig aufpassen zu müssen, dass ich niemanden über den Haufen renne oder dass mich niemand über den Haufen rennt. Viele Leute rasen wie zu Ende der Adventszeit ohne links und rechts zu schauen durch die Gegend - wie Kühe beim Almabtrieb. Zudem fühle ich mich an der Supermarktkassa aktuell ziemlich häufig bedrängt - zumindest, wenn ich auf die glorreiche Idee komme, in der Innenstadt einzukaufen, anstatt einfach zum Hofer ums Eck zu gehen, wo es ein bisschen relaxter zugeht. Aber ich brauche ja unbedingt den Bio-Kaffee und das rosinenfreie Müsli vom SPAR! Zudem ist heute die erste Woche, in der man in Läden und Gastronomie-Betrieben keine Gesichtsmaske mehr tragen muss. Und als sei das noch nicht genug, ist mir auch das Busfahren in letzter Zeit ziemlich zuwider. Das liegt vor allem daran, dass vielen die Sicherheitsvorkehrungen mittlerweile egal zu sein scheint - die Masken werden nicht richtig aufgesetzt, manche tragen gar keine mehr, und häufig stehen alle so dicht gedrängt, dass ich jetzt wieder viel mehr zu Fuß unterwegs bin. Liebe Top-Eierer Numero 9: Nur weil die Maßnahmen jetzt gelockert wurden, heißt es noch lange nicht, dass alles vorbei ist!

Top-Eierer Numero 10: Die extrem aufgeschlossenen Penistorten-Bäckerinnen

Lassen wir also die letzten Corona-Eierer hinter uns und wenden wir uns nun denjenigen zu, die auch vor und nach einer solchen Pandemie hohes Nerv-Potenzial haben. Nun betrifft diese crazy Aufgeschlossenheit natürlich nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Die Frauen haben halt nur das größere Potenzial, sie auch in die Welt zu tragen - sowohl live als auch virtuell. Sie malen Penis-Bilder, backen Vagina-Muffins und Penistorten, sammeln Sexspielzeug, kommen sich dabei wie unglaublich aufgeschlossene, verrückte Hühner vor und finden das alles auch noch sooooo witzig! Hihihi, schau, ein Penis! Da, schon wieder einer, hihihihihi! Hihihihihi, sie hat Penis gesagt! Und natürlich muss das Sexleben auch haarklein auf Social Media ausgebreitet werden - natürlich, um den Neid der anderen Damen zu erwecken, die mit Sicherheit nicht so ein aufregendes Sexleben haben! Und selbstverständlich haben sie alle Fifty Shades of Grey gelesen oder zumindest die Filme gesehen, weshalb es natürlich nicht nur völlig in Ordnung, sondern auch total kühn und wagemutig ist, sich von seinem sexy Männi ein bisschen den Hintern versohlen zu lassen. Selbstredend, dass alle, die dieses Verhalten übertrieben und die Geschlechtsteil-Kunst eher ekelhaft finden, natürlich total spießig sind und gefälligst mal den Stock aus dem Arsch nehmen sollen.
Nun, ich habe an anderer Stelle schon einmal erwähnt, dass dieses Gekicher, wann immer es um menschliche Geschlechtsteile geht, und dieser wahnsinnig lustige Humor in Wirklichkeit auf Leute hinweist, die eigentlich selbst total spießig sind, aber gern crazy und aufgeschlossen wären. Ihr wahnsinnig lustiger, unglaublich schriller und edgy Humor bewegt sich auf dem geistigen Niveau von Kindergartenkindern, die bekanntlich alle Ausdrücke, die nur irgendwie mit Körperausscheidungen und Sexualität zu tun haben, zum Schreien komisch finden. Solche Leute finden dann auch Vulgär-Komödien total super und glauben, dass diese ach so viele Tabus brechen - obwohl sie das ja in Wirklichkeit gar nicht tun, denn wo es keine Tabus mehr gibt, können diese auch nicht gebrochen werden. Und selbst wenn man das tut, spricht das nicht automatisch für Qualität. Ich frage mich, ob diese Leute schon mitgekriegt haben, dass die Zeiten, als dereinst alle Leute in die Kino strömten, um Hildegard Knef in Die Sünderin für ein paar Sekunden nackt zu sehen, schon längst vorbei sind. Sexualität wurde, wie alles andere auch, schon längst von der Konsumgesellschaft vereinnahmt, und als sexuell aufgeschlossen gilt heute derjenige, der für die Befriedigung seiner körperlichen Gelüste einen ganzen Werkzeugkasten benötigt. Natürlich wollen wir nicht zurück in eine Zeit, als alles Sexuelle außerhalb des zeugenden Kontextes als Schande galt - aber es ist gerade die Tatsache, dass der Sexualität jegliches Geheimnis genommen wird, die dieser ihren Reiz entzieht. Entsprechend ist das vorab erwähnte Fifty Shades of Grey mit seinem vertraglich geregelten, neoliberalen Sex auch kein bahnbrechender Tabubruch, sondern lediglich ein Abbild der zum Konsumgut degradierten Sexualität unserer Zeit. Romane wie diese lösen das Versprechen, das sie verheißen, nicht ein und folgen damit den Gesetzen der Konsumgesellschaft - denn natürlich gibt auch Werbung ein Versprechen, von dem wir wissen, dass sie es nie einlösen wird können, denn wie soll mein Leben sich verändern, wenn ich statt diesem Waschmittel jenes kaufe? Dazu passt auch das, was ich an anderer Stelle schon erwähnt habe, nämlich, dass die heutige Pornographie den Menschen entmenschlicht, indem sie ihn auf bestimmte Körperteile reduziert. Liebe Top-Eierer Numero 10: Ihr seid leider nicht die ersten, die auf die Idee gekommen sind, Geschlechtsteile zu malen!

Top-Eierer Numero 11: Prominentengeile

Dieses Exemplar hat durchaus das Potenzial, seinen Horizont zu erweitern, verschwendet aber den letzten Rest seiner geistigen Fähigkeiten fast ausschließlich darauf, wie ein Schwamm jegliche Information über diesen oder jenen Prominenten aufzusaugen. Sie wissen genau, welcher Hollywoodstar seine Frau betrogen hat, was die Lieblingsfarbe von Tom Cruise ist und was David Beckham am 15. 6. 2002 zum Frühstück gegessen hat. Sie kaufen jedes Klatschblatt und schauen sich jede High-Society-Sendung an, tauschen sich mit anderen über die sexuellen Vorlieben von Nicole Kidman aus und können genau sagen, wer das Kleid von Prinz Harrys Ehefrau Meghan entworfen hat. Und natürlich ist es hierzulande ihr größter Traum, einmal auf dem Wiener Opernball von den ORF-Reportern aufgespürt zu werden, damit ihre Verwandten und Freunde sie morgen in der High-Society-Sendung Seitenblicke bewundern können. Ich frage mich häufig, ob solche Leute - hauptsächlich Frauen - überhaupt ein eigenes Leben haben, dass sie sich so sehr für das Leben von Personen interessieren, die sie eigentlich gar nicht kennen. Aber ja - früher hat man über die Nachbarn getratscht, heute tauscht man sich über Prominente aus. Wobei ich denke, dass es nicht ausschließlich daran liegt. Ich denke, dass diese Art von Voyeurismus in Wirklichkeit Ausdruck einer Sehnsucht ist, der Sehnsucht nach der Welt der Reichen und Schönen, zu der sie nie gehören werden. Diese Leute fühlen sich zu jenen hingezogen, die für sie nur Verachtung übrig haben und deren Luxus nur möglich ist, weil sie von ihnen ausgebeutet werden. Ähnlich wie die jungen Leute, die am meisten Gefahr laufen, in die Armutsfalle zu geraten, versuchen, so auszusehen und sich so zu verhalten wie ihre Unterdrücker und sich ihnen auf diese Weise zu unterwerfen, anstatt gegen die Unterdrückung anzukämpfen. Top-Eierer Numero 11 hat keinen Begriff mehr davon, was Freiheit eigentlich ist - er missversteht diesen Begriff als die Freiheit, sich alles kaufen zu können, was er begehrt. Diese unterschwellige Gewissheit, dass seine Sehnsucht sich nie erfüllen wird, macht, dass er den Reichen und Berühmten, denen er völlig unerkannt ist, seinen moralischen Stempel aufdrückt: Er urteilt über ihr Verhalten, ihre Art, sich zu kleiden und über ihren Körper, als sei er derjenige, der die Regeln macht und als hätten andere die Verpflichtung, sich danach zu richten. Ähnlich wie nervige Fangirls sich einbilden, sie hätten zu bestimmen, ob ihr Lieblingssänger eine Freundin haben darf oder nicht. Liebe Top-Eierer Numero 11: Ein bisschen vor der eigenen Türe kehren wäre angebracht.

Top-Eierer Numero 12: Leute, die erpresserische Kettenposts teilen

Wer kennt es nicht: Du hast ein Meme oder einen Text vor dir, mit dem du eigentlich ganz konform gehst, der sogar eine wichtige Botschaft vermittelt. Und am Ende steht dann sowas wie: "Wenn du das nicht teilst, bist du ein schlechter Mensch", "Niemand wird das teilen" oder "Nur wenige werden den Mut haben, das zu teilen". Früher ließ ich mich von sowas noch triggern. Heute teile ich Posts, die so enden, gleich extra nicht - denn ich habe absolut keine Lust, mich erpressen zu lassen. Es ist ja sehr schön, wenn man sich Gedanken macht über den Hunger in der Welt, über Tierquälerei und den Klimawandel, über Mobbing und psychische Erkrankungen. Wenn das niemand tut, ändert sich auch nichts. Die Sache ist halt die - wir ändern die Welt auch nicht, indem wir solche Memes teilen. Im vorletzten Jahrzehnt habe ich all die weltweiten Live-Aid-Konzerte für Afrika miterlebt - geändert hat sich seither nichts. Weil man eben so viele Konzerte geben und Memes teilen kann, wie man will; solange sich in Politik und Gesellschaft nicht grundlegend was ändert, lösen wir solche Probleme nicht. Liebe Top-Eierer Numero 12: Klar könnt ihr euch auch weiterhin über Social Media gegen soziale Ungerechtigkeit und die Ausbeutung unseres Planeten aussprechen - ich mache das schließlich auch. Aber ihr könnt nicht erwarten, dass jeder eure gut gemeinten Posts auch teilen wird. Ich bin gerne bereit, auf Probleme aufmerksam zu machen, aber ich lasse mich nicht dazu nötigen, bestimmte Posts zu teilen, nur weil sie mir erzählen, dass ich scheiße bin, wenn ich es nicht mache. Ähnlich wie auch die Kettenbriefe, in denen steht, dass man nur ein echter Freund ist, wenn man sie teilt - echte Freunde erkennt man nicht daran, dass sie deine Kettenbriefe teilen, sondern vor allem daran, dass die Chemie auch noch stimmt, wenn man mal länger nichts voneinander gehört hat, und dass der eine dem anderen nicht egal ist.

Ich hege die Hoffnung, dass ich jetzt länger nichts mehr zu dem leidigen Thema schreiben muss - zumal ich mittlerweile auch gar nicht mehr so viel Zeit dafür habe, mich über bestimmte Leute aufzuregen. Ich kann also wieder einigermaßen realistisch davon ausgehen, dass ich mich jetzt wieder anderen Dingen zuwenden kann. Natürlich ist es möglich, dass es neuerlich zu einer Ansteckungswelle kommt und ich dann wieder zu viel Zeit habe. Aber natürlich wollen wir das alle nicht hoffen - ich für meinen Teil merke, dass die Rückkehr ins Leben mir doch einiges an Kraft abverlangt, deshalb bin ich nicht so scharf darauf, das in naher Zukunft zu wiederholen. Allerdings haben wir in der Zeit seit Beginn der Krise doch so einiges über Covid 19 gelernt, sprich, möglicherweise werden wir, sollte es zu einem erneuten Anstieg kommen, ein bisschen besser damit umgehen können als beim letzten Mal. Ich hoffe jedenfalls das Beste - und dass ihr gesund bleibt und so gut wie möglich über die Runden kommt. Wir sehen uns jedenfalls mit Sicherheit bald wieder. Bon voyage!

vousvoyez

Dienstag, 9. Juni 2020

Du gehst saufen, damit du dei Oide net siehst und dann kommst ham und siehst as doppelt

Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wo ich diesen Spruch herhabe, aber ich kann immer noch darüber lachen. Das ist mit Sicherheit ein schönes Beispiel für den "Schmäh", der an uns Österreichern immer so geschätzt wird. Auch ich lasse meinen "Schmäh" ja immer wieder mit einfließen - widme mich aber häufig auch ernsten Themen, wie alle wissen, die diesen Blog schon länger verfolgen. Wie ihr sicher wisst, habe ich mich in meinem letzten Post ja auch einem ziemlich ernsten Thema gewidmet. Deswegen möchte ich heute wieder mal was Lustiges machen und meine Liste an Filmklischees, Logikfehlern und Ähnlichem fortsetzen. Vor allem deshalb, weil ich das schon so lang nicht mehr gemacht habe - und meine Notizen nach all der Zeit immer noch erstaunlich ergiebig sind. Ehe ich aber anfange, vorab noch ein paar Worte in eigener Sache.

Besonders die, die selbst schreiben, können vielleicht nachvollziehen, dass meine Artikel auch ein gewisses Maß an Aufwand bedeuten - den ich sehr gerne erbringe (damit hier niemand behaupten kann, ich würde jammern). Und dass ich natürlich auch etwas von meinem Herzblut hineinstecke. Ich halte nichts von Leuten, die sagen: "Ich schreibe nur für mich selbst - was andere denken, ist mir egal." Bei solchen Leuten frage ich mich, warum publizierst du dann? Deswegen bemühe ich mich auch, ein bisschen Abwechslung hineinzubringen. Umso mehr freut es mich, euch mitteilen zu können, dass ich für keinen Artikel je so viel positives Feedback bekommen habe wie für meinen letzten über Rassismus. Dafür möchte ich euch noch einmal danken, denn es ermutigt mich, weiterzumachen und vor allem auch, mich Themen zu widmen, die für mich wichtig sind. Ich habe vielleicht keine große Reichweite, aber dafür wissen meine wenigen Leser das, was sie lesen, auch zu schätzen.

Okay, genug der Streicheleinheiten, es geht los:

Logikfehler, offene Fragen, Klischees und alles, was so dazugehört, in Filmen

1) Wenn ich mich auf Logikfehler in Filmen beziehe, so geht es natürlich meist um solche auf nicht ganz so hohem künstlerischem Niveau. Allerdings muss ich sagen, dass es auch in qualitativ hochwertigen Filmen ab und an zu solchen kommen kann. Ein prominentes Beispiel ist der zu Recht zu den Klassikern zählende Film Citizen Kane, dessen gesamte Handlung jedoch auf einem erstaunlich auffälligen Logikfehler beruht: Protagonist Charles Foster Kane stirbt alleine im Bett auf seinem privaten Schloss Xanadu, in der Hand eine Schneekugel, die er fallen lässt und die auf dem Boden zerbricht, nachdem ein letztes Wort, "Rosebud"(dt.: Rosenknospe), über seine Lippen kam. Kurz darauf findet einen Krankenschwester den Leichnam. Es folgt eine Rückblende, nachdem ein Reporter den Auftrag bekam, herauszufinden, was Kane mit seinem letzten Wort gemeint haben mag. Das Ding ist nur: Charles Foster Kane starb allein - außer ihm war zur Stunde seines Ablebens niemand ihm Raum, und das Wort "Rosebud" war eher ein Flüstern. Wie konnte man also wissen, dass gerade das sein letztes Wort war? Nun, die Bedeutung des Wortes "Rosebud" wird am Ende des Films aufgelöst - zumindest für den Rezipienten. Wie man überhaupt davon in Kenntnis gesetzt wurde, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben.
[edit: Nach einer neuerlichen Sichtung des Films bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dieser Logikfehler möglicherweise beabsichtigt war.]

2) In Science-Fiction-Filmen sehen Außerirdische praktisch immer annähernd menschlich aus - Unterschiede gibt es größtenteils nur am Kopf. Wobei natürlich hier die meisterhaft nach H. R. Gigers biomechanischen Phantasiewesen gestalteten Figuren in den Alien-Filmen hervorstechen, die unsere Vorstellung von außerirdischem Leben mit Sicherheit mit geprägt haben. Dennoch finde ich es bemerkenswert, dass intelligentes Leben außerhalb unseres Planeten in der Vorstellung der meisten zumindest menschenähnlich ist. Auch die Körpergröße ist meist mit der von Menschen vergleichbar. Die Intelligenz ist der des Menschen jedoch meist überlegen. Was erklären würde, warum uns noch nie Außerirdische besucht haben - wobei die auch nicht eben den besten Eindruck von uns haben können, wenn die immer nur Vollidioten entführen.

3) Außerdem werden außerirdische Sprachen häufig sofort problemlos verstanden - und wenn nicht, leistet immer ein Übersetzungscomputer Abhilfe, der selbst mit der Sprache von Wesen zurechtkommt, die noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen hat. Und obgleich wir über die Komplexität von Sprachprogrammen Bescheid wissen, arbeitet er außerdem auch immer vollkommen fehlerfrei. Werden fremde Planeten betreten, ist deren Atmosphäre außerdem stets für Menschen verträglich.

4) Es sei hier noch zu erwähnen, dass das Weltall in Filmen meist aus Sternen von ein paar Metern Durchmesser besteht, die nur ein paar Kilometer voneinander entfernt sind. Dabei weiß man, wenn man sich nur ein wenig mit der Materie befasst, dass auch Sonnensystem-Modelle in Schulbüchern immer komplett ungenau sind, denn Sterne und Planeten schweben nicht nebeneinander aufgefädelt im Weltall, sondern sind Lichtjahre voneinander entfernt und haben Durchmesser von Millionen von Kilometern. Deswegen reicht ein Menschenleben ja auch nicht einmal aus, um unser Sonnensystem zu verlassen. Im übrigen können Raumschiffe auch erstaunlich nahe an Sterne herankommen, ohne je Schaden zu nehmen, obwohl Helligkeit und Strahlung Lebewesen, die auf viel weiter entfernten Planeten leben, Schaden zufügen kann. Interessant, nicht?

5) In älteren Filmen, in denen Computer vorkommen, ist es äußerst leicht, herauszufinden, ob eine Diskette oder CD-Rom von einem Virus befallen ist: Sobald sie vom Laufwerk erkannt wird, erscheint vor rotem Hintergrund über den gesamten Bildschirm das Wort "Virus". Interessant ist auch, dass die Bildschirme immer rattern müssen wie diese alten Anzeigetafeln an den Bahnhöfen, wenn sie einen Text darstellen. Außerdem ist die Leistung des Geräts auch völlig irrelevant - das Bild baut sich immer pixel- bzw. zeilenweise auf, wobei die wichtigsten Worte immer nur Buchstabe für Buchstabe sichtbar werden. Bei der Übertragung von Daten muss der Rechner außerdem immer pfeifende Geräusche von sich geben, und jede Hardware ist mit jedem Computer kompatibel. Fehlermeldungen werden immer mittels roten, den ganzen Bildschirm ausfüllenden Lettern angezeigt, die das Wort ERROR bilden. Eine Maus oder ein adäquates Eingabegerät ist vollkommen unbekannt, jegliche Handlung wird via Tastatur ausgeführt.

6) Interessant ist auch das Phänomen der Getränkeautomaten: Besonders auf Polizeirevieren funktionieren die nämlich nie, oder sie benötigen einen festen Tritt gegen das Gehäuse, damit sie das tun, was man von einem Getränkeautomaten erwartet. Wunderbar parodiert wird das in der österreichischen Fernsehserie Kottan ermittelt, in der der Polizeichef einen aussichtslosen Kampf gegen einen äußerst widerspenstigen Kaffeeautomaten führt. In den letzten fünfzehn Jahren haben die Automaten jedoch harte Konkurrenz durch den bis heute äußerst beliebten "Coffee to go" bekommen, der meist von hübschen jungen Damen in den obligatorischen Kunststoffbechern mit Deckel in einer Haltevorrichtung aus Karton kredenzt wird. Man hat ja genug Zeit, zwischendurch zu Starbucks um die Ecke zu gehen, nicht wahr? Überhaupt wird auf Umweltschutz wohl nicht so viel Wert gelegt, denn auch Einweggeschirr und -besteck aus Plastik ist äußerst beliebt.

7) Auch die billigsten Überwachungskameras haben in Filmen immer gestochen scharfe Qualität. Jedes Detail kann durch einfaches Zoomen vergrößert werden, und die Aufnahmen dieser Kameras beinhalten dramaturgische Schnitte und erstaunlich präzise Kamerabewegungen. Wenn die Person, die gefilmt wird, direkt in die Kamera starrt, zoomt diese automatisch auf ihr Gesicht. Schlösser können mittels eines Drahtstücks, beispielsweise einer Büroklammer, oder einer Scheckkarte spielend leicht geknackt werden - außer die Tür befindet sich in einem brennenden Gebäude, in dem Frauen und/oder Kinder eingeschlossen sind. Alternativ ist es auch möglich, die Tür mit der Schulter zu rammen oder das Schloss mit einem einzigen präzisen Schuss zu öffnen. Alarmsysteme sind bei ihrer Aktivierung immer so laut, dass die Einbrecher sofort gewarnt werden und in Ruhe Reißaus nehmen können.

8) Bei Verfolgungsjagden mit dem Auto in mediterranen Kleinstädten wird immer ein Obstkarren oder ein Obststand, manchmal sogar ein ganzer Obstmarkt zu Fall gebracht. In den USA werden gerne leere Pappkartons, die warum auch immer am Straßenrand gestapelt sind, umgefahren, und wenn ein Hydrant mit dem Auto erwischt wird, hinterlässt er immer eine Wasserfontäne. Bei Verfolgungsjagden schnallt man sich natürlich auch nicht an und bleibt trotzdem fest im Sitz, selbst bei scharfen Kurven, abrupten Bremsungen und sogar Überschlägen - auch schwere Unfälle werden stets ohne allzu gefährliche Verletzungen überstanden. Natürlich wird bei Verfolgungsjagden auch immer gekonnt gedriftet, auch wenn man ohne diesen Special Effect viel schneller vorankommen würde.

9) Natürlich müssen auch die handelnden Personen stets bestimmten Klischees entsprechen: So sind Hacker immer Klischee-Stubenhocker, häufig übergewichtig, nicht selten pickelig und haben oft auch lange, zerzauste Haare, die manchmal im Nacken zusammengebunden werden. Kommt in Horrorfilmen ein Wissenschaftler vor, so ist dieser grundsätzlich immer verrückt und wird meist selbst Opfer eines seiner Experimente. Psychokiller wohnen häufig noch bei ihrer Mutter, die meistens fett ist und ständig schrill kreischt - vom Treiben ihres Kindes hat sie allerdings keinen Schimmer. In diesen Tagen besonders ironisch: Polizeichefs und Richter sind häufig Schwarze, der Richter kann zusätzlich gerne auch weiblich sein. Spielt ein Polizist die Hauptperson, ist er häufig wortkarg oder zynisch und neigt zum Außenseitertum, was daran liegt, dass er in der Vergangenheit ein Familienmitglied - Bruder, Ehefrau oder Kind - bei einem Anschlag oder einem Unfall verloren hat. Meist erklärt er, dass er grundsätzlich ohne Partner arbeitet, bekommt aber gegen seinen Willen einen zugeteilt, den er anfangs nicht ausstehen kann. Asiaten sind grundsätzlich von Geburt an mit allen fernöstlichen Kampfstilen vertraut.

10) Unglückliche Liebe ist in vielen Filmen vorprogrammiert: Das Herumzeigen des Fotos der Geliebten ist beispielsweise der Garant dafür, dass man den Krieg nicht überleben wird. Wenn der Ermittler in einer Krimiserie sich in eine Tatverdächtige verliebt, ist diese meist entweder das Opfer oder gar die Täterin. Auch die Ehefrau eines Polizisten fällt häufig einem Anschlag des Täters zum Opfer - was dem Cop gleich einmal einen Freifahrtsschein für das Ignorieren jeglicher Regeln ausstellt, um Rache zu üben. 

11) Wenn der Partner von der Freundin oder Ehefrau in flagranti erwischt wird, muss er ihr nachlaufen und rufen: "Es ist nicht so, wie du denkst!" Alternativ auch: "Ich werde dir alles erklären!" Wenn eine Frau ihren völlig aufgelösten Freund oder ihr weinendes Kind im Arm hält, muss sie sagen: "Es ist okay..." Die im deutschen Sprachraum völlig unbekannte Methode, einen Streit mit "Sag du es mir" zu beginnen, wurde auch erst durch englischsprachige Filme bekannt: "Warum hast du das gemacht?" - "Ich weiß nicht, sag du es mir!" Wenn eine Frau ihrem (Sex)Partner eröffnet, dass sie schwanger ist, muss dieser ganz verblüfft fragen: "Wie ist denn das passiert?" Da hat wohl jemand im Biologie-Unterricht nicht aufgepasst...

12) In Familienfilmen und -serien ist die Mutter ständig am Kochen, man sieht aber nur selten jemanden essen und wenn, dann sind es nur ein paar Bissen. Der Teller wird auch oft halbvoll wieder abgeräumt. Außerdem gehört in jedes amerikanische Haus besser betuchter Familien ein Flügel, auch wenn keiner der Bewohner Klavier spielt. Orangensaft wird immer in Glaskaraffen und niemals direkt aus dem Tetrapak gereicht. Reiche Darsteller trinken immer braunen, hochprozentigen Alkohol, den sie aus dicken Flaschen mit gläsernem Stöpsel in dickwandige Gläser, sogenannte Tumbler, gießen. Vervollständigt wird das oft durch einen gut sitzenden Anzug oder eine kleidsame Hausjacke, richtig stilecht auch noch durch eine fette Zigarre. Wenn eine wichtige Meldung im Fernsehen kommt, genügt es, das Gerät einzuschalten, um die erwartete Information zu bekommen. Sitzt die Person bereits vor dem eingeschalteten Fernseher, kommt die Meldung immer genau in dem Augenblick, in dem sie sich auf den Bildschirm konzentriert. Als kleines Kind habe ich auch nie verstanden, wie man so viele Kanäle haben kann, bis ich irgendwann einmal kapiert habe, dass es nicht überall nur die beiden ORF-Programme gibt.

13)  In amerikanischen Filmen mit Vater-Sohn-Konflikt ist es außerdem obligatorisch, dass es immer eine Szene geben muss, in der Vater und Sohn im Garten einen Baseball hin- und herschießen, oder sie werfen ein paar Körbe in der Garageneinfahrt des Einfamilienhauses. Ein gestörtes Eltern-Kind-Verhältnis nimmt häufig dadurch seinen Anfang, dass Vater, Mutter oder gar beide Eltern die Schultheateraufführung oder auch einen wichtigen Sportwettkampf ihres Kindes verpassen.

Okay, das war eine weitere Liste äußerst wichtiger Filmklischees. Diesmal habe ich es sogar geschafft, mich bezüglich technischer Logikfehler ein wenig schlau zu machen. Ob und wann ich eine sechste Liste mache, kann ich noch nicht sagen. Auf jeden Fall werden wir aber noch weiterhin unseren Spaß haben!

vousvoyez

Donnerstag, 4. Juni 2020

Wenn ich in die Kirche gehe, fallen sofort alle Kreuze von den Wänden

Oder sie wollen es zumindest und sind zu fest angeschraubt. Wobei ich momentan das Gefühl habe, es sind mehr als nur die Kreuze, die überall von den Wänden fallen. Um es möglichst pathetisch zu formulieren: Die heilige Kuh Amerika wird gerade auf dem Altar der Niedertracht geopfert. Und leider kann ich diese Ironie nicht einmal richtig genießen. Denn die Lage ist ernst - sehr ernst sogar.

Der 11. September 2001 war für diejenigen, die diese Zeit bewusst miterlebt haben, eine Art Zäsur - zuvor hatte man irgendwie das Gefühl, dass die Vereinigten Staaten unantastbar sind, aber was damals geschah, hat uns eines Besseren belehrt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die USA so eine Art Sehnsuchtsort für viele junge Leute - und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg für die ältere Generation der Inbegriff des Sittenverfalls. Ich finde es etwas lustig, dass es inzwischen umgekehrt zu sein scheint. Die Popkultur hat, wie ich bereits in meinem letzten Artikel erläutert habe, nach wie vor einen großen Einfluss. Und doch ist vieles, womit die Bevölkerung sich identifiziert, nicht so, wie es zu sein scheint - etwa die US Constitution, die amerikanische Verfassung, die von reichen weißen Männern geschrieben wurde und nicht, wie allgemein angenommen, allen amerikanischen Bürgern die gleichen Rechte sichern sollte, sondern lediglich dazu gedacht war, die Vorherrschaft dieser reichen weißen Männer zu sichern. Wer mehr dazu erfahren will, dem empfehle ich ein sehr interessantes Video, schön mit Quellen ausgestattet (und wir wissen ja, wie wichtig Quellen sind, nicht wahr?), die es einem ermöglichen, sich noch weiter mit der Thematik zu befassen.

Natürlich wissen all diejenigen, die sich nicht "Kritiker" schimpfen, schon längst, dass die USA aktuell einen Präsidenten haben, dessen Narzissmus ihm eigentlich jede Qualifikation nimmt, so viel Verantwortung zu tragen. Natürlich werden mir jetzt all diejenigen, die ihn für den tollsten Mann der Welt halten, empört widersprechen. Mein Rat: Lasst es einfach. Ich kenne diesen Mist schon zur Genüge. Aber okay, ich bin nicht hier, um endlos darüber zu lamentieren. Ich bin hier, um über eines der größten Probleme in diesem Land zu sprechen - ein Problem, das auch bei uns existiert und von dem ich weiß, dass so manche es nicht mehr hören wollen, aber ehrlich gesagt ist mir das im Moment ziemlich egal. Solange es existiert, muss darüber geredet werden, ob wir wollen oder nicht.

Ja, wir müssen uns wieder mal über Rassismus unterhalten - und der Grund liegt auf der Hand: Letzte Woche ist ein weiterer Mensch diesem zum Opfer gefallen. Ein weiteres Leben wurde ausgelöscht, weil derjenige, dem es gehörte, die falsche Hautfarbe hatte. Und diesmal hat die ganze Welt es gesehen - und wer versucht, diese Tatsache auch nur irgendwie zu relativieren, der lügt sich in die eigene Tasche. Und es spielt auch überhaupt keine Rolle, ob George Floyd etwas getan haben soll, was zu dieser Festnahme führte - so etwas ist in keinem Fall zu rechtfertigen. Und selbst wenn es die zweite Autopsie nicht gegeben hätte - wer sich minutenlang auf den Hals eines anderen Menschen kniet, nimmt dessen Tod zumindest billigend in Kauf. Offen gestanden bin ich nicht die einzige, die schon längere Zeit damit gerechnet hat, dass die Situation irgendwann einmal eskalieren wird. Schon zu Beginn der Corona-Krise hatte ich Gespräche darüber, dass diese die USA mit Sicherheit besonders hart treffen wird, nachdem deren ach so toller Präsident seiner Bevölkerung vor nicht allzu langer Zeit die Möglichkeit auf kostenlose medizinische Versorgung genommen hat. Und das hat sich auch ziemlich bald bestätigt. Der Mord an einem weiteren US-Bürger Schwarzer Hautfarbe durch die Hand eines Polizisten war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Aber er zeigt eben auch, dass ein Feiertag für Martin Luther King nicht ausreicht, um den Rassismus gegen die Schwarze US-Bevölkerung aus der Welt zu schaffen.

Bereits die Ankunft von Menschen mit Schwarzer Hautfarbe auf dem amerikanischen Kontinent war ein Akt der Gewalt, denn bekanntlich besteht der größte Teil der heute lebenden Afroamerikaner aus Nachfahren afrikanischer Sklaven, die vom 17. bis zum 19. Jahrhundert dorthin verschleppt wurden, um auf den Plantagen der damaligen europäischen Kolonien zu arbeiten. Das gesetzliche Verbot der Sklaverei, das zuerst in den Nordstaaten der USA und durch den Sezessionskrieg auch in den Südstaaten erfolgte, beseitigte jedoch weder den Rassismus noch die Benachteiligung von Afroamerikanern - die heute so genannten Jim-Crow-Gesetze legitimierten die Racial Segregation, die Rassentrennung, die natürlich nur für Weiße von Vorteil war. Im Zuge der "Großen Migration", der Abwanderung Schwarzer Amerikaner aus den ländlichen Südstaaten in die Industriestädte des Nordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts, formierte sich das Civil Rights Movement, die Bürgerechtsbewegung, die die Gleichberechtigung von Afroamerikanern forderte und durch den Bus-Boykott von Montgomery 1955/56, die Folge der Festnahme von Rosa Parks, einer Schwarzen, die sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz im Bus einem Weißen zu überlassen, internationale Aufmerksamkeit erlangte und so in den fünfziger und sechziger Jahre zu ihrem Höhepunkt kam. Während deren Ziele unter dem Baptistenpfarrer Martin Luther King jr. noch durch gewaltfreien Widerstand und zivilen Ungehorsam durchgesetzt wurden, führte die zunehmende Gewalt gegen Bürgerrechtler ab Mitte der Sechziger und die Ermordung Kings 1968 allmählich zu einer Radikalisierung und zur Erstarkung der Black-Power-Bewegung unter Stokley Carmichael, Malcolm X und der Black Panther Party, die wesentlich gewaltbereiter war. Die Bürgerrechtsbewegung führte zwar zu einem Wachstum der Schwarzen Mittelschicht, verbesserte die Lebensbedingungen der armen Mehrheit jedoch nicht. Daran konnte auch der erste Schwarze US-Präsident Barack Obama nichts ändern. Der Tod von George Floyd war nicht der erste Mord an einem Afroamerikaner durch die Staatsgewalt. Und es war auch nicht das erste Mal, dass die Anklage der Mörder erst nach zahlreichen Protesten und auch dann sehr zögerlich erfolgte. Und ich möchte eines klar stellen: Ich heiße die gewalttätigen Ausschreitungen nicht gut. Ich möchte mich in aller Form von jenen distanzieren, die den Namen George Floyd dazu missbrauchen, auf den Straßen zu randalieren und das Chaos auszunutzen, um zu plündern und zu brandschatzen. Und ich erkenne an, dass Polizisten in einem Land, in dem praktisch jeder mit einer Schusswaffe herumlaufen darf, manchmal härtere Geschütze auffahren müssen - das gilt aber nicht für jene, die auf Journalisten, friedliche Demonstranten oder gar unbeteiligte Passanten schießen. Ebenso erkenne ich auch an, dass es auf der anderen Seite etliche Cops gibt, die sich auf die Seite der Demonstranten gestellt haben und ebenfalls ein Ende der Gewalt gegen Schwarze fordern. Das Ding ist halt, wie schon gesagt, folgendes: Es war klar, dass die Situation irgendwann einmal eskaliert, zumal all die friedlichen Proteste der Vergangenheit gegen Waffengewalt absolut nichts gebracht haben. Zumal dieses Land aktuell einen Präsidenten hat, der die Situation immer nur noch schlimmer macht, der die USA seit seinem Amtseintritt immer mehr spaltet und seine eigene Bevölkerung jetzt sogar mit Waffengewalt bedroht, ein Vorgehen, das schon diktatorische Züge annimmt. Und während Schwarze nach wie vor unter Vorurteilen leiden, die teilweise völlig absurd sind, während viele von ihnen größtenteils wegen Lappalien oder gar unschuldig im Knast landen, während People of Colour sich nach wie vor mit schlechterer Bildung, schlechterer medizinischer Versorgung, schlechteren Jobs und einem niedrigeren Einkommen begnügen müssen, empört man sich hierzulande über brennende Autos und eingeschlagene Fensterscheiben. Und mittlerweile sprechen die üblichen Verdächtigen davon, dass Video sei von "der Antifa" "inszeniert" worden.

Nun hat bei uns Weißen nicht nur in den USA, sondern auch hier in Europa und in anderen Teilen der Welt spätestens seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts formal ein Umdenken stattgefunden - die allermeisten von uns wissen, dass Rassismus nichts Gutes ist, und kaum jemand möchte ein Rassist sein. Dennoch sind rassistische Stereotype nicht überwunden, auch wenn sie viele meiner weißen Mitmenschen gar nicht verstehen oder für übertrieben halten - viel schlimmer finde ich aber jene, die versuchen, das Problem absichtlich klein zu reden. Das sind dann meist die, die behaupten, Rassismus existiere nur, wenn man darüber rede, oder die einem Rassismus vorwerfen, wenn man über Rassismus spricht, denn menschliche Rassen existieren ja nicht. Nun, es stimmt, dass die pseudowissenschaftliche Rassentheorie mit ihrer hierarchischen Zuordnung, der zufolge die weiße Rasse ganz oben und die schwarze ganz unten rangiere und die zahlreiche entsetzliche Grausamkeiten gegen Schwarze Menschen legitimierte, längst überholt ist, da die äußeren phänotypischen Merkmale von nur sehr wenigen Genen verursacht werden und die Hautfarbe ohnehin einem sehr hohen Selektionsdruck unterliegt. Doch dass es innerhalb bestimmter ideologischen Tendenzen immer noch üblich ist, die Wertigkeit eines Menschen an der Hautfarbe zu messen, kann man damit nicht wegerklären. Rassismus zu benennen bedeutet also nicht, Menschen von sich aus verschiedenen "Rassen" zuzuordnen, sondern eine Ideologie zu benennen, die genau dies tut. Natürlich meinen nicht alle Menschen, die versichern, dass für sie nicht die Hautfarbe, sondern der Mensch zähle, es böse - im Gegenteil, sie wollen versichern, dass sie ihr Gegenüber unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit respektieren. Das Problem ist allerdings - solche Argumentationen beseitigen Rassismus nicht, sondern sie verhindern die Auseinandersetzung mit diesem. Ähnlich ist es, den Hastag BlackLivesMatter zu okkupieren, der Solidarität mit Opfern von Rassismus ausdrücken soll, und mit AllLivesMatter zu beantworten. Vorgeblich, um zu versichern, dass jeder Mensch unabhängig von seiner Hautfarbe wichtig ist. In Wirklichkeit lenkt man jedoch nur von dem ab, was hier passiert ist. Noch schlimmer, man versucht, diejenigen, die das Problem beim Namen nennen, mundtot zu machen, ob mit Absicht oder nicht. Man kann ja auch nicht auf einer Krebs-Tagung herumlaufen und erklären, dass es auch noch andere Krankheiten gibt. Wenn ein Haus brennt, bespritzt die Feuerwehr doch auch nicht alle Häuser im Viertel, weil alle Häuser zählen. Wer auf diese Weise relativiert, spielt nur den Rassisten in die Hände - denn deren Intention ist es, alle Strukturen, die unterdrücken, für diejenigen unsichtbar zu machen, die davon nicht betroffen sind. Nicht-weiße Menschen können sich aber nicht aussuchen, ob ihre Hautfarbe zählt oder nicht - durch Kategorisierung von außen sind sie viel mehr als wir dazu genötigt, sich mit ihrer ethnischen Herkunft auseinanderzusetzen. Wenn wir Ungerechtigkeiten nicht zulassen wollen, müssen wir sie sichtbar machen.

Und jetzt noch mal was in eigener Sache: Mir wird nicht selten unterstellt, mein Interesse daran, gegen Rassismus zu kämpfen, hänge ausschließlich damit zusammen, dass mein Freund aus Afrika stammt. Nun, ich habe mich schon mit Rassismus auseinandergesetzt, als ich meinen Freund noch gar nicht kannte - ich habe schon als Zehnjährige meine Eltern darauf hingewiesen, dass Schwarze das N-Wort nicht schätzen und man es sich lieber abgewöhnen sollte, wenn man sie mit Respekt behandeln will. Aber ich gebe durchaus zu, dass ich nicht in einer Gesellschaft leben will, die den Mann, den ich liebe, aufgrund seines Äußeren schlechter behandelt als mich und ja, das passiert in manchen Bereichen durchaus. Ich werde öfter als andere mit seinem Aussehen und seiner Herkunft konfrontiert, als wenn er ein weißer Europäer wäre, und das ist nicht immer so angenehm. Weil ich in der einen oder anderen Form immer das Gefühl habe, dass meine Beziehung nicht der "Norm" entspricht, obwohl sie eigentlich gar nicht so anders ist als die anderer Paare.

Rassismus fängt nicht da an, wo ein Mensch aufgrund seiner Hautfarbe von einem anderen Menschen getötet wird. Rassismus fängt im Kleinen an und ist uns häufig gar nicht bewusst - wenn wir der Herkunft eines anderen zu viel Bedeutung beimessen, weil er anders aussieht. Wenn wir einem Menschen mit anderer Hautfarbe vorschreiben wollen, wann er sich beleidigt zu fühlen hat und wann nicht. Wenn wir nicht anerkennen wollen, dass es im Kampf gegen Rassismus nicht um uns geht. Wenn wir glauben, die Sexualisierung von Personen anderer ethnischer Herkunft sei ein Kompliment. Wenn wir an veralteten Strukturen festhalten, weil sie ja früher auch niemanden gestört haben. Wir sind erwachsen genug, um anzuerkennen, dass jeder Fehler macht - es ist nicht schlimm, wenn ihr euch in dem, was ich zuvor aufgezählt habe, wiederfindet, aber es ist schlimm, wenn ihr nichts daraus lernen wollt.

Und es ist wichtig, dass ihr eines begreift: Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung. Was passiert ist, kann man nicht mehr ändern - aber man kann dazu beitragen, dass die Zukunft ein kleines bisschen besser wird. Bon voyage!

vousvoyez

Freitag, 29. Mai 2020

Man wird nicht bestraft, weil man Scheiße baut, sondern weil man keine Ausrede hat

Deswegen ist es ratsam, ein wenig Zeit vergehen zu lassen, ehe man den Eltern von seinen Jugendstreichen erzählt. Oder man lässt es bleiben, sofern den Eltern der Humor fehlt. Mir fällt übrigens auf, dass das hier schon die zweite Weisheit in Folge ist, die ein böses Wort beinhaltet. Das erinnert mich an meinen Physiklehrer aus dem zehnten Schuljahr, von dem ich mich bis heute frage, wie man den auf junge, unfertige Menschen loslassen konnte - selbst wenn er, was den Schutz der Jugend vor bösen Einflüssen angeht, doch ziemlich rigoros war. So erinnere ich mich, dass wir ihn einmal kurz vor den Weihnachtsferien, als es im Unterricht nicht mehr so viel zu tun gab, überreden konnten, einen Film anzusehen. Damals gab es in den Schulen diese "Medienkästen" - Rollschränke, die man von Klassenzimmer zu Klassenzimmer schob und die einen Röhrenfernseher mit Videorecorder enthielten. Eigentlich waren sie dazu da, um (meist veraltete) Lehrfilme zu sehen, aber manchmal benutzten wir sie auch in Freistunden oder eben kurz vor den Ferien, um uns Spielfilme oder auch eigens geschaffene Erzeugnisse kreativer Mitschüler anzusehen. Damals überredeten wir den Physiklehrer, dass wir uns Halloween H20 ansehen durften. Ich bemerkte, dass er schon skeptisch war, bevor der Film anfing, und sobald es losging, fing er schon an, mitzuzählen, wie oft in den Dialogen das Wort "Scheiße" vorkam. Bei der Szene, in der ein Jugendlicher in einem Stuhl sitzend mit den Kufen seiner Eishockeyschuhe im Gesicht aufgefunden wurde, schaltete er dann ab. Ein Freund von mir war zwei Klassen unter mir und hatte denselben Lehrer - er zeigte einmal in dessen Stunde einen selbst kreierten Film mit Actionfiguren, den dieser jedoch abschaltete, als in einer Szene eine selbst gebastelte Tonfigur zerhackt wurde. Heute ist jener Freund Filmregisseur und Drehbuchautor. So kann es gehen!

Nun, ihr wisst ja, dass hierzulande der American Way of Life großen Einfluss hat - so wie überall auf der Welt. China ist zwar bereits im Begriff, sich als zweite Wirtschaftsmacht zu etablieren, aber die amerikanische Popkultur steht nach wie vor auf der ganzen Welt, auch dort, unangefochten an der Spitze. Der Kabarettist Lukas Resitarits meinte einst, die Sowjetunion hätte sich unter anderem deswegen aufgelöst, weil selbst in kommunistischen Ländern das Anglo-Amerikanische als viel cooler galt als das Russische - und das, obwohl Ost-Produkte damals bereits besser waren als ihr Ruf. Aber selbst wenn man in den Sechzigern weder Jewgeni Jewtuschenko noch Bob Dylan nicht verstanden hat, so hat Letzterer wenigstens auf Englisch unverständlich gesungen. Man muss dazu allerdings auch sagen, dass Englisch weitaus leichter zu lernen ist als Russisch. Und der Einfluss des Amerikanischen macht sich nicht nur in Mode, Musik und Filmen bemerkbar - auch die amerikanisierten Formen von Halloween, dem Valentinstag und dem Weihnachtsmann haben wir bereits aus den USA übernommen. Und auch unsere Sprache ist immer mehr von Anglizismen geprägt - in der Weltmetropole Berlin etabliert sie sich beispielsweise immer mehr, ob als Verkehrssprache oder im beruflichen Alltag, es gibt sogar ganze Studiengänge auf Englisch. Klar ist es ein wenig schade, dass die sprachliche Vielfalt in Europa immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird - aber das ist, wie gesagt, der Preis dafür, dass wir näher zusammenrücken, und überdies ist Sprache ohnehin dem stetigen Wandel unterworfen, weshalb ich das jetzt nicht so schrecklich finde wie vielleicht manch anderer. Es ist eben wichtig, sich untereinander zu verstehen.

Die englische Sprache ist im gesamten deutschsprachigen Raum natürlich in der IT-Branche sehr präsent, auch wenn englische Worte hier mitunter etwas eingedeutscht werden, wie etwa "downloaden". Mein Bruder und ich haben uns eine Zeit lang den Spaß gemacht, Computerbegriffe übersetzt zu verwenden, was zu so schönen Worten wie "Heimseite" und "Winzigweich-Fenster" führte. Für Facebook gibt es ja bis heute die abwertende Bezeichung "Fratzenbuch". Und auch in der Jugendsprache sind Anglizismen schon seit mehreren Generationen präsent - man denke etwa an das Wort "cool", das in den 80ern und 90ern seinen Siegeszug feierte und bis heute gebräuchlich ist. Da es inzwischen jedoch auch von Älteren benutzt wird und deshalb nicht mehr dazu dient, sich von den Erwachsenen abzugrenzen, ist es inzwischen kein reines Jugendwort mehr - auch wenn es nach wie vor eher in einem jugendlichen, modernen Kontext angewendet wird. Und es gibt Anglizismen, die so, wie sie im Deutschen angewendet werden, im Englischen nicht korrekt sind - weshalb sie in der Sprachwissenschaft auch als Schein- oder Pseudoanglizismen bezeichnet werden. Und über diese möchte ich heute mal sprechen.

Ich erinnere mich noch, als man vor etwa 20 Jahren anfing, vom Handy-Bildschirm als "Display" zu sprechen - heute sagt man ja eher "Screen", durch die neue Funktion auch "Touchscreen". Mir fiel damals jedoch auch auf, dass besonders ältere Semester, die noch nicht so umfangreich in Englisch unterrichtet worden waren, das Wort als "Displee" mit Betonung auf die letzte Silbe aussprachen. Ich fand das ärgerlich und lustig zugleich - allerdings noch, ohne zu bedenken, dass auch das Wort "Handy" für ein Mobiltelefon ein Scheinanglizismus ist. Handy bedeutet im Englischen soviel wie "praktisch" bzw. "handlich" - was natürlich bereits zeigt, wie das Mobiltelefon zu seinem Namen gekommen ist. Der Begriff "Handy" für Mobiltelefon etablierte sich Anfang der 1990er Jahre, aber woher er kommt, ist umstritten - man nimmt unter anderem an, dass es sich um eine Produktbezeichnung handelt, die damals von der Elektronik-Firma Motorola geprägt wurde. Ähnlich, wie auch Tesa bzw. Tixo, Maggi oder Uhu ja eigentlich Produktbezeichnungen sind. In England wird das Handy übrigens mobile phone, in Amerika cell phone genannt. In Singapur sagt man übrigens handphone - Scheinanglizismen sind also nicht nur im Deutschen zu finden.
Schon in meiner Zeit in England ist mir aufgefallen, dass das Wort chips im kulinarischen Bereich dort anders verwendet wird als bei uns. Als "Chips" bezeichnet man bei uns hauptsächlich Kartoffelchips, also dünne, frittierte oder gebackene Kartoffelscheiben, die mit Salz und manchmal auch noch mit anderen Gewürzen wie Paprikapulver oder Rosmarin bestreut werden. Während man diese in den USA ebenfalls als potato chips bezeichnet werden, sind chips in England das, was bei uns Pommes Frites sind - man denke nur an den dort so beliebten Snack fish and chips. Unsere Chips werden dort als crisps bezeichnet, während Pommes in Amerika french fries oder auch einfach nur fries heißen. Obwohl sie ja eigentlich aus Belgien und nicht aus Frankreich stammen. Natürlich haben wir auch andere Chips - ich mochte als Kind beispielsweise die Hummerchips im China-Restaurant sehr gern, sie so komisch auf der Zunge zwicken.
Dahingehend könnte das Wort Shooting im englischsprachigen Raum über Leben und Tod entscheiden - denn das, was man bei uns damit meint, nämlich einen Termin, um Fotos zu machen, wird dort als shoot bezeichnet. Ein shooting ist im Englischen die Bezeichnung für eine Schießerei - also nichts, was man unbedingt erlebt haben will, sofern man noch ganz richtig im Kopf ist. Entsprechend ist auch das Wort "Shooting Star" das, was im Englischunterricht häufig als false friend bezeichnet wird - bei uns wird jemand, der buchstäblich über Nacht ein Star geworden ist, so bezeichnet. Im Englischen sagt man dazu eher rising star oder highflyer - ein shooting star ist dort eine Sternschnuppe. Auch die Bezeichnung "Public Viewing" ist im deutschsprachigen Raum weitaus harmloser als im englischsprachigen - hier werden als solche Sportveranstaltungen bezeichnet, die via Bildschirm in Lokalen oder auch im Freien übertragen werden. Auf Englisch bedeutet public viewing soviel wie Leichenschau, man kann jedoch auch - weitaus harmloser - den Tag der offenen Tür so bezeichnen. Trotzdem ist es wohl eher unangebracht, in England oder Amerika von public viewing zu sprechen, wenn man Sportübertragungen meint.
Das Drive-in bezeichnet im deutschsprachigen Raum ja bekanntlich die Möglichkeit, Essen per Auto in bestimmten Restaurants, hauptsächlich McDonald's, zu bestellen und abzuholen. Im englischsprachigen Raum wird dies als drive-thru bezeichnet. Möglich, dass man bei uns deswegen "Drive-In" sagt, weil die Laute th und r für viele deutsche Muttersprachler schwer auszusprechen sind, vor allem, wenn sie aufeinander folgen. Ähnlich wie bei dem Song The Lion Sleeps Tonight, in dem das Zulu-Wort mbube aus dem südafrikanischen Original zu "Wimowe" abgewandelt wurde, weil englische Muttersprachler Schwierigkeiten hatten, es auszusprechen. Allerdings frage ich mich, warum dann das Wort "Thriller" auch im Deutschen gebräuchlich ist - wobei vor allem viele Ältere sowieso eher "Sriller" sagen. Wahrscheinlich würden sie das Drive-in dann wohl einfach als "draif-sru" bezeichnen. Drive-in bezeichnet im Englischen übrigens das Autokino, was man häufig bereits als Kind durch die Fernsehserie The Flintstones (Familie Feuerstein) lernte.
In der Kosmetik gibt es ebenfalls mehrere dieser false friends - beispielsweise wird beim Schminken die Grundierung oft schon als "Make-up" bezeichnet. Im Englischen ist das Wort make up für Schminke zwar auch gebräuchlich, aber die Grundierung heißt hier foundation. Dieses Wort hat sich durch die YouTube-Schmink-Videos allerdings auch bei uns schon etabliert. Ein anderes missverständliches Wort ist Peeling, die englische Bezeichnung für "Schälen". Im Deutschen wird hier der Vorgang bezeichnet, mit dem die abgestorbene Hautschicht mechanisch oder chemisch vom Körper abgetragen wird - im Englischen, je nach Anwendung, face scrub oder body scrub. Auch die Damenunterwäsche kann zu Missverständnissen führen - denn Slips sind im Englischen etwa panties, briefs oder knickers. Das Wort slip hat vielerlei Bedeutung, beispielsweise "gleiten" oder "rutschen", aber keine davon hat mit unseren Unterpumpeln zu tun. Auch der String, der bei uns als Kürzel für den "String Tanga" verwendet wird, bezeichnet im Englischen eine Schnur - der String Tanga selbst heißt in dieser Sprache thong.
Aber auch bei den Küchengeräten kann man ab und an auf "falsche Freunde" treffen - so ist das, was wir hierzulande als "Mixer" bezeichnen, im englischsprachigen Raum ein blender. Der Oldtimer ist im Englischen ebenfalls nicht dasselbe wie im Deutschen. Während wir damit ein altes Automodell meinen, also das, was im Englischen classic car oder vintage car heißt, ist ein oldtimer dort ein alter Mann. Missverständlich ist auch das Wort Beamer, bei uns die Bezeichnung für einen Projektor. Auf Englisch wird dieser also video projector oder digital projector genannt. Beamer ist in Nordamerika ein Slang-Ausdruck für BMW, in Großbritannien wird jedoch auch ein bestimmter Wurf beim Cricket als beamer bezeichnet - oder auch der Kettenschärer in der Weberei. Letzteres könnt ihr übrigens jetzt schön selbst googeln, hihihihihi! Ein sehr beliebter Anglizismus ist ja in Zeiten der Corona-Krise das Wort "Homeoffice" für Schreibarbeiten, die von zu Hause aus erledigt werden können. Das home office ist in Großbritannien das Innenministerium - gearbeitet wird dort from home oder remotely, man sagt aber auch remote working. Mir ist aufgefallen, dass auch in der heutigen Jugendsprache einige Scheinanglizismen herumgeistern - das Wort safe, das im Englischen "sicher" bedeutet, wird hier auch als Synonym für "garantiert" verwendet.
Und es gibt einige konstruierte Anglizismen, die es im Englischen gar nicht gibt. Dazu gehört beispielsweise der Hometrainer, ein Trainingsgerät für den Hausgebrauch, der auf Englisch exercise bike genannt wird. Oder auch der Streetworker, der im englischsprachigen Raum schlicht als social worker bezeichnet wird. Ein relativ neuer Scheinanglizismus ist der Shitstorm, der schon wieder ganz gut zu der Weisheit dieses Artikels passt, ist es doch wörtlich übersetzt ein "Sturm aus Scheiße" - bei uns bekanntlich ein Sturm aus Entrüstung, dem virtuell Ausdruck verliehen wird. Auch das Wort Castingshow gibt es nur im deutschsprachigen Raum. Der Begriff "Casting" hat sich bei uns ja schon seit längerer Zeit für den Auswahlprozess von Darstellern wie Schauspielern, Sängern, Tänzern oder Models für entsprechende Aufnahmen und Inszenierungen etabliert - als solcher wird er auch im Englischen genutzt. Die aus England stammende Castingshow wird in ihrem Mutterland allerdings als talent show bezeichnet - auch wenn letztendlich nicht unbedingt in allen dieser Shows die Talentiertesten das Rennen machen.
Scheinanglizismen gibt es natürlich, wie schon gesagt, nicht nur im Deutschen. Ich erinnere mich etwa an das Französisch-Lehrbuch, das wir im Unterricht am Gymnasium verwendet haben - dort war ein ganzes Kapitel dem "tattoo" gewidmet, ein Wort, das bei uns ja für "Tätowierung" genutzt wird. In Frankreich bezeichnete es aber offenbar ein Personenfunkgerät, also das, was man bei uns wohl als "Pager" bezeichnen würde. Der Pager hat sich in Österreich nicht durchgesetzt, aber wir kennen ihn aus amerikanischen Filmen und Serien, wo er in der Zeit, kurz bevor sich jeder ein Handy leisten konnte, offenbar von Personen jeder Altersklasse verwendet wurde, etwa, wenn jemand telefonisch nicht erreichbar war.

Die Liste ist natürlich noch lange fortzusetzen, aber allgemein kann man sagen, dass Scheinanglizismen, auch wenn viele sie als Gefahr für die deutsche Sprache sehen, andererseits auch beweisen, wie flexibel und lebendig Sprache sein kann. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an das französischsprachige Kanada - die Franzosen machen sich oft über die Franko-Kanadier lustig, weil ihr Französisch sich anders entwickelt hat als das des Mutterlands. Andererseits ist das amerikanische Englisch ja bekanntermaßen auch in vieler Hinsicht anders als das britische, und auch in anderen englischsprachigen Ländern haben sich inzwischen eigene Varietäten entwickelt. Ich denke, es ist durchaus nicht falsch, über den eigenen Tellerrand zu schauen, anstatt zu glauben, dass die eigene Ansicht die einzig richtige ist. Bon voyage!

vousvoyez

Mittwoch, 27. Mai 2020

Tausende Fliegen können sich nicht irren, wenn es sich um Scheiße handelt!

Und Scheiße haben wir ja in letzter Zeit genug gehört - inzwischen werden die Maßnahmen ja immer mehr gelockert, was das "Diktatur"-Geschrei der Rechtsgestrickten und Aluhüte noch lächerlicher erscheinen lässt, und auch meine unfreiwilligen "Corona-Ferien" sind mittlerweile zu Ende. Da ich mich jedoch in letzter Zeit ausreichend mit den "Aufgewachten" beschäftigt habe, will ich heute mal wieder was anderes erzählen. Und deshalb möchte ich diesen Artikel einem Medium widmen, das heute ein Symbol für Vintage ist, dessen Bedeutung aber, wie ich glaube, in der Vergangenheit stets unterschätzt wurde.

Wie die meisten von euch wissen, bin ich in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren - damals, als Madonna und Michael Jackson die Charts stürmten, Rap noch der neue heiße Scheiß war und noch nicht jeder Haushalt mit einem Computer ausgestattet war. Und es natürlich auch noch kein Internet gab. Was bedeutete, man musste seine Musik noch vorwiegend analog konsumieren - über Radio, Fernsehen oder Tonträger. Die Compact Disc wurde damals noch als neumodische Kuriosität betrachtet, weshalb die Schallplatte nach wie vor das vorherrschende Audio-Medium war. Erst in den Neunzigern wurde das gute alte Vinyl allmählich von den silbernen Polycarbonat-Scheiben abgelöst, und als ich Teenager war, hätte sich niemand mehr mit den viel zu großen, unhandlichen und furchtbar empfindlichen Platten abgegeben - bis auf Dicjockeys sowie ein paar ältere HiFi-Freaks, die stolz auf jeden Kratzer in der schwarzen PVC-Scheibe waren, da er der Beweis dafür war, dass man dieses oder jenes Album schon kurz nach seiner Entstehung besessen und nicht erst viel später gekauft hatte, und die die bessere Klangleistung der CD wegwerfend als "steril" und "unpersönlich" abtaten. Zu Beginn der 2000er Jahre waren CD-Brenner auch für Privathaushalte erschwinglich, so dass ein regelrechter Hype um selbst gebrannte Silberscheiben ausbrach. Nachdem jedoch bereits damals die ersten MP3-Player auf den Markt kamen und damit das Online-Streaming von Musik immer beliebter wurde, war bereits zu dieser Zeit abzusehen, dass auch die Compact Disc irgendwann einmal überholt sein würde.

Was mich betrifft, ich habe das Zeitalter der Schallplatte eher als Zuschauerin erlebt, denn ich war viel zu klein, um den Plattenspieler im Wohnzimmer bedienen zu können, der Bestandteil des damals üblichen HiFi-Turms war - eine Stereoanlage, bestehend aus den Einzelelementen Radio, CD-Player, Kassettenrecorder und Plattenspieler, die übereinander gestapelt waren, oft in einem HiFi-Rack, einem speziellen Regal, das in unserem Fall aus durchsichtigem Plexiglas bestand. Und ich konnte als kleines Kind gerade mal den Kassettenrecorder bedienen, nicht aber den höher stehenden Plattenspieler. Zudem waren die Erwachsenen natürlich auch nicht so begeistert, wenn so ein Zwerg mit seinen schmierigen Patschhändchen die teuren Scheiben begrapschte. Und so war das Audio-Medium meiner Kindheit weder CD noch Schallplatte, sondern die Kassette.

Die Tonbandkassette, in den frühen 1960er Jahren von Philips auf den Markt gebracht, begann in den Siebzigern ihren Siegeszug bei der Jugend und war spätestens in den Achtzigern aus keinem Kinderzimmer mehr wegzudenken. Kassetten waren handlich und robust, und Kassettenrecorder waren im wahrsten Sinne des Wortes kinderleicht zu bedienen - und so wurden die Eltern tagaus, tagein mit den Titelmelodien von Pumuckl, Benjamin Blümchen, TKKG, Bronti Supersaurier oder Bibi Blocksberg genervt. Noch als Teenager saßen meine älteren Geschwister in meinem Zimmer, um Lego zu spielen und ihre alten Pumuckl-Kassetten, die sie mir vererbt hatten, zu hören. Natürlich hatte die Kassette auch den ein oder anderen Nachteil - beispielsweise nutzte sich das Magnetband mit der Zeit ab, und manchmal verließ es auch sein Gehäuse, was zum sogenannten "Bandsalat" führte. Diesem konnte man aber zumindest durch Drehen der Zuführspule mittels eines Bleistifts oder auch des kleinen Fingers manchmal noch Herr werden. Beliebt ist ja das Meme mit dem Bleistift und der Kassette nebst der Erklärung, dass Jugendliche von heute den Zusammenhang nicht kapieren würden - allerdings dürften sie es inzwischen alle schon wissen, da dieses Bildchen schon oft genug geteilt wurde. Und es war auch, zugegeben, etwas mühsam, immer wieder vor- oder zurückspulen zu müssen, wenn man einen bestimmten Song hören wollte.

Auch wenn es vielen nicht bewusst war, so hat die Kompaktkassette doch eine nicht unerhebliche Bedeutung in der Geschichte der Audio-Medien. Während für CDs ein portables Abspielgerät, genannt "Discman", entwickelt werden konnte - der sich großer Beliebtheit erfreute, auch wenn er in keine Hosentasche von normaler Größe passte (hatten die Dickies-Jeans deshalb so übergroße Taschen?) -, konnte man schlecht mit einem laufenden Schallplattenspieler auf der Straße herumlaufen. Es war die Kassette, die der erste mobile Tonträger war - durch Autoradios mit Kassettendeck, durch portable Kassettenrecorder (in Österreich "Kassettinger" genannt) und nicht zu vergessen durch den Walkman, 1979 von Sony auf den Markt gebracht und binnen kürzester Zeit der letzte Schrei unter Jugendlichen.  Darüber hinaus eröffnete die Kassette die Möglichkeit, Töne nicht nur wiederzugeben, sondern auch aufzunehmen. Als Kinder liebten wir es eine Zeit lang, unsere Stimmen auf Kassette aufzunehmen und abzuspielen. Im Volksschulalter fanden wir es cool, alle Schimpfwörter zu krähen, die uns einfielen. Außerdem konnte man Schallplatten, CDs oder auch andere Kassetten auf diese Weise ganz einfach kopieren. Das Kassettendeck gehörte praktisch zu jeder Stereoanlage, es gab Radios mit Kassettendeck, es gab Kassettenrecorder mit zwei Decks und es gab Kassettenrecorder für Kinder mit Handmikrophon. Technische Neuerungen erlaubten es, Kassetten zu kopieren oder Radiosendungen aufzunehmen, die nicht von Nebengeräuschen beeinflusst waren. Meine Großmutter mütterlicherseits nahm Sendungen anfangs noch auf, indem sie Radio und Kassettenrecorder aneinanderstellte, so dass man im Hintergrund immer ihre Schritte hören konnte oder wie sie die Sendung kommentierte.

Beliebt bei Kindern und Jugendlichen war vor allem auch das Aufnehmen von Songs aus dem Radio. Das war natürlich ein riskantes Unterfangen - oftmals lassen Radiosender ja die letzten Takte eines Songs weg, oder der Moderator spricht noch, während das Lied schon anfängt, oder er beginnt schon zu sprechen, wenn es noch nicht zu Ende ist, oder - Katastrophe! - der Song wird vom Verkehrsfunk unterbrochen. Da hat man es heute natürlich wesentlich leichter; früher musste man, sobald einem ein aktueller Hit gefiel, entweder vor dem Radiorecorder lauern oder eine ganze Sample-CD kaufen, meist in Form einer Doppel-CD wie den Bravo-Hits, die jeweils etwa 60 Songs enthielt, von denen einen gerade mal drei interessierten. (Trotzdem kaufte man natürlich jedes Mal die neue.) Ein guter Grund, warum ich dieser Zeit nicht unbedingt nachweine. Dennoch möchte ich euch noch eine kleine Geschichte erzählen, die ihren Ursprung genau in jener Zeit hat: Die Geschichte eines Songs, der in den Achtzigern aus dem Radio auf Kassette aufgenommen wurde und der heute ein Internet-Phänomen ist.

Wenn man sich den Song so anhört, kann man sich kaum vorstellen, dass um ihn ein solcher Hype entstanden ist - er klingt wie zahlreiche andere New-Wave-Songs, die in den Achtzigern zu hören waren. Und durch die alte Aufnahme ist der Text trotz digitaler Optimierung auch noch kaum verständlich. Vielleicht ist aber gerade das auch der Grund, warum die Faszination dafür so groß ist - er klingt vertraut, wie ein Lied, das man kennt, dessen Namen einem jedoch nicht einfällt. Und die Missverständlichkeit des Textes erinnert daran, dass man auch die eigenen Lieblingssongs oft jahrelang falsch verstanden hat. Trotzdem war dieser Song eines der heißesten Online-Themen im letzten Sommer - hauptsächlich deshalb, weil bis heute keiner weiß, von wem er stammt. Der beliebteste öffentlich-rechtliche Radiosender in Österreich bei der Jugend war früher Hitradio Ö3. In Deutschland war es in den Achtzigern der Sender Musik für junge Leute auf NDR 1 mit dem aus Großbritannien stammenden DJ und Musikexperten Paul Baskerville, der vor allem von der Jugend im Nordwesten des Landes sehr oft gehört wurde. In dieser Sendung wurde, vermutlich im Jahr 1984, jenes Lied gespielt, das heute als Most Mysterious Song in the Internet bekannt ist, und von einem ihrer Hörer neben zahlreichen anderen Liedern auf Kassette aufgenommen. Etwa zwanzig Jahre später packte dessen Schwester die Neugier, und nachdem sie jahrelang erfolglos im Internet nach der Identität des Songs gesucht hatte, veröffentlichte sie 2007 einen digitalisierten Ausschnitt auf einer deutschen Website, die auf den Synthie-Pop der Achtziger spezialisiert war, sowie auf einer kanadischen Musikseite, auf der obskure Songs zu Identifikationszwecken hochgeladen werden können. Aber niemand konnte sagen, was das für ein Song war, und als der Ausschnitt 2011 auf YouTube hochgeladen wurde, schien es niemanden zu interessieren.

Erst im letzten Jahr erlangte der Most Mysterious Song die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit - nämlich durch einen sechzehnjährigen Schüler aus São Paulo, der trotz seines jungen Alters Gefallen an dem Sound der Post-Punk-Ära gefunden hatte. Über YouTube stieß er auf das unbekannte Song-Segment, und auch er war neugierig, was die Hintergründe dieses Liedes wohl sein könnten. Er lud den Ausschnitt auf seinem eigenen YouTube-Kanal sowie in mehreren Reddit-Communities hoch, in der Hoffnung, das Geheimnis endlich zu lüften. So entspann sich eine angeregte Diskussion auf Reddit und Discord, einer beliebten Chatroom-Seite für Gamer, und mehrere tausend User begannen, sich auf die Suche nach Anhaltspunkten zu machen. Aber selbst Rückfragen an Baskerville kamen zu keinem Ergebnis - er erklärte, dass der Song sich möglicherweise in seiner Sammlung aus mehr als 10.000 Platten befinden könnte, aber diese alle durchzuhören, würde natürlich Jahre dauern, und zudem ist Baskerville auch noch immer berufstätig. Neben diesen Platten spielte er allerdings auch Kassetten von Underground-Bands aus Osteuropa, die über die Berliner Mauer an ihn geschickt worden waren - es könnte also durchaus möglich sein, dass auch dieser Song von einer Ostband stammt. Das wenige, was von dem Text noch zu erahnen ist, klingt nach dem schlechten Englisch, das von Deutschen gesungen werden könnte, es kann aber ebenso sein, dass die Band aus Österreich oder auch aus Polen oder Russland stammt. Manche halten es auch für möglich, dass der Sänger ein Amerikaner ist, der versucht, britisch zu klingen.

Im Laufe des letzten Sommers sind auf verschiedenen Social-Media-Plattformen zahlreiche Hinweise und Spuren aufgetaucht, die jedoch alle ins Leere führten - und das, obwohl sehr viele oft noch sehr junge Leute akribisch Recherche betrieben haben. Und es spinnen sich natürlich auch zahlreiche Legenden um den Song, den keiner kennt - etwa, dass die Mitglieder der Band, die ihn gespielt hat, bei der Flucht über den Eisernen Vorhang alle erschossen wurden. Oder auch, dass der Song aus einem Paralleluniversum oder gar von Außerirdischen stammen soll - das funktioniert aber nur, wenn man an eine dieser beiden Möglichkeiten glaubt, und natürlich stellt sich auch die Frage, warum die Musik von Außerirdischen ausgerechnet wie mittelmäßiger Synthie-Pop klingen soll. Das erinnert mich an die Geschichte des amerikanischen Sängers Sixto Rodriguez, dessen beide Alben ohne sein Wissen in Südafrika bekannt wurden (im Gegensatz zu seiner Heimat), wo das Gerücht kursierte, der mysteriöse Musiker, der auf den Platten zu hören ist, habe sich auf offener Bühne umgebracht. Der Unterschied zu dem Most Mysterious Song ist allerdings, dass Rodriguez selbst schon eine interessante Persönlichkeit ist und musikalisch sicherlich weitaus mehr Talent hat als die unbekannten Interpreten des mysteriösen Liedes.

Ob die Identität des Most Mysterious Song jemals gelüftet werden wird, vermag heute noch keiner zu sagen. Fest steht, dass die Faszination, wie schon gesagt, nicht in dem Inhalt besteht, sondern darin, dass es in Zeiten wie diesen, in denen praktisch alles via Internet erfahrbar ist, noch etwas gibt, das man offenbar nicht herausfinden kann. Und sicher macht auch das Spiel des Rätselratens selbst noch einen zusätzlichen Reiz aus. Ich fürchte allerdings, sollte dieses Rätsel jemals gelöst werden, wird es für viele wohl eine bittere Enttäuschung sein - denn wahrscheinlich ist die Geschichte dahinter weitaus weniger spektakulär als die Legenden, die von den Suchenden gesponnen wurden. Möglicherweise hat die Band nur ein paar wenige einigermaßen hörenswerte Demos zustande gebracht und ist dann in der Versenkung verschwunden. Und auch, wenn das für viele kaum verständlich ist - es gibt Leute, die gar nicht reich und berühmt sein wollen. Es könnte genauso gut sein, dass die Musiker aus irgendeinem Grund gar nicht erkannt werden wollen. Und obwohl ich auf der anderen Seite ebenfalls neugierig bin, wer hinter diesem Rätsel eigentlich steckt, hegt ein Teil von mir tatsächlich den Wunsch, dieses Rätsel möge eines der wenigen ewig ungelösten bleiben, die es noch gibt - denn auch wenn das Leben mitunter spannende Geschichten schreibt, ist nichts so fesselnd wie die eigene Phantasie, meint ihr nicht auch? Bon voyage!

vousvoyez

Montag, 18. Mai 2020

Wer gesund ist, ist nur nicht richtig untersucht

Dieser Kommentar fiel vor wenigen Jahren einmal bei einer Unterhaltung über Zusatzversicherungen innerhalb meiner Familie. Obwohl ich bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt vor vielen Jahren so den Eindruck hatte, dass Zusatzversicherungen auch Vorteile bringen - beispielsweise hatte man zumindest vor 15 Jahren noch freien Zugang zu einem Fernsehgerät. Das war allerdings noch vor der Erfindung von Smartphone, Tablet & Co. Heute würde das bei den meisten wohl nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen.

Wie ich schon öfter bemerkt habe, sind es die neuen Medien, die im wesentlichen dazu beitragen, eine Zeit wie diese erträglich zu machen. Dennoch ist diese Krise für sehr viele eine Katastrophe - beispielsweise für Kunst- und Kulturschaffende, die etwa zwei Monate lang nahezu ignoriert wurden. Die Kritik an dieser Herangehensweise führte unter anderem zum Rücktritt der Kulturstaatssekretärin, von der sich alle einig sind, dass sie die Verantwortung übernommen hat für ein Berufsfeld, von dem sie nichts bzw. zu wenig versteht. Lukas Resitarits ging sogar so weit, zu erklären, dass eine Staatssekretärin überflüssig sei in einer Regierung, die diesen Posten nicht zu besetzen wisse. Dazu möchte ich mich allerdings nicht weiter äußern - ich möchte diesen Artikel lieber dazu nutzen, um über die Bedeutung von Kunst und Kultur im Allgemeinen zu sprechen.

Nun, die Kunst ist einer der Bereiche, bei denen ich es schon einige Male mit dem Dunning-Kruger-Effekt zu tun hatte - je weniger Ahnung jemand hat, desto eher glaubt er, sich ein Urteil darüber erlauben zu können, was Kunst ist und was nicht. Nun, ich kann verstehen, dass nicht jeder was mit scheinbar willkürlichen Klecksen auf einem Stück Leinwand anfangen kann, sofern er sich nicht mit den Hintergründen auseinandergesetzt hat. Aber gerade jenen, die glauben, als "Kunst" könne man ausschließlich Dinge betrachten, die wahnsinnig aufwändig sind, sei gesagt, dass "Kunst" nicht gleich "Handwerk" ist. Dieser Irrglaube ist beispielsweise auch dafür verantwortlich, dass viele Leute häufig der Ansicht sind, Fotografie könne niemals Kunst sein. Nun, Fotografie ist ein Handwerk, genauso wie Malerei und Bildhauerei zuallererst mal ein Handwerk ist - ob es zu Kunst wird, hängt immer ganz davon ab, was man daraus macht. Viele Leute hängen der Vorstellung an, Kunst hieße, etwas zu schaffen, von dem man denkt: "Das könnte ich nie." Und da seit Erfindung der handlichen Kamera jedes Kind fotografieren kann, kann das ja auch keine Kunst sein. Ebenso, wie ein paar einfache Formen niemals ein Kunstwerk sein können, weil die Tochter des Nachbarn sowas in ihrem Wochenend-Malkurs ja auch zustande bringt.

Nun ja - aber kann jedes Kind Fotografien schaffen, die einer Inge Morath, Astrid Kirchherr oder eines Man Ray würdig sind? Kann jeder Tölpel das Farb- und Formempfinden eines Wassily Kandinsky nachvollziehen? Wäre auch der Dümmste noch imstande, revolutionäre Ideen wie das Shreddern des eigenen Bildes als Protest gegen die überteuerten Kunstpreise oder ein Konzept wie den Dadaismus als Gegenbewegung zum Ideal der Kunst zu entwickeln? Ist die Tochter des Nachbarn auch dazu in der Lage, revolutionäre Ideen zu entwickeln, die Zeichen der Zeit auf noch nie dagewesene Art und Weise zum Ausdruck zu bringen, nicht nur von, sondern auch für ihre Kunst zu leben? Und wenn das alles keine Rolle spielt - was spricht dann dagegen, jeden Dahergelaufenen unterrichten zu lassen, da immerhin jeder schon mal in der Schule war? Wozu braucht ein Jugendsozialarbeiter eine Ausbildung, wenn er ohnehin nichts anderes tut, als mit Teenagern Fußball zu spielen? Warum lassen wir nicht jeden X-Beliebigen als Tierpfleger arbeiten, da er ohnehin nichts anderes zu tun hat, als Hunde und Katzen zu streicheln? Warum bitten wir nicht unseren Nachbarn, uns den Blinddarm herauszunehmen - immerhin hat er schon einmal in einer Fleischerei gearbeitet?

Die überwältigende Mehrheit der Cleveren unter euch *Schleim vom Bildschirm abwisch* hat bestimmt schon begriffen, was ich damit sagen will: Nicht alles, was einfach aussieht, ist auch einfach. Und auch der Kunstbegriff ist nicht einfach zu definieren - nicht umsonst wird in jedem Studium darüber diskutiert, das auch nur im entferntesten Sinne damit zu tun hat, egal ob auf praktischer oder auch nur auf wissenschaftlicher Ebene. Und ein Stück weit hängt es natürlich auch vom subjektiven Empfinden ab. Ich persönlich begreife eine kreative Tätigkeit beispielsweise als eine neue Art und Weise, an ein Problem heranzugehen - deswegen kann ich auch in Bereichen, die auf den ersten Blick überhaupt nichts mit Kreativität zu tun haben, wie beispielsweise der Mathematik, auch kreative Prozesse entdecken. Und auch wenn es vor allem kulturaffinen Menschen wie mir widerstrebt, das zuzugeben - am Ende des Tages sind auch Personen wie Helene Fischer "Künstler", wenn auch keine Angehörigen der "Hochkultur". Wobei ich das jetzt gar nicht böse meine - ich habe nichts gegen die Person Helene Fischer, ich finde sie nicht einmal unsympathisch, ich kann nur mit ihrer Musik einfach nichts anfangen. Und ehe irgendjemand mich als elitäre Kulturziege abstempelt: Auch ich höre nicht tagtäglich ausschließlich hoch anspruchsvolle Musik. Es gibt sogar noch ab und an Erzeugnisse aus den aktuellen Charts, die mir gefallen. Im übrigen kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass auch diejenigen, die sich ein möglichst intellektuelles Image aufbauen, ab und zu auch Momente haben, in denen sie sich mit dumpfer Berieselung zufriedengeben - auch der größte Geist muss sich ja mal entspannen können.

Dieses Unverständnis ist wohl auch der Grund, warum Kultur von vielen als reiner Luxus begriffen wird - da man Kunst weder essen noch anziehen noch sich damit waschen kann, ist sie wohl auch nicht "systemrelevant". Solche Argumentationen habe ich bereits vor der Corona-Krise schon häufig gehört - und aktuell scheinen viele die Ansicht zu vertreten, dass sich Kunst- und Kulturschaffende gefälligst hinten anzustellen haben. Nun, ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass die Erträglichkeit des Lockdown auch durch Unterhaltung gewährleistet wurde, egal, auf welchem Niveau sie auch stattgefunden haben mag. Und viele scheinen ja auch kein Problem damit zu haben, dass Künstler für eine gewisse Zeit mal gratis arbeiten - die leben ja ohnehin nur von Luft und Liebe, oder nicht?

Nun, dieselben Leute, die da jetzt so große Töne spucken, jammern auch gerne darüber, dass ihr soziales Leben zurzeit auf Eis gelegt wird - ich möchte daran erinnern, dass auch Ausstellungen, Kinovorführungen, Konzerte und Theatervorstellungen durchaus ein soziales Ereignis darstellen und dass auch Restaurant- und Discobesuche Bestandteil des kulturellen Lebens sind. Und da vielerorts gerade das Autokino ein Revival erlebt, lehne ich mich mal so weit aus dem Fenster, um anzumerken, dass den meisten das Heimkino über kurz oder lang wohl doch nicht zu genügen scheint. Und dass die inflationäre Nutzung von Smartphones auch ein Hinweis darauf ist, dass wir eben doch nicht über längere Zeit ohne Input auskommen können. Und auch denjenigen, die ohne Theater, Kunstausstellungen oder Erzeugnisse des "Film noir" auskommen, sei gesagt, dass jeder in irgendeiner Form nach Unterhaltung verlangt - wenn man anerkennen soll, dass manchen Leuten Schlagerpartys, Fußballmatches oder Seifenopern wichtig sind, die genauso wenig als "systemrelevant" gelten können, sollte man auch akzeptieren, dass es Leute gibt, denen klassische Konzerte, Dichterlesungen und Theateraufführungen ebenso wichtig sind.

Die Teilnahme am kulturellen Leben wird im übrigen auch als Menschenrecht angeführt, ebenso, wie die eigene Kultur ausleben zu können - ganz abgesehen davon, dass eine vielfältige kulturelle Szene für eine gesunde Demokratie unabdingbar ist. Nicht zuletzt gehören Künstler zu den ersten, die unter Beschuss geraten, sobald sich eine Gesellschaft zu einer Diktatur hin entwickelt. Ich erinnere da nur an die Zeit des Nationalsozialismus, als jede Form von Kunst, die mit dem Regime nicht vereinbar war, als "entartet" klassifiziert wurde und als Bücher, die mit der vorherrschenden Ideologie nicht im Einklang standen, einem infamen Scheiterhaufen zum Opfer fielen. Ich möchte daran erinnern, dass Menschen sich schon in sehr frühen Jahren kreativ betätigten und dass künstlerische Tätigkeit auch Teil von Bildung und Erziehung ist. Kunst verändert nicht die Welt, sie ist aber immer der Spiegel der jeweiligen Gesellschaft, in der sie entsteht. Und wenn man sich Systeme ansieht, die den Menschen ausschließlich auf seine Grundbedürfnisse reduzieren (siehe Industrialisierung und Kommunismus), so muss man feststellen, dass wir eben keine Maschinen sind, die lediglich Energie benötigen, um zu funktionieren. Schon Kinder bringen ihre Eindrücke mit Hilfe von Stift und Papier zum Ausdruck, und Jugendliche nutzen meist Musik und Mode, um ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Wer hat nie in seinem Leben unter der Dusche gesungen, in langweiligen Schulstunden Strichmännchen an den Rand des Heftes gekritzelt, ein Instrument gespielt, ein Outfit zusammengestellt, eine Wohnung eingerichtet, Gedichte geschrieben oder auf Familienfeiern ein Theaterstück aufgeführt? Wer hat nie in seinem Leben die Leere eines Augenblicks mit dem Lesen eines Buches, dem Schauen eines Films oder einer Serie, dem Hören von Musik ausgefüllt? Wer kann von sich behaupten, sich nie in seinem Leben kreativ betätigt zu haben, selbst wenn er sich selbst als eher unkreativer Mensch begreift?

Reden wir also Klartext: Die Persönlichkeit eines Menschen entwickelt sich sehr stark auch durch den kulturellen Einfluss. Aus Kultur erwächst ein gesellschaftliches Leben, durch sie entwickeln wir Rituale, sie stiftet Identität und sorgt dafür, dass wir uns immer weiter entwickeln. Sie schlägt Brücken zwischen verschiedenen Menschen und Gesellschaften, sie inspiriert, indem sie uns einen anderen Blickwinkel schafft, sie ist das Gedächtnis der Zeit und schafft gleichzeitig Werte. Und nicht zuletzt schulen wir dadurch unseren Geist, werden zum Nachdenken angeregt und entwickeln Gedanken, die auch außerhalb des künstlerischen Bereichs noch gültig sein können. Und nicht zuletzt ist Kunst und Kultur auch eine Grundlage für Bildung. Viele sind der Ansicht, dass die musischen Fächer in einer nicht auf kreative Berufe fokussierten Schule ruhig gestrichen werden könnten. Ich muss zugeben, dass ich den Musikunterricht im Gymnasium tatsächlich als eher überflüssig empfand, weil er dort ein reines Lernfach war - was bedeutete, man musste noch mehr pauken als ohnehin schon, um sich all die Geburtsdaten verschiedener Komponisten und die Bezeichnungen der unterschiedlichen Epochen merken zu können. Interessanterweise sind es weitaus weniger Leute, die dies für den Sportunterricht fordern, obwohl gerade dieser Leuten, die sportlich nicht ganz so begabt sind, die Lust auf Bewegung eher verdirbt, als dass er sie anregt. Aber Sport ist ja gesund, deswegen muss er auch unterrichtet werden, während künstlerische Tätigkeiten ja vollkommen sinnlos sind. Nun, jeden, der jetzt noch so denkt, möchte ich dazu anregen, diesen Artikel noch einmal von vorn anzufangen. Für alle anderen bringe ich es auf einen Nenner: Egal ob Kultur als systemrelevant empfunden wird oder nicht, auf jeden Fall ist sie systemimmanent - eine Gesellschaft ohne Kultur gibt es nicht, weil wir eben noch ein Leben jenseits von Essen, Trinken, Sex und Schlafen haben. Selbst in Gesellschaften, in denen Kunst und Kultur eher negativ betrachtet wird, entwickeln sich Subkulturen - sollte uns das nicht zu denken geben?

vousvoyez

Freitag, 15. Mai 2020

Könnte hier mal jemand mit dem Aufhören aufhören?

(c) vousvoyez
Diesmal habe ich das Vergnügen, euch eine Weisheit vorzustellen, die direkt aus der Muppet Show stammt. Wie ich finde, sagt sie aber auch sehr viel über uns Menschen aus, denn wir sind Weltmeister im Aufhören. Wir hören auf, uns krabbelnd fortzubewegen und uns von Muttermilch zu ernähren, wir hören auf, am Daumen zu lutschen und an den Fingernägeln zu knabbern, wir hören auf, mit Puppen zu spielen und Kuss-Szenen in Filmen eklig zu finden, wir hören mit der Schule auf und mit der Ausbildung - ob mit Abschluss oder ohne -, wir hören mit dem Rauchen auf, mit dem Trinken, mit dem Klavierspielen, mit dem Joggen, und am Ende hören wir sogar mit dem Leben auf. Es gibt jedoch eine Sache, mit der wir offenbar nicht aufhören können: Uns gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Es gibt möglicherweise den einen oder anderen unter euch (oder die oder das), der bemerkt hat, dass die Eierer-Liste eine weitere Kategorie in den unendlichen Weiten dieses Blogs geworden ist. Und ja, ich habe mich entschlossen, dieses Format fortzusetzen, weil ich bemerkt habe, dass es ganz offensichtlich angenommen wird, und weil ich es zeitweise auch sehr nützlich finde - zum Beispiel, um mir gewisse Dinge von der Seele zu schreiben. Wir befinden uns ja nach wie vor in den Fängen der Corona-Krise, und auch, wenn die Infektionszahlen erfreulicherweise tatsächlich stark zurückgegangen sind und das öffentliche Leben mittlerweile langsam wieder angekurbelt wird, so haben wir es noch keineswegs überstanden - weshalb dieser Artikel auch in die Kategorie "Wir müssen reden" fällt.

Top-Eierer Numero 6: Leute, die nicht dem Mainstream hinterherrennen

In Bezug auf die öffentlich-rechtlichen Medien wird ja von gewissen Leuten sehr oft von den "Mainstream-Medien" gesprochen, die angeblich "die öffentliche Meinung diktieren". Nun - der Begriff "Mainstream" stammt ursprünglich aus der Jazz-Musik und bezeichnet eine bestimmte stilistische Richtung. Natürlich können Begriffe mit der Zeit ihre Bedeutung erweitern, und so ist es auch mit diesem geschehen - so ist diese Bezeichnung schon seit längerer Zeit in der Popkultur geläufig. Als Mainstream wird in der Regel der Geschmack der Masse betrachtet, dem die Gegen- bzw. Subkultur gegenübersteht und der meist negativ behaftet ist. Anders gesagt: Mainstream ist das Gegenteil des Individualismus. Sich diesem Mainstream entgegenzustellen, ist nicht immer leicht, und Leute, die es dennoch wagen, werden häufig bewundert und geachtet.
Der am meisten gelesene Artikel meines Blogs ist jener, indem es um den Balanceakt der Glaubwürdigkeit in Bezug auf Medien geht und ja, auch die öffentlich-rechtlichen Medien sagen nicht immer die Wahrheit, und auch seriöse Journalisten sind von Meinungen beeinflusst. Über die Problematik mit Subjektivität und Objektivität habe ich ebenfalls schon mal geschrieben. Aber gerade deswegen habe ich ein großes Problem damit, dass man sowohl gewisse Medien als auch bestimmte Sachverhalte als "Mainstream" darstellt. Den "Mainstream"-Medien stehen ja die "alternativen" Medien entgegen, die man größtenteils im Internet findet. Nun, keiner von uns lässt sich gern als "Mitläufer" bezeichnen - wir alle wären gern diejenigen, die sich von der Masse abheben, und da das nicht jedem beschieden ist, wollen wir doch wenigstens etwas Besonderes sein und nicht zu jenen gehören, die blind irgendeine Meinung nachplappern. Das Ding ist halt - Top-Eierer Numero 6 bezeichnet Leute, die dem von ihm so gehassten "Mainstream" tendenziell mehr Glauben schenken als irgendwelchen Leuten aus dem Internet, zwar gern als "Mitläufer", ist es aber in Wirklichkeit selbst; nur, dass er halt nicht mit dem "Mainstream" mitläuft, sondern mit jenen, die sich gerne als die coolen Rebellen inszenieren. Er behauptet, er würde selbst denken und sich eine eigene Meinung bilden, in Wirklichkeit überlässt er das aber anderen. Und diese triggern seine Angst vor dem Mitläufertum, indem sie möglichst oft von "Mainstream" schwafeln und das Bild von den Schafen heraufbeschwören, die ohne Sinn und Verstand ihrem Leithammel hinterherlaufen - oder das vom Lemming, der sich zusammen mit seinen Artgenossen völlig blind in den Tod stürzt (im übrigen tun das Lemminge gar nicht - das ist ein Mythos, der durch eine Naturdokumentation von Disney aus den 1950er Jahren geprägt wurde). Das Paradoxe ist, dass diese Leute im gleichen Atemzug verlangen, dass man stattdessen ihnen blind hinterherläuft und sie nicht in Frage stellt, selbst wenn sie das Gegenteil zu behaupten scheinen.
Was mich an dem Begriff "Mainstream" so sehr stört, ist, dass er verharmlost - er erweckt den Eindruck, dass es sich etwa bei der Akzeptanz anderer ethnischer Gruppen, der Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse und historischer Tatsachen oder dem verantwortungsvollen Umgang mit einer Pandemie um eine Art Modetrend handelt, bei dem es lediglich um den persönlichen Geschmack geht. In diesem Fall hat Zuwiderhandeln jedoch weitreichendere Konsequenzen, als dass die anderen uns vielleicht auslachen, weil wir nicht modisch genug angezogen sind oder die falsche Musik hören. Neulich erklärte mir eine erwachsene Person in einer Facebook-Konversation, kein Chlordioxid zu trinken sei feige; das erinnert mich an Teenager, die andere dazu überreden wollen, Drogen zu nehmen, damit man zur coolsten Clique gehört. Und im übrigen haben diese Leute offenbar nicht mal den Mut, gegen tatsächliche Probleme zu protestieren - stattdessen basteln sie sich ein Phantasie-System und fordern auf einmal Menschenwürde, nachdem viele von ihnen mit Sicherheit in den "Absaufen"-Chor angesichts der afrikanischen Bootsflüchtlinge mit eingestimmt haben. Liebe Top-Eierer Numero 6: Ihr seid keine Jugendlichen mehr, die ihren Platz im Leben erst finden müssen - ihr seid erwachsene Menschen, die ihr Glück nicht davon abhängig machen sollten, ob bestimmte Menschen sie cool finden.

Top-Eierer Numero 7: Hygiene-Demonstranten

In den letzten Tagen beherrschen sie die Schlagzeilen: Leute, die auf die Straße rennen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Nun, wie ich schon mehrmals erwähnt habe, ist es äußerst verständlich, dass momentan sehr viele Menschen unter der Situation leiden, und für mich ist sie auch nicht besonders spaßig. Das einzige, was ich mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, ist, dass dieses Problem sich irgendwann wieder lösen wird - wann das geschieht und wie schlimm es in der Zwischenzeit noch werden wird, kann ich allerdings genauso wenig vorhersagen wie irgendjemand anders. Nun haben wir die Verbreitung von SARS Cov-2 ja zumindest in Österreich und auch Deutschland recht gut in den Griff bekommen - besser als viele andere Länder. Und dass die Maßnahmen jetzt langsam gelockert werden, ist ebenfalls notwendig und auch gerechtfertigt. Das Problem ist jedoch, dass es mittlerweile sehr viele Menschen gibt, die überhaupt nicht einsehen wollen, weshalb sie sich weiterhin einschränken sollen. Oft argumentieren sie damit, dass die Krankenhäuser ja leer seien und dass es die Krankheit ja überhaupt nicht gäbe oder aber auch, dass sie eigentlich völlig harmlos sei. Manche unterstellen den Öffentlich-Rechtlichen sogar, sie würden in Bezug auf die Opfer der Pandemie in Ländern wie Italien, Spanien oder den USA Lügen erzählen. Nun, mit leeren Krankenhäusern zu argumentieren ist in etwa so, wie wenn man sich gegen Krebs behandeln lässt und hinterher erklärt, die Behandlung sei überflüssig gewesen, weil man ja gar nicht gestorben sei. Ich bin nicht die einzige, die schockiert ist, wie erschreckend dumme Argumentationen bezüglich der Corona-Krise momentan im Umlauf sind. Ich bin nicht klüger als alle anderen, aber ich kann viele dieser Ansichten nicht anders nennen als dumm - und leider könnten sie uns allen über kurz oder lang großen Schaden zufügen.
Inzwischen gibt es viele, viele Leute, die auf die Straße rennen, um gegen die Maßnahmen zu demonstrieren. Nun, gegen Demonstrationen ist jetzt generell mal nichts zu sagen - wir leben in einer Demokratie, und zu dieser gehört es auch, dass man demonstrieren und seine Meinung äußern darf, ohne dafür bestraft zu werden. Und da kommen wir auch schon auf die Dummheit zu sprechen: Ist es nicht äußerst sinnlos, im Chor "Diktatur" zu schreien, während man sich auf einer genehmigten Demonstration befindet? Leider begnügen sich viele dieser Leute jedoch nicht damit, friedlich zu demonstrieren - in Deutschland ist es bereits zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. Bei uns zu Hause waren die Auswirkungen noch nicht so dramatisch, aber auch ich habe an Bus- und Straßenbahnhaltestellen schon große Aufkleber entdeckt, auf denen Worte wie "Corona = Panikmache! Gesundheit totgeimpft! Totalüberwachung! Diktatur!" zu lesen waren. Ich möchte jetzt nicht näher darauf eingehen, dass viele dieser Leute, die jetzt von einer "Totalüberwachung" reden, ganz offensichtlich nichts dabei finden, ihr halbes Leben auf Social Media zur Schau zu stellen.
Nun, wie gesagt - es ist durchaus legitim, seine Meinung öffentlich kundzutun. Es ist auch durchaus gerechtfertigt, sich um die Zukunft Sorgen zu machen und Kritik an der Regierung und auch an den öffentlich-rechtlichen Medien und den Wissenschaftlern zu üben: Für Arbeiter aus dem Niedriglohnsektor, die sich mit Kurzarbeit nicht über Wasser halten können; dafür, dass sich an den Arbeitsbedingungen derer, die in "systemrelevanten" Berufen beschäftigt sind, wohl in Zukunft immer noch nichts ändern wird; Alleinerziehende, die zurzeit der Doppelbelastung von Beruf und Kinderbetreuung ausgesetzt sind; aber auch daran, dass sowohl Medien als auch Virologen wissenschaftliche Zwischenergebnisse veröffentlichen und so Verwirrung stiften. Das Problem an den sogenannten "Hygiene-" und "Querdenker"-Demos ist allerdings nicht nur, dass die Abstandsregeln vielerorts nicht beachtet werden, sondern vor allem auch, was für Leute sich zu diesen Protesten einfinden. Links- und Rechtsradikale, Reichsbürger, QAnon-Gläubige und andere Verschwörungsideologen scheinen ihre Differenzen vorübergehend vergessen zu haben - was manche Leute durchaus als positiv zu sehen scheinen, denn es komme ja jetzt drauf an, gemeinsam aufzustehen. Aussagen in diese Richtung halte ich für gefährlich naiv - will man wirklich mit Rassisten, Antisemiten und Reichsbürgern in Verbindung gebracht werden? Und diese Frage ist durchaus gerechtfertigt, denn spätestens wenn die Bilder der Proteste medial und viral im Umlauf sind, sieht man nur noch die, die am Auffälligsten sind - und das sind nun mal die, die Reichsbürgerfahnen schwingen und behaupten, Bill Gates wolle die Welt kontrollieren. Kein Mensch wird mehr unterscheiden können, wer aus welchen Gründen dabei ist, auch wenn noch so viele Fotos von Anne Frank hochgehalten werden: Im Gegenteil, die Instrumentalisierung eines Opfers der Shoa auf einer Demonstration, bei der auch Rechtsradikale und Antisemiten mitmarschieren, ist blanker Hohn. Ich erinnere nur an den Beginn der Flüchtlingsdebatte vor fünf Jahren: Da ging es am Ende auch nicht mehr darum, auf die Sorgen der Leute einzugehen und eine gemeinsame Lösung zu finden, sondern nur noch darum, Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen. Liebe Top-Eierer Numero 7: Hört doch bitte einmal für ein paar Minuten auf, euch selbst zu bemitleiden und macht endlich die Augen auf!

Top-Eierer Numero 8: Schwurbel-Promis und Konsorten

Zuletzt möchte ich noch auf die Gurus von Top-Eierer Numero 6 und 7 eingehen: Auf diejenigen, die die aktuelle Pandemie für ihre Zwecke nutzen. Und ich rede hier nicht von dürren Influencer-Blondinen, die zu dumm sind, um zu wissen, dass man keine Toilettensitze ableckt, egal ob privat oder nicht - ich rede von jenen, die sich als die großen "Rebellen" inszenieren, die "die Corona-Lüge" "durchschaut" haben. Sie behaupten, dass wir alle "zwangsgeimpft" werden sollen (wie denn, wenn es noch gar keinen Impfstoff gibt?), dass man uns unsere "Freiheit" genommen hätte und wir in einer "Diktatur" leben (komisch, dass die dann immer noch ungehindert so viel Scheiß quatschen können). Sie sind diejenigen, die "die Wahrheit" kennen und "es" verstanden haben, sie sind diejenigen, die Recht haben, und alle anderen haben Unrecht. Komisch nur, dass sie nicht zu jenen Leuten gehören, die von der Materie tatsächlich Ahnung haben - oder seit wann sind vegane Köche, Sänger mit schlechten Texten, Choreographen für Casting-Shows, Schauspieler, Schnulzen-Regisseure und abgehalfterte Journalisten Experten für Virologie und Immunologie? Kinder, es gibt einen Grund, warum so ein Studium so lange dauert: Das Thema ist extrem komplex und hängt mit einer Menge anderer Fachgebiete zusammen.
Neben einem Attila Hildmann, der durch seine vegane Küche bekannt wurde, aber trotzdem nichts dabei findet, einen Porsche mit Ledersitzen zu fahren und der ganz offensichtlich ein Problem mit seinen türkischen Wurzeln hat, einem Xavier Naidoo, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat und seine neue "Heimat" ganz offensichtlich in der Schwurbelblase fand, und einigen anderen Vertretern der Unterhaltungsbranche wie Til Schweiger, Detlef D! Soost und Sido, sind es vor allem in Ungnade gefallene Publizisten wie Ken Jebsen und Eva Herman, die die aktuelle Unsicherheit für ihre Zwecke nutzen. Was der Sinn und Zweck ist, ist klar: Krude Verschwörungsideologien, verbreitet auf Social Media, generieren Klicks und Werbeeinnahmen. Solche Leute nutzen die allgemeine Verunsicherung zu ihrem Gutdünken aus - sie sprechen all die "Zu-kurz-Gekommenen" an, die Unzufriedenen, die Flüchtlingsgegner, Impfgegner, Reichsbürger und Systemgegner, all jene, die nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme suchen, und die einfachste ist, nach Schuldigen zu suchen. Mir kommt es manchmal so vor, als hätten manche von ihnen geradezu auf eine Situation wie diese gewartet, in der es am einfachsten ist, eine Spaltung herbeizuführen.
Die meisten Schwurbel-Promis waren allerdings schon vor der Corona-Krise anfällig für Verschwörungsideologien - ihnen stehen auch viele andere gegenüber, die keine haarsträubenden Aussagen tätigen, obwohl sie genauso um ihre Existenz bangen. Viele dieser Leute haben bereits in der Vergangenheit so ziemlich alles getan, um medial im Gespräch zu bleiben - einigen war es dabei auch egal, dass sie sich dabei selbst lächerlich gemacht haben. Genau das ist auch hier der Fall - allerdings sehen das viele ihrer Fans nicht, und andere, die es doch noch irgendwie kapieren, sprechen von "Meinungsfreiheit". Ich möchte hier noch einmal daran erinnern, dass es einen Unterschied gibt zwischen Fakt und Meinung - ich kann doch auch nicht sagen, dass Nilpferde fliegen können, und das mit "Meinungsfreiheit" begründen. Und sich als Ungeimpfter selbst mit dem "Judenstern" zu schmücken, Ärzte und Pflegekräfte mit der SS zu vergleichen und eine momentan noch nicht zur Debatte stehende Impfpflicht mit Mengeles Menschenexperimenten, ist nichts anderes als Diffamierung und Relativierung. Genauso, wie es lächerlich ist, zu behaupten, es sei wahnsinnig gefährlich, seine Meinung zu vertreten - was Herr Jebsen gerne tut, und das ist auch nicht neu: Vor einigen Jahren verlor er seinen Job beim öffentlich-rechtlichen Radio, nachdem er den Holocaust als "PR-Inszenierung" bezeichnet hatte. Dieser Herr wird übrigens nicht nur von Schwurbel-Promis aus Film und Fernsehen, sondern auch von Influencerinnen gehypet. Und wenn es doch so gefährlich ist, seine Meinung zu sagen, warum hindert ihn bis heute keiner daran?
Dieser Trend ist nicht nur deshalb nicht zu unterschätzen, weil es ausreichend "Aufgewachte" gibt, die den Schwurbel-Promis nach dem Mund reden und weil der unterschwellige Antisemitismus hier auch mit anklingt, sondern auch, weil so einige, wie ich bereits in meinem Artikel über QAnon ausgeführt habe, Gewalt nicht abgeneigt sind - nicht nur, dass auf diesen Demos bereits Journalisten tätlich angegriffen wurden, auch Herr Hildmann hat schon angekündigt, seine "Freiheit" nötigenfalls auch mit der Waffe verteidigen zu wollen, auch wenn er sich bei der von ihm initiierten Demo nicht als besonders mutig erwiesen hat; aber gerade Feiglinge darf man nicht unterschätzen.
Fazit: Schwurbel-Promis haben zwar nicht allzu viele Anhänger, erreichen jedoch im Zeitalter der Digitalisierung doch mehr Leute als noch vor zehn oder gar zwanzig Jahren. Und auch wenn die für heute angekündigte Machtübernahme der NWO wahrscheinlich eher nicht eintreten wird und die Corona-Krise irgendwann einmal zu Ende ist, wird das viele wohl nicht davon abhalten, weiterhin alle möglichen Absurditäten in die Welt zu setzen, und andere nicht, sie zu glauben. Liebe Top-Eierer Numero 8: Bleibt bei dem, was ihr könnt und hört auf, euch als kompetenter darzustellen, als ihr seid!

Abschließend möchte ich eines anmerken: Eine der wichtigsten Kompetenzen, die man in einem Studium - egal in welchem - erlangt, ist der kritische Umgang mit Quellen. Klar, denn wer schriftliche Arbeiten verfasst, muss die Informationen, die er einfließen lässt, auch nachweisen können. Mir ist es früher fürchterlich auf die Nerven gegangen, dass praktisch in jedem Semester über Quellenangaben und richtiges Zitieren gesprochen wurde - heute bin ich allerdings dankbar dafür, denn auch wenn mein Wissen über Naturwissenschaften und Medizin natürlich völlig unzureichend ist, kann ich doch einigermaßen seriöse und unseriöse Quellen auseinander halten, selbst wenn auch ich in dieser Hinsicht alles andere als unfehlbar bin. Früher war das für jemanden, zu dessen Aufgaben es nicht gehörte, umfassende schriftliche Arbeiten zu verfassen, nicht notwendig, aber in Zeiten von Social Media hat sich das geändert, und deswegen halte ich es durchaus für angebracht, bereits in den Schulen ein gewisses Maß an Medienkompetenz zu vermitteln. Wir haben es doch mit der sexuellen Aufklärung auch geschafft - warum soll das für den Umgang mit Medien nicht möglich sein? Und wenn auch nur, damit ich nicht immer als "arrogant" beschimpft werde, wenn ich darauf hinweise, dass man so etwas im Studium lernt (ist es denn nicht arrogant, zu glauben, man sei als einziger im Besitz der Wahrheit?) - immerhin gibt es ja auch genug Studierte, die Schwurbeleien glauben oder auch verbreiten. Aber gerade dem müssen wir entgegentreten - wir dürfen nicht zur "schweigenden Mehrheit" werden, wir müssen alles versuchen, was nur irgendwie möglich ist, um die Ausbreitung dieser haarsträubenden Behauptungen zu unterbinden - denn nicht wenige der Leute, die jetzt auf die Straße gehen, sind alles andere als Verteidiger der Demokratie. Lest euch, wenn möglich, dazu auch diesen Artikel durch. Vor allem aber: Bleibt aufmerksam! Ich möchte in diesem Zusammenhang mit einem Zitat des Hörspielautors und Lyrikers Günter Eich schließen: "Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird."

vousvoyez