Montag, 11. Mai 2020

Kein Anschluss unter dieser Nummer, keine Nummer unter dieser Nummer und kein gar nichts unter dieser Nummer

Jaja, als mein Partner und ich noch frisch verliebt waren, waren wir herrlich albern und fanden praktisch alles zum Brüllen komisch. So entstanden allerlei lustige Sprüche wie dieser her, von denen allerdings leider nur die wenigsten wirklich weisheitstauglich sind. Allerdings sind wir, wie die meisten frisch Verliebten, unserer Umgebung natürlich auch rund um die Uhr gewaltig auf die Nerven gegangen. Heute sind wir selbstverständlich weitaus vernünftiger - zumindest manchmal.

Wie der eine oder andere mit Sicherheit schon mitbekommen hat, lebe ich seit mittlerweile zwölf Jahren in einer glücklichen Beziehung mit einem Mann, der als Kind angolanischer Eltern in der Demokratischen Republik Kongo geboren ist, seine Kindheit in Angola verbrachte und als Teenager nach Österreich auswanderte. Sprich, er verbrachte mehr Lebenszeit in Österreich als in den Ländern, aus denen er kam. Er ist schon länger österreichischer Staatsbürger, als wir uns kennen, und mittlerweile auch österreichischer als mancher Österreicher - er beherrscht unseren Dialekt, verteidigt "sein" Land gegen alle, die etwas dagegen sagen und ist stundenlang nicht ansprechbar, wenn die Österreicher beim Fußball verloren haben. Allerdings muss ich leider sagen, diese Akzeptanz beruht nicht immer auf Gegenseitigkeit - da sein Aussehen darauf schließen lässt, dass seine Wurzeln woanders sind, wird er nicht immer so wohlwollend aufgenommen, und so geht es vielen, die sich äußerlich vom ethnisch-kaukasischen Menschentypus unterscheiden. Auch, wenn die weiße Hautfarbe lediglich eine Mutation ist und nichts über den Menschen aussagt, die darin steckt. Das soll aber jetzt nicht das Thema sein.

Den Cleveren unter euch Lesern und Innen ist ja mit Sicherheit schon früher aufgefallen, dass ich Österreicherin bin - und das auch schon seit Geburt. Und obwohl meine Wurzeln - wie die der meisten anderen in unseren Breiten - nicht ausschließlich hier liegen, sondern, soweit ich weiß, unter anderem auch in Deutschland, Italien, Slowenien, Kroatien, Tschechien, Ungarn und Frankreich zu finden sind, wird dies wohl immer ein Teil meiner Identität bleiben. Stolz darauf bin ich allerdings nicht - weil der Begriff "Stolz" in diesem Zusammenhang für mich falsch ist, denn dass ich hier geboren und aufgewachsen bin, ist reiner Zufall, und die Leistungen in der Geschichte haben genauso wie die Verfehlungen andere bewerkstelligt. Deshalb fühle ich mich für die Verbrechen meines Landes im Dritten Reich auch nicht schuldig - mir ist allerdings bewusst, dass wir sie deswegen auch nicht einfach unter den Teppich kehren dürfen, auch wenn es so viele zu geben scheint, die dies dringend fordern. Und zwar sowohl in Österreich als auch in Deutschland. Vielleicht schreibe ich noch mal gesondert was dazu. Wir werden sehen.

Nun, wir Österreicher haben ja bekanntlich so ein bisschen einen Minderwertigkeitskomplex, da wir neben unserem "großen Bruder" Deutschland international immer ein wenig untergehen. Da wir mit dem Anschluss an Deutschland nicht so gute Erfahrungen gemacht haben, wollen wir natürlich lieber unsere eigene Identität wahren - und uns am liebsten als Unschuldslamm inszenieren, das von den bösen Deutschen unterjocht wurde, anstatt uns unserer eigenen Verantwortung zu stellen. Wenn man unser Land außerhalb Europas aufgrund der Ähnlichkeit des Namens nicht gerade mit jenem verwechselt, aus dem die Kängurus stammen, werden wir bevorzugt auf The Sound of Music angesprochen, einen Film, den kaum einer von uns je gesehen hat - oder auf die Sissi-Trilogie mit der jungen Romy Schneider in der Hauptrolle, die wahrscheinlich jeder von uns gesehen hat, von der die meisten jedoch fast ebenso genervt sind wie von der Trapp-Familie. Ich persönlich hab diese Filme schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Ganzen gesehen und finde überdies, dass Romy Schneiders Talent in späteren Filmen wie Les choses de la vie (Die Dinge des Lebens) und La Passante du Sans-Souci (Die Spaziergängerin von Sans-Souci) viel besser zur Geltung kommt. Besonders den ersten Film kann ich nur wärmstens empfehlen. Wie ich sehe, wird Romy auch auf Wikipedia als "deutsch-französische Schauspielerin" bezeichnet. Frechheit! Jaja, ich weiß, wahrscheinlich ist damit gemeint, in welchen Sprachen sie arbeitete. Das sollte nur ein Scherz sein, ihr braucht nicht wegzulaufen!

Als österreichisches Kind konsumierte ich nun von klein auf natürlich größtenteils deutsche Medien - seien es nun Bücher, Filme oder Zeitschriften. Und auch anderssprachige Bücher und Filme wurden in Deutschland übersetzt bzw. synchronisiert. Als ich zu lesen begann, bemerkte ich, dass sogar österreichische Autoren wie etwa Thomas Brezina im Nachbarland lektoriert werden, so dass in seinen Büchern Kinder und Jugendliche aus Wien auf einmal wie Berliner sprachen. Demgegenüber empfand ich etwa Christine Nöstlinger, deren Wienerisch sich auch in ihrem literarischen Schaffen niederschlug, doch recht erfrischend. Viel später erfuhr ich, dass die Anerkennung für österreichische Autoren in deutschen Verlagen ganz allgemein eher ein Kampf ist, wenn es um einen regional gefärbten Schreibstil geht, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls schlug sich meine Angewohnheit, deutsche Zeitschriften und Bücher aus deutschen Verlagen zu lesen, mitunter auch auf die ersten Aufsätze und Kurzgeschichten aus der Grundschulzeit nieder, was vor allem von meinem Vater sehr oft kritisiert wurde, ebenso wie meine Angewohnheit, zu viele Anglizismen zu verwenden.

Abgesehen von einer deutschen Tante kam ich, wie viele andere Österreicher auch, hauptsächlich durch den Tourismus mit Deutschen in Berührung. Wie bekannt ist, fuhren wir in meiner Kindheit und Jugend fast jedes Jahr an den Weißensee, der auch bei Deutschen ein beliebtes Urlaubsziel ist. Hier lernten wir die üblichen Protz-Touristen mit ihren BMW und Mercedes kennen, die uns allenfalls "ulkig" fanden und darauf bestanden, mit D-Mark zahlen zu dürfen, aber ich glaube, dass ich mich von den allgemeinen Vorurteilen nicht allzu sehr blenden ließ, lag daran, dass ich damals Freunde fürs Leben - auch aus unserem Nachbarland - fand. Und nein, ich sage zu Deutschen auch nicht "Piefke" - außer in einem ironischen Kontext. Das wissen die Angesprochenen dann aber auch.

Trotzdem erinnere ich mich auch dann an diese Zeit, wenn ich Felix Mitterers vierteiligen Fernsehfilm Die Piefke-Saga sehe - und für alle meine deutschen Leser, die diesen nicht kennen und sich jetzt entgeistert abwenden wollen: Keine Sorge, die Österreicher kommen da keineswegs besser weg als die Deutschen! Vielmehr ist es eine satirische Betrachtung des Verhältnisses zwischen Österreichern und Deutschen, genauer gesagt dem österreichischen Gastgeber und dem deutschen Gast. Spontan fällt mir da auch Walter Wippersbergs wirklich sehr, sehr empfehlenswerte Mockumentary Dunkles, rätselhaftes Österreich ein, in der ein afrikanisches Forscherpaar die Sitten und Gebräuche im Stil der Expeditionen europäischer Forschungsreisender beleuchtet - und dabei auch auf die "Invasion" der deutschen Touristen eingeht. Wir haben mal in der Schule die Piefke-Saga behandelt, und ich fand es besonders interessant, dass es den Zeitungsartikel in der Zeitschrift Woche, der im ersten Film eine wichtige Rolle spielt, wirklich gegeben hat. Wobei ich anmerken muss, dass die Wochenpresse getrost dem Boulevard-Journalismus zugerechnet werden kann - wer sich nur ein kleines bisschen mit den Printmedien auskennt, wundert sich dann mit Sicherheit nicht mehr über einen so provokanten Titel wie Wer braucht die Piefke? Der vierte Teil der Film-Tetralogie wird im übrigen häufig gar nicht mehr im Fernsehen gezeigt, weil das wohl etwas zu viel der Provokation ist. Der Vollständigkeit halber denke ich, dass man sich alle vier Teile ansehen sollte, aber ich persönlich finde die ersten beiden am besten.

Nun, im kollektiven Gedächtnis der Außenwelt kommen die vielen modernen, aufgeschlossenen und weltoffenen Österreicher, die ich in meinem Leben so kennengelernt habe, nicht wirklich vor - neben Mozart und Adolf Hitler sind ja etwa Arnold Schwarzenegger und Christoph Waltz zu den österreichischen Prominenten zu zählen, die auch außerhalb des deutschsprachigen Raums bekannt sind, und das sind durchaus respektable Größen, aber in Filmen halt auch häufig in der Rolle des Bösewichtes zu finden. Aber wir wissen ja, die Österreicher meinen's ja nicht so. Ach ja, übrigens ist die heimische Lieblingssüßigkeit des Österreichers nicht die Mozartkugel - die ich persönlich sowieso nicht mag, weil ich Marzipan nicht leiden kann -, sondern die Mannerschnitte, eine mundgerecht portionierte fünflagige Waffelschnitte mit Haselnusscreme-Füllung in dem bekannten rosafarbenen Einwickelpapier mit dem blauen Schriftzug. Egal. Jedenfalls habe ich oft so den Eindruck, das Bild vom Österreicher im Ausland ist so das eines Naturkindes in Dirndl oder Lederhose, das ständig Schnitzel frisst und freundlich, aber auch ein bisschen doof ist, charmant, aber auch morbid. Nun ja - bei näherer Betrachtung auch nicht so viel schlimmer als das Bild der amerikanischen Cowboys und Indianer, des im Baströckchen ums Feuer tanzenden und trommelnden Afrikaners, des dudelsackspielenden Schotten im karierten Rock oder des Reis pflanzenden Chinesen mit diesem lustigen Kegelhut. Es könnte schlimmer sein. Auch wenn es noch so nervig sein kann, dass man von Nicht-Österreichern eher als "lustig" und "niedlich" wahrgenommen wird - wobei ich sagen muss, dass wohl ganz allgemein als "süß" gelte, auch wenn ich bereits 36 Jahre alt bin, wohl auch deswegen, weil ich mindestens zehn Jahre jünger aussehe, als ich eigentlich bin. Es gibt halt Situationen, in denen man nicht "süß" sein will - beispielsweise bei lästigen Behördengängen. Aber was soll man machen?

Der hervorstechende zwischen Österreichern und Deutschen ist mit Sicherheit der Dialekt - wobei beide Länder ja im Prinzip über eine große Bandbreite an Dialekten verfügen. Das kommt nicht von ungefähr - die deutsche Sprache war nicht von Beginn an einheitlich, sondern hat sich aus den Sprachen unterschiedlicher germanischer Stämme entwickelt, so den Bajuwaren, Alemannen, Franken, Sachsen, Thüringern und Friesen, wobei die meisten schon untereinander gar keine einheitlichen Völker waren. Die unterschiedlichen Varietäten unserer Sprache waren laut schriftlicher Zeugnisse wohl schon im Hoch- und Spätmittelalter vorhanden, sind aber aktuell immer mehr im Schwinden begriffen - wobei das von Region zu Region natürlich verschieden ist. In der Uni hatte ich einen Professor, der sich nonstop über die mangelnde Anerkennung des Österreichischen Deutsch und das Schwinden der regionalen Dialekte beklagte - das Problem ist aber halt, dass dies der Preis für die Globalisierung ist, und das nicht nur in Österreich. Mein Freund spricht beispielsweise die kongolesisch-angolanische Verkehrssprache Lingála, allerdings nicht mehr die ursprüngliche Form, sondern eine stark vom Französischen beeinflusste, moderne Variante, und auch die meisten anderen afrikanischen Sprachen, die ich kenne, haben mittlerweile starke Einflüsse aus den Kolonialsprachen, die in der Regel auch als Unterrichtssprache fungieren. Wie bei uns die Dialekte, so halten sich auch in Afrika die regionalen Sprachen am besten in den ländlichen Gebieten, die noch nicht so viele Einflüsse von außen erlebt haben. So ist es eben - für alles, was man dazu gewinnt, verliert man auch etwas. Viele setzen ja Österreich mit Wien gleich und glauben, das Wienerische wird im ganzen Land gesprochen - das ist allerdings nicht so. Vor allem der westliche Dialekt, also Tirol und Vorarlberg, klingt sehr viel anders als der im Osten - die Nähe zur Schweiz macht sich vor allem in Vorarlberg bemerkbar. 

Die sprachlichen Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich bemerkt man bekanntlich zuallererst im kulinarischen Bereich - Hackfleisch ist bei uns Faschiertes (deswegen heißt der Hackbraten auch "faschierter Braten", und Buletten bzw. Frikadellen und wie sie alle heißen sind "faschierte Laiberl"), Brötchen sind Semmeln ("Brötchen" sind in Österreich kleine belegte Brote), Auberginen sind Melanzani, Tomaten sind Paradeiser, Kartoffeln sind Erdäpfel, Aprikosen sind Marillen, rote Beete sind Ronen oder rote Rüben, grüne Bohnen sind Fisolen, Wirsing ist Kohl und so weiter. Ich habe auch schon erlebt, dass ältere Leute aus dem Burgenland Erdbeeren "Ananas" genannt haben - warum, weiß ich auch nicht. Dafür sind Kartoffeln und Tomaten mittlerweile schon "gleichberechtigt" wie Erdäpfel und Paradeiser. Nach dem EU-Beitritt gab's etwa auch Debatten, weil wir auf unsere Marillenmarmelade-Gläser nicht "Aprikosenkonfitüre" schreiben wollten - mittlerweile ist die Marillenmarmelade ja eine eingetragene Marke, aber trotzdem kommt mir immer öfter auch die blöde Bezeichnung "Fruchtaufstrich" unter.

Deutsche Freunde sind zeitweise auch irritiert, wenn wir uns mit "baba" verabschieden - das im übrigen nicht wie das indische "Vater" ausgesprochen wird, beim österreichischen "baba" wird die zweite Silbe länger ausgesprochen als die erste. Natürlich ist das eines der ersten Worte, die kleine Kinder mit Leichtigkeit aussprechen können, deswegen sagt man ihnen auch statt "Gehen wir spazieren" oftmals "Gemma baba". Ach ja, "gemma" statt "gehen wir" ist auch so eine dialektale Eigenheit. Sehr beliebt ist auch das Wort "Oida", das Pendant zum deutschen "Alter", das man in den österreichischen Städten für nahezu alles verwenden kann. Ebenso nennt man bei uns ein männliches Kind in der Regel "Bub" oder "Bua", aber auch hier zeigt sich schon der deutsche Einfluss, und inzwischen ist auch das Wort "Junge" immer öfter zu hören. Es gibt jedoch auch Worte und Wendungen, die für deutsche Ohren vergleichsweise "normal" klingen, im Österreichischen aber andere Bedeutungen haben können - zu "ausruhen" können wir auch "ausrasten" sagen und "jemanden zusammenführen" heißt bei uns "jemanden überfahren". Auch Redewendungen wie "du gehst mir ab" für "ich vermisse dich" sind für uns typisch, ebenso wie "es geht sich aus": Wenn du mit dem Auto in eine Parklücke fährst und gerade genug Platz ist, dass du nicht an den anderen Autos anstößt, "geht es sich grad no aus", und "es geht sich zeitlich aus", wenn du vor einem Termin noch schnell was erledigen kannst. Das ist auch so typisch für unsere vergleichsweise relaxte Haltung: "Des mach ma scho, des wird si scho irgendwie ausgehen." Dafür würde uns auch nie einfallen, "abgehen" im Sinne von "ausflippen" zu verwenden - wir "drah'n" eher "auf". Was viele Deutsche auch lustig finden, ist, dass "Tüte" bei uns "Sackerl" heißt und sind ganz angetan, wenn es in Läden heißt: "Wollen's a Sackerl?"

Natürlich merkt man die "kleinen Unterschiede" auch, wenn man sich bereits in beiden Ländern aufgehalten hat. Ich habe ja in einem frühen Artikel in diesem Blog bereits von der Trafik erzählt - jene im ganzen Land zu findenden Läden, in denen man Tabakwaren, Zeitungen, und Zeitschriften, Briefmarken, Fahrkarten sowie Lottoscheine kaufen kann. Früher bekam man dort auch Parkscheine - bestehend aus einem Zettel, auf dem man Tag, Monat, Jahr und Uhrzeit eintragen konnte. Je nachdem, welche Farbe der Parkschein hatte, konnte man länger oder kürzer parken - heute wurden diese Zettel ja schon vollständig von den Scheinen, die man aus den Automaten zieht, ersetzt. In Deutschland kann man die Trafik am ehesten noch mit dem Kiosk vergleichen - im Gegensatz zu uns in Österreich bekommt man die Zigaretten dort allerdings auch im Supermarkt, was für mich bei meinem ersten Deutschland-Aufenthalt äußerst merkwürdig war. Auch ist es in Österreich nicht möglich, einfach nur "Kaffee" zu bestellen, da das Kochen und Trinken von Kaffee bei uns schon fast eine Wissenschaft ist. Ich finde es beispielsweise etwas befremdlich, dass es in Wien, der Hochburg der österreichischen Kaffeehauskultur, inzwischen mehrere Starbucks-Filialen gibt - auch wenn ein Freund, der dort lebt, mir gestanden hat, dass er ab und an gerne dorthin geht, weil es ihn an seine Zeit in New York erinnert. Manchmal liegt der Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern auch nur in einem Artikel - nicht "der Radler" (Österreich), sondern "das Radler"; nicht "das Cola", sondern "die Cola"; nicht "das Joghurt", sondern "der Joghurt". Und bei uns gibt es kein süßes, sondern nur salziges Popcorn - als ich in der Bravo las, dass man vor dem Knutschen lieber süßes Popcorn essen soll, war ich ein bisschen verwirrt, aber ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass das schmeckt. Unterschiede entdeckte ich beispielsweise auch, wenn ich mich als Jugendliche mit Gleichaltrigen aus Deutschland unterhielt - unsere Schulnoten gehen von 1 bis 5, in Deutschland gibt es auch die Note 6, die Grundschule heißt bei uns Volksschule und die Mittlere Reife gibt es bei uns nicht und dementsprechend auch keine Realschule. Das Abitur heißt bei uns "Matura"; wenn man die vierte Klasse der Volksschule abgeschlossen hat, beginnt man in der Hauptschule oder im Gymnasium wieder mit der Ersten, und das Gymnasium dauert bei uns nur acht Jahre, in vielen Regionen Deutschlands aber neun.

Nun, was gibt es noch zu sagen? Das einzige, woran ich mich in puncto deutsche Kultur wohl wirklich nicht gewöhnen kann, ist diese Karnevals-Kultur, die ich aber zum Glück nur via Fernsehen mitbekomme - der österreichische Fasching ist für mich schon schlimm genug. Ich kann diese Art organisierte Lustigkeit nur schwer verkraften - ein Haufen Spießer, die sich einmal im Jahr den Stock aus dem Hintern ziehen, zum Zeichen dessen einen lustigen Hut aufsetzen und einen Tusch benötigen, weil sie sonst nicht wissen, wann sie rhythmisch Luft auszustoßen haben. Wobei das in Österreich ja nicht wirklich der Fall ist - wir bleiben so griesgrämig wie auch im restlichen Jahr, allerdings tragen wir dazu eine alberne Verkleidung. Allerdings nur am Faschingsdienstag - wenn in Deutschland Weiberfastnacht ist, versammelt sich die von Schönheitsoperationen entstellte Prominenz nebst den Adabeis beim Opernball, wo man sich umarmt und auf die Wange küsst, da es verboten ist, sich gegenseitig ein Messer in den Rücken zu stechen. Das würde die Inneneinrichtung der Wiener Staatsoper in Mitleidenschaft ziehen.

Zum Schluss möchte ich all meinen deutschen Freunden und Lesern versichern: Ja, ich hab euch immer noch lieb, ich weiß, dass es überall auf der Welt Idioten gibt, auch bei uns, im Kongo oder in Mikronesien. Das ist mitunter nur dann erträglich, wenn man sich ab und an auch darüber lustig machen kann. Im übrigen wurden zu den Unterschieden zwischen Deutschen und Österreichern schon etliche Filme gedreht und auch Bücher geschrieben. Deswegen möchte ich euch zum Abschluss Severin Groebners satirisches Buch Servus, Piefke wärmstens empfehlen. Bon voyage!

vousvoyez

Mittwoch, 6. Mai 2020

Wir kennen uns von der Elfriede-Blauensteiner-Tour für angehende Witwen

Jedes Land auf dieser Welt kann mit dem einen oder anderen spektakulären Kriminalfall aufwarten. Eine Legende der österreichischen Kriminalgeschichte ist der Fall Elfriede Blauensteiner - und gleichzeitig auch einer der ersten, an die ich mich noch erinnern kann. Ich hatte übrigens an meinem Gymnasium eine Englischlehrerin, die hatte den gleichen Namen wie eine der vier weiblichen Stationshilfen, die in den 1980ern als "Todesengel von Lainz" in die Geschichte eingingen, nachdem sie gemeinschaftlich mehrere Patienten ermordet hatten - diese Lehrerin unterrichtete allerdings nicht mich, sondern einen meiner beiden älteren Brüder, der bis heute nicht müde wird, diese Namensgleichheit zu betonen. Die Wienerin Elfriede Blauensteiner wiederum, die heute als die "schwarze Witwe" bekannt ist, erwies sich als äußerst, ähm, kreativ, wenn es darum ging, ihre Spielsucht zu finanzieren - per Kontaktanzeige suchte sie wohlhabende, pflegebedürftige Personen, bevorzugt Männer, die sie bei sich aufnahm und, nachdem sie deren Testamente zu ihren Gunsten von ihrem Rechtsanwalt fälschen hatte lassen, mittels eines blutzuckersenkenden Medikaments namens Euglucon in Kombination mit einem Antidepressivum ermordete. Legendär waren vor allem ihre Auftritte vor Gericht - ins kollektive Gedächtnis eingegangen ist jener, als sie ein goldenes Kruzifix hochhielt und dabei den biblischen Pontius Pilatus zitierte: "Ich wasche meine Hände in Unschuld!" Ich erinnere mich, wie ein Freund unserer Familie, nachdem seine Ehefrau ihm seine täglichen Medikamente verabreicht hatte, sich den Bauch rieb und ausrief: "Du bist meine Blauensteiner!" Ein Satz, den sie mit einer Miene quittierte, die unter ihren Verwandten und Bekannten gemeinhin als "Steingesicht" bekannt ist.

Wie ich in einem älteren Artikel bereits erklärt habe, ist das kollektive Gedächtnis ja nicht immer so zuverlässig, wie man vielleicht denkt. Trotzdem gibt es Erinnerungen, die uns alle verbinden - auch, weil es genügend Aufzeichnungen davon gibt. Und das gilt nicht nur für Kriminalfälle oder ganz allgemein Nachrichten-Ereignisse - die Findigeren unter euch werden wahrscheinlich schon gewittert haben, dass ich wieder mal über Filme sprechen will. Speziell über Filme von Disney - und das hat einen ganz bestimmten Grund.

Ich hatte nämlich gestern ganz spontan endlich die Gelegenheit, den "verbotenen" Disney-Film zu sehen. Wobei "verboten" jetzt natürlich maßlos übertrieben ist - selbstverständlich ist es niemandem verboten, diesen Film zu sehen, er wird nur praktisch nirgends mehr gezeigt. Und zwar deshalb, weil Disney lieber so tut, als hätte es ihn nie gegeben. Ich erinnere mich, in meiner Stammvideothek viele Male das Cover der VHS-Kassette gesehen zu haben, aber ich kam nie auf die Idee, sie mir mal auszuleihen und anzusehen. Nachdem ich erfuhr, dass Disney ihn praktisch totschweigen will und er weder auf der neuen Streaming-Plattform Disney + zu sehen noch auf DVD erhältlich ist, bereute ich das - denn nachdem so viel darüber diskutiert wurde, dass Disney ihn praktisch unterschlägt, hätte ich mir gerne ein eigenes Urteil gebildet. Erfreulicherweise ließ mir jedoch gestern jemand diesen Film zukommen, so dass mir das mittlerweile doch noch möglich ist. Also fange ich gleich damit an.

Die Rede ist von Song of the South, einer Kombination aus Real- und Zeichentrickfilm, die 1946 gedreht wurde und im deutschsprachigen Raum unter dem Namen Onkel Remus' Wunderland veröffentlicht wurde. Er basiert auf einer Sammlung von afro-amerikanischen Volkserzählungen unter dem Titel Uncle Remus, die von Joel Chandler Harris aufgeschrieben wurden und heute zu den Meisterwerken der amerikanischen Literatur gezählt werden. Der Film erhielt 1948 einen Oscar in der Kategorie "Bester Song" für das von Allie Wrubel und Ray Gilbert geschriebene Lied Zip-a-Dee-Doo-Dah, außerdem eine Nominierung für die Filmmusik, während James Baskett, der die Titelfigur verkörperte, einen Ehrenoscar bekam. Auf den ersten Blick ist das also keineswegs ein Werk, das man verstecken müsste. Technisch wie musikalisch ist Song of the South auch tatsächlich sehr gut gemacht, die Zeichentricksequenzen versprühen den unwiderstehlichen Charme, der den alten Disney-Filmen eigen ist, und insgesamt macht der Film einen sehr behäbigen, unaufgeregten Eindruck, wie der alte Großvater aus dem Bilderbuch. Wo ist also das Problem?

Nun, das sensibilisierte Auge des heutigen Zuschauers kann diese Frage schnell beantworten: Song of the South suggeriert ethnische Hierarchien als eine Art "natürliche Ordnung". Die Schwarzen tun nicht nur nichts anderes, als den Weißen zu dienen - dies wird auch an keiner Stelle des Films kritisch hinterfragt, ganz im Gegenteil: Man gewinnt den Eindruck, als gäbe es für Menschen mit dunkler Hautfarbe nichts Schöneres, als ihrer hellhäutigen Herrschaft zu Diensten zu sein. Dies wird noch dadurch unterstrichen, dass die Handlung zwar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also nach Abschaffung der Sklaverei, angesiedelt ist, dabei aber so wirkt, als sei sie vollkommen aus der Zeit gefallen - sprich, so, als vermittle der Film allgemein gültige Werte, einen Anspruch, den bekanntlich auch Märchen erheben. Anders gesagt: Die untergeordnete Stellung der Schwarzen und die übergeordnete der Weißen wird entpolitisiert und dadurch als "allgemein gültiger Wert" verkauft. Ich erinnere hier an Aldous Huxleys gesellschaftskritischen Zukunftsroman Brave New World, in welchem die Leute von klein auf Tag und Nacht darauf konditioniert werden, mit ihrem von Geburt an zugewiesenen Platz in der Gesellschaft glücklich und zufrieden zu sein und nichts verändern zu wollen. Ähnlich verhält es sich auch mit den schwarzen Plantagenarbeitern in Song of the South - sie akzeptieren ihre untergeordnete Stellung und sind zufrieden, ja sogar glücklich damit, und das, obwohl ihre Armut ebenso sichtbar ist wie der Reichtum der über sie Herrschenden.

Nun, diese Art von serviler Fröhlichkeit findet sich nicht nur in diesem Film - in den meisten Filmen der Zeit vor der Bürgerrechtsbewegung wird suggeriert, dass die Schwarzen gar nichts anderes wollen, als immerfort ihren weißen Herrschern zu dienen, und dass das deswegen vollkommen in Ordnung sei. Und Song of the South ist jetzt kein brutal rassistischer Film in Sinne von David Wark Griffiths The Birth of a Nation von 1915, wo der mordende Ku-Klux-Klan als Befreier der ganz armen Weißen vor den ganz bösen Schwarzen dargestellt wird. Zumindest vordergründig ist Song of the South von einer Harmlosigkeit, wie sie in den meisten damaligen Kinder- und Familienfilmen von Disney Programm ist - wobei seine Langsamkeit gemäß der Sehgewohnheiten der heutigen Zeit wahrscheinlich eher Langeweile hervorruft: Der siebenjährige Johnny, Enkel einer Plantagenbesitzerin, freundet sich mit einem alten schwarzen Mann an, der in einer ärmlichen Hütte auf der Plantage wohnt und den Kindern Geschichten über den listigen Hasen Br'er Rabbit (Meister Lampe) erzählt - diese Geschichten werden denn auch in zauberhaft gestalteten Zeichentricksequenzen dargestellt. Das historisch geschulte Auge kommt angesichts der Bilder in Technicolor und all der singenden Schwarzen nicht umhin, an die Minstrel Shows aus dem 19. Jahrhundert zu denken, die damals bei den Industriearbeitern in den amerikanischen Nordstaaten sehr beliebt waren und in denen Weiße, die oftmals nie einen Schwarzen kennengelernt hatten, diese auf sehr stereotype Weise darstellten - bis in die heutige Zeit leitet sich der Ausdruck "Blackfacing" für das Schminken des Gesichts mit schwarzer Farbe von diesen Shows ab. Dasselbe Bild von Menschen mit dunkler Hautfarbe, das in den Minstrel Shows vorherrschte, wird auch in diesem Film gezeigt: Sie werden zwar nicht als böse, dafür aber als kindlich-naiv, fröhlich und unbekümmert, devot und den Weißen intellektuell unterlegen dargestellt. Keiner der schwarzen Figuren werden nennenswerte eigene Bedürfnisse zugeschrieben, alles ist ausschließlich darauf ausgerichtet, die Bedürfnisse der Weißen zu erfüllen.

Selbstverständlich kann man hier einwenden, dass auch andere Disney-Filme, denken wir nur an Dumbo, Susi und Strolch, Aladdin oder Pocahontas, Stereotype bedienen oder die Geschichte zumindest "entschärfen". Wobei wir natürlich nicht vergessen dürfen, dass diese Filme sich in der Regel sehr alter Vorlagen bedienen, die teilweise noch vollkommen andere Werte vertreten als die, die unseren heutigen Moralvorstellungen entsprechen. Es ist ja allgemein bekannt, dass diese Filme sehr häufig für das antiquierte Frauenbild und das völlig unrealistische Schönheitsideal, das sie vermitteln, kritisiert werden. Wobei die weiblichen Figuren sich ja mittlerweile zumindest von der passiven Rolle der frühen Filme entfernen und in neueren Werken wie Frozen nicht mehr die Ehe als das einzig Erstrebenswerte für eine Frau gilt. Vor allem aber ist Song of the South nicht der einzige Disney-Film, der gewisse Hierarchien als "natürlich" darstellt - denken wir nur an Bambi und Der König der Löwen. Das Ding ist halt - die meisten Stereotype und gesellschaftlichen Ungleichheiten werden in den Disney-Filmen dadurch entschärft, dass sie von Tieren oder zumindest gezeichneten Figuren dargestellt werden, während es sich bei Song of the South zum größten Teil um einen Realfilm mit menschlichen Schauspielern handelt. Aus diesem Grund kann man die rassistischen Klischees hier auch nicht mehr so einfach relativieren oder wegerklären.

Natürlich hätte man mit diesem Dilemma auch anders umgehen können - und ich bin auch nicht die einzige, die findet, dass das besser gewesen wäre. Man hätte den Film aus der zeitlichen und ideologischen Distanz heraus betrachten und so daraus lernen können - immerhin ist es ja nichts Neues, dass die Filme von Disney den Geschmack eines sehr breiten Publikums repräsentieren. Genauso wenig ist es neu, dass Walt Disney selbst schon seit längerer Zeit heftig in die Kritik geraten ist - so werden ihm von Zeitgenossen rassistische, antisemitische und frauenfeindliche Neigungen zugeschrieben, und Kritiker des Kapitalismus werfen ihm und seinem Imperium nicht erst in jüngster Zeit Kulturimperialismus vor. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass es nicht für alle Vorwürfe gegen ihn auch tatsächlich Beweise gibt - beispielsweise, dass er mit dem Nationalsozialismus sympathisiert haben soll. Ein ehrlicher Umgang mit Song of the South wäre für den Disney-Konzern allerdings eine Chance gewesen, aus den eigenen Fehlern eine wertvolle Lektion abzuleiten. So zu tun, als existiere dieser Film nicht, ist im Lichte dessen eher kindisch und feige. Irgendwie erinnert es mich auch an die aktuelle Debatte, man solle mit der Zeit des Nationalsozialismus endlich abschließen, womit eigentlich gemeint ist, man solle nicht mehr darüber reden - auch wenn es selbstverständlich ein großer Unterschied ist, ob man jetzt einen einzelnen Film totschweigt oder gleich eine ganze Epoche.

Nun, wie ich in einem früheren Post erklärt habe, ist all das kein Grund, die Filme nicht weiterhin zu genießen - immerhin sind wir zum Glück größtenteils selbstständig denkende Menschen, die nicht gleich die Demokratie abschaffen wollen, nur weil sie mal Der König der Löwen gesehen haben. Und gewisse Kritikpunkte beschreiben das Gesamtwerk des Disney-Filmimperiums ja auch nur unzureichend. Unbestritten ist, dass diese Filme sehr wohl einen äußerst wertvollen künstlerischen Beitrag innerhalb der Geschichte der Animationsfilme bzw. überhaupt der Filmgeschichte leisten. Und dass sie für die meisten von uns zur Kindheit einfach dazugehören - und das müssen und sollten wir uns auch durch einen etwas kritischeren Blick auf die Materie nicht nehmen lassen.

vousvoyez

Dienstag, 5. Mai 2020

Wie trennt sich Heidi Klum eigentlich von ihren Partnern - "Ich habe heute leider kein Foto für dich"?

(c) vousvoyez
Tja, so ist das halt - jeder Superheld und jede Superheldin braucht einen Gegenspieler. Batman hat Robin, Superman hat Luthor und eure vousvoyez hat eben Heidi Klum. Wobei ich sagen muss, dass es mir in Wirklichkeit vollkommen wurscht ist, wen die gute Frau heiratet und wann sie ihre Oberweite entblößt - ich will es nur nicht wissen. Und schon gar nicht früh am Morgen, wenn ich eigentlich andere Gedanken im Kopf habe. Ich finde nur das Frauenbild, das sie mit ihrer Sendung Germany's Next Topmodel vermittelt, schlicht und einfach problematisch - und auch das Bild, das sie von sich in der Öffentlichkeit preisgibt. Und dabei könnte gerade sie ein Beispiel dafür sein, dass Models nicht automatisch dumm sind - denn um so eine Karriere hinzulegen, erfordert es tatsächlich eine gewisse Intelligenz.

Nun, ich kann mich über Frau Klums Medienwirksamkeit aufregen. Wie sie sich präsentiert, muss sie jedoch selbst wissen - das ändert nichts daran, dass sie ein Mensch ist und dass man auch ihr die Menschenwürde nicht abzusprechen hat. Einer der am meisten aufgerufenen Artikel in meinem Blog ist ja jener, in dem ich meine persönliche Meinung zur Illegalisierung von Prostitution kundgetan habe. Ich habe auch angemerkt, dass ich mich möglicherweise noch einmal dem Thema annähere. Nun, ich glaube, jetzt ist dieser Moment gekommen - und zwar deshalb, weil aktuell viele, auch prominente, Internet-Nutzer auf dumme Ideen zu kommen scheinen. Ja, liebe Leute, wir müssen wieder mal reden!

Das neue Hobby des deutschen Komikers, Moderators, Entertainers und Schauspielers Oliver Pocher scheint ja zu sein, online über Influencer herzuziehen. Nun, ich kann mit diesem Herrn offen gestanden nicht viel anfangen - mir ist es schleierhaft, wie man den lustig finden kann, deshalb schalte ich auch immer weg, wenn er mal im Fernsehen ist, aber Geschmäcker sind ja bekanntermaßen verschieden. Deshalb hatte ich auch keinen Grund, mich jemals mit seinem Instagram-Account oder sonstigen Social-Media-Aktivitäten von ihm auseinanderzusetzen, aber bekanntermaßen muss man ja nicht immer was dazu tun, um über die Tätigkeiten gewisser Prominenter und solcher, die es gerne werden oder bleiben wollen, in Kenntnis gesetzt zu werden. Ähnlich geht es mir übrigens auch mit den Personen, deren Bloßstellung aktuell für einen digitalen Wirbel sorgt - nämlich Anne Wünsche und ihre Freundin, die sich offenbar für sie eingesetzt hat. Auf Wikipedia wird die als "Laiendarstellerin und YouTuberin" vorgestellt - bekannt wurde sie, wie es aussieht, durch die Sendung Berlin - Tag & Nacht, die ich mir nie angesehen habe. Außerdem hat sie anscheinend auch eine kleine Rolle in der Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten gespielt. Ganz offensichtlich hat sie auch noch einen YouTube-Kanal, auf dem sie, nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder zur Schau stellen soll - ebenso wie ihre Freundin Kim Zarwell, von der ich bis heute ebenfalls noch nie etwas gehört habe, es auf Instagram tut. Okay, das kann man kritisieren - muss man, finde ich, auch. Und das ist es, was Herr Pocher auch tut - angeblich. Denn ich sage: Nein, es geht ihm hier nicht um die Kinder. Es geht ihm lediglich darum, eine Rechtfertigung zu haben, in der Vergangenheit fremder Frauen herumzugraben.

Denn Anne Wünsche hat vor Jahren einmal in einem Porno mitgespielt, und Kim Zarwell hat früher als Domina gearbeitet. Und Herrn Pocher fiel offenbar nichts Besseres ein, als diesen Teil der Vergangenheit jener beiden Damen an den Pranger zu stellen, beispielsweise, indem er Auszüge aus einem bisher nicht bekannten Porno mit Anne Wünsche zeigte. Nun, ich frage mich, ob Oliver Pocher nicht das ein oder andere Mal selbst in den Puff ging - und ob er nicht ab und zu auch mal den einen oder anderen Porno konsumiert. Und warum so viele Leute diesem Verhalten auch noch Beifall spenden und "selbst schuld" rufen - und sich nicht fragen, was für ein Vorbild Herr Pocher seinen eigenen Kindern ist, wenn er fremde Frauen via Social Media als "Huren" und "Schlampen" abstempelt.

Ich habe schon in mehreren früheren Posts dargelegt, wie sehr sich der Umgang mit Sexualität in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert hat - und dass die Medien daran nicht unbeteiligt waren. Hinzu kommt noch, dass der Kampf der Frauen für ihr Recht auf völlige Selbstbestimmung immer noch nicht zu Ende ist - nicht einmal hierzulande, wo wir noch vergleichsweise privilegiert sind. Wir dürfen in die Schule gehen, wir dürfen studieren, wir dürfen einen Beruf ausüben, ohne vorher einen Mann um Erlaubnis zu fragen, wir dürfen wählen und politische Ämter bekleiden. Dennoch gibt es durchaus noch viele von uns, die ein sexistisches Frauenbild unterstützen - etwa, indem wir erklären, eine Frau, deren Persönlichkeitsrechte wegen ihrer früheren Tätigkeit im horizontalen Gewerbe mit Füßen getreten werde, sei selbst schuld. Das ist nicht mehr allzu weit weg von der - durchaus auch von manchen Frauen vertretene - Ansicht, eine Frau, die sexuell belästigt oder vergewaltigt werde, sei selbst schuld, weil sie falsch angezogen sei.

Nun, Sex ist in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtig, nachdem die filmische Darstellung von Sexualität lange Zeit tabuisiert wurde. Die sexuelle Befreiung der sechziger und siebziger Jahre wurde schon lange von der Konsumgesellschaft, man möchte sagen, vom "Mainsream" (ein Wort, gegen das ich aus verschiedenen Gründen inzwischen eine Abneigung entwickelt habe), vereinnahmt, so wie die meisten Subkulturen und Jugendbewegungen von der Konsumgesellschaft vereinnahmt wurden - Prominente tragen Punkfrisuren und Tattoos, bunte Hippie-Kleider sind bei H&M erhältlich und einst so subversive Kunst wird heute zu astronomischen Preisen versteigert. So wie Sexualität in der Vergangenheit in übertriebener Art und Weise tabuisiert und totgeschwiegen wurde, übertreiben wir es heute mit der inflationären Sexualisierung innerhalb der Gesellschaft. Nichts ist mehr Phantasie, alles wird ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Die sexuelle Befreiung wurde einst auch als Befreiung der Frau verstanden - leider haben diesen beiden Dinge heute nur noch wenig damit zu tun, denn im Inneren haben die meisten von uns immer noch die Unterscheidung zwischen Hure und Muttergottes parat. Sprich, eine Frau, die ihre Sexualität nicht dem Ziel unterordnet, eine monogame Beziehung mit Fortpflanzungsabsichten anzustreben, hat bis an ihr Lebensende keinen Respekt verdient. Natürlich mag sie innerhalb dieses Rahmens ihre sexuellen Vorlieben ausleben, wie es ihr beliebt - schließlich ist Sex heute, wie gesagt, Teil der Konsumgesellschaft, und mittlerweile bilden diese nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Und so halten sich viele Leute für besonders aufgeschlossen, unverklemmt und progressiv, wenn sie in aller Öffentlichkeit über ihr Sexleben plaudern, finden Deko-Elemente, Süßspeisen oder Schmuck in Form von männlichen oder weiblichen Geschlechtsteilen ganz besonders witzig und gewagt und halten sich für besonders verwegen, wenn sie Feuchtgebiete oder A Fifty Shades of Grey lesen bzw. sich die Filme ansehen. Entsprechend wird auch jeder Kritiker erstmal als Spießer diffamiert, und ihm wird auch gern empfohlen, den Stock aus dem Arsch zu nehmen - dabei kapieren diese Leute gar nicht, dass sie im Grunde genommen immer noch weitaus spießiger sind als diejenigen, die sie für spießig halten, denn wie ich schon in einem anderen Artikel erklärt habe, kann man das Brechen von Tabus, die gar keine mehr sind, nicht als "Wagemut" bezeichnen - ganz abgesehen davon, dass ich darauf wetten möchte, dass viele dieser "crazy people" die ersten sind, die sich an dem Shitstorm gegen eine ehemalige Sexarbeiterin beteiligen.

Im Lichte einer solchen Gesellschaft ist es nur richtig, Kinder über Sexualität aufzuklären und ihnen beizubringen, dass sie allein entscheiden, was mit ihrem Körper geschieht - dies wurde nicht nur in meinen Augen viel zu lange verabsäumt, und auch heute gibt es da bisweilen noch Aufholbedarf. Wenn wir uns ältere Filme ansehen, so wird in manchen von ihnen immer noch vermittelt, dass es für einen Mann vollkommen legitim ist, sich über das "Nein" einer Frau hinwegzusetzen - denn eine Frau, die "nein" sagt, meint doch eigentlich "ja". Und eine Frau, die sich "ziert", will doch in Wirklichkeit nicht zugeben, dass ihr die Zudringlichkeiten des Mannes gefallen. Und wenn der Mann die Frau dann doch gegen ihren Willen nimmt, ist sie doch selbst schuld - sie hat bestimmt irgendetwas gesagt oder getan, das den Mann provoziert haben könnte. Eine Einstellung, die offensichtlich auch vor nicht allzu langer Zeit auch noch in Jugendmagazinen vorzuherrschen schien. Daher sind wohl viele der Ansicht, Frauen wie Anne Wünsche hätten es "verdient", in der Öffentlichkeit dergestalt vorgeführt zu werden.

Aber gerade deswegen möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass das Zerren von Videos, die Personen nackt und/oder bei sexuellen Handlungen zeigen, ins Zentrum des öffentlichen Interesses einen Übergriff darstellt, ebenso wie das öffentliche Anprangern von Personen aufgrund dessen, was sie in der Vergangenheit mit ihrem eigenen Körper gemacht haben oder auch in der Gegenwart mit ihm machen - ebenso wie verbale Angriffe, sexuell konnotierte Beschimpfungen und ganz allgemein das öffentliche Stigmatisieren dieser Personen. Und ich glaube nicht nur, dass viele der größten Schreihälse sich sexuell für besonders aufgeschlossen halten - ich bin mir auch ziemlich sicher, dass hier so einige dabei sind, die den Islam wegen der frauenfeindlichen Gesinnung in manchen seiner Strömungen ablehnen und alle Migranten zu Vergewaltigern erklären, weil es unter ihnen auch welche gab bzw. gibt, die Frauen gegenüber sexuell übergriffig wurden bzw. werden. Gerade solche Leute sind es nämlich häufig auch, die die Selbstbestimmung der Frau ansonsten mit Argusaugen beobachten und die gerne Parteien wählen, die am liebsten hätten, dass ihre weibliche Wählerschaft sich auf ihre "natürliche" Aufgabe, Hausfrau und Mutter zu sein, beschränke. Somit sind ihre eigentlichen Motive - nämlich, dass Menschen mit sichtbar anderer Herkunft sich ihnen bestenfalls unterzuordnen hätten - ebenso durchschaubar wie die von Oliver Pocher, der behauptet, es ginge ihm um die Kinder. Denn indem er die Vergangenheit von deren Müttern öffentlich zur Schau stellt, hilft er den Kindern nicht - ganz im Gegenteil, denn indem er aller Welt verkündet, wie moralisch verkommen deren Mutter doch ist, demütigt er nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder. Und nicht nur den Kindern von Frau Wünsche und Frau Zarwell, auch seinen eigenen tut er damit keinen Gefallen - denn diese haben jetzt einen Vater, der, anstatt ihnen ein Vorbild zu sein, in der Vergangenheit fremder Frauen herumstochert, um sie in aller Öffentlichkeit bloßstellen zu können.

Und genauso ein fragwürdiges Vorbild liefern auch diejenigen, die sowohl die beiden Damen als auch diejenigen, die in den Chor der allgemeinen Entrüstung nicht mit einstimmen, beschimpfen und bedrohen - denn Herr Pocher hat immer noch etliche minderjährige Fans, die sich ebenfalls eifrig an dem Shitstorm beteiligen. Somit wird die eigentliche Perversion der ganzen Angelegenheit sichtbar: Eben die, dass eine Frau nur dann Respekt verdient, wenn sie sich ihr Leben lang ausschließlich gesellschaftskonform verhalten hat. Und gerade da kommt man in gefährliches Fahrwasser, schon allein, wenn man beobachtet, wie wenig Jugendliche über die Nutzung von sozialen Netzwerken aufgeklärt werden. Wer kennt nicht die Geschichten von Teenager-Mädchen, die sich von ihren ebenfalls völlig unbedarften Teenager-Freunden dazu überreden lassen, ihnen ein Nacktfoto von sich via Smartphone zu schicken - sobald die Beziehung zu Ende ist, rächt sich der Junge an seiner Verflossenen, indem er eben dieses Foto dazu benutzt, um das Mädchen in aller Öffentlichkeit zu demütigen. Würden all die Moralapostel, die jetzt mit dem Finger auf andere zeigen, über die eigene Tochter genauso reden, wie sie sich über fremde Frauen auslassen? Selbst ich, die schon alt genug ist, um die Mutter all dieser Mädchen zu sein, habe erlebt, wie leicht man als junges Mädchen zu etwas verführt werden kann, was man später vielleicht bereut. Ich habe beispielsweise, glaube ich, schon einmal erwähnt, dass ich vor Jahren online nach einem Job neben dem Studium suchte. Die allermeisten Rückmeldungen, die ich bekam waren Angebote, die mir für Nacktaufnahmen und Ähnliches sehr viel Geld versprachen. Ich habe meine Anfrage daraufhin zurückgezogen, aber es zeigte mir bereits vor fast fünfzehn Jahren deutlich, wie sehr junge Mädchen und Frauen schon allein in unseren Breiten den Verlockungen des schnellen Geldes durch Prostitution ausgesetzt sind - und was ist nun mit jenen, die die Konsequenzen ihres Handelns gar nicht richtig einschätzen können, sondern nur ihren Traum von einem Luxusleben fern vom Einfluss der Eltern möglichst schnell verwirklichen wollen? Und diese Verlockungen finden ja nicht nur online statt - wie oft erhielt ich etwa im Alter zwischen dreizehn und dreiundzwanzig Jahren eindeutige Angebote von fremden Männern, die meist alt genug waren, um meine Väter oder gar Großväter zu sein? Und das, obwohl ich in einer Stadt aufgewachsen bin, die im Vergleich zu den meisten anderen auf der Welt noch sehr sicher ist? Ganz zu schweigen von den Frauen aus Osteuropa, die hierzulande im horizontalen Gewerbe ausgebeutet werden; den jungen Mädchen in Südostasien, die von ihren eigenen Eltern an Bordelle verkauft werden; den jungen Frauen aus Nigeria, die von sogenannten "Medizinmännern" mit Versprechungen vom "Paradies Europa" als Prostituierte verkauft werden. Alles Realität, alles nicht schön - und schon allein das sollte genügen, Frauen nicht pauschal für ihr Vorleben zu verurteilen, auch wenn es möglicherweise nicht so respektierlich war.

Ich wiederhole es noch einmal: Ich halte die Art und Weise, wie hier eine Frau mit einer delikaten Vergangenheit zur Schnecke gemacht wird, für einen sehr perversen Aspekt dessen, wozu unsere Konsumgesellschaft verkommen ist. Denn unser Verhältnis zur Sexualität zeigt doch in Wirklichkeit nur, wie sehr diese von jener bereits vereinnahmt wurde: Indem wir Sex zum Konsumprodukt degradieren, kommen wir nach und nach dahinter, dass dieses, wie alle Konsumprodukte, nicht hält, was es verspricht, und reagieren darauf, indem wir uns von jenen bedroht fühlen, die uns den Konsum von Sex ermöglichen - und auf diese herabblicken. Eine häufige Kritik an Pornofilmen ist ja, dass dort eher selten der ganze Mensch, sondern lediglich einzelne Körperteile gezeigt werden. Solche Verhaltensweisen scheinen dies jedoch zu rechtfertigen - denn tritt die Darstellerin als menschliches Wesen in Erscheinung, wird sie herabgewürdigt. Die vermeintliche "Aufgeschlossenheit" kommt also offenbar nur durch Entmenschlichung dessen zustande, worauf sich diese "Aufgeschlossenheit" bezieht. Die Frauen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, dürfen nicht als Menschen wahrgenommen werden, nicht als Schwestern, Töchter, Mütter, nicht als Wesen mit eigenen Gefühlen und Meinungen. Wir glauben, dass wir sexuell befreit sind, aber diese Freiheit hat ein Ende, sobald sie den Rahmen unseres Sicherheitsbedürfnisses verlässt und so ihre Berechenbarkeit verliert. Somit hält Herr Pocher nicht den Frauen einen Spiegel vor, wie viele behaupten, sondern in Wirklichkeit sich selbst - denn anstatt sich auf das zu konzentrieren, was er nach eigener Aussage anprangert, sucht er nach weitaus verderblicheren Geheimnissen, um damit seine Kritik zu rechtfertigen, und zeigt damit nur, dass er im Prinzip nicht zu vernünftiger Kritik fähig ist.

Und alle, die es für "Mobbing" halten, Herrn Pochers Fehlverhalten als solches zu benennen, möchte ich noch einmal daran erinnern, dass Meinungsfreiheit auch beinhaltet, dass man Kritik üben darf. Und dass es Dinge gibt, die man nicht "einfach so stehen lassen" kann - denn wenn wir alles einfach hinnehmen, geht es nur immer so weiter.

vousvoyez

Mittwoch, 29. April 2020

Ich wäre gern der Kater meiner Frau - was der alles darf!

Dieser Satz stammt von einem Lehrer aus meiner Schule - der allerdings Italienisch unterrichtete, ein Fach, das ich nie belegt habe, so dass ich die vorliegende Weisheit nur aus zweiter Hand wiedergeben kann. Ich habe ja bereits öfter darüber geschrieben, dass manche Menschen etwas merkwürdig reagieren, wenn es um ihre Haustiere geht. Für viele sind die geliebten Vierbeiner ein vollwertiges Familienmitglied, was ich ja auch richtig finde. Für manche sind sie jedoch auch bessere Menschen - und da fängt es bisweilen an, ein wenig schräg zu werden. Zu den beliebtesten Haustieren auf dieser Welt gehören selbstverständlich die Katzen, aber ich behaupte an dieser Stelle, dass Katzen inzwischen schon weitaus mehr sind als nur ordinäre Haustiere. Nein, ich behaupte, dass unsere geliebten Samtpfoten in Wirklichkeit schon längst die Weltherrschaft an sich gerissen haben, und die Indizien dafür möchte ich in diesem Artikel ausführen.

1. Katzen sind süß
Keiner, der Augen im Kopf hat, auch wenn er Katzen hasst, kann leugnen, dass die meisten Katzen ganz einfach entzückend aussehen. Und selbst wenn es Exemplare gibt, die für den allgemeinen Geschmack eher als hässlich gelten (wobei "hässlich" nicht gleichbedeutend mit "weniger wert" ist), so finden auch diese zuverlässig ihre Anhänger. Diese Niedlichkeit, gepaart mit dem Umstand, dass die schnurrenden Stubentiger auch absolute Schmusekönige und darüber hinaus wunderbar verspielt sind, verdanken es die Katzen, dass man ihnen viel verzeiht - etwa, dass sie unsere teuren Sofas zerkratzen und in der Regel tun, was sie wollen. In Wirklichkeit ist dies jedoch ihre gezielte Strategie, um uns gefügig zu machen - sie lullen uns mit ihrer Possierlichkeit ein, um ihre finsteren Machenschaften zu verschleiern.

2. Wir halten uns Katzen, obwohl sie keine Aufgaben für uns übernehmen
Klar hat auch die Katze für denjenigen, der sie hält, ihren Nutzen, und sei er auch nur psychologischer Natur. Aber es ist doch so, dass Tiere ursprünglich deswegen domestiziert wurden, weil wir ihre Fähigkeiten als Unterstützung für unser tägliches Leben einsetzen. Klar wurde auch die Katze ursprünglich zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt, aber heutzutage ist eine Mäuseplage kaum noch das vorwiegende Motiv, weshalb man sich eine Katze anschafft - in der Regel werden sie zum Liebhaben gehalten. Natürlich sind sie nicht die einzigen, deren Daseinszweck sich auf diese Weise gewandelt hat, aber dennoch hat dies ausgereicht, sie zum beliebtesten Haustier der Welt zu machen. Und zwar deshalb, weil sie in Wirklichkeit über uns herrschen - sie haben uns dazu gebracht, sie bei uns zu Hause aufzunehmen, gleichzeitig aber ihren Hilfsarbeiter-Status als Mäusefänger zu verlieren. Heute sind wir es, die zu Hilfsarbeitern degradiert werden.

3. Katzen sind überall!
Egal wo man hinschaut, die Katze ist aus dem Internet nicht mehr wegzudenken. Überall findet man süße und/oder lustige Fotos bzw. Videos über Katzen, und es macht Spaß, sie sich anzusehen, einfach, weil Katzen so niedlich sind und ihre Bewegungen so überraschend. Und obwohl ihre Gesichter eine gewisse Ähnlichkeit mit den menschlichen haben, spiegeln sich keine Emotionen in ihnen ab - Katzen schauen in der Regel immer gleich. Das übt auf uns einen gewissen Reiz aus und ermöglicht es der Katze, ihre finsteren Machenschaften zu verschleiern. Ihre herzige und gleichzeitig lustige Art war ausschlaggebend dafür, dass sie im Internet omnipräsent sind - sie überschwemmen das Internet, sie infiltrieren es, bis sie es eines Tages vollständig übernommen haben. Wenn dies nicht ohnehin schon der Fall ist.

4. Katzen haben Personal
Der Satz "Hunde haben Besitzer, Katzen haben Personal" kommt nicht von ungefähr - im Prinzip schaffen wir uns eine Katze an, um ihr ihr Leben lang zu Diensten zu sein, mit anderen Worten: Die Katzen haben für uns keinen Nutzen, wir aber für die Katzen. Denn obgleich sie auch draußen in der weiten Welt überleben würden, ist es doch viel gemütlicher, wenn man gefüttert wird und ein warmes Plätzchen hat. Was bedeutet, dass uns unsere geliebten Fellkugeln schon längst unterjocht haben - wir haben es nur noch nicht bemerkt. Wir bilden uns immer noch ein, dass wir eine Katze haben - und dabei hat die Katze in Wirklichkeit uns! Sie tut nicht, was wir wollen, sondern wir tun, was sie wollen! Und dass viele von ihnen mit der Zeit "lernen", das Sofa nicht mehr zu zerkratzen und im eigens dafür angeschaffte Katzenklo zu pinkeln, ist in Wirklichkeit nicht unsere Erziehung, sondern ihre Gnade! Und gleichzeitig auch eine wohl kalkulierte Strategie, keinen Verdacht zu wecken.

5. Katzen sind unabhängig
Was uns vor allem an Katzen fasziniert, ist ihre Unabhängigkeit. Auch Hauskatzen sind größtenteils in der Lage, für sich selbst zu sorgen, sollten sie auf sich allein gestellt sein, und tun, wie gesagt, im Wesentlichen das, was sie wollen. Sie kuscheln mit uns nicht auf Befehl, sondern dann, wenn sie das Bedürfnis dazu haben, und sind im Wesentlichen Einzelgänger. Vor allem aber sind sie in der Lage, in natürlichen Lebensräumen, die ihnen fremd sind, trotzdem zurechtzukommen und darüber hinaus noch andere Tierarten auszurotten. Sprich: Die Katze bestimmt über Leben und Tod, die Katze entscheidet, welche Tierarten auf dieser Welt eine Daseinsberechtigung haben! Und die Frage ist, wie lange es dauert, bis sie mit uns Menschen genauso verfährt.

6. Katzen legen sich gern auf Computer-Tastaturen
Vor Jahren lebte ich einmal in einer Wohngemeinschaft, und einer meiner Mitbewohner war ein grau-weißer Kater. Es gab Zeiten, in denen er sich an mich kuschelte, wenn ich mich schlafen legte, aber häufig setzte er sich auch gerade dorthin, wo ich ihn nicht haben wollte. So saß er mit Vorliebe auf dem gerade aufgestellten Wäscheständer, wenn ich gerade meine Wäsche aufhängen wollte. Und er liebte es, sich auf die Tastatur meines Laptops zu setzen, wenn ich ihn gerade benutzte! Damals glaubte ich, dass er die Tastatur einfach bequem fand, weil sie warm war, oder dass er auf diese Weise meine Aufmerksamkeit wecken wollte. Heute jedoch weiß ich es besser: Er hat in Wahrheit mit seinen Artgenossen in den sozialen Netzwerken kommuniziert! Im realen Leben sind Katzen Einzelgänger, ja, aber in Wirklichkeit haben sie sich organisiert, um die Menschheit zu unterjochen und ein Katzen-Imperium zu errichten! Lauft um euer Leben!

7. Rechte Social-Media-Profile haben häufig Katzenbilder
Ich habe ja schon einmal darüber geschrieben, dass viele Rechtsgestrickte sich als ganz besondere Tierliebhaber verstehen und dass viele Facebook-Profile, deren Kommentare und Posts auf eine ziemlich rechte Gesinnung schließen lassen, Tiere als Profilfotos haben - bevorzugt den eigenen Hund oder die eigene Katze. Jetzt weiß ich auch, warum - diese vielen Katzenfoto-Profile sind gar keine Menschen, die eine Katze zu Hause haben: Es sind die Katzen selbst!

8. Katzen haben keine Mimik
Wie ich schon zuvor geschrieben habe, haben Katzen ja keine Mimik so wie Menschen oder auch Hunde - sie schauen eigentlich immer gleich. Und manchmal habe ich das Gefühl, von ihnen beobachtet zu werden! Mein Freund wohnte vor vielen Jahren mal in einer Gegend, in der es ungewöhnlich viele Katzen gab. Wo man auch hinging, überall stieß man auf eine Katze! Und manchmal, wenn ich abends in der Dämmerung zum Bus ging und die Siedlung menschenleer war, saßen überall Katzen, und alle haben mich angesehen, als wollten sie sagen: "Was willst du Mensch um diese Zeit hier?" Ich bin mir sicher: In dieser Gegend lag eine der Zentralen, von denen aus die Katzen die Welt regieren! Es gibt einen Deep State - das sind die Katzen!

Ich gehe zwar davon aus, dass ich das niemandem erklären muss, trotzdem weise ich zur Sicherheit noch einmal darauf hin, dass all das natürlich Satire war. Und im übrigen gehören Katzen auch zu meinen Lieblingstieren. Auch wenn ich zu so einem winzigen Elefanten als Haustier auch nicht nein sagen würde.

vousvoyez

Samstag, 25. April 2020

Hier ruhen meine Gebeine, ich wollt', es wären deine

(c) vousvoyez
Ein toller Spruch für den Grabstein, findet ihr nicht auch? Mein Partner hat mir an dem Tag, an dem wir uns kennen lernten, gesagt, auf seinem Grabstein solle stehen: "Geboren 1979, gestorben gestern". Was wollt ihr mal auf eurem Grabstein stehen haben? Schreibt's mir in die Kommentare! Bis zum nächsten Mal!

Halt, halt, halt, nicht weglaufen, war nur ein Witz! Eine Freundin (die mit den Amerikaner-Witzen) hat mir übrigens erzählt, dass eine Brieffreundin ihr immer auf diese Weise schrieb: "Liebe E, wie geht es dir, mir geht es gut. Oh, ich muss jetzt Schluss machen, meine Mama kocht gerade das Essen und ich muss ihr helfen. Bis zum nächsten Mal!" Wie ihr ja wisst, bin ich schon alt ein bisschen älter und stamme aus einer Zeit, in der man sich noch echte Briefe auf echtem Papier geschrieben hat. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange es her ist, dass ich einen echten Brief bekommen habe, der nicht irgendwas Unerfreuliches von irgendeiner Behörde war - von den Weihnachtskarten mal abgesehen. Und so gerne ich mich auch im World Wide Web herumtreibe, vermisse ich das, offen gestanden, manchmal schon. Vor allem, weil man Briefe besser aufheben kann als digitale Nachrichten. Und sich oft sogar die Nachkommen noch daran erfreuen.

Andererseits sind die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten heutzutage in Zeiten wie diesen natürlich ein Segen. Hätte es vor 20 oder gar 30 Jahren einen vergleichbaren Lockdown gegeben, dann würden wir heute ganz schön blöd aus der Wäsche schauen - wobei das viele gedankenlose Herumreisen wohl auch ein wenig zu einer Situation wie heute beigetragen hat, aber das ist eine andere Geschichte. Ich persönlich halte es normalerweise so: Zu Hause bin ich vergleichsweise viel im Internet, aber dafür bleibt es auch zu Hause - draußen nutze ich es fast nicht. In der gegenwärtigen Situation bin ich allerdings ziemlich viel zu Hause, was natürlich heißt, dass ich auch weitaus mehr online bin als sonst. Das hat seine Vorteile, denn ich habe hier nicht nur Kontakt mit Leuten, die ich aktuell nicht sehen kann, sondern auch neue Freundschaften geschlossen. Der Nachteil ist jedoch, dass mir hier weitaus mehr Leute begegnen, die mich wahnsinnig anzipfen, wie wir in Österreich sagen, auf Deutsch, die mir auf die Nerven gehen. Und deswegen möchte ich heute mal genau über diese Eierer (Nervensägen) sprechen! Wahrscheinlich war es auch nicht das letzte Mal. Im übrigen möchte ich anmerken, dass ich vieles absichtlich überspitzt formuliert wurde - das nur, damit sich niemand von euch, liebe Leser und Innen, auf den Schlips getreten fühlt.

Top-Eierer Numero 1: Früher war alles besser

Oh ja, wer kennt sie nicht! Der natürliche Lebensraum dieser Spezies sind zwar die Nostalgie-Gruppen, aber mittlerweile breiten sie sich überall in den sozialen Netzwerken aus. Ihre Message ist einfach: Die heutige Zeit ist blöd, die frühere war viel besser, es gab keine psychischen Krankheiten, keine Allergien und Unverträglichkeiten, Masern und Röteln waren vollkommen harmlos, die Kinder haben den ganzen Tag draußen gespielt und überhaupt gar nie ferngesehen oder mit der Spielkonsole gespielt, außerdem waren sie besser erzogen, weil sie jeden Tag ihre wohlverdienten Prügel mit Kochlöffel, Teppichklopfer oder Gürtel bekommen haben, und das hat auch nicht geschadet, ebenso wenig, wie es geschadet hat, dass Babys zeitweise mit Alkohol ruhig gestellt wurden, die Jugend hatte noch Respekt vor Älteren und hat ihre Lebensmodelle nicht in Frage gestellt, die Mode war schöner, die Musik besser, die Fernsehsendungen intelligenter, die Ausländer waren im Ausland, die Väter konnten mit ihrem Gehalt als einfacher Arbeiter eine Luxusvilla und Urlaub in der Karibik finanzieren, während die Mutter ihre Erfüllung noch darin sah, zu kochen, zu putzen und die Kinder zu hüten, wie es sich gehört, mit zehn Euro konnte man einen ganzen Einkaufswagen füllen und überhaupt gab es damals den bösen Euro noch gar nicht, sondern nur die liebe D-Mark und den braven Schilling. Vor allem aber hatten wir damals keine Smartphones! Denn das Smartphone ist selbstverständlich die Wurzel allen Übels, wie Top-Eierer Numero 1 mittels seines neuen iPhone, Samsung Galaxy oder Sony Xperia ganz aufgeregt auf Facebook postet. Auf den Hinweis, dass nicht die Kinder, sondern deren Eltern die Smartphones kaufen, wird gern lamentiert, dass man gezwungen sei, seinem Fünfjährigen das neueste iPhone zu kaufen, weil er sonst von den anderen Kindern gemobbt wird. Beliebte Memes von Top-Eierer Numero 1 sind etwa spielende Kinder mit Bildunterschriften wie "Kindheit ohne Elektronik - ich war dabei!" oder "Kinder von heute kennen das nicht mehr". Oder auch das Bild, das erklärte, früher hätte es keine Lactose- und Fructose-Intoleranz gegeben und es sei gegessen worden, was auf den Tisch kommt. Gerne geilen sie sich auch gegenseitig auf mit Berichten darüber, wie schlimm und mit welchen Gegenständen sie verprügelt worden seien, dass ihnen das überhaupt nicht geschadet hätte und dass das der heutigen Jugend auch ganz gut tun würde. Lustig dabei: Ein paar Posts unter dem Meme mit den spielenden Kindern wird dann meist davon geschwärmt, wie viel besser die Videospiele und Fernsehsendungen früher doch waren - ich dachte, wir hätten damals nur draußen gespielt? Und dieselben, die schreiben, dass ihnen ihre gewaltsame Erziehung ja überhaupt nicht geschadet hätte und dass die heutige Jugend keinen Respekt mehr habe, sind oft auch die, die am lautesten pöbeln, wenn es um "diese Jugend" geht, und das meist auch auf auffallend unterirdische Art und Weise. Das Problem ist, dass viele "Respekt" mit Unterwürfigkeit und bedingungslosem Gehorsam verwechseln und deswegen nicht damit zurechtkommen, dass junge Leute die alten Wertigkeiten in Frage zu stellen. Abgesehen davon möchte ich anmerken, dass Menschen, die immer nur tun, was man ihnen sagt, leichter zu kontrollieren und zu manipulieren sind. Liebe Top-Eierer Numero 1, kann es möglicherweise sein, dass das Problem nicht die Jugend ist, sondern ihr selbst?

Top-Eierer Numero 2: Supermamis

Mütter eines hochbegabten Indigo-Wunderkindes müssen der Welt rund um die Uhr beweisen, dass ihr zukünftiger Messias etwas ganz Besonderes ist und viel besser als alle anderen. Sie betteln auf Social Media laufend darum, dass andere die Hochbegabung des Schneeflöckchens bestätigen; IQ-Tests müssen so oft wiederholt werden, bis das Ergebnis stimmt, und wenn das nicht zustande kommt, ist derjenige schuld, der den Test durchgeführt hat; schon vor dem Schuleintritt wird sichergestellt, dass Klein-Jerome und Klein-Elsa auf Drittklässer-Niveau Lesen, Schreiben und Rechnen lernt und wenn das Kind mal aufbegehrt, Verhaltensauffälligkeiten zeigt, die Teilnahme am Unterricht verweigert oder die Noten unterdurchschnittlich sind, liegt es selbstverständlich nur daran, dass der zukünftige Einstein angesichts des profanen Unterricht und der Gewöhnlichkeit seiner gleichaltrigen Klassenkameraden völlig unterfordert ist. Und dass die Lehrer ganz einfach zu dumm sind, als dass sie ihr Universalgenie adäquat darauf vorbereiten könnten, die Welt zu retten. Auffallend ist, dass solche Mütter in Sachen Intelligenz selbst eher selten der große Wurf sind - und dass sie ihren süßen Wonneproppen meist für den ultimativen Beweis ihrer Daseinsberechtigung halten. Die großen Verlierer einer solchen virtuellen Nabelschau sind allerdings die Kinder selbst - denn diese sind ständig dem Druck ausgesetzt, der Welt zu beweisen, wie besonders sie doch sind. Vor allem aber will mir nicht in den Kopf, warum man nicht einfach das Kind lieben kann, das man hat anstatt das, das man gern hätte. Kinder sind nun mal bereits von Geburt an eigenständige Menschen und kein Klumpen Knetmasse, den man nach Belieben zu etwas formen kann, das einem gefällt. Liebe Eierer Numero 2: Nehmt doch euer Kind um Gottes willen als den Menschen an, der es ist, anstatt es mit Gewalt in eine Schablone pressen zu wollen, in die es nicht passt!

Top-Eierer Numero 3: Mimimimimi, ich bin ja so arm!

Diese Unterart unserer Spezies ist felsenfest davon überzeugt, dass nur ihresgleichen Mitleid verdient hat. Meist ist sie männlich, kaukasischer Abstammung (also "weiß"), deutschsprachig (also aus Deutschland oder Österreich), übergewichtig und nicht mehr ganz jung. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist es, auf dem Sofa zu sitzen, RTL oder ATV zu schauen, Boulevard-Zeitungen zu lesen und sich über alles aufzuregen, was nicht ihrer Lebenswelt entspricht: Flüchtlinge bzw. Minderheiten, Klimaschutz-Demonstranten, Obdachlose, berufstätige Frauen, Politiker, die nicht rechts sind - all diese Leute sind Quell der Angst, ihre Vormachtstellung zu verlieren, die ihrer Meinung nach gottgegeben ist und also auch nicht in Frage gestellt werden darf. Geschieht das doch, ziehen sie sich mangels besserer Möglichkeiten in den Schmollwinkel zurück und beschweren sich unablässig darüber, dass die Ausländer durch die linksgrünversiffte Regierung doch so viel mehr kriegen als sie, dass die Jugend ihnen ihre Annehmlichkeiten streitig machen will, dass man sich für die faulen Schmarotzer krumm machen müsste, die von Steuergeldern leben, dass die Menschheit ausstirbt, weil alle schwul bzw. lesbisch werden und dass die Frau ihre Lebensaufgabe nicht mehr ausschließlich als Haussklavin und Gebärmaschine begreift. Und als ob das nicht schon schlimm genug, sind es auch noch immer die anderen, die von der Allgemeinheit bedauert werden! Das ist ungerecht! Liebe Top-Eierer Numero 3, bitte fragt euch mal, warum ihr mit eurem Leben so unzufrieden seid und ob tatsächlich immer nur die anderen daran schuld sind.

Top-Eierer Numero 4: Die selber denkenden Kritiker

Sie bilden ja bekanntlich mit die Essenz meines Blogs: Die Aufgewachten jenseits des Mainstreams, die nichts glauben, außer ein anonymer Typ im Internet erzählt es ihnen. Sie denken, dass sie im Gegensatz zu allen anderen, die blind der Herde hinterherlaufen und vor "denen da oben" den Kotau machen, aufgewacht sind und als einzige die absolute Wahrheit kennen. Sie verschließen sich jeder Vernunft und sehen jede Kritik als Beweis dafür, dass ihr Gegenüber in Wirklichkeit "der Feind" ist, den es zu bekämpfen gilt. Sie haben sich mittels ein paar dubioser Videos weitergebildet, wissen mittels ein paar Büchern vom Kopp-Verlag besser Bescheid als all diejenigen, die ihr Fachgebiet jahrelang studiert und sich über Jahrzehnte mit der Materie beschäftigt haben und müssen durch ihr Verhalten überall preisgeben, dass sie Absolventen der Universität zu Youtubingen sind. Auf Gegenargumente, die ihre steilen Thesen widerlegen, wird gar nicht eingegangen. Stattdessen beten sie immer wieder dasselbe runter, oder sie fangen an, ihr Gegenüber persönlich zu beleidigen - hast du kein Profilbild, bist du zu feige, dein Gesicht zu zeigen; hast du ein Profilbild, bist du hässlich; gibst du nicht dein halbes Leben preis, bist du untervögelt; oder du bist sowieso Fake oder ein Troll oder wirst von "denen" bezahlt. So oft, wie mir das schon vorgeworfen wurde, bin ich schwerst empört darüber, dass ich von dem vielen Geld, das ich angeblich bekommen soll, noch nie etwas gesehen habe. Ich muss auch zugeben, es ist zeitweise recht witzig, mal den einen oder anderen Aluhut-Träger herauszufordern, aber irgendwann ist es dann halt auch genug, und man muss sich zurückziehen, um seine persönlichen Grenzen nicht überzustrapazieren. Liebe Top-Eierer Numero 4: Man ist nichts Besonderes, nur weil man es am lautesten schreit!

Top-Eierer Numero 5: Social-Media-Tourette in der untersten Schublade

Diese Spezies kann mit Widerspruch und Kritik, wenn überhaupt, nur extrem schwer umgehen. Sie ist maßgeblich beteiligt an der zunehmenden sprachlichen Verrohung in der virtuellen Kommunikation. Die meisten von ihnen sind natürlich dem rechtsradikalen Sektor und/oder den Verschwörungsgläubigen zuzuordnen, aber es gibt auch immer mehr Neutrale oder gar Gegner, die sich dieser bisweilen menschenverachtenden Sprache bedienen - egal, wo man ist, fast überall wird man mit sprachlichen Entgleisungen konfrontiert, und das Schlimme daran ist, dass viele Jugendliche das bereits nachmachen und dabei häufig noch weitaus mehr aufdrehen. Während Frauen schnell mal zickig werden, wenn man ihnen nicht recht gibt und in diesem Zustand auch extrem leicht zu triggern sind, müssen Männer meist ihren Alpha-Status beweisen und plustern sich auf wie Kampfhähne; sind sie mit einer Frau konfrontiert, neigen sie meist dazu, ihr jegliche Kompetenz abzusprechen und untegriffig zu werden.Für viele Top-Eierer Numero 5 reicht ein Blick in dein (auf "Privat" gestelltes) Social-Media-Profil, um dir ganz genau deine Intelligenz, dein Leben und deinen Charakter erklären zu können. Wenn's ganz blöd kommt, werden Männern Schläge angedroht und Frauen Vergewaltigungen gewünscht, im schlimmsten Fall gibt es Aufrufe zum Suizid oder gar Morddrohungen - sowohl öffentlich oder via privater Nachricht. Wobei ich betonen muss, das Morddrohungen und dergleichen bereits strafrechtlich relevant sind - vor allem aber möchte ich anmerken, dass man nicht abschätzen kann, ob Worten nicht möglicherweise Taten folgen. Der Grund für diese überbordende Feindseligkeit ist sicher vielfältig - ich bin mir aber sicher, es hat in erster Linie damit zu tun, dass es etwas anderes ist, ein Social-Media-Profil vor sich zu haben, als dem Menschen, der dahinter steckt, gegenüberzustehen. Darüber hinaus werde ich das Gefühl nicht los, dass sich viele im Internet immer noch für "anonym" und unantastbar halten, obwohl wir in Wirklichkeit doch alle wissen, dass das nicht so ist. Liebe Top-Eierer Numero 5: Seid ihr in eurem privaten Umfeld eigentlich auch so bemerkenswert unsympathisch, oder nutzt ihr euer Social-Media-Ich vielleicht dazu, um eure aufgestauten Frustrationen endlich ausleben zu können, da ihr im realen Leben den Mund nicht aufbekommt?

Mir ist natürlich bewusst, dass die Liste nerviger Personen, sowohl online als auch in der Welt da draußen, weitaus länger ist als das, was ich hier vorstelle. Deswegen spiele ich mit dem Gedanken, sie bei Gelegenheit noch mal zu erweitern - wenn das Bedürfnis irgendwann mal wieder da ist. Bisweilen hoffe ich, dass ihr an dieser meiner großen Empörung auch noch ein wenig Spaß habt und wünsche euch, dass ihr die restliche Selbstisolations-Zeit einigermaßen gut übersteht - und natürlich auch, dass ihr gesund bleibt und wir eines Tages wieder Gruppenkuscheln veranstalten können! Bis zum nächsten Mal!

vousvoyez

Montag, 20. April 2020

Seid froh, dass ihr nicht an meiner Stelle seid; ich will auch nicht in eurer Haut stecken

(c) vousvoyez
Ich denke, diesen Gedanken hat man besonders in der Pubertät ziemlich oft, wenn man sich von allen wahnsinnig unverstanden fühlt und das insgeheim genießt. Zumindest habe ich meine melancholischen Anwandlungen zeitweise voll ausgekostet. Noch heute, wenn ich drohe, in Selbstmitleid zu versinken, denke ich an den zu Recht beliebten Film Le fabuleux destin d'Amélie Poulain (Die fabelhafte Welt der Amélie und macht euch ruhig darüber lustig, dass ich so gern die Originaltitel von Filmen statt der deutschen Version verwende), und zwar an die Szene, wo Amélie in Weltschmerz versinkt und sich heulend vorstellt, wie im Fernsehen ihr Staatsbegräbnis übertragen wird und die ganze Welt um ihren Tod weint wie um den von Prinzessin Diana. Das hat mir übrigens auch ein bisschen geholfen, die letzte Wochenend-Depression zu vermeiden.

Der Satz selbst stammt eigentlich aus Hans Söllners Song Schamts eich ruhig für mi, allerdings habe ich ihn auch in diesem Fall wieder ein wenig abgewandelt. Wobei ich schmerzlich zugeben muss, dass mich das, was er zurzeit so ins Internet bläst, eher deprimiert und hilflos macht - vor Jahren brachte er mal neue Ideen und Gedanken auf, aber momentan scheint er der lebende Beweis dafür zu sein, dass Dauerkonsum von Marihuana wohl doch nicht so harmlos ist, wie wir alle immer gedacht haben. Auch wenn ich Ferndiagnosen für unangebracht halte und nicht der Meinung bin, dass die weitere Illegalisierung von Marihuana per se irgendwas besser macht - aber das ist eine andere Geschichte.

Wie ihr ja wisst, widme ich mich ab und zu auch Schwurbelthemen - erst kürzlich habe ich über die Verschwörungsideologie um QAnon berichtet und auch der Definition von Wahrheit einen ganzen Artikel gewidmet. Was mir bei manchen Leuten sehr häufig begegnet, ist jedoch ein hohes Maß an Unsicherheit - Unsicherheit darüber, was man glauben soll und was nicht, wann man von einer Verschwörungsideologie ausgehen kann und wann nicht. Nun, eine 100%ige Garantie gibt es für absolut nichts - es gab zu allen Zeiten Hypothesen, denen niemand geglaubt hat und die sich als wahr herausgestellt haben, und andere, die widerlegt werden konnten, obwohl alle sie geglaubt haben. Wie ich schon geschrieben habe, ist niemand im Besitz des absoluten Wissens - und ich habe ebenfalls geschrieben, dass selbst seriöse Artikel von Menschen geschrieben wurden, die naturgemäß nicht vollkommen objektiv sein können. Das Ding mit den Medien ist halt einfach tricky - es passiert mir selbst auch schon mal, dass ich Sachen glaube, die nicht stimmen, oder dass ich Dinge, die wahr sind, erst mal nicht glaube. Es gibt jedoch ein paar Vorgehensweisen, mit denen ich bisher ganz gut gefahren bin, wenn es darum ging, Schwurbel zu erkennen, und die habe ich euch heute mal in zehn Punkten zusammengefasst - hauptsächlich, weil zehn eine runde Zahl ist und niemand Stress kriegt, weil es nur neun oder gar elf sind.

1) Der "gesunde Menschenverstand"
Ich behaupte mal, dass die meisten Menschen, die geistig einigermaßen fit sind, einen solchen haben. Und klar, die Phrase ist abgedroschen, aber vieles kann man schon von vorn herein entlarven, wenn man sich selbst mal fragt, wie glaubwürdig das überhaupt klingt. Ist es tatsächlich möglich, dass uns Schulen, Universitäten, Medien, die Regierung etc. eine flache Erde verschweigen, und was hätten sie davon? Ist es glaubwürdig, dass in der hohlen Erde Reptilienwesen leben, deren Existenz niemand je glaubhaft bewiesen hat und die sich ab und an in menschliche Wesen verwandeln, oder klingt das nicht eher nach einem schlechten Science-Fiction-Film? Warum ist ein anonymer Typ im Internet vertrauenswürdiger als alle anderen auf der Welt? Wenn es einen "Bevölkerungsaustausch" gibt, warum laufen dann immer noch so viele hässliche weiße Pegida-Demonstranten durch die Gegend? Wenn das Problem doch so präsent ist, warum fällt es dir erst jetzt, wo du es kennst, auf? Wenn wir all das nicht wissen dürfen, warum "wissen" wir es dann? Wenn du diese Fragen nicht einigermaßen zufriedenstellend für dich beantworten kannst, dann solltest du überlegen, ob es nicht vielleicht daran liegt, dass sie unglaubwürdig sind.

2) Quellen überprüfen

Das zweite Gebot ist, zu überprüfen, wo eine bestimmte Verschwörungsideologie herkommt. Hat sie dir die Freundin der Friseuse der Ehefrau des Nachbarn deines Kollegen erzählt? Behauptet das irgendeine unbekannte Person in einem YouTube-Video, einem Weblog, einer Social-Media-Plattform? Ist es unmöglich, zu erkennen, wo diese Behauptung überhaupt herkommt oder verweist derjenige, der diese Behauptungen aufstellt, auf weitere YouTube-Videos, anonyme Blogs oder die Schwägerin der Schwester des Vorsitzenden des Vereins des Hundezüchterverbands in Attnang-Puchheim? Oder sagt er dir ein bisschen zu oft: "Google doch mal" oder "Lern erst mal selber denken"? Wenn du all diese Fragen mit "ja" beantworten kannst, ist die Sache normalerweise schon klar. Und somit können wir uns Struktur und Aufbau von Verschwörungsideologien widmen.

3) Die große Weltverschwörung

Eine Verschwörungsideologie ist meistens auffallend universell - ein beträchtlicher Teil der Regierung, Staatsorgane, Experten, Kritiker der Ideologie, alle sollen darin verwickelt sein. Ich glaube, es ist nicht das erste Mal, dass ich erkläre, dass ich mit Verschwörungen, die eine so hohe Universalität haben sollen, besonders, wenn sie schon seit vielen Jahren andauern sollen, ein großes Problem habe: Wenn über eine lange Zeitspanne auffallend viele Personen darin verwickelt sein sollen, warum konnte man das dann geheim gehalten? Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine große Gruppe von Menschen, besonders wenn eine große Anzahl in der Öffentlichkeit steht, kollektiv dicht gehalten haben soll. Verschwörungen, die sich bewahrheitet haben, wie sie beispielsweise auf WikiLeaks zu finden sind, kommen früher oder später doch ans Licht - eben weil es bei einer großen Gruppe von Eingeweihten sehr unwahrscheinlich ist, dass nicht doch irgendjemand mal auf irgendeine Weise mit der Wahrheit herausrückt.

4) Extremes Schwarz-Weiß-Denken

Leute, die einer Verschwörungsideologie anhängen, kennzeichnen sich meist durch ein extremes Schwarz-Weiß-Denken - Wir gegen die, Gut gegen böse, wenn etwas nicht so ist, kann es nur so sein. Das Problem dabei ist, dass oft durchaus Ansätze da sind, die man hinterfragen kann. Das "Hinterfragen" manifestiert sich hierbei jedoch in einer vereinfachten Ausschließlichkeit: Die öffentlichen Medien, von vielen Verschwörungsgläubigen auch "Mainstream-Medien" oder "Systemmedien" genannt, sind  nicht unfehlbar, deshalb lügen sie immer, es sei denn, sie bestätigen ganz zufällig deine Meinung. Dem gegenüber stehen dann "alternative" Medien, die zum Ausgleich dazu immer die absolute Wahrheit sagen. Auch jahrzehntelang getestete Impfungen haben in seltenen Fällen Nebenwirkungen - das ist für Impfgegner der "Beweis", dass durch Impfungen Gift in den Körper gespritzt wird und dass andere nach der Impfung aufgetretene Erkrankungen oder Störungen ja nur durch die Impfungen hervorgerufen werden können. COVID-19 verläuft in den meisten Fällen unkompliziert, deshalb ist das der "Beweis", dass eine "harmlose Grippe" als Vorwand genommen wird, um alle unsere Grundrechte abzuschaffen und uns gegen unseren Willen zu impfen und zu "chippen".

5) Vereinfachte Erklärungen und bestimmte Begrifflichkeiten

Damit hängen natürlich die Vereinfachungen zusammen, die durch diese Art von Weltbild gerne vorgenommen werden. Das Leben ist extrem kompliziert, und um Wissenschaft adäquat anwenden und verstehen zu können, muss man viele Jahre lang studieren und forschen. Und ja, auch ich bin der Ansicht, dass Wissenschaft unbedingt transparenter und gewisse Zusammenhänge auch verständlicher dargebracht werden sollten - gerade auch, um Schwurbeleien einzugrenzen. Denn gerade diejenigen, die versuchen, durch Verschwörungsideologien und Falschbehauptungen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, nutzen dieses Defizit sehr oft aus. Vor allem aber hat ein vereinfachtes Verschwörungsbild den Vorteil, dass es so eine Art Heilsversprechen liefert. Durch Verschwörungsideologien versucht man, uns weiszumachen, es gäbe sozusagen einen Ausgang aus dieser unserer Realität hin in eine "wirkliche" Realität, es gäbe eine oder mehrere bestimmte Personen, die im Hintergrund alles bestimmt, was auf unserer Welt geschieht - und verspricht auf diese Weise, dass, wenn der bzw. die Verschwörer besiegt ist/sind, am Ende alles gut sein wird. Sehr typisch für Verschwörungsideologien sind natürlich auch bestimmte Begrifflichkeiten: Da werden Tatsachen gerne mal umgedreht und beispielsweise von "Linksfaschismus" gesprochen, beliebt sind auch Phrasen wie "Google doch mal", "Denk selber nach", "Wir dürfen das nicht wissen", "Systemmedien", "Mainstream", "Lemminge" oder "Schlafschaf".

6) Klare Feindbilder

Mit Vereinfachungen und Schwarz-Weiß-Ideologien hängt auch das Erschaffen eines klaren Feindbildes zusammen. Meistens sind es natürlich "die da oben" - Regierung, Wissenschaft, Bildungswesen und so weiter. Oft konzentriert es sich auch auf Personen, die schlicht und einfach unliebsam sind, weil man sie nicht kennt und sich nicht mit ihnen auseinandersetzen will, oder weil sie Veränderungen herbeiführen könnten, die einem nicht gefallen - etwa die Ausländer oder die jüngere Generation. Die arbeiten dann meist auch noch mit "denen da oben" zusammen - die FFF-Aktivisten mit den Klimaforschern, die Flüchtlinge mit Angela Merkel oder "dem Linksfaschismus".

7) Absoluter Wahrheitsanspruch

Wie das mit der Wahrheit aussieht, habe ich ja bereits ausführlich dargestellt. Bei Verschwörungsgläubigen fällt sehr oft auf, dass sie das, was sie glauben, als absolut wahr ansehen und keinen Widerspruch gelten lassen. Häufig sind sie der Ansicht, dass Wissenschaft den Anspruch auf unveränderliche Wahrhaftigkeit habe und wissenschaftliche Theorien niemals widerlegt werden könnten. In Wirklichkeit ist eine der wichtigsten Eigenschaften wissenschaftlicher Thesen, dass man diese sowohl beweisen als auch widerlegen können muss - die meisten von ihnen müssen tatsächlich sehr häufig korrigiert oder sogar widerlegt werden. In der Verschwörungsideologie hingegen ist es so ähnlich wie in einer besonders autoritären Ausprägung von Religion: Was heute als "Wahrheit" gilt, wird auch morgen und für alle Zeiten so gelten und darf nicht hinterfragt werden, und wer imstande ist, diese "Wahrheit" zu widerlegen, ist in Wirklichkeit Teil der Verschwörung

8) Das "Wir-dürfen-das-nicht-wissen"-Argument

Ein weiteres Kennzeichen einer Schwurbeltheorie ist, dass diese ganz besonders geheim sein soll und dass wir sie alle nicht wissen dürfen. Die Frage, die du dir in diesem Fall stellen kannst, ist eigentlich ganz einfach: Wenn wir das nicht wissen dürfen, warum ist dieses "Wissen" dann für jeden völlig unkompliziert zugänglich? Und warum soll gerade Theo von nebenan im Besitz dieses exklusiven Wissens sein? Und wenn wir schon dabei sind: Warum hat es alle Welt ausschließlich auf Helga aus Stinkenbrunn abgesehen?

9) Festgefahrene Meinung

Ein weiteres Merkmal von Schwurbelgläubigen ist ihre unerschütterliche, festgefahrene Meinung. Da wird jeder, der in seiner Meinung davon abweicht, sofort als "Feind" begriffen, und alles, was diese Meinung nicht wiedergibt, ist Teil der Verschwörung. Deswegen haben viele auch so ein großes Problem mit unabhängigen Medien - weil sie glauben, unabhängige Medien seien dazu verpflichtet, ausschließlich ihre Meinung wiederzugeben.

10) Diffamierung des Gesprächspartners

Wir erleben es oft in den sozialen Medien, am häufigsten jedoch bei Verschwörungsgläubigen: Wer keine Argumente mehr hat, fängt an, zu diffamieren und zu beleidigen. Man unterstellt demjenigen, der widerspricht, die Meinungsfreiheit zu missachten oder gar "Zensur" zu betreiben (obwohl Zensur ausschließlich vom Staat ausgeht), man erklärt ihm, er würde nicht "selber denken", sondern "mit der Herde mitlaufen", er sei Teil des "Mainstream" und außerdem ein "Schlafschaf", das "aufwachen" müsse, ehe es "zu spät" sei. Solche Menschen sind für Gegenargumente meist überhaupt nicht mehr zugänglich. Wer auf solche Personen trifft, dem würde ich raten, sich aus der Diskussion zurückzuziehen, im Zweifelsfall auch die Blockier-Funktion anzuwenden - du wirst dieser Person leider nicht helfen können, und du hast es auch nicht notwendig, dich von einem fremden Menschen, mit dem du ausschließlich virtuell kommunizierst, fertigmachen zu lassen.

Ich hoffe, ich konnte mit diesen Punkten ein bisschen weiterhelfen und doch auch ein wenig Licht ins Dunkel der Verschwörungen bringen. Außerdem hoffe ich, dass auch ihr nicht aufhört, zu fragen und zu überprüfen. Bis zum nächsten Mal!

vousvoyez

Samstag, 18. April 2020

Rennt a Sau um die Ecken und ist weg

(c) vousvoyez
Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht, aber mir fällt auf, dass ein Teil meiner Kindheit und Jugend von verschiedenen Witz-Phasen geprägt war - wenn ich ihn kategorisieren müsste, würde ich sagen, er begann in der Grundschule und zog sich bis hinein ins Unterstufengymnasium. Anfangs waren es ganz harmlose Witze, bevorzugt von Tieren oder sowas wie den Bananen-Witz, über den ich in einem anderen Artikel schon geschrieben habe. Dieser Phase folgten Zeiten, wo wir uns Witze über Blondinen, Leprakranke, Kärntner, Burgenländer oder Ostfriesen erzählten. Und natürlich gab es immer auch Witze mit aktuellem Bezug - beispielsweise über Franz Fuchs, Prinzessin Diana oder auch das Grubenunglück von Lassing, über das es damals unfassbar viele Witze gab. Natürlich gibt es auch etliche Witze, die sehr gut recyclebar sind - die Witze, die man sich zur Zeit von George W. Bush erzählte, sind beispielsweise noch weitaus besser auf Donald Trump anwendbar, andere Witze tauchen sowohl bei den Ostfriesen als auch bei den Kärntnern oder Blondinen wieder auf, und vor nicht allzu langer Zeit habe ich entdeckt, dass die alten Äthiopier-Witze, die vor allem auf die Magerkeit des Großteils der Bewohner dieses afrikanischen Landes anspielen, auch von vielen Anorektikern angewendet werden, um sich über sich selbst lustig zu machen. Die vorliegende Weisheit stammt aus der Anti-Witz-Phase, die bei mir altersmäßig in die Zeit zwischen Kindheit und Pubertät fällt - jene Witze, die zwar mit den bekannten Mustern spielen, diese aber meist ad absurdum führen. Ich schätze die Anti-Witze im Prinzip bis heute, aber es liegt in der Natur des Witzes, dass er, zu oft erzählt, irgendwann einmal ausgereizt ist. Besonders nervig sind ja beispielsweise die Leute, die sich ewig und drei Tage über ein und denselben Witz amüsieren können - und ich hatte einen Lehrer, der ein ganzes Schuljahr lang nur über diesen einen Witz gelacht hat.

Ich persönlich habe immer gern Witze gehört, gesammelt und weitererzählt - da ich ein einigermaßen gutes Gedächtnis habe und recht gut erzählen kann, war das jahrelang eine bevorzugte Strategie, um bei anderen Anerkennung zu finden, etwas, das mir besonders in jungen Jahren nicht sehr leicht fiel. Vor allem aber auch, weil mich Humor immer schon interessiert hat - ich lache gern, ich habe einen Partner, der auch so ist und ich finde es spannend, worüber einzelne Menschen zu bestimmten Zeiten und auch in bestimmten Kulturen so lachen. Bei uns in Österreich behauptet man ja ab und an sehr gern, dass unsere geliebten Nachbarn, die Deutschen, keinen Humor besäßen - damit täte man jedoch vielen großartigen Humoristen, die unser "großer Bruder" hervorgebracht hat, gewaltig Unrecht. Und dieser Meinung bin nicht nur ich allein. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mit einer gewissen Art des deutschen Humors nicht viel anfangen kann - viele Deutsche allerdings auch nicht. So gehöre ich beispielsweise zu all jenen, die nicht verstehen können, wie Mario Barth ein so großes Publikum haben kann, obgleich ich ihn überhaupt nicht witzig finde. Aber das kann man jetzt nicht unbedingt nur daran festmachen, dass er Deutscher ist - Werner Schneyder war Österreicher, und seine Kabarett-Auftritte lösten bei mir lediglich ein gewaltiges Gähnen aus. Trotzdem gab es Leute, die sich diese angeschaut haben. Ich habe auch erfahren, dass er privat ein ganz netter Typ gewesen sein soll - das mag ja auch sein, was ich an ihm nicht leiden konnte, war lediglich die Kunstfigur. Vielleicht ist ja auch der Herr Mario Barth privat weitaus verträglicher als auf der Bühne.

Es ist wohl bezeichnend, dass meine erste Lieblingsband oftmals als reine Klamauk-Gruppe verschrien war, auch wenn ihre Texte durchaus gesellschaftskritisch waren und deshalb auch häufig von Radiosendern boykottiert wurden - mit fünf Jahren konnte ich praktisch jedes Lied des Albums Nepomuks Rache der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (EAV) auswendig mitsingen. Erst Jahre später wurde mir mit Schrecken bewusst, was ich unschuldiges kleines Mädchen da eigentlich gesungen hatte, als ich den Song Samurai wieder hörte, der sich humoristisch-kritisch mit dem Sextourismus in Südostasien auseinandersetzt, oder die Single Burli, in der es um die möglichen Missbildungen eines Kindes nach dem GAU eines Kernkraftwerks geht. Ein paar Jahre später erzählte mir ein befreundetes Ehepaar, dass sie aufgehört hätten, zu Hause Reggae-Songs zu spielen, nachdem ihr kleiner Sohn im Kindergarten angefangen hatte, Ganja Farmer zu singen.

Wie die meisten Kinder meiner Generation, so wuchs auch ich mit Otto Waalkes auf. Wir hatten zu Hause Videos, Schallplatten, Kassetten und CDs, und das meiste konnte ich auswendig und plapperte es bei jeder Gelegenheit vor mich hin. Eine beliebte Nummer in meiner Schule war meine Interpretation von "Susi Sorglos", mit elf Jahren war ich sogar mal bei einer seiner Live-Shows. Eine Zeit lang habe ich das Interesse an ihm verloren, weil er allmählich begann, sich zu wiederholen, aber seit ich sein Buch gelesen habe und weiß, dass er sich mit diesen Auftritten körperlich und geistig fit hält und immer noch Freude daran hat, kann ich auch das akzeptieren. Zumindest war er der erste, bei dem mir auffiel, dass er wie kein anderer sein Publikum vollkommen in der Hand hatte - Jahre später besuchte ich einen Live-Abend von Alf Poier, von dem ich ebenfalls ein großer Fan war und der auch in einem ausverkauften Saal spielte, aber ich musste feststellen, dass er sein Publikum nicht so leicht wie Otto dazu bewegen konnte, praktisch jeden Scheiß mitzumachen. Neben Otto mochte ich auch Loriot, der natürlich mit weitaus feinerer Klinge operierte, dessen Humor jedoch dadurch, dass man ihn mit einem gewissen Maß an Aufmerksamkeit in den alltäglichsten Situationen wiederfindet, vollkommen zeitlos ist. Zu meinem Bedauern muss ich jedoch gestehen, dass ich den großen Hape Kerkeling erst viel zu spät richtig für mich entdeckte. Womit ich nie was anfangen konnte, waren diese typischen Zirkusclowns - das ist mir nach wie vor viel zu übertrieben. Ich habe ja schon einmal angemerkt, dass es einen Grund hat, warum gerade große Humoristen wie eben Loriot meist ein eher seriöses Auftreten haben - weil Humor dieser äußere Korrektheit natürlich noch mehr ad absurdum führt. Und natürlich wissen die Aufmerksameren unter meinen Lesern, dass Fasching und Karneval für mich eine Zeit des Grauens sind.

Die 1980er und 1990er Jahre waren in Sachen österreichischen Humor eine sehr fruchtbare Zeit - in den 80ern kämpften sich viele junge, talentierte Kabarettisten auf die Bühnen dieses Landes und wurden im Laufe der 90er auch über die Grenzen unseres Landes hinaus berühmt. Die einen erlangten ihren Ruhm als Teil einer Gruppe, beispielsweise Alfred Dorfer, Roland Düringer und Andrea Händler durch "Schlabbarett", die anderen als Einzelkämpfer, etwa Josef Hader oder Andreas Vitásek. Viele von ihnen waren und sind auch sehr erfolgreich als Autoren, Regisseure und Schauspieler, und das völlig zu Recht - Düringer behauptete immer, er habe in Filmen und Serien nur sich selbst gespielt, aber wenn ich mir ansehe, welche Rollen er bereits verkörpert hat, dann erkenne ich eine große Wandlungsfähigkeit, die weitaus mehr ist als nur "sich selbst spielen", wie es beispielsweise ein Klaus Kinski größtenteils praktiziert hat, der ja in erster Linie als Schauspieler bekannt ist. In den 90ern war ich auch sehr empfänglich für den minimalistischen Humor von Fernsehsendungen wie Monte Video oder Projekt X, der jedoch weitaus nicht jedermanns Sache ist, und ich muss sagen, ja, ich kann das schon irgendwie verstehen, denn besonders Projekt X ist teilweise schon ziemlich langweilig, da das meiste improvisiert ist. Heutzutage würde man solche Aufnahmen wohl effektiv zusammenschneiden, um aus diesen langatmigen Sketches das Beste herauszuholen, aber ich glaube, damals war das so ein Ding wie diese Found-Footage-Filme, über die ich an anderer Stelle schon gesprochen habe. Sehr ähnlich waren auch die frühen Sachen von Stermann und Grissemann, die ich damals einfach nur extrem nervig fand, während ich ihre aktuelle Sendung Willkommen Österreich richtig cool finde und unheimlich gern sehe. Vor allem auch, weil ich immer auf den Auftritt der Gruppe maschek warte.

Eine Phase, die wohl jeder Teenager, der heute so alt ist wie ich, einst durchlebte, war die, wo man nahezu süchtig war nach dem subversiven Humor der Monty Pythons. Mittlerweile kann ich The Life of Brian zumindest in der deutschen Version praktisch einwandfrei auswendig mitsprechen, und wenn ich was zu lachen brauche, schaue ich nach wie vor gerne Sketches aus Monty Python's Flying Circus, allen voran natürlich den Restaurant-Sketch mit der schmutzigen Gabel, aber auch die Trottel-Olympiade und die von John Cleese einst so perfektionierten "Silly Walks". Auf diese Weise habe ich auch Zugang zu den Beatles gefunden - durch ihre ersten beiden sehr lustigen Filme, die in bester englischer Slapstick-Manier auch nach über einem halben Jahrhundert noch Spaß machen, selbst wenn man kein Fan von Sixties-Musik ist. Obwohl mein Lieblings-Beatles-Film natürlich Yellow Submarine ist, weil ich die Zeichnungen und Ideen einfach großartig finde und der Stil mich an den Monty-Pythons-Zeichner Terry Gilliam erinnert. Bei den beiden Stiefkindern der Beatles-Filmographie, Magical Mystery Tour und Let It Be, braucht man allerdings sehr gute Nerven - ich würde sie mir wohl nicht noch einmal anschauen.

Ja, wenn es um Humor geht, ist ab und an auch Subversion oder gar Provokation erlaubt. Zu den Witz-Phasen in meinem Leben gehörten natürlich auch sexuelle Witze, besonders beliebt in der Zeit, nachdem man aufgeklärt war. Ich habe, glaube ich, bereits erwähnt, dass man in meiner Kindheit im ersten Jahr der weiterführenden Schule, also Hauptschule oder Gymnasium, offiziell aufgeklärt wurde, dass man im Prinzip aber alles schon vorher wusste. Ich wurde im Grundschulalter in meinem Freundeskreis aufgeklärt - genauer gesagt von einem zwei Jahre jüngeren Freund, wie ich zu meiner unendlichen Schande gestehen muss. Natürlich war, bevor die Pubertät voll zuschlug, das Thema Sex für uns alle noch ziemlich abstrakt und auch etwas unheimlich, und um mit diesem Gefühl der Scham und auch Angst umgehen zu können, haben wir uns gegenseitig Sex-Witze erzählt, auch wenn wir nicht alles sofort verstanden haben, aber das war egal, Hauptsache sie waren schön eklig. Überhaupt waren Ekel-Witze eine Zeit lang natürlich DAS große Ding, allen voran die "Gusch-Bua"-Witze: "Papa, i mag keine blauen Spaghetti!" - "Gusch, Bua, die Krampfadern von der Oma müssen g'essen werden!"Auf diese Weise kam ich auch von den Simpsons, deren frühe Folgen ja noch weitaus bösartiger waren als die heutigen, über South Park bis zu Happy Tree Friends, Serien, an denen ich sanftmütiges Wesen immer noch meinen Spaß habe, wenn ich in der richtigen Stimmung bin.

Und jetzt muss ich etwas gestehen: Ich habe in einem anderen Artikel geschrieben, dass ich als Mittdreißigerin mit Influencern nichts anfangen kann - das stimmt allerdings nicht so ganz. Klar, diese tollen Instagram-Models mit ihren gephotoshoppten und gestellten Bildern, die klickgeilen Trash-YouTuber und die Let's-Plays gehen mir allesamt am Allerwertesten vorbei, aber ich denke nicht, dass das anders wäre, wäre ich zehn oder zwanzig Jahre jünger. Ich habe schließlich auch nie davon geträumt, Model zu werden, und das einzige Supermodel, das ich je als Vorbild betrachtet habe, war Waris Dirie, und das bestimmt nicht wegen ihrer tollen Von-der-Wüste-auf-die-Laufstege-Karriere. Und ja, ich habe einen Instagram-Account, aber ich werde euch ganz bestimmt nicht anbetteln, mir zu folgen, zumal dieser für all die coolen Insta-Stars wohl der langweiligste Account aller Zeiten ist - zu den Höhepunkten gehörte, dass ich bei meinem letzten Urlaub quasi im Minutentakt kryptische Fotos hochgeladen habe, einfach nur, weil mir das weitaus mehr Spaß gemacht hat, als auf Likes zu warten, und dass ich letzte Woche aus lauter Langeweile Fotos von meiner Plüsch-Spinne gemacht habe, als ich sie gerade wusch. Ich liebe aber Parodien und humoristische Videos auf YouTube, beispielsweise die von Florian Heider oder auch Michael Buchinger. Ich entdecke immer mehr, dass in dieser etwas neueren Form der medialen Unterhaltung (als "ganz neu" kann man eine fast 20 Jahre alte Plattform nun wirklich nicht mehr bezeichnen), obwohl sie leider auch immer mehr von Trash-Formaten entdeckt wird und YouTube in seiner Art des Löschens und Demonetarisierens schon fast so undurchsichtig ist wie Facebook, für viele junge oder auch nicht mehr ganz so junge Leute eine verhältnismäßig unkomplizierte Chance bietet, ihre Ideen mit anderen zu teilen. Vor allem aber freue ich mich immer wieder darüber, Leute mit Potenzial zu entdecken. Seit das Fernsehen nicht mehr so experimentierfreudig ist wie beispielsweise in den 1970ern, brauchen talentierte Menschen andere Plattformen, auf denen sie sich ausdrücken können, damit wir alte Muster durchbrechen und neue Talente entdecken können. Und ich persönlich hoffe, dass es in Zukunft noch viele, viele mir bis dato noch unbekannte Personen geben wird, die mir den Tag versüßen - besonders an Tagen wie diesen, wo einem die Zeit bisweilen etwas lang wird.

vousvoyez