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Freitag, 14. Oktober 2022

Das einzig Vorhersehbare bei Trump ist die Capslock-Taste beim Erstellen seiner Tweets

Photo by Ai Takeda on Unsplash
Besonders damals, als er erkannte, dass ihm die Felle davonschwammen, twitterte der damalige US-Präsident bekanntlich mehrmals täglich in Großbuchstaben (was in der heutigen Schriftsprache bekanntlich "schreien" bedeutet), bis sein Account irgendwann gelöscht wurde. Was den bekannten Sturm auf das Kapitol zu Beginn vorigen Jahres allerdings nicht verhindern konnte. Das Ende einer Nation, die uns so lange als Inspiration gedient hat? Ich weiß es nicht - sicher ist nur: Das Amerika, von dem wir als Kinder und Jugendliche immer geträumt haben, gibt es nicht mehr. Wobei man sich natürlich darüber streiten kann, ob es das jemals gab. Aber wir können nicht abstreiten, dass viele historische Ereignisse, die von dort ausgingen, die ganze Welt aus den Angeln hoben - im Negativen wie auch im Positiven. Natürlich gehört dazu auch die Raumfahrt - und nachdem ich wieder Lust bekommen habe, werde ich euch heute zwei Geschichten erzählen, die mehr oder weniger mit dem Weltraum zu tun haben. Und die wirklich ganz echt wahr sind! Ischwör!

Das erste Ereignis trug sich im Juni 1947 in der Kleinstadt Roswell, New Mexico zu, nach der es auch benannt wurde. Am 14. Juni dieses Jahres fand der Rncher William (Mac) Brazel auf der Foster Ranch ca. 105 km nordwestlich von Roswell herumliegende Trümmerteile aus Balsaholz, festem Papier, Alufolie, Klebeband und Gummi. Zuerst schenkte er diesen keine Beachtung; als er allerdings damals kursierende Gerüchte über mysteriöse, mutmaßlich außerirdische Flugobjekte aufschnappte, informierte er am 7. Juli den Sheriff von Roswell über seinen Fund. Dieser gab ihn an den lokalen Militärstützpunkt, das Roswell Army Airfield (RAAF), weiter, und so wurden die Trümmer eingesammelt und zur weiteren Analyse an den Armeestützpunkt in Fort Worth, Texas geschickt. Tags darauf erschien dann eine Pressemitteiliung in der Lokalzeitung Roswell Daily Record, in der behauptet wurde, das RAAF habe auf einer Farm in der Nähe der Stadt eine fliegende Untertasse gefunden. Diese Meldung zog natürlich größere Kreise und veranlasste General Roger Ramey und einen Wetterexperten der Armee, noch am selben Tag eine Pressekonferenz in Fort Worth einzuberufen; dort erzählten sie, ei den Trümmern habe es sich um Teile eines Wetterballons gehandelt, und erlaubten den Journalisten auch, die Fundstücke zu fotografieren. In den nächsten dreißig Jahren sprach keiner mehr davon - bis die Geschichte Ende der 1970er Jahre wieder auftauchte.

Im Jahre 1980 veröffentlichten der Schriftsteller und Linguist Charles Berlitz und der Ufologe William Moore das Buch The Roswell Incident (dt. Der Roswell-Zwischenfall), das eine Reihe von Interviews mit Augenzeugen und Beteiligten enthielt, die den Schluss zuließen, die US-Armee vertusche einen echten UFO-Fund. Hier tauchte auch erstmals die Aussage auf, jemand habe eine UFO-Absturzstelle mit mehreren toten Körpern gesehen; Militärpolizisten hätten ihn allerdings weggeschickt und befohlen, darüber zu schweigen. Das war die erste Erwähnung toter Außerirdischer in Verbindung mit Roswell.

Das Buch schlug große Wellen und zog Interviews mit Zeugen und Experten nach sich, unter ihnen auch Walter G. Haut, der 1947 Sprecher des Militärs gewesen war und im Laufe der Jahre sich ständig verändernde Geschichten zum Besten gab - manche Leute nehmen an, dass ihm verboten wurde, etwas zu sagen. Im Jahr 1995 tauchte schließlich Filmmaterial auf, das die Autopsie einer Leiche zeigt, welche wenige Wochen nach dem UFO-Absturz stattgefunden haben soll; der Körper ist unbehaart und hat etwa die Größe eines zwölfjährigen Kindes, aber die Schädelform und das Gesicht sind nicht menschlich, außerdem hat das Wesen sechs Finger und sechs Zehen, dafür fehlen die Geschlechtsorgane. Ich erinnere mich, dass ich damals im Rahmen einer Doku selbst Ausschnitte dieses Films gesehen habe.

Die zweite Geschichte, die ich euch heute erzählen will, ist mir erst kürzlich untergekommen, und das ganz zufällig. Sie ereignete sich ein bis zwei Jahrzehnte später, zur Zeit des von mir in einem anderen Artikel bereits erwähnten "Wettlauf ins All" zwischen der Sowjetunion und den USA, welcher nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs initiiert worden war. Wir erinnern uns, dass der erste Mensch im All, Juri Alexejewitsch Gagarin, der seinen umjubelten Raumflug 1961 absolvierte, aus der Sowjetunion kam, dass aber die USA die Mondlandung 1969 für sich entscheiden konnten. Und wir erinnern uns an die Hündin Laika, die als erstes Säugetier in dem sowjetischen Satelliten Sputnik 2 lebend ins All transferiert worden war. Nun sollen aber schon vor Gagarin sowjetische Kosmonauten in den Weltraum befördert worden sein - ihre Existenz soll allerdings vertuscht worden sein, weil sie diesen "Ausflug" nicht überlebt hatten. Parallel gibt es auch noch die Geschichte des Testpiloten Wladimir Iljuschin, der ebenfalls schon vor Gagarin im All gewesen sein soll - bei seiner anschließenden Landung in China soll er jedoch so schwer verletzt worden sei, dass man beschloss, den Flug geheim zu halten, um keine negative Publicity zu generieren.

Gerüchte über Menschen im All hatte es durchaus schon vor Gagarins Raumflug gegeben. Klar - wo gehobelt wird, fallen Späne, wie man so schön sagt. Und dabei spielte vor allem das italienische Brüderpaar Achille (1933 - 2015) und Giovanni Battista (*1939) Judica-Cordiglia eine wichtige Rolle. Die beiden ambitionierten Amateurfunker hatten im Alter von sechzehn und zehn Jahren begonnen, sich für Radiotechnik zu interessieren und in ihrem Elternhaus in der Lombardei mit einer gebrauchten Funkausrüstung herumzuexperimentieren. Mit Beginn des Satellitenzeitalters fingen sie an, sich auf Funksignale aus dem All zu konzentrieren, die sie mittels Berechnungen unter Nutzung des Doppler-Effekts lokalisierten - wobei sie übrigens erstaunlich präzise waren, besonders wenn man bedenkt, dass sie nur Hobby-Funker waren. Tatsächlich gelang es ihnen im Oktober 1957, Signale von Sputnik 1 zu empfangen und 1958 auch von dem amerikanischen Satelliten Explorer 1. Allerdings zeichneten sie auch Dinge auf, die eher merkwürdig waren und die Gerüchte um die verlorenen Kosmonauten erst richtig anheizen sollten. Im November 1957 etwa fingen sie ein Geräusch ein, welches ihr Vater, ein renommierter Kardiologe, als den Herzschlag eines Hundes identifizierte - da es offenbar aus dem All kam, konnte das nur der Herzschlag der Hündin Laika sein.

Als die Judica-Cordiglias 1959 nach Turin umzogen, bauten die Brüder zunächst eine Funkanlage auf der Dachterrasse des höchsten Hochhauses der Stadt; von Störnebeln behindert, richteten sie sich jedoch bald außerhalb der Stadt ihre Station in einem stillgelegten deutschen Bunker ein, den sie "Torre Bert" nannten. Hier empfingen sie im November 1960 ein SOS-Signal, das sich langsam von der Erde wegbewegte - ein bemanntes Raumschiff, das sich in den Tiefen des Weltalls verlor? Im Februar 1961 nahmen sie Geräusche auf, bei denen es sich laut ihres Vaters um die Herzschläge eines sterbenden Menschen, begleitet von einem Stöhnen und Röcheln, handeln sollte - ein Kosmonaut, der beim Wiedereintritt in den Orbit sein Leben verlor? Tatsächlich gaben die Sowjets kurz darauf zu, eine unbemannte Sonde ins All geschickt zu haben, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zerstört worden war - sagten sie die Wahrheit oder wollten sie den Tod eines Menschen vertuschen? Die Aufnahme, die allerdings am häufigsten durchs Internet geistert, entstand im November 1963, als die Judica-Cordiglia-Brüder schon längst als Nationalhelden gefeiert wurden. Zu hören ist eine Frauenstimme, die Russisch spricht; die jüngere Schwester der beiden Bruder, die ein wenig Russisch konnte, übersetzte die Aufnahme: Neben Zahlenansagen berichtet die Frau, dass ihr heiß sei, sie spricht von Atmen und Sauerstoff und fragt, ob das nicht gefährlich sei - vermutet wird, dass es sich dabei um eine Kosmonautin handelt, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte.

Die Aufnahmen der Brüder Judica-Cordiglia wurden in mehreren staatlichen Radiostationen Italiens gespielt - insgesamt ging man von sieben verunglückten Phantom-Kosmonauten aus. Die Funkstation "Torre Bert" war bald so ausgelastet, dass die beiden Brüder andere Leute zu Hilfe nehmen mussten. Ihre letzten nennenswerten Beobachtungen stammen vom Unglücksflug der Sojus 1 im April 1967, der aufgrund technischer Mängel vorzeitig abgebrochen werden musste und aufgrund eines defekten Fallschirmsystems ein Menschenleben forderte. Für das sowjetische Raumfahrtprogramm war das ein schwerer Rückschlag - zum ersten Mal musste man vor der Weltöffentlichkeit einen Fehler zugeben. Bald danach wurde die Torre-Bert-Funkstation geschlossen - zum einen war die spannende Anfangsphase der bemannten Raumfahrt vorbei, zum anderen begann für Achille und Giovanni Battista Judica-Cordiglia das normale Berufsleben, weshalb sie keine Zeit mehr für ihr aufwändiges Hobby hatten.

Was aber hat es mit diesen beiden durchaus spannenden Geschichten auf sich? Kommen wir nun also zu dem Teil, an dem ich euch die Illusion nehme und euch an meiner Enttäuschung teilhaben lasse, die ich empfand, als ich die Fakten erfuhr. Warum soll nur ich allein leiden?

Nun, was Roswell betrifft, so geschah der Absturz des Flugobjekts zu einer Zeit, als ständig UFO-Sichtungen gemeldet wurden - der Zusammenhang mit Außerirdischen war also schnell hergestellt. Dennoch dauerte es drei Jahrzehnte, bis sich wieder Leute dafür interessierten - dann aber liefen die Geschichten vollkommen aus dem Ruder. Nach Berlitz' Buch geschah das, was immer passiert, wenn etwas so gewaltige Aufmerksamkeit erregt - es tauchten immer mehr vermeintliche Zeugen und selbsternannte Experten auf, die alle etwas gesehen haben wollten. Zudem war das Buch über Roswell nicht das erste Werk von Berlitz, welches häufig kritisiert wurde; Berlitz war bekannt für seine Bücher über unerklärliche Phänomene, so schrieb er beispielsweise über das Bermuda-Dreieck und über Atlantis, und auch diese Werke strotzen vor Falschaussagen und Verfälschungen der Quellen. Auch die Aussagen von Walter G. Haut sind in diesem Lichte kritisch zu sehen, zumal er, wie schon zuvor erwähnt, seine Geschichte von Jahr zu Jahr immer wieder änderte. Er erklärte zwar, dass er von seinen aussagen keinesfalls profitiere, es ist aber mehr als offensichtlich, dass er das mediale Interesse durchaus genoss. Übrigens kamen in den 1980er Jahren auch erste Gerüchte über die Erforschung außerirdischen Lebens in der berühmten Area 51, dem militärischen Sperrgebiet in Nevada, auf, und obwohl die beiden Geschichten ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, wird der Roswell-Zwischenfall heutzutage sehr häufig mit den Verschwörungsmythen um Area 51 verknüpft.

Im Laufe der Zeit wurden die Geschichten rund um Roswell immer abenteuerlicher, und so entwickelte diese Legende zunehmend ein Eigenleben, das seinen Höhepunkt mit dem bereits erwähnten Santilli-Film feierte, der auch Alien Autopsy genannt wurde. Benannt wurde er nach dem Filmproduzenten Ray Santilli, der den Schwarzweiß-Film zum ersten Mal öffentlich vorstellte. Als ich zum ersten Mal Ausschnitte daraus zu Gesicht bekam, war ich kaum älter als zwölf - als ich Jahre später erfuhr, dass es sich um eine Fälschung handelt, war ich bitter enttäuscht. Ja, ganz recht, der Film ist nicht echt - und das fällt eigentlich relativ schnell auf: Sowohl das Ambiente als auch die Qualität der Kameraführung sowie  die geringe Zahl der beteiligten Ärzte wirkten merkwürdig amateurhaft für eine Forschungsarbeit von solch enormer Tragweite. Zudem verliert das Bild immer an Schärfe, sobald etwas detailliertere Aufnahmen zu sehen sind, und an wesentlichen Stellen wurden ganz offensichtlich Schnitte vorgenommen, was darauf schließen lässt, dass die Szenarien zuvor passend arrangiert worden waren. eine Zeitlang ging das Gerücht um, bei dem Körper handle es sich um eine menschliche Leiche mit körperlichen Anomalien, aber 2006 bekannte John Humphreys, Experte für Spezialeffekte in Filmen, das Alien-Modell aus Latex hergestellt und zudem auch einen der Autopsie-Ärzte gespielt zu haben.

Das abgestürzte Flugobjekt war also kein außerirdisches UFO - ein gewöhnlicher Wetterballon scheint das vermeintliche Raumschiff allerdings auch nicht gewesen zu sein. Heute vermutet man, dass es sich bei den Trümmern um die Überbleibsel eines missglückten Ballonzuges handelte, der im Rahmen des Project Mogul als Frühwarnsystem für sowjetische Atomtests konstruiert worden war. Da dieses Projekt jedoch geheim war, wurde die Geschichte mit dem Wetterballon erzählt. Die toten Aliens könnten in Wirklichkeit Crashtest-Dummys gewesen sein, die damals zu Testzwecken für die Konstruktion von Fallschirmen dort abgeworfen worden waren. Ob das genauso war, kann ich nicht sagen, aber es klingt zumindest schlüssiger als die Alien-Geschichte. Aber wie Menschen so sind, konnte man natürlich nicht alle von ihrer Überzeugung abbringen, in Roswell seien Außerirdische abgestürzt, und so profitiert die Wirtschaft dieser sonst nicht allzu spektakulären Stadt im Südwesten der USA ordentlich vom UFO-Tourismus. Es gibt in dieser Gegend mehrere vermeintliche Absturzstellen, außerdem Museen, Festivals und Kongresse. Zumindest für Roswell hat dieser Hype also auch Konsequenzen. Und natürlich für die Film- und Fernsehbranche, denn diese Geschichte wird natürlich immer wieder verwurstet und hat unser Alien-Bild geprägt wie kaum eine andere. Ich erinnere mich noch lebhaft an den Alien-Merchandise der späten 1990er Jahre, als die Spielzeugindustrie versuchte, mit leuchtenden, glitzernden und blinkenden Objekten gegen den Digitalisierungs-Hype anzukämpfen und ich mir heimlich diese ekelhaft weichen, neonfarbenen Fruchtgummi-Imitat-Alienköpfe in den Mund stopfte. Sogar Akte X, die Serie, die man im Alter von etwa zwölf bis fünfzehn Jahren sehen musste, wenn man cool sein wollte, selbst wenn man sich danach vor Angst nicht mehr aufs Klo traute, hat eine Roswell-Folge - die allerdings gedreht wurde, als die schrillen Neunziger bereits vorbei waren.

Im Gegensatz zu Roswell wurde die Geschichte um die vermeintlichen Phantom-Kosmonauten von der Popkultur nicht so extrem ausgeschlachtet - was wohl der Grund ist, warum sie mir erst in jüngerer Zeit begegnete. Konkrete Beweise für die verlorenen Kosmonauten gibt es bis heute nicht - dabei ist die Geschichte gar nicht so weit hergeholt, wie manche von euch vielleicht jetzt denken, denn tatsächlich neigten die Sowjets damals dazu, nur Erfolge ihrer Raumfahrt-Mission öffentlich zu machen und Fehlschläge zu vertuschen. Allerdings weisen viele Geschichten nicht nur einen Mangel an Belegen, sondern auch etliche Fehler im Detail auf. Wie schon gesagt war bereits vor Gagarins Raumflug davon die Rede, dass diese oder jene Person eine Reihe von Todesfällen unter Kosmonauten aufgedeckt hätte - 1959 wurden ein paar verunglückte Fallschirmspringer kurzerhand zu Phantom-Kosmonauten. 1960 schrieb der amerikanische Science-Fiction-Autor Robert A. Heinlein (bekannt für den Roman Starship Troopers) in seinem Artikel Wahrheit über eine Geschichte, die ihm Kadetten der Roten Armee in Vilnius erzählt haben sollen: nämlich dass die Sowjetunion am selben Tag einen Menschen in die Erdumlaubahn gebracht hätte. Tatsächlich war an diesem Tag eine ungeschraubte Weltraumkapsel ins All geschossen worden - diese war aber unbemannt gewesen.

Was die Brüder Judica-Cordiglia angeht, so hat deren beachtliches Archiv an Funkaufnahmen sehr wohl historischen Wert, und es ist auch wahr, dass sie Signale aus dem Weltall empfangen haben - deren Echtheit ist ja zum Teil auch medial recht gut abgesichert. Allerdings wurde vieles, was sie damals aufgenommen haben wollen, auch widerlegt - etwa die vermeintlichen Herzschläge der Hündin Laika. Diese war am 3. November 1957 zu Propagandazwecken in einen Raumflugkörper verfrachtet und in eine Erdumlaufbahn befördert worden. Dass sie ihr "Abenteuer" nicht überleben sollte, war von Anfang an klar - ursprünglich war geplant, ihr nach zehn Tagen im Orbit vergiftetes Futter zu verabreichen, um ihr einen qualvollen Tod beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zu ersparen. Sie starb alllerdings bereits fünf bis sieben Minuten nach dem Start der Rakete, wohl an Stress und Überhitzung - was allerdings erst 2002 bekannt werden sollte. Ihre angeblichen Herzschläge wurden aber drei Tage nach ihrem Tod aufgenommen. Selbstverständlich unterstrich die Expertise des Vaters, der ja Kardiologe war, vermeintlich den Wahrheitsgehalt der Meldungen über Herzschläge - allerdings darf man nicht vergessen, dass er dieser Situation nicht unvoreingenommen gegenüberstand, sondern stets in dem Wissen herangezogen wurde, dass seine Söhne versuchten, Signale aus dem Weltall zu interpretieren. Ähnlich verhält es sich auch mit der Übersetzung der vermeintlichen Kosmonautin - durch die Voreingenommenheit der Übersetzerin, gepaart mit der Verzerrung der Stimme, die da zu hören ist und möglicherweise auch unzureichenden Sprachkenntnissen ist anzunehmen, dass die Übersetzung fehlerhaft ist. Tatsächlich stellte sich bei neuerlicher Überprüfung heraus, dass einige Sätze gar nicht vorhanden waren und dass die Wörter, die tatsächlich gefallen sind, in einem alternativen Kontext etwas ganz anderes bedeuten als das, was interpretiert wurde. Auffällig ist auch, dass bei diesen Aufnahmen die Regeln des militärischen Funkverkehrs nicht eingehalten wurden. Abgesehen davon gab es zu dem Zeitpunkt, als die Aufnahme entstand, noch gar kein Programm für weibliche Kosmonauten, und die ersten, die später tatsächlich ins All kamen, wurden auch sehr schnell bekannt. Ganz abgesehen davon wird der Funkverkehr beim Wiedereintritt in den Orbit unterbrochen - sprich, was immer die Brüder da aufgenommen hatten, es war keine Kosmonautin. Auch was das SOS-Signal betrifft, so kann die Vermutung eines verlorengegangenen Raumschiffes widerlegt werden - dennhäte es die Erdumlaufbahn verlassen, hätte man es noch einmal extra beschleunigen müssen, und das konnten die damaligen Gefährte noch nicht leisten.

Was hinter den Verschwörungsmythen rund um die verlorenen Kosmonauten steckt, ist natürlich so vielfältig wie die meisten anderen Geschichten in dieser Richtung. Ein bisschen erinnern sie an die Verschwörungserzählungen rund um den 11. September 2001 - der böse Russe, dem man alles zutraut und der alles daransetzt, den Wettlauf ins All zu gewinnen, weshalb er, wenn möglich, auch über Leichen geht. So gibt es Geschichten über Selbstmord-Kosmonauten, die zum Mond geschickt worden sein sollen in dem Wissen, dass sie nicht mehr zurückkehren würden - wenn man sich allerdings die Baupläne der sowjetischen Sonden ansieht, die zum Mond geschickt wurden, so ist dort gar kein Platz für einen Passagier. So weit hergeholt ist das allerdings trotzdem nicht - denn diejenigen, die ins All geschickt wurden, wussten natürlich, dass sie möglicherweise nicht zurückkommen würden und waren bereit, für ihr Vaterland zu sterben.  Die Unfälle, die tatsächlich passiert sind, haben jedoch einen hohen Bekanntheitsgrad erhalten - und selbst die, die vertuscht werden sollten, sind irgendwann ans Licht gekommen, sobald die Akten geöffnet wurden. Insgesamt kann man sagen, dass wir heutzutage schon ein so detailliertes Wissen über diese Missionen haben, dass man davon ausgehen kann, dass wir auch von eventuellen verdeckten Missionen schon erfahren hätten.

Wie ihr also seht, stecken auch hinter diesen tollen Geschichten vergleichsweise langweilige, doofe Fakten. Ich weiß, das ist nicht lustig - aber ich muss sagen, dass zumindest die Torre-Bert-Aufnahmen durchaus eine interessante Geschichte beherbergen, auch ohne dass man etwas dazuerfinden muss. Jedenfalls hoffe ich, es hat euch trotzdem gefallen und hoffe, dass wir uns bald wieder sehen - zumindest Themen habe ich, wie gesagt, genug. Also bis zum nächsten Mal! Bon voyage!

vousvoyez

Roswell:

https://hoaxilla.com/hoaxilla-33-roswell-ufos-co/

http://roswellproof.homestead.com/Haut.html#anchor_8

https://www.bbc.co.uk/manchester/content/articles/2006/04/07/070406_alien_interview_feature.shtml

https://verschwoerungstheorien.fandom.com/de/wiki/Santilli-Film

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Zahlen-bitte-16-Minuten-Alien-Autopsie-Santelli-Film-der-die-Welt-taeuschte-4714026.html?seite=2

https://signallinie.info/der-santilli-film/

Verlorene Kosmonauten:

https://hoaxilla.com/hoaxilla-75-lost-in-space/

https://www.zeit.de/1965/13/leichen-oder-enten

https://skeptoid.com/episodes/4115

https://www.youtube.com/watch?v=INgk5IU4UzE&t=1s

https://www.youtube.com/watch?v=nMtjDM7QpJk&t=645s

https://verschwoerungstheorien.fandom.com/de/wiki/Verlorene_Kosmonauten

http://www.satellitenwelt.de/jc_turin.htm

https://fahrplan.events.ccc.de/congress/2009/Fahrplan/events/3710.en.html


Dienstag, 27. September 2022

Könnte es sein, dass der Wendler seine eigene Musik gehört hat und deswegen durchgedreht ist?

Photo by Daniel Tuttle on Unsplash

Ach ja, der liebe Michael Wendler - die Witzfigur der deutschen Nation, der Troubadix unter den schlechten Sängern, der Bock unter den Zahlschafen, der Mann, der jene Person beim Verfassungsschutz, die sich all seine musikalischen Ergüsse anhören musste, wahrscheinlich schon an den Rand des Suizid gebracht hat. Aber wir denken nicht an den armen Mitarbeiter, nein - wir diskutieren nur über seine verschwörungsgläubigen Ergüsse! Gleichzeitig frage ich mich, was eigentlich aus dem armen Hund geworden ist, den er und seine Laura sich angeschafft haben, damit die Leute wieder lieb zu ihnen sind. Scheint aber nur so mittelmäßig geklappt zu haben.

Aber klar - süße Tiere sind natürlich immer die besten Argumente, und am besten ziehen nach wie vor junge Hunde und Katzen. Besonders, wenn der Kommentar zu dem Instagram-Foto dann auch noch aus Sicht des Tieres geschrieben wird: "Hallo, hier ist wieder mal euer Flocki. War mit Mama Gassi und habe ein riesiges Häufchen gemacht. Jetzt gibt es Leckerli. Wuff wuff!" AAAAARRRRGGGGHHHH, wie mich sowas aggressiv macht! Ebenso, wie wenn man lebendige Tiere wie Plüschtiere behandelt. Man vermittelt damit ein völlig falsches Bild - nämlich, dass so ein Haustier nichts anderes ist als ein Spielzeug und dass seine Haltung super easy ist. Das Endresultat sind dann überfüllte Tierheime, weil der bzw. die Insta-User:in draufgekommen ist, dass so ein Tier auch hohe Tierarztkosten, Erziehung und Verantwortung bedeutet. Warum in aller Welt ist es so leicht für jeden Tölpel, sich ein Tier nach Hause zu holen? Klar, dasselbe könnte ich auch bezüglich Kinderkriegen fragen. Und ein ganz heikler Punkt bei dem Thema sind Qualzuchten.

Um es mal vorwegzunehmen: Ich verurteile hier niemanden, der einen Mops oder eine Munchkin-Katze zu Hause hat. Es kann sehr viele Gründe haben, warum man sich für so ein Tier entschieden hat - vielleicht hat man es aus dem Tierheim geholt, vielleicht aber auch von einem Freund oder Familienmitglied "geerbt". Vielleicht wusste man es zur Zeit der Anschaffung auch einfach nicht besser und will dem Tier jetzt, wo man es weiß, trotzdem ein halbwegs würdiges Leben ermöglichen. Aber gerade deswegen ist es auch so wichtig, über dieses Thema aufzuklären. Qualzuchten gibt es natürlich in jeder erdenklichen Haustierrasse - da ich aber jetzt keinen Roman schreiben kann und will, beschränke ich mich hier auf die gängigsten, also Hunde und Katzen.

Nun bin ich auch nicht aus Stein - es gibt Tierrassen, die als Qualzucht bewertet werden, die ich im ersten Moment aber auch irgendwie süß finde. Dann gibt es wiederum welche, von denen ich überhaupt nicht verstehen kann, wie man die zu Hause haben wollen kann. Aber Ästhetik ist eben nicht alles - und ich finde, Mischlinge können genauso schön, lustig oder süß sein wie Rassetiere. Dafür erspart man sich meistens die Probleme, die durch Überzüchtung entstehen. Und bei Leuten, die ganz offensichtlich auf das Wohlbefinden des Tieres scheißen, hört sich bei mir auch das Verständnis auf - wie schon in einem früheren Artikel geschrieben, ist nicht jeder automatisch ein Tierfreund, nur weil er ein Tier zu Hause hat.

Ich habe ja schon darüber geschrieben, dass manche sich ein Tier anschaffen, weil sie es im Fernsehen oder Kino gesehen haben - seien es Serien, Filme oder Werbespots. Heutzutage tun aber Influencer natürlich ihr übriges, um bestimmte Haustierrassen populär zu machen. Sehr beliebt sind aktuell beispielsweise die Pomeranians oder Zwergspitze, die ich prinzipiell ja auch süß und lustig finde. Das bedeutet allerdings nicht, dass es deshalb richtig ist, solche Hunde zu züchten. Das Problem ist nämlich, dass häufig Merkmale gefördert werden, die ursprünglich als Defizite galten. Ein Beispiel dafür sind etwa die Nacktkatzen, die angeblich schon von den Azteken gehalten wurden - was allerdings ein Mythos ist. Tatsächlich lassen sich belegte Fälle haarloser Katzen lediglich bis ins 19. Jahrhundert nachverfolgen, die gezielte Zucht begann erst in den 1960er Jahren. In Wirklichkeit handelt es sich beim Erbmaterial für Haarlosigkeit bei Katzen um ein rezessives Gen, also eines, das eigentlich nur selten in Erscheinung tritt, außer man fördert es eben durch die gezielte Zucht. Warum Nacktkatzen außerhalb der Züchtung eher selten vorkommen, liegt auf der Hand - abgesehen davon, dass diese Tiere natürlich weitaus sonnenempfindlicher sind, fehlen ihnen häufig auch die für eine Katze notwendigen Schnurr- und Tasthaare, die für ihren Orientierungs- und Gleichgewichtssinn verantwortlich sind, oder sie brechen leicht ab. Ungeachtet dessen, dass ich nicht nachvollziehen kann, wie man so ein haarloses Tier in seinem Bett haben wollen kann, verstehe ich auch nicht, wie man einem Haustier, das man angeblich liebt, so etwas bewusst antun kann.

Was aktuell bei Hunden sehr beliebt ist, ist die bewusste Verzwergung bzw. das Züchten von Toy-Hunden. Der Grund liegt auf der Hand - diese Hunde entsprechen dem Kindchenschema, welches eine evolutionäre Schutzfunktion darstellt, die uns dazu bringt, sie süß zu finden und liebhaben zu wollen, wie eben bei kleinen Kindern. Zusätzlich erinnern kleine Hunde mit üppigem Haarkleid, wie es beispielsweise der schon erwähnte Pomeranian hat, auffällig an Plüschtiere. Dabei kann schon mal vergessen werden, dass diese süßen Kerlchen vom Wolf abstammen - und dass die kleineren Mägen vor allem im Welpenalter oft zu Mangelernährung, Unterzuckerung oder Allergien führen können. Ebenso beliebt sind Hunde, die vor allem durch ihre Kurzköpfigkeit auffallen - etwa der Mops oder die französische und englische Bulldogge; aber auch Boxer, Pekinesen, Malteser oder der Cavalier King Charles Spaniel zählen zu den Kurzkopf-Hunden. Das Problem bei diesen Tieren ist, dass durch die Deformation des Schädels der Rachenraum verkürzt und häufig auch der Kehlkopf verändert wird - abgesehen davon, dass bei der Selbstregulierung der Körpertemperatur oft Probleme auftreten. So ist das für Mopse und Bulldoggen so charakteristische "Schnarchen" keineswegs eine süße Eigenheit, sondern ein Indiz für Atemprobleme. Besonders an heißen Sommertagen leiden diese Tiere; unglücklicherweise wissen das viele Halter nicht, oder es ist ihnen auch egal, jedenfalls werden die Hunde dann häufig trotzdem durch die Gegend geschleift. Und manchmal postet man auch lustige Fotos und Videos auf Instagram, wo sich über die angezüchteten Defizite lustig gemacht wird. Extreme Kurzköpfigkeit kann aber auch bei Katzen vorkommen - speziell bei Perserkatzen und Exotic Shorthair. Und klar, diese flachgesichtigen Katzen sehen auch irgendwie lustig aus - ich kann allerdings mit voller Überzeugung sagen, dass mir Katzen mit normalen Gesichtern weitaus besser gefallen. Zudem weisen Katzen mit extremer Kurzköpfigkeit häufig zu Zahnfehlstellungen, die Verengung bis Verschließung der Tränennasenkanäle führt oft zu permanentem Augenausfluss.

Der Gipfel der Verzwergung sind aber die sogenannten Teacup-Hunde, die ebenfalls auf Social Media ihren Siegeszug gestartet haben - lebendige, ausgewachsene Hunde, die so klein sind, dass sie in Teetassen sitzen können, was ihre Halter oft mit der Tat beweisen. Da sie nicht einmal einen Kilo wiegen, gelten sie hierzulande als illegale Züchtung - trotzdem werden sie auf Instagram gepusht, und bekanntlich gibt es ja auch Länder, die einen Scheiß darauf geben, was legal ist und was nicht. Diese Hunde erhält man dadurch, dass man die Kleinsten und Schwächsten eines Wurfs über Generationen hinweg immer wieder miteinander paart. Das bedeutet natürlich, dass diese Hunde ganz allgemein eher schlechte Gene haben - mit anderen Worten, die Zucht von Teacup-Hunden ist aktive Tierquälerei.

Auch bei Katzen ist Kleinzüchtung durchaus üblich- allerdings sieht diese eher disproportional aus, etwa durch besonders kurze Beine, und glücklicherweise ist sie auch eher selten; vor allem deshalb, weil die Nachkommen zweier kurzbeiniger Katzen meist nicht lebensfähig sind und häufig schon im Mutterleib sterben. Katzen mit dackelartig verkürzten Beinen sind etwa die Munchkin-, Minskin- oder Minuet-Katze - diese haben Schwierigkeiten, ihr natürliches Verhalten wie Laufen und Springen auszuleben, zudem verursacht die Fehlstellung der Knochen und Gelenke häufig Schmerzen, etwa durch Arthrose oder Bandscheibenvorfälle. Übrigens gehört die Minskin-Katze auch noch zu den Nacktkatzen.

Es gibt jedoch auch Qualzuchten, die nicht offensichtlich sind - dazu gehören zum Beispiel Hunde mit Merle-Färbung. Diese ist vor allem bei größeren Rassen sehr beliebt, etwa dem Australian Shepherd, dem Shetland Sheepdog oder auch dem Collie - aktuell sieht man sehr viele Hunde auf der Straße, deren Fellfarbe von diesen unregelmäßigen hellen Flecken durchzogen ist. Generell macht so eine Merle-Färbung einem Hund nichts aus - allerdings wird nicht ohne Grund empfohlen, keine Hunde mit Merle-Faktor miteinander zu paaren. Da dieser aber aktuell sehr beliebt ist, geschieht das natürlich trotzdem, was bei den Welpen häufig zu Blindheit und/oder Taubheit sowie organischen Schäden und Missbildungen führt.

Eine weiteres Merkmal einer Qualzucht ist auch die geförderte Skelettdysplasie - also die Züchtung von Katzen mit Knickohren wie der Scottish oder Highland Fold. Die für diese Rassen charakteristischen nach vorne abfallenden Ohren sind häufig nicht die einzigen Anomalien - die permanenten Schmerzen hindern die Tiere daran, ihr natürliches Verhalten ausüben zu können, die Knorpel- und Knochenveränderungen hindern die Katzen an normalen Bewegungen können. Da die Ohren bei Katzen ein wichtiges Instrument der Kommunikation sind, wird auch diese durch die Faltohren erschwert. Die Schmerzen führen häufig auch zu einem aggressiven Verhalten, wenn man versucht, die Katze zu berühren. Wie man sich ein solches Tier auch noch wünschen kann, ist mir schleierhaft.

Ich denke, das Problem ist, dass sowohl Filme und Serien als auch Musikvideos und Influencer häufig ein falsches Bild der Tierhaltung vermitteln. Die Tiere werden oft wie Spielzeug oder Accessoires behandelt, so dass die Verantwortung, die mit Haustieren einhergeht, oftmals unterschätzt wird. Ähnlich, wie andere häufig vermitteln, dass es ganz easy peasy sei, Kinder zu haben. Daher mein Appell an alle: Wenn ihr euch ein Haustier zulegen wollt, bitte informiert euch vorher genau und überlegt euch gut, ob ihr dieser Verantwortung auch gewachsen seid, vor allem aber achtet darauf, woher ihr dieses Tier nehmt. Selbstverständlich sind nicht alle Züchter verantwortungslos und profitgeil; ich finde beispielsweise den Ansatz, wieder Mopse mit längeren Schnauzen zu züchten, ziemlich gut, zumal mir diese Rückzüchtungen sowieso besser gefallen, die Qualen, die mit der Kurzköpfigkeit einhergehen, wegfallen und die Tiere weitaus mehr nach Hund aussehen. Am besten wäre es jedoch, einen Hund aus dem Tierheim zu holen und dabei gar nicht erst auf die Rasse zu achten. Wie gesagt, können Mischlinge genauso süß und liebenswert sein wie reinrassige Tiere, vielleicht sogar noch mehr. Ganz abgesehen davon, dass es auf dieser Welt so viele herrenlose Tiere gibt, die auf den Straßen ein trostloses Leben fristen, und dass man ein gutes Werk tut, dazu beizutragen, dass mehr von ihnen ein gutes Zuhause finden.

Damit möchte ich mich für heute wieder verabschieden und hoffe, dass ihr nett zu euren Tieren seid, keinen gelben Schnee esst und nicht in die Dusche pinkelt. Bon voyage!

vousvoyez

Strg.-F.: https://www.youtube.com/watch?v=ucmnnk50VU4

Jonas: https://www.youtube.com/watch?v=CePz2UxctJ8

Dienstag, 14. Dezember 2021

Wenn alle Stricke reißen, ist man zu fett für die Schaukel

© vousvoyez
Dieser Satz stammt von dem Kabarettisten und Stimmenimitator Alex Kristan, während er Frank Stronach parodierte - in diesem Zusammenhang fiel übrigens auch die Bemerkung "I can't get no desinfection", welche auf den Mangel an Schutzausrüstung zu beginn der Corona-Krise anspielte. Und dass heutzutage nicht mehr Ö3 den schnellsten Verkehrsservice hat, sondern Tinder. Eine App, die ich nie benutzt habe und wohl auch nie benutzen werde - tatsächlich habe ich keine einzige meiner Liebschaften je online kennengelernt. Denn obwohl ich durchaus Paare kenne, die sich so getroffen haben und bei denen es schon lange funktioniert, bin ich da wohl ein bisschen zu misstrauisch. Wobei ich natürlich auch nicht weiß, wie das aussähe, würde ich meinen Partner verlieren - was ich natürlich nicht hoffe.

Im letzten Artikel habe ich euch ja darauf hingewiesen, dass ich aus der Steinzeit komme - genauer gesagt aus der digitalen Steinzeit. Wobei der erste Vorläufer des Computers - die Analytical Engine - bereits aus dem 19. Jahrhundert stammt, während der des Internets, das Arpanet, bereits im Jahre 1969 erstmals angewendet wurde. Die kommerzielle Nutzung des Internets begann in den 1990er Jahren, ich persönlich kam jedoch erst im Gymnasium wirklich damit in Berührung. Und ich staune noch bis heute, wie schnell und nachhaltig sich unser Alltag dadurch verändert hat - so sehr, dass ich den Unterschied deutlich erkenne, wenn ich mich beispielsweise mit einer Person unterhalte, die nur etwa zehn Jahre jünger ist als ich. Ich vergleiche das gerne mit jener Generation, die zum ersten Mal mit dem Fernseher in Berührung kam: Wie man bei uns größtenteils das erste Mal in Bildungseinrichtungen anfing, das Internet zu nutzen, gingen in den 1950er Jahren die meisten Leute zum Nachbarn oder ins nächste Gasthaus, um sich eine ganz bestimmte Sendung im Fernsehen anzusehen. Entsprechend kann man das Gefühl, zum ersten Mal vernetzt zu sein, ebenso wenig erklären, wie uns die Jugend der 1950er Jahre begreiflich machen kann, wie es ist, wenn man zum ersten Mal vor einem Fernsehbildschirm sitzt. Und irgendwie war sie auch recht spannend, die Zeit, als sich das alles entwickelt und verändert hat. Diese Jahre waren geprägt von einer Mischung aus Nostalgie und Zukunftsoptimismus, bis der 11. September 2001 diese Naivität erstmals bröckeln ließ. Und nachdem wir ein paar Jahre lang unsere Jugend in vollen Zügen genossen hatten, mussten wir allmählich feststellen, dass die Zeiten nicht unbedingt besser werden - und dass die ältere Generation das immer noch nicht kapiert zu haben schien.

Eines der ersten digitalen Phänomene war ja dieses Baby, das zu dem Intro des 1970er-Songs Hooked on A Feeling von Blue Swede (diesen Song muss man als Tarantino-Fan einfach kennen) getanzt hat - ich sah es, wie viele andere auch, das erste Mal in der Serie Ally McBeal, wo es als Halluzination die gnadenlos tickende biologische Uhr einer Frau symbolisiert. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Testbeispiel für eine Animationssoftware, das für Werbe- und Demonstrationsvideos ausgewählt wurde und sich Ende der 1990er Jahre auf allen möglichen Websites verbreitete. Durch die Verwendung in Ally McBeal wurde es schließlich allen ein Begriff. Das war nicht lange, bevor ein simples Spiel, das eigentlich als Werbegag für die Whisky-Marke Johnny Walker gedacht war, die Bürocomputer eroberte. Ich spreche natürlich von der virtuellen Moorhuhnjagd, die damals mehr oder weniger in aller Munde war. Ursprünglich wurde es in ausgewählten Kneipen auf jeweils zwei Laptops zur Verfügung gestellt; von dort aus muss es irgendjemand es kopiert und ins Internet gestellt haben, jedenfalls verbreitete es sich im Jahr 2000 via E-Mail wie ein Lauffeuer und ist somit eines der ersten Beispiele für virales Marketing, immerhin war es ja immer noch ein Werbetool. Es hieß sogar, dass das Hühnchen mit den doofen Augen ganze Großraumbüros lahmgelegt hätte und so für Umsatzeinbußen verantwortlich sei. Grund für den Erfolg war aber wohl vor allem die simple Handhabung: Es ging in dem Spiel mehr oder weniger nur darum, so viele Moorhühner wie möglich abzuschießen. Da die Viecher eher langsam flogen, war das auch nicht allzu schwer, und im Nachhinein gesehen muss ich auch sagen, es sah wirklich lustig aus, wie sie mit ihren großen, runden Augen treudoof glotzend durch die schottischen Highlands flogen und nur darauf warteten, abgeknallt zu werden. Damals ging mir die Debatte eher auf die Nerven, und mit sechzehn Jahren waren Büros für mich noch so etwas wie ein fremder Planet. Außerdem habe ich dieses englisch-deutsch gemischte Eurodance-Trashlied Gimme Moorhuhn von Wigald Boning gehasst! Die weiteren Spiele sind gänzlich an mir vorbeigegangen, obwohl danach noch einige Sequels auf den Markt gehauen wurden. Ich erinnere mich nur an ein paar kurze, schlecht gezeichnete und kolossal unlustige Moorhuhn-Clips, die eine Zeitlang während der Werbepausen im deutschen Fernsehen gezeigt wurden.

Zur Moorhuhn-Zeit waren Handys noch weit davon entfernt, internetfähig zu sein. Eines kristallisierte sich jedoch bereits sehr schnell heraus: Sobald das Mobiltelefon zum Massenprodukt wurde, war auch der Wunsch da, sich von der Masse abzuheben. Denn wer will schon wie alle anderen sein (*zwinker*)? Mein erstes Handy, das Nokia 3210, war beispielsweise das erste mit austauschbaren Abdeckschalen, die das äußere Erscheinungsbild des Geräts individualisierten. Und natürlich mussten auch die Klingeltöne und Hintergrundbilder so unverkennbar wie möglich sein - wobei sich dadurch, dass Handys bald über Farbdisplays, Videofunktion sowie polyphone Klangdateien verfügten, ungeahnte Möglichkeiten auftaten. Und auf einmal witterte man mit den Klingeltönen das große Geschäft - was die Ära des Jamba-Sparabos einläutete (ich frage mich bis heute, was das mit Sparen zu tun haben soll). Und jener Werbespots, die bestimmt direkt aus der Hölle kamen und die über kurz oder lang auch zur Zerstörung von Musiksendern wie MTV und Viva beitrugen. Auf einmal wurde man dort ständig mit tanzenden lila Nilpferden, ekelhaft niedlichen gelben Küken, singenden Dinosauriern, Fröschen mit Penis (Penis, hihihihihi!) und diversen anderen 3D-animierten Tieren belästigt, dazu nervige Melodien sowie eine kreischige Männerstimme, die dir ins Ohr brüllt: "SCHICKE JETZT FROSCH 1 AN FÜNFMAL DIE DREI!!!" Und natürlich durften zu Weihnachten auch die beiden Tassen nicht fehlen, die sich gegenseitig beschimpften. Waren die nicht niedlich? NEIN, WAREN SIE NICHT! *heul* Ganz im Gegenteil: Diese in Dauerschleife laufenden Videos von niedlichen Kuschelhäschen, fetten Teufeln, die im Eis einbrechen und Maulwürfen, die dich lieben, obwohl du scheiße bist, machten auf Dauer aggressiv - ebenso wie sich ständig wiederholenden Ansagen: "JAMBA SUCHT DEN KLINGELTONSTAR! HEUTE AM START: SWEETY, DAS KÜKEN!" Raaaaaaaaah!

Was sich heutzutage wohl kaum noch jemand vorstellen kann: Hinter all diesen harmlosen Videos und lustigen Klingeltönen verbarg sich eine Abofalle, die am Ende des Monats die Telefonrechnung schon mal empfindlich in die Höhe treiben konnte. Noch dazu bestand die Zielgruppe durch die Präsenz der Dauerschleife-Werbespots auf den Musiksendern größtenteils aus jenen Menschen, die am leichtesten zu beeinflussen sind: Teenagern. Erschwerend kam noch hinzu, dass unter den voreingestellten Klingeltönen der Handys kaum etwas Vernünftiges zu finden war - ich habe sogar Lieder mit der Diktierfunktion aufgenommen und dann als Klingelton installiert, weil mir das, was auf den Handys zu finden war, häufig den letzten Nerv raubte. Und weil ich eben kein Teenager mehr war, der automatisch das tut, was ihm im Fernsehen gesagt wird. Aber so schnell, wie der Klingelton-Hype gekommen war, verschwand er auch wieder in der Versenkung - das Aufkommen der Handys mit USB-Kabel und schließlich der Smartphones mit direktem Internetzugang machte die teuren Abos endgültig obsolet. Aber natürlich war Jamba nicht bereit, so schnell aufzugeben - in den 2010ern stieg man auf so etwas wie Liebestest-Apps um, die allerdings kaum noch jemanden interessierten. Lustigerweise existiert die Jamba-Website immer noch - sie sieht aus, als wäre das Jahr 2005 nie zu Ende gegangen, und bietet immer noch diese Abos an! Für die anscheinend auch immer noch Leute bezahlen! Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hat dieses unsägliche Crazy-Frog-Video mit der Beverly-Hills-Cop-Titelmelodie im Hintergrund mehr als eine Milliarde Aufrufe!

Tatsächlich war dieses komische Viech, das eigentlich gar kein Frosch ist - was man mit ein bisschen Kenntnis von Zoologie eigentlich auch selbst herausfinden könnte, denn Frösche haben keinen Penis - seinerzeit der Star der Jamba-Hölle, und das, obwohl anscheinend alle ihn leidenschaftlich gehasst haben. Und ja, auch ich kann nicht begreifen, was an diesem breitmäuligen Vieh mit seinem nervigen "Ding-ding" eigentlich so ansprechend sein soll. Jedenfalls geht die ganze Geschichte des Crazy Frog auf die Aufnahme eines sechzehnjährigen Schweden zurück, der die Geräusche seines Mopeds imitierte. Über einen seiner Freunde fand sie ihren Weg ins damals noch junge Internet, von wo aus sie für eine schwedische Fernsehsendung entdeckt und auf diversen Spaß-Websites hochgeladen wurde. Irgendwann geriet sie in Vergessenheit - bis sie 2003 von dem schwedischen Animator Erik Wernquist wiederentdeckt wurde. Dieser konstruierte für ein Bewerbungsvideo rund um das Geräusch eine Animation, welche er als "The Annoying Thing" bezeichnete - entsprechend der stimmlichen Wiedergabe des Zweitaktmotors eines Mopeds war auch das Gefährt der Figur, die er da kreierte, unsichtbar, während sie selbst Motorradhelm, Windschutzbrille und Lederjacke trägt (ihr Geschlechtsteil sollte später zensiert werden). Er bekam den Job, und nachdem er etwa ein Jahr lang bei Kaktus Film gearbeitet hatte, wurden externe Firmen auf die Animation aufmerksam - eine davon war Jamba. Diese machte die Figur, die den Namen "Crazy Frog" erhielt, zu einem ihrer populärsten Charaktere und bewarb mit ihr den Klingelton Axel F, jenes Instrumentalstück, das durch die Filmreihe Beverly Hills Cop bekannt geworden war. Ich hoffe nur, dass der arme Eddie Murphy nie davon erfahren hat. Jamba scheffelte Millionen mit diesem fürchterlichen Clip - die eigentlichen Schöpfer hinter dem nervigen Nicht-Frosch erhielten nur einen Bruchteil der Einnahmen. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hat das Vieh auch noch Coldplay von der Spitze der Charts verdrängt! Insgesamt konnte man diesen einen Soundclip von 1997 zu sage und schreibe drei (!!!) CDs verwursten!

Die ständige Präsenz dieser fürchterlichen Animation sorgte jedoch dafür, dass die Leute sie bald zu hassen begannen - natürlich, denn kein normaler Mensch könnte über längere Zeit diese nervige Stimme hören, ohne psychische Schäden davonzutragen. Und du wirst sie auch nicht mehr los - ich werde nach Beendigung dieses Artikels einen halben Tag Barbie Girl hören müssen, um diesen fürchterlichen Eigentlich-nicht-Frosch aus dem Kopf zu bekommen. Entsprechend verkauften sich die Singles auch von Mal zu Mal schlechter, und zum Glück wurde weder aus der geplanten Serie noch aus dem Film etwas - dafür bekam der Crazy Frog ein eigenes Videospiel für PlayStation. Tragisch endete die Geschichte auch für Erik Wernquist, der bis heute sichtlich bestürzt darüber ist, dass es der Crazy Frog sein soll, den er einst der Welt als geistiges Vermächtnis hinterlassen wird. Umso seltsamer, dass dieser fürchterliche Nicht-Frosch mit seinem Axel-F-Clip im Jahre 2018 ein unverhofftes Revival erlebte - das Video klickte sich auf YouTube so gut wie sonst kaum eines, was dazu führte, dass in jüngster Zeit wieder neue Crazy-Frog-Clips produziert wurden. Wobei man sagen muss, dass viele absurd hohe View-Zahlen bestimmter YouTube-Videos wohl dadurch zustande kommen, dass manche Eltern ihre Sprösslinge gerne mal vor YouTube Kids parken - und diese nicht wissen, wie man einzelne Clips überspringt, weshalb sie oft einfach durchlaufen. Nicht die beste Idee, wenn ihr mich fragt, aber als Nicht-Mutter habe ich da nicht mitzureden. Ebenso seltsam finde ich die Wahl des Songs für den neuen Crazy-Frog-Clip, der sich stilistisch genauso nach 2000er-Clubsound anhört wie seine Vorgänger: It's Tricky von Run DMC, einer der wegweisenden Rap-Combos aus den 1980er Jahren. Mit anderen Worten - der Song passt nicht. Null. Und Run DMC haben das auch nicht verdient - deren Musik mag ich nämlich eigentlich ganz gerne.

Zur gleichen Zeit wie die Jamba-Klingeltöne eroberte auch ein weiteres Phänomen, verbunden mit einem weiteren schrecklichen Ohrwurm, das Internet: Schnappi, das kleine Krokodil. Ja, auch dieses Grauen wird von mir heute wieder gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt! Obwohl es sich ja eigentlich, im Gegensatz zu den fürchterlichen Abzocker-Melodien, lediglich um ein harmloses Kinderlied, gesungen von einer Neunjährigen, handelt. Genauer gesagt heißt die Sängerin Joy Gruttmann und ist die Nichte von Iris Gruttmann, Autorin, Komponistin und Musikproduzentin, die unter anderem Lieder für die beliebte Sendung mit der Maus schrieb. Joy sang in ihrem Kinderchor, und im Alter von fünf Jahren wünschte sie sich von ihrer Tante ein Lied ganz für sich alleine. Also schrieb Iris Gruttmann den von Rosita Blissenbach stammenden Text um und komponierte dazu eine Melodie. Das Lied erschien zunächst 2001 auf einer Musikkassette mit Kinderliedern, zwei Jahre später wurde es auf dem Sampler Großes und Kleines mit der Maus veröffentlicht. Von dort aus hat es 2004 wohl irgendeine Person auf eine MP3-Datei konvertiert und im Internet verbreitet - und erreichte innerhalb kürzester Zeit, ähnlich wie Crazy Frog und Moorhuhn, über diverse Foren und Tauschbörsen eine riesige Reichweite, bis es sogar im Radiosender SWR3 gespielt wurde. Es folgte eine CD, die sich massenhaft verkaufte - im Januar 2005 erreichte sie Platz 1 der deutschen Single-Charts und hielt sich da zehn Wochen. Für die Musiksender wurde es außerdem mit einem Zeichentrickvideo kombiniert - und war nicht nur im deutschsprachigen Raum erfolgreich: Unter anderem wurde das Lied ins Englische, Französische, Tschechische, Litauische und Japanische übersetzt. Bereits damals wurde befürchtet, dass der illegale Download urheberrechtlich geschützter musikalischer Werke zu Umsatzeinbußen im Tonträger-Geschäft führen könnten - bei Schnappi schien es jedoch umgekehrt zu sein. Joys zweite Single, Ein Lama aus Yokohama, lief übrigens auch einmal bei Libro in Dauerschleife, als ich gerade irgendwas gesucht habe, während ich irgendein anderes Lied von ihr frisch operiert im Krankenbett hören musste - wie ihr euch also vorstellen könnt, habe ich kein Interesse an weiteren Kostproben ihres musikalischen Talents. Aber zumindest versichert sie, dass sie keines dieser Kinder war, die von ihren Eltern gegen ihren Willen auf die Bühne gezerrt werden. Natürlich gab es von dem Lied auch zahlreiche Parodien, von denen nicht alle besonders schmeichelhaft waren - am bekanntesten ist mit Sicherheit Schri-Schra-Schrödi aus der Gerd-Show. Die Hauptschuld daran, dass das Lied irgendwann in Ungnade fiel, liegt aber sicherlich bei Jamba, die es ebenfalls für ihre Klingeltöne okkupiert haben. Und trotz allen Grolls tut es mir unheimlich leid, dass das Mädchen nach ihrem Erfolg in der Schule gemobbt wurde - anscheinend hatte sie aber genügend Rückhalt in der Familie, jedenfalls wirkt sie heute wie eine relativ gefestigte junge Frau. Von einer weiteren Karriere im Showbusiness träumt sie allerdings nicht - was wahrscheinlich ebenfalls ihr Glück ist, denn einen solchen Erfolg zu wiederholen, ist fast unmöglich.

Und jetzt will ich euch mal was verraten: Eigentlich wollte ich heute etwas Lustiges machen, weil die Themen in letzter Zeit so ernst gewesen sind. Stattdessen habe ich uns jetzt alle re-traumatisiert - es tut mir schrecklich leid! Ich fürchte, wir werden eine Selbsthilfegruppe gründen müssen, um all diese furchtbaren Erfahrungen adäquat verarbeiten zu können. Um den Schaden in Grenzen zu halten, werde ich euch aber zumindest die nervigen Lieder nicht verlinken - sondern im schlimmsten Fall nur die nicht so nervigen Originale. Und ich hoffe, dass ihr mir trotzdem treu bleibt und auch das nächste Mal wieder mit dabei seid! Bon voyage!

vousvoyez

Dienstag, 26. Oktober 2021

Fridays for Future war mir lieber als Saturdays for Tin Foil Hats

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Proteste gegen die Maßnahmen gab es ja eigentlich schon ziemlich schnell nach Beginn des ersten Lockdowns. Richtig groß wurden Bewegungen wie "Querdenken" allerdings um den Sommer 2020 - der Höhepunkt der Proteste waren sowohl der versuchte "Sturm" auf den Reichstag in Berlin Ende August dieses Jahres und die #allesdichtmachen-Aktion auf YouTube im April dieses Jahres. Aktuell scheint jedoch in der Querdenker-Bubble Katerstimmung angesagt - die Pandemie ist aktuell hauptsächlich ein Problem für Ungeimpfte; innerhalb der Bewegung herrscht Streit und man beschuldigt sich gegenseitig; viele derer, die sich von ihren unkritischen Anhängern großzügig mit finanziellen Schenkungen versorgen ließen, haben sich ins Ausland abgesetzt, während andere immer verzweifelter um noch mehr Geld betteln; und einigen scheint langsam zu dämmern, dass sie sich die längste Zeit haben verarschen lassen. Natürlich beweisen nur die wenigsten die Größe, dies auch zuzugeben: Meistens sind die anderen schuld, weil sie dumm sind und nicht "aufwachen" wollen, weil sie "es" nicht kapiert hätten und ihnen nicht zuhören wollen. Man könnte schon fast Mitleid mit ihnen haben, wenn das nicht größtenteils Menschen wären, die erwachsen genug sein sollten, um zu wissen, dass das eigene Handeln auch Konsequenzen hat - und dass es nicht zielführend ist, all diejenigen, die man eigentlich überzeugen will, gleich einmal für dumm zu erklären. Zu erkennen, dass man die ganze Zeit den falschen Leuten hinterhergelaufen ist und das auch zuzugeben, erfordert halt nun mal Charakter - aber wer dies schafft, das muss ich auch dazu sagen, verdient tatsächlich Hochachtung.

Ich denke, spätestens seit den Lockdowns sollte auch der/die/das Langsamste begriffen haben, dass mit Social Media die Grenzen zwischen der analogen und der digitalen Welt zunehmend weniger definiert sind. Im Prinzip sollte dies bereits seit Beginn des Arabischen Frühlings Ende 2010 erkennbar sein - aber vor allem die ältere Generation scheint die politische und gesellschaftliche Macht des Internets noch viel zu lange unterschätzt zu haben. Entsprechend ist die digitale Welt, wenn auch kein rechtsfreier, anonymer Raum, immer noch eine mit viel zu wenig und zudem häufig noch ziemlich willkürlichen Regeln. Dies fördert natürlich toxisches Verhalten - beispielsweise die Hasskultur. Und die Tendenz, nicht nur alles zu kritisieren (was ja durchaus wünschenswert ist), sondern auch der Meinung zu sein, der eigene Standpunkt sei der einzig richtige. Vor allem aber auch den Mechanismus, sich selbst zu erhöhen, indem man auf andere herabblickt. Natürlich ist nicht das Internet schuld, dass es solche Verhaltensweisen überhaupt gibt - Fernsehsendungen wie Frauentausch oder die Nachmittags-Talkshows aus den Neunzigern erfüllten schon zuvor diesen Zweck. Es ist die Art und Weise, wie unser Kapitalismus schon seit Jahrzehnten funktioniert - mein Auto ist größer als deines, meine Kleidung sieht besser aus als deine, mein Leben ist toller als deines. Im Prinzip gibt es das wohl schon, seit es Menschen gibt - häufig reicht schon das Aussehen, um sich selbst zu überhöhen und andere zu erniedrigen, denken wir nur an Rassismus. Warum aber tun wir das? Nun, die Antwort ist eigentlich ganz einfach - wir wollen unsere eigenen Fehler verschleiern, indem wir auf den anderen zeigen und sagen: "Ich bin vielleicht nicht perfekt, aber der da ist noch viel schlimmer!" Klar - das lernen wir ja schon im Kindergarten. Und diese Mechanismen greifen auch schon lange in sozialen Netzwerken - und machen mitunter einem Menschen das Leben zur Hölle. Andererseits gibt es dann aber auch wieder welche, die sich durchaus bewusst sind, dass man auch von negativer Aufmerksamkeit profitieren kann - und dies auch forcieren. Und es gibt den Drachenlord - den meistgehassten YouTuber im deutschsprachigen Raum. Der letzte Woche zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Die Hoffnung, dass die Geschichte damit zu Ende ist, hat sich bisher allerdings nicht erfüllt - denn der Prozess soll noch einmal aufgerollt werden. Aber wer ist der Drachenlord eigentlich, und warum ist um ihn so ein Hype entstanden?

Rainer Winkler erstellte im Jahr 2011 seinen eigenen YouTube-Kanal und veröffentlichte dort eigens produzierte Videos in der Hoffnung, zu Geld und Ruhm zu gelangen - an sich nichts Besonderes, das haben viele schon vor ihm gemacht. Auch die Videos waren nicht so besonders - es ging hauptsächlich um Metal und Videospiele, bisweilen plauderte der "Drachenlord", wie er sich nennt, auch über sein Privatleben, den Tod seines Vaters und das problematische Verhältnis zum Rest der Familie sowie Mobbing in der Schule. Nach wie vor lebt er alleine in seinem Elternhaus, das mittlerweile ziemlich heruntergekommen ist, in einem kleinen Nest in Mittelfranken, nach dem Besuch einer Förderschule hat er kaum berufliche Perspektiven. Eigentlich die typische gescheiterte Existenz. Auch seine äußere Erscheinung wirkt nicht besonders ansprechend - er ist stark übergewichtig, wirkt meistens nicht sehr gepflegt und trägt am liebsten Metal-Shirts. In Kombination mit seinem breiten fränkischen Dialekt und der Tatsache, dass er offensichtlich psychisch und kognitiv beeinträchtigt ist und wohl auch keine konstruktive Unterstützung hat, ist er so natürlich die ideale Zielscheibe von Spott und Hohn. Und das erhielt er auch ziemlich bald - irgendwann riefen seine Videos Kritiker auf den Plan, die ihrer Ablehnung in den Kommentaren Ausdruck verliehen. Rainer Winkler a. k. a. der Drachenlord ließ sich nur allzu leicht von ihnen provozieren, und so versammelte er bald eine Gemeinschaft von "Hatern", oder "Haidern", wie sie sich mit fränkischem Akzent gerne nennen, auf seinem Kanal. Sie machten sich über sein Aussehen, seine Art zu sprechen, seine mangelnden intellektuellen Fähigkeiten lustig. Er zahlte mit gleicher Münze zurück, ließ immer wieder unüberlegte, bisweilen provokante Aussagen fallen - so beantwortete er etwas zu offenherzig Fragen über sein Intimleben, äußerte sich gerne sexistisch, rassistisch und antisemitisch, bezeichnete den Holocaust als "nice" und verglich im letzten Jahr seine Situation mit jener der Opfer des Amoklaufs in Wien. Die Kommentare unter seinen Videos wurden immer abfälliger, beidseitig sank das Niveau immer tiefer unter die Gürtellinie, und am Ende war nicht mehr auszumachen, wer hier eigentlich agiert und wer reagiert. Das Spiel ging einfach immer weiter - und dauert bis heute immer noch fort, mal mehr, mal weniger.

Im Jahr 2014 beging Rainer Winkler schließlich einen fatalen Fehler: Er gab seinen "Hatern" seine Wohnadresse bekannt, nachdem seine Schwester von einem anonymen Anrufer belästigt worden war, und forderte sie auf, zu ihm zu kommen. Auf diese Weise gelangte die Hasswelle gegen ihn von der digitalen in die analoge Welt: Bis heute fahren täglich Leute aus dem gesamten deutschsprachigen Raum in das Vierzig-Seelen-Dorf, um den Drachenlord zu drangsalieren. Für sie ist es eine Art Spiel, und tatsächlich bezeichnen sie ihre Methode, den Mann so lange zur Weißglut zu treiben, bis er sein Haus verlässt, als "Drachengame". Schon bald beeinträchtigte ihre ständige Anwesenheit jedoch nicht nur den Drachenlord selbst, sondern auch die anderen Leute in der Gegend massiv. Mehrmals täglich wird die Polizei gerufen, die Dorfbewohner kommen seit mittlerweile acht Jahren nicht mehr zur Ruhe, Sachbeschädigungen sind an der Tagesordnung. Im Jahr 2016 stand einer der "Hater" vor Gericht, nachdem er permanent unerwünschte Bestellungen an Winklers Adresse schickte und in seinem Namen Notrufe tätigte, so dass bisweilen ein Großaufgebot an Einsatzkräften ausrückte - auch andere "Anti-Fans" kassierten Anzeigen und Strafen. Es wurden permanent Verfügungen ausgesprochen, um die "Hater" von dem Dorf fernzuhalten, aber diese werden bis heute immer wieder umgangen. Im August 2018 organisierten sich Hunderte von "Hatern" trotz Versammlungsverbots zu einer regelrechten Hass-Demo vor seiner "Drachenschanze", wie sein Haus genannt wird - teilweise waren sie sogar aus dem Ausland angereist. Manche "Hater" haben inzwischen ganze Websites und Kanäle online gestellt, die sich nur damit beschäftigen, den Drachenlord zu demütigen. Für einige von ihnen scheint diese Art von Mobbing gegen eine einzelne Person zu ihrem Lebensinhalt geworden zu sein.

Im Jahr 2019 wurde Rainer Winkler zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, nachdem er einen seiner ungebetenen Besucher mit Pfefferspray attackiert hatte. Letzte Woche dann waren es zwei Jahre Haft ohne Bewährung - wegen Beleidigung, Körperverletzung und Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen, nachdem er Polizisten beschimpft, mit einem Backstein nach einem seiner "Hater" geworfen und einen anderen mit einer Taschenlampe verletzt hatte. In ganz Deutschland und auch hier in Österreich berichten Medien über den Prozess - auf diese Weise wurde ich darauf aufmerksam und beschloss, mir den Sachverhalt einmal genauer anzusehen. Mir fiel auf, dass der Prozess offenbar großen Andrang fand - die "Hater" versammelten sich vor dem Gerichtsgebäude, ein paar von ihnen waren auch im Gerichtssaal zugegen, allerdings mit dem Verbot, dazwischenzurufen oder zu filmen. Rainer Winkler zeigte sich geständig, kündigte an, sein Haus zu verkaufen und wegzuziehen - außerdem wollte er seine Online-Aktivitäten deutlich reduzieren. Nun, zumindest Letzteres hielt er nicht einmal 24 Stunden durch - kaum kehrte er in seine "Drachenschanze" zurück, begann er schon wieder zu streamen, und auch seine Aussagen lassen Zweifel an seiner vor Gericht gezeigten Reue aufkommen. Nun soll der Fall wieder aufgerollt werden - was einerseits bedeutet, dass das "Drachengame" immer noch nicht zu Ende ist, andererseits, dass seine Haftstrafe im schlimmsten Fall noch verlängert werden könnte, denn der Staatsanwaltschaft sind zwei Jahre nicht lang genug.

Nun sind die Meinungen, was diese Geschichte angeht, natürlich ziemlich gespalten - die einen finden es empörend, dass hier wieder mal ein Mobbing-Opfer bestraft wird, während die Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden; die anderen argumentieren, dass er ja schließlich selber schuld an der Misere sei und deswegen auch kein Mitleid verdient hätte. Nun, Rainer Winkler hat mehrere Straftaten begangen und war zudem noch vorbestraft - das Urteil musste hier also gesprochen werden. Trotzdem verdient er meiner Ansicht nach auch Mitgefühl - auch wenn seine vom Gericht bescheinigte psychische Erkrankung in Kombination mit Intelligenzminderung offenbar nicht ausreicht, um hier von verminderter Schuldfähigkeit ausgehen zu können. Generell finde ich allerdings, dass keine der beiden Parteien sich der Verantwortung entziehen kann. Und ich bin mir natürlich bewusst, dass ich mit meinem Artikel dem Thema eine Relevanz verschaffe, die es eigentlich nicht verdient hat - sofern man bei einem so reichweitenschwachen Blog überhaupt von Relevanz sprechen kann. Das Ding ist halt nur - das Phänomen "Drachenlord" beschäftigt nicht zum ersten Mal die Internet-Community. Und ich bin weder ein Fan noch ein Hater - bisher habe ich mich in dieser Sache wohlweislich zurückgehalten und sie so gut wie möglich ignoriert. Aber inzwischen ist das Thema schon so groß, dass man es einfach nicht mehr ignorieren kann, und deswegen möchte ich mich dazu äußern.

Eines muss klar sein: Rainer Winkler spielt, wie schon gesagt, in dieser Angelegenheit keineswegs eine passive Rolle: Er reagiert auf jede Kritik und ist dabei nicht zimperlich. Er hat seine Adresse aus freien Stücken preisgegeben und ist mehrmals durch sehr provokante Äußerungen aufgefallen. Sein Verhalten verrät keinerlei Unrechtsbewusstsein, und er scheint auch nicht zu begreifen oder begreifen zu wollen, dass er durchaus Hilfe nötig hätte, jedenfalls hat er alle Angebote in der Richtung bisher ausgeschlagen. Obwohl klar ist, dass er und seine Nachbarn keine Ruhe haben werden, solange er im Internet so präsent ist, und obwohl ihm das schon häufig nahegelegt wurde, macht er keine Anstalten, seine Videos und Streams zu reduzieren oder gar einzustellen - im Gegenteil, das erste, was er macht, sobald die Verhandlung vorbei ist, sind weitere Streams. Und sein Erscheinungsbild bei der Verhandlung - löchriges Bandshirt, Jogginghose, ausgetretene Turnschuhe und ungepflegte Frisur - habe ich auch nicht so richtig verstanden, immerhin bot er auf diese Weise ja noch mehr Angriffsfläche. Manchmal könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, dass ihm diese Art der Aufmerksamkeit gefällt, wie bei einem Kind, das seine Eltern nur durch Fehlverhalten auf sich aufmerksam machen kann. Oder er kapiert es einfach wirklich nicht und hat auch niemanden, der ihm das begreiflich machen kann.

Aber ebenso wenig, wie Herr Winkler gezwungen wird, seine Videos zu machen und sich provokant zu äußern, werden auch seine "Hater" gezwungen, zu ihm zu fahren und ihn zu belästigen. Ich habe im Zuge meiner Recherche einige Twitter-Profile dieser "Hater" ausfindig gemacht, aber wirklich plausibel erklären konnte keiner, was er in diesem kleinen Nest vor dem Haus eines wildfremden Menschen überhaupt zu suchen hat. Viele begnügen sich damit, jede Kritik abzuschmettern mit dem Hinweis, dass man ja keine Ahnung von dem "Game" hätte und worum es überhaupt geht - wer sich also nicht zehn Jahre lang mit jedem Schnipsel aus dem Leben des Drachenlord beschäftigt hat, darf dazu gar keine Meinung haben. Interessant! Andere wiederum rechtfertigen ihre dortige Anwesenheit mit "Zivilcourage" - immerhin sind seine häufig feindseligen Aussagen ja trotz allem nicht wegzuerklären. Echt jetzt? Ich frage mich, ob diese Leute ihre "Argumente" tatsächlich selbst glauben: Wenn es wirklich nur darum geht, gegen Sexismus oder Holocaust-Verharmlosung vorzugehen, warum sucht man dann ausgerechnet eine labile Person auf, die ohnehin keiner ernst nimmt, anstatt sich mit jenen anzulegen, die bereits seit mehreren Jahren zündeln, ganz bewusst Menschen aufhetzen und die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschieben? Oder ist man dafür möglicherweise zu feige und schießt sich deswegen lieber auf jemanden ein, der mit seinem Aussehen, seinem Verhalten und seinen Lebensumständen ohnehin schon ein leichtes Opfer ist? Es geht ganz augenscheinlich nicht um "Zivilcourage" - es geht einzig und allein darum, den Mann bis aufs Äußerste zu reizen. Oder was hat das Werfen von Feuerwerkskörpern oder das Auftauchen vor dem Haus mit Masken, die das Gesicht von Winklers verstorbenem Vater zeigen, mit Kritik an seinen Provokationen zu tun? Ganz ehrlich: Wer würde nicht irgendwann einmal ausrasten, wenn jahrelang Tag und Nacht irgendwelche Fremden um dein Grundstück herumtigern und ständig darauf aus sind, dich zu provozieren und dir irgendeine lustige Reaktion zu entlocken, über die sie sich dann auslassen können? Abgesehen davon sind ja auch so manche der "Hater" keineswegs solche, die sich im Kampf gegen Rechts besonders hervorgetan haben - viele kokettieren sogar selbst mit rechtsradikalem Gedankengut, wie etwa jener Typ, der zusammen mit seinen Freunden dem Drachenlord per Livestream einen üblen Streich gespielt hat, und ich habe auch so einige Tweets entdeckt, in der "Hater" ihren Phantasien, was sie mit der "geilen Richterin" alles anstellen würden, freien Lauf ließen.

Ich will damit nicht relativieren, dass der Typ allen Anschein nach absolut kein Unrechtsbewusstsein hat, jegliche Hilfe ausschlägt und keinerlei Interesse zeigt, diese Farce zu beenden. Und mir ist vollkommen bewusst, dass sich an der Situation wahrscheinlich nie etwas ändern wird, solange Herr Winkler nicht bereit ist, sich helfen zu lassen. Andererseits generiert er mit seinen "Hatern" nicht nur Aufmerksamkeit, sondern verdient auch Geld an ihnen - sei es, dass sie seine Videos schauen und ihm damit Reichweite verschaffen, sei es, dass andere ihm aus Mitleid ein paar Spenden zukommen lassen. Und ich frage mich ehrlich gesagt auch, was daran so geil ist, sich permanent von einem Menschen, den man als intellektuell unterlegen ansieht, durch Videos triggern zu lassen, die zu schauen einer niemand zwingt, um dann kilometerweit in sein Heimatdorf zu fahren und dort Terror zu machen. Irgendwie scheinen Drachenlord und "Hater" eine merkwürdige Symbiose zu leben - und die Situation ist auch denkbar verfahren. Denn die Frage ist natürlich, wie Herrn Winklers Leben nach YouTube weitergehen soll - er ist im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt wie ein bunter Hund und auch nicht leicht zu übersehen, was natürlich bedeutet, dass sein zweifelhafter Ruf ihm überallhin folgen wird. Andererseits ist natürlich die Frage, was es abseits von den Videos überhaupt für Perspektiven gibt - denn abgesehen von der fehlenden Ausbildung ist natürlich die Frage, ob irgendein Arbeitgeber bereit ist, jemandem eine Chance zu geben, der so viel negative Aufmerksamkeit generiert hat. Gleichzeitig können wir bei seinen "Hatern" ja auch das beobachten, was wir schon von dem allseits beliebten Trash-TV kennen - sie schauen sich Drachenlord-Videos an und fühlen sich ihm überlegen, sowohl intellektuell als auch moralisch. Durch das Betrachten der Videos werten sie sich also selbst auf - und machen die Person, der sie zusehen, gleichzeitig durch ihre Abwertung zu einem Objekt. Auf diese Weise versuchen sie sich und anderen auch einzureden, dass das in Ordnung ist, was sie tun - immerhin reagieren sie ja nur auf seine Aussagen.

Die Drachenlord-Geschichte ist das beste Beispiel für das, was Nick Srincek bereits Anfang des letzten Jahrzehnts als "Plattformkapitalismus" bezeichnet hat: Die eigentliche Kontrolle übernimmt hier in Wirklichkeit weder der Drachenlord noch die Hater - sondern die Plattformen YouTube und Twitch selbst bestimmen die Spielregeln. Es gab ja vor zwanzig Jahren mal eine Geschichte, die ein klein wenig an diese hier erinnert: In der Gerichtsshow Richterin Barbara Salesch, die zu Anfang noch echte Fälle verhandelte, amüsierte die Hausfrau Regina Zindler mit ihrem skurrilen Nachbarschaftsstreit und dem sächsischen Dialekt den Fernsehmoderator Stefan Raab so sehr, dass er in seiner Sendung TV Total ein selbst komponiertes Lied vorstellte, in dem er die von Zindler ausgesprochenen Worte "Maschendrahtzaun" und "Knallerbsenstrauch" einbaute. Ich muss dazu sagen, ich habe zu jener Zeit, als das Lied bekannt war, mal irgendetwas bei Libro gesucht, während dieses Lied in Dauerschleife aus den Lautsprechern dröhnte, und das hat mich so irre gemacht, dass Maschen-Draht-Zaun in meiner Liste der meistgehassten Lieder ziemlich weit oben steht, aber das nur nebenbei. Jedenfalls zogen auch Zindler und ihr Nachbar damals massenhaft Schaulustige an, an vorderster Front dabei waren die Boulevard-Medien, die die Grundstücke buchstäblich Tag und Nacht belagerten. Der Unterschied war allerdings, dass in dem Dorf wieder Ruhe einkehrte, sobald die Fernsehteams abgezogen waren - eine solche Kontrollinstanz gibt es im digitalen Zeitalter jedoch nicht mehr. Und diese Dezentralisierung bewirkt, dass die Geschichte, die durch eine Ansammlung an Zufällen entstand, immer weitergeht - und ich ein bisschen die Befürchtung habe, dass das Ganze irgendwann einmal in einer Katastrophe endet, weil keiner wirklich gewillt ist, aufzuhören. Und weil eben die Akteure hier in Wirklichkeit nur Teil einer Dynamik sind, die in Wirklichkeit von den Internetplattformen vorgegeben werden: weil nämlich sie die Struktur festlegen, in der all dies seinen Lauf nimmt, und weil sie auch diejenigen sind, die von all dem am meisten profitieren.

Sowohl YouTube und Twitch als auch Facebook, Twitter und Telegram generieren ihren Profit hauptsächlich aus destruktiven Verhaltensmustern - Wolfgang M. Schmitt geht sogar so weit, das mit der Rüstungsindustrie zu vergleichen. Das klingt vielleicht weit hergeholt, aber erinnern wir uns doch nur daran, wie viel destruktive Energie diese Plattformen schon freigesetzt haben und wie häufig schon tatsächlich Leute zur Waffe gegriffen haben, nachdem sie auf einschlägigen Seiten radikalisiert wurden. Und auch das "Drachengame" funktioniert ähnlich: Die "Hater" rechtfertigen ihr Verhalten damit, dass Herrn Winklers Aussagen absolut inakzeptabel sind; dieser wiederum rechtfertigt diese damit, dass er seit Jahren so extrem belästigt wird. Erinnern wir uns doch nur daran, wie Aussagen durch die Zündelei der Rädelsführer von Querdenken & Co. immer radikaler wurden, und wie die Ermordung an einem jungen Studenten, der sich im Prinzip nur was dazuverdienen wollte, damit gerechtfertigt worden ist, dass er etwas gefordert hatte, was für die coolen Rebellen ein Ding der Unmöglichkeit ist, nämlich ein paar Minuten lang eine Maske zu tragen. Erinnern wir uns daran, dass ein paar Einschränkungen schon ausreichten, um Leute dazu zu bringen, auf die Straße zu gehen und die Hinrichtung von Politikern und Wissenschaftlern zu fordern. Wenn ich mir all diese Ereignisse betrachte, wird mir eines klar: Wir müssen dringend eine Lösung finden, wie wir in Zukunft mit dem Internet umgehen - und vor allem, wie wir mit Menschen ohne Medienkompetenz umgehen. Menschen, die sich auf einschlägigen Websites radikalisieren - und gescheiterte Existenzen wie den Drachenlord, die mit den Möglichkeiten des Internets nicht verantwortungsvoll umgehen können. Ich habe es schon einmal geschrieben, ich wiederhole es noch einmal, und dass die sudanesische Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga dies ebenfalls zur Sprache brachte, zeigt mir, dass ich richtig liege: Es ist höchste Zeit für eine neue Aufklärung. Und diese muss auch unseren Umgang mit den digitalen Medien mit einschließen. Juste du courage!

vousvoyez

Dienstag, 20. Juli 2021

Ich war so oft mit meiner Jogginghose joggen, wie ich mit meiner Küchenrolle durch die Küche gerollt bin

© vousvoyez
Joggen gehe ich tatsächlich eher nicht - weder mit noch ohne passender Hose. Allerdings ist Sport ja nicht nur Joggen - und tatsächlich nutze ich die einzige Jogginghose, die ich habe, ausschließlich für Sport. Am schlimmsten finde ich Jogginghosen als Alltagskleidung - und da ist mir vollkommen wurscht, ob da jetzt kik oder Armani draufsteht und ob andere das spießig finden. Das heißt allerdings natürlich nicht, dass andere sich nicht anziehen dürfen, wie sie wollen. Mode kommt und geht mit der Zeit - das bedeutet, ich muss und werde es aushalten, dass die schrecklichen Fetzen meiner Jugend zurzeit ein Revival erleben. Und wer weiß - vielleicht verändern sie sich ja sogar zum Positiven. Man muss sich nicht alles mies machen. Vielleicht irre ich mich ja auch, und es kommt in den nächsten Jahren tatsächlich mal etwas, das es so noch nicht gab.

Und wie die Mode, so ändern sich auch die Zeiten. Was ich aktuell als recht positiv empfinde, ist, dass die Leute froh sind, wieder rausgehen zu dürfen, und sich weniger über Kleinigkeiten beschweren. Zumindest im realen Leben draußen - das ich momentan auch immer mehr in vollen Zügen genieße. Auch wenn ich zugeben muss, dass es mir anfangs noch schwer fiel - man glaubt gar nicht, wie sehr man sich an gewisse Umstände gewöhnt. Was Social Media betrifft, so wird hier immer noch gejammert, was das Zeug hält - und immer noch gibt es sie, die Leute, die hinter allem die große Verschwörung wittern. Wobei der eine oder andere, der zu Hochzeiten der Pandemie von der Leichtgläubigkeit anderer verschont blieb, seine Felle davonschwimmen sieht. Aber immer noch, wenn man in die Kommentarspalten auf Facebook, Twitter & Co. blickt, entdeckt man Leute, die sich über die "Mainstreammedien" aufregen und eifrig bemüht sind, "alternative Fakten" unters Volk zu bringen.

Einer der meist gelesenen Artikel auf meinem Blog ist ja jener, in dem ich anhand einer kleinen Anekdote reflektiere, wie schwierig der kritische Umgang mit Medien wirklich ist. Zumal auch die staatlichen Medien stets kritisch betrachtet werden sollten. Besonders bei uns in Österreich ist das ziemlich offensichtlich, da die steuerfinanzierten Boulevardmedien, die sich in der Hand einiger weniger Multimillionäre befinden, die Medienlandschaft dominieren, während Medienschaffende besonders in letzter Zeit immer stärker von der Kurz-Regierung unter Druck gesetzt werden. Wenn man sich dagegen den Falter betrachtet, deren Redakteure sich bis heute nicht haben einschüchtern lassen, kommt man sich vor wie bei Asterix. Wobei mich in dieser Hinsicht auch die News positiv überrascht hat. Ich persönlich ergänze die Informationen aus Zeitung und Nachrichten ganz gern mit diversen Blogs und Twitter-Profilen ausgewählter Journalisten und Innen und mit den Artikeln ehrenamtlich arbeitender Faktenchecker-Seiten. Bei der Flut von Informationen, die heutzutage auf uns einstürmen, und all dem, was Presse und Rundfunk nicht erwähnen, reichen die regulären Medien nun mal einfach nicht aus. Nun ist dieses Hangeln durch den Mediendschungel, wie ich es praktiziere, mit Sicherheit nicht einfach, und ich bin da auch absolut nicht perfekt, aber im Großen und Ganzen fahre ich doch recht gut damit. Zumindest besser als diejenigen, die auf unvollständige Berichterstattung aus Deutschland und Österreich reagieren, indem sie einfach alles unterschiedslos ablehnen, was sie als "Mainstream" klassifizieren, und sich stattdessen auf "alternative" Medien verlassen, denen völlig unkritisch geglaubt wird. Solche Leute sind anfällig für jene, die sich als "Querdenker" und "Regierungskritiker" inszenieren - Leute wie Ken Jebsen, Heiko Schrang, Eva Herman, Boris Reitschuster, Oliver Janich & Co.

Ein Element, das all diesen Leuten gemein und bei näherer Betrachtung auch sehr auffällig ist, sind die Quellen, auf die sie sich beziehen. Da kommt nämlich eine sehr häufig vor, eine auf den ersten Blick ziemlich unauffällige Seite namens RT DE bzw. RT Deutsch. Wenn man sich diese genauer ansieht, springt einem jedoch allmählich ins Auge, dass hier vor allem mit spaltenden Themen und reißerischen Überschriften gearbeitet wird und dass diejenigen, die dort schreiben, eine auffällige Tendenz haben, mit Kampfbegriffen um sich zu werfen. Wer diese Seite teilt, versichert gleichzeitig, dass hier Informationen zu finden seien, die uns die "Mainstreammedien" vorenthalten. Dies behauptet die Seite auch höchstselbst; sie bezeichnet sich als "fehlender Part der deutschsprachigen Medienlandschaft" und nimmt für sich selbst in Anspruch, "Medienmanipulationen" aufzuzeigen. Aber was ist das überhaupt für eine Seite?

RT DE ist der deutschsprachige Ableger des russischen Staatssenders Russia Today - ein russisches Auslandsmedium, gegründet als ursprünglich englischsprachiger Nachrichtensender im Jahr 2005 in Moskau. Ursprünglich sollte es darum gehen, sich der Kritik an Putin im Ausland entgegenzustellen, indem er als Opfer westlicher Propaganda dargestellt wird. Dass die Kritik an Putin auch im Inland immer lauter wird und die russische Bevölkerung den Medien im Land selbst nicht mehr traut, ist da erst mal nicht so wichtig. RT Deutsch bzw. RT DE gibt es seit 2014 - bestehend aus einem YouTube-Kanal und einem Internetportal. Nun ist es ja an sich nichts Schlimmes, wenn ein ausländisches bzw. russisches Medium eine Außensicht der Dinge präsentiert - das kann ganz im Gegenteil sogar recht wertvoll sein. Das Problem ist jedoch, dass es sich bei RT DE um kein unabhängiges russisches Medium handelt, sondern um ein von der russischen Regierung finanziertes. Wobei man natürlich nicht sagen kann, dass alles durch die Bank gelogen ist - wie bei dieser Art von Propaganda üblich, versteckt sich unter all den obskuren Beiträgen auch die eine oder andere echte Nachricht oder Analyse. Aber im Großen und Ganzen beweist der Kreml, dass er seit Ende des Kalten Krieges nichts verlernt hat, im Gegenteil: Nach wie vor baut er auf seine Strategie, die uns schon vom KGB bekannt ist, nämlich bestehende Spannungen und kleine Unsicherheiten in anderen Ländern auszunutzen, um seine Propaganda unters Volk zu bringen. So war es auch damals, als RT Deutsch an den Start ging: Die Ukraine-Krise rief auch in deutschsprachigen Ländern vermehrt die Angst vor einem Krieg in Europa hervor, weshalb vor allem in Deutschland und Österreich vermehrt Mahnwachen für den Frieden stattfanden, welche im Laufe der Zeit jedoch immer mehr von Rechtsgestrickten und Verschwörungsideologen okkupiert wurden. Im Grunde genommen war es ähnlich wie bei den Corona-Demos, außer dass die Themen weit unzusammenhängender und undurchsichtiger waren; aber schon damals fiel auf, dass es keine klare Abgrenzung zu Leuten gab, die offen den Nationalsozialismus verherrlichten und Schnittstellen mit der damals erstarkenden Pegida sowie deutschen und österreichischen Staatsverweigerern aufwiesen - zumal viele das Rechts-Links-Schema ohnehin ablehnten. Ein denkbar fruchtbarer Boden für ein russisches Propagandamedium, umso mehr, als im Ukraine-Konflikt oftmals Partei für Russland ergriffen und lautstark nach "Alternativen" zur "gleichgeschalteten Presse" verlangt wurde.

Doch russische Propaganda funktionierte nicht nur im deutschsprachigen Raum - in den USA spielte sie vor allem während des US-Wahlkampfes 2016 eine weitaus größere Rolle. So sehr, dass sie die Wahlen nachweislich beeinflusst hat - wofür nicht nur Russia Today selbst verantwortlich war, sondern unter anderem auch die Internet Research Agency (IRA), eine Trollfabrik mit Sitz in St. Petersburg, in der Tag und Nacht nichts anderes getan wird, als mittels Fake-Accounts Propaganda und Desinformation zu verbreiten. Eine der nachhaltigsten Strategien war die anonyme Überantwortung der E-Mails John Podestas, des Wahlkampfmanagers von Hillary Clinton, an eine Pizzeria in Washington D. C. an WikiLeaks, wo sie auch veröffentlicht wurden. Nutzer der Plattform 4chan bastelten daraus eine haarsträubende Geschichte über einen Kinderpornoring, der seinen Sitz im Keller der Pizzeria haben sollte. Über 4chan und reddit gelangte die Geschichte zu Twitter und Facebook, bis sie schließlich Alex Jones erreichte, über den ich bereits berichtet habe - das ist der mit den schwulen Fröschen. Dieser erzählte die Geschichte ungeprüft brühwarm weiter, woraufhin es zu dem von mir schon erwähnten bewaffneten Angriff auf die Pizzeria kam, in dessen Verlauf festgestellt wurde, dass die Pizzeria gar kein Kellergeschoß hatte. Trotzdem stoße ich bis heute immer noch auf Social-Media-User, die an diese Geschichte glauben.

Was RT DE betrifft, so wurden schon kurze Zeit nach dem Start Falschmeldungen sowie Fälschungen von Bild- und Tonmaterial nachgewiesen. Wegen der einseitigen Berichterstattungen kündigten auch ziemlich schnell mehrere Mitarbeiter - darunter die ehemalige RT-Reporterin Lea Frings, die in einem Interview erklärte, dass man einige der dort enthaltenen Berichte nicht als Journalismus ansehen kann, etwa die über den Ukraine-Konflikt, wo Verfehlungen von russischer Seite einfach weggelassen wurden. Darüber hinaus kommen auch auffällig viele Rechtskonservative zu Wort, zitiert werden Leute wie etwa Anni Sasek, die Ehefrau des christlich-fundamentalistischen Sektenführers Ivo Sasek, der den mit Scientology vernetzten Internetsender Klagemauer-TV betreibt; Christoph Hörstel von der rechtspopulistischen Kleinpartei Deutsche Mitte; der umstrittene Börsenspekulant und Hedgefondsmanager Florian Homm; der österreichische Identitäre Martin Sellner, dessen Gruppierung vom Verfassungsschutz beobachtet wird; den Betreiber des Schwurbel-Blogs Free21. Die Quellen von RT DE sehen nicht anders aus: das Contra Magazin, eine Online-Zeitung der Neuen Rechten; Swiss Policy Research, ein anonym betriebener Blog aus der Schweiz, der von Verschwörungsgläubigen ebenfalls gerne benutzt wird; die ebenfalls anonym betriebene Propagandaschau, die einzelne Verfehlungen nutzen, um Pauschalisierung und Hetze gegen professionelle Journalisten zu betreiben; der anonym betriebene englischsprachige Blog Zero Hedge, der sich hauptsächlich auf Wirtschaft und Finanzen fokussiert und im Verdacht steht, dafür bezahlt zu werden, Unternehmen zu diffamieren und nachhaltig zu schädigen; das französischsprachige Medium FranceSoir, das vor allem gerne Irreführungen bezüglich der Covid-Pandemie verbreitet. Und das ist nur ein kleiner Auszug der Personen und Institutionen, mit denen RT DE verbandelt ist.

Aber selbstverständlich glauben viele, die RT DE lesen und verbreiten, an das Narrativ des unabhängigen Journalismus, und das ist auch kein Wunder, denn viele sehen ihre Meinung in den Artikeln dieses Mediums bestätigt. Allerdings finde ich, sollte man doch einen Blick auf Russland selbst werfen und wie es dort um die politischen Verhältnisse bestellt ist. Denn die Russische Föderation ist im Prinzip nichts anderes als eine autokratische Oligarchie, in deren Verfassung Presse- und Meinungsfreiheit zwar gegeben sind, aber in der Praxis sieht es ganz anders aus: Besonders im Internet ist die freie Rede massiv eingeschränkt, die Überwachung von Online-Aktivitäten greift massiv in die Privatsphäre der russischen Bürger ein, Kritiker an der Regierung werden gnadenlos verfolgt (Human Rights Watch). Der russische Staat ist seit Jahren bemüht, das Internet unter seine Kontrolle zu bringen, was bereits zur ungerechtfertigten strafrechtlichen Verfolgung von Menschen sowie zur Sperrung oder gar Abschaltung von Hunderten von Internetportalen geführt hat. Zudem haben die Behörden eine Reihe repressiver Gesetze durchgepeitscht, die den Zugang zu Informationen noch massiver einschränken und Nutzer überwachen. In der Rangliste der Pressefreiheit findet sich Russland auf Platz 150 - zum Vergleich: Österreich rangiert auf Platz 17, Deutschland sogar auf Platz 13. Schon kein geringer Unterschied, oder?

Entsprechend sollte auch schnell klar sein, dass RT DE alles andere im Sinn hat, als ausgewogene Berichterstattung. Stattdessen geht es um das Bestreben, Misstrauen zu wecken und das Vertrauen in den Journalismus im eigenen Land zu untergraben. Dabei nutzt die Plattform die Tendenz vieler aus, Inhalte zu teilen, ohne sich für deren Herkunft zu interessieren - Hauptsache, sie bestätigt das eigene Bauchgefühl. Und anscheinend hat sich auch ein Heiko Schrang, Oliver Janich oder eine Eva Hermann nie Gedanken darüber gemacht, wie häufig gerade RT DE ihrer Agenda entgegenkommt. Ganz offensichtlich hat Russland ein großes Interesse daran, das Vertrauen der Bevölkerung westlicher Demokratien in die eigenen Medien zu zerstören und im Gegenzug die Medien des russischen Staatsapparat zu konsumieren. Und möglicherweise soll dadurch eine Destabilisierung dieser Demokratien erreicht werden: Die Einmischung russischer Staatsmedien in die Belange der USA hat dazu geführt, dass US-Bürger im Januar dieses Jahres ihr eigenes Capitol stürmten. Ich möchte auch  noch einmal an die Spaßvögel erinnern, die den Reichstag in Berlin stürmen wollten.

Dass diejenigen, die sich als "Querdenker" bezeichnen, sich von allen möglichen Interessensgruppen instrumentalisieren lassen, zeigt eigentlich, dass sie genau das Gegenteil dessen tun, was sie zu tun behaupten: nämlich kritisch zu sein und zu hinterfragen. Denn ist es nicht paradox, dass sie gerade jene Medien für so glaubwürdig befinden, die, vom russischen Staat finanziert, die Zeitungen, Fernsehsender und Internetportale des jeweiligen Landes, das sie ansprechen wollen, als "Staatsfunk" bezeichnen? Dass sie ihre eigene Berichterstattung als "unabhängig" darstellen, obwohl sie nachweislich vom Kreml finanziert werden? Dass sie anderen Medien vorwerfen, Dinge wegzulassen, wo sie doch selbst alles weglassen, was nicht in ihre Agenda passt? Was mich persönlich betrifft, ich kann mir nur an den Kopf greifen, wenn ich die Situation in Russland betrachte und mir gleichzeitig immer wieder Leute anhören muss, die sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühlen, während sie ihre Meinung ständig ungehindert zum Besten geben. Die Presse- und Meinungsfreiheit in unserem Land reicht immerhin aus, dass wir über die Verfehlungen unserer eigenen Regierung in vollem Umfang informiert werden können. Glaubt ihr ernsthaft, so wie die Dinge aktuell stehen, ein Putin müsste sich vor einem russischen Gericht für seine Verfehlungen verantworten? Denkt ihr, einem Journalisten wie Florian Klenk würde in Russland lediglich eine Geldstrafe drohen dafür, dass er den Staatschef kritisiert? Bildet ihr euch ein, man kann in Russland so frei Kritik am herrschenden System üben, wie es bei uns der Fall ist? Geht ihr wirklich davon aus, dass ihr in Russland ungestraft auf die Straße rennen und "Diktatur" brüllen dürftet? Stellt euch nur einmal vor, der ORF würde in Russland ein Auslandsmedium gründen, das Putin kritisiert - glaubt ihr, das ginge so einfach? Warum bei Zeus und allen Göttern Griechenlands bringt es ein vom russischen Staat finanziertes Medium fertig, einigen von uns einzureden, dass wir in einer Diktatur leben? Warum ist seine Macht inzwischen so groß, dass Leute glauben, gegen diese vermeintliche Diktatur auf die Straße gehen zu müssen - dass in unserem Nachbarland sogar Leute glauben, ein Regierungsgebäude stürmen zu müssen? Ist es nicht paradox, dass das Vertrauen jener, die sich für Skeptiker halten, in ein vom russischen Staatsapparat finanziertes Medium höher ist als in die gesamte Presse Deutschlands und Österreichs?

Und noch einmal: Das bedeutet nicht, dass man alles, was die eigene Regierung so treibt, kritiklos bejubeln soll - aber ist es denn eine Lösung, statt dessen auf russische Propaganda reinzufallen und sich von dieser instrumentalisieren zu lassen? Ich möchte nur an eines erinnern: Die tatsächlichen Skandale, also etwa die Maskendeals in Deutschland und Österreich, das Ibiza-Video, die Falschaussagen eines Sebastian Kurz, die BUWOG-Affäre - all das wurde weder von Russia Today noch von einem Reitschuster oder Jebsen aufgedeckt, sondern von den so verhassten "Mainstreammedien". Nicht nur das - auch Whistleblower, etwa Julian Assanges Plattform WikiLeaks, hat häufig mit den bösen "Staatsmedien" kooperiert. Selbstverständlich sollte man die Regierung nicht schalten und walten lassen, wie es ihr beliebt - aber ich zweifle doch stark daran, dass RT DE wirklich dazu beiträgt, die Demokratie aufrecht zu halten. Stattdessen würde ich gerade all jenen, die sich für die großen Kritiker und Hinterfrager halten, ans Herz legen, auch mal diejenigen, bei denen sie sich informieren, sowie deren Quellen kritisch zu hinterfragen - denn könnte es nicht sein, dass sich all jene "Kritiker" bewusst oder unbewusst von der russischen Regierung instrumentalisieren lassen? Und ich möchte noch einmal klarstellen: Wer den Anspruch erhebt, dass eine Demokratie seine Meinung aushalten muss, der sollte auch die Meinung anderer aushalten können. Abgesehen davon würde ich mir selbst auch einmal die Frage stellen, ob dies tatsächlich meine Meinung ist. Und ich sage das nicht umsonst: Diese Art von Propaganda senkt vor allem die Hemmschwellen und führt im blödesten Fall zur Radikalisierung; denn viele selbsternannte "Rebellen" verstehen den Glauben, dass sie in einer Diktatur leben, als Legitimierung von gewaltsamem Widerstand. Noch glaubt sowohl in Deutschland als auch in Österreich nur eine kleine, aber laute Minderheit der Propaganda der deutschsprachigen russischen Medien - wir sollten dafür Sorge tragen, dass das auch so bleibt.

vousvoyez


Quellen zum Weiterlesen und -hören:

https://www.psiram.com/de/index.php/RT_Deutsch#Fragw.C3.BCrdige_Quellen_und_von_RT_Deutsch_zitierte_Experten

https://www.deutschlandfunk.de/russische-staatsmedien-in-deutschland-rt-de-will-online.2907.de.html?dram:article_id=494572

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/russischer-sender-rt-de-will-deutschland-mit-propaganda-eindecken-17405702.html

https://www.zeit.de/politik/ausland/2014-11/rt-deutsch-russland-propaganda-luegen

https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-12/us-wahl-2016-russland-einmischung-soziale-medien

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/stuermung-des-kapitols-der-mann-mit-den-bueffelhoernern-17136572.html

https://www.tagesschau.de/inland/corona-demo-berlin-131.html

Sehr empfehlenswert: https://www.radioeins.de/archiv/podcast/cui_bono/