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Mittwoch, 1. März 2023

Die meisten Unfälle entstehen in Haushalten und die meisten Haushalte entstehen durch Unfälle

Foto von Maan Limburg auf Unsplash
Wobei es natürlich nicht ratsam ist, Menschen als "Unfall" zu bezeichnen - das sollte man spätestens nach einer alten Simpsons-Folge begriffen haben. Es ist aber generell eine Frage des Anstands - und Anstand scheint in der heutigen Zeit für viele ein Fremdwort geworden zu sein. Ich arbeite aktuell eigentlich an einem ganz anderen Artikel - aber mir brennt schon seit längerer Zeit etwas unter den Nägeln, das unbedingt einmal raus muss. Es kann sein, dass der eine oder andere wieder mal mit seinen verfaulten Blutorangen bereit steht, aber damit muss ich halt leben. Bevor ihr aber zum Wurf ausholt, lest euch diesen Artikel bitte bis zum Ende durch - und zwar mit Hirn, wie meine Biologielehrerin immer gesagt hat, als ich noch Schülerin war. Und ich möchte euch auch darum bitten, die Begriffe, mit denen ihr so gern um euch werft - white fragility, Happyland etc. - stecken zu lassen: Ich kenne sie alle, und ich kann sie inzwischen nicht mehr hören und lesen. Was schade ist, denn eigentlich liegt all dem eine sehr wichtige Botschaft zugrunde - nachzulesen in Tupoka Ogettes Exit Racism: Ich habe das Buch gelesen, ich finde es gut, ich kann es auch nur wärmstens weiterempfehlen, aber es ist eine Einladung, sich in andere hineinzufühlen und keine Aufforderung zur Selbstgeißelung.
Wir leben momentan in interessanten, ich würde sagen ungünstigen Zeiten: Seit einem Jahr tobt ein Krieg, der uns wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch schwächt; wir haben gerade eine Pandemie erlebt, die unser Leben stark beeinträchtigt hat; ständig werden uns leider gar nicht so unrealistische Horrorszenarien prophezeit, welche der menschengemachte Klimawandel verursachen könnte, wenn wir nicht endlich mal klimaschutztechnisch in die Gänge kommen; Fluchtbewegungen aus unterprivilegierten Teilen der Erde reißen nicht ab, und das Zusammenleben gestaltet sich nicht immer einfach; der Rechtsruck in den westlich-demokratischen Ländern setzt auch noch die stabilsten Demokratien unter Druck; die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, weil kapitalistische Staatssysteme lieber einen Großteil der Bevölkerung verarmen lassen, bevor sie aufhören, die Reichsten noch reicher zu machen; und als ob das nicht genug wäre, gibt es von innen und außen Leute, die mit Vergnügen und leider auch Erfolg am gesellschaftlichen Gefüge rütteln, um uns zu destabilisieren und zu entzweien und auf diese Weise Macht zu generieren. All das setzt natürlich jedem Einzelnen von uns zu, und viele von uns verfallen in eine Art stumpfe Lethargie, weil sie das alles überfordert - ich teilweise auch, obwohl individuelle Belastungen mir aktuell mehr zu schaffen machen als allgemeine Herausforderungen. Aber auch ich kenne das Gefühl, dass doch eh alles sinnlos ist - und muss mir selbst immer wieder sagen, dass auch Rom nicht an einem Tag erbaut wurde.

Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die noch den Willen haben, zu kämpfen - die an eine bessere Zukunft glauben und alles daransetzen, diese auch zu erreichen. Das sind die Menschen, die ich gerne auch unterstützen möchte. Das Problem ist - viele verrennen sich in ihrer Leidenschaft in Verhaltensmuster, die ebenso toxisch sind wie das, was sie bekämpfen sollen. Und leider trauen sich immer weniger Menschen, als Korrektiv zu wirken.

Erst mal zu mir: Ich bin 39 Jahre alt, weiblich, Cis (also nicht Trans), heterosexuell, ethnisch weiß, geboren, aufgewachsen und wohnhaft in Österreich, autochthon in dritter Generation - oder in zweiter, wenn man denn so will -, in durchaus privilegierten Verhältnissen aufgewachsen, wenn auch durch meine diversen psychischen Erkrankungen ein eher bescheidenes Leben führend. Ich habe mich, seit ich im Besitz eines politischen Bewusstseins bin, immer klar gegen rechts positioniert und glaube bis heute daran, dass die Abwertung von Menschen aufgrund bestimmter Identitätsmerkmale grundfalsch ist. Andererseits lebe ich auch gerne in einer Demokratie, selbst wenn ich mir bewusst bin, dass das nicht immer bequem ist - denn ein demokratisches Bewusstsein bedeutet, sich immer wieder aufs Neue mit seinen eigenen Werten und jenen der Gesellschaft, in der man lebt, auseinanderzusetzen. Es bedeutet, unterschiedliche Meinungen zuzulassen und Kompromisse zu schließen. Es bedeutet, auch mal zurückstecken zu müssen, dafür aber vom eigenen sozialen Gefüge zu profitieren. Es bedeutet Diversität - und Debattenkultur. Und leider ist Letzteres immer mehr ins Hintertreffen geraten.

Meine persönliche Geschichte hat, wie viele von euch wissen, auch eine ganz andere Seite - ich lebe seit nunmehr 15 Jahren in einer Beziehung mit einem Mann, der ganz andere Hintergründe hat als ich. Er ist das, was man heutzutage als BPoC bezeichnet - also Black and People of Color. Er ist in der Demokratischen Republik Kongo geboren, vom 3. bis zum 12. Lebensjahr in Angola, danach in Österreich aufgewachsen. Aus einem unbegleiteten minderjährigen Asylwerber mit kongolesischer Staatsbürgerschaft wurde im Jahr 2003 ein österreichischer Staatsbürger - mit allen Rechten und Pflichten, die dieser Status mit sich bringt. Aber unsere Gesellschaft ist bekanntlich in mancher Hinsicht ein bisschen zu langsam, um es vorsichtig auszudrücken - trotz seiner großen Loyalität einem Land gegenüber, das es ihm ermöglicht hat, ohne die tägliche Konfrontation mit Angst und Tod zu leben, wird er wohl nie im gleichen Maße als "Unsriger" angesehen werden wie ich. In unserem Privatleben ist die Hautfarbe nie Thema - die Welt da draußen ist aber deutlich anders gestrickt. Ich habe mich bereits als Teenager mit der Problematik von Rassismus auseinandergesetzt, mich immer dagegen positioniert, die Demütigungen ertragen, die damit einhergehen, mich laufend sensibilisiert und meinem Partner als Stütze gedient. Trotzdem muss ich mich heute von Menschen, die teilweise fast schon meine Kinder sein könnten, die an den Speckgürteln aufgewachsen sind und nie erlebt haben, was es heißt, von Diskriminierung betroffen zu sein, als Rassistin beschimpfen lassen, weil ich nicht bereit bin, jeden Unsinn aus der linken Bubble kritiklos abzusegnen.

Erst mal müssen wir feststellen, dass es kein Individuum und keine Gesellschaft ohne Vorurteile gibt - es geht nicht darum, über alles erhaben zu sein, sondern es geht darum, wie man den eigenen Vorurteilen begegnet. Was wir dringend ablegen müssen, ist der Glaube, dass bestimmte Menschengruppen über alle Fehler erhaben seien. Was ich aktuell beobachte, ist, dass Anti-Rassismus für viele zu so einer Art Religion geworden ist - wer mit weißer Hautfarbe geboren wurde, trägt so etwas wie eine "Erbsünde" mit sich und ist daher immer Täter. Wer nicht weiß ist, ist hingegen immer Opfer und darf auf keinen Fall auch nur irgendeiner Kritik ausgesetzt werden. Weiße, die mit dieser Sicht nicht einverstanden sind, sind immer böse Rassisten; PoC, die anders denken, haben den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft internalisiert, weshalb ihre Sicht der Dinge nicht zählt. Mit anderen Worten: Wer unsere Meinung nicht eins zu eins nachplappert, gehört zu den Bösen. Das ist nicht nur mangelnder Respekt gegenüber jenen mit abweichenden Ansichten - es ist mangelnder Respekt gegenüber der demokratischen Gesellschaft. Und leider wird das in den Medien schon seit Jahren so vorgelebt - man schreit sich gegenseitig nieder, lässt den anderen nicht ausreden und trägt so zu einer Verhärtung von Extrempositionen bei, während gemäßigtere Stimmen zunehmend mundtot gemacht werden. Das bemerkt man vor allem in Fernseh-Talkshows und auf Internetplattformen wie Twitter, wo die Debatten in der Tat nur noch kräftezehrend sind.

Das Problem dabei ist, dass wir dadurch genau das tun, was wir eigentlich hinter uns lassen wollen: nämlich die Bewertung anderer aufgrund ihrer Identität. Und genauso, wie unsereiner sich nicht ständig für sein Weißsein entschuldigen will - ein Umstand, über den wir bekanntermaßen auch keinen Einfluss hatten -, wollen sich auch nicht alle Angehörigen marginalisierter Gruppen ständig in die Opferrolle drängen lassen. Vor allem aber werden Debatten heutzutage oft sehr stark emotionalisiert - was das Problem mit sich bringt, dass die Gefühlsebene dadurch meist höher bewertet wird als die Sachebene. Häufig wird beispielsweise nur die Perspektive Betroffener als legitim dargestellt - ohne zu berücksichtigen, dass auch Betroffene keine homogene Gruppierung sind, was mit sich bringt, dass die Gefühle einzelner betroffener Personen sehr stark divergieren können. Anstatt dies jedoch anzuerkennen, neigen wir dazu, uns selbst Sprechverbote aufzuerlegen, aus Angst, dass wir die zarten Gefühle irgendeiner Person, die einer marginalisierten Gruppe angehört, ankratzen könnten. Anstatt diese Menschen also zu stärken, schwächen wir uns selbst - und stärken gleichzeitig die Gegenposition. Das ist deshalb so problematisch, weil wir damit dieser das Feld überlassen - woraus wiederum resultiert, dass Personen mit auch nur geringfügig abweichender Meinung sofort in die Gegenposition gedrängt werden. Du bist also der Meinung, dass wir nicht alle BPoC pauschal heilig sprechen sollten? Aha, du bist also ein Rassist! Du hast es gewagt, mit weißer Hautfarbe geboren zu werden, bist aber nicht bereit, dich deswegen selbst permanent unter Generalverdacht zu stellen? White fragility! Setz dich gefälligst mal mit deinem Weißsein auseinander, Nazi! Kommt euch das nicht auch ein wenig übertrieben vor?

Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass wir mit einem solchen Verhalten jeden Versuch einer vernünftigen Debatte torpedieren. Aus diesem Grund habe ich leider oft den Eindruck, dass Leute, die auf eine solch plumpe Art und Weise argumentieren, eigentlich gar nicht ernsthaft an Lösungen interessiert sind, sondern eigentlich nur Recht haben wollen. Denn dies zementiert die alten Vorurteile mehr, als dass es sie abbaut. Kein Mensch will ständig angegangen werden, kein Mensch will immer das Gefühl haben, dass er eh nur alles falsch machen kann. Ich habe schon öfter eine Frage in den Raum gestellt, die zugegebenermaßen etwas provokant rüberkommt, die ich hier jedoch noch einmal wiederholen möchte: Soll eine Person, die weiß aussieht, die aber ein Elternteil aus Sub-Sahara-Afrika hat (ja, sowas gibt's), in Zukunft eine Art Ahnenpass mit sich führen, wenn sie Dreadlocks tragen will, um nicht der kulturellen Aneignung bezichtigt zu werden? Ist das die Art von Anti-Rassismus, wie wir sie anstreben? Bisher hat diese Frage in den sozialen Netzwerken nur zu Lachsmileys geführt - auch die Tatsache, dass ich darauf nur selten eine vernünftige Antwort bekomme, lässt mich daran zweifeln, dass gewisse Leute, die sich Anti-Rassismus auf die Fahnen geschrieben haben, wirklich an Lösungen interessiert sind.

Die Sache ist folgende: Ich stehe schon seit einigen Jahren dafür ein, dass wir uns mit Kolonialismus und dem dadurch systemisch gewachsenen Rassismus genauso kritisch auseinandersetzen müssen, wie wir es bereits mit der Shoah tun. Ich habe bereits mit mehreren Personen debattiert, welche die Verbrechen der Kolonialzeit auf genau die gleiche Art und Weise verharmlosen oder gar leugnen, wie andere es mit dem Holocaust tun. Dazu ist es aber notwendig, uns mit schriftlichen Zeugnissen und Begrifflichkeiten kritisch auseinanderzusetzen - das funktioniert aber nicht, wenn wir das alles unter den Teppich kehren und so tun, als wäre es nie passiert. Wir müssen die Dinge im kritischen Kontext beim Namen nennen, um sie einordnen zu können. Und zum Thema Retraumatisierung kann ich nur sagen: Ich musste mich als Teenager im Geschichtsunterricht ebenfalls mit Ideologien auseinandersetzen, die mir als Frau praktisch das Menschsein abgesprochen haben - da hat auch keiner danach gefragt, ob meine Seele Schaden dadurch erleiden könnte. Trotzdem war es wichtig, diese Dinge aufzuarbeiten, um zu erkennen, wie man Diskriminierung wirksam entgegentreten kann. Die Welt ist nun mal kein safe space - und darauf sollte man so gut wie möglich vorbereitet sein. Und die einzige Möglichkeit, Diskriminierung entgegenzutreten, ist, miteinander ins Gespräch zu gehen - und zwar so ehrlich und respektvoll wie möglich. Und dieser Respekt muss von beiden Seiten ausgehen - weil vernünftige Debatten nur möglich sind, wenn sich keiner in die Ecke gedrängt fühlt. Das ist der Grund, warum ich mich weigere, bei diesen Identitätsspielchen mitzuspielen - weil wir dringend wieder lernen müssen, Widersprüche auszuhalten. Das einzige, was tatsächlich gegeben sein muss, ist Respekt - unabhängig von Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, sexueller Identität etc. pp. Und soweit ich sehe, bin ich nicht die einzige, die diese Position betritt.

vousvoyez

Donnerstag, 7. April 2022

Der Weg zur Rebellion ist nur einen Mausklick entfernt

Photo by Luis Villasmil on Unsplash
Und es ist manchmal wichtig, sich dem Status Quo zu widersetzen - etwa, wenn es darum geht, endlich die Warnungen von Wissenschaftlern ernst zu nehmen und das Schlimmste zu verhindern. Denn obwohl die ersten Anzeichen des Klimawandels bereits zu erkennen sind, gibt es immer noch viel zu viele, die diesen vollkommen ignorieren. Und leider sitzt ein nicht unerheblicher Anteil dieser Leute in Machtpositionen. Und jetzt hat eine Zweigstelle von Fridays for Future sich auch noch selbst ins Aus geschossen - ich spreche natürlich von jenen Aktivisten aus Hannover, die auf ziemlich überhebliche Weise eine Musikerin von ihrer Veranstaltung ausgeladen haben, weil sie weiß ist und dennoch Dreadlocks trägt. Und zwar deswegen, weil ihre Frisur "kulturelle Aneignung" sei und man nicht nur klimafreundlich, sondern auch anti-rassistisch bzw. anti-kolonialistisch sei.

Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für all jene, die sowieso schon ein Problem mit jugendlichen Aktivisten und Menschen mit anderer Hautfarbe haben - und die sich nur allzu gerne in der Opferrolle suhlen. Und so haben sich Boulevard-Presse, Konservative und Rechtspopulisten in den letzten Wochen begeistert über den "Woke-Wahnsinn" und die "Cancel Culture" der jungen Generation ereifert - und auf einmal setzen sich die, die in puncto Rassismus sonst nicht gerade zimperlich sind, für das Recht ein, Dreadlocks zu tragen, während jene, die sich eigentlich für gesellschaftlichen Fortschritt einsetzen, auf einmal Töne anschlagen, die man zuletzt von den strafgeilen Konservativen der 1960er Jahre gewöhnt war, welche männlichen Jugendlichen nahelegten, ihre Haare abzuschneiden.

Nun wisst ihr ja, dass ich generell das, wofür sich Fridays for Future eigentlich einsetzt, durchaus befürworte und überhaupt nicht damit einverstanden bin, dass Versäumnisse der Vergangenheit auf dem Rücken der jungen Generation ausgetragen werden soll - sei es Klimawandel, Bildungsmisere oder staatliche Verschuldung. Und selbstverständlich ist mir klar, dass es sich bei FfF Hannover nicht um die gesamte Bewegung handelt, sondern nur um eine regionale Zweigstelle. Andererseits erleben wir jedoch aktuell genau das, was bereits mit vielen Jugendkulturen passiert ist - nämlich die Kommerzialisierung von Fridays for Future. Denn einerseits ist der Name inzwischen eine geschützte Marke, die bereits Milliarden wert ist, andererseits wird der Klimaschutz-Aktivismus bereits seit einiger Zeit von allen möglichen Startup-Unternehmen vereinnahmt - während man bei Talkshows aktuell häufig das Gefühl hat, dass Moderatoren, Gäste und Innen diese nichtsnutzige Jugend am liebsten selbst an die Front schicken würden, auch wenn die meisten von ihnen selbst Krieg nur aus den Medien kennen. Gleichzeitig springen auch die etablierten Unternehmen auf den FfF-Zug auf, indem sie selbst ein bisschen Grünfärberei betreiben - und am Ende geben sich selbst McDonald's und Nestlé besonders nachhaltig und menschenfreundlich. So ist aus ein paar jungen Querulanten, die freitags auf die Straße gingen, inzwischen eine Wirtschaftsmarke geworden, und sowohl Unternehmen als auch Medien schmücken sich gerne mit deren Frontleuten, um eine junge Zielgruppe zu erreichen.

Gleichzeitig darf man jedoch nicht vergessen, dass sie auf eines der wichtigsten Themen unserer Zeit aufmerksam machen wollen - nämlich den menschengemachten Klimawandel, der nun mal ein ganz reales Problem ist und von dem man das Gefühl hat, dass die Verantwortlichen sich mit dem Thema nur sehr peripher auseinandersetzen wollen. Denn obgleich sich die Auswirkungen des Klimawandels schon heute zeigen, ist das Thema immer noch so abstrakt, dass man damit keine Wahlen gewinnen kann - vor allem, weil die Entscheidungsträger die härtesten Konsequenzen wahrscheinlich nicht mehr erleben werden. Entsprechend haben sich die Aktivisten aus Hannover mit ihrer Ausladung der Musikerin Ronja Maltzahn auch ziemlich in die Nesseln gesetzt - denn man kann sich nicht dem Anti-Rassismus verschreiben, gleichzeitig aber Personen aufgrund ihrer Frisur und Hautfarbe ausschließen. Und man kann einer Person nicht mangelnden Respekt an anderen Kulturen unterstellen und ihr im gleichen Atemzug vorschreiben, was sie mit ihren Haaren zu machen hat. Nun habe ich ja bereits einen Artikel geschrieben, in dem ich erklärt habe, wie ich zu dem Thema Cultural Appropriation, also kulturelle Aneignung, stehe. Und ich wiederhole: Selbstverständlich kann ich verstehen, dass Minderheiten über die Entfremdung ihrer kulturellen Attribute nicht gerade erfreut sind - aber anstatt darüber zu diskutieren, schafft man nur wieder jene Barrieren, die man ursprünglich mal einreißen wollte. Und ganz nebenbei spricht man wieder für eine marginalisierte Gruppe, die eigentlich auch ganz gut für sich selbst sprechen könnte - denn soweit ich mitbekommen habe, sind viele BPoC gar nicht erfreut darüber, dass weiße Jugendliche wieder mal über ihren Kopf hinweg über ihre Befindlichkeiten entschieden haben, sie aber jetzt mit den Konsequenzen konfrontiert werden. Im Wesentlichen passiert genau das, was ich vor gut einem Jahr schon kritisiert habe: Nämlich, dass ein Thema, das eigentlich angesprochen werden müsste, inzwischen wieder zu einer dieser ewigen "Wer-nicht-für-uns-ist-ist-gegen-uns"-Debatten geführt hat. Und dass genau das getan wird, was Rechten so gerne vorgeworfen wird: Nämlich, Kultur und Hautfarbe als etwas Statisches, Unveränderliches, klar Abgrenzbares zu definieren, selbst wenn man einem Menschen die ethnische Herkunft nicht immer gleich ansieht. Muss also das hellhäutige Kind einer Person of Colour in Zukunft einen Abstammungsnachweis mit sich führen, um nicht aufgrund seiner Frisur in den Verdacht zu geraten, kulturelle Aneignung zu betreiben?

Und dabei sollten wir inzwischen alle begriffen haben, dass verfilzte Haare in der Menschheitsgeschichte nicht ausschließlich Schwarzen vorbehalten waren, sondern auf allen Kontinenten und in allen ethnischen Gruppen getragen wurden und werden - etwa am spanischen Hof im 16. Jahrhundert, von aztekischen Priestern, den indischen Sikhs und muslimischen Derwischen. Dass sich die Vorstellung manifestiert hat, Dreadlocks seien ausschließlich ein Ausdruck Schwarzer Identität, ist eine popkulturelle Referenz, die ihren Ursprung in der jamaikanischen Rastafari-Kultur hat - einer religiös motivierten Protestbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die später vor allem durch Bob Marley und andere Reggae-Musiker bekannt gemacht wurde. Und dabei entspricht diese Subkultur keineswegs dem woken Ideal, mit dem sich Communities wie Fridays for Future so gerne schmücken - denn das Weltbild der Rastafaris ist extrem patriarchal und homophob. Versteht mich nicht falsch - ich höre selbst gerne Reggae, aber bisweilen irritiert mich doch, wie sehr diese Aspekte immer wieder ausgeblendet werden. Ebenso, wie in der aktuellen Debatte kaum darauf eingegangen wird, dass es keine homogene "schwarze" Kultur gibt - und dass in vielen ethnischen Gruppen Afrikas südlich der Sahara Dreadlocks verpönt sind. Und auch Afrikaner, die sich Dreadlocks stehen lassen, tun dies nicht immer aus kulturellen, sondern bisweilen aus rein ästhetisch-modischen Gründen - was man ebenfalls als "kulturelle Aneignung" verstehen könnte. Und Malcolm X, der Initiator der Black-Panther-Bewegung, sah Dreadlocks als Verleugnung der eigenen Identität, da diese dem Afro-Haar seine Sichtbarkeit nähmen. Im übrigen möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass weiße Dreadlock-Träger zwar keine Opfer von Rassismus werden, dass sie aber ebenfalls mit Diskriminierung konfrontiert werden - ob in der Gesellschaft, im Beruf oder auch dadurch, dass sie von der Polizei eher kontrolliert werden als Menschen, die keine Dreadlocks tragen. Klar kann man einwenden, dass Dreads freiwillig getragen werden - aber vielen geht es eben gerade darum, sich diskriminierten Gruppen anzunähern und sich durch ein gewisses Äußeres mit ihnen zu solidarisieren.

Das ist auch der Grund, warum ich bisweilen ein wenig mit meiner Zugehörigkeit zum linken Lager hadere - während die Rechten sich gegen einen "gemeinsamen Feind" größtenteils einig sind, erklären wir unsere Gesinnungsgenossen selbst zum Feind, indem wir versuchen, uns gegenseitig im "Wokesein" zu übertrumpfen und dabei all jene abwerten, die uns nicht zu hundert Prozent nach dem Mund reden. Dabei schießen viele gern über das Ziel hinaus, indem sie allen, bei denen sie Attribute einer anderen Kultur entdecken, pauschal die Fähigkeit absprechen, dieser Respekt entgegenzubringen - und somit aktiv erneut an einer Entfremdung der Kulturen untereinander arbeiten. Dabei vereint Ronja Maltzahn in ihrer Band Künstler aller Kontinente und Kulturen und setzt sich für Diversität und gegenseitige Akzeptanz ein. Und auch auf die Ausladung von FfF Hannover reagierte die 28jährige wesentlich erwachsener als viele, die wesentlich älter sind als sie. Im Großen und Ganzen zeigt sich hier aber eines der Hauptprobleme von FfF - nämlich, dass diese Organisation sich größtenteils aus Menschen zusammensetzt, denen es an Lebenserfahrung fehlt und an Kompetenz, auf die Realität von Menschen einzugehen. Und das meine ich überhaupt nicht böse - im Gegenteil, ich habe früher auch Sachen geglaubt, von denen ich heute weiß, dass sie nicht haltbar sind. Denn als Jugendlicher und junger Erwachsener denkt man, man sei klüger als die meisten anderen und habe die perfekte Lebensformel gefunden, die man sofort aller Welt überstülpen will. Andererseits brauchen wir auch die Energie, Naivität und Leidenschaft der Jugend, um unsere Gesellschaft voranzubringen. Und gerade deswegen ist es auch wichtig, nicht auf den Zug der Konservativen aufzuspringen und alle FfF-Aktivisten als faule Schulschwänzer zu beschimpfen, sondern als gesellschaftliches Korrektiv einzugreifen, wenn diese sich etwas zu weit aus dem Fenster lehnen. Denn letztendlich braucht es uns alle, um etwas zu verändern.

vousvoyez

Mittwoch, 10. März 2021

Johann Gudenus ist ein so schlechter Tänzer, dass seine Freunde in der Waldorfschule jahrelang glaubten, sein Name sei Renate

@evablue
Jaja, die Ibiza-Witze waren noch monatelang lustig - und manche sind es bis heute. Wobei wir ja wieder mal einen großen Finanzskandal zu verzeichnen haben, nachdem die Geschichte mit Schönling Karl-Heinz Grasser nach Ewigkeiten nun endlich abgeschlossen ist. Aber ich denke, niemand von euch ist hier, um über österreichische Finanzskandale aufgeklärt zu werden. Und ich habe keine Lust, darüber zu schreiben. Zumal es etliche gibt, die das besser können. Allerdings ist mir aufgefallen, dass bezüglich eines anderen Themas Redebedarf herrscht. Deswegen möchte ich mich diesbezüglich wieder einmal äußern - auch auf die Gefahr hin, dass ihr am Ende eure verfaulten Tomaten auspackt - aber lasst mich erst mal erklären.

Letzte Woche gab es einen Riesenshitstorm gegen Marieke Lucas Rijneveld, eine niederländische Schriftstellerin und Übersetzerin, die den Auftrag bekam, die Werke der überaus talentierten jungen Poetin Amanda Gorman vom Englischen ins Niederländische zu übertragen. Amanda Gorman ist vielen von euch möglicherweise noch durch ihren wortgewaltigen Auftritt bei Joe Bidens Angelobung bekannt; der Vortrag ihres Gedichts The Hill We Climb ließ den Überlegenheitsglauben von Donald Trump und Konsorten noch lächerlicher erscheinen, als er ohnehin schon war. Der Grund für den Shitstorm gegen Rijneveld: Sie ist eine weiße Frau, die die Texte einer Schwarzen übersetzen soll - und zwar einer, deren künstlerische Arbeit geprägt ist von ihrer Identität als Schwarze Frau. So etwas, behauptete die niederländische Journalistin Janice Deul, könne eine weiße Frau niemals authentisch übersetzen. Rijneveld war von den heftigen Reaktionen, die die Entscheidung, sie mit dem Übersetzungsauftrag zu betrauen, so schockiert, dass sie sich davon zurückzog. Der Witz dabei: Amanda Gorman war mit der Auswahl Rijneveld durchaus einverstanden. Mit andern Worten, der 23jährigen wurde das Recht abgesprochen, selbst zu entscheiden, wer ihre Gedichte übersetzen darf. Man kann sich, glaube ich, denken, was losgewesen wäre, wenn man einer schwarzen Übersetzerin die Fähigkeit abgesprochen hätte, die Texte einer weißen Autorin zu übersetzen - es hätte einen Riesen-Shitstorm gegeben, und das auch völlig zu Recht. Denn das wäre eindeutig als Rassismus identifizierbar gewesen. Da es sich aber umgekehrt verhält - also, der Shitstorm gegen eine Person gerichtet ist, die ethnisch dem Lager der Unterdrücker zuzuordnen ist -, verhält es sich natürlich anders. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich Janice Deuls Vorgehensweise eher kritisch betrachte - und ich möchte euch auch erklären, warum. Deshalb will ich über ein weiteres Schlagwort im Kampf gegen Rassismus sprechen - nämlich über cultural appropriation bzw. "kulturelle Aneignung".

Nun, was versteht man unter kultureller Aneignung? Man spricht von kultureller Aneignung oder Appropriation, wenn ein Individuum oder eine Gruppe bestimmte Merkmale einer anderen Kultur oder Identität adaptiert. Im Prinzip ist es also das, was eigentlich schon geschieht, seit es Kulturen gibt - und doch ist cultural appropriation immer wieder Gegenstand heftiger Kontroversen. Die Debatte umfasst alle kulturellen Genres, sei es Mode, Musik, bildende Kunst, Literatur, Film oder Tanz, um nur einige zu nennen. Und zwar vor allem dann, wenn sich an den Errungenschaften einer unterdrückten Kultur bedient und diese dadurch ihrem Kontext entrissen werden. Dies zu kritisieren, ist selbstverständlich nicht nur legitim, sondern auch wichtig. Trotzdem schießen manche dabei über das Ziel hinaus, was besonders durch Social Media wieder sichtbar wird. Denn das Thema ist überaus komplex und kann nicht allein auf ein Für und Wider reduziert werden.

Der Begriff cultural appropriation entstand in den 1970er und 1980er Jahren im angelsächsischen Sprachraum im Zuge der amerikanischen Bürgerrechts- und der Critical-Whiteness-Bewegung. Es geht in erster Linie darum, dass sich vor allem die weiße Populärkultur bereits seit vielen Jahrzehnten fleißig am kulturellen Erbe der von ihr unterdrückten Identitäten bedient, ohne diesen Wertschätzung entgegenzubringen - wobei Weißen, die kulturelle Appropriation betreiben, die Diskriminierung häufig erspart bleibt, die der Ursprungkultur aufgrund derselben Merkmale widerfuhr, und sie andernfalls äußere Attribute anderer Kulturen jederzeit wieder ablegen können. So sahen sich Afro-Amerikaner und Native Americans sehr lange Zeit gezwungen, sich dem weiß geprägten Normativ anzupassen, da ihnen verboten wurde, ihre Kultur in der Öffentlichkeit auszuüben. So wurde das Nutzen indigener Sprachen in amerikanischen Schulen bestraft, während BPoC ihre traditionellen Flechtfrisuren (Braids) nicht tragen durften, die in afrikanischen Kulturen die Zugehörigkeit zu bestimmten Volksgruppen oder auch den gesellschaftlichen Stand symbolisieren. Noch heute gibt es junge Natives, die sich aus Angst vor dem Spott anderer die Haare schneiden lassen, während in vielen Berufssparten Braids oder Dreadlocks als "unprofessionell" oder gar "unhygienisch" gelten. Ein anderes Problem wird darin gesehen, dass gewisse Attribute nicht mehr mit der zugehörigen Kultur verbunden werden, sondern mit der Person, die sie adaptiert hat - und diese Anerkennung erhält für etwas, wofür andere zuvor diskriminiert wurden. Ein Beispiel ist etwa Bo Derek, die in dem Film 10 aus dem Jahr 1979 Braids mit eingeflochtenen Muschelschalen trägt. Bis heute wird diese Frisur in der öffentlichen Wahrnehmung mit einer weißen amerikanischen Schauspielerin in Verbindung gebracht, obwohl sie schon seit Jahrhunderten vom westafrikanischen Volk der Fulbe getragen wird. Ebenfalls problematisch gesehen wird die Gefahr der Stereotypisierung - so erzeugen Indianerkostüme im Fasching die Illusion einer einheitlichen indigenen Bevölkerung auf dem amerikanischen Kontinent, obwohl diese in Wirklichkeit eine große Vielfalt aufweist (ähnlich, wie man auch nicht die Gesamtbevölkerung Europas in einen Topf werfen kann). Ich erinnere mich daran, wie meine Großmutter mir als Kind das Foto eines indigenen Jungen zeigte, der kurze Haare und ein Polo-Shirt trug - und ich fragte, warum er denn keinen Federschmuck trage. Und ich erinnere mich an Filme wie Winnetou, die ich damals gesehen habe und in denen Indianer ausschließlich von Weißen dargestellt wurden.

Ein populäres Beispiel für kulturelle Appropriation, die der adaptierenden Kultur ursprünglich mehr Vorteile brachte als der adaptierten, ist mit Sicherheit der Rock'n'Roll. Dieser entwickelte sich in den 1950er Jahren aus dem afroamerikanischen Rhythm'n'Blues, der sich in den 1940ern aus Versatzstücken von Jazz, Boogie, Swing und Gospel entwickelt hatte. Das Problem dabei ist weniger, dass weiße Musiker wie etwa Elvis Presley oder Scotty Moore sich an der schwarzen Musik orientierten, sondern dass sie finanziell davon profitierten, im Gegensatz zu vergleichbar populären schwarzen Künstlern wie Little Richard oder Bo Diddley. Verständlich, dass dies für BPoC frustrierend ist - andererseits muss man allerdings auch sagen, dass die Adaption von Elementen schwarzer Musik durch weiße Künstler erheblich dazu beitrug, die Hemmschwelle des weißen Publikums vor schwarzer Musik abzubauen sowie dem darauf spezialisierten Label Motown und somit auch vielen großen schwarzen Talenten wie Tina Turner, Aretha Franklin, Otis Redding und Stevie Wonder den Weg zum Erfolg ebnete. Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass Elemente der schwarzen Kultur, insbesondere Rhythm'n'Blues, in der etablierten weißen Gesellschaft als primitiv, ja sogar anrüchig galten - die Adaption dieser war für weiße Jugendliche, die in der allgemeinen Wahrnehmung keine eigene Stimme hatten, eine Form der Abgrenzung und des Protests. Es hat also alles seine zwei Seiten - wobei die eine die andere selbstverständlich nicht relativieren soll. Ein weiteres Beispiel ist der Tanzstil Vogue; in den 1970er Jahren im New Yorker Stadtviertel Harlem von schwarzen und lateinamerikanischen Homosexuellen entwickelt, fand er Ende der Achtziger durch Madonna und Malcolm McLaren den Weg in den Mainstream. Heute werden Vogue-Stunden bereits von heterosexuellen weißen Tanzlehrerinnen angeboten, die von den Ursprüngen dieses sehr körperbetonten Stils nicht die geringste Ahnung haben. Dies sehen viele Angehörige der schwarzen und lateinamerikanischen Queer-Szene kritisch, da sie erkennen müssen, dass sie von heteronormativen Personen, die Voguing betreiben, nach wie vor abgelehnt werden.

Stellen wir also fest: Der Hauptvorwurf, wenn es um kulturelle Appropriation geht, ist der Diebstahl von Attributen marginalisierter Kulturen bzw. der Profit an diesen bei gleichzeitigem Fehlen von Authentizität sowie Desinteresse an deren Ursprüngen. Wobei die Meinungen darüber, wo kulturelle Aneignung anfängt, natürlich weit auseinandergehen - für manche reicht es schon, wenn eine weiße Person Dreadlocks trägt, während es für andere davon abhängt, aus welchem Grund diese Frisur getragen wird. Im Zeitalter des Internets werden vor allem prominente Persönlichkeiten häufig kritisch beäugt - sei es Kim Kardashian, die ihre Cornrows nicht mit der afrikanischen Kultur, sondern mit Bo Derek in Verbindung brachte; sei es Beyoncé, die in einem Musikvideo in indischer Tracht auftrat; Pharrell Williams, der 2014 auf dem Cover der britischen Elle mit einem Warbonnet abgebildet wurde oder auch Sascha Lobo, der einen roten Irokesenschnitt trägt, ja sogar Carola Rackete, deren Haare zu Dreadlocks gedreht sind. Nun wissen wir, dass Attribute fremder Kulturen schon seit längerer Zeit Bestandteil von Mode sind - erinnern wir uns doch nur an die Hippie-Kultur, in der unterschiedlichste Stile von Kulturen aus aller Welt wahllos zusammengewürfelt wurden, oder an meine eigene Jugendzeit, als pubertierende Jungs sich kleideten wie die Gangsta-Rapper in den Musikvideos. Der Engländer John Lennon kleidete sich in seinen letzten Jahren gerne im japanischen Stil, während der Deutsche Tilmann Otto unter dem Künstlernamen Gentleman seit Jahrzehnten mit Reggae-Musik große Erfolge feiert. Und wir sehen schon anhand dieser vielen Beispiele, wie vielschichtig das Thema eigentlich ist: Carola Rackete widersetzte sich der italienischen Regierung und rettete trotzdem das Leben afrikanischer Flüchtlinge; John Lennon war bekanntlich mit einer japanischen Künstlerin verheiratet und setzte sich aktiv mit ihrer Kultur auseinander; Gentleman ist oft nach Jamaika gereist, hat sich mit der dortigen Kultur auseinandergesetzt und auch viele jamaikanische Kollegen gefördert. Absurd wird es allerdings, wenn beispielsweise Rap genutzt wird, um rassistische Botschaften zu transportieren - obwohl diese Musikrichtung bekanntlich ursprünglich ein Instrument der BPoC war, um gegen ihre fortwährende Unterdrückung anzukämpfen.

Die Problematik, die ich in der Debatte sehe, ist, dass ein legitimer Gedanke, der in einen Begriff zusammengefasst wurde, der einen wissenschaftlichen Anklang hat, droht, zu verbaler Munition zu verkommen. Darüber hinaus hat Janice Deul im Großen und Ganzen ja auch gar nicht so Unrecht - natürlich sollten Schwarze Übersetzer/innen und alle dazwischen bessere Chancen bekommen. Der Gedanke ist halt leider nicht zu Ende gedacht - sollen diese denn dann nur die Texte Schwarzer übersetzen dürfen? Es ist wichtig, die Dynamik kultureller Appropriation zu verstehen - wir müssen uns bewusst sein, dass die eigene Kultur etwas sehr Persönliches ist, und dass es sehr verletzend sein kann, wenn andere, die nicht Teil dieser Kultur sind, sich dieser gegenüber respektlos verhalten. Anderseits laufen wir in unserer wokeness bisweilen Gefahr, die Fehler rechtsradikaler Gruppierungen zu wiederholen: Indem wir unterschiedliche Kulturen zu homogenen Konstrukten erklären, exotisieren wir Minderheitskulturen und nehmen damit sowohl uns als auch anderen die Entscheidung, die Zugehörigkeit zu Kulturen und Identitäten anzunehmen oder auch nicht. Dass gewisse Attribute nicht genau zugeordnet werden können, zeigt schon das Beispiel der Dreadlocks, die nicht nur von Jamaikanern und Afrikanern, sondern auch von Persern, Azteken und Tataren getragen wurden. Indem wir uns zu sehr darauf versteifen, welchen Kulturen bestimmte Objekte und Traditionen vorbehalten bleiben dürfen, nähern wir uns meiner Ansicht nach gefährlich der rechtsradikalen Ideologie des Ethnopluralismus an, in deren Vorstellung verschiedene Ethnien und Kulturen zwar existieren, sich aber auf keinen Fall austauschen oder gar vermischen dürfen. Womit wir wieder beim Ausgangsthema wären: Die Entscheidung für Marieke Rijnefeld als Übersetzerin für Amanda Gorman wurde verurteilt, ohne sich die Mühe zu machen, in Erfahrung zu bringen, wer diese Entscheidung überhaupt getroffen hat und wie Amanda Gorman, um deren Werke es schließlich geht, dazu steht. Indem an Anstoß an der Hautfarbe der Übersetzerin nimmt, tut man gleichzeitig das, was man bei anderen zu Recht kritisiert, nämlich, die Dichterin auf ihre Hautfarbe zu reduzieren. Gleichzeitig laufen wir auf diese Weise in eine Richtung, die meines Erachtens auch im künstlerischen Bereich problematisch werden kann: Ein Künstler wird nicht mehr nach seinem Werk beurteilt, sondern nur noch nach seiner Identität. Fazit: Es ist wichtig, den Ursprung kultureller Ausprägungen zu respektieren und wenn möglich dafür Sorge zu tragen, dass die Urheber dieser in Erscheinung treten, es ist aber ebenso wichtig, eine gewisse Ambivalenz auszuhalten und nicht bei jeder Gelegenheit den moralischen Zeigefinger zu schwingen. Und bevor ihr mich fragt: Ich trage im Sommer bisweilen afrikanische Tücher, ich nutze in der Kommunikation mit meinem Partner manchmal Worte der in der Kongo-Gegend heimischen Bantu-Sprache Lingála und ich spiele die westafrikanische Djembé. Gleichzeitig lese ich Bücher über afrikanische Kulturen, interessiere mich für die verschiedenen Musikrichtungen, besuche Lesungen, Ausstellungen, Theaterveranstaltungen und Festivals, die mich den vielfältigen Kulturen des afrikanischen Kontinents näherbringen. Weil Menschen, die aus Afrika stammen, inzwischen schon längst zu unserer Gemeinschaft gehören, weil ich mit einem Mann zusammen bin, dessen Wurzeln dort liegen und weil ich der Ansicht bin, dass man persönlich nur wachsen kann, wenn man die gewohnten Pfade auch mal verlässt. Lasst mich daher mit den Worten der jungen Amanda Gorman schließen: "The new dawn blooms as we free it/for there was always light/if only we're brave enough to see it/if only we're brave enough to be it."

vousvoyez

https://www.youtube.com/watch?v=ANfCZB3XYKA

https://rosa-mag.de/cultural-appropriation/

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/amanda-gormans-the-hill-we-climb-zwei-uebersetzungen-17162456.html

Mittwoch, 23. September 2020

Wie lange hat der Dreißigjährige Krieg gedauert?

Der enorme Schwierigkeitsgrad dieser Frage ist natürlich unvorstellbar hoch und nur mit jener vergleichbar: "Wie viele Gipfel hat das Dreigipfelgebirge?" Da ist die Frage, von wann bis wann er eigentlich gedauert hat (Spoiler: 1618 - 1648) ja schon beinahe eine Beleidigung der Intelligenz. Und da diese Weisheit ja schon so historisch ist, geht es bei mir zumindest teilweise auch gleich historisch weiter - wobei ich das Thema rund um die Sinnhaftigkeit von Black Lives Matter ja schon behandelt habe. Nachdem ich mich aber in der Vergangenheit eher mit Rassismus im Allgemeinen bzw. in Bezug auf die USA sowie mit der viel zitierten Cancel Culture befasst habe, möchte ich heute einmal ganz bewusst einen Blick auf die europäische Rassismus-Geschichte werfen. Und zwar deswegen, weil ich festgestellt habe, dass besonders auch hier noch Redebedarf herrscht. Ganz abgesehen davon, dass dieses Thema im Geschichtsunterricht bis heute ganz offensichtlich zu kurz kommt. Ich möchte mich im übrigen an dieser Stelle bei jenem Herrn bedanken, der es für nötig hielt, rassistische und sexistische Kommentare unter drei meiner Facebook-Posts zu schreiben - er hat einem dieser beiden Artikel zu einer noch größeren Reichweite verholfen. Und mir gleichzeitig gezeigt, dass auf meine Community immer Verlass ist. Dafür möchte ich euch danken.

Ich weiß nicht, ob euch das Wort Maafa ein Begriff ist - es stammt aus dem Swahili und heißt in etwa "großes Unglück". In unseren Breiten handelt es sich um einen politischen Neologismus, sprich, um einen relativ neuartigen Begriff, der sich auf die Verbrechen der Kolonialzeit bezieht. Nun, mir ist schon seit längerer Zeit bewusst, dass, was dieses Thema betrifft, bei uns in Europa eigentlich schon längst ein dringender Aufholbedarf besteht - zumal wir, auch wenn es dem einen oder anderen nicht gefallen mag, inzwischen auch Mitbürger mit afrikanischen Wurzeln bei uns haben, die meiner dummen Gutmenschen-Meinung nach dieselben Chancen und Voraussetzungen haben sollten wie der Rest unserer Bevölkerung. Ich habe beispielsweise erst an der Uni erfahren, dass auch Deutschland Kolonien in Afrika hatte - zuvor hatte ich nur die vage Vorstellung davon, dass das ein englisches, französisches, spanisches und portugiesisches "Ding" ist. Und nicht nur das - vor etwa einem Jahr wollten mir ein paar "Lebensschul"-Absolventen, von denen die meisten mit Sicherheit nur selten ein Buch in die Hand genommen haben, weismachen, dass die Menschenzoos um 1900 doch eine tolle Sache gewesen seien, weil man da was über andere Kulturen gelernt hätte. Nun - dass die Relativierung des Holocaust mittlerweile strafbar ist, finde ich gut und richtig, da die Verharmlosung oder gar Leugnung eines Sachverhaltes, für den es ausreichend Beweise gibt, nichts mehr mit "Meinung" zu tun hat. Allerdings denke ich, sollte dies auch für die Relativierung der Verbrechen der Kolonialmächte gelten. Denn die selbst ernannten "Rebellen" von heute vergleichen sich nicht nur gerne mit Sophie Scholl und tragen jene gelben Aufnäher, mit denen zur Zeit des Nationalsozialismus die Juden gekennzeichnet wurden, häufig werden auch Bilder geteilt, in denen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes mit den máscaras de flandres verglichen wird, jenen Masken aus Weißblech, mit denen in Brasilien afrikanische Sklaven gefoltert wurden. Ganz abgesehen davon, dass es lächerlich ist, verharmlost es auch das Leid von Millionen - genauso wie das Tragen des Judensterns. Ebenso verharmlost es das Leid jener, die in Menschenzoos ausgestellt wurden, zu behaupten, das sei eigentlich eine gute Sache gewesen - ganz abgesehen davon, dass man in diesen Zoos überhaupt nichts von anderen Kulturen gelernt hat, aber dazu komme ich noch.

Bekanntlich beginnt die Kolonialzeit mit der Neuzeit, also Ende des 15. Jahrhunderts mit den Amerika-Reisen von Christoph Kolumbus. Dadurch begann die Bildung europäischer Kolonialreiche in Übersee - zuerst durch die Spanier und Portugiesen, ehe auch die Niederlande, Großbritannien und Frankreich damit begann. Das Ende dieser Zeit wird zwischen den ersten Souveränitätserklärungen nach der Französischen Revolution im 18. Jahrhundert und dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und der Gründung der UNO als Konzept gleichwertiger Nationen datiert. Wie jeder weiß, ist Kolonisation keine rein neuzeitliche Erfindung - auch das antike Griechenland hatte Kolonien. Allerdings unterscheidet sich der neuzeitliche Kolonialismus von dem antiken dadurch, dass dieser eine weitaus stärkere ideologische Komponente beinhaltet - ebenso verhält es sich auch bei dem Begriff der Sklaverei, die es ja in der Antike auch schon gab. Und diese Ideologie ist zu einem sehr großen Teil rassistisch motiviert - so sehr, dass man sogar versuchte, die Grausamkeiten gegen die Einwohner der eroberten Gebiete wissenschaftlich zu begründen. So war man gut drei Jahrhunderte lang nahezu versessen davon, Menschen zu fotografieren, zu vermessen und ihre Wertigkeit anhand körperlicher Merkmale zu bestimmen, ein Vorgehen, das zur damaligen Zeit als hoch modern, extrem fortschrittlich und absolut wissenschaftlich angesehen wurde. Nicht vergessen darf man dabei, dass auch das Christentum - etwa in seiner Verteufelung der Juden und Heiden - als auch die Industrialisierung bei diesen Mechanismen eine wesentliche Rolle spielten. Um Kritik gegen die spanischen Eroberungen in Süd- und Mittelamerika abzuschmettern, die sich auf das neutestamentliche Gewaltverbot berief, bediente man sich der mittelalterlichen Lehre vom "gerechten Krieg" gegen Nicht-Christen, und entwickelte sie weiter. Im Zuge dessen wurde die Zugehörigkeit zur Gesellschaft vermehrt nicht mehr lediglich vom Empfang der Taufe abhängig gemacht, sondern immer mehr auch von der "Reinheit des Blutes" oder auch der "Reinheit der Rasse". So begann sich der Rassebegriff etwa vom 15. bis zum 18. Jahrhundert zu entwickeln, bis sich im Zuge der Industriellen Revolution die Vorstellung einer unversöhnlichen "Andersartigkeit" und daran gekoppelten Unterlegenheit nicht-weißer Völker festigte, aus der der Glaube einer ewigen Vormundschaftspflicht gegenüber diesen entsprang. So wurde suggeriert, dass eine höherstehende (weiße) "Rasse" für den rückständigen Teil der Menschheit verantwortlich sei - da dieser jedoch häufig "aufsässig" sei, müsse man mit aller zur Verfügung stehenden Härte gegen sie vorgehen, um sie nicht dazu ermutigen, sich zu wehren. (Ähnlich wie man damals glaubte, man müsse dafür Sorge tragen, dass es Fabrikarbeitern möglichst dreckig geht, damit sie nicht "faul" werden, aber das ist eine andere Geschichte, siehe Bill Bryson: Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge.)  Um den inneren Frieden zu wahren, setzte man auf "Erziehung zur Arbeit" - allerdings nicht, um die zu Erziehenden zur Selbstständigkeit zu qualifizieren, sondern um die kolonisierten Länder und ihre Bewohner möglichst gewinnbringend ausbeuten zu können. Da dies natürlich nicht immer so funktionierte, wie die weißen Herren sich das vorstellten, waren die Kolonisierten beliebigen Formen willkürlicher Grausamkeit oft schutzlos ausgeliefert. Das Land, in dem mein Partner geboren wurde und das heute den Namen Demokratische Republik Kongo trägt, wurde 1885 von König Leopold II. von Belgien als "Privatbesitz" eingenommen, einschließlich seiner Bevölkerung, die völlig rechtlos war. Im Zuge dessen wurden die Kautschuk-Vorkommen des Landes durch Sklaverei und Zwangsarbeit ausgebeutet, wobei es massenhaft zu Geiselnahmen, Verstümmelungen, Tötungen und Vergewaltigungen kam. Als diese Gräueltaten schließlich bekannt wurden, musste Leopold II. im Jahr 1908 den Kongo an den belgischen Staat abtreten. Zu diesem Zeitpunkt hatten die "Kongogräuel" die Bevölkerung des Landes bereits um etwa die Hälfte reduziert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Aufstand der Herero und Nama gegen die deutschen Kolonialherren im heutigen Namibia blutig niedergeschlagen Die Leichen wurden enthauptet und die Schädel ausgekocht, und hinterher zwang man die Herero- und Nama-Frauen, die Haut und das Fleisch vom Knochen zu entfernen, um die blanken Schädel anzuschließend zu "Forschungszwecken" nach Europa mitzunehmen. Überdies war der Handel mit afrikanischen Schädeln eine Zeitlang durchaus ein florierendes Geschäft, für das Menschen getötet und Leichen exhumiert wurden. Ja, auch die Wissenschaft stellte sich nicht immer in den Dienst der Menschheit - damals diente sie der Eroberung der Welt bzw. dem Kolonialismus. Sie diente dazu, die Andersartigkeit und damit auch die Minderwertigkeit derer zu "beweisen", die man tötete und versklavte, und gleichzeitig die Überlegenheit der eigenen Kultur herauszustellen. In Wirklichkeit hat die Vermessung afrikanischer Schädel jedoch absolut nichts dazu beigetragen, die Frage zu klären, wer wir Menschen eigentlich sind.

Ein Aspekt dieser damals so bezeichneten "Wissenschaft" war es auch, Menschen aus fernen Ländern nach Europa zu verschleppen und neben exotischen Tieren zur Schau zu stellen. Schon Christoph Kolumbus brachte von seiner ersten Entdeckungsreise sieben Menschen aus dem Volk der Arawak nach Spanien, und im Laufe der Erschließung unbekannter Erdteile wurden immer wieder deren Bewohner in europäische Länder verschleppt und dort zur Schau gestellt - dieses Vergnügen wurde allerdings anfangs nur einem erlesenen Publikum zuteil, etwa Adeligen oder reichen Kaufleuten. Aufsehen erregte um 1810 der Fall einer jungen Frau namens Sarah "Saartje" Baartman aus dem Volk der Khoikhoi, die aus Südafrika nach Europa gebracht und ausgestellt wurde; sie erreichte als "Hottentotten-Venus" vor allem in Großbritannien und Frankreich Berühmtheit. Die Faszination lag vor allem in ihrer als exotisch und erotisch scheinenden Körperform, die auch Gegenstand zahlreicher Karikaturen war. Schließlich wurde sie Gegenstand des Interesses von Ärzten, Anatomen und Naturwissenschaftlern, ehe sie 1815, angeblich an einer Lungenentzündung, starb. Von ihrem Körper wurde ein Gipsabdruck angefertigt, ihr Skelett, Gehirn und Geschlechtsteil wurden konserviert, Gipsabdruck und Skelett im Musée national d'histoire naturelle in Paris ausgestellt. Ihre sterblichen Überreste wurden erst 2002 an Südafrika zurückgegeben und dort beigesetzt. Ein bekannter Fall bei uns in Österreich wiederum war der im heutigen Nigeria geborene Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert Kammerdiener des Erbprinzen Alois I. von Liechtenstein war. in die Freimaurerloge aufgenommen wurde und es in Wien zu einiger Berühmtheit brachte. Nach seinem Tod wurde sein Leichnam präpariert und bis 1806 als halbnackter Wilder mit Federn und Muschelkette im Kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt. Der deutsche Schriftsteller, Historiker und Journalist Philipp Blom vermutet, dass der Kaiser selbst dies veranlasst hätte, der die aufgeklärte Gesellschaft Wiens immer verachtet habe und sie auf diese Weise demütigen wollte. Solimans Tochter bemühte sich vergeblich um die Herausgabe und christliche Bestattung der sterblichen Überreste ihres Vaters; die mumifizierte Körperhülle fiel 1848 der Oktoberrevolution zum Opfer, bei der sie verbrannte, über den Verbleib der restlichen Körperteile ist bis heute nichts bekannt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte der deutsche Zoodirektor Carl Hagenbeck die Völkerschauen zu einem Massenphänomen. Um 1866 begann der Sohn eines Fischhändlers, exotische Tiere vor allem aus Afrika nach Europa zu importieren und dort zu verkaufen, ehe er entdeckte, dass mit der Vorführung von Menschen weitaus mehr Geld zu machen war. So gehörten schon bald Lappländer samt Rentierherde, später auch Nubier aus dem Sudan sowie Inuit, damals noch "Eskimos" genannt, zu seinem Unterhaltungsprogramm im Berliner Zoo. Schon bald waren Völkerschauen in ganz Europa, aber auch in Nordamerika eine beliebte Attraktion für Jung und Alt. Menschen jeden Alters wurden aus den entlegensten Gebieten der Erde geholt und in Zoologischen Gärten, Panoptiken, auf Jahrmärkten und Volksfesten sowie Kolonial- und Weltausstellungen vorgeführt. Es ging jedoch nicht darum, den Publikum ein authentisches Bild des Lebens anderer Völker zu vermitteln; vielmehr dienten sie dazu, das Stereotyp der "unterentwickelten Rassen" zu festigen, Klischees, die das Publikum glauben sollte und zum allergrößten Teil auch wollte - und die bis in die heutige Zeit nachwirken. So wurden etwa die australischen Aborigines als Kannibalen dargestellt, was gar nicht der Wahrheit entsprach, während Afrikaner als Wesen zwischen Mensch und Affe vorgestellt wurden, was natürlich ebenso wenig mit der Realität zu tun hatte. Beliebt war auch die Zurschaustellung nackter Frauenbrüste, was die "Triebhaftigkeit" und "Primitivität" afrikanischer, südamerikanischer und südpazifischer Völker beweisen sollte - in Wirklichkeit bewies es aber nur die Doppelmoral der damaligen Gesellschaft, in der anständige Damen sich in Unmengen an Kleidung zu hüllen und in enge Korsetts zu zwängen hatten, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden, während ihre Männer ungeniert die entblößten Brüste "exotischer" Frauen begafften. Viele der ausgestellten Menschen starben an den Strapazen der Reisen, zu denen sie gezwungen wurden, andere brachten unbekannte Krankheiten mit in ihre Heimatländer. Erst in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg kamen solche Völkerschauen allmählich aus der Mode - die Popularität der amerikanisch-französischen Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Josephine Baker, die die Klischees der "exotischen Wilden" mit ihren Grimassen und ihrem Bananenröckchen ad absurdum führte, läutete eine neue Zeit ein. Für nähere Informationen zu Völkerschauen empfehle ich übrigens die Arte-Dokumentation.

Obwohl sich seither sehr viel verändert hat, wird uns bis heute immer wieder bewusst, wie tief sich die Vorstellung anderer Völker als "zurückgeblieben" und "ursprünglich" in unseren Köpfen verankert hat. So tief, dass selbst Autoren, die sich gegen Diskriminierung eingesetzt haben, nicht frei davon waren - denken wir nur an Pippi Langstrumpf, wo weiße Haut nahezu als "königlich" wahrgenommen wird (wobei Pippi auf die Haltung der Schwarzen Kinder, die sich vor ihr in den Sand werfen, reagiert, indem sie diese Geste erwidert, wodurch sie sie der Lächerlich preisgibt), oder an Jim Knopf, das trotz eindeutig anti-rassistischer Botschaft nicht frei von Stereotypen ist. Was natürlich kein Grund ist, diese Bücher aus den Kinderzimmern zu verbannen - aber ein Anlass, sich mit den Klischees, die sie unbeabsichtigt transportieren, auseinanderzusetzen, um sie endlich hinter sich lassen zu können. Genauso, wie man sich mit den großen Geistern der Aufklärung kritisch auseinandersetzen sollte, anstatt ihre Bücher gänzlich aus den Lehrplänen der Schulen und Universitäten zu verbannen - denn kritisches Denken bedeutet auch, dem schlechten Gedanken einen guten entgegensetzen zu können. Und Aufklärung ist in Wirklichkeit kein Prozess, der in ferner Vergangenheit abgeschlossen wurde - er setzt sich immer noch fort, auch heute.

Natürlich kann man sich jetzt darauf herausreden, dass "Neger" oder "Zigeuner" nur Worte sind. Allerdings darf man nicht vergessen, dass jedes Wort seine Bedeutung, seine Zusammenhänge und seine Geschichte hat, weshalb es nicht einfach so von seiner Wirkung abgekoppelt werden kann, die es auf diejenigen hat, die sie benutzen oder betreffen - und auch nicht von der Haltung, die der Sprecher damit transportiert. Es kann mir doch niemand erzählen, dass es ihm bzw. ihr völlig gleichgültig ist, wenn er/sie als Arschloch, Hurensohn oder Schlampe bezeichnet wird. Warum ist es also so schwer, von Worten abzusehen, die für andere erniedrigend und verletzend sind, wenn man doch weder das eine oder das andere will? Und nein - dass Leute das N-Wort früher benutzt haben, weil sie es nicht besser wussten, ist keine Ausrede. Dass dieses Wort als rassistisch wahrgenommen wird, ist keine ganz neue Erfindung irgendwelcher politisch überkorrekter Gutmenschen, das war von Anfang an so, weil es immer schon eine Fremdbezeichnung gegenüber Sklaven war. Das bedeutet, ursprünglich bezeichnete nigger bzw. Neger Menschen, die millionenfach aus ihrer Heimat verschleppt, ausgebeutet, unterdrückt und häufig auch willkürlich getötet wurden. Und da spielt es auch keine Rolle, dass es dem lateinischen Wort für dunkel bzw. schwarz entlehnt ist - das Wort "Idiot" leitet sich übrigens vom altgriechischen idiotes (ἰδιώτης) ab, was auf Deutsch mit "Privatperson" übersetzt werden kann. Trotzdem würde wohl niemand auf die Idee kommen, zu glauben, dass dieses Wort besonders schmeichelhaft wäre. Sprache ist nun mal nichts Statisches, ansonsten würden wir noch genauso sprechen wie im Mittelalter. Und dass die Umbenennung von Fertigsaucen, Knabberzeug und Süßigkeiten nach wie vor so eine extreme Empörung hervorruft und Leute diskriminierende Sprache als "schöne Kindheitserinnerung" rechtfertigen, zeigt eben, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben, was den Kampf gegen Diskriminierung angeht.

Wie ich in einem früheren Artikel schon angemerkt habe: Es ist nicht schlimm, wenn du dich in der Vergangenheit unabsichtlich diskriminierender Sprache bedient hast. Wenn du allerdings auf dieser Sprache beharrst, dann ist das schlimm. Und da brauchst du dich auch gar nicht diskriminiert fühlen - niemand unterstellt dir, dass du es in deiner persönlichen Vergangenheit immer leicht gehabt hättest und dass du nie Opfer von Diskriminierung warst. Es geht halt in dieser Debatte nicht um dich - und ja, auch mir haben die Zehn kleinen Negerlein als Kind nicht geschadet, aber ich spreche halt nun mal aus der Perspektive eines weißen Kindes, also einer Person, die nicht betroffen ist. Trotzdem wusste ich schon, bevor ich meinen Partner getroffen habe, aus eigener Erfahrung, was Diskriminierung ist - ob es nun um das Geschlecht geht, um das Aussehen, über- oder unterdurchschnittliche Intelligenz, körperliche Defizite: Leute finden schnell einen Grund, andere zu beleidigen oder auszugrenzen. Das Absurdeste, was ich einmal erlebte, war, dass ich, als ich etwa fünf Jahre alt war, einmal nicht mitspielen durfte, weil ich nicht blond war. Das ist natürlich nicht mit Rassismus vergleichbar, war aber eine frühe Erfahrung mit Ausgrenzung aufgrund einer unbedeutenden Gegebenheit, für die ich nichts konnte. Ich habe aber nie erlebt, dass ich allein aufgrund meiner Haarfarbe Schwierigkeiten hatte, eine Wohnung oder einen gut bezahlten Job zu finden - als ich allerdings mit meinem Partner auf Wohnungssuche war, musste ich feststellen, dass es selbst im 21. Jahrhundert kaum möglich ist, eine Wohnung in halbwegs zumutbarem Zustand zu finden, wenn man die falsche Hautfarbe hat. Deswegen frage ich - wenn du schon weißt, was Diskriminierung bedeutet, warum machst du es dann selbst nicht besser?

Um das Thema fürs erste abzuschließen, möchte ich noch einmal festhalten: Die Gattung homo sapiens bildet eine bestimmte Art von Lebewesen, die untereinander fortpflanzungsfähig sind und deren Nachkommen - im Gegensatz etwa zu Hybriden aus Pferd und Esel, den Maultieren bzw. Mauleseln - ebenfalls fortpflanzungsfähig ist. Deswegen ist das Beispiel der im Pferdestall geborenen Ratte auch kein vernünftiges Argument, sondern offener Rassismus - und Rassismus ist kein biologisch oder wissenschaftlich begründbarer Sachverhalt, sondern reine Ideologie. Unterschiedliche Hautfarben sind nicht das Merkmal einer "Rasse", sondern eine Mutation, die aufgrund der Umweltbedingungen entstand, denen ihr Träger ausgesetzt war - und als solche nicht bedeutsamer als der Umstand, dass manche von uns Milch vertragen und andere nicht. Wir sehen doch, dass jeder von uns, selbst ein eineiiger Zwilling, sich durch bestimmte Eigenschaften von allen anderen Menschen dieser Welt unterscheidet - warum also wollen viele von uns immer noch glauben, dass Äußerlichkeiten etwas damit zu tun haben, was sich dahinter verbirgt? "Rassen" oder auch Nationen sind willkürliche, von Menschen vorgenommene Festlegungen. Innerhalb welcher Grenzen man geboren wird, ist genauso wenig ein Verdienst wie die Hautfarbe, mit der man zur Welt kommt - keiner von uns hat etwas dafür getan, dass er Österreicher, Deutscher, Belgier, Türke, Amerikaner, Senegalese oder Laote ist, und doch bestimmt es unser ganzes Leben. Wenn genügend Weiße behaupten, sie seien eine andere und obendrein höherwertige "Rasse" als die Schwarzen, Asiaten, Juden oder was auch immer, ist das eine willkürliche, an Machtinteressen gekoppelte Festlegung, die sich nicht auf empirische Daten stützt, sondern auf Meinungen, Weltbilder und/oder eine religiöse Haltung. Rassismus bedeutet, dies nicht zu erkennen bzw. erkennen zu wollen, sondern auf dieser Festlegung zu beharren und gleichzeitig andere abzuwerten, weil sie nicht so sind wie man selbst. Rassismus bedeutet, anderen jene Menschlichkeit abzusprechen, die man für sich selbst in Anspruch nimmt. Rassismus bedeutet, wahllos Gründe zu suchen, um andere abzuwerten, zu verfolgen oder gar zu töten - Gründe, die nicht überprüft werden können. Und was ich persönlich am meisten verachte, sind Rassisten, die sich als besonders "empathisch" verkaufen wollen - etwa jene, die gegen andere Hautfarben und Nationalitäten hetzen, während sie ständig darüber jammern, wie sehr die armen Tiere doch gequält werden, vor allem von diesen bösen Schwarzen und Muslimen, die in ihren beschränkten Hirnen natürlich eine völlig homogene Masse darstellen. Oder die, die für ungeborenes Leben auf die Straße gehen, während Flüchtlingskinder ruhig verrecken dürfen. Und ganz besonders die, die darauf hinweisen, dass nur den hungernden Kindern geholfen werden darf, die in weit entfernten Ländern wohnen, wo sie uns mit ihrer erbärmlichen Erscheinung nicht belästigen.

Vor allem aber sollten wir aufhören, anderen vorzuschreiben, wann sie sich beleidigt zu fühlen haben. Ja, ich weiß, dass der eine oder andere Betroffene gerne mal übers Ziel hinausschießt - aber das bedeutet nicht, dass Nicht-Betroffene die Diskussion darüber bestimmen dürfen, was für Betroffene verletzend ist und was nicht. Es ist nun mal so, dass man die Herkunft einer Person nicht mehr rein am Aussehen festmachen kann - im Prinzip war das ja auch nie so wirklich der Fall, oder warum sonst mussten die Juden zur NS-Zeit die eingangs erwähnten gelben Aufnäher in Form eines Davidsstrerns tragen, damit ihre "Andersartigkeit" überhaupt sichtbar wurde? Hören wir also bitte auf, so zu tun, als hätten wir ein Anrecht auf alles, nur weil wir weiße Europäer sind - und hören wir auf, zuallererst auf die Verfehlungen anderer zu schauen, anstatt vor unserer eigenen Tür zu kehren. Denn letztendlich haben wir nur ein Leben, und das ist irgendwann zu Ende - und hinterher fragt uns garantiert niemand mehr nach Hautfarbe oder ethnischer Herkunft.

vousvoyez

Montag, 3. August 2020

Wenn ich euren feministischen Club genehmigen würde, müsste ich auch einen chauvinistischen Männerclub erlauben

Diese Weisheit ist in abgewandelter Form in Michael Moores Buch Stupid White Men zu finden, das ich kurz nach dem 11. September 2001 unbedingt lesen musste - so wie viele, die trotz des tiefen Mitgefühls mit den Opfern des Attentats keine Sympathie mit der Regierung George W. Bushs empfanden. Gleichzeitig wird hier eine Argumentation reproduziert, die wir sehr häufig von Repräsentanten des rechten Rands zu hören bekommen, nämlich das, was vielerorts als "Whataboutism" bezeichnet wird - nämlich das Ablenken von unliebsamer Kritik durch manipulative Argumentationsmuster. Und leider muss ich sagen, dass dieses Muster nicht nur auf rechter Seite vertreten ist - deshalb möchte ich heute auf eine Entwicklung im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung sprechen, über die ich, unabhängig von der Bewegung selbst, nicht so begeistert bin. Auch auf die Gefahr hin, dass der eine oder andere von euch mich jetzt doch für eine ganz böse Rassistin hält, aber ich bitte euch einmal mehr, erst zu Ende zu lesen, ehe ihr mich mit euren übrig gebliebenen Ostereiern bewerft - ich möchte es wenigstens gründlich verdient haben. Und zwar geht es um das, was gemeinhin als Cancel Culture bezeichnet wird.

Nun, was ist das überhaupt? Der Begriff Cancel Culture fand seinen Weg zu uns aus dem angelsächsischen Raum und bezeichnet den systematischen Boykott von Personen und Organisationen, denen diskriminierende Aussagen und/oder Handlungen vorgeworfen werden. Verbreitung fand die Cancel Culture bereits im Zuge der #metoo-Bewegung, aktuell aber wird sie, wie schon gesagt, auch bezüglich der BLM-Bewegung angewandt. Manchmal werden dabei ganze Karrieren geschädigt oder gar zerstört. Was ich aktuell beobachte, ist, dass diese Entwicklung darauf hinauszulaufen scheint, nahezu jeden, ob tot oder lebendig, der sich in der Vergangenheit nicht immer absolut perfekt nach heutigen anti-rassistischen Kriterien geäußert oder verhalten hat, anzuklagen und zu fordern, dass jegliche Erzeugnisse dieser Person auf den Scheiterhaufen des Vergessens geworfen werden sollen. Und das, meine Lieben, funktioniert so einfach nicht.  Unser kulturelles und soziales Verständnis ist immer im Wandel begriffen, und man kann nicht einfach alle schriftlichen, filmischen oder künstlerischen Erzeugnisse nach heutigen Standards bewerten und dann fordern, dass der Rest der Welt so tun soll, als hätte es sie nie gegeben. Überdies werden wir es nie erleben, dass die Meinungen innerhalb einer Gruppierung immer vollkommen übereinstimmen. Aber gerade das wird aktuell von vielen Anhängern der anti-rassistischen Bewegung gefordert.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich halte es für absolut notwendig, sich mit großen Philosophen wie Diderot, Fichte, Hegel, Heidegger, Kant, Lichtenberg, Rousseau, Voltaire etc. auch in Bezug auf ihre rassistische Denkweise kritisch auseinanderzusetzen. Aber ich halte es für falsch, ihre Inhalte ersatzlos aus allen Lehrplänen zu streichen. Ja, auch ich bin ein wenig erschrocken darüber, dass man die rassistischen Aspekte eines Kant, dessen Abhandlungen bezüglich der "Rassenfrage" so völlig im Gegensatz zu seiner Ideologie des Weltbürgertums stehen, über so lange Zeit hinweg so lässig unter den Teppich gekehrt zu haben scheint. Und dass auch ich als Schülerin und Studentin in dem Glauben lebte, der Humanismus habe unterschiedslos alle Menschen erfasst, obwohl seine Träger ihn offensichtlich nur auf Weiße bezogen. Aber gerade deswegen halte ich es für falsch, ihre Inhalte nicht mehr zur Verfügung zu stellen - denn gerade sie zeigen, wie tief rassistische Denkmuster bis heute in unserer Gesellschaft verankert sind. Und nicht nur das, sie zeigen auch, wie das überhaupt möglich sein konnte: Denn der aus heutige Sicht nicht mehr zu rechtfertigende Rassismus wurde zur damaligen Zeit tatsächlich auch durch die Wissenschaft, die noch ganz am Beginn ihrer Entwicklung stand und somit mit der heutigen nicht zu vergleichen ist, gerechtfertigt, und viele nutzten dies, um das kritische Denken zu beruhigen, anstatt offen Stellung zu beziehen. Doch auch wenn Kants rassistische Thesen durch nichts zu rechtfertigen sind, darf man doch nicht außer Acht lassen, dass er die Widersprüche, die er dadurch aufwarf, in späteren Jahren offensichtlich selbst erkannte und zugab, dass diese eine reine Reproduktion dessen waren, was er von anderen erfahren hatte. Dies ist deswegen so sehr notwendig, weil wir diesen Diskurs eben nicht jenen überlassen dürfen, die ansonsten Kant und Co. als Rechtfertigung ihres Rassismus nutzen könnten - sprich, es ist Zeit für einen neuen Humanismus, der die Ideen des alten zwar nicht gänzlich ausklammert, diese aber kritisch betrachtet und sich darüber klar wird, wie tief Rassismus im kollektiven Denken tatsächlich verankert ist.

Im Zuge dessen möchte ich auch noch über einen Film sprechen, der sich vielleicht als erster mit strukturellem Rassismus auseinandersetzt, der aber gleichzeitig ebenfalls rassistisch sein soll. Ich spreche natürlich über Otto - Der Film von Xaver Schwarzenberger und Otto Waalkes aus dem Jahr 1985, über dessen Verbot in den Kinos gerade diskutiert wird. Otto selbst hat seine künstlerische Arbeit in seiner Autobiographie stets unterschiedslos als oberflächliche Blödeleien betrachtet, wahrscheinlich deshalb, weil es ihm stets widerstrebte, über Politik zu diskutieren, und auch allgemein scheint die Meinung vorzuherrschen, dass es sich hierbei um nichts als platten Klamauk handle - aber ich finde, dass gerade dieser Film sehr viele Nuancen enthält, die es lohnen, genauer hinzusehen. So darf man nicht vergessen, dass Schwarzenberger zuvor mit Rainer Werner Fassbinder zusammengearbeitet hat und dass es gerade die Tatsache war, dass die gedeckten Bilder seiner Kamera sich vom allgemein eher poppigen Stil der 1980er abhoben, die ihn für Otto als Co-Regisseur attraktiv machten. Darüber hinaus darf man auch nicht außer Acht lassen, wer neben Otto das Drehbuch verfasst hat - nämlich Bernd Eilert, Robert Gernhardt und Peter Knorr, drei Satiriker der Neuen Frankfurter Schule, deren Name sich natürlich auf die philosophische Frankfurter Schule unter Horkheimer und Adorno bezieht. Ich möchte hierbei auf den von mir sehr verehrten Regisseur, Autor und Aktionskünstler Christoph Schlingensief verweisen, der im Jahr 2000 mit seinem Container-Projekt Ausländer raus! eine Diskussion über Fremdenfeindlichkeit provozierte. Das Ding hierbei ist: Letztendlich verstand man, dass dies kein fremdenfeindliches Statement war, sondern das Gegenteil. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der erste Otto-Film Anstoß für eine ähnliche Diskussion hätte sein können - leider hat man dies über all die Jahre, nämlich fast mein ganzes Leben lang, verabsäumt, und viele verstehen es ganz offensichtlich bis heute nicht richtig. Oder erkennt man es auch nur deshalb nicht an, weil man dem Film bestenfalls einen oberflächlichen Blödel-Humor zuerkennt? Aber schauen wir uns den Sachverhalt erst mal genauer an.

Der Film handelt von Otto, einem unschuldigen "Jungen vom Land", den es in die große Stadt - in diesem Fall Hamburg - zieht, nachdem ihm das Leben auf seinem ostfriesischen Heimathof zu eng geworden ist. Als naives Landei versucht er sich anzupassen, indem er herrschende Diskurse reproduziert, und zwar auf so übertriebene Art und Weise, dass er dem aufmerksamen Zuschauer einen Spiegel vorhält. Er unterschreibt den Vertrag eines geldgierigen Kredithais, ohne das Kleingedruckte zu lesen ("Das ist schlecht für die Augen"), der ihn in horrende Schulden stürzt - den ganzen Film hindurch steht ihm die Lösung dieses Problems immer wieder vor Augen, aber sobald er zu handeln gedenkt, tauchen sofort Engelchen und Teufelchen auf, die ihn davor bewahren, etwas Unrechtes zu tun. Mit dem Kredit, den er bekommt, versucht er, im Sinne der damaligen Yuppie-Ideologie sein eigenes Unternehmen aufzubauen, und rettet dabei einer Tochter aus reichem Hause mehr zufällig das Leben. Er verliebt sich in sie, doch obwohl sie seine Gefühle erwidert, ist sie mit dem vermeintlichen Brasilianer Ernesto verlobt, der sich am Ende des Films als Hochstapler herausstellt, und überdies ist der nicht eben attraktive arme Schlucker ihrer Mutter, der Konsulin von Kohlen und Raibach, eher ein Dorn im Auge. Doch wie es in Komödien so üblich ist, geht die Geschichte gut aus, und am Schluss küssen sich Otto und Silvia alias Jessika Cardinahl am Strand einer einsamen Insel.

Was aber soll an dem Film rassistisch sein? Nun, in der Kritik steht eine Szene: Otto wurde gerade von der Konsulin von Kohlen und Raibach (die Namensähnlichkeit mit der Adelsfamilie Bohlen und Halbach ist natürlich beabsichtigt) eingeladen, damit sie sich dafür revanchieren kann, dass er ihrer Tochter das Leben gerettet hat. Da er dafür jedoch keine passende Garderobe hat, spricht er auf der Straße einen schwarzen GI, verkörpert von Fassbinder-Schauspieler Günther Kaufmann, an und ergaunert sich Geld von einer alten Dame, indem er den Schwarzen als den "Sklaven Bimbo" an sie verkauft. Wichtig ist hierbei: Die Szene wird mehrere Male satirisch gebrochen, so dass eigentlich klar sein dürfte, dass sich der andere des Spiels sehr wohl bewusst ist. Darüber hinaus ist nicht der Schwarze Gegenstand des Spottes, sondern die alte Dame, die sich sofort auf den Handel einlässt. Ich erinnere mich noch daran, als ich den Film das erste Mal sah, obwohl ich damals noch ein Kind war: Für mich war Sklaverei ein Relikt aus einer fernen Vergangenheit, so dass ich mich die ganze Zeit über nur fragte, warum diese Frau so dumm ist und das nicht weiß. Erst später lernte ich die Mechanismen der Herrenmenschen-Ideologie kennen, die erklären, warum die Dame so offensichtlich kein Problem damit hatte, anzunehmen, dass es rechtens sei, sich einen Sklaven zu halten. Hier kann man übrigens den rechtsphilosophischen Diskurs wieder aufgreifen, den Gustav Radbruch nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hat und in dem er zwischen positivem Recht - also dem Recht, das vom Staat ausgeht - und dem Naturrecht, also den allgemeinen Menschenrechten, unterscheidet. Das N-Wort, mit dem Otto den Schwarzen so trottelig-naiv anspricht, galt übrigens zwar damals schon als rassistisch, aber man war noch nicht so sensibilisiert wie heute, und mancherorts benutzte man es noch, ohne sich was dabei zu denken. Im Gegensatz zu heute, wo sich Leute darüber aufregen, dass sie sich nicht mehr rassistisch äußern dürfen, obwohl "man das doch immer schon so gemacht hat" - und dabei verkennen, dass sich Sprache als Teil einer Kultur stets im Wandel befindet. Im übrigen ist der Film, wenn man nur genau hinsieht, voll von Verweisen auf die dunkle Vergangenheit Deutschlands: Die Villa der Konsulin von Kohlen und Raibach erinnert an ein koloniales Herrschaftshaus aus dem 19. Jahrhundert, der Hochstapler Ernesto zeigt sich auf Dias in einer Herrschaftspose mit einem erlegten Jaguar und einem Diener, und in einer Szene, in der Michael Jacksons damals sehr populäres Musikvideo Thriller parodiert wird, steigen mehrere Heino-Figuren als Zombies aus den Gräbern, tragen Gitarren über der Schulter, die bei näherem Hinsehen ein Hakenkreuz-Muster offenbaren, und singen den in der NS-Zeit so beliebten Schlager Schwarzbraun ist die Haselnuss. Gleichzeitig reproduziert Otto - nicht nur in der Szene mit Kaufmann - immer wieder unbeabsichtigt rassistische Muster, beispielsweise in einer Szene, in der er einen Bauarbeiter in einer Phantasiesprache anspricht, der dies mit dem gemurmelten Nachsatz "Immer diese Ausländer" quittiert. In einer Szene - die die Kritiker übrigens verwirrt, schau an! - wird das sogar zur Sprache gebracht: Otto verirrt sich in ein Biker-Lokal und soll zur Initiation den Witz "Wie pinkelt ein Eskimo?" beantworten. Als er dies nicht kann, hält der Fragende eine Handvoll Eiswürfel vor seinen Schritt und lässt sie einzeln zu Boden fallen. Otto beginnt zu lachen, woraufhin der Wirt ihn darauf hinweist, der Witz sei "uralt und außerdem rassistisch".

Die Auflösung des Films ist denkbar einfach: Liebe und Humor sind die Antwort auf alles. Der geldgierige Vertreter der Firma Shark vergisst Ottos Schulden, als dieser ihm in dem Glauben, er spreche mit Silvia, seine Liebe gesteht. Er steigt in das Flugzeug, mit dem die Familie Kohlen und Raibach nach Rio de Janeiro fliegen will und in dem sich außer ihnen auch eine Karnevalsgesellschaft sowie zwei Bankräuber befinden, findet sich auf einmal versehentlich als Pilot wieder, hält einen Flugzeugträger für Rio, und alle stranden auf einer einsamen Insel, wo die Konsulin in bester Kolonialmanier einmarschieren will, nur um auf eine indigene Gruppe zu stoßen, die sie mit Narrhallamarsch begrüßt, woraufhin die Deutschen sich in die Polonaise einreihen. Fazit: Nicht alles, was Rassismus darstellt, ist auch Rassismus. Der Film zeigt genau das Gegenteil, indem er den Rassismus nicht als den glatzköpfigen, Springerstiefel tragenden und Asylheime anzündenden Neonazi auftreten lässt, nicht als den repressiven, "Ausländer raus" schreienden Politiker, nein; der Rassismus tritt auf in Form einer netten alten Dame, die dem eben erworbenen "Sklaven" als erstes einen Kaffee anbietet, gleichzeitig jedoch ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass sie als Weiße das Recht hat, nach ihrem Gutdünken über einen Nicht-Weißen verfügen zu dürfen. Wer diesen Film für rassistisch hält, der will ihn so sehen und sich nicht wirklich mit dem Inhalt befassen. Womit wir wieder bei der Cancel Culture wären.

Und dies hat nichts mehr mit kritischem Denken zu tun: Wer alles, was nach heutigen Standards rassistisch ist, aus der Welt verbannen will, der will lediglich ein reines Gewissen haben und sich nicht mit der Vergangenheit befassen. Das ist aber notwendig, wenn man rassistische Strukturen unserer Gesellschaft hinterfragen will. Wer denkt, Rassismus aus der Welt schaffen zu können, indem man so tut, als hätte es ihn nie gegeben, handelt nicht anders als jene, die davon sprechen, dass man unsere Nazi-Vergangenheit ruhen lassen soll, indem man sie unter den Teppich kehrt, den Holocaust leugnet und nie wieder darüber spricht. Und das ist genauso falsch, wie alles, was damit zusammenhängt, zu entschuldigen. Weil wir den Rassismus eben immer noch reproduzieren - seit Jahren wird etwa darum gekämpft, dass rassistischen Massenmördern wie Carl Peters oder Adolf Lüderitz keine Denkmäler mehr gesetzt werden, und ja, DAS halte ich tatsächlich für überfällig. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass man einer Schwarzen Person nicht sagen kann "ich sehe keine Hautfarben", weil man damit nicht anerkennt, dass nur man selbst sich so einen Satz leisten kann - aber ich habe immer gedacht, Ziel des Antirassismus sei es, dies auch Nicht-Weißen zu ermöglichen. Warum also scheint es vielen nur darum zu gehen, Schwarze Hautfarbe als Makel, ja als Stigma darzustellen, wo dies doch ohnehin nicht zu begründen ist?

Und ja, auch ich habe Tupoka Ogettes fabelhaftes Buch exit RACISM gelesen und würde es auch jedem ans Herz legen - ich möchte allerdings so manche darum bitten, dieses Buch doch bitte, bitte, bitte nicht lediglich dafür zu missbrauchen, mit Phrasen um sich zu werfen, sobald irgendjemand nicht eurer Meinung ist. Viele lesen Bücher wie dieses und glauben, damit sei die Auseinandersetzung mit ihrem Weißsein und den Privilegien, die damit einhergehen, abgeschlossen - nun, ich hatte das Buch in ungefähr zwei Tagen durch, während rassistische Narrative schon bei Sokrates nachgewiesen sind. Und das Kokettieren mit dem Trauma anderer ist nichts anderes als eine Flucht vor der Auseinandersetzung mit diesem - selbst junge weiße Europäer und Innen, die in einer höchst privilegierten Welt aufgewachsen sind, behaupten von sich selbst, "retraumatisiert" zu sein, wenn sie das N-Wort hören oder lesen, und entziehen sich damit dem Diskurs.

Nun - ich denke, dass Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe Benachteiligung erfahren, nicht gezwungen werden sollten, sich mit rassistischen Narrativen der Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen, und in der Regel steht ihnen das auch frei. Was allerdings uns andere betrifft - wir sollten nicht einen auf woke machen und gleichzeitig alles negieren wollen, was nur irgendwie mit unserer rassistischen Vergangenheit zu tun hat. Dass sich auch Schwarze Gruppierungen der Forderung einer Cancel Culture bedienen, bedeutet übrigens auch nicht, dass ALLE Schwarzen sie befürworten. Wir müssen lernen, mit beiden Augen hinzusehen und uns nicht so zu verhalten wie diejenigen, die alles negieren, was ihnen unangenehm ist. Denn so spielen wir nur jenen in die Hände, von denen wir uns so gerne unterscheiden wollen - denn diese können uns dann am Ende sagen, ihr seid ja genauso. Und lassen wir es bitte nicht so werden wie in den USA, wo ganze Existenzen vernichtet werden können, wenn auch nur der kleinste Verdacht aufkommt, jemand könnte sich rassistisch geäußert haben! Denn diese Gefahr ist in Zeiten von Social Media nicht zu unterschätzen.

vousvoyez

Donnerstag, 4. Juni 2020

Wenn ich in die Kirche gehe, fallen sofort alle Kreuze von den Wänden

Oder sie wollen es zumindest und sind zu fest angeschraubt. Wobei ich momentan das Gefühl habe, es sind mehr als nur die Kreuze, die überall von den Wänden fallen. Um es möglichst pathetisch zu formulieren: Die heilige Kuh Amerika wird gerade auf dem Altar der Niedertracht geopfert. Und leider kann ich diese Ironie nicht einmal richtig genießen. Denn die Lage ist ernst - sehr ernst sogar.

Der 11. September 2001 war für diejenigen, die diese Zeit bewusst miterlebt haben, eine Art Zäsur - zuvor hatte man irgendwie das Gefühl, dass die Vereinigten Staaten unantastbar sind, aber was damals geschah, hat uns eines Besseren belehrt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die USA so eine Art Sehnsuchtsort für viele junge Leute - und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg für die ältere Generation der Inbegriff des Sittenverfalls. Ich finde es etwas lustig, dass es inzwischen umgekehrt zu sein scheint. Die Popkultur hat, wie ich bereits in meinem letzten Artikel erläutert habe, nach wie vor einen großen Einfluss. Und doch ist vieles, womit die Bevölkerung sich identifiziert, nicht so, wie es zu sein scheint - etwa die US Constitution, die amerikanische Verfassung, die von reichen weißen Männern geschrieben wurde und nicht, wie allgemein angenommen, allen amerikanischen Bürgern die gleichen Rechte sichern sollte, sondern lediglich dazu gedacht war, die Vorherrschaft dieser reichen weißen Männer zu sichern. Wer mehr dazu erfahren will, dem empfehle ich ein sehr interessantes Video, schön mit Quellen ausgestattet (und wir wissen ja, wie wichtig Quellen sind, nicht wahr?), die es einem ermöglichen, sich noch weiter mit der Thematik zu befassen.

Natürlich wissen all diejenigen, die sich nicht "Kritiker" schimpfen, schon längst, dass die USA aktuell einen Präsidenten haben, dessen Narzissmus ihm eigentlich jede Qualifikation nimmt, so viel Verantwortung zu tragen. Natürlich werden mir jetzt all diejenigen, die ihn für den tollsten Mann der Welt halten, empört widersprechen. Mein Rat: Lasst es einfach. Ich kenne diesen Mist schon zur Genüge. Aber okay, ich bin nicht hier, um endlos darüber zu lamentieren. Ich bin hier, um über eines der größten Probleme in diesem Land zu sprechen - ein Problem, das auch bei uns existiert und von dem ich weiß, dass so manche es nicht mehr hören wollen, aber ehrlich gesagt ist mir das im Moment ziemlich egal. Solange es existiert, muss darüber geredet werden, ob wir wollen oder nicht.

Ja, wir müssen uns wieder mal über Rassismus unterhalten - und der Grund liegt auf der Hand: Letzte Woche ist ein weiterer Mensch diesem zum Opfer gefallen. Ein weiteres Leben wurde ausgelöscht, weil derjenige, dem es gehörte, die falsche Hautfarbe hatte. Und diesmal hat die ganze Welt es gesehen - und wer versucht, diese Tatsache auch nur irgendwie zu relativieren, der lügt sich in die eigene Tasche. Und es spielt auch überhaupt keine Rolle, ob George Floyd etwas getan haben soll, was zu dieser Festnahme führte - so etwas ist in keinem Fall zu rechtfertigen. Und selbst wenn es die zweite Autopsie nicht gegeben hätte - wer sich minutenlang auf den Hals eines anderen Menschen kniet, nimmt dessen Tod zumindest billigend in Kauf. Offen gestanden bin ich nicht die einzige, die schon längere Zeit damit gerechnet hat, dass die Situation irgendwann einmal eskalieren wird. Schon zu Beginn der Corona-Krise hatte ich Gespräche darüber, dass diese die USA mit Sicherheit besonders hart treffen wird, nachdem deren ach so toller Präsident seiner Bevölkerung vor nicht allzu langer Zeit die Möglichkeit auf kostenlose medizinische Versorgung genommen hat. Und das hat sich auch ziemlich bald bestätigt. Der Mord an einem weiteren US-Bürger Schwarzer Hautfarbe durch die Hand eines Polizisten war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Aber er zeigt eben auch, dass ein Feiertag für Martin Luther King nicht ausreicht, um den Rassismus gegen die Schwarze US-Bevölkerung aus der Welt zu schaffen.

Bereits die Ankunft von Menschen mit Schwarzer Hautfarbe auf dem amerikanischen Kontinent war ein Akt der Gewalt, denn bekanntlich besteht der größte Teil der heute lebenden Afroamerikaner aus Nachfahren afrikanischer Sklaven, die vom 17. bis zum 19. Jahrhundert dorthin verschleppt wurden, um auf den Plantagen der damaligen europäischen Kolonien zu arbeiten. Das gesetzliche Verbot der Sklaverei, das zuerst in den Nordstaaten der USA und durch den Sezessionskrieg auch in den Südstaaten erfolgte, beseitigte jedoch weder den Rassismus noch die Benachteiligung von Afroamerikanern - die heute so genannten Jim-Crow-Gesetze legitimierten die Racial Segregation, die Rassentrennung, die natürlich nur für Weiße von Vorteil war. Im Zuge der "Großen Migration", der Abwanderung Schwarzer Amerikaner aus den ländlichen Südstaaten in die Industriestädte des Nordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts, formierte sich das Civil Rights Movement, die Bürgerechtsbewegung, die die Gleichberechtigung von Afroamerikanern forderte und durch den Bus-Boykott von Montgomery 1955/56, die Folge der Festnahme von Rosa Parks, einer Schwarzen, die sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz im Bus einem Weißen zu überlassen, internationale Aufmerksamkeit erlangte und so in den fünfziger und sechziger Jahre zu ihrem Höhepunkt kam. Während deren Ziele unter dem Baptistenpfarrer Martin Luther King jr. noch durch gewaltfreien Widerstand und zivilen Ungehorsam durchgesetzt wurden, führte die zunehmende Gewalt gegen Bürgerrechtler ab Mitte der Sechziger und die Ermordung Kings 1968 allmählich zu einer Radikalisierung und zur Erstarkung der Black-Power-Bewegung unter Stokley Carmichael, Malcolm X und der Black Panther Party, die wesentlich gewaltbereiter war. Die Bürgerrechtsbewegung führte zwar zu einem Wachstum der Schwarzen Mittelschicht, verbesserte die Lebensbedingungen der armen Mehrheit jedoch nicht. Daran konnte auch der erste Schwarze US-Präsident Barack Obama nichts ändern. Der Tod von George Floyd war nicht der erste Mord an einem Afroamerikaner durch die Staatsgewalt. Und es war auch nicht das erste Mal, dass die Anklage der Mörder erst nach zahlreichen Protesten und auch dann sehr zögerlich erfolgte. Und ich möchte eines klar stellen: Ich heiße die gewalttätigen Ausschreitungen nicht gut. Ich möchte mich in aller Form von jenen distanzieren, die den Namen George Floyd dazu missbrauchen, auf den Straßen zu randalieren und das Chaos auszunutzen, um zu plündern und zu brandschatzen. Und ich erkenne an, dass Polizisten in einem Land, in dem praktisch jeder mit einer Schusswaffe herumlaufen darf, manchmal härtere Geschütze auffahren müssen - das gilt aber nicht für jene, die auf Journalisten, friedliche Demonstranten oder gar unbeteiligte Passanten schießen. Ebenso erkenne ich auch an, dass es auf der anderen Seite etliche Cops gibt, die sich auf die Seite der Demonstranten gestellt haben und ebenfalls ein Ende der Gewalt gegen Schwarze fordern. Das Ding ist halt, wie schon gesagt, folgendes: Es war klar, dass die Situation irgendwann einmal eskaliert, zumal all die friedlichen Proteste der Vergangenheit gegen Waffengewalt absolut nichts gebracht haben. Zumal dieses Land aktuell einen Präsidenten hat, der die Situation immer nur noch schlimmer macht, der die USA seit seinem Amtseintritt immer mehr spaltet und seine eigene Bevölkerung jetzt sogar mit Waffengewalt bedroht, ein Vorgehen, das schon diktatorische Züge annimmt. Und während Schwarze nach wie vor unter Vorurteilen leiden, die teilweise völlig absurd sind, während viele von ihnen größtenteils wegen Lappalien oder gar unschuldig im Knast landen, während People of Colour sich nach wie vor mit schlechterer Bildung, schlechterer medizinischer Versorgung, schlechteren Jobs und einem niedrigeren Einkommen begnügen müssen, empört man sich hierzulande über brennende Autos und eingeschlagene Fensterscheiben. Und mittlerweile sprechen die üblichen Verdächtigen davon, dass Video sei von "der Antifa" "inszeniert" worden.

Nun hat bei uns Weißen nicht nur in den USA, sondern auch hier in Europa und in anderen Teilen der Welt spätestens seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts formal ein Umdenken stattgefunden - die allermeisten von uns wissen, dass Rassismus nichts Gutes ist, und kaum jemand möchte ein Rassist sein. Dennoch sind rassistische Stereotype nicht überwunden, auch wenn sie viele meiner weißen Mitmenschen gar nicht verstehen oder für übertrieben halten - viel schlimmer finde ich aber jene, die versuchen, das Problem absichtlich klein zu reden. Das sind dann meist die, die behaupten, Rassismus existiere nur, wenn man darüber rede, oder die einem Rassismus vorwerfen, wenn man über Rassismus spricht, denn menschliche Rassen existieren ja nicht. Nun, es stimmt, dass die pseudowissenschaftliche Rassentheorie mit ihrer hierarchischen Zuordnung, der zufolge die weiße Rasse ganz oben und die schwarze ganz unten rangiere und die zahlreiche entsetzliche Grausamkeiten gegen Schwarze Menschen legitimierte, längst überholt ist, da die äußeren phänotypischen Merkmale von nur sehr wenigen Genen verursacht werden und die Hautfarbe ohnehin einem sehr hohen Selektionsdruck unterliegt. Doch dass es innerhalb bestimmter ideologischen Tendenzen immer noch üblich ist, die Wertigkeit eines Menschen an der Hautfarbe zu messen, kann man damit nicht wegerklären. Rassismus zu benennen bedeutet also nicht, Menschen von sich aus verschiedenen "Rassen" zuzuordnen, sondern eine Ideologie zu benennen, die genau dies tut. Natürlich meinen nicht alle Menschen, die versichern, dass für sie nicht die Hautfarbe, sondern der Mensch zähle, es böse - im Gegenteil, sie wollen versichern, dass sie ihr Gegenüber unabhängig von seiner ethnischen Zugehörigkeit respektieren. Das Problem ist allerdings - solche Argumentationen beseitigen Rassismus nicht, sondern sie verhindern die Auseinandersetzung mit diesem. Ähnlich ist es, den Hastag BlackLivesMatter zu okkupieren, der Solidarität mit Opfern von Rassismus ausdrücken soll, und mit AllLivesMatter zu beantworten. Vorgeblich, um zu versichern, dass jeder Mensch unabhängig von seiner Hautfarbe wichtig ist. In Wirklichkeit lenkt man jedoch nur von dem ab, was hier passiert ist. Noch schlimmer, man versucht, diejenigen, die das Problem beim Namen nennen, mundtot zu machen, ob mit Absicht oder nicht. Man kann ja auch nicht auf einer Krebs-Tagung herumlaufen und erklären, dass es auch noch andere Krankheiten gibt. Wenn ein Haus brennt, bespritzt die Feuerwehr doch auch nicht alle Häuser im Viertel, weil alle Häuser zählen. Wer auf diese Weise relativiert, spielt nur den Rassisten in die Hände - denn deren Intention ist es, alle Strukturen, die unterdrücken, für diejenigen unsichtbar zu machen, die davon nicht betroffen sind. Nicht-weiße Menschen können sich aber nicht aussuchen, ob ihre Hautfarbe zählt oder nicht - durch Kategorisierung von außen sind sie viel mehr als wir dazu genötigt, sich mit ihrer ethnischen Herkunft auseinanderzusetzen. Wenn wir Ungerechtigkeiten nicht zulassen wollen, müssen wir sie sichtbar machen.

Und jetzt noch mal was in eigener Sache: Mir wird nicht selten unterstellt, mein Interesse daran, gegen Rassismus zu kämpfen, hänge ausschließlich damit zusammen, dass mein Freund aus Afrika stammt. Nun, ich habe mich schon mit Rassismus auseinandergesetzt, als ich meinen Freund noch gar nicht kannte - ich habe schon als Zehnjährige meine Eltern darauf hingewiesen, dass Schwarze das N-Wort nicht schätzen und man es sich lieber abgewöhnen sollte, wenn man sie mit Respekt behandeln will. Aber ich gebe durchaus zu, dass ich nicht in einer Gesellschaft leben will, die den Mann, den ich liebe, aufgrund seines Äußeren schlechter behandelt als mich und ja, das passiert in manchen Bereichen durchaus. Ich werde öfter als andere mit seinem Aussehen und seiner Herkunft konfrontiert, als wenn er ein weißer Europäer wäre, und das ist nicht immer so angenehm. Weil ich in der einen oder anderen Form immer das Gefühl habe, dass meine Beziehung nicht der "Norm" entspricht, obwohl sie eigentlich gar nicht so anders ist als die anderer Paare.

Rassismus fängt nicht da an, wo ein Mensch aufgrund seiner Hautfarbe von einem anderen Menschen getötet wird. Rassismus fängt im Kleinen an und ist uns häufig gar nicht bewusst - wenn wir der Herkunft eines anderen zu viel Bedeutung beimessen, weil er anders aussieht. Wenn wir einem Menschen mit anderer Hautfarbe vorschreiben wollen, wann er sich beleidigt zu fühlen hat und wann nicht. Wenn wir nicht anerkennen wollen, dass es im Kampf gegen Rassismus nicht um uns geht. Wenn wir glauben, die Sexualisierung von Personen anderer ethnischer Herkunft sei ein Kompliment. Wenn wir an veralteten Strukturen festhalten, weil sie ja früher auch niemanden gestört haben. Wir sind erwachsen genug, um anzuerkennen, dass jeder Fehler macht - es ist nicht schlimm, wenn ihr euch in dem, was ich zuvor aufgezählt habe, wiederfindet, aber es ist schlimm, wenn ihr nichts daraus lernen wollt.

Und es ist wichtig, dass ihr eines begreift: Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung. Was passiert ist, kann man nicht mehr ändern - aber man kann dazu beitragen, dass die Zukunft ein kleines bisschen besser wird. Bon voyage!

vousvoyez