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Hallo, schön dass du hergefunden hast! Ich lade dich ein auf eine Reise. Eine Reise in die Welt pointierter Aussagen des alltäglichen Wahnsinns. Und durch die komplizierten Windungen meiner Gedanken dazu. Das Ziel kann ich nicht benennen; ich glaube, es ist für jeden anders. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!
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Mittwoch, 1. März 2023
Die meisten Unfälle entstehen in Haushalten und die meisten Haushalte entstehen durch Unfälle
Donnerstag, 7. April 2022
Der Weg zur Rebellion ist nur einen Mausklick entfernt
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Mittwoch, 10. März 2021
Johann Gudenus ist ein so schlechter Tänzer, dass seine Freunde in der Waldorfschule jahrelang glaubten, sein Name sei Renate
| @evablue |
Letzte Woche gab es einen Riesenshitstorm gegen Marieke Lucas Rijneveld, eine niederländische Schriftstellerin und Übersetzerin, die den Auftrag bekam, die Werke der überaus talentierten jungen Poetin Amanda Gorman vom Englischen ins Niederländische zu übertragen. Amanda Gorman ist vielen von euch möglicherweise noch durch ihren wortgewaltigen Auftritt bei Joe Bidens Angelobung bekannt; der Vortrag ihres Gedichts The Hill We Climb ließ den Überlegenheitsglauben von Donald Trump und Konsorten noch lächerlicher erscheinen, als er ohnehin schon war. Der Grund für den Shitstorm gegen Rijneveld: Sie ist eine weiße Frau, die die Texte einer Schwarzen übersetzen soll - und zwar einer, deren künstlerische Arbeit geprägt ist von ihrer Identität als Schwarze Frau. So etwas, behauptete die niederländische Journalistin Janice Deul, könne eine weiße Frau niemals authentisch übersetzen. Rijneveld war von den heftigen Reaktionen, die die Entscheidung, sie mit dem Übersetzungsauftrag zu betrauen, so schockiert, dass sie sich davon zurückzog. Der Witz dabei: Amanda Gorman war mit der Auswahl Rijneveld durchaus einverstanden. Mit andern Worten, der 23jährigen wurde das Recht abgesprochen, selbst zu entscheiden, wer ihre Gedichte übersetzen darf. Man kann sich, glaube ich, denken, was losgewesen wäre, wenn man einer schwarzen Übersetzerin die Fähigkeit abgesprochen hätte, die Texte einer weißen Autorin zu übersetzen - es hätte einen Riesen-Shitstorm gegeben, und das auch völlig zu Recht. Denn das wäre eindeutig als Rassismus identifizierbar gewesen. Da es sich aber umgekehrt verhält - also, der Shitstorm gegen eine Person gerichtet ist, die ethnisch dem Lager der Unterdrücker zuzuordnen ist -, verhält es sich natürlich anders. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich Janice Deuls Vorgehensweise eher kritisch betrachte - und ich möchte euch auch erklären, warum. Deshalb will ich über ein weiteres Schlagwort im Kampf gegen Rassismus sprechen - nämlich über cultural appropriation bzw. "kulturelle Aneignung".
Nun, was versteht man unter kultureller Aneignung? Man spricht von kultureller Aneignung oder Appropriation, wenn ein Individuum oder eine Gruppe bestimmte Merkmale einer anderen Kultur oder Identität adaptiert. Im Prinzip ist es also das, was eigentlich schon geschieht, seit es Kulturen gibt - und doch ist cultural appropriation immer wieder Gegenstand heftiger Kontroversen. Die Debatte umfasst alle kulturellen Genres, sei es Mode, Musik, bildende Kunst, Literatur, Film oder Tanz, um nur einige zu nennen. Und zwar vor allem dann, wenn sich an den Errungenschaften einer unterdrückten Kultur bedient und diese dadurch ihrem Kontext entrissen werden. Dies zu kritisieren, ist selbstverständlich nicht nur legitim, sondern auch wichtig. Trotzdem schießen manche dabei über das Ziel hinaus, was besonders durch Social Media wieder sichtbar wird. Denn das Thema ist überaus komplex und kann nicht allein auf ein Für und Wider reduziert werden.
Der Begriff cultural appropriation entstand in den 1970er und 1980er Jahren im angelsächsischen Sprachraum im Zuge der amerikanischen Bürgerrechts- und der Critical-Whiteness-Bewegung. Es geht in erster Linie darum, dass sich vor allem die weiße Populärkultur bereits seit vielen Jahrzehnten fleißig am kulturellen Erbe der von ihr unterdrückten Identitäten bedient, ohne diesen Wertschätzung entgegenzubringen - wobei Weißen, die kulturelle Appropriation betreiben, die Diskriminierung häufig erspart bleibt, die der Ursprungkultur aufgrund derselben Merkmale widerfuhr, und sie andernfalls äußere Attribute anderer Kulturen jederzeit wieder ablegen können. So sahen sich Afro-Amerikaner und Native Americans sehr lange Zeit gezwungen, sich dem weiß geprägten Normativ anzupassen, da ihnen verboten wurde, ihre Kultur in der Öffentlichkeit auszuüben. So wurde das Nutzen indigener Sprachen in amerikanischen Schulen bestraft, während BPoC ihre traditionellen Flechtfrisuren (Braids) nicht tragen durften, die in afrikanischen Kulturen die Zugehörigkeit zu bestimmten Volksgruppen oder auch den gesellschaftlichen Stand symbolisieren. Noch heute gibt es junge Natives, die sich aus Angst vor dem Spott anderer die Haare schneiden lassen, während in vielen Berufssparten Braids oder Dreadlocks als "unprofessionell" oder gar "unhygienisch" gelten. Ein anderes Problem wird darin gesehen, dass gewisse Attribute nicht mehr mit der zugehörigen Kultur verbunden werden, sondern mit der Person, die sie adaptiert hat - und diese Anerkennung erhält für etwas, wofür andere zuvor diskriminiert wurden. Ein Beispiel ist etwa Bo Derek, die in dem Film 10 aus dem Jahr 1979 Braids mit eingeflochtenen Muschelschalen trägt. Bis heute wird diese Frisur in der öffentlichen Wahrnehmung mit einer weißen amerikanischen Schauspielerin in Verbindung gebracht, obwohl sie schon seit Jahrhunderten vom westafrikanischen Volk der Fulbe getragen wird. Ebenfalls problematisch gesehen wird die Gefahr der Stereotypisierung - so erzeugen Indianerkostüme im Fasching die Illusion einer einheitlichen indigenen Bevölkerung auf dem amerikanischen Kontinent, obwohl diese in Wirklichkeit eine große Vielfalt aufweist (ähnlich, wie man auch nicht die Gesamtbevölkerung Europas in einen Topf werfen kann). Ich erinnere mich daran, wie meine Großmutter mir als Kind das Foto eines indigenen Jungen zeigte, der kurze Haare und ein Polo-Shirt trug - und ich fragte, warum er denn keinen Federschmuck trage. Und ich erinnere mich an Filme wie Winnetou, die ich damals gesehen habe und in denen Indianer ausschließlich von Weißen dargestellt wurden.
Ein populäres Beispiel für kulturelle Appropriation, die der adaptierenden Kultur ursprünglich mehr Vorteile brachte als der adaptierten, ist mit Sicherheit der Rock'n'Roll. Dieser entwickelte sich in den 1950er Jahren aus dem afroamerikanischen Rhythm'n'Blues, der sich in den 1940ern aus Versatzstücken von Jazz, Boogie, Swing und Gospel entwickelt hatte. Das Problem dabei ist weniger, dass weiße Musiker wie etwa Elvis Presley oder Scotty Moore sich an der schwarzen Musik orientierten, sondern dass sie finanziell davon profitierten, im Gegensatz zu vergleichbar populären schwarzen Künstlern wie Little Richard oder Bo Diddley. Verständlich, dass dies für BPoC frustrierend ist - andererseits muss man allerdings auch sagen, dass die Adaption von Elementen schwarzer Musik durch weiße Künstler erheblich dazu beitrug, die Hemmschwelle des weißen Publikums vor schwarzer Musik abzubauen sowie dem darauf spezialisierten Label Motown und somit auch vielen großen schwarzen Talenten wie Tina Turner, Aretha Franklin, Otis Redding und Stevie Wonder den Weg zum Erfolg ebnete. Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass Elemente der schwarzen Kultur, insbesondere Rhythm'n'Blues, in der etablierten weißen Gesellschaft als primitiv, ja sogar anrüchig galten - die Adaption dieser war für weiße Jugendliche, die in der allgemeinen Wahrnehmung keine eigene Stimme hatten, eine Form der Abgrenzung und des Protests. Es hat also alles seine zwei Seiten - wobei die eine die andere selbstverständlich nicht relativieren soll. Ein weiteres Beispiel ist der Tanzstil Vogue; in den 1970er Jahren im New Yorker Stadtviertel Harlem von schwarzen und lateinamerikanischen Homosexuellen entwickelt, fand er Ende der Achtziger durch Madonna und Malcolm McLaren den Weg in den Mainstream. Heute werden Vogue-Stunden bereits von heterosexuellen weißen Tanzlehrerinnen angeboten, die von den Ursprüngen dieses sehr körperbetonten Stils nicht die geringste Ahnung haben. Dies sehen viele Angehörige der schwarzen und lateinamerikanischen Queer-Szene kritisch, da sie erkennen müssen, dass sie von heteronormativen Personen, die Voguing betreiben, nach wie vor abgelehnt werden.
Stellen wir also fest: Der Hauptvorwurf, wenn es um kulturelle Appropriation geht, ist der Diebstahl von Attributen marginalisierter Kulturen bzw. der Profit an diesen bei gleichzeitigem Fehlen von Authentizität sowie Desinteresse an deren Ursprüngen. Wobei die Meinungen darüber, wo kulturelle Aneignung anfängt, natürlich weit auseinandergehen - für manche reicht es schon, wenn eine weiße Person Dreadlocks trägt, während es für andere davon abhängt, aus welchem Grund diese Frisur getragen wird. Im Zeitalter des Internets werden vor allem prominente Persönlichkeiten häufig kritisch beäugt - sei es Kim Kardashian, die ihre Cornrows nicht mit der afrikanischen Kultur, sondern mit Bo Derek in Verbindung brachte; sei es Beyoncé, die in einem Musikvideo in indischer Tracht auftrat; Pharrell Williams, der 2014 auf dem Cover der britischen Elle mit einem Warbonnet abgebildet wurde oder auch Sascha Lobo, der einen roten Irokesenschnitt trägt, ja sogar Carola Rackete, deren Haare zu Dreadlocks gedreht sind. Nun wissen wir, dass Attribute fremder Kulturen schon seit längerer Zeit Bestandteil von Mode sind - erinnern wir uns doch nur an die Hippie-Kultur, in der unterschiedlichste Stile von Kulturen aus aller Welt wahllos zusammengewürfelt wurden, oder an meine eigene Jugendzeit, als pubertierende Jungs sich kleideten wie die Gangsta-Rapper in den Musikvideos. Der Engländer John Lennon kleidete sich in seinen letzten Jahren gerne im japanischen Stil, während der Deutsche Tilmann Otto unter dem Künstlernamen Gentleman seit Jahrzehnten mit Reggae-Musik große Erfolge feiert. Und wir sehen schon anhand dieser vielen Beispiele, wie vielschichtig das Thema eigentlich ist: Carola Rackete widersetzte sich der italienischen Regierung und rettete trotzdem das Leben afrikanischer Flüchtlinge; John Lennon war bekanntlich mit einer japanischen Künstlerin verheiratet und setzte sich aktiv mit ihrer Kultur auseinander; Gentleman ist oft nach Jamaika gereist, hat sich mit der dortigen Kultur auseinandergesetzt und auch viele jamaikanische Kollegen gefördert. Absurd wird es allerdings, wenn beispielsweise Rap genutzt wird, um rassistische Botschaften zu transportieren - obwohl diese Musikrichtung bekanntlich ursprünglich ein Instrument der BPoC war, um gegen ihre fortwährende Unterdrückung anzukämpfen.
Die Problematik, die ich in der Debatte sehe, ist, dass ein legitimer Gedanke, der in einen Begriff zusammengefasst wurde, der einen wissenschaftlichen Anklang hat, droht, zu verbaler Munition zu verkommen. Darüber hinaus hat Janice Deul im Großen und Ganzen ja auch gar nicht so Unrecht - natürlich sollten Schwarze Übersetzer/innen und alle dazwischen bessere Chancen bekommen. Der Gedanke ist halt leider nicht zu Ende gedacht - sollen diese denn dann nur die Texte Schwarzer übersetzen dürfen? Es ist wichtig, die Dynamik kultureller Appropriation zu verstehen - wir müssen uns bewusst sein, dass die eigene Kultur etwas sehr Persönliches ist, und dass es sehr verletzend sein kann, wenn andere, die nicht Teil dieser Kultur sind, sich dieser gegenüber respektlos verhalten. Anderseits laufen wir in unserer wokeness bisweilen Gefahr, die Fehler rechtsradikaler Gruppierungen zu wiederholen: Indem wir unterschiedliche Kulturen zu homogenen Konstrukten erklären, exotisieren wir Minderheitskulturen und nehmen damit sowohl uns als auch anderen die Entscheidung, die Zugehörigkeit zu Kulturen und Identitäten anzunehmen oder auch nicht. Dass gewisse Attribute nicht genau zugeordnet werden können, zeigt schon das Beispiel der Dreadlocks, die nicht nur von Jamaikanern und Afrikanern, sondern auch von Persern, Azteken und Tataren getragen wurden. Indem wir uns zu sehr darauf versteifen, welchen Kulturen bestimmte Objekte und Traditionen vorbehalten bleiben dürfen, nähern wir uns meiner Ansicht nach gefährlich der rechtsradikalen Ideologie des Ethnopluralismus an, in deren Vorstellung verschiedene Ethnien und Kulturen zwar existieren, sich aber auf keinen Fall austauschen oder gar vermischen dürfen. Womit wir wieder beim Ausgangsthema wären: Die Entscheidung für Marieke Rijnefeld als Übersetzerin für Amanda Gorman wurde verurteilt, ohne sich die Mühe zu machen, in Erfahrung zu bringen, wer diese Entscheidung überhaupt getroffen hat und wie Amanda Gorman, um deren Werke es schließlich geht, dazu steht. Indem an Anstoß an der Hautfarbe der Übersetzerin nimmt, tut man gleichzeitig das, was man bei anderen zu Recht kritisiert, nämlich, die Dichterin auf ihre Hautfarbe zu reduzieren. Gleichzeitig laufen wir auf diese Weise in eine Richtung, die meines Erachtens auch im künstlerischen Bereich problematisch werden kann: Ein Künstler wird nicht mehr nach seinem Werk beurteilt, sondern nur noch nach seiner Identität. Fazit: Es ist wichtig, den Ursprung kultureller Ausprägungen zu respektieren und wenn möglich dafür Sorge zu tragen, dass die Urheber dieser in Erscheinung treten, es ist aber ebenso wichtig, eine gewisse Ambivalenz auszuhalten und nicht bei jeder Gelegenheit den moralischen Zeigefinger zu schwingen. Und bevor ihr mich fragt: Ich trage im Sommer bisweilen afrikanische Tücher, ich nutze in der Kommunikation mit meinem Partner manchmal Worte der in der Kongo-Gegend heimischen Bantu-Sprache Lingála und ich spiele die westafrikanische Djembé. Gleichzeitig lese ich Bücher über afrikanische Kulturen, interessiere mich für die verschiedenen Musikrichtungen, besuche Lesungen, Ausstellungen, Theaterveranstaltungen und Festivals, die mich den vielfältigen Kulturen des afrikanischen Kontinents näherbringen. Weil Menschen, die aus Afrika stammen, inzwischen schon längst zu unserer Gemeinschaft gehören, weil ich mit einem Mann zusammen bin, dessen Wurzeln dort liegen und weil ich der Ansicht bin, dass man persönlich nur wachsen kann, wenn man die gewohnten Pfade auch mal verlässt. Lasst mich daher mit den Worten der jungen Amanda Gorman schließen: "The new dawn blooms as we free it/for there was always light/if only we're brave enough to see it/if only we're brave enough to be it."
vousvoyez
https://www.youtube.com/watch?v=ANfCZB3XYKA
Mittwoch, 23. September 2020
Wie lange hat der Dreißigjährige Krieg gedauert?
Ich weiß nicht, ob euch das Wort Maafa ein Begriff ist - es stammt aus dem Swahili und heißt in etwa "großes Unglück". In unseren Breiten handelt es sich um einen politischen Neologismus, sprich, um einen relativ neuartigen Begriff, der sich auf die Verbrechen der Kolonialzeit bezieht. Nun, mir ist schon seit längerer Zeit bewusst, dass, was dieses Thema betrifft, bei uns in Europa eigentlich schon längst ein dringender Aufholbedarf besteht - zumal wir, auch wenn es dem einen oder anderen nicht gefallen mag, inzwischen auch Mitbürger mit afrikanischen Wurzeln bei uns haben, die meiner dummen Gutmenschen-Meinung nach dieselben Chancen und Voraussetzungen haben sollten wie der Rest unserer Bevölkerung. Ich habe beispielsweise erst an der Uni erfahren, dass auch Deutschland Kolonien in Afrika hatte - zuvor hatte ich nur die vage Vorstellung davon, dass das ein englisches, französisches, spanisches und portugiesisches "Ding" ist. Und nicht nur das - vor etwa einem Jahr wollten mir ein paar "Lebensschul"-Absolventen, von denen die meisten mit Sicherheit nur selten ein Buch in die Hand genommen haben, weismachen, dass die Menschenzoos um 1900 doch eine tolle Sache gewesen seien, weil man da was über andere Kulturen gelernt hätte. Nun - dass die Relativierung des Holocaust mittlerweile strafbar ist, finde ich gut und richtig, da die Verharmlosung oder gar Leugnung eines Sachverhaltes, für den es ausreichend Beweise gibt, nichts mehr mit "Meinung" zu tun hat. Allerdings denke ich, sollte dies auch für die Relativierung der Verbrechen der Kolonialmächte gelten. Denn die selbst ernannten "Rebellen" von heute vergleichen sich nicht nur gerne mit Sophie Scholl und tragen jene gelben Aufnäher, mit denen zur Zeit des Nationalsozialismus die Juden gekennzeichnet wurden, häufig werden auch Bilder geteilt, in denen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes mit den máscaras de flandres verglichen wird, jenen Masken aus Weißblech, mit denen in Brasilien afrikanische Sklaven gefoltert wurden. Ganz abgesehen davon, dass es lächerlich ist, verharmlost es auch das Leid von Millionen - genauso wie das Tragen des Judensterns. Ebenso verharmlost es das Leid jener, die in Menschenzoos ausgestellt wurden, zu behaupten, das sei eigentlich eine gute Sache gewesen - ganz abgesehen davon, dass man in diesen Zoos überhaupt nichts von anderen Kulturen gelernt hat, aber dazu komme ich noch.
Bekanntlich beginnt die Kolonialzeit mit der Neuzeit, also Ende des 15. Jahrhunderts mit den Amerika-Reisen von Christoph Kolumbus. Dadurch begann die Bildung europäischer Kolonialreiche in Übersee - zuerst durch die Spanier und Portugiesen, ehe auch die Niederlande, Großbritannien und Frankreich damit begann. Das Ende dieser Zeit wird zwischen den ersten Souveränitätserklärungen nach der Französischen Revolution im 18. Jahrhundert und dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und der Gründung der UNO als Konzept gleichwertiger Nationen datiert. Wie jeder weiß, ist Kolonisation keine rein neuzeitliche Erfindung - auch das antike Griechenland hatte Kolonien. Allerdings unterscheidet sich der neuzeitliche Kolonialismus von dem antiken dadurch, dass dieser eine weitaus stärkere ideologische Komponente beinhaltet - ebenso verhält es sich auch bei dem Begriff der Sklaverei, die es ja in der Antike auch schon gab. Und diese Ideologie ist zu einem sehr großen Teil rassistisch motiviert - so sehr, dass man sogar versuchte, die Grausamkeiten gegen die Einwohner der eroberten Gebiete wissenschaftlich zu begründen. So war man gut drei Jahrhunderte lang nahezu versessen davon, Menschen zu fotografieren, zu vermessen und ihre Wertigkeit anhand körperlicher Merkmale zu bestimmen, ein Vorgehen, das zur damaligen Zeit als hoch modern, extrem fortschrittlich und absolut wissenschaftlich angesehen wurde. Nicht vergessen darf man dabei, dass auch das Christentum - etwa in seiner Verteufelung der Juden und Heiden - als auch die Industrialisierung bei diesen Mechanismen eine wesentliche Rolle spielten. Um Kritik gegen die spanischen Eroberungen in Süd- und Mittelamerika abzuschmettern, die sich auf das neutestamentliche Gewaltverbot berief, bediente man sich der mittelalterlichen Lehre vom "gerechten Krieg" gegen Nicht-Christen, und entwickelte sie weiter. Im Zuge dessen wurde die Zugehörigkeit zur Gesellschaft vermehrt nicht mehr lediglich vom Empfang der Taufe abhängig gemacht, sondern immer mehr auch von der "Reinheit des Blutes" oder auch der "Reinheit der Rasse". So begann sich der Rassebegriff etwa vom 15. bis zum 18. Jahrhundert zu entwickeln, bis sich im Zuge der Industriellen Revolution die Vorstellung einer unversöhnlichen "Andersartigkeit" und daran gekoppelten Unterlegenheit nicht-weißer Völker festigte, aus der der Glaube einer ewigen Vormundschaftspflicht gegenüber diesen entsprang. So wurde suggeriert, dass eine höherstehende (weiße) "Rasse" für den rückständigen Teil der Menschheit verantwortlich sei - da dieser jedoch häufig "aufsässig" sei, müsse man mit aller zur Verfügung stehenden Härte gegen sie vorgehen, um sie nicht dazu ermutigen, sich zu wehren. (Ähnlich wie man damals glaubte, man müsse dafür Sorge tragen, dass es Fabrikarbeitern möglichst dreckig geht, damit sie nicht "faul" werden, aber das ist eine andere Geschichte, siehe Bill Bryson: Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge.) Um den inneren Frieden zu wahren, setzte man auf "Erziehung zur Arbeit" - allerdings nicht, um die zu Erziehenden zur Selbstständigkeit zu qualifizieren, sondern um die kolonisierten Länder und ihre Bewohner möglichst gewinnbringend ausbeuten zu können. Da dies natürlich nicht immer so funktionierte, wie die weißen Herren sich das vorstellten, waren die Kolonisierten beliebigen Formen willkürlicher Grausamkeit oft schutzlos ausgeliefert. Das Land, in dem mein Partner geboren wurde und das heute den Namen Demokratische Republik Kongo trägt, wurde 1885 von König Leopold II. von Belgien als "Privatbesitz" eingenommen, einschließlich seiner Bevölkerung, die völlig rechtlos war. Im Zuge dessen wurden die Kautschuk-Vorkommen des Landes durch Sklaverei und Zwangsarbeit ausgebeutet, wobei es massenhaft zu Geiselnahmen, Verstümmelungen, Tötungen und Vergewaltigungen kam. Als diese Gräueltaten schließlich bekannt wurden, musste Leopold II. im Jahr 1908 den Kongo an den belgischen Staat abtreten. Zu diesem Zeitpunkt hatten die "Kongogräuel" die Bevölkerung des Landes bereits um etwa die Hälfte reduziert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Aufstand der Herero und Nama gegen die deutschen Kolonialherren im heutigen Namibia blutig niedergeschlagen Die Leichen wurden enthauptet und die Schädel ausgekocht, und hinterher zwang man die Herero- und Nama-Frauen, die Haut und das Fleisch vom Knochen zu entfernen, um die blanken Schädel anzuschließend zu "Forschungszwecken" nach Europa mitzunehmen. Überdies war der Handel mit afrikanischen Schädeln eine Zeitlang durchaus ein florierendes Geschäft, für das Menschen getötet und Leichen exhumiert wurden. Ja, auch die Wissenschaft stellte sich nicht immer in den Dienst der Menschheit - damals diente sie der Eroberung der Welt bzw. dem Kolonialismus. Sie diente dazu, die Andersartigkeit und damit auch die Minderwertigkeit derer zu "beweisen", die man tötete und versklavte, und gleichzeitig die Überlegenheit der eigenen Kultur herauszustellen. In Wirklichkeit hat die Vermessung afrikanischer Schädel jedoch absolut nichts dazu beigetragen, die Frage zu klären, wer wir Menschen eigentlich sind.
Ein Aspekt dieser damals so bezeichneten "Wissenschaft" war es auch, Menschen aus fernen Ländern nach Europa zu verschleppen und neben exotischen Tieren zur Schau zu stellen. Schon Christoph Kolumbus brachte von seiner ersten Entdeckungsreise sieben Menschen aus dem Volk der Arawak nach Spanien, und im Laufe der Erschließung unbekannter Erdteile wurden immer wieder deren Bewohner in europäische Länder verschleppt und dort zur Schau gestellt - dieses Vergnügen wurde allerdings anfangs nur einem erlesenen Publikum zuteil, etwa Adeligen oder reichen Kaufleuten. Aufsehen erregte um 1810 der Fall einer jungen Frau namens Sarah "Saartje" Baartman aus dem Volk der Khoikhoi, die aus Südafrika nach Europa gebracht und ausgestellt wurde; sie erreichte als "Hottentotten-Venus" vor allem in Großbritannien und Frankreich Berühmtheit. Die Faszination lag vor allem in ihrer als exotisch und erotisch scheinenden Körperform, die auch Gegenstand zahlreicher Karikaturen war. Schließlich wurde sie Gegenstand des Interesses von Ärzten, Anatomen und Naturwissenschaftlern, ehe sie 1815, angeblich an einer Lungenentzündung, starb. Von ihrem Körper wurde ein Gipsabdruck angefertigt, ihr Skelett, Gehirn und Geschlechtsteil wurden konserviert, Gipsabdruck und Skelett im Musée national d'histoire naturelle in Paris ausgestellt. Ihre sterblichen Überreste wurden erst 2002 an Südafrika zurückgegeben und dort beigesetzt. Ein bekannter Fall bei uns in Österreich wiederum war der im heutigen Nigeria geborene Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert Kammerdiener des Erbprinzen Alois I. von Liechtenstein war. in die Freimaurerloge aufgenommen wurde und es in Wien zu einiger Berühmtheit brachte. Nach seinem Tod wurde sein Leichnam präpariert und bis 1806 als halbnackter Wilder mit Federn und Muschelkette im Kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt. Der deutsche Schriftsteller, Historiker und Journalist Philipp Blom vermutet, dass der Kaiser selbst dies veranlasst hätte, der die aufgeklärte Gesellschaft Wiens immer verachtet habe und sie auf diese Weise demütigen wollte. Solimans Tochter bemühte sich vergeblich um die Herausgabe und christliche Bestattung der sterblichen Überreste ihres Vaters; die mumifizierte Körperhülle fiel 1848 der Oktoberrevolution zum Opfer, bei der sie verbrannte, über den Verbleib der restlichen Körperteile ist bis heute nichts bekannt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte der deutsche Zoodirektor Carl Hagenbeck die Völkerschauen zu einem Massenphänomen. Um 1866 begann der Sohn eines Fischhändlers, exotische Tiere vor allem aus Afrika nach Europa zu importieren und dort zu verkaufen, ehe er entdeckte, dass mit der Vorführung von Menschen weitaus mehr Geld zu machen war. So gehörten schon bald Lappländer samt Rentierherde, später auch Nubier aus dem Sudan sowie Inuit, damals noch "Eskimos" genannt, zu seinem Unterhaltungsprogramm im Berliner Zoo. Schon bald waren Völkerschauen in ganz Europa, aber auch in Nordamerika eine beliebte Attraktion für Jung und Alt. Menschen jeden Alters wurden aus den entlegensten Gebieten der Erde geholt und in Zoologischen Gärten, Panoptiken, auf Jahrmärkten und Volksfesten sowie Kolonial- und Weltausstellungen vorgeführt. Es ging jedoch nicht darum, den Publikum ein authentisches Bild des Lebens anderer Völker zu vermitteln; vielmehr dienten sie dazu, das Stereotyp der "unterentwickelten Rassen" zu festigen, Klischees, die das Publikum glauben sollte und zum allergrößten Teil auch wollte - und die bis in die heutige Zeit nachwirken. So wurden etwa die australischen Aborigines als Kannibalen dargestellt, was gar nicht der Wahrheit entsprach, während Afrikaner als Wesen zwischen Mensch und Affe vorgestellt wurden, was natürlich ebenso wenig mit der Realität zu tun hatte. Beliebt war auch die Zurschaustellung nackter Frauenbrüste, was die "Triebhaftigkeit" und "Primitivität" afrikanischer, südamerikanischer und südpazifischer Völker beweisen sollte - in Wirklichkeit bewies es aber nur die Doppelmoral der damaligen Gesellschaft, in der anständige Damen sich in Unmengen an Kleidung zu hüllen und in enge Korsetts zu zwängen hatten, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden, während ihre Männer ungeniert die entblößten Brüste "exotischer" Frauen begafften. Viele der ausgestellten Menschen starben an den Strapazen der Reisen, zu denen sie gezwungen wurden, andere brachten unbekannte Krankheiten mit in ihre Heimatländer. Erst in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg kamen solche Völkerschauen allmählich aus der Mode - die Popularität der amerikanisch-französischen Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Josephine Baker, die die Klischees der "exotischen Wilden" mit ihren Grimassen und ihrem Bananenröckchen ad absurdum führte, läutete eine neue Zeit ein. Für nähere Informationen zu Völkerschauen empfehle ich übrigens die Arte-Dokumentation.
Obwohl sich seither sehr viel verändert hat, wird uns bis heute immer wieder bewusst, wie tief sich die Vorstellung anderer Völker als "zurückgeblieben" und "ursprünglich" in unseren Köpfen verankert hat. So tief, dass selbst Autoren, die sich gegen Diskriminierung eingesetzt haben, nicht frei davon waren - denken wir nur an Pippi Langstrumpf, wo weiße Haut nahezu als "königlich" wahrgenommen wird (wobei Pippi auf die Haltung der Schwarzen Kinder, die sich vor ihr in den Sand werfen, reagiert, indem sie diese Geste erwidert, wodurch sie sie der Lächerlich preisgibt), oder an Jim Knopf, das trotz eindeutig anti-rassistischer Botschaft nicht frei von Stereotypen ist. Was natürlich kein Grund ist, diese Bücher aus den Kinderzimmern zu verbannen - aber ein Anlass, sich mit den Klischees, die sie unbeabsichtigt transportieren, auseinanderzusetzen, um sie endlich hinter sich lassen zu können. Genauso, wie man sich mit den großen Geistern der Aufklärung kritisch auseinandersetzen sollte, anstatt ihre Bücher gänzlich aus den Lehrplänen der Schulen und Universitäten zu verbannen - denn kritisches Denken bedeutet auch, dem schlechten Gedanken einen guten entgegensetzen zu können. Und Aufklärung ist in Wirklichkeit kein Prozess, der in ferner Vergangenheit abgeschlossen wurde - er setzt sich immer noch fort, auch heute.
Natürlich kann man sich jetzt darauf herausreden, dass "Neger" oder "Zigeuner" nur Worte sind. Allerdings darf man nicht vergessen, dass jedes Wort seine Bedeutung, seine Zusammenhänge und seine Geschichte hat, weshalb es nicht einfach so von seiner Wirkung abgekoppelt werden kann, die es auf diejenigen hat, die sie benutzen oder betreffen - und auch nicht von der Haltung, die der Sprecher damit transportiert. Es kann mir doch niemand erzählen, dass es ihm bzw. ihr völlig gleichgültig ist, wenn er/sie als Arschloch, Hurensohn oder Schlampe bezeichnet wird. Warum ist es also so schwer, von Worten abzusehen, die für andere erniedrigend und verletzend sind, wenn man doch weder das eine oder das andere will? Und nein - dass Leute das N-Wort früher benutzt haben, weil sie es nicht besser wussten, ist keine Ausrede. Dass dieses Wort als rassistisch wahrgenommen wird, ist keine ganz neue Erfindung irgendwelcher politisch überkorrekter Gutmenschen, das war von Anfang an so, weil es immer schon eine Fremdbezeichnung gegenüber Sklaven war. Das bedeutet, ursprünglich bezeichnete nigger bzw. Neger Menschen, die millionenfach aus ihrer Heimat verschleppt, ausgebeutet, unterdrückt und häufig auch willkürlich getötet wurden. Und da spielt es auch keine Rolle, dass es dem lateinischen Wort für dunkel bzw. schwarz entlehnt ist - das Wort "Idiot" leitet sich übrigens vom altgriechischen idiotes (ἰδιώτης) ab, was auf Deutsch mit "Privatperson" übersetzt werden kann. Trotzdem würde wohl niemand auf die Idee kommen, zu glauben, dass dieses Wort besonders schmeichelhaft wäre. Sprache ist nun mal nichts Statisches, ansonsten würden wir noch genauso sprechen wie im Mittelalter. Und dass die Umbenennung von Fertigsaucen, Knabberzeug und Süßigkeiten nach wie vor so eine extreme Empörung hervorruft und Leute diskriminierende Sprache als "schöne Kindheitserinnerung" rechtfertigen, zeigt eben, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben, was den Kampf gegen Diskriminierung angeht.
Wie ich in einem früheren Artikel schon angemerkt habe: Es ist nicht schlimm, wenn du dich in der Vergangenheit unabsichtlich diskriminierender Sprache bedient hast. Wenn du allerdings auf dieser Sprache beharrst, dann ist das schlimm. Und da brauchst du dich auch gar nicht diskriminiert fühlen - niemand unterstellt dir, dass du es in deiner persönlichen Vergangenheit immer leicht gehabt hättest und dass du nie Opfer von Diskriminierung warst. Es geht halt in dieser Debatte nicht um dich - und ja, auch mir haben die Zehn kleinen Negerlein als Kind nicht geschadet, aber ich spreche halt nun mal aus der Perspektive eines weißen Kindes, also einer Person, die nicht betroffen ist. Trotzdem wusste ich schon, bevor ich meinen Partner getroffen habe, aus eigener Erfahrung, was Diskriminierung ist - ob es nun um das Geschlecht geht, um das Aussehen, über- oder unterdurchschnittliche Intelligenz, körperliche Defizite: Leute finden schnell einen Grund, andere zu beleidigen oder auszugrenzen. Das Absurdeste, was ich einmal erlebte, war, dass ich, als ich etwa fünf Jahre alt war, einmal nicht mitspielen durfte, weil ich nicht blond war. Das ist natürlich nicht mit Rassismus vergleichbar, war aber eine frühe Erfahrung mit Ausgrenzung aufgrund einer unbedeutenden Gegebenheit, für die ich nichts konnte. Ich habe aber nie erlebt, dass ich allein aufgrund meiner Haarfarbe Schwierigkeiten hatte, eine Wohnung oder einen gut bezahlten Job zu finden - als ich allerdings mit meinem Partner auf Wohnungssuche war, musste ich feststellen, dass es selbst im 21. Jahrhundert kaum möglich ist, eine Wohnung in halbwegs zumutbarem Zustand zu finden, wenn man die falsche Hautfarbe hat. Deswegen frage ich - wenn du schon weißt, was Diskriminierung bedeutet, warum machst du es dann selbst nicht besser?
Um das Thema fürs erste abzuschließen, möchte ich noch einmal festhalten: Die Gattung homo sapiens bildet eine bestimmte Art von Lebewesen, die untereinander fortpflanzungsfähig sind und deren Nachkommen - im Gegensatz etwa zu Hybriden aus Pferd und Esel, den Maultieren bzw. Mauleseln - ebenfalls fortpflanzungsfähig ist. Deswegen ist das Beispiel der im Pferdestall geborenen Ratte auch kein vernünftiges Argument, sondern offener Rassismus - und Rassismus ist kein biologisch oder wissenschaftlich begründbarer Sachverhalt, sondern reine Ideologie. Unterschiedliche Hautfarben sind nicht das Merkmal einer "Rasse", sondern eine Mutation, die aufgrund der Umweltbedingungen entstand, denen ihr Träger ausgesetzt war - und als solche nicht bedeutsamer als der Umstand, dass manche von uns Milch vertragen und andere nicht. Wir sehen doch, dass jeder von uns, selbst ein eineiiger Zwilling, sich durch bestimmte Eigenschaften von allen anderen Menschen dieser Welt unterscheidet - warum also wollen viele von uns immer noch glauben, dass Äußerlichkeiten etwas damit zu tun haben, was sich dahinter verbirgt? "Rassen" oder auch Nationen sind willkürliche, von Menschen vorgenommene Festlegungen. Innerhalb welcher Grenzen man geboren wird, ist genauso wenig ein Verdienst wie die Hautfarbe, mit der man zur Welt kommt - keiner von uns hat etwas dafür getan, dass er Österreicher, Deutscher, Belgier, Türke, Amerikaner, Senegalese oder Laote ist, und doch bestimmt es unser ganzes Leben. Wenn genügend Weiße behaupten, sie seien eine andere und obendrein höherwertige "Rasse" als die Schwarzen, Asiaten, Juden oder was auch immer, ist das eine willkürliche, an Machtinteressen gekoppelte Festlegung, die sich nicht auf empirische Daten stützt, sondern auf Meinungen, Weltbilder und/oder eine religiöse Haltung. Rassismus bedeutet, dies nicht zu erkennen bzw. erkennen zu wollen, sondern auf dieser Festlegung zu beharren und gleichzeitig andere abzuwerten, weil sie nicht so sind wie man selbst. Rassismus bedeutet, anderen jene Menschlichkeit abzusprechen, die man für sich selbst in Anspruch nimmt. Rassismus bedeutet, wahllos Gründe zu suchen, um andere abzuwerten, zu verfolgen oder gar zu töten - Gründe, die nicht überprüft werden können. Und was ich persönlich am meisten verachte, sind Rassisten, die sich als besonders "empathisch" verkaufen wollen - etwa jene, die gegen andere Hautfarben und Nationalitäten hetzen, während sie ständig darüber jammern, wie sehr die armen Tiere doch gequält werden, vor allem von diesen bösen Schwarzen und Muslimen, die in ihren beschränkten Hirnen natürlich eine völlig homogene Masse darstellen. Oder die, die für ungeborenes Leben auf die Straße gehen, während Flüchtlingskinder ruhig verrecken dürfen. Und ganz besonders die, die darauf hinweisen, dass nur den hungernden Kindern geholfen werden darf, die in weit entfernten Ländern wohnen, wo sie uns mit ihrer erbärmlichen Erscheinung nicht belästigen.
Vor allem aber sollten wir aufhören, anderen vorzuschreiben, wann sie sich beleidigt zu fühlen haben. Ja, ich weiß, dass der eine oder andere Betroffene gerne mal übers Ziel hinausschießt - aber das bedeutet nicht, dass Nicht-Betroffene die Diskussion darüber bestimmen dürfen, was für Betroffene verletzend ist und was nicht. Es ist nun mal so, dass man die Herkunft einer Person nicht mehr rein am Aussehen festmachen kann - im Prinzip war das ja auch nie so wirklich der Fall, oder warum sonst mussten die Juden zur NS-Zeit die eingangs erwähnten gelben Aufnäher in Form eines Davidsstrerns tragen, damit ihre "Andersartigkeit" überhaupt sichtbar wurde? Hören wir also bitte auf, so zu tun, als hätten wir ein Anrecht auf alles, nur weil wir weiße Europäer sind - und hören wir auf, zuallererst auf die Verfehlungen anderer zu schauen, anstatt vor unserer eigenen Tür zu kehren. Denn letztendlich haben wir nur ein Leben, und das ist irgendwann zu Ende - und hinterher fragt uns garantiert niemand mehr nach Hautfarbe oder ethnischer Herkunft.
vousvoyez




