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Freitag, 9. August 2024

Die Realität wurde von den Eliten erfunden, um uns zu unterdrücken

©vousvoyez

Zum Beispiel war das Attentat auf Donald Trump voll total inszeniert - kennt man ja. Und Herbert Kickl ist kein Teil des Establishments und will die "kleinen Leute" vor den ganz pöhsen Ausländern retten. Und wer Superreiche kritisiert, ist ja nur neidisch und so - viel wichtiger ist es, sich verteidigend vor jene zu werfen, die einen in Wirklichkeit meistens nicht mal mit dem Arsch anschauen wollen. Und ich war nicht sechs Monate lang zu faul zum Schreiben, sondern wurde von Aliens entführt - leider haben sie mich wieder freigelassen. So ein Pech auch!

Das Meckern über "die da oben" ist wohl so alt wie die Menschheit selbst - allerdings ist es illusorisch, zu glauben, wir könnten unsere Gesellschaft ohne Regelwerk in den Griff bekommen. Und deswegen möchte ich mich einem Thema widmen, welches kürzlich wieder heiß diskutiert wurde, und dafür möchte ich euch zwei kleine Geschichten präsentieren - auch wenn ich mir sicher bin, dass ihr zumindest eine davon bereits kennt.

Am 6. März 1981 wurde Klaus Grabowski während einer Zeugenaussage vor Gericht mit sechs Schüssen getötet - Schützen war die 30jährige Gastronomin Marianne Bachmeier, deren siebenjährige Tochter Grabowski ein Jahr zuvor ermordet hatte. Anna Bachmeier hatte am 5. Mai 1980 mit Erlaubnis ihrer Mutter die Schule geschwänzt und war auf dem Weg zu einer Freundin gewesen, als der 35jährige Fleischer sie in seine Wohnung lockte, dort mehrere Stunden lang festhielt, mit einer Strumpfhose erdrosselte und anschließend in einem Erdloch verscharrte. Vor Gericht versuchte er mehrmals, eine Teilschuld auf das Kind abzuwälzen - er behauptete, Anna habe versucht, von ihm Geld zu erpressen, indem sie ihm drohte, ihrer Mutter zu sagen, er habe sie unsittlich berührt. Tatsächlich war er bereits wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft: 1976 hatte er sich einer Kastration unterzogen, um aus der Haft entlassen zu werden, jedoch zwei Jahre später durch eine Hormonbehandlung seine sexuellen Triebe wiederherstellen lassen. Laut Bachmeier waren es die Erpressungsvorwürfe gegenüber ihrer Tochter, die sie zu dem Entschluss brachten, dass Grabowski nicht mehr weiterleben dürfe. Ihre Tat und der anschließende Prozess gegen sie sorgten für riesige mediale Aufmerksamkeit - viele Leute solidarisierten sich mit ihr, forderten gar ihren Freispruch. Am Ende wurde sie zu sechs Jahren Haft wegen Totschlags und unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt, allerdings nach zwei Jahren wieder auf freien Fuß gesetzt. Sie lebte einige Jahre in Lagos (Nigeria) und anschließend in Palermo, ehe ihr 1996 Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde. Daraufhin kehrte sie nach Lübeck zurück, wo sie vor Annas Ermordung gelebt hatte, und starb im September '96 im Alter von 46 Jahren.

Marianne  Bachmeier spaltet die Gesellschaft bis heute in zwei Lager: Die einen sehen in ihr eine Heldin, ein Vorbild, ja fast schon eine Heilige, eine liebende Mutter, die ihre Freiheit opferte, um sich noch über ihren Tod hinaus für ihre Tochter einzusetzen; für die anderen war sie eine Rabenmutter, eine kaltblütige Mörderin, die ihr Kind in Wirklichkeit gar nicht geliebt hatte, sondern lediglich die Aufmerksamkeit genoss, die ihr durch die Öffentlichkeit zuteil wurde. Für viele revidierte sich das Bild der fürsorglichen Mutter, nachdem ihre Vergangenheit öffentlich wurde - Bachmeier stammte aus eher schwierigen Familienverhältnissen und hatte bereits in sehr jungen Jahren zwei Töchter zur Welt gebracht, die sie zur Adoption freigegeben hatte; laut einiger Quellen hätte sie auch Anna weggeben wollen. Sie betrieb zusammen mimt ihrem damaligen Lebensgefährten ein Szenelokal in Lübeck, ihre Tochter war sehr viel sich selbst überlassen - Autorin Tanja Stern geht sogar so weit, zu behaupten, Bachmeier habe ihre Mutterliebe erst nach dem Tod ihres Kindes entdeckt. Nun, inwieweit das stimmt, kann ich nicht beurteilen - fest steht, dass sicher auch die große Sympathie, welche der attraktiven jungen Frau entgegenschlug, dafür verantwortlich war, dass ihr Urteil so milde ausfiel. Denn wenn wir ganz ehrlich sind, dann deutet nichts darauf hin, dass Bachmeiers lediglich im Affekt und ohne jeden Vorsatz gehandelt hat - sie hatte sich eine Pistole besorgt und diese ins Gerichtsgebäude geschmuggelt, dessen Sicherheitsvorkehrungen mit den heutigen überhaupt nicht vergleichbar waren, und sie hatte Grabowski so präzise getroffen, dass dies ohne vorheriges Üben nicht möglich gewesen wäre.

Und doch behaupteten und behaupten viele ihrer Sympathisanten, dass sie genauso gehandelt hätten wie sie - liebende Eltern, die allein schon bei dem Gedanken, jemand könnte ihrem Kind so etwas antun, Rachegelüste empfinden; anständige Menschen, die bereit sind, ihre moralischen Grenzen zu überschreiten und eine Mörderin zu glorifizieren. Hier zeigt sich wieder einmal mehr eine Schwachstelle unserer Zivilisation - denn hinter all dem steht im Prinzip nichts anderes als der Volkszorn, welcher nach Genugtuung schreit. Und die Forderung nach einem Recht auf Rache, für welches ein Rechtsstaat eigentlich nicht ausgerichtet ist - gepaart mit der Dämonisierung eines Täters, dessen Opfer man schon allein aufgrund seines Alters keine unbewusste Mitschuld geben kann.

Eine ähnliche Diskussion bietet sich in dem Fall um die 48jährige Claudine "DeeDee" Blanchard an, welche am 14. Juni 2015 in Springfield, Missouri in ihrem Bett tot aufgefunden wurde, ermordet von siebzehn Messerstichen. Sofort machte man sich auf die Suche nach ihrer 23jährigen Tochter Gypsy Rose, die seit ihrer Geburt an mehreren schweren Erkrankungen litt, darunter dem Schlafapnoesyndrom, Muskeldystrophie, Leukämie, Asthma und einem Hirnschaden. Seit ihrem fünften Lebensjahr saß sie im Rollstuhl, seit ihrem zwölften Lebensjahr musste sie über eine Magensonde ernährt werden, sie trug eine Brille und musste zeitweise künstlich beatmet werden, ihr geistiges Niveau war dauerhaft auf dem Stand einer Siebenjährigen. Man befürchtete, dass die schwerbehinderte junge Frau von den Mördern ihrer Mutter entführt worden war; umso überraschter war man, als man sie vierundzwanzig Stunden später bei ihrem Freund Nicholas Godejohn auffand - gesund und munter.

Gypsy Rose Blanchard wurde 1991 in Louisiana geboren; nach dem Hurrikan Katrina, welcher ihr Haus zerstörte, war Dee Dee mit ihr nach Missouri gezogen. Die herzzerreißende Geschichte rund um die aufopferungsvolle Mutter mit ihrer schwerkranken Tochter erhielt bald große Aufmerksamkeit - man sammelte Spenden, sie bekamen von einer Wohlfahrtsorganisation ein Haus zur Verfügung gestellt und dienten als Inspiration für Menschen in ähnlichen Situationen. Dee Dee teilte ihr Schicksal unter anderem auf Facebook - umso irritierender war der Eintrag auf ihrem Account am 14. Juni 2015, der da lautete: "Das Miststück ist tot". Schon bald rückten Gypsy Rose und ihr Freund in den Fokus der Ermittlungen - denn mittlerweile hatte sich herausgestellt, dass nicht die Tochter die Kranke in der Beziehung war: Gypsy Rose Blanchard war von Geburt an kerngesund, aber ihre Mutter litt an einer extremen Form des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms.

Tatsächlich betrifft das Krankheitsbild Münchhausen by proxy größtenteils Mütter, die Opfer sind daher vor allem deren Kinder. Es handelt sich hierbei um eine psychische Störung ,die sich darin äußert, dass eine Person bei einem anderen Menschen Krankheiten erfindet, übersteigert oder aktiv herbeiführt, um anschließend medizinische Behandlung einzufordern. Häufig wird perfide Manipulation eingesetzt, etwa indem Messdaten verfälscht, Körpersubstrate manipuliert oder mittels Medikamenten, Giften oder körperlicher Misshandlung Symptome herbeigeführt werden. Ziel dieses Handelns ist es, bei seinem Umfeld Aufmerksamkeit und Mitgefühl, vielleicht sogar Bewunderung zu ergattern - all das, was Dee Dee Blanchard in Fülle zuteil wurde. Schon kurz nach Gypsys Geburt erfand sie alle möglichen schweren Erkrankungen, an denen das Mädchen leiden sollte - sie fälschte medizinische Dokumente und Geburtsurkunden, wechselte mehrmals Wohnort und Namen, ließ ihre Tochter von über hundert verschiedenen Ärzten behandeln, wechselte die Klinik, sobald jemand Verdacht schöpfte. Sie verbot Gypsy, sich anmerken zu lassen, dass sie wohl gehen konnte und geistig nicht zurückgeblieben war - ihren Gehorsam erlangte sie mit Schlägen. Dee Dee rasierte ihrer Tochter die Haare ab, damit sie krebskrank aussah, verabreichte ihr Medikamente mit schmerzhaften Nebenwirkungen und unterrichtete sie zu Hause, damit niemand auf die Idee kam, dass sie möglicherweise gar nicht kognitiv beeinträchtigt war.

Doch je älter Gypsy wurde, desto stärker begann sie, das Handeln ihrer Mutter in Frage zu stellen. Als Teenager begann sie, sich aufzulehnen, während Dee Dee alles tat, um die Kontrolle zu behalten. Gypsy Rose fand Zuflucht im Internet, zu dem sie sich heimlich Zugang verschaffte, während ihre Mutter schlief. So lernte sie auf einer christlichen Dating-Plattform Nicholas Godejohn kennen, der vorbestraft war und unter psychischen Störungen litt. Zwischen ihm und Gypsy entspann sich über mehrere Jahre eine virtuelle Liebesbeziehung - die darin gipfelte, dass Gypsy Nicholas bat, ihre Mutter zu töten. Und so betrat Godejohn im Juni 2015 das Haus der Blanchards; Gypsy Rose überreichte ihm ein Messer und versteckte sich im Badezimmer, während er ihre Mutter erstach. Ein paar Tage später riefen besorgte Nachbarn die Polizei; nachdem man Gypsy bei ihrem Freund aufgefunden hatte, wurde sie schnell vom Opfer zur Tatverdächtigen. Ein Jahr später wurde sie wegen Totschlags zu zehn Jahren Haft verurteilt - Godejohn bekam lebenslänglich.

Die Öffentlichkeit ist bis heute fasziniert vom Fall Gypsy Rose Blanchard - ein Jahr nach ihrer Verurteilung wurde die Dokumentation Mommy Dead and Dearest ausgestrahlt, es gab zahlreiche Interviews und Liveschaltungen aus dem Gefängnis, TV-Sendungen und eine preisgekrönte True-Crime-Serie folgten. Als ihr nach acht Jahren die vorzeitige Entlassung zugestanden wurde, war sie längst eine Kultfigur - sie erstellte ihren eigenen Instagram-Account, der nahtlos an ihre Popularität anschließt, und ist fast jeden Tag in Talkshows zu Gast, wobei sie erklärt, dass ihr Fokus auf Aufklärung liege und darauf, dass es auch gewaltfreie Wege aus unerträglichen Situationen gibt. Inzwischen hat sie einen ihrer Verehrer geheiratet, zu Godejohn hat sie keinen Kontakt mehr.

Wir sind uns mit Sicherheit alle einig, dass auch dieser Fall wirklich sehr speziell ist - die Täterin war extremer Misshandlung ausgesetzt, und keiner von uns kann mit Gewissheit sagen, wie er (sie, xier etc.) in diesem Fall gehandelt hätte. Die Frage ist allerdings, ob dies eine Anstiftung zum Mord rechtfertigt. Wie ehrlich ist Gypsy Roses Einsicht, was ihre Tat betrifft? Und was ist mit Nicholas Godejohn, dessen Leben sie immerhin zerstört hat?  Auf Social Media wird sie gefeiert und zur Heldin stilisiert  - die zahlreichen Berichte über sie haben sie nahbar gemacht, und natürlich ist man geneigt, Sympathie zu empfinden für ein Opfer, das irgendwann zum Täter wurde. Manche behaupten jedoch, dass ihr Charakter ebenso manipulativ sei wie der ihrer Mutter - inwieweit das stimmt, kann und will ich allerdings nicht beantworten. Fest steht, dass es ein Mord war, welcher der jungen Frau ihre jetzige Popularität ermöglichte und dass sie nun die Aufmerksamkeit genießt, nach der ihre Mutter so gierig war. Allerdings muss man sich vor Augen rufen, dass Gypsy Rose wohl niemals richtig frei sein wird - von der Geiselhaft der Mutter über das Gefängnis geht es nun in den goldenen Käfig der Öffentlichkeit, ihr Image wird ewig von den Medien bestimmt werden.

Das Wort, das diese beiden Fälle wohl am präzisesten beschreibt, ist Selbstjustiz - der gleiche Akt, dem wohl auch der Anschlag auf Donald Trump vor ein paar Wochen zugrunde liegt. Auch hier ist man geneigt, zu bedauern, dass die dicke Orange den Anschlag überlebt hat - doch abgesehen davon, dass Mord niemals eine Option sein sollte, hätte es auch die Situation nicht verbessert, denn dann wäre er endgültig zum Märtyrer geworden, vielleicht hätte es gar einen Bürgerkrieg gegeben. Aber wie auch immer - Selbstjustiz ist nicht umsonst strafbar, denn sie missachtet das Gewaltmonopol des Staates. Nun sind wir natürlich alle Menschen - und der Wunsch nach Rache und Genugtuung eint uns zu einem gewissen Grad wohl alle. Doch das Verlangen nach Selbstjustiz läuft nicht nur dem Rechtsstaat zuwider, es ist auch gefährlich - sie erinnert an den Begriff des "gesunden Volksempfindens", welcher in wilhelminischer Zeit definiert wurde und die Grundlage der NS-Justiz bildete; im Allgemeinen wird damit eine konservative Grundhaltung bezeichnet, welche "Sitte" und "Anstand" definieren soll. Beliebt sind diese Begrifflichkeiten besonders bei solchen, die so tun, als seien ihre Behauptungen, so irrsinnig sie auch sein mögen, normale und richtige, eben "gesunde" Ansichten, welche in der Bevölkerung ihre Resonanz finden würden. Womit sich der Kreis wieder schließt: Fragen wir uns einmal, was geschehen würde, wenn jeder Recht und Unrecht nach seinem Gutdünken ausleben könnte - wie schnell Menschen ohne Beweise für ihre Schuld von einem wütenden Mob gelyncht werden würden, weil ihnen seine Nase nicht passt. Wir sehen jetzt schon, wie schnell gegen die Unschuldsvermutung gewettert wird, sobald man trotz fehlender Beweise beschlossen hat, eine Person für schuldig zu befinden. Entsprechend muss Selbstjustiz, so verständlich sie auch ist, auch strafbar bleiben - so schwer das manchmal auch hinzunehmen ist angesichts dessen, was Menschen einander antun.

Nun, meine Lieben, ich muss zugeben, ich habe diesen Blog ganz schön schleifen lassen - ich habe es einfach nicht geschafft, mich hinzusetzen und zu schreiben, obwohl ich es mir immer fest vorgenommen hatte. Es liegt nicht daran, dass ich keine Ideen hätte - ich hatte einfach nicht den Kopf, sie auch umzusetzen. Möglicherweise war ich doch ausgelaugter, als ich dachte - aber dennoch hoffe ich, dass ich mich nun öfter aufraffen kann, um wieder was zu schreiben. Bis hoffentlich bald also!

vousvoyez


Bachmeier: https://www.youtube.com/watch?v=PtEve0sBzK4

                    https://www.youtube.com/watch?v=PtEve0sBzK4

                    https://www.youtube.com/watch?v=JuqGl7myxwA

Blanchard: https://www.youtube.com/watch?v=aMB4capCeY8

                  https://www.youtube.com/watch?v=fud_p1KK4nQ

                  https://www.youtube.com/watch?v=MbTyER0-nj4

                  https://www.youtube.com/watch?v=eTqUV5xxDLA

Münchhausen by proxy: https://blackbox.podigee.io/2-blackbox-2-munchhausen-by-proxy

Donnerstag, 29. Februar 2024

Ich bin doch nicht bescheuert und laufe blind der Meinung der Medien hinterher - ich bin schlau, ich schau mir die Meinung der Medien an und laufe dann blind in die andere Richtung

© vousvoyez
Aber ich habe ja schon öfter über das Dilemma der Medienkompetenz gesprochen. Ein Medium, das uns unser Leben lang begleitet, ob wir wollen oder nicht, ist bekanntlich die Frauenzeitschrift - ob beim Friseur, im Zahnarzt-Wartezimmer, im Urlaub, in der Trafik oder im Supermarkt, wir finden sie überall. Und zwar weitaus häufiger als das gegengeschlechtliche Pendant, die Männerzeitschrift. Und ich frage mich gerade, ob es auch Zeitschriften für Leute gibt, die sich nicht einem dieser beiden Geschlechter zuordnen - wenn nicht, dann frage ich mich, warum sich noch keiner darüber aufgeregt hat! So geht's doch echt nicht!

In diesen geschlechtsspezifischen Zeitschriften steht eigentlich immer das gleiche - wobei ich mich naturgemäß eher mit Frauenzeitschriften auskenne, auch wenn ich schon ab und zu in der einen oder anderen Männerzeitschrift geblättert habe. Und das, obwohl ich noch nie auf die Idee gekommen bin, eine Frauenzeitschrift zu kaufen - aber natürlich bekommt man so einiges mit, wenn man die letzten Jahrzehnte nicht isoliert in einem Bergwerk gelebt hat. Daher weiß ich natürlich, was da drin steht: Artikel, die dir nahelegen, dass du dich so akzeptieren sollst, wie du bist, hinterher die besten Diät-Tipps und am Ende leckere Tortenrezepte. Wobei gefühlt jede Woche eine neue Diät beworben wird, die jetzt ganz sicher hilft, denn alle Stars schwören darauf! Denn wer reich und berühmt ist, muss sich natürlich ausgiebig damit beschäftigen, möglichst nicht zu essen. Immerhin muss man ja in das elegante Kleid passen, mit dem man über den roten Teppich schwebt, nicht wahr? Und weil ich hier nicht nur Trauer und Angst säen will, dachte ich mir, wir schauen uns mal gemeinsam ein paar verrückte Diäten an.

Schon seit der Antike beschäftigen sich Leute mit der richtigen Ernährungsweise - auch wenn das Wissen um den Zusammenhang von Gesundheit und Ernährung erst im 19. Jahrhundert allmählich an gesellschaftlicher Bedeutung gewann. Doch schon Hippocrates, der Vater der evidenzbasierten Medizin, erkannte die Gesundheitsschädigung durch Übergewicht, hatte allerdings sehr eigenwillige Methoden, um dies bei seinen Patienten zu bekämpfen: So empfahl er vor der ersten Mahlzeit des Tages einen langen Marsch und hinterher das Erbrechen. Naja, wenigstens hat er den Nutzen der Bewegung damals schon erkannt.

Frühe Diät-Ratgeber wie etwa Castel of Helth von Sir Thomas Elyot orientierten sich noch sehr an der antiken griechischen Vier-Säfte-Lehre, welche bis ins 18. Jahrhundert hinein allgemein anerkannt war, heute jedoch längst als wissenschaftlich überholt gilt. In der Frühen Neuzeit beschäftigte sich der italienische Humanist und Agronom Luigi Conaro in seinem Diätbuch La Vita Sobra mit der Reduktion der Nahrungsaufnahme zur Verbesserung der Gesundheit - so nahm er seit seinem 35. Lebensjahr nur noch 342 Gramm Nahrung pro Tag zu sich und trank dazu 400 ml Wein. Berichten zufolge soll er 102 Jahre alt geworden sein - wissenschaftliche Erkenntnisse, dass wenig Nahrung zu höherer Lebensdauer führen kann, gelangen jedoch bislang nur in Mäuseversuchen. Ich persönlich finde die Vorstellung, ständig hungrig zu sein und sich nie etwas zu gönnen, ehrlich gesagt nicht sehr attraktiv - besonders, wenn man dann auch noch über hundert Jahre alt werden soll. Da klingt der Vorschlag des Arztes Thomas Short noch wesentlich attraktiver: Er behauptete in seiner Abhandlung The Causes and Effects of Corpulence, dass Menschen mit Übergewicht in der Nähe von Sümpfen lebten, weshalb er ihnen riet, vom Sumpf wegzuziehen. Das Problem ist halt, dass sich in meiner Nähe weit und breit kein Sumpf befindet - Mist! Dann muss ich es wohl doch mit heißem Sand probieren - damals glaubte man nämlich, dass man, wenn man sich damit besprüht, Fett ausschwitzt und so Gewicht verliert. Leider ist das einzige, was man bei dieser Methode verliert, Wasser - sprich, sobald man selbiges wieder zu sich nimmt, ist es aus mit der schlanken Zukunft.

Ein früher prominenter Diät-Anhänger war der britische Schriftsteller und Dichter Lord Byron, welcher sich sehr ausführlich damit beschäftigte, Gewicht zu verlieren - er ernährte sich fast ausschließlich von Sodawasser und Keksen plus große Mengen puren Essigs, was ihm allerdings Magenprobleme bescherte (mir zieht sich schon bei dem Gedanken daran innerlich alles zusammen). Sehr alt wurde er in der Tat nicht: Im Alter von 36 Jahren starb er an den Folgen eines medizinischen Aderlasses - es hat schon seine Gründe, warum jener heutzutage nicht mehr so inflationär angewendet wird wie damals. Auch heute wird Apfelessig übrigens noch als Hilfsmittel zum Abnehmen angepriesen - Beweise dafür, dass es wirklich so ist, gibt es aber keine. Trotzdem gebe ich vorsichtshalber immer ein wenig Essig in meinen Salat - ich Fuchs ich! Der Diätwahn bei Schriftstellern war übrigens wohl eine Zeitlang ein richtiger Trend: So waren etwa Franz Kafka und Henry James im frühen 20. Jahrhundert Anhänger der Lehren des amerikanischen Ernährungsreformers Horace Fletcher, welcher das gründliche Kauen von Nahrungsmitteln propagierte. Nun gehört gründliches Kauen ja bis heute zu den beliebten Methoden, die Nahrungsaufnahme zu entschleunigen und auf diese Weise automatisch zu reduzieren - allerdings empfahl Fletcher, Nahrungsrückstände, die sich nicht verflüssigen lassen, wieder auszuspucken, was einem dann doch ein wenig übertrieben erscheint.

Ein früher Verfechter von Mäßigung und Vegetarismus war übrigens der illustre Namensgeber des Grahamweckerls - der amerikanische presbyterianische Pfarrer Sylvester Graham. Er propagierte sowohl Mäßigung als auch sexuelle Enthaltsamkeit und predigte den Verzicht auf Fleisch, Zucker und Gewürze zur Einschränkung der Libido - seine Behauptung, dass Onanieren blind mache, hat sich ja bekanntlich sehr lange gehalten. Wem das zu mühsam war, der konnte auf Gummi-Unterwäsche zurückgreifen - diese hielt nicht nur lästige Fettpölsterchen zumindest optisch in Form, sondern war auch ordentlich schweißtreibend. Und bekanntlich glaubte man früher ja, dass dies die Fettpölsterchen zum Schmelzen bringe - auch wenn es nur zu Wasserverlust führt. Der größte Nachteil war neben dem sicher nicht angenehmen Körpergeruch allerdings auch, dass die verschwitzte Wäsche Hautirritationen und Infektionen hervorrief - kein Wunder!

Wem der Verzicht auf fettige und zuckerhaltige Lebensmittel generell eher schwer fällt, der ist natürlich empfänglicher für allerlei Wunderpillen und -tränke - diese waren bereits im 19. Jahrhundert erhältlich, enthielten damals jedoch häufig Spuren von Arsen oder Strychnin. Das heißt, sie konnten einen im blödesten Fall langfristig nicht nur von Kilos, sondern gleich vom Leben erleichtern. Da wirkt die Überzeugung des Arztes Dr. John Harvey Kellogg, dass möglichst langweilige Lebensmittel die Lust am Essen generell zügelten, schon beinahe sympathisch - dieser erfand Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit seinem Bruder Will Keith die Cornflakes als Alternative für das reichhaltige Frühstück, welches damals in den USA nach englischem Vorbild üblich war. Allerdings zerstritten sich die Brüder, als Will Keith es 1906 wagte, die berühmten Frühstücksflocken mit Zucker schmackhafter zu machen. Übrigens erfand Kellogg nicht nur die Cornflakes, sondern auch die Erdnussbutter sowie Ersatzprodukte für Fleisch und Kaffee. Eine eher eklige Idee, die mich übrigens 2014 zu meinem berühmten Acryl-Kunstwerk Die Bandwurmfamilie inspirierte, welches das Bild zu meinem Artikel darstellt, stammt aus der Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert): Damals verkaufte man in den USA Pillen, die Bandwürmer enthielten - die Vorstellung war, dass diese alle Kalorien aufzehren, bevor sie ihren Wirt dick machen können. Leider ist das nicht das einzige, was diese possierlichen Tierchen bewirken - der Verkauf der Pillen wurde verboten, nachdem diejenigen, die sie eingenommen hatten, Beschwerden wie Krampfanfälle, Hirnhautentzündungen oder Zysten im Gehirn zu beklagen hatten. Also doch nix mit dem neuen Mitesser! Einen besonders perfiden Ratschlag hatte in den 1920er Jahren übrigens die Zigarettenmarke Lucky Strike in petto - in einem Werbeslogan riet sie dazu, statt zu einem ungesunden Bonbon zu ihren würzigen Glimmstängeln zu greifen. Äääääähm ... ja, da fällt selbst mir nichts mehr ein.

In den 1920er Jahren erklärte der amerikanische Bodybuilder Bernarr Macfadden seine körperliche Fitness damit, dass er sich ausschließlich von Milch ernähre. Tatsächlich galt Milch bis vor nicht allzu langer Zeit noch als wahres Wunder-Nahrungsmittel, von dem man nie genug konsumieren könne - selbst die ungesündesten Produkte klangen in der Werbung supergesund, wenn man ihren Milchgehalt hervorhob. Inzwischen ist die Frage, ob man überhaupt das Recht habe, Tiermilch zu sich zu nehmen, allerdings zu einer hitzigen Grundsatzdiskussion verkommen - neben dem fragwürdigen gesundheitlichen Aspekt wird oft auch die Klimaschädlichkeit und Tierfeindlichkeit des Milchverzehrs diskutiert. Ein weiteres Diät-Wundermittel, das in den 1930ern erstmals propagiert wurde und sich in den 1950ern als "Hollywood-Diät" etablierte, war die Grapefruit - diese soll nach damaliger Überzeugung ein spezielles, Fett verbrennendes Enzym besitzen, weshalb man zu jeder Mahlzeit eine essen soll. Heute vermutet man, dass der hohe Wasseranteil dieser Zitrusfrucht als natürlicher Appetitzügler fungiert - ob das wirklich stimmt, kann ich allerdings nicht sagen.

Neben Arzneimitteln gibt es natürlich schon seit längerem allerlei andere "Tools", welche Gewichtsverlust versprechen, ohne sich besonders anstrengen zu müssen - so gab es in den 1930er Jahren eine Seife, die bei ihrer Anwendung Gewichtsverlust versprach. Noch heute findet man beim Googlen allerlei Seifen, die Fettverbrennung oder die Reduktion von Cellulite versprechen. Dass das jemals geholfen hat, wage ich allerdings stark zu bezweifeln. Manchmal gab es Angebote im Teleshopping, die mich sehr amüsiert haben - etwa die schlank machende Hautcreme, das Schlankheitsbad oder die Kräuterpillen für die Bikinifigur. In den 1950er Jahren kam außerdem das Vibationsband in Mode, welches neben verbessertem Stoffwechsel, mehr Energie und Muskelentspannung auch Gewichtsverlust versprach - leider eine Behauptung ohne Substanz. Ich erinnere mich auch noch an diesen Vibrationsgürtel, mit dem man einfach und bequem zum Waschbrettbauch kommen sollte. Naja, wenigstens die Videos sahen lustig aus.

Die Krautsuppendiät kam ebenfalls in den 1950ern auf, ist aber immer wieder mal im Trend - ich kann mich noch mit meiner Nase daran erinnern. Dabei ernährt man sich über mehrere Tage hinweg größtenteils von einer minestroneartigen Krautsuppe und darf dann nach und nach zusätzlich auch noch andere Lebensmittel essen. In meinem Umfeld schlossen sich vor allem Mütter, darunter auch meine, diesem Trend an, um ein paar Kilos zu verlieren - das Resultat sind jedoch Blähungen, Kreislaufprobleme und Lethargie, darüber hinaus gewöhnt sich der Körper mit der Zeit auch an diese Ernährung, was die Effektivität reduziert.

In den 1960er Jahren löste die makrobiotische Ernährungslehre nach Georges Oshawa vor allem in Hippie-Kreisen einen Hype aus - prominente Verfechter der Makrobiotik waren etwa John Lennon und Yoko Ono. Oshawa entwickelte diese Ernährungsphilosophie Anfang des 20. Jahrhunderts, die sich vor allem an den taoistischen Konzepten des Yin und Yang orientierte und nach strengen Regeln funktioniert - und sehr viel Esoterik beinhaltet, zu der ich ja bekanntlich ein tief sitzendes Misstrauen hege. Und das nicht ohne Grund: Auch Oshawas Lehre beinhaltet gefährliche Schwurbelei, etwa die Behauptung, man könne alle Krankheiten durch die richtige Ernährung heilen - so propagierte der Ernährungswissenschaftler Michio Kushi in den 1980er Jahren die Vorbeugung und Heilung von AIDS durch makrobiotische Ernährungsweise, während Oshawa selbst die Existenz von Viren und Bakterien leugnete. Die Grundlage der makrobiotischen Ernährung bilden vor allem Vollkornprodukte und ungeschälter Reis, außerdem Hülsenfrüchte, Soja und Algen, gegessen wird hauptsächlich regional und saisonal; zu meiden sind vor allem Zucker, Milchprodukte, Alkohol, Koffein, Fleisch und verarbeitete Lebensmittel, außerdem bestimmte Obst- und Gemüsesorten. Natürlich hat die makrobiotische Ernährungsweise gewisse Vorteile - etwa den Verzicht auf Alkohol und Zucker sowie die Entwicklung eines gesunden Körpergefühls -, allerdings kann die doch sehr willkürliche Auswahl erlaubter Lebensmittel zu Mangelerscheinungen führen, weshalb diese Diät vor allem für Kinder ungeeignet ist. Außerdem ist die Annahme, man könne mit dieser Ernährung alle Krankheiten heilen, nicht nur falsch, sondern auch gefährlich - und für mich Grund genug, die Finger von einer solchen Philosophie zu lassen.

Um 1970 wurde eine Abnehm-Methode populär, die unter anderem auch Elvis Presley praktiziert haben soll: die "Dornröschen-Diät". Für Faultiere wie mich klingt das erst mal perfekt: Wer viel schläft, hat wenig Zeit zum Fressen, also schlaf dich schlank! Dem damaligen Trend folgend, wurde dafür auch mit einem haarsträubenden Cocktail aus stark abhängig machenden Schlaftabletten und Beruhigungsmitteln nachgeholfen. Und obwohl auch der rein quantitative Erfolg bis heute nicht nachgewiesen werden kann, taucht dieser Trend tatsächlich bis heute immer wieder auf. Nun ist es ja keineswegs falsch, dass ausreichend Schlaf durchaus zu einem gesunden Lebensstil dazugehört - Anhänger der Dornröschen-Diät versetzen sich jedoch in einen bis zu 20 Stunden dauernden Medikamentenschlaf. Zudem ist die daraus resultierende soziale Isolation ein Indikator für psychische Erkrankungen wie Depressionen, welche wiederum zu Essstörungen führen können. Kein Wunder also, dass die Dornröschen-Diät vor allem in diversen Pro-Ana-Kreisen sehr beliebt ist.

1977 gründete Sim Daniel Abraham die Marke Slim-Fast, welche vor allem Shakes in Pulverform zum Anrühren, mittlerweile aber auch Riegel herstellt, welche ganze Mahlzeiten ersetzen sollen. Dies kommt wohl vor allem den coolen Influencern und vor allem Innen zugute, welche laut ihrer Tutorials ohnehin keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen: Trotz der Warnung vor dem drohenden Jo-Jo-Effekt ist diese nicht sehr preiswerte Methode also heute noch hoch im Kurs. In den 1980er Jahren machte jedoch ein New-York-Times-Bestseller die sogenannte "Beverly-Hills-Diät" bekannt: The Beverly Hills Diet der amerikanischen Autorin Judy Mazel. Diese propagierte ein Sechs-Wochen-Programm, in dem nur bestimmte Lebensmittel in bestimmten Kombinationen gegessen werden dürfen. Schon damals wurde sie jedoch stark kritisiert, da sie komplett nachgewiesenen medizinischen Erkenntnissen widerspräche und darüber hinaus zu Mangelerscheinungen sowie immensem Wasserverlust führen könnte. Ebenfalls in den 1980ern kam die "Steinzeitdiät" auf, die vor kurzem unter dem Namen "Paleo-Diät" wieder auftauchte - diese propagiert die Ernährungsweise unserer evolutionären Vorfahren und empfiehlt, nur Lebensmittel zu essen, welche schon zu Höhlenmenschen-Zeiten verfügbar waren, also Obst, Gemüse, Nüsse, Fleisch und Wurzeln. Ganz abgesehen davon, dass diese Ernährung sowohl zeitaufwändig als auch unausgewogen ist, ist auch unsere Lebensweise heute eine ganz andere als im Paläolithikum, und darüber hinaus kann man die damaligen Erzeugnisse der Natur nicht mit unseren bis heute kultivierten Rohstoffen vergleichen.

In den 1990er Jahren trendete die Angst vor dem bösen Fett, nachdem die Verbindung zwischen Cholesterin und Herzkrankheiten nachgewiesen worden war. Vor allem die Snack-Industrie sprang auf den Hype auf und warb mit Low-Fat- bzw. Light-Versionen beliebter Produkte - da der Geschmack aber bei diesen Snacks vor allem im Fett liegt, musste der fehlende Geschmack durch Zusatz von Zucker, Salz oder Maissirup ausgeglichen werden, was bekanntlich zu ganz anderen Problemen führt. Um 2000 herum war dann die Rohkost-Diät im Trend, die vor allem kochfaulen Sex-and-the-City-Tussis zugute kam, da sie auf der Annahme basiert, dass ungekochtes Essen für den Körper am Gesündesten sei. Allerdings neigten dabei natürlich viele Rohköstler zur Übertreibung - so kann der Verzehr von rohem Fleisch durch Keime potenziell gefährlich werden. Auch Saftkuren sind immer wieder mal beliebt, beispielsweise unter Trendwörtern wie "Cleansing": Dabei werden über mehrere Tagen alle Mahlzeiten durch Säfte ersetzt, die angeblich nicht nur Vitaminbomben sind, sondern auch den Darm reinigen und den Körper von Schadstoffen befreien sollen. Häufig sollen dafür natürlich spezielle, überteuerte Säfte gekauft werden - man muss ja die Industrie ankurbeln! Nun wissen wir ja mittlerweile, dass es so etwas wie "Schlacken", also ungewollte Schadstoffe, die man aktiv aus dem Körper herausbekommen muss, nicht gibt - alles, was man für eine Entgiftung braucht, sind gesunde Organe wie Leber und Nieren. Natürlich führt eine Saftkur auch zu vorübergehendem Gewichtsverlust - allerdings verliert man dabei natürlich hauptsächlich Wasser. Wer also rein aus Prinzip ein paar Safttage einlegen will, kann das ruhig machen - allerdings solltet ihr euch davon keine Wunder versprechen.

Eine ziemlich skurrile Art, trotz Nährstoffmangel ein Sättigungsgefühl vorzutäuschen, wurde in den 2010er Jahren vor allem in Online-Chats propagiert: das Schlucken von Wattebäuschen, die zuvor in Wasser oder kalorienarmen Fruchtsaft getaucht wurden. Da die Watte unverdaulich ist, liefert sie keine zusätzlichen Kalorien, dafür dämpfen sie das Hungergefühl. Allerdings enthalten nur die teuersten Marken reine Baumwolle - billigere Produkte bestehen aus chemisch gebleichtem Polyester mit vielen Chemikalien und einem Haufen Mikroplastik. Doch nicht nur das - der Verzehr von Watte kann zu einer Verstopfung des Magen-Darm-Trakt führen, was mitunter lebensbedrohlich sein kann. Sehr beliebt ist der Verzehr von Watte vor allem bei Personen, die aus beruflichen Gründen schlank bleiben müssen, beispielsweise Models - aber auch bei Menschen, deren Selbstwertgefühl von einem möglichst niedrigen Gewicht abhängt.

Ein weiteres, rein esoterisches Konzept, um die Nahrungsaufnahme zu reduzieren oder gar ganz einzustellen, ist der sogenannte "Breatharianism", welcher suggeriert, dass der Mensch notwendige Nährstoffe ausschließlich aus Licht beziehen könne. Da der Verzicht auf feste und flüssige Nahrung über einen längeren Zeitraum hinweg jedoch bekanntlich kein gutes Ende nimmt, gibt es unter Gläubigen bereits mehrere Todesopfer. Zudem ist nicht ganz klar, was Anhänger des "Lichtfastens" überhaupt meinen, wenn sie von "Lichtnahrung" sprechen. Als Argument wird häufig auch die pflanzliche Photosynthese angeführt - ohne zu bedenken, dass Menschen nun mal keine Pflanzen sind und mangels Chlorophyll daher auch gar nicht zu Photosynthese fähig sind. Zudem ist die Behauptung derer, die erzählen, sie hätten sich seit soundsovielen Jahren nur von Licht ernährt, entweder unbelegt oder sogar widerlegt - die Leute, die diese Anweisung wörtlich nahmen und das "Lichtfasten" durchzogen, haben nicht überlebt - bekannte Fälle sind etwa der 31jährige Münchner Timo Degen, der 1997 nach zwölf Hungertagen ins Koma fiel und sich dabei tödliche Kopfverletzungen zuzog sowie der 22jährige Hamburger Finn Bogumil, welcher den pseudowissenschaftlichen Dokumentarfilm Am Anfang war das Licht gesehen hatte und Ende 2017 auf der karibischen Insel Dominica verhungerte. Und wenn das wirklich funktionieren würde, warum gibt es auf dieser Welt überhaupt Hungerkatastrophen?

Es ist nun schon gut hundert Jahre her, dass die  meisten Frauen aufgehört haben, ihre Oberkörper in möglichst enge Korsetts zu schnüren, um die lange Zeit beliebte "Sanduhrfigur" zu pflegen - ganz aufgehört hat diese Methode, eine möglichst schmale Taille zu erhalten, jedoch nie: So wurde auf Instagram vor einigen Jahren der sogenannte "Waist Trainer" populär, der im Prinzip nichts anderes ist als ein modernes Korsett und der vor allem von den Kardashian-Schwestern, die ja schon seit längerem als figürliches Vorbild gelten, angepriesen wurde. Auch er schürte die Hoffnung, eine möglichst schmale Taille zu zaubern - kann aber, genauso wie frühere Korsetts, zu einer Schädigung der Organe führen. Zudem darf man auch nicht vergessen, dass die Kardashians ihre berühmten Figuren sowohl durch hartes Training als auch durch operative Nachhilfe geformt haben.

Ein sehr bedenklicher Trend geht momentan jedoch in Richtung "Abnehmspritze" - klingt doch himmlisch, nicht wahr? Anstatt mühsam an sich selbst zu arbeiten, einfach nur Ozempic bzw. Wegovy spritzen lassen - und schon purzeln die Kilos! Tja, wenn es so einfach wäre - nicht nur, dass Leute sich bedenkenlos ein Präparat spritzen lassen, ohne sich über die Nebenwirkungen Gedanken machen, während noch kürzlich wegen einer gewissen Impfung endlos herumgeheult wurde: Man nimmt auch Diabetes-Patienten ein Medikament weg, das ihnen das Leben erheblich erleichtert, nur damit man in das schicke neue Kleid passt. Darüber hinaus wird häufig verschwiegen, dass die "Abnehmspritze" zwar auch bei Adipositas-Patienten angewendet wird, aber nur in Verbindung mit gesünderer Ernährung und mehr Sport zu nachhaltigem Erfolg führt. Stattdessen greifen vor allem Celebrities ohne wesentliches Übergewicht vermehrt zu dem angeblichen Wundermittel - und wundern sich (Wortspiel, haha!), dass ihnen davon schlecht wird. Ich verstehe, wenn man bei sehr adipösen Patienten auf solche Mittel zurückgreift, aber kranken Menschen die Medikamente wegnehmen, um mal so easy peasy ein paar überflüssige Pfunde loszuwerden - dafür fehlt mir dann doch die Toleranz.

Ihr erkennt also - es führt kein Weg an einer langfristigen Umstellung des Lebensstils vorbei, leider! Und ganz ehrlich - viele dieser Diäten klingen doch nicht wirklich gesund oder attraktiv, findet ihr nicht? Nun möchte ich mich für heute verabschieden und hoffe, dass wir uns bald wieder lesen - und fangt inzwischen keine komische Diät an! Bon voyage!

vousvoyez

Dienstag, 21. Februar 2023

Geisterspiele sind wie Pornos im Radio

Foto von Adrian "Rosco" Stef auf Unsplash

Nun - die Zeiten von Lockdowns und Geisterspielen sind zum Glück vorbei, und so habe ich mir auch eine kleine Schreibpause gegönnt. Tatsächlich ist inzwischen so viel passiert, dass ich theoretisch haufenweise neue Artikel hätte schreiben können: Wer hat jetzt mit Böllern geschossen, Hans und Ingrid oder Mohammed und Ali? Ist man nach dem Abriss von Lützerath auf Gold gestoßen oder wagt es die junge Generation immer noch, eine Zukunft zu wollen? War Waldhäusls Ausrutscher gegen Jugendliche mit Migrationshintergrund vielleicht doch nur den vergessenen Tabletten geschuldet? Ist Dieter Bohlen einmal zu oft gegen Katja Krasavices Plastikbusen gelaufen? Darf man in der Nähe eines Museums noch Paradeissuppe oder Erdäpfelpüree essen? Und warum habe ich jetzt plötzlich Appetit auf Pannonische Paradeissuppe? All diese Fragen quälen uns jetzt seit nunmehr fast zwei Monaten, und ehrlich gesagt fehlt mir aktuell die Zeit und Lust, darauf einzugehen - es gibt andere, die das weitaus gründlicher aufgearbeitet haben als ich. Ein Thema gibt es jedoch, das ich trotzdem noch besprechen muss - passend zu meinem Artikel über Frauen vom Dezember letzten Jahres.

Wie für Frauen, so gibt es auch für Männer in den bereits erwähnten Teenie-Filmen meiner Jugend die üblichen Klischee-Figuren. Generell werden männlichen Charakteren zwar weitaus mehr Facetten zugestanden als weiblichen - sie werden aber Männern im realen Leben meist ebenso wenig gerecht wie die anderen den Frauen. Ich möchte mich hier aber vor allem auf zwei konzentrieren - nämlich auf der einen Seite den Checker und auf der anderen den Nice Guy. Der Checker sieht gut aus und ist sportlich - häufig ist er der Star irgendeiner Schulmannschaft, beispielsweise der Quarterback im Footballteam. Er ist sich seiner Attraktivität bewusst und gibt sich daher gern arrogant und selbstverliebt. Die Mädels reißen sich um ihn, obwohl er sie wie Dreck behandelt - meist umgibt er sich mit jenen gemeinen Tussis, die ich in meinem anderen Artikel schon erwähnt habe. Auf der anderen Seite ist da der nice guy, heute teilweise auch als Pick-me-Boy bezeichnet - und es ist kein Zufall, dass dieser Name an das bereits angesprochene Pick-me-Girl erinnert. Die beiden haben nämlich eines gemeinsam: Sie müssen bei jeder Gelegenheit herausstreichen, dass sie anders sind als die anderen. Denn der Nice Guy ist nett! Was? Moment ...

Irgendwie ist es auffällig, dass jemand gerade durch etwas ausgezeichnet wird, das eigentlich selbstverständlich sein sollte - und dass in den Filmen und Serien mit den Nice Guys nie in Frage gestellt wird, warum es einen Extra-Applaus verdienen soll, Frauen Anstand und Respekt entgegenzubringen. Dies suggeriert im Prinzip nur, dass es normal ist, scheiße zu Frauen zu sein - ja, dass sie es sogar wollen, schließlich landet der Nice Guy ja bevorzugt in der "Friendzone". Auf diese Weise wird gerne ausgeklammert, dass auch der Nice Guy eigentlich nur das eine will - denn er glaubt, ein Anrecht auf die Liebe einer Frau zu haben, indem er nett zu ihr ist, und wundert sich hinterher, dass man Liebe nicht erzwingen kann.

Das Problem ist, dass wir es gewöhnt sind, Pop- und Filmkultur ins echte Leben zu projizieren: Denn selbstverständlich teilt sich die männliche (hetero-normative) Weltbevölkerung keineswegs so plakativ in nette Kerle und Arschlöcher auf, wie uns diese suggeriert. Und so vergisst man gerne, dass Filme und Serien häufig gegen das verstoßen, was im echten Leben zu den Regeln des Anstands gehört - und so bekommt der Nice Guy am Ende der romantischen Komödie selbstverständlich doch seine Traumfrau, weil er von Anfang an der Richtige war und nicht aufgegeben hat. Und ja - natürlich muss man in Liebe auch Zeit und Mühe investieren, aber im echten Leben verliebt sich eine Frau nicht ganz plötzlich in den Typen, der ihr ständig hinterherläuft, obwohl sie ihm schon klargemacht hat, dass sie nichts von ihm will. Im Film mag das vielleicht romantisch sein - ich kann aber aus eigener Erfahrung sagen, dass das im echten Leben eher beängstigend ist. Hinzu kommt, dass dieses problematische Verhalten oft nicht ernst genommen wird, wenn die Person nicht dem Bild des üblichen Machos entspricht. Das bedeutet übrigens nicht, dass uns solche Filme und Serien nicht weiterhin gefallen dürfen - solange wir uns darüber im Klaren sind, dass sie nichts mit der Realität zu tun haben, ist alles gut.

Halten wir also fest - der Nice Guy ist in Wirklichkeit gar nicht so nice, wie er dargestellt wird. Wäre er das nämlich, dann würde er akzeptieren, dass Frauen autonome Wesen sind, die sich ihre Partner selbst aussuchen. Stattdessen hält er an einem antiquierten Frauenbild fest, laut dem wir alle zu dumm sind, um zu erkennen, was gut für uns ist - aber der Nice Guy, der weiß das, und deshalb muss er uns vor uns selbst schützen! Komisch nur, dass er, sobald er mit Zurückweisung konfrontiert wird, häufig zu genau dem Typ Mann wird, vor dem er die Frau doch so fürsorglich schützen will!

Aus dem Charakter des Nice Guy, der nie zum Zug kommt, obwohl er doch immer so nett ist, erwächst im echten Leben daher häufig etwas viel Gefährlicheres - wenn er nämlich nicht irgendwann auf die Idee kommt, sich selbst zu hinterfragen, ist er möglicherweise irgendwann einmal überzeugt davon, dass selbstverständlich nur die Frauen daran schuld sind, dass seine sexuellen Bedürfnisse nicht erfüllt werden, und dass sie daher schlecht behandelt werden müssen. Und leider wächst die Anzahl solcher enttäuschten Gestalten im Netz immer mehr. Ich habe mich ja schon vor Jahren mal so am Rande mit dem Thema Incels beschäftigt - heterosexuelle Männer mit einem sehr hegemonialen Geschlechterbild, die ihr Recht auf Sex für naturgegeben halten, sich aber gleichzeitig als Verlierer der heutigen Gesellschaft sehen. Ihrer Meinung nach ist der Feminismus schuld, dass sie keinen Sex bekommen, weil dieser die Frauen zu anspruchsvoll gemacht habe - deshalb hätten nur noch attraktive, erfolgreiche Männer eine Chance. Und so treffen sich die Zukurzgekommenen in Internet-Foren, um ihrem Hass und ihren Gewaltphantasien zu frönen und sich in ihr Selbstmitleid reinzusteigern. Häufig sind Männer aus der Szene auch anfällig für rechtsnationale Bewegungen, die bekanntlich ebenfalls ein sehr antiquiertes Männer- und Frauenbild vertreten. Interessant ist auch, dass die Herren, obwohl sie sich ständig über die Oberflächlichkeit der Frauen beschweren, selbst auch nicht besser sind: Sie wünschen sich junge, attraktive Frauen und zögern auch nicht, über das Äußere derer herzuziehen, die ihnen nicht passen.

Diese Form der Misogynie hat einen ganzen Berufszweig hervorgebracht - nämlich der des Coaches für Männer, ein Trend, der seit einigen Jahren um sich greift. Meist entschließen sich Influencer, die anfangen, irrelevant zu werden, irgendwann einmal dazu, "Coach" zu werden, um ihre Karriere zu retten und in Dubai auf dicke Hose machen zu können. Sie versprechen dir, mit einfachen Methoden sehr schnell sehr reich zu werden - die einzigen, die davon profitieren, sind jedoch in Wirklichkeit nur sie selbst. In dieser Welt sind Frauen lediglich ein Accessoire, das genauso käuflich ist wie der Ferrari. Und so finden auch Pick-up-Artists hier großen Anklang - Coaches, die Flirttipps zu ihrem Business gemacht haben. Sie definieren, wie eine Frau zu sein hat, nämlich jung, attraktiv und unterwürfig. Und so werden längst überholte, rein binäre Geschlechterrollen in die Gegenwart geholt - jene, in der "Männer noch Männer" sind, die bejubelt werden, wenn sie viele Sexualpartnerinnen hatten, während Frauen, die dasselbe tun, alle "Schlampen" sind; in dem nur das eigene Vergnügen zählt und alles erlaubt ist, um es zu bekommen. Mit so einem Frauenbild gehen übrigens auch häufig Klassismus und Homophobie einher - denn ein Mann ist selbst schuld, wenn er keinen finanziellen Erfolg hat und Homosexuelle sind keine "echten Männer" und eine Bedrohung für die Männlichkeit. Darüber hinaus hat der Mann ständig den Macho raushängen zu lassen, denn ansonsten wird die Frau ihn eines Tages verlassen, weil er ihr nicht mehr männlich genug ist - denn in Wirklichkeit will sie ständig mit Verboten und besitzergreifendem Verhalten kontrolliert werden. Dass sie sich herausnehmen dürften, eine eigene Meinung zu haben, haben ihnen ja nur die bösen Kampflesben eingeredet. Man sieht ja, was dabei herausgekommen ist: Gender-Gaga, alle Männer werden schwul und am Ende nehmen ihnen die Ausländer auch noch die Frauen weg! Und dabei müssten sie doch nur mal von einem richtigen Mann durchgenudelt werden - dann würden ihnen die Zicken rasch wieder vergehen!

Ihr seht schon - solche "Coaches" sind in Wirklichkeit nicht daran interessiert, echte Hilfe zu leisten für Männer, die vielleicht nicht so selbstbewusst und entschlossen sind und möglicherweise tatsächlich schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht haben. Es geht ihnen lediglich darum, sich selbst aufzuwerten, indem sie andere herabsetzen. Es kommt nicht von ungefähr, dass viele von ihnen vor allem sehr junge, unerfahrene Frauen in ihrem Beuteschema bevorzugen - denn die sind leichter zu manipulieren. Und so befolgen etliche enttäuschte junge Männer deren Tipps und wundern sich, dass sie damit keinen Erfolg haben.

Ein sehr prominentes Beispiel eines solchen "Coaches" ist der Fall Andrew Tate, der im letzten Jahr zum wohl meistgehassten Mann im Internet wurde. Der ehemalige Kickbox-Champion war allerdings schon länger als Provokateur bekannt: Im Jahr 2015 wurde er bereits zweimal wegen Verdachts auf Körperverletzung und Vergewaltigung festgenommen, aus unerfindlichen Gründen kam es jedoch nie zu einer Anzeige. Im Jahr darauf war er Kandidat im britischen Big Brother, wurde aber nach fünf Tagen hinausgeworfen, nachdem ein Video an die Öffentlichkeit geriet, in dem er eine Frau mit einem Gürtel verdrosch. Anschließend begann er eine steile Karriere als Influencer, der auf  YouTube, Twitch, Twitter, Instagram und Tik Tok Follower in Millionenhöhe generierte. Hier verbreitete er seine misogynen Ansichten, umgab sich mit Luxusartikeln und erzählte ständig, wie geil er nicht war. Außerdem äußerte er sich laufend homophob und rassistisch, erklärte Depressionen für "nicht real" und bewegte sich gern in rechtsextremen und verschwörungsideologischen Kreisen, auf deren alternativen Plattformen er seine Reichweite noch erhöhen konnte. An seiner Fangemeinde, die hauptsächlich aus jungen, abgehängten Männern bestand, verdiente er sich eine goldene Nase - und zwar mit Hilfe seiner sogenannten Hustlers University, einer Plattform, über die er kostenpflichtige Kurse anbot, die ihnen versprachen, so reich zu werden wie er.  Zusätzlich erhielten Teilnehmer Prämien für das Anwerben von Neukunden - das bekannte Schneeballsystem, welches letztendlich nur einem etwas nützte, nämlich Tate selbst.

Mit der Zeit wurde es Tate jedoch allmählich zu ungemütlich in Großbritannien - die verlangten doch tatsächlich von ihm, dass er sich wie alle anderen auch an Gesetze zu halten habe! Und so zog er 2017, im selben Jahr, als auch sein Twitter-Account gesperrt wurde, zusammen mit seinem Bruder Tristan nach Rumänien, wo die Strafverfolgung für Sexualdelikte weitaus weniger konsequent ist als in Großbritannien und den USA - mittlerweile ist bekannt, dass er den Großteil seines Vermögens aus Steuerflucht, Casinos, Betrug, Zuhälterei und Menschenhandel generierte. Im April letzten Jahres wurde Tristan Tates Villa wegen Verdachts auf Entführung und Gefangenhaltung durchsucht, im Laufe der nächsten Monate wurden die Ermittlungen gegen die Tate-Brüder durch den Verdacht auf Menschenhandel ausgeweitet. Andrew Tate indessen zeigte weder Angst noch Reue - nachdem Elon Musk Twitter gekauft und einige fragwürdige Accounts, darunter auch den von Tate, freigeschaltet habe, begann dieser, vor Greta Thunberg, die ihn offenbar ein besonderer Dorn im Auge war, mit seinen vielen umweltschädlichen Autos anzugeben. Nach einem gut gezielten Konter ihrerseits, der mittlerweile Legendenstatus erreicht hat, meldete er sich mit einem Video zurück, das ihn in holzvertäfelter Umgebung zeigte, eine Zigarre schmauchend und über die junge Schwedin herziehend. Gleich darauf werden ihm zwei Pizza-Schachteln aus garantiert nicht recyceltem Karton überreicht - auf dem nicht nur der Name, sondern auch der QR-Code der Pizzeria stand. Kurz darauf wurden Andrew und Tristan Tate festgenommen. Ob Gretas gut gezielter Tweet für die Inhaftierung der beiden gesorgt hat, kann man nicht wirklich bestätigen - die Tate-Brüder hielten sich bereits seit fünf Jahren in Rumänien auf, und man hätte sie mit Sicherheit schon längst aufspüren und verhaften können -, aber dieser Zufall ist doch bemerkenswert. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Tate seine moralische Verkommenheit nicht nur durch seine Taten bewiesen hat, sondern auch dadurch, dass er vor er Kamera damit angab. Das Problem dabei ist, dass er viele leichtgläubige Fans damit generierte, die sich möglicherweise davon beeinflussen lassen.

Warum aber kommt jemand wie Andrew Tate in einer Gesellschaft wie der unseren in so eine Position? Nun, selbstverständlich ist jeder, der so einem Typen nachrennt, selbst für sein Handeln verantwortlich, aber eines kommt in der Debatte immer zu kurz: Nämlich, dass in einer zunehmend feministischer werdenden Gesellschaft auch der Mann sich neu definieren muss. Ich entstamme einer Generation, in der geschlechtsspezifische Erziehung noch sehr stereotyp ablief: Während Mädchen lieb und nett sein mussten, brachte man Jungen bei, hart, durchsetzungsfähig und erfolgreich zu sein - und keine Gefühle zu zeigen. Sex wird als Attribut des Erfolges gewertet, Unsicherheit mit Hohn bestraft, das Annehmen von Hilfe als Schwäche ausgelegt. Wen wundert es also, dass die Suizidrate bei Männern höher ist als bei Frauen, ebenso wie die Suchtrate, dass diese aber trotzdem seltener psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Dass Frauen, denen sexuelle Gewalt widerfährt, eine gewisse Mitschuld geben will, ist nicht nur frauen-, sondern auch männerfeindlich - denn Männer werden so zu unkontrollierbaren Treibwesen degradiert, die sofort ausflippen, wenn sie eine Frau im kurzen Rock sehen. Männer, die Andrew Tate und Konsorten nachlaufen, verstehen nicht, dass ihr Verhalten fremdbestimmt ist - denn diese zementieren genau das Männerbild, das sie so unter Druck setzt.

Was häufig ausgeblendet wird, ist, dass durchaus auch Männer Opfer von psychischer und physischer Gewalt sein können - und selbst wenn dies weniger häufig passiert als bei Frauen, so ist es doch notwendig, darüber zu sprechen. Und zwar gerade deswegen, weil sie dies viel seltener äußern - denn als Mann hat man kein Opfer zu sein, und einem Mann, der so etwas behauptet, glaubt man nicht, vor allem, wenn die Täterin eine Frau ist. Auch Männer unterliegen einem ungesunden Schönheitsideal, das nur wenig mit der Realität zu tun hat, und auch sie scheinen in ständiger Konkurrenz untereinander zu stehen. Gerade deswegen dürfen wir Vorbilder von Andrew Tate nicht unterschätzen: Denn sie verteidigen ein patriarchal-kapitalistisches System, das für Männer und für Frauen gleichermaßen ungesund ist. Gerade deswegen dürfen wir nicht vergessen, dass gesellschaftlicher Wandel nur gemeinsam gelingen kann. Auch in diesem Artikel sind viele negative Worte über Männer gefallen. Wir dürfen aber nicht vergessen: Es sind bei weitem nicht alle Männer Tyrannen oder Perverse, und wir tun uns keinen Gefallen damit, wenn wir die Hälfte der Weltbevölkerung zu potenziellen Tätern machen. Mit diesen bedeutungsschwangeren Worten schließe ich meinen ersten Artikel im neuen Jahr und hoffe, dass wir uns bald wieder lesen. Bon voyage!

vousvoyez

Andrew Tate:

https://www.youtube.com/watch?v=msMwGhxhtY8&ab_channel=Prinz

https://www.youtube.com/watch?v=o5Hruh624oE&ab_channel=Prinz

https://www.youtube.com/watch?v=0nVRbgZnUPY&ab_channel=HeyWolfi

https://www.youtube.com/watch?v=CL24eARfGe4&ab_channel=JONAS

https://www.volksverpetzer.de/faktencheck/greta-thunberg-festnahme-andrew-tate/

Männer:

https://www.youtube.com/watch?v=gMVHnbGl99w&ab_channel=DerDunkleParabelritter

Nice Guy:

https://www.youtube.com/watch?v=icmEb8HsgC0&ab_channel=SPACEFROGS

https://www.youtube.com/watch?v=WZ4GfWwHp_w&ab_channel=BRUSTRAUS

Sonntag, 25. Dezember 2022

Wenn ich die Biotonne mit oe24 auskleide, ist der Müll beleidigt

Photo by Krisztian Matyas on Unsplash

Damals, als ich diesen Gedanken hatte, hatte es kurz zuvor in Wien einen Amoklauf gegeben - und die Berichterstattung der Fellner-Medien war unangemessen as fuck. Ich war nur froh, dass weder Freunden noch Familienmitgliedern, die dort leben, etwas passiert ist. Und ich sorge mich wirklich um die Zukunft - aber gerade deshalb muss ich mich und uns auch mal ein bisschen Spaß gönnen. Und da das Jahr ja fast zu Ende ist, schadet es nicht, auch einmal was Lustiges zu machen Und dafür habe ich genau das Richtige gefunden: das museum of failure.

Wir sind ja praktisch alle in der kunterbunten Konsumwelt aufgewachsen; jeder kennt Produkte, die es schon seit Ewigkeiten gibt und die immer gleich aussehen, ohne dass man wirklich darüber nachdenkt. Und dann gibt es wieder die, die ihr Aussehen im Laufe der Jahre verändern - und man ist ganz entzückt, wenn man mal wieder das Design aus der eigenen Kindheit oder gar der Ursprungszeit zu Gesicht bekommt. Dann gibt es solche, die irgendwann vom Markt genommen werden und die man vermisst - oder auch nicht. Denn auch der innovativste Hersteller kann einmal danebengreifen - und bringt etwas auf den Markt, das niemand haben will. Aber gerade aus diesem Grund ist die Geschichte der Flops eine eigene Serie wert. Denn wie wir sehen, ist schon die Liste der Flops bei Coca Cola und Pepsi ganz schön lang.

Der Softdrink-Gigant Coca Cola ist aus unserem Leben mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Als Kinder hielten wir Cola alle für das beste Getränk der Welt - obwohl oder gerade weil unsere Eltern es gar nicht gerne sahen, wenn wir dieses ungesunde, künstlich aromatisierte, zucker- und koffeinhaltige Kohlensäureerzeugnis zu uns nahmen. Wenn es etwa nach mir gegangen wäre - ich hätte den ganzen Tag nur Cola trinken können. Wahrscheinlich war ich aber auch nur deswegen so wild drauf, weil meine Eltern stets darauf achteten, dass ich nicht zu viel davon bekam. Heute trinke ich es nur noch selten - mit den zuckerfreien Varianten kann ich mich nach wie vor nicht anfreunden - selbst Coke Zero hat, wie ich finde, keineswegs diesen "echten Geschmack", der in den ersten Werbespots immer angepriesen worden war. Bevor ich mir das antue, trinke ich lieber gar kein Cola - zumal es viele Getränke gibt, die mir inzwischen besser schmecken und es darüber hinaus eh ungesund ist. Ganz abgesehen davon, dass Coca Cola, wie viele große Firmen, ohnehin viel zu viel Dreck am Stecken hat - aber das ist eine andere Geschichte. Ich verlinke euch unten ein paar Videos dazu.

Coca Cola wurde erstmals 1886 in Atlanta hergestellt und ursprünglich als Arzneimittel gegen Kopfschmerzen gläserweise verkauft. 1892 wurde die Coca Cola Company gegründet; das Unternehmen expandierte schnell und hatte sich bereits in den 1920er Jahren im Alltag der Amerikaner etabliert - gegen Ende des Jahrzehnts setzte es seinen Siegeszug in Europa fort und eroberte schließlich die Welt. Tatsächlich ist Coca-Cola bis heute in praktisch allen Gegenden der Welt das meistverkaufte Cola, auch wenn es natürlich inzwischen unzählige Varianten anderer Firmen gibt. Ernsthafte Konkurrenz gibt es jedoch nur mit einem Unternehmen, nämlich PepsiCo, Inc. Auch Pepsi-Cola, das 1893 in New Bern, North Carolina entwickelt wurde, wurde ursprünglich als Medizinprodukt verkauft - gegen Verdauungsstörungen. Anfangs noch wenig erfolgreich, etablierte es sich jedoch in den 1930er Jahren als Billigvariante von Coca-Cola. Ende der 1950er Jahre begann man, Pepsi mit bekannten Gesichtern als Werbeträger zu vermarkten - der erste Star, der für Pepsi warb, war die Hollywood-Schauspielerin Joan Crawford - und es als Getränk für die Jugend zu vermarkten: Die Werbekampagne "Pepsi Generation" war eine der erfolgreichsten aller Zeiten und wurde Jahrzehnte später noch von Ikonen wie Michael Jackson oder Britney Spears angepriesen.

Der sogenannte "Cola-Krieg", wie der offene Konkurrenzkampf zwischen Coca Cola und Pepsi gemeinhin genannt wird, begann in den 1970er Jahren, als werbewirksame Blindverkostungen den besseren Geschmack von Pepsi gegenüber Coke bestätigten. Natürlich wissen wir um die fehlende Seriosität von Umfragen und dergleichen, die zugunsten der Firma ausfallen, die diese in Auftrag gibt, aber das spielte in diesem Zusammenhang keine Rolle - es kam gut an und machte Coca Cola ernsthaft seine Vormachtstellung auf dem Softdrink-Markt streitig. Der Höhepunkt des "Cola-Krieges" aber manifestierte sich Mitte der 1980er Jahre, als Coca Cola den folgenschweren Fehler beging, seine Rezeptur zu ändern, die seit 99 Jahren gleich geblieben war.

Pepsi sprach nach wie vor gezielt die Jugend an, was sich auch in seinem Logo widerspiegelte, das sich, im Gegensatz zu dem immer gleichen Coca-Cola-Schriftzug, stets der jeweiligen Zeit anpasste. Um sein Image ebenfalls zu verjüngen, beschloss Coca Cola, seinem Getränk einen neuen, mehr an Pepsi angelehnten Geschmack zu verpassen - und so pries der damals noch sehr beliebte Bill Cosby ab dem 23. April 1985 in allen amerikanischen Fernsehsendern New Coke an, während die Produktion von Coca-Cola mit der alten Rezeptur eingestellt wurde. Und die Leute hassten es - mehr als 400.000 Beschwerdebriefe langten beim Firmensitz in Atlanta ein; Menschen gingen auf die Straße und schütteten das neue Cola demonstrativ in den Gully. Manche begannen sogar, Cola mit dem alten Geschmack zu hamstern, öffentliche New-Coke-Werbung wurde von Buhrufen begleitet - kurzum, es war ein Riesenskandal, den PepsiCo übrigens aufgriff, indem es sich in mehreren Werbespots darüber lustig machte. Die Vereinigung der Old Cola Drinkers of America verteilten Buttons und Poster gegen das neue Getränk und starteten eine Petition, in der sie den neuen Geschmack zurückforderten - notfalls auch mit rechtlichen Schritten. Coca Cola machte dem Drama ein Ende, indem es im Juli 1985 den alten Geschmack wieder einführte. Die neue Rezeptur wurde fortan unter dem Namen Coke II verkauft, während das alte Cola unter Coca Cola Classic lief. 2002 wurde Coke II dann vom Markt genommen, 2009 beim Original der Zusatz Classic wieder weggelassen. Alles, was heute noch an den Skandal von damals erinnert, ist der Hinweis The Original Taste auf Dosen und Flaschen. Im Jahr 2019 jedoch feierte Coke II ein vorübergehendes Comeback anlässlich der Netflix-Serie Stranger Things, die die Geschichte in einer Folge aufgriff - damals produzierte Coca Cola aus Jux 500.000 Dosen mit der Coke-II-Rezeptur. Was davon geblieben ist, ist die endgültige Etablierung des Kultstatus von Coca Cola - böse Zungen behaupten sogar, die Firma habe den Skandal selbst herbeigeführt.

Doch die Geschichte um Coke II war nicht der einzige Flop der Coca Cola Company, und selbstverständlich hat auch PepsiCo nicht nur Erfolge zu verzeichnen. So wurde 2006 ein Getränk namens Coca Cola BlāK eingeführt - ein Erfrischungsgetränk mit Kaffeegeschmack. Es war in den USA und Kanada, außerdem in einigen europäischen Ländern wie Frankreich, Tschechien, Polen, der Slowakei und Litauen erhältlich. In den USA und Kanada wurde es in Glas-, in Europa in Aluminiumflaschen verkauft - Zielgruppe sollten vor allem junge Erwachsene sein (immerhin war der Gilmore-Girls-Komplex damals schon weit verbreitet). Es hielt sich jedoch nur zwei Jahre auf dem Markt, denn die Kunden mochten es nicht. Während es in Frankreich und Kanada mit Rohrzucker gesüßt wurde, wurde in den USA nach kurzer Zeit eine Mischung aus Maissirup, Aspartam und Acesulfam-Kalium verwendet, weshalb der Geschmack hier noch schlechter bewertet wurde. Trotz des Misserfolgs jedoch gab Coca-Cola seine Versuche, ins Kaffeegeschäft einzusteigen, nicht auf - 2010 brachte der lateinamerikanische Coca-Cola-Abfüller Coca Cola FEMSA in Mexiko Kaffeeautomaten unter dem Namen "Blak" auf den Markt, und seit 2019 plant Coca Cola die Einführung weiterer Kaffeeprodukte ins Sortiment.

Aber auch Pepsi scheiterte bei dem Versuch, einen Muntermacher zu kreieren - allerdings schon 1989. Damals, vor dem Siegeszug von Starbucks und Coffee to go, war das Trinken von Kaffee oder Tee längst nicht so trendy wie heute - in manchen Teilen der Welt gehörte es einfach dazu, ohne deswegen gleich Trend zu sein, in anderen eben nicht. Und so gab es einige junge Erwachsene, die morgens statt den üblichen Heißgetränken lieber Cola tranken. An diese Zielgruppe richtete sich Pepsi mit der Entwicklung von Pepsi A.M., das schmeckte wie normales Pepsi, aber doppelt soviel Koffein enthielt. Ein Jahr später wurde es jedoch wieder eingestellt - der Markt für Frühstückslimonade war wohl doch nicht so groß. Vielleicht war aber auch das Marketing nicht gut genug. Manchmal klappt es eben nicht.

In Japan gab es Ende letzten Jahrzehnts einen merkwürdigen Trend - plötzlich kamen allerlei Getränke in Clear-Variante auf den Markt, das heißt, kalorienfrei und durchsichtig wie Wasser. Es gab Clear Drinks mit Kaffee-, Bier-, Tee-, oder Colageschmack, die vor allem auf dem Arbeitsplatz gern konsumiert wurden - wahrscheinlich, weil man gesundheitsbewusster wirkt, wenn man ein farbloses Getränk neben sich stehen hat, sich aber nicht jeder mit Wasser oder Mineralwasser ohne Geschmack anfreunden kann. Allerdings ist farbloses Cola keine Erfindung der Japaner.

Bei Clear Cola handelt es sich eigentlich um ganz normales Cola, jedoch ohne Zuckercouleur, jener Lebensmittelfarbe, welcher dem Getränk seine charakteristische braune Farbe verleiht. Die erste Clear-Cola-Variante wurde Ende der 1940er Jahre von Coca Cola hergestellt, und zwar für den sowjetischen Marschall Georgi Schukow. Dieser leitete damals die sowjetische Militäradministration im besetzten Deutschland und kam durch Dwight D. Eisenhower, zu dieser Zeit Oberkommandeur der Alliierten Streitkräfte, mit Coca Cola in Kontakt. Da US-Produkte in der Sowjetunion damals als Symbole des amerikanischen Imperialismus galten, wollte Schukow sich jedoch nicht von Stalin mit einem Cola in der Hand erwischen lassen, und bat den Konzern daher, speziell für ihn eine farblose Variante zu entwickeln, um das Getränk ein wenig mehr wie Wodka aussehen zu lassen. So wurden an den Marschall tatsächlich mindestens fünfzig Kisten farbloses Cola geschickt - mit weißem Flaschendeckel und einem roten Stern als Logo.

In den späten 1980ern bis in die frühen 2000er hinein waren durchsichtige Produkte sehr beliebt - dieser Trend wurde "Clear Craze" genannt. Er begann mit Limonaden und Kosmetika, deren Farblosigkeit Reinheit, also Zusatzstofffreiheit, suggerieren sollte, und setzte sich fort bei elektronischen Geräten, die in durchsichtigem Gehäuse erhältlich waren, so dass man das Innenleben sehen konnte. Wobei es Letztere bereits in den späten 1930er Jahren gab, nachdem das Plexiglas erfunden war - allerdings eher als Schauobjekte. Mitte der 1980er Jahre jedoch entwickelten mehrere Hersteller transparente Telefone, häufig mit blinkenden Neonlichtern, die das Klingeln des Telefons begleiteten. Kurz darauf wurden auch die Armbanduhren durchsichtig, so dass man auf der Rückseite das Uhrwerk sehen konnte - beliebt waren vor allem die der Marke Swatch: Ich hatte damals selbst so eine. Tatsächlich war damals nahezu alles in der durchsichtigen Variante erhältlich - farblos oder farbig, klar oder matt. Es gab durchsichtige Taschenrechner und Gameboys, Discmen und Kameras, Nintendos und PlayStations, Tamagotchis und Fernseher. Ich erinnere mich noch, dass auch die Kompaktkassetten plötzlich fast alle durchsichtig und farblos waren - und 1998 erregte der Apple iMac G3 mit seinem durchsichtigen Gehäuse, erhältlich in Blau, Grün, Rot, Orange und Violett, für Aufsehen. Ende der Nullerjahre jedoch verschwand dieser Trend, wie er gekommen war, und die meisten elektronischen Geräte waren nunmehr in eleganten Schwarz-, Weiß- und Grautönen erhältlich - was auch in der heutigen Zeit immer noch Standard ist, auch wenn Laptops und Smartphones gerne zusätzlich mit Stickers und bunten Hüllen aufgemotzt werden. Aber im Großen und Ganzen ist das goldene Gehäuse meines Smartphones schon fast eine Farbexplosion in der Masse der schwarzen, grauen und weißen Geräte, die sonst in meiner Wohnung zu finden sind. Da die Y2K-Nostalgie allerdings schon wieder im Kommen ist, ist auch ein Clear-Craze-Revival nicht ausgeschlossen.

Der Clear Craze machte selbstverständlich auch vor den Cola-Marken nicht halt - und so kam 1992 Crystal Pepsi auf den Markt. Ähnlich wie das weiße Cola handelte es sich hierbei um weitgehend normal schmeckendes Pepsi, trendkonform farblos und durchsichtig, aber koffeinfrei, welches vor allem gesundheitsbewusste Kunden ansprechen sollte - selbst wenn es nicht weniger Kalorien enthielt als die schwarzbraune Variante. Anfangs sprach das Produkt noch die Neugierde der Leute an, aber allmählich nutzte sich das ab, und sehr schnell schon blieb Crystal Pepsi in den Regalen stehen. Der Grund war, dass die Leute im Allgemeinen eher unsicher reagierten auf ein Getränk, das wie Mineralwasser aussieht, aber wie Cola schmeckt. Dies liegt daran, dass die visuellen und sensorischen Informationen nicht zueinander passen und daher für Irritation sorgen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum Experimente mit Lebensmittelfarbe in der Regel nicht so gut ankommen. 1993 brachte Coca Cola dann ein Konkurrenzprodukt heraus - eine durchsichtige Variante des Diät-Softdrinks Tab, welche das Kalorienbewusstsein des Clear Craze betonen sollte. 1994 wurden beide Produkte wieder vom Markt genommen - obwohl es von Crystal Pepsi immer mal wieder kurzzeitige Neuauflagen gab. Der große Renner wurde Clear Cola aber nie - zumindest in unseren Breiten.

Doch der Clear Craze war nicht der einzige Hype, auf den die Cola-Konzerne vergeblich aufsprangen. Erinnert ihr euch beispielsweise noch an den Stevia-Hype zu Beginn der 2010er Jahre? Damals war der Süßstoff aus dem Extrakt der ursprünglich aus Paraguay stammenden Stevia-Pflanze der Hoffnungsträger schlechthin für Leute, die gerne süß aßen bzw. tranken, aber mit Gewichtsproblemen zu kämpfen hatten oder es zumindest glaubten. Und nun sollte es einen Süßstoff geben, mit dem man ohne schlechtes Gewissen schlemmen konnte, ohne zuzunehmen und ohne auf die üblichen künstlichen Süßungsmittel zurückzugreifen und der dazu noch gesund war? Das klang zu schön, um wahr zu sein. Und, na ja, das war es auch. Denn der Geschmack war enttäuschend - ich habe mir damals Stevia-Pastillen gekauft, um damit meinen Kaffee zu süßen, und - was soll ich sagen - es schmeckte scheiße, und ich war bei weitem nicht die Einzige, die von diesem unangenehmen Beigeschmack gar nicht begeistert war. Trotzdem wurde Stevia in vielen Produkten gerne genutzt, um sich ein "gesünderes" Image zu verpassen - und dazu gehörte auch Coca-Cola. Denn damals hatte das Zeitalter des Greenwashings schon volle Fahrt aufgenommen - das goldene McDonald's-M erstrahlte jetzt vor grünem Hintergrund, und auch in den Supermarktregalen sprangen einem massenhaft grüne Verpackungen ins Auge, die einen anschrien: "Ich bin GRÜÜÜÜÜHÜÜÜN! Das heißt, ich bin TOTAL GESUUUUUHUUUND und UMWELTFREEEEEUNDLICH! Kauf mich, sonst bist du BÖSE und wirst FETT!" Und so brachte auch Coca Cola 2013 in Argentinien und Chile ein Produkt mit grünem Etikett auf den Markt - nämlich Coca Cola Life. Und das war, ihr könnt es euch schon denken, mit Stevia gesüßt - und ab 2014 auch in der EU zu haben.

Denn auch Coca Cola spekulierte darauf, sich mit dem neuen Süßungsmittel ein gesünderes Image zu verpassen und entwickelte ein Cola, das nur zur Hälfte mit Zucker und zur anderen Hälfte mit Stevia gesüßt war. Und natürlich wurde es in grünen Dosen und in PET-Flaschen mit grünem Etikett verkauft - denn wir wissen: Alles, was grün ist, ist voll total gesund und umweltfreundlich und so. Und alles, was pflanzlich ist, sowieso - weil da ist ja keine pöhse Kemie drin und so. Nun - jedenfalls bei Coca-Cola hat das nicht gereicht. Ich hab die Stevia-Variante nie angerührt, denn ich hatte ziemlich schnell genug - ich hab später noch ein paar andere Produkte wie Joghurt probiert, aber die waren kaum besser als der selbst gesüßte Kaffee. Und anscheinend waren die meisten Leute der gleichen Meinung - Coca Cola Life verkaufte sich schlecht und verschwand 2017 aus den Läden. Es braucht eben mehr als nur ein grünes Etikett, um zu überzeugen.

Aber nicht nur bei den Getränken selbst griff die Coca Cola Company bisweilen in ... den Misthaufen, haha! Lange vor SodaStream & Co. brachte Coca Cola nämlich zusammen mit der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte & Co. den BreakMate heraus - einen Sodabrunnen, etwa so groß wie eine Mikrowelle, der es auch außerhalb von Restaurants ermöglichen sollte, an Softdrinks zu kommen. Das Gerät enthielt drei Kunststoffbehälter mit Sirup (Cola, Cola Light und Sprite) sowie einen CO₂-Tank, außerdem einen Anschluss für die Wasserleitung, ersatzweise auch ein Reservoir zur Aufbewahrung von Wasser. Im Wesentlichen war er eine frühe Version jener Selbstbedienungs-Sodabrunnen, die heute in vielen Schnellrestaurants zu finden sind. Die Idee hinter dem BreakMate war, Büroangestellten neben Kaffee den ganzen Tag über auch Softdrinks anbieten zu können - bereits zur damaligen Zeit war der Pro-Kopf-Verbrauch von gesüßten Getränken in den USA höher als der von Leitungswasser. Neben der Kaffeemaschine sollte er so zu einem landesweit festen Bestandteil kleinerer Büros werden. Das ist jedoch nicht passiert - die Geräte waren sehr wartungsintensiv, das Mischverhältnis von Soda und Sirup war oft uneinheitlich, und es kam nicht selten vor, dass sich die Aromen vermischten. Und so waren die Kosten für den BreakMate am Ende höher als die Einnahmen; 2007 stellte Coca Cola die Lieferung von Ersatzteilen ein, 2010 wurden auch die Siruptanks vom Markt genommen.

Wie ihr also seht, sind auch die Größten vor Fehltritten nicht gefeit. Und ich möchte mich bei jenen Lesern, die mir ins Ohr schreien wollen, dass ich zu oft den falschen Artikel verwendet habe, entschuldigen: Jedes Mal, wenn ich versuchte, "die Cola" zu schreiben, begann mein Vater in meinem Gedächtnis zu schimpfen: "Wir sind hier in Österreich und hier sagt man 'DAS Cola'!" In manchen Dingen werden wir uns wohl nie einig. Ich wünsche euch noch ein fröhliches Rest-Weihnachten, und vielleicht lesen wir uns in diesem Jahr noch mal wieder, auch wenn ich nichts versprechen kann. Bon voyage!

vousvoyez

Sonntag, 11. Dezember 2022

Skifahren ist das Über-das-Wasser-Gehen des kleinen Mannes

Photo by Jazmin Quaynor on Unsplash
Kaum zu glauben, dass es erst zwei Jahre her ist, dass Peter Klien, Moderator von Gute Nacht Österreich, mit diesem Satz auf die Absurdität der Ausnahmeregelungen für den Wintersport mitten im zweiten Lockdown aufmerksam machte. Gerade mal ein halbes Jahr fast ohne Corona-Maßnahmen, und die damalige Zeit kommt einem bereits sehr unwirklich vor - auch wenn die Infektionszahlen aktuell wieder steigen und ich dort, wo sich direkter Kontakt zu Fremden nicht vermeiden lässt, momentan wieder Maske trage. Jaja, ich bin halt ein unverbesserliches Schlafschaf! Und das Skifahren ist in Österreich so heilig, dass kein Virus und kein Klimawandel seine Bewohner davon abhalten kann - nur das liebe Geld, denn Skifahren ist durch die gestiegenen Preise mittlerweile ein Sport für finanziell Bessergestellte geworden. Aber wir haben ja Gott sei Dank noch den Tourismus, nicht wahr?

Im österreichischen Fernsehen sind Skirennen im Winter nach wie vor so allgegenwärtig wie die omnipräsente Werbung. Als Kind war man begeistert von der kunterbunten Welt der Fernsehwerbung - wobei es bei den meisten von uns ja bekanntlich nur die beiden Programme des ORF zu sehen gab. Als ich zum ersten Mal bei Freunden Satellitenfernsehen sah und entdeckte, dass es im deutschen Privatfernsehen weitaus mehr Werbung gab, die auf Kinder zugeschnitten war - nicht nur Süßigkeiten und Zahnpasta, sondern auch Spielzeug! -, war ich hin und weg. Das wollte ich auch! Und bin im Nachhinein doch froh, dass ich das nicht hatte.

Wie wir ja wissen, spielt Werbung ja mit Emotionen und folgt daher meist einem gewissen Schema - am häufigsten werden da positive Gefühle angesprochen, beispielsweise jetzt zur Weihnachtszeit. In letzter Zeit jedoch fällt auf, dass Firmen vor allem mit Skandalen Aufmerksamkeit erregen. Der Grund dafür liegt wohl daran, dass der Medienkonsument heutzutage sich wohl immer mehr an Extreme gewöhnt hat - es scheint, als sei dies das sicherste Mittel, um die Leute lange genug bei der Stange zu halten. Zusätzlich vermindern Plattformen wie Tik Tok, die hauptsächlich auf Kurzvideos aufgebaut sind, immer mehr die Aufmerksamkeitsspanne. Und da man allmählich das Gefühl hat, schon alles gesehen zu haben, versucht man natürlich auch in der Werbung, mit Extremen zu arbeiten. Und so sind wir vermehrt mit Schockwerbung konfrontiert, die im Gegensatz zur üblichen Werbung irritiert und auf diese Weise die Aufmerksamkeit erhöht.

Nun kennen wir Schockwerbung schon lange aus dem nicht-kommerziellen Kontext - etwa, um auf Missstände aufmerksam zu machen, wie beispielsweise die radikalen Bilder in den Videos von Greenpeace oder jener Werbespot für die Paralympics 2012, wo die Ursachen für die Behinderung der Athleten offen gezeigt wurden. Bisweilen sind auch kommerzielle Werbespots, die auf Schockwirkung zielen, zumindest noch logisch nachvollziehbar - etwa die Werbung des Energy-Drinks K-Fee: Eine friedliche Landschaft und dann eine schreiende Zombie-Gestalt, die plötzlich in die Szene hineinspringt, gefolgt von dem Satz "So wach warst du noch nie". Der Spot musste nach kurzer Zeit wieder aus dem Programm genommen worden, da Zuschauer sich beklagten - aber ich muss zugeben, auch wenn er nach mehrmaligem Anschauen immer noch wirkt, finde ich ihn doch irgendwie witzig. Ein weniger spektakuläres Beispiel ist der Werbespot für die Zahncreme Parodontax, der mit einem blutigen Zahnpastaklecks und einem ausgefallenen Zahn beginnt.

Ein gewisses Risiko ist bei Schockwirkung aber natürlich auch dabei - so manche Firmen haben auf diese Weise ihrem Image mehr geschadet als genützt. Im Jahr 2017 gab es in den USA vermehrt Demonstrationen, etwa gegen den vor einem Jahr vereidigten Präsidenten Donald Trump, gegen die Waffenlobby oder auch gegen rassistische polizeiliche Übergriffe. Zur damaligen Zeit drehte Pepsi einen Werbespot mit Kendall Jenner - darin beendet das Model den Kampf zwischen Polizisten und Demonstrationen mit einer Dose Pepsi-Cola. Bei den Konsumenten kam das jedoch gar nicht gut an - ein privilegiertes weißes It-Girl, das politische Konflikte mit aromatisiertem Zuckerwasser löst, war in dieser Situation denkbar unangebracht. Auch die deutsche Smoothie-Marke True Fruits geriet in den letzten Jahren immer wieder in die Kritik, weil sie ihre Produkte mit sexistischen und rassistischen Sprüchen bewarb.

Aber Provokation in der Werbung ist uns bereits länger bekannt - so verband das Modeunternehmen Benetton Ende des 20. Jahrhunderts mit seinen von Oliviero Toscani gestalteten Plakaten gewinnorientierte Werbung mit Gesellschaftskritik. Die Fotos zeigten ölverschmierte Vögel, eine Nonne, die einen Pfarrer küsste, kopulierende Pferde, einen Hintern mit dem Stempel HIV-positiv, bunte Kondome, die blutigen Uniformen gefallener Soldaten, Porträts zum Tode Verurteilter oder den schwer anorektischen, nackten Körper der Französin Isabelle Caro - und die Menschen liefen Sturm dagegen. Damit hatte die Werbekampagne ihr Ziel erreicht - sie brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein. Allerdings blieb auch nicht jede Grenzüberschreitung folgenlos - so bewarb die Automarke Toyota ihr Modell Matrix mit Drohanrufen und angsteinflößenden E-Mails, was letztendlich zu einer Klage führte.

Inzwischen ist es schon normal geworden, dass alle paar Monate ein Aufreger herrscht - und entsprechend häufen sich die Provokationen auch in der Werbung. Erst kürzlich sorgte etwa die Unterwäschekette Intimissimi für einen Aufschrei, als Heidi Klum mit ihrer Tochter Leni in sexy Unterwäsche posierte. Tatsächlich wirken die Bilder, auf denen sich Mutter und Tochter gemeinsam in Spitzendessous und High Heels sexy vor der Kamera räkeln, ziemlich befremdlich. Im Frühjahr diesen Jahres sorgte die deutsche Supermarktkette Edeka mit einem unangenehm anachronistischen Werbevideo für Empörung - ein Vater kriegt weder de Haushalt noch die Versorgung der Tochter richtig hin, und am Ende bedankt sich diese bei ihrer Mutter dafür, dass sie nicht dieser unfähige Mann ist. Tatsächlich ist ein solcher Spot, wie ich finde, für beide Geschlechter beleidigend - aber der Clip sorgte für Aufmerksamkeit. Die stilistischen Fehlgriffe der Modekette Zara waren in einigen Fällen ebenfalls eine Provokation - 2007 musste man eine Handtasche aus dem Sortiment nehmen, die mit bunten Hakenkreuzen verziert war, 2014 sorgte ein T-Shirt mit der Aufschrift White is the New Black für Ärger, und im selben Jahr brachte Zara ein gestreiftes langärmliges Shirt für Kleinkinder auf den Markt, auf dessen Brust ein sechszackiger gelber Stern aufgenäht war. Laut des Unternehmens sollte dieser einen Sheriff-Stern darstellen - tatsächlich erinnerte das Shirt als Ganzes aber eher der Kleidung jüdischer KZ-Häftlinge.

Die meisten seltsamen Anwandlungen hat aber wohl die spanisch-französische Luxusmarke Balenciaga - und das gilt nicht nur für das meist hässliche Design, das manchmal eigenartige Kreationen hervorbringt, etwa Crocs mit hohen Absätzen oder eine 2.000 Euro teure Tasche, die wie die blauen Shopper von IKEA aussieht. Bekanntlich musst du heutzutage reich sein, um arm aussehen zu dürfen - und das scheint sich Balenciaga zum Programm gemacht zu haben: Im Frühsommer diesen Jahres verkaufte die Modekette Turnschuhe, die so zerfetzt und verdreckt waren, dass sie buchstäblich nur noch Müll waren, um 1.450 Euro - wobei sie nur auf den Fotos so dreckig waren. Doch nicht nur die Outfits, auch die Werbekampagnen sorgten immer wieder für Aufreger. So veranstaltete Balenciaga im März dieses Jahres, kurz nach Beginn des Einmarsches von Putins Truppen in die Ukraine, eine Runway-Show, in der, laut Aussage des Unternehmens, auf das Leid der ukrainischen Flüchtlinge aufmerksam gemacht werden sollte - Models stapften, in sündteure Luxusmode gewandet, mit ebenso teuren ledernen Müllsäcken in der Hand, unter einer Art Glassturz durch einen künstlichen Schneesturm, so dass sich die Frage stellt, ob dies wirklich auf Leid aufmerksam macht oder ob dieses eher ausgenutzt wird, um Werbung für seine Produkte zu machen. Letzten Oktober gab es eine ähnliche Runway-Show, in der die Models in einer düsteren, apokalyptischen Szene durch Schlamm wateten - einige von ihnen trugen Rucksäcke, die wie hässliche Teddybären im BDSM-Outfit aussahen; auch diese Szenerie ließ an Krieg und Flucht denken und an Kinder, denen nur noch ein Kuscheltier geblieben ist. Kontroversen gab es jedoch auch firmenintern - etwa in der hauseigenen Model-Agentur, in der Mädchen während eines Castings in ein dunkles, kaltes Treppenhaus gesperrt wurden, während die Veranstalter zum Mittagessen gingen, oder durch den Vorwurf, die Marke klaue Kunst von PoC.

Für den größten Skandal sorgte jedoch ihre jüngste Werbekampagne, die in Kooperation mit dem Fotografen Gabriele Galimberti entstand. Dieser hatte eine Fotoserie namens Toy Stories kreiert, die aus Bildern von Kindern aus aller Welt bestand, die von ihren Spielsachen umgeben sind. Balenciaga bediente sich dieser an sich schönen Idee und machte etwas unangenehm Skurriles daraus: Die Fotos der Marke zeigten ebenfalls Kinder, doch statt des Spielzeugs sind sie von Luxusgegenständen von Balenciaga umgeben, die weder den Bedürfnissen noch den Interessen eines Kindes gerecht werden würden - was vor allem durch die in mehreren Fotos zu findenden Schuhe deutlich wird, die alle Erwachsenengröße haben. Den eigentlichen Skandal löste jedoch der Umstand aus, dass auf jedem Foto diese BDSM-Teddybären zu sehen waren. Kurz darauf veröffentlichte Balenciaga in Kombination mit Adidas ein Foto einer der für sie typischen Hourglass-Taschen mit den charakteristischen drei Streifen, die auf einem Tisch liegt, der von einem Durcheinander an Papieren und Kunstbüchern bedeckt ist. Zu den Papieren gehören auch Gerichtsdokumente, die für einen weiteren Aufschrei sorgte. Und die Kombination aus diesen beiden Werbekampagnen rief alte Freunde von uns auf den Plan.

Diese behaupten nämlich, dass die Gerichtsdokumente Kopien des Prozesses Ashcroft v. Free Spech enthielten, laut dem der Verbot von Kinderpornographie ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit sei. Dazu passen der Bildband des belgischen Künstlers Michaël Borremans, dessen 2018 vorgestellte Bilderserie Fire from the Sun figurative Kleinkindergestalten darstellt, die an Putten erinnern, aber in einem Szenario, das an okkulte Rituale erinnert, sowie der von Matthew Barneys Ausstellung The Cremaster Cycle, die mich an Hieronymus Bosch, aber auch an Luis Buñuel und Salvador Dalí erinnert und die sich in verstörender Bildsprache mit biologischer und psychologischer Formwerdung von Körpern beschäftigt, nur allzu gut. Ich denke, einige von euch ahnen, worauf ich hinauswill - Ritualmordlegende, Satanic Panic, QAnon etc. pp. Nun, die Gerichtsdokumente konnten schnell recherchiert werden - es handelt sich um den Prozess United States vs. Williams, im Zuge dessen ein Gesetz erlassen wurde, welches dezidiert das Anbieten von Kinderpornographie als strafbar erklärt. Balenciaga behauptet, dass diese gerade auf diesem Foto zu sehen seien, sei nur Zufall - aber wie wir wissen, glauben gewisse Leute nicht an Zufälle. Die Initialzündung lieferte Fox-News-Kommentator Tucker Carlson, der gerne mal Verschwörungserzählungen und russische Propaganda nachplappert und der behauptete, Balenciaga würde offen für Kinderpornographie werben. Natürlich war das für QAnons und ähnlich Verstrahlte die Aufforderung, nach versteckten "Hinweisen" auf den Fotos zu suchen, die diese Behauptung stützen. Und was haben wir gelernt? Richtig - wenn man etwas finden will, dann findet man es auch. Und so entdeckte man unter den Luxusgegenständen ein aufgerolltes Absperrband, auf dem die Buchstaben B-A-A-L zu erkennen sind - Baal ist ein Dämon der frühchristlichen Mythologie, dem man Kinderopfer dargebracht haben soll. Aber da hörte das Spiel noch nicht auf - wenn man das Wort Balenciaga mit einem weiteren a versieht, kommt "Baalenciaga" heraus. Gibt man das Wort "Baal enci aga" dann in den Google-Übersetzer ein, soll angeblich der aus dem Lateinischen übersetzte Satz "Baal ist der König" herauskommen. Nun - wenn ich denselben Satz in Übersetzungsprogramm eingebe, erkennt dieses die Sprache Nord-Sotho, eine Bantu-Sprache im südlichen Botswana, aber es übersetzt nur das Wort "Baal" in "Flügel". Gebe ich nur "enci aga" ein, übersetzt das Programm aus dem Spanischen, und heraus kommt "einschalten". Irgendwas kann da also nicht stimmen - zumal die Marke von einem Mann namens Cristóbal Balenciaga gegründet worden war. Ist der jetzt auch Satanist gewesen? Auch entdeckte man unter den Luxusgegenständen mehrere weiße Hasenfiguren, die sofort an die Aufforderung "follow the white rabbit" denken lassen, laut Wahnwichteln eine Extraeinladung für Adrenochrome konsumierende Eliten.

Und so sind QAnon-Gläubige überzeugt davon, dass Balenciaga ein Modehaus des Deep State sei, und einmal mehr wird der irrationale Glaube an Kinderhändler-Ringe innerhalb der Elite gefestigt. Natürlich entschuldigte sich Balenciaga, wobei sie die Schuld gänzlich auf Galimberti abwälzten, um schwere Image-Schäden zu vermeiden. Die Karriere und das Lebenswerk des Fotografen, der inzwischen Morddrohungen bekommt, sind dadurch allerdings unwiederbringlich zerstört, und da Balenciaga seine Bekanntheit vor allem all jenen verdankt, die auf die Empörungswellen aufgesprungen sind, wird es wohl auch in Zukunft nicht auf Skandale verzichten. Allerdings haben sie sich mit der Löschung der Kampagne keinen Gefallen getan - für Verschwörungsgläubige ist das nämlich der ultimative Beweis, dass sie tatsächlich Werbung für Kinderpornographie sei, wodurch der Verschwörungsmythos erst recht explodierte - unter anderem durch Kanye West, der diese Erzählungen bereitwillig aufgriff.

Und so hat Balenciaga unabsichtlich einen Kampf provoziert, den es nicht gewinnen kann - einerseits sprechen sie aufstrebende junge Menschen von der Straße an, die sich ihr Zeug natürlich nicht leisten können, andererseits sagen sie dem von den Eliten zementierten Status Quo den Kampf an. Die Folgen ihrer Kampagne sind nicht mehr aufzuhalten: Prominente stellen Videos online, in denen sie ihre Balenciaga-Produkte verbrennen, und der offensichtlichste Kritikpunkt, nämlich Kinder in einen BDSM-Kontext zu setzen, um überflüssiges Gelumpe zu bewerben, wird stärker skandalisiert als eigentlich nötig. Auch das prominente Aushängeschild der Marke, Kim Kardashian, hat sich inzwischen zurückgezogen, und die Influencerin Cathy Hummels kassierte kürzlich einen Shitstorm, weil sie in Köln im Balenciaga-Outfit zu sehen war. Wie es also aussieht, ist es aktuell gar nicht mehr so cool, diese Marke zu tragen.

Wie ihr also seht, kann man es sich heutzutage extrem schnell mit der Öffentlichkeit verscherzen. Und deshalb ist provokante Werbung immer eine Gratwanderung - und wenn man seine Bekanntheit hauptsächlich darauf aufbaut, ist es im Prinzip nur eine Frage der Zeit, bis man sich mal die Finger verbrennt. Vor allem, wenn man auf Geschmacklosigkeiten setzt, wie Kinder für die eigene Agenda in einen unpassenden Kontext zu transferieren - und somit sehr starke Emotionen anspricht, die bei vielen oft ins Irrationale abdriftet. Wir haben vor ein paar Tagen gesehen, wie gefährlich Radikalisierung durch Verschwörungsmythen werden kann - und ich erinnere daran, dass aus ursprünglich spinnerten Ideen etwas werden kann, das eigentlich niemals wollte und wo man sich hinterher fragt, wie so etwas passieren hatte können, wie die jüngsten Ereignisse zeigen.

Wie dem auch sei, ich wünsche euch bis zum nächsten Mal eine schöne Zeit und passt gut auf euch auf! Bon voyage!

vousvoyez