Dienstag, 5. Mai 2020

Wie trennt sich Heidi Klum eigentlich von ihren Partnern - "Ich habe heute leider kein Foto für dich"?

(c) vousvoyez
Tja, so ist das halt - jeder Superheld und jede Superheldin braucht einen Gegenspieler. Batman hat Robin, Superman hat Luthor und eure vousvoyez hat eben Heidi Klum. Wobei ich sagen muss, dass es mir in Wirklichkeit vollkommen wurscht ist, wen die gute Frau heiratet und wann sie ihre Oberweite entblößt - ich will es nur nicht wissen. Und schon gar nicht früh am Morgen, wenn ich eigentlich andere Gedanken im Kopf habe. Ich finde nur das Frauenbild, das sie mit ihrer Sendung Germany's Next Topmodel vermittelt, schlicht und einfach problematisch - und auch das Bild, das sie von sich in der Öffentlichkeit preisgibt. Und dabei könnte gerade sie ein Beispiel dafür sein, dass Models nicht automatisch dumm sind - denn um so eine Karriere hinzulegen, erfordert es tatsächlich eine gewisse Intelligenz.

Nun, ich kann mich über Frau Klums Medienwirksamkeit aufregen. Wie sie sich präsentiert, muss sie jedoch selbst wissen - das ändert nichts daran, dass sie ein Mensch ist und dass man auch ihr die Menschenwürde nicht abzusprechen hat. Einer der am meisten aufgerufenen Artikel in meinem Blog ist ja jener, in dem ich meine persönliche Meinung zur Illegalisierung von Prostitution kundgetan habe. Ich habe auch angemerkt, dass ich mich möglicherweise noch einmal dem Thema annähere. Nun, ich glaube, jetzt ist dieser Moment gekommen - und zwar deshalb, weil aktuell viele, auch prominente, Internet-Nutzer auf dumme Ideen zu kommen scheinen. Ja, liebe Leute, wir müssen wieder mal reden!

Das neue Hobby des deutschen Komikers, Moderators, Entertainers und Schauspielers Oliver Pocher scheint ja zu sein, online über Influencer herzuziehen. Nun, ich kann mit diesem Herrn offen gestanden nicht viel anfangen - mir ist es schleierhaft, wie man den lustig finden kann, deshalb schalte ich auch immer weg, wenn er mal im Fernsehen ist, aber Geschmäcker sind ja bekanntermaßen verschieden. Deshalb hatte ich auch keinen Grund, mich jemals mit seinem Instagram-Account oder sonstigen Social-Media-Aktivitäten von ihm auseinanderzusetzen, aber bekanntermaßen muss man ja nicht immer was dazu tun, um über die Tätigkeiten gewisser Prominenter und solcher, die es gerne werden oder bleiben wollen, in Kenntnis gesetzt zu werden. Ähnlich geht es mir übrigens auch mit den Personen, deren Bloßstellung aktuell für einen digitalen Wirbel sorgt - nämlich Anne Wünsche und ihre Freundin, die sich offenbar für sie eingesetzt hat. Auf Wikipedia wird die als "Laiendarstellerin und YouTuberin" vorgestellt - bekannt wurde sie, wie es aussieht, durch die Sendung Berlin - Tag & Nacht, die ich mir nie angesehen habe. Außerdem hat sie anscheinend auch eine kleine Rolle in der Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten gespielt. Ganz offensichtlich hat sie auch noch einen YouTube-Kanal, auf dem sie, nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder zur Schau stellen soll - ebenso wie ihre Freundin Kim Zarwell, von der ich bis heute ebenfalls noch nie etwas gehört habe, es auf Instagram tut. Okay, das kann man kritisieren - muss man, finde ich, auch. Und das ist es, was Herr Pocher auch tut - angeblich. Denn ich sage: Nein, es geht ihm hier nicht um die Kinder. Es geht ihm lediglich darum, eine Rechtfertigung zu haben, in der Vergangenheit fremder Frauen herumzugraben.

Denn Anne Wünsche hat vor Jahren einmal in einem Porno mitgespielt, und Kim Zarwell hat früher als Domina gearbeitet. Und Herrn Pocher fiel offenbar nichts Besseres ein, als diesen Teil der Vergangenheit jener beiden Damen an den Pranger zu stellen, beispielsweise, indem er Auszüge aus einem bisher nicht bekannten Porno mit Anne Wünsche zeigte. Nun, ich frage mich, ob Oliver Pocher nicht das ein oder andere Mal selbst in den Puff ging - und ob er nicht ab und zu auch mal den einen oder anderen Porno konsumiert. Und warum so viele Leute diesem Verhalten auch noch Beifall spenden und "selbst schuld" rufen - und sich nicht fragen, was für ein Vorbild Herr Pocher seinen eigenen Kindern ist, wenn er fremde Frauen via Social Media als "Huren" und "Schlampen" abstempelt.

Ich habe schon in mehreren früheren Posts dargelegt, wie sehr sich der Umgang mit Sexualität in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert hat - und dass die Medien daran nicht unbeteiligt waren. Hinzu kommt noch, dass der Kampf der Frauen für ihr Recht auf völlige Selbstbestimmung immer noch nicht zu Ende ist - nicht einmal hierzulande, wo wir noch vergleichsweise privilegiert sind. Wir dürfen in die Schule gehen, wir dürfen studieren, wir dürfen einen Beruf ausüben, ohne vorher einen Mann um Erlaubnis zu fragen, wir dürfen wählen und politische Ämter bekleiden. Dennoch gibt es durchaus noch viele von uns, die ein sexistisches Frauenbild unterstützen - etwa, indem wir erklären, eine Frau, deren Persönlichkeitsrechte wegen ihrer früheren Tätigkeit im horizontalen Gewerbe mit Füßen getreten werde, sei selbst schuld. Das ist nicht mehr allzu weit weg von der - durchaus auch von manchen Frauen vertretene - Ansicht, eine Frau, die sexuell belästigt oder vergewaltigt werde, sei selbst schuld, weil sie falsch angezogen sei.

Nun, Sex ist in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtig, nachdem die filmische Darstellung von Sexualität lange Zeit tabuisiert wurde. Die sexuelle Befreiung der sechziger und siebziger Jahre wurde schon lange von der Konsumgesellschaft, man möchte sagen, vom "Mainsream" (ein Wort, gegen das ich aus verschiedenen Gründen inzwischen eine Abneigung entwickelt habe), vereinnahmt, so wie die meisten Subkulturen und Jugendbewegungen von der Konsumgesellschaft vereinnahmt wurden - Prominente tragen Punkfrisuren und Tattoos, bunte Hippie-Kleider sind bei H&M erhältlich und einst so subversive Kunst wird heute zu astronomischen Preisen versteigert. So wie Sexualität in der Vergangenheit in übertriebener Art und Weise tabuisiert und totgeschwiegen wurde, übertreiben wir es heute mit der inflationären Sexualisierung innerhalb der Gesellschaft. Nichts ist mehr Phantasie, alles wird ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Die sexuelle Befreiung wurde einst auch als Befreiung der Frau verstanden - leider haben diesen beiden Dinge heute nur noch wenig damit zu tun, denn im Inneren haben die meisten von uns immer noch die Unterscheidung zwischen Hure und Muttergottes parat. Sprich, eine Frau, die ihre Sexualität nicht dem Ziel unterordnet, eine monogame Beziehung mit Fortpflanzungsabsichten anzustreben, hat bis an ihr Lebensende keinen Respekt verdient. Natürlich mag sie innerhalb dieses Rahmens ihre sexuellen Vorlieben ausleben, wie es ihr beliebt - schließlich ist Sex heute, wie gesagt, Teil der Konsumgesellschaft, und mittlerweile bilden diese nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Und so halten sich viele Leute für besonders aufgeschlossen, unverklemmt und progressiv, wenn sie in aller Öffentlichkeit über ihr Sexleben plaudern, finden Deko-Elemente, Süßspeisen oder Schmuck in Form von männlichen oder weiblichen Geschlechtsteilen ganz besonders witzig und gewagt und halten sich für besonders verwegen, wenn sie Feuchtgebiete oder A Fifty Shades of Grey lesen bzw. sich die Filme ansehen. Entsprechend wird auch jeder Kritiker erstmal als Spießer diffamiert, und ihm wird auch gern empfohlen, den Stock aus dem Arsch zu nehmen - dabei kapieren diese Leute gar nicht, dass sie im Grunde genommen immer noch weitaus spießiger sind als diejenigen, die sie für spießig halten, denn wie ich schon in einem anderen Artikel erklärt habe, kann man das Brechen von Tabus, die gar keine mehr sind, nicht als "Wagemut" bezeichnen - ganz abgesehen davon, dass ich darauf wetten möchte, dass viele dieser "crazy people" die ersten sind, die sich an dem Shitstorm gegen eine ehemalige Sexarbeiterin beteiligen.

Im Lichte einer solchen Gesellschaft ist es nur richtig, Kinder über Sexualität aufzuklären und ihnen beizubringen, dass sie allein entscheiden, was mit ihrem Körper geschieht - dies wurde nicht nur in meinen Augen viel zu lange verabsäumt, und auch heute gibt es da bisweilen noch Aufholbedarf. Wenn wir uns ältere Filme ansehen, so wird in manchen von ihnen immer noch vermittelt, dass es für einen Mann vollkommen legitim ist, sich über das "Nein" einer Frau hinwegzusetzen - denn eine Frau, die "nein" sagt, meint doch eigentlich "ja". Und eine Frau, die sich "ziert", will doch in Wirklichkeit nicht zugeben, dass ihr die Zudringlichkeiten des Mannes gefallen. Und wenn der Mann die Frau dann doch gegen ihren Willen nimmt, ist sie doch selbst schuld - sie hat bestimmt irgendetwas gesagt oder getan, das den Mann provoziert haben könnte. Eine Einstellung, die offensichtlich auch vor nicht allzu langer Zeit auch noch in Jugendmagazinen vorzuherrschen schien. Daher sind wohl viele der Ansicht, Frauen wie Anne Wünsche hätten es "verdient", in der Öffentlichkeit dergestalt vorgeführt zu werden.

Aber gerade deswegen möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass das Zerren von Videos, die Personen nackt und/oder bei sexuellen Handlungen zeigen, ins Zentrum des öffentlichen Interesses einen Übergriff darstellt, ebenso wie das öffentliche Anprangern von Personen aufgrund dessen, was sie in der Vergangenheit mit ihrem eigenen Körper gemacht haben oder auch in der Gegenwart mit ihm machen - ebenso wie verbale Angriffe, sexuell konnotierte Beschimpfungen und ganz allgemein das öffentliche Stigmatisieren dieser Personen. Und ich glaube nicht nur, dass viele der größten Schreihälse sich sexuell für besonders aufgeschlossen halten - ich bin mir auch ziemlich sicher, dass hier so einige dabei sind, die den Islam wegen der frauenfeindlichen Gesinnung in manchen seiner Strömungen ablehnen und alle Migranten zu Vergewaltigern erklären, weil es unter ihnen auch welche gab bzw. gibt, die Frauen gegenüber sexuell übergriffig wurden bzw. werden. Gerade solche Leute sind es nämlich häufig auch, die die Selbstbestimmung der Frau ansonsten mit Argusaugen beobachten und die gerne Parteien wählen, die am liebsten hätten, dass ihre weibliche Wählerschaft sich auf ihre "natürliche" Aufgabe, Hausfrau und Mutter zu sein, beschränke. Somit sind ihre eigentlichen Motive - nämlich, dass Menschen mit sichtbar anderer Herkunft sich ihnen bestenfalls unterzuordnen hätten - ebenso durchschaubar wie die von Oliver Pocher, der behauptet, es ginge ihm um die Kinder. Denn indem er die Vergangenheit von deren Müttern öffentlich zur Schau stellt, hilft er den Kindern nicht - ganz im Gegenteil, denn indem er aller Welt verkündet, wie moralisch verkommen deren Mutter doch ist, demütigt er nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder. Und nicht nur den Kindern von Frau Wünsche und Frau Zarwell, auch seinen eigenen tut er damit keinen Gefallen - denn diese haben jetzt einen Vater, der, anstatt ihnen ein Vorbild zu sein, in der Vergangenheit fremder Frauen herumstochert, um sie in aller Öffentlichkeit bloßstellen zu können.

Und genauso ein fragwürdiges Vorbild liefern auch diejenigen, die sowohl die beiden Damen als auch diejenigen, die in den Chor der allgemeinen Entrüstung nicht mit einstimmen, beschimpfen und bedrohen - denn Herr Pocher hat immer noch etliche minderjährige Fans, die sich ebenfalls eifrig an dem Shitstorm beteiligen. Somit wird die eigentliche Perversion der ganzen Angelegenheit sichtbar: Eben die, dass eine Frau nur dann Respekt verdient, wenn sie sich ihr Leben lang ausschließlich gesellschaftskonform verhalten hat. Und gerade da kommt man in gefährliches Fahrwasser, schon allein, wenn man beobachtet, wie wenig Jugendliche über die Nutzung von sozialen Netzwerken aufgeklärt werden. Wer kennt nicht die Geschichten von Teenager-Mädchen, die sich von ihren ebenfalls völlig unbedarften Teenager-Freunden dazu überreden lassen, ihnen ein Nacktfoto von sich via Smartphone zu schicken - sobald die Beziehung zu Ende ist, rächt sich der Junge an seiner Verflossenen, indem er eben dieses Foto dazu benutzt, um das Mädchen in aller Öffentlichkeit zu demütigen. Würden all die Moralapostel, die jetzt mit dem Finger auf andere zeigen, über die eigene Tochter genauso reden, wie sie sich über fremde Frauen auslassen? Selbst ich, die schon alt genug ist, um die Mutter all dieser Mädchen zu sein, habe erlebt, wie leicht man als junges Mädchen zu etwas verführt werden kann, was man später vielleicht bereut. Ich habe beispielsweise, glaube ich, schon einmal erwähnt, dass ich vor Jahren online nach einem Job neben dem Studium suchte. Die allermeisten Rückmeldungen, die ich bekam waren Angebote, die mir für Nacktaufnahmen und Ähnliches sehr viel Geld versprachen. Ich habe meine Anfrage daraufhin zurückgezogen, aber es zeigte mir bereits vor fast fünfzehn Jahren deutlich, wie sehr junge Mädchen und Frauen schon allein in unseren Breiten den Verlockungen des schnellen Geldes durch Prostitution ausgesetzt sind - und was ist nun mit jenen, die die Konsequenzen ihres Handelns gar nicht richtig einschätzen können, sondern nur ihren Traum von einem Luxusleben fern vom Einfluss der Eltern möglichst schnell verwirklichen wollen? Und diese Verlockungen finden ja nicht nur online statt - wie oft erhielt ich etwa im Alter zwischen dreizehn und dreiundzwanzig Jahren eindeutige Angebote von fremden Männern, die meist alt genug waren, um meine Väter oder gar Großväter zu sein? Und das, obwohl ich in einer Stadt aufgewachsen bin, die im Vergleich zu den meisten anderen auf der Welt noch sehr sicher ist? Ganz zu schweigen von den Frauen aus Osteuropa, die hierzulande im horizontalen Gewerbe ausgebeutet werden; den jungen Mädchen in Südostasien, die von ihren eigenen Eltern an Bordelle verkauft werden; den jungen Frauen aus Nigeria, die von sogenannten "Medizinmännern" mit Versprechungen vom "Paradies Europa" als Prostituierte verkauft werden. Alles Realität, alles nicht schön - und schon allein das sollte genügen, Frauen nicht pauschal für ihr Vorleben zu verurteilen, auch wenn es möglicherweise nicht so respektierlich war.

Ich wiederhole es noch einmal: Ich halte die Art und Weise, wie hier eine Frau mit einer delikaten Vergangenheit zur Schnecke gemacht wird, für einen sehr perversen Aspekt dessen, wozu unsere Konsumgesellschaft verkommen ist. Denn unser Verhältnis zur Sexualität zeigt doch in Wirklichkeit nur, wie sehr diese von jener bereits vereinnahmt wurde: Indem wir Sex zum Konsumprodukt degradieren, kommen wir nach und nach dahinter, dass dieses, wie alle Konsumprodukte, nicht hält, was es verspricht, und reagieren darauf, indem wir uns von jenen bedroht fühlen, die uns den Konsum von Sex ermöglichen - und auf diese herabblicken. Eine häufige Kritik an Pornofilmen ist ja, dass dort eher selten der ganze Mensch, sondern lediglich einzelne Körperteile gezeigt werden. Solche Verhaltensweisen scheinen dies jedoch zu rechtfertigen - denn tritt die Darstellerin als menschliches Wesen in Erscheinung, wird sie herabgewürdigt. Die vermeintliche "Aufgeschlossenheit" kommt also offenbar nur durch Entmenschlichung dessen zustande, worauf sich diese "Aufgeschlossenheit" bezieht. Die Frauen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, dürfen nicht als Menschen wahrgenommen werden, nicht als Schwestern, Töchter, Mütter, nicht als Wesen mit eigenen Gefühlen und Meinungen. Wir glauben, dass wir sexuell befreit sind, aber diese Freiheit hat ein Ende, sobald sie den Rahmen unseres Sicherheitsbedürfnisses verlässt und so ihre Berechenbarkeit verliert. Somit hält Herr Pocher nicht den Frauen einen Spiegel vor, wie viele behaupten, sondern in Wirklichkeit sich selbst - denn anstatt sich auf das zu konzentrieren, was er nach eigener Aussage anprangert, sucht er nach weitaus verderblicheren Geheimnissen, um damit seine Kritik zu rechtfertigen, und zeigt damit nur, dass er im Prinzip nicht zu vernünftiger Kritik fähig ist.

Und alle, die es für "Mobbing" halten, Herrn Pochers Fehlverhalten als solches zu benennen, möchte ich noch einmal daran erinnern, dass Meinungsfreiheit auch beinhaltet, dass man Kritik üben darf. Und dass es Dinge gibt, die man nicht "einfach so stehen lassen" kann - denn wenn wir alles einfach hinnehmen, geht es nur immer so weiter.

vousvoyez

Mittwoch, 29. April 2020

Ich wäre gern der Kater meiner Frau - was der alles darf!

Dieser Satz stammt von einem Lehrer aus meiner Schule - der allerdings Italienisch unterrichtete, ein Fach, das ich nie belegt habe, so dass ich die vorliegende Weisheit nur aus zweiter Hand wiedergeben kann. Ich habe ja bereits öfter darüber geschrieben, dass manche Menschen etwas merkwürdig reagieren, wenn es um ihre Haustiere geht. Für viele sind die geliebten Vierbeiner ein vollwertiges Familienmitglied, was ich ja auch richtig finde. Für manche sind sie jedoch auch bessere Menschen - und da fängt es bisweilen an, ein wenig schräg zu werden. Zu den beliebtesten Haustieren auf dieser Welt gehören selbstverständlich die Katzen, aber ich behaupte an dieser Stelle, dass Katzen inzwischen schon weitaus mehr sind als nur ordinäre Haustiere. Nein, ich behaupte, dass unsere geliebten Samtpfoten in Wirklichkeit schon längst die Weltherrschaft an sich gerissen haben, und die Indizien dafür möchte ich in diesem Artikel ausführen.

1. Katzen sind süß
Keiner, der Augen im Kopf hat, auch wenn er Katzen hasst, kann leugnen, dass die meisten Katzen ganz einfach entzückend aussehen. Und selbst wenn es Exemplare gibt, die für den allgemeinen Geschmack eher als hässlich gelten (wobei "hässlich" nicht gleichbedeutend mit "weniger wert" ist), so finden auch diese zuverlässig ihre Anhänger. Diese Niedlichkeit, gepaart mit dem Umstand, dass die schnurrenden Stubentiger auch absolute Schmusekönige und darüber hinaus wunderbar verspielt sind, verdanken es die Katzen, dass man ihnen viel verzeiht - etwa, dass sie unsere teuren Sofas zerkratzen und in der Regel tun, was sie wollen. In Wirklichkeit ist dies jedoch ihre gezielte Strategie, um uns gefügig zu machen - sie lullen uns mit ihrer Possierlichkeit ein, um ihre finsteren Machenschaften zu verschleiern.

2. Wir halten uns Katzen, obwohl sie keine Aufgaben für uns übernehmen
Klar hat auch die Katze für denjenigen, der sie hält, ihren Nutzen, und sei er auch nur psychologischer Natur. Aber es ist doch so, dass Tiere ursprünglich deswegen domestiziert wurden, weil wir ihre Fähigkeiten als Unterstützung für unser tägliches Leben einsetzen. Klar wurde auch die Katze ursprünglich zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt, aber heutzutage ist eine Mäuseplage kaum noch das vorwiegende Motiv, weshalb man sich eine Katze anschafft - in der Regel werden sie zum Liebhaben gehalten. Natürlich sind sie nicht die einzigen, deren Daseinszweck sich auf diese Weise gewandelt hat, aber dennoch hat dies ausgereicht, sie zum beliebtesten Haustier der Welt zu machen. Und zwar deshalb, weil sie in Wirklichkeit über uns herrschen - sie haben uns dazu gebracht, sie bei uns zu Hause aufzunehmen, gleichzeitig aber ihren Hilfsarbeiter-Status als Mäusefänger zu verlieren. Heute sind wir es, die zu Hilfsarbeitern degradiert werden.

3. Katzen sind überall!
Egal wo man hinschaut, die Katze ist aus dem Internet nicht mehr wegzudenken. Überall findet man süße und/oder lustige Fotos bzw. Videos über Katzen, und es macht Spaß, sie sich anzusehen, einfach, weil Katzen so niedlich sind und ihre Bewegungen so überraschend. Und obwohl ihre Gesichter eine gewisse Ähnlichkeit mit den menschlichen haben, spiegeln sich keine Emotionen in ihnen ab - Katzen schauen in der Regel immer gleich. Das übt auf uns einen gewissen Reiz aus und ermöglicht es der Katze, ihre finsteren Machenschaften zu verschleiern. Ihre herzige und gleichzeitig lustige Art war ausschlaggebend dafür, dass sie im Internet omnipräsent sind - sie überschwemmen das Internet, sie infiltrieren es, bis sie es eines Tages vollständig übernommen haben. Wenn dies nicht ohnehin schon der Fall ist.

4. Katzen haben Personal
Der Satz "Hunde haben Besitzer, Katzen haben Personal" kommt nicht von ungefähr - im Prinzip schaffen wir uns eine Katze an, um ihr ihr Leben lang zu Diensten zu sein, mit anderen Worten: Die Katzen haben für uns keinen Nutzen, wir aber für die Katzen. Denn obgleich sie auch draußen in der weiten Welt überleben würden, ist es doch viel gemütlicher, wenn man gefüttert wird und ein warmes Plätzchen hat. Was bedeutet, dass uns unsere geliebten Fellkugeln schon längst unterjocht haben - wir haben es nur noch nicht bemerkt. Wir bilden uns immer noch ein, dass wir eine Katze haben - und dabei hat die Katze in Wirklichkeit uns! Sie tut nicht, was wir wollen, sondern wir tun, was sie wollen! Und dass viele von ihnen mit der Zeit "lernen", das Sofa nicht mehr zu zerkratzen und im eigens dafür angeschaffte Katzenklo zu pinkeln, ist in Wirklichkeit nicht unsere Erziehung, sondern ihre Gnade! Und gleichzeitig auch eine wohl kalkulierte Strategie, keinen Verdacht zu wecken.

5. Katzen sind unabhängig
Was uns vor allem an Katzen fasziniert, ist ihre Unabhängigkeit. Auch Hauskatzen sind größtenteils in der Lage, für sich selbst zu sorgen, sollten sie auf sich allein gestellt sein, und tun, wie gesagt, im Wesentlichen das, was sie wollen. Sie kuscheln mit uns nicht auf Befehl, sondern dann, wenn sie das Bedürfnis dazu haben, und sind im Wesentlichen Einzelgänger. Vor allem aber sind sie in der Lage, in natürlichen Lebensräumen, die ihnen fremd sind, trotzdem zurechtzukommen und darüber hinaus noch andere Tierarten auszurotten. Sprich: Die Katze bestimmt über Leben und Tod, die Katze entscheidet, welche Tierarten auf dieser Welt eine Daseinsberechtigung haben! Und die Frage ist, wie lange es dauert, bis sie mit uns Menschen genauso verfährt.

6. Katzen legen sich gern auf Computer-Tastaturen
Vor Jahren lebte ich einmal in einer Wohngemeinschaft, und einer meiner Mitbewohner war ein grau-weißer Kater. Es gab Zeiten, in denen er sich an mich kuschelte, wenn ich mich schlafen legte, aber häufig setzte er sich auch gerade dorthin, wo ich ihn nicht haben wollte. So saß er mit Vorliebe auf dem gerade aufgestellten Wäscheständer, wenn ich gerade meine Wäsche aufhängen wollte. Und er liebte es, sich auf die Tastatur meines Laptops zu setzen, wenn ich ihn gerade benutzte! Damals glaubte ich, dass er die Tastatur einfach bequem fand, weil sie warm war, oder dass er auf diese Weise meine Aufmerksamkeit wecken wollte. Heute jedoch weiß ich es besser: Er hat in Wahrheit mit seinen Artgenossen in den sozialen Netzwerken kommuniziert! Im realen Leben sind Katzen Einzelgänger, ja, aber in Wirklichkeit haben sie sich organisiert, um die Menschheit zu unterjochen und ein Katzen-Imperium zu errichten! Lauft um euer Leben!

7. Rechte Social-Media-Profile haben häufig Katzenbilder
Ich habe ja schon einmal darüber geschrieben, dass viele Rechtsgestrickte sich als ganz besondere Tierliebhaber verstehen und dass viele Facebook-Profile, deren Kommentare und Posts auf eine ziemlich rechte Gesinnung schließen lassen, Tiere als Profilfotos haben - bevorzugt den eigenen Hund oder die eigene Katze. Jetzt weiß ich auch, warum - diese vielen Katzenfoto-Profile sind gar keine Menschen, die eine Katze zu Hause haben: Es sind die Katzen selbst!

8. Katzen haben keine Mimik
Wie ich schon zuvor geschrieben habe, haben Katzen ja keine Mimik so wie Menschen oder auch Hunde - sie schauen eigentlich immer gleich. Und manchmal habe ich das Gefühl, von ihnen beobachtet zu werden! Mein Freund wohnte vor vielen Jahren mal in einer Gegend, in der es ungewöhnlich viele Katzen gab. Wo man auch hinging, überall stieß man auf eine Katze! Und manchmal, wenn ich abends in der Dämmerung zum Bus ging und die Siedlung menschenleer war, saßen überall Katzen, und alle haben mich angesehen, als wollten sie sagen: "Was willst du Mensch um diese Zeit hier?" Ich bin mir sicher: In dieser Gegend lag eine der Zentralen, von denen aus die Katzen die Welt regieren! Es gibt einen Deep State - das sind die Katzen!

Ich gehe zwar davon aus, dass ich das niemandem erklären muss, trotzdem weise ich zur Sicherheit noch einmal darauf hin, dass all das natürlich Satire war. Und im übrigen gehören Katzen auch zu meinen Lieblingstieren. Auch wenn ich zu so einem winzigen Elefanten als Haustier auch nicht nein sagen würde.

vousvoyez

Samstag, 25. April 2020

Hier ruhen meine Gebeine, ich wollt', es wären deine

(c) vousvoyez
Ein toller Spruch für den Grabstein, findet ihr nicht auch? Mein Partner hat mir an dem Tag, an dem wir uns kennen lernten, gesagt, auf seinem Grabstein solle stehen: "Geboren 1979, gestorben gestern". Was wollt ihr mal auf eurem Grabstein stehen haben? Schreibt's mir in die Kommentare! Bis zum nächsten Mal!

Halt, halt, halt, nicht weglaufen, war nur ein Witz! Eine Freundin (die mit den Amerikaner-Witzen) hat mir übrigens erzählt, dass eine Brieffreundin ihr immer auf diese Weise schrieb: "Liebe E, wie geht es dir, mir geht es gut. Oh, ich muss jetzt Schluss machen, meine Mama kocht gerade das Essen und ich muss ihr helfen. Bis zum nächsten Mal!" Wie ihr ja wisst, bin ich schon alt ein bisschen älter und stamme aus einer Zeit, in der man sich noch echte Briefe auf echtem Papier geschrieben hat. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange es her ist, dass ich einen echten Brief bekommen habe, der nicht irgendwas Unerfreuliches von irgendeiner Behörde war - von den Weihnachtskarten mal abgesehen. Und so gerne ich mich auch im World Wide Web herumtreibe, vermisse ich das, offen gestanden, manchmal schon. Vor allem, weil man Briefe besser aufheben kann als digitale Nachrichten. Und sich oft sogar die Nachkommen noch daran erfreuen.

Andererseits sind die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten heutzutage in Zeiten wie diesen natürlich ein Segen. Hätte es vor 20 oder gar 30 Jahren einen vergleichbaren Lockdown gegeben, dann würden wir heute ganz schön blöd aus der Wäsche schauen - wobei das viele gedankenlose Herumreisen wohl auch ein wenig zu einer Situation wie heute beigetragen hat, aber das ist eine andere Geschichte. Ich persönlich halte es normalerweise so: Zu Hause bin ich vergleichsweise viel im Internet, aber dafür bleibt es auch zu Hause - draußen nutze ich es fast nicht. In der gegenwärtigen Situation bin ich allerdings ziemlich viel zu Hause, was natürlich heißt, dass ich auch weitaus mehr online bin als sonst. Das hat seine Vorteile, denn ich habe hier nicht nur Kontakt mit Leuten, die ich aktuell nicht sehen kann, sondern auch neue Freundschaften geschlossen. Der Nachteil ist jedoch, dass mir hier weitaus mehr Leute begegnen, die mich wahnsinnig anzipfen, wie wir in Österreich sagen, auf Deutsch, die mir auf die Nerven gehen. Und deswegen möchte ich heute mal genau über diese Eierer (Nervensägen) sprechen! Wahrscheinlich war es auch nicht das letzte Mal. Im übrigen möchte ich anmerken, dass ich vieles absichtlich überspitzt formuliert wurde - das nur, damit sich niemand von euch, liebe Leser und Innen, auf den Schlips getreten fühlt.

Top-Eierer Numero 1: Früher war alles besser

Oh ja, wer kennt sie nicht! Der natürliche Lebensraum dieser Spezies sind zwar die Nostalgie-Gruppen, aber mittlerweile breiten sie sich überall in den sozialen Netzwerken aus. Ihre Message ist einfach: Die heutige Zeit ist blöd, die frühere war viel besser, es gab keine psychischen Krankheiten, keine Allergien und Unverträglichkeiten, Masern und Röteln waren vollkommen harmlos, die Kinder haben den ganzen Tag draußen gespielt und überhaupt gar nie ferngesehen oder mit der Spielkonsole gespielt, außerdem waren sie besser erzogen, weil sie jeden Tag ihre wohlverdienten Prügel mit Kochlöffel, Teppichklopfer oder Gürtel bekommen haben, und das hat auch nicht geschadet, ebenso wenig, wie es geschadet hat, dass Babys zeitweise mit Alkohol ruhig gestellt wurden, die Jugend hatte noch Respekt vor Älteren und hat ihre Lebensmodelle nicht in Frage gestellt, die Mode war schöner, die Musik besser, die Fernsehsendungen intelligenter, die Ausländer waren im Ausland, die Väter konnten mit ihrem Gehalt als einfacher Arbeiter eine Luxusvilla und Urlaub in der Karibik finanzieren, während die Mutter ihre Erfüllung noch darin sah, zu kochen, zu putzen und die Kinder zu hüten, wie es sich gehört, mit zehn Euro konnte man einen ganzen Einkaufswagen füllen und überhaupt gab es damals den bösen Euro noch gar nicht, sondern nur die liebe D-Mark und den braven Schilling. Vor allem aber hatten wir damals keine Smartphones! Denn das Smartphone ist selbstverständlich die Wurzel allen Übels, wie Top-Eierer Numero 1 mittels seines neuen iPhone, Samsung Galaxy oder Sony Xperia ganz aufgeregt auf Facebook postet. Auf den Hinweis, dass nicht die Kinder, sondern deren Eltern die Smartphones kaufen, wird gern lamentiert, dass man gezwungen sei, seinem Fünfjährigen das neueste iPhone zu kaufen, weil er sonst von den anderen Kindern gemobbt wird. Beliebte Memes von Top-Eierer Numero 1 sind etwa spielende Kinder mit Bildunterschriften wie "Kindheit ohne Elektronik - ich war dabei!" oder "Kinder von heute kennen das nicht mehr". Oder auch das Bild, das erklärte, früher hätte es keine Lactose- und Fructose-Intoleranz gegeben und es sei gegessen worden, was auf den Tisch kommt. Gerne geilen sie sich auch gegenseitig auf mit Berichten darüber, wie schlimm und mit welchen Gegenständen sie verprügelt worden seien, dass ihnen das überhaupt nicht geschadet hätte und dass das der heutigen Jugend auch ganz gut tun würde. Lustig dabei: Ein paar Posts unter dem Meme mit den spielenden Kindern wird dann meist davon geschwärmt, wie viel besser die Videospiele und Fernsehsendungen früher doch waren - ich dachte, wir hätten damals nur draußen gespielt? Und dieselben, die schreiben, dass ihnen ihre gewaltsame Erziehung ja überhaupt nicht geschadet hätte und dass die heutige Jugend keinen Respekt mehr habe, sind oft auch die, die am lautesten pöbeln, wenn es um "diese Jugend" geht, und das meist auch auf auffallend unterirdische Art und Weise. Das Problem ist, dass viele "Respekt" mit Unterwürfigkeit und bedingungslosem Gehorsam verwechseln und deswegen nicht damit zurechtkommen, dass junge Leute die alten Wertigkeiten in Frage zu stellen. Abgesehen davon möchte ich anmerken, dass Menschen, die immer nur tun, was man ihnen sagt, leichter zu kontrollieren und zu manipulieren sind. Liebe Top-Eierer Numero 1, kann es möglicherweise sein, dass das Problem nicht die Jugend ist, sondern ihr selbst?

Top-Eierer Numero 2: Supermamis

Mütter eines hochbegabten Indigo-Wunderkindes müssen der Welt rund um die Uhr beweisen, dass ihr zukünftiger Messias etwas ganz Besonderes ist und viel besser als alle anderen. Sie betteln auf Social Media laufend darum, dass andere die Hochbegabung des Schneeflöckchens bestätigen; IQ-Tests müssen so oft wiederholt werden, bis das Ergebnis stimmt, und wenn das nicht zustande kommt, ist derjenige schuld, der den Test durchgeführt hat; schon vor dem Schuleintritt wird sichergestellt, dass Klein-Jerome und Klein-Elsa auf Drittklässer-Niveau Lesen, Schreiben und Rechnen lernt und wenn das Kind mal aufbegehrt, Verhaltensauffälligkeiten zeigt, die Teilnahme am Unterricht verweigert oder die Noten unterdurchschnittlich sind, liegt es selbstverständlich nur daran, dass der zukünftige Einstein angesichts des profanen Unterricht und der Gewöhnlichkeit seiner gleichaltrigen Klassenkameraden völlig unterfordert ist. Und dass die Lehrer ganz einfach zu dumm sind, als dass sie ihr Universalgenie adäquat darauf vorbereiten könnten, die Welt zu retten. Auffallend ist, dass solche Mütter in Sachen Intelligenz selbst eher selten der große Wurf sind - und dass sie ihren süßen Wonneproppen meist für den ultimativen Beweis ihrer Daseinsberechtigung halten. Die großen Verlierer einer solchen virtuellen Nabelschau sind allerdings die Kinder selbst - denn diese sind ständig dem Druck ausgesetzt, der Welt zu beweisen, wie besonders sie doch sind. Vor allem aber will mir nicht in den Kopf, warum man nicht einfach das Kind lieben kann, das man hat anstatt das, das man gern hätte. Kinder sind nun mal bereits von Geburt an eigenständige Menschen und kein Klumpen Knetmasse, den man nach Belieben zu etwas formen kann, das einem gefällt. Liebe Eierer Numero 2: Nehmt doch euer Kind um Gottes willen als den Menschen an, der es ist, anstatt es mit Gewalt in eine Schablone pressen zu wollen, in die es nicht passt!

Top-Eierer Numero 3: Mimimimimi, ich bin ja so arm!

Diese Unterart unserer Spezies ist felsenfest davon überzeugt, dass nur ihresgleichen Mitleid verdient hat. Meist ist sie männlich, kaukasischer Abstammung (also "weiß"), deutschsprachig (also aus Deutschland oder Österreich), übergewichtig und nicht mehr ganz jung. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist es, auf dem Sofa zu sitzen, RTL oder ATV zu schauen, Boulevard-Zeitungen zu lesen und sich über alles aufzuregen, was nicht ihrer Lebenswelt entspricht: Flüchtlinge bzw. Minderheiten, Klimaschutz-Demonstranten, Obdachlose, berufstätige Frauen, Politiker, die nicht rechts sind - all diese Leute sind Quell der Angst, ihre Vormachtstellung zu verlieren, die ihrer Meinung nach gottgegeben ist und also auch nicht in Frage gestellt werden darf. Geschieht das doch, ziehen sie sich mangels besserer Möglichkeiten in den Schmollwinkel zurück und beschweren sich unablässig darüber, dass die Ausländer durch die linksgrünversiffte Regierung doch so viel mehr kriegen als sie, dass die Jugend ihnen ihre Annehmlichkeiten streitig machen will, dass man sich für die faulen Schmarotzer krumm machen müsste, die von Steuergeldern leben, dass die Menschheit ausstirbt, weil alle schwul bzw. lesbisch werden und dass die Frau ihre Lebensaufgabe nicht mehr ausschließlich als Haussklavin und Gebärmaschine begreift. Und als ob das nicht schon schlimm genug, sind es auch noch immer die anderen, die von der Allgemeinheit bedauert werden! Das ist ungerecht! Liebe Top-Eierer Numero 3, bitte fragt euch mal, warum ihr mit eurem Leben so unzufrieden seid und ob tatsächlich immer nur die anderen daran schuld sind.

Top-Eierer Numero 4: Die selber denkenden Kritiker

Sie bilden ja bekanntlich mit die Essenz meines Blogs: Die Aufgewachten jenseits des Mainstreams, die nichts glauben, außer ein anonymer Typ im Internet erzählt es ihnen. Sie denken, dass sie im Gegensatz zu allen anderen, die blind der Herde hinterherlaufen und vor "denen da oben" den Kotau machen, aufgewacht sind und als einzige die absolute Wahrheit kennen. Sie verschließen sich jeder Vernunft und sehen jede Kritik als Beweis dafür, dass ihr Gegenüber in Wirklichkeit "der Feind" ist, den es zu bekämpfen gilt. Sie haben sich mittels ein paar dubioser Videos weitergebildet, wissen mittels ein paar Büchern vom Kopp-Verlag besser Bescheid als all diejenigen, die ihr Fachgebiet jahrelang studiert und sich über Jahrzehnte mit der Materie beschäftigt haben und müssen durch ihr Verhalten überall preisgeben, dass sie Absolventen der Universität zu Youtubingen sind. Auf Gegenargumente, die ihre steilen Thesen widerlegen, wird gar nicht eingegangen. Stattdessen beten sie immer wieder dasselbe runter, oder sie fangen an, ihr Gegenüber persönlich zu beleidigen - hast du kein Profilbild, bist du zu feige, dein Gesicht zu zeigen; hast du ein Profilbild, bist du hässlich; gibst du nicht dein halbes Leben preis, bist du untervögelt; oder du bist sowieso Fake oder ein Troll oder wirst von "denen" bezahlt. So oft, wie mir das schon vorgeworfen wurde, bin ich schwerst empört darüber, dass ich von dem vielen Geld, das ich angeblich bekommen soll, noch nie etwas gesehen habe. Ich muss auch zugeben, es ist zeitweise recht witzig, mal den einen oder anderen Aluhut-Träger herauszufordern, aber irgendwann ist es dann halt auch genug, und man muss sich zurückziehen, um seine persönlichen Grenzen nicht überzustrapazieren. Liebe Top-Eierer Numero 4: Man ist nichts Besonderes, nur weil man es am lautesten schreit!

Top-Eierer Numero 5: Social-Media-Tourette in der untersten Schublade

Diese Spezies kann mit Widerspruch und Kritik, wenn überhaupt, nur extrem schwer umgehen. Sie ist maßgeblich beteiligt an der zunehmenden sprachlichen Verrohung in der virtuellen Kommunikation. Die meisten von ihnen sind natürlich dem rechtsradikalen Sektor und/oder den Verschwörungsgläubigen zuzuordnen, aber es gibt auch immer mehr Neutrale oder gar Gegner, die sich dieser bisweilen menschenverachtenden Sprache bedienen - egal, wo man ist, fast überall wird man mit sprachlichen Entgleisungen konfrontiert, und das Schlimme daran ist, dass viele Jugendliche das bereits nachmachen und dabei häufig noch weitaus mehr aufdrehen. Während Frauen schnell mal zickig werden, wenn man ihnen nicht recht gibt und in diesem Zustand auch extrem leicht zu triggern sind, müssen Männer meist ihren Alpha-Status beweisen und plustern sich auf wie Kampfhähne; sind sie mit einer Frau konfrontiert, neigen sie meist dazu, ihr jegliche Kompetenz abzusprechen und untegriffig zu werden.Für viele Top-Eierer Numero 5 reicht ein Blick in dein (auf "Privat" gestelltes) Social-Media-Profil, um dir ganz genau deine Intelligenz, dein Leben und deinen Charakter erklären zu können. Wenn's ganz blöd kommt, werden Männern Schläge angedroht und Frauen Vergewaltigungen gewünscht, im schlimmsten Fall gibt es Aufrufe zum Suizid oder gar Morddrohungen - sowohl öffentlich oder via privater Nachricht. Wobei ich betonen muss, das Morddrohungen und dergleichen bereits strafrechtlich relevant sind - vor allem aber möchte ich anmerken, dass man nicht abschätzen kann, ob Worten nicht möglicherweise Taten folgen. Der Grund für diese überbordende Feindseligkeit ist sicher vielfältig - ich bin mir aber sicher, es hat in erster Linie damit zu tun, dass es etwas anderes ist, ein Social-Media-Profil vor sich zu haben, als dem Menschen, der dahinter steckt, gegenüberzustehen. Darüber hinaus werde ich das Gefühl nicht los, dass sich viele im Internet immer noch für "anonym" und unantastbar halten, obwohl wir in Wirklichkeit doch alle wissen, dass das nicht so ist. Liebe Top-Eierer Numero 5: Seid ihr in eurem privaten Umfeld eigentlich auch so bemerkenswert unsympathisch, oder nutzt ihr euer Social-Media-Ich vielleicht dazu, um eure aufgestauten Frustrationen endlich ausleben zu können, da ihr im realen Leben den Mund nicht aufbekommt?

Mir ist natürlich bewusst, dass die Liste nerviger Personen, sowohl online als auch in der Welt da draußen, weitaus länger ist als das, was ich hier vorstelle. Deswegen spiele ich mit dem Gedanken, sie bei Gelegenheit noch mal zu erweitern - wenn das Bedürfnis irgendwann mal wieder da ist. Bisweilen hoffe ich, dass ihr an dieser meiner großen Empörung auch noch ein wenig Spaß habt und wünsche euch, dass ihr die restliche Selbstisolations-Zeit einigermaßen gut übersteht - und natürlich auch, dass ihr gesund bleibt und wir eines Tages wieder Gruppenkuscheln veranstalten können! Bis zum nächsten Mal!

vousvoyez

Montag, 20. April 2020

Seid froh, dass ihr nicht an meiner Stelle seid; ich will auch nicht in eurer Haut stecken

(c) vousvoyez
Ich denke, diesen Gedanken hat man besonders in der Pubertät ziemlich oft, wenn man sich von allen wahnsinnig unverstanden fühlt und das insgeheim genießt. Zumindest habe ich meine melancholischen Anwandlungen zeitweise voll ausgekostet. Noch heute, wenn ich drohe, in Selbstmitleid zu versinken, denke ich an den zu Recht beliebten Film Le fabuleux destin d'Amélie Poulain (Die fabelhafte Welt der Amélie und macht euch ruhig darüber lustig, dass ich so gern die Originaltitel von Filmen statt der deutschen Version verwende), und zwar an die Szene, wo Amélie in Weltschmerz versinkt und sich heulend vorstellt, wie im Fernsehen ihr Staatsbegräbnis übertragen wird und die ganze Welt um ihren Tod weint wie um den von Prinzessin Diana. Das hat mir übrigens auch ein bisschen geholfen, die letzte Wochenend-Depression zu vermeiden.

Der Satz selbst stammt eigentlich aus Hans Söllners Song Schamts eich ruhig für mi, allerdings habe ich ihn auch in diesem Fall wieder ein wenig abgewandelt. Wobei ich schmerzlich zugeben muss, dass mich das, was er zurzeit so ins Internet bläst, eher deprimiert und hilflos macht - vor Jahren brachte er mal neue Ideen und Gedanken auf, aber momentan scheint er der lebende Beweis dafür zu sein, dass Dauerkonsum von Marihuana wohl doch nicht so harmlos ist, wie wir alle immer gedacht haben. Auch wenn ich Ferndiagnosen für unangebracht halte und nicht der Meinung bin, dass die weitere Illegalisierung von Marihuana per se irgendwas besser macht - aber das ist eine andere Geschichte.

Wie ihr ja wisst, widme ich mich ab und zu auch Schwurbelthemen - erst kürzlich habe ich über die Verschwörungsideologie um QAnon berichtet und auch der Definition von Wahrheit einen ganzen Artikel gewidmet. Was mir bei manchen Leuten sehr häufig begegnet, ist jedoch ein hohes Maß an Unsicherheit - Unsicherheit darüber, was man glauben soll und was nicht, wann man von einer Verschwörungsideologie ausgehen kann und wann nicht. Nun, eine 100%ige Garantie gibt es für absolut nichts - es gab zu allen Zeiten Hypothesen, denen niemand geglaubt hat und die sich als wahr herausgestellt haben, und andere, die widerlegt werden konnten, obwohl alle sie geglaubt haben. Wie ich schon geschrieben habe, ist niemand im Besitz des absoluten Wissens - und ich habe ebenfalls geschrieben, dass selbst seriöse Artikel von Menschen geschrieben wurden, die naturgemäß nicht vollkommen objektiv sein können. Das Ding mit den Medien ist halt einfach tricky - es passiert mir selbst auch schon mal, dass ich Sachen glaube, die nicht stimmen, oder dass ich Dinge, die wahr sind, erst mal nicht glaube. Es gibt jedoch ein paar Vorgehensweisen, mit denen ich bisher ganz gut gefahren bin, wenn es darum ging, Schwurbel zu erkennen, und die habe ich euch heute mal in zehn Punkten zusammengefasst - hauptsächlich, weil zehn eine runde Zahl ist und niemand Stress kriegt, weil es nur neun oder gar elf sind.

1) Der "gesunde Menschenverstand"
Ich behaupte mal, dass die meisten Menschen, die geistig einigermaßen fit sind, einen solchen haben. Und klar, die Phrase ist abgedroschen, aber vieles kann man schon von vorn herein entlarven, wenn man sich selbst mal fragt, wie glaubwürdig das überhaupt klingt. Ist es tatsächlich möglich, dass uns Schulen, Universitäten, Medien, die Regierung etc. eine flache Erde verschweigen, und was hätten sie davon? Ist es glaubwürdig, dass in der hohlen Erde Reptilienwesen leben, deren Existenz niemand je glaubhaft bewiesen hat und die sich ab und an in menschliche Wesen verwandeln, oder klingt das nicht eher nach einem schlechten Science-Fiction-Film? Warum ist ein anonymer Typ im Internet vertrauenswürdiger als alle anderen auf der Welt? Wenn es einen "Bevölkerungsaustausch" gibt, warum laufen dann immer noch so viele hässliche weiße Pegida-Demonstranten durch die Gegend? Wenn das Problem doch so präsent ist, warum fällt es dir erst jetzt, wo du es kennst, auf? Wenn wir all das nicht wissen dürfen, warum "wissen" wir es dann? Wenn du diese Fragen nicht einigermaßen zufriedenstellend für dich beantworten kannst, dann solltest du überlegen, ob es nicht vielleicht daran liegt, dass sie unglaubwürdig sind.

2) Quellen überprüfen

Das zweite Gebot ist, zu überprüfen, wo eine bestimmte Verschwörungsideologie herkommt. Hat sie dir die Freundin der Friseuse der Ehefrau des Nachbarn deines Kollegen erzählt? Behauptet das irgendeine unbekannte Person in einem YouTube-Video, einem Weblog, einer Social-Media-Plattform? Ist es unmöglich, zu erkennen, wo diese Behauptung überhaupt herkommt oder verweist derjenige, der diese Behauptungen aufstellt, auf weitere YouTube-Videos, anonyme Blogs oder die Schwägerin der Schwester des Vorsitzenden des Vereins des Hundezüchterverbands in Attnang-Puchheim? Oder sagt er dir ein bisschen zu oft: "Google doch mal" oder "Lern erst mal selber denken"? Wenn du all diese Fragen mit "ja" beantworten kannst, ist die Sache normalerweise schon klar. Und somit können wir uns Struktur und Aufbau von Verschwörungsideologien widmen.

3) Die große Weltverschwörung

Eine Verschwörungsideologie ist meistens auffallend universell - ein beträchtlicher Teil der Regierung, Staatsorgane, Experten, Kritiker der Ideologie, alle sollen darin verwickelt sein. Ich glaube, es ist nicht das erste Mal, dass ich erkläre, dass ich mit Verschwörungen, die eine so hohe Universalität haben sollen, besonders, wenn sie schon seit vielen Jahren andauern sollen, ein großes Problem habe: Wenn über eine lange Zeitspanne auffallend viele Personen darin verwickelt sein sollen, warum konnte man das dann geheim gehalten? Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine große Gruppe von Menschen, besonders wenn eine große Anzahl in der Öffentlichkeit steht, kollektiv dicht gehalten haben soll. Verschwörungen, die sich bewahrheitet haben, wie sie beispielsweise auf WikiLeaks zu finden sind, kommen früher oder später doch ans Licht - eben weil es bei einer großen Gruppe von Eingeweihten sehr unwahrscheinlich ist, dass nicht doch irgendjemand mal auf irgendeine Weise mit der Wahrheit herausrückt.

4) Extremes Schwarz-Weiß-Denken

Leute, die einer Verschwörungsideologie anhängen, kennzeichnen sich meist durch ein extremes Schwarz-Weiß-Denken - Wir gegen die, Gut gegen böse, wenn etwas nicht so ist, kann es nur so sein. Das Problem dabei ist, dass oft durchaus Ansätze da sind, die man hinterfragen kann. Das "Hinterfragen" manifestiert sich hierbei jedoch in einer vereinfachten Ausschließlichkeit: Die öffentlichen Medien, von vielen Verschwörungsgläubigen auch "Mainstream-Medien" oder "Systemmedien" genannt, sind  nicht unfehlbar, deshalb lügen sie immer, es sei denn, sie bestätigen ganz zufällig deine Meinung. Dem gegenüber stehen dann "alternative" Medien, die zum Ausgleich dazu immer die absolute Wahrheit sagen. Auch jahrzehntelang getestete Impfungen haben in seltenen Fällen Nebenwirkungen - das ist für Impfgegner der "Beweis", dass durch Impfungen Gift in den Körper gespritzt wird und dass andere nach der Impfung aufgetretene Erkrankungen oder Störungen ja nur durch die Impfungen hervorgerufen werden können. COVID-19 verläuft in den meisten Fällen unkompliziert, deshalb ist das der "Beweis", dass eine "harmlose Grippe" als Vorwand genommen wird, um alle unsere Grundrechte abzuschaffen und uns gegen unseren Willen zu impfen und zu "chippen".

5) Vereinfachte Erklärungen und bestimmte Begrifflichkeiten

Damit hängen natürlich die Vereinfachungen zusammen, die durch diese Art von Weltbild gerne vorgenommen werden. Das Leben ist extrem kompliziert, und um Wissenschaft adäquat anwenden und verstehen zu können, muss man viele Jahre lang studieren und forschen. Und ja, auch ich bin der Ansicht, dass Wissenschaft unbedingt transparenter und gewisse Zusammenhänge auch verständlicher dargebracht werden sollten - gerade auch, um Schwurbeleien einzugrenzen. Denn gerade diejenigen, die versuchen, durch Verschwörungsideologien und Falschbehauptungen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, nutzen dieses Defizit sehr oft aus. Vor allem aber hat ein vereinfachtes Verschwörungsbild den Vorteil, dass es so eine Art Heilsversprechen liefert. Durch Verschwörungsideologien versucht man, uns weiszumachen, es gäbe sozusagen einen Ausgang aus dieser unserer Realität hin in eine "wirkliche" Realität, es gäbe eine oder mehrere bestimmte Personen, die im Hintergrund alles bestimmt, was auf unserer Welt geschieht - und verspricht auf diese Weise, dass, wenn der bzw. die Verschwörer besiegt ist/sind, am Ende alles gut sein wird. Sehr typisch für Verschwörungsideologien sind natürlich auch bestimmte Begrifflichkeiten: Da werden Tatsachen gerne mal umgedreht und beispielsweise von "Linksfaschismus" gesprochen, beliebt sind auch Phrasen wie "Google doch mal", "Denk selber nach", "Wir dürfen das nicht wissen", "Systemmedien", "Mainstream", "Lemminge" oder "Schlafschaf".

6) Klare Feindbilder

Mit Vereinfachungen und Schwarz-Weiß-Ideologien hängt auch das Erschaffen eines klaren Feindbildes zusammen. Meistens sind es natürlich "die da oben" - Regierung, Wissenschaft, Bildungswesen und so weiter. Oft konzentriert es sich auch auf Personen, die schlicht und einfach unliebsam sind, weil man sie nicht kennt und sich nicht mit ihnen auseinandersetzen will, oder weil sie Veränderungen herbeiführen könnten, die einem nicht gefallen - etwa die Ausländer oder die jüngere Generation. Die arbeiten dann meist auch noch mit "denen da oben" zusammen - die FFF-Aktivisten mit den Klimaforschern, die Flüchtlinge mit Angela Merkel oder "dem Linksfaschismus".

7) Absoluter Wahrheitsanspruch

Wie das mit der Wahrheit aussieht, habe ich ja bereits ausführlich dargestellt. Bei Verschwörungsgläubigen fällt sehr oft auf, dass sie das, was sie glauben, als absolut wahr ansehen und keinen Widerspruch gelten lassen. Häufig sind sie der Ansicht, dass Wissenschaft den Anspruch auf unveränderliche Wahrhaftigkeit habe und wissenschaftliche Theorien niemals widerlegt werden könnten. In Wirklichkeit ist eine der wichtigsten Eigenschaften wissenschaftlicher Thesen, dass man diese sowohl beweisen als auch widerlegen können muss - die meisten von ihnen müssen tatsächlich sehr häufig korrigiert oder sogar widerlegt werden. In der Verschwörungsideologie hingegen ist es so ähnlich wie in einer besonders autoritären Ausprägung von Religion: Was heute als "Wahrheit" gilt, wird auch morgen und für alle Zeiten so gelten und darf nicht hinterfragt werden, und wer imstande ist, diese "Wahrheit" zu widerlegen, ist in Wirklichkeit Teil der Verschwörung

8) Das "Wir-dürfen-das-nicht-wissen"-Argument

Ein weiteres Kennzeichen einer Schwurbeltheorie ist, dass diese ganz besonders geheim sein soll und dass wir sie alle nicht wissen dürfen. Die Frage, die du dir in diesem Fall stellen kannst, ist eigentlich ganz einfach: Wenn wir das nicht wissen dürfen, warum ist dieses "Wissen" dann für jeden völlig unkompliziert zugänglich? Und warum soll gerade Theo von nebenan im Besitz dieses exklusiven Wissens sein? Und wenn wir schon dabei sind: Warum hat es alle Welt ausschließlich auf Helga aus Stinkenbrunn abgesehen?

9) Festgefahrene Meinung

Ein weiteres Merkmal von Schwurbelgläubigen ist ihre unerschütterliche, festgefahrene Meinung. Da wird jeder, der in seiner Meinung davon abweicht, sofort als "Feind" begriffen, und alles, was diese Meinung nicht wiedergibt, ist Teil der Verschwörung. Deswegen haben viele auch so ein großes Problem mit unabhängigen Medien - weil sie glauben, unabhängige Medien seien dazu verpflichtet, ausschließlich ihre Meinung wiederzugeben.

10) Diffamierung des Gesprächspartners

Wir erleben es oft in den sozialen Medien, am häufigsten jedoch bei Verschwörungsgläubigen: Wer keine Argumente mehr hat, fängt an, zu diffamieren und zu beleidigen. Man unterstellt demjenigen, der widerspricht, die Meinungsfreiheit zu missachten oder gar "Zensur" zu betreiben (obwohl Zensur ausschließlich vom Staat ausgeht), man erklärt ihm, er würde nicht "selber denken", sondern "mit der Herde mitlaufen", er sei Teil des "Mainstream" und außerdem ein "Schlafschaf", das "aufwachen" müsse, ehe es "zu spät" sei. Solche Menschen sind für Gegenargumente meist überhaupt nicht mehr zugänglich. Wer auf solche Personen trifft, dem würde ich raten, sich aus der Diskussion zurückzuziehen, im Zweifelsfall auch die Blockier-Funktion anzuwenden - du wirst dieser Person leider nicht helfen können, und du hast es auch nicht notwendig, dich von einem fremden Menschen, mit dem du ausschließlich virtuell kommunizierst, fertigmachen zu lassen.

Ich hoffe, ich konnte mit diesen Punkten ein bisschen weiterhelfen und doch auch ein wenig Licht ins Dunkel der Verschwörungen bringen. Außerdem hoffe ich, dass auch ihr nicht aufhört, zu fragen und zu überprüfen. Bis zum nächsten Mal!

vousvoyez

Samstag, 18. April 2020

Rennt a Sau um die Ecken und ist weg

(c) vousvoyez
Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht, aber mir fällt auf, dass ein Teil meiner Kindheit und Jugend von verschiedenen Witz-Phasen geprägt war - wenn ich ihn kategorisieren müsste, würde ich sagen, er begann in der Grundschule und zog sich bis hinein ins Unterstufengymnasium. Anfangs waren es ganz harmlose Witze, bevorzugt von Tieren oder sowas wie den Bananen-Witz, über den ich in einem anderen Artikel schon geschrieben habe. Dieser Phase folgten Zeiten, wo wir uns Witze über Blondinen, Leprakranke, Kärntner, Burgenländer oder Ostfriesen erzählten. Und natürlich gab es immer auch Witze mit aktuellem Bezug - beispielsweise über Franz Fuchs, Prinzessin Diana oder auch das Grubenunglück von Lassing, über das es damals unfassbar viele Witze gab. Natürlich gibt es auch etliche Witze, die sehr gut recyclebar sind - die Witze, die man sich zur Zeit von George W. Bush erzählte, sind beispielsweise noch weitaus besser auf Donald Trump anwendbar, andere Witze tauchen sowohl bei den Ostfriesen als auch bei den Kärntnern oder Blondinen wieder auf, und vor nicht allzu langer Zeit habe ich entdeckt, dass die alten Äthiopier-Witze, die vor allem auf die Magerkeit des Großteils der Bewohner dieses afrikanischen Landes anspielen, auch von vielen Anorektikern angewendet werden, um sich über sich selbst lustig zu machen. Die vorliegende Weisheit stammt aus der Anti-Witz-Phase, die bei mir altersmäßig in die Zeit zwischen Kindheit und Pubertät fällt - jene Witze, die zwar mit den bekannten Mustern spielen, diese aber meist ad absurdum führen. Ich schätze die Anti-Witze im Prinzip bis heute, aber es liegt in der Natur des Witzes, dass er, zu oft erzählt, irgendwann einmal ausgereizt ist. Besonders nervig sind ja beispielsweise die Leute, die sich ewig und drei Tage über ein und denselben Witz amüsieren können - und ich hatte einen Lehrer, der ein ganzes Schuljahr lang nur über diesen einen Witz gelacht hat.

Ich persönlich habe immer gern Witze gehört, gesammelt und weitererzählt - da ich ein einigermaßen gutes Gedächtnis habe und recht gut erzählen kann, war das jahrelang eine bevorzugte Strategie, um bei anderen Anerkennung zu finden, etwas, das mir besonders in jungen Jahren nicht sehr leicht fiel. Vor allem aber auch, weil mich Humor immer schon interessiert hat - ich lache gern, ich habe einen Partner, der auch so ist und ich finde es spannend, worüber einzelne Menschen zu bestimmten Zeiten und auch in bestimmten Kulturen so lachen. Bei uns in Österreich behauptet man ja ab und an sehr gern, dass unsere geliebten Nachbarn, die Deutschen, keinen Humor besäßen - damit täte man jedoch vielen großartigen Humoristen, die unser "großer Bruder" hervorgebracht hat, gewaltig Unrecht. Und dieser Meinung bin nicht nur ich allein. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mit einer gewissen Art des deutschen Humors nicht viel anfangen kann - viele Deutsche allerdings auch nicht. So gehöre ich beispielsweise zu all jenen, die nicht verstehen können, wie Mario Barth ein so großes Publikum haben kann, obgleich ich ihn überhaupt nicht witzig finde. Aber das kann man jetzt nicht unbedingt nur daran festmachen, dass er Deutscher ist - Werner Schneyder war Österreicher, und seine Kabarett-Auftritte lösten bei mir lediglich ein gewaltiges Gähnen aus. Trotzdem gab es Leute, die sich diese angeschaut haben. Ich habe auch erfahren, dass er privat ein ganz netter Typ gewesen sein soll - das mag ja auch sein, was ich an ihm nicht leiden konnte, war lediglich die Kunstfigur. Vielleicht ist ja auch der Herr Mario Barth privat weitaus verträglicher als auf der Bühne.

Es ist wohl bezeichnend, dass meine erste Lieblingsband oftmals als reine Klamauk-Gruppe verschrien war, auch wenn ihre Texte durchaus gesellschaftskritisch waren und deshalb auch häufig von Radiosendern boykottiert wurden - mit fünf Jahren konnte ich praktisch jedes Lied des Albums Nepomuks Rache der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (EAV) auswendig mitsingen. Erst Jahre später wurde mir mit Schrecken bewusst, was ich unschuldiges kleines Mädchen da eigentlich gesungen hatte, als ich den Song Samurai wieder hörte, der sich humoristisch-kritisch mit dem Sextourismus in Südostasien auseinandersetzt, oder die Single Burli, in der es um die möglichen Missbildungen eines Kindes nach dem GAU eines Kernkraftwerks geht. Ein paar Jahre später erzählte mir ein befreundetes Ehepaar, dass sie aufgehört hätten, zu Hause Reggae-Songs zu spielen, nachdem ihr kleiner Sohn im Kindergarten angefangen hatte, Ganja Farmer zu singen.

Wie die meisten Kinder meiner Generation, so wuchs auch ich mit Otto Waalkes auf. Wir hatten zu Hause Videos, Schallplatten, Kassetten und CDs, und das meiste konnte ich auswendig und plapperte es bei jeder Gelegenheit vor mich hin. Eine beliebte Nummer in meiner Schule war meine Interpretation von "Susi Sorglos", mit elf Jahren war ich sogar mal bei einer seiner Live-Shows. Eine Zeit lang habe ich das Interesse an ihm verloren, weil er allmählich begann, sich zu wiederholen, aber seit ich sein Buch gelesen habe und weiß, dass er sich mit diesen Auftritten körperlich und geistig fit hält und immer noch Freude daran hat, kann ich auch das akzeptieren. Zumindest war er der erste, bei dem mir auffiel, dass er wie kein anderer sein Publikum vollkommen in der Hand hatte - Jahre später besuchte ich einen Live-Abend von Alf Poier, von dem ich ebenfalls ein großer Fan war und der auch in einem ausverkauften Saal spielte, aber ich musste feststellen, dass er sein Publikum nicht so leicht wie Otto dazu bewegen konnte, praktisch jeden Scheiß mitzumachen. Neben Otto mochte ich auch Loriot, der natürlich mit weitaus feinerer Klinge operierte, dessen Humor jedoch dadurch, dass man ihn mit einem gewissen Maß an Aufmerksamkeit in den alltäglichsten Situationen wiederfindet, vollkommen zeitlos ist. Zu meinem Bedauern muss ich jedoch gestehen, dass ich den großen Hape Kerkeling erst viel zu spät richtig für mich entdeckte. Womit ich nie was anfangen konnte, waren diese typischen Zirkusclowns - das ist mir nach wie vor viel zu übertrieben. Ich habe ja schon einmal angemerkt, dass es einen Grund hat, warum gerade große Humoristen wie eben Loriot meist ein eher seriöses Auftreten haben - weil Humor dieser äußere Korrektheit natürlich noch mehr ad absurdum führt. Und natürlich wissen die Aufmerksameren unter meinen Lesern, dass Fasching und Karneval für mich eine Zeit des Grauens sind.

Die 1980er und 1990er Jahre waren in Sachen österreichischen Humor eine sehr fruchtbare Zeit - in den 80ern kämpften sich viele junge, talentierte Kabarettisten auf die Bühnen dieses Landes und wurden im Laufe der 90er auch über die Grenzen unseres Landes hinaus berühmt. Die einen erlangten ihren Ruhm als Teil einer Gruppe, beispielsweise Alfred Dorfer, Roland Düringer und Andrea Händler durch "Schlabbarett", die anderen als Einzelkämpfer, etwa Josef Hader oder Andreas Vitásek. Viele von ihnen waren und sind auch sehr erfolgreich als Autoren, Regisseure und Schauspieler, und das völlig zu Recht - Düringer behauptete immer, er habe in Filmen und Serien nur sich selbst gespielt, aber wenn ich mir ansehe, welche Rollen er bereits verkörpert hat, dann erkenne ich eine große Wandlungsfähigkeit, die weitaus mehr ist als nur "sich selbst spielen", wie es beispielsweise ein Klaus Kinski größtenteils praktiziert hat, der ja in erster Linie als Schauspieler bekannt ist. In den 90ern war ich auch sehr empfänglich für den minimalistischen Humor von Fernsehsendungen wie Monte Video oder Projekt X, der jedoch weitaus nicht jedermanns Sache ist, und ich muss sagen, ja, ich kann das schon irgendwie verstehen, denn besonders Projekt X ist teilweise schon ziemlich langweilig, da das meiste improvisiert ist. Heutzutage würde man solche Aufnahmen wohl effektiv zusammenschneiden, um aus diesen langatmigen Sketches das Beste herauszuholen, aber ich glaube, damals war das so ein Ding wie diese Found-Footage-Filme, über die ich an anderer Stelle schon gesprochen habe. Sehr ähnlich waren auch die frühen Sachen von Stermann und Grissemann, die ich damals einfach nur extrem nervig fand, während ich ihre aktuelle Sendung Willkommen Österreich richtig cool finde und unheimlich gern sehe. Vor allem auch, weil ich immer auf den Auftritt der Gruppe maschek warte.

Eine Phase, die wohl jeder Teenager, der heute so alt ist wie ich, einst durchlebte, war die, wo man nahezu süchtig war nach dem subversiven Humor der Monty Pythons. Mittlerweile kann ich The Life of Brian zumindest in der deutschen Version praktisch einwandfrei auswendig mitsprechen, und wenn ich was zu lachen brauche, schaue ich nach wie vor gerne Sketches aus Monty Python's Flying Circus, allen voran natürlich den Restaurant-Sketch mit der schmutzigen Gabel, aber auch die Trottel-Olympiade und die von John Cleese einst so perfektionierten "Silly Walks". Auf diese Weise habe ich auch Zugang zu den Beatles gefunden - durch ihre ersten beiden sehr lustigen Filme, die in bester englischer Slapstick-Manier auch nach über einem halben Jahrhundert noch Spaß machen, selbst wenn man kein Fan von Sixties-Musik ist. Obwohl mein Lieblings-Beatles-Film natürlich Yellow Submarine ist, weil ich die Zeichnungen und Ideen einfach großartig finde und der Stil mich an den Monty-Pythons-Zeichner Terry Gilliam erinnert. Bei den beiden Stiefkindern der Beatles-Filmographie, Magical Mystery Tour und Let It Be, braucht man allerdings sehr gute Nerven - ich würde sie mir wohl nicht noch einmal anschauen.

Ja, wenn es um Humor geht, ist ab und an auch Subversion oder gar Provokation erlaubt. Zu den Witz-Phasen in meinem Leben gehörten natürlich auch sexuelle Witze, besonders beliebt in der Zeit, nachdem man aufgeklärt war. Ich habe, glaube ich, bereits erwähnt, dass man in meiner Kindheit im ersten Jahr der weiterführenden Schule, also Hauptschule oder Gymnasium, offiziell aufgeklärt wurde, dass man im Prinzip aber alles schon vorher wusste. Ich wurde im Grundschulalter in meinem Freundeskreis aufgeklärt - genauer gesagt von einem zwei Jahre jüngeren Freund, wie ich zu meiner unendlichen Schande gestehen muss. Natürlich war, bevor die Pubertät voll zuschlug, das Thema Sex für uns alle noch ziemlich abstrakt und auch etwas unheimlich, und um mit diesem Gefühl der Scham und auch Angst umgehen zu können, haben wir uns gegenseitig Sex-Witze erzählt, auch wenn wir nicht alles sofort verstanden haben, aber das war egal, Hauptsache sie waren schön eklig. Überhaupt waren Ekel-Witze eine Zeit lang natürlich DAS große Ding, allen voran die "Gusch-Bua"-Witze: "Papa, i mag keine blauen Spaghetti!" - "Gusch, Bua, die Krampfadern von der Oma müssen g'essen werden!"Auf diese Weise kam ich auch von den Simpsons, deren frühe Folgen ja noch weitaus bösartiger waren als die heutigen, über South Park bis zu Happy Tree Friends, Serien, an denen ich sanftmütiges Wesen immer noch meinen Spaß habe, wenn ich in der richtigen Stimmung bin.

Und jetzt muss ich etwas gestehen: Ich habe in einem anderen Artikel geschrieben, dass ich als Mittdreißigerin mit Influencern nichts anfangen kann - das stimmt allerdings nicht so ganz. Klar, diese tollen Instagram-Models mit ihren gephotoshoppten und gestellten Bildern, die klickgeilen Trash-YouTuber und die Let's-Plays gehen mir allesamt am Allerwertesten vorbei, aber ich denke nicht, dass das anders wäre, wäre ich zehn oder zwanzig Jahre jünger. Ich habe schließlich auch nie davon geträumt, Model zu werden, und das einzige Supermodel, das ich je als Vorbild betrachtet habe, war Waris Dirie, und das bestimmt nicht wegen ihrer tollen Von-der-Wüste-auf-die-Laufstege-Karriere. Und ja, ich habe einen Instagram-Account, aber ich werde euch ganz bestimmt nicht anbetteln, mir zu folgen, zumal dieser für all die coolen Insta-Stars wohl der langweiligste Account aller Zeiten ist - zu den Höhepunkten gehörte, dass ich bei meinem letzten Urlaub quasi im Minutentakt kryptische Fotos hochgeladen habe, einfach nur, weil mir das weitaus mehr Spaß gemacht hat, als auf Likes zu warten, und dass ich letzte Woche aus lauter Langeweile Fotos von meiner Plüsch-Spinne gemacht habe, als ich sie gerade wusch. Ich liebe aber Parodien und humoristische Videos auf YouTube, beispielsweise die von Florian Heider oder auch Michael Buchinger. Ich entdecke immer mehr, dass in dieser etwas neueren Form der medialen Unterhaltung (als "ganz neu" kann man eine fast 20 Jahre alte Plattform nun wirklich nicht mehr bezeichnen), obwohl sie leider auch immer mehr von Trash-Formaten entdeckt wird und YouTube in seiner Art des Löschens und Demonetarisierens schon fast so undurchsichtig ist wie Facebook, für viele junge oder auch nicht mehr ganz so junge Leute eine verhältnismäßig unkomplizierte Chance bietet, ihre Ideen mit anderen zu teilen. Vor allem aber freue ich mich immer wieder darüber, Leute mit Potenzial zu entdecken. Seit das Fernsehen nicht mehr so experimentierfreudig ist wie beispielsweise in den 1970ern, brauchen talentierte Menschen andere Plattformen, auf denen sie sich ausdrücken können, damit wir alte Muster durchbrechen und neue Talente entdecken können. Und ich persönlich hoffe, dass es in Zukunft noch viele, viele mir bis dato noch unbekannte Personen geben wird, die mir den Tag versüßen - besonders an Tagen wie diesen, wo einem die Zeit bisweilen etwas lang wird.

vousvoyez

Donnerstag, 16. April 2020

Karotten sind gut für die Augen - oder hast du schon einmal einen Hasen mit Brille gesehen?

© vousvoyez
Allerdings habe ich, wie in meinen Kindheitsmythen schon erwähnt, als Kind fleißig Karotten gegessen, und trotzdem kann ich heute ohne Brille ab einer gewissen Entfernung ein Springseil nicht von einer Stichsäge unterscheiden. Traurig, aber wahr. Wobei ich mir sicher bin, dass ich in dem einen oder anderen Bilderbuch tatsächlich schon mal Hasen mit Brille gesehen habe - ich erinnere etwa an den kürzlich besprochenen Struwwelpeter, wo der Hase die Brille des Jägers aufsetzt, nachdem er sie ihm samt dem Gewehr weggenommen hat. Offenbar habe ich in meiner Kindheit doch zu viel ferngesehen und deshalb viereckige Augen gekriegt - wobei ich jetzt aber nicht mehr ferngesehen habe als andere Kinder damals. Eher weniger. Denn ich kannte Kinder, die durften schon im Volksschulalter fernsehen, ohne die Eltern vorher zu fragen. Und ja, ich musste meine Eltern vorher fragen - denn ich stamme ja bekanntlich noch aus der Zeit, in der die Fernseher aus Stein gehauen wurden! Haltet es mir nur ruhig vor, ich kann die Wahrheit vertragen!

Ja, genau, ich möchte heute über die Wahrheit sprechen - und zwar deswegen, weil ich in vielen Artikeln, auch dem letzten auf diesem Blog, schon angeführt habe, dass der Begriff "Wahrheit" gerade von Schwurblern sehr häufig überstrapaziert wird. Und nicht nur von ihnen - auch Leute, die Schwurbel widerlegen wollen, sind oft davon überzeugt, im Besitz der einzig richtigen, objektiven Wahrheit zu sein. Und da kann ich nur sagen: Vorsicht Falle! Oder wie Alfred Dorfer einst sagte: "Die Wahrheit ist weiblich, und wie alles Weibliche muss sie sich viel gefallen lassen."

Ich behaupte mal, im Besitz der einzig wahren Wahrheit ist niemand. Es gibt Fakten, die zu leugnen entweder Sturheit oder sogar Dummheit voraussetzt, aber das ist halt nicht dasselbe. Fakten liefern nur einen Teil der Wahrheit, aber im Großen und Ganzen ist bei jedem Menschen immer eine mehr oder minder große Portion an Subjektivität vorhanden - vollkommen objektiv ist niemand. Die Erkenntnistheorie hat dafür einen schönen Begriff: Intersubjektivität oder im Konstruktivismus auch Transsubjektivität. Konkret gesagt meint man damit einen komplexen Sachverhalt, der für die Mehrheit der Betrachter gleichermaßen erkennbar und nachvollziehbar ist. Oder anders gesagt: "Realität ist die Illusion, dass Beobachtungen ohne Beobachter gemacht werden können." (Heinz Foerster) Das ist ähnlich wie die Frage, ob das Geräusch eines fallenden Baumes auch dann existiert, wenn es niemand hört. Oder das berühmte Gedankenexperiment Erwin Schrödingers, das schon in die Quantenphysik hineinspielt. All das macht, wie ich finde, deutlich, wie komplex der Begriff der Wahrheit eigentlich ist. Jeder Psychologe, jeder Neurowissenschaftler (und natürlich auch die Innen und alles dazwischen) kann uns sagen, dass die Wahrnehmung ohne Bewertung nicht denkbar ist - sprich, dass nichts, was wir über die Welt aussagen können, vollkommen objektiv ist. Kurz gesagt: Wir als wahrnehmende und konstruierende Spezies haben auf eine vermeintliche "Realität" oder, um es mit Immanuel Kant auszudrücken, das "Ding an sich" niemals vollständigen Zugriff - wir operieren nie mit dem Realen, sondern immer mittels Selektionen und Repräsentationen. Denken wir nur an Platons Ideenwelt: In dieser Welt ist die ideale Form von jedem Ding, das es gibt, repräsentiert. Jedoch kennt keiner von uns diese ideale Form - alles, was uns gegeben ist, sind unvollständige Abbildungen, weil jede Vorstellung von uns und unserer persönlichen Wahrnehmungswelt getragen wird. Alles, was uns bleibt, ist der Prototyp - also das Bild, das wir bei der Benennung eines bestimmten Begriffes vor unserem inneren Auge haben. Spricht jemand von einem Tisch, so ist in deiner Vorstellung das Bild eines Tisches schon vorhanden. Auch wenn du einen Tisch zeichnest, der von dem Prototypen abweicht, so ist diese Zeichnung selten die Abbildung dessen, was du zuerst vor deinem inneren Auge siehst, wenn jemand das Wort "Tisch" sagt.

Dass niemand im Besitz einer allgemein gültigen Wahrheit ist, zeigt auch, dass Philosophen und Wissenschaftler schon seit Jahrtausenden darüber streiten, was Wahrheit eigentlich ist - sowohl, was ihre Natur als auch, was den persönlichen Erwerb derselben betrifft. Ich erinnere diesbezüglich wieder an Platon und sein Höhlengleichnis: "Alles, was wir sehen können, sind Schatten." Wobei das Höhlengleichnis uns am deutlichsten zeigt, dass auch die Gewinnung von Erkenntnis ihre Tücken hat, was uns wieder zum Kampf Schwurbler gegen Nicht-Schwurbler zurückbringt: Wer die höchste Stufe der Erkenntnis erlangt (im Fall des Höhlengleichnisses die Sonne sieht), wird Schwierigkeiten haben, diese Unwissenden zu vermitteln - die einen wollen weiterhin glauben, dass die Schatten, die sie sehen, die wahre Welt sind, während die anderen zwar anerkennen, dass der andere die Erkenntnis erlangt hat, selbst aber dort bleiben wollen, wo sie sind, weil das weniger Anstrengung bedeutet. Sprich: Selbst wenn jemand im Besitz einer allgemein gültigen Wahrheit wäre, so könnte er diese wohl kaum vermitteln, weil alle anderen zu sehr in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen sind. Übrigens berufen sich auch Schwurbler bisweilen gern auf das Höhlengleichnis - denken dabei allerdings meist, sie seien im Besitz der allgemeingültigen Wahrheit und wir Schlafschafe wollten das nur nicht verstehen.

Die Komplexität des Wahrheitsbegriffs zeigt sich auch an der Fülle unterschiedlichster Ansätze und Definitionen. Aristoteles, Thomas von Aquin und Kant gehen von der Wahrheit als der Übereinstimmung von erkennendem Verstand und der erkannten Sache aus, sprich: Wer die Wahrheit sagt, benennt das, was ist. Klingt einfach, aber wer einmal mit seinem Gegenüber über die Farbe seiner Tapeten gestritten hat, weiß, dass es das nicht ist. Die von Karl Marx formulierte dialektisch-materialistische Widerspiegelungstheorie wiederum benennt die Übereinstimmung von Bewusstsein und objektiver Realität, anders gesagt, die Wahrheit kann und muss von demjenigen bewiesen werden, der sie benennt. Eine Methode, die etwa in der Diskussion mit Schwurblern bis heute noch ihre Gültigkeit hat: Die Beweislast liegt bei demjenigen, der eine Behauptung aufstellt, und nicht bei jenen, die sie glauben sollen. Der logische Empirismus im Sinne von Ludwig Wittgenstein wiederum definiert Wahrheit als "Gesamtheit der Tatsachen", die wiederum aus Gegenständen oder Dingen und der Verbindung zwischen ihnen bestehen - mit anderen Worten, zwischen Sprache und Welt besteht eine abbildende Beziehung, mit deren Hilfe Wahrheiten zum Ausdruck gebracht werden. Die von Alfred Tarski formulierte semantische Theorie der Wahrheit bringt die Korrespondenz zwischen Aussage und Tatsache auf eine bestimmte Formel: Wahrheit ist, wenn ich sage, das Gras ist grün, und diese Aussage wird durch einen Blick aus dem Fenster, neben dem ich gerade sitze, bestätigt ("x ist eine wahre Aussage dann und nur dann, wenn p"). Dies könnte ich auch auf den Artikel anwenden, den ich vor ein oder zwei Jahren zum Dunning-Kruger-Effekt geschrieben habe: Wenn du mir sagst, Reiten ist total leicht, und meine erste Reitstunde besteht nur daraus, dass ich versuche, richtig zu sitzen, werde ich dir sagen, dass du mir nicht die Wahrheit gesagt hast, sondern nur das, was du für die Wahrheit gehalten hast. Somit kommen wir zur Redundanztheorie: Du strapazierst den Begriff der Wahrheit, um mich von einem bestimmten Sachverhalt zu überzeugen. Die Minimaltheorie nach Paul Horvich erklärt den Wahrheitsbegriff als fern jeder begrifflicher und wissenschaftlicher Analyse. Peter Frederick Strawson wiederum formulierte in seinem Aufsatz Truth die performative Theorie, die auf der Redundanztheorie aufbaut: Wenn du mir sagst, dass etwas wahr ist, vollziehst du deine Aussage sprachlich mit dem Wahrheitsbegriff. Die Kohärenztheorie setzt Wahrheit mit der Freiheit von Widerspruch gleich, während die Konsensustheorie von einer Akzeptanz aller vernünftiger Gesprächspartner ausgeht - wobei Jürgen Habermas vier Geltungsansprüche voraussetzt: Verständlichkeit, Wahrhaftigkeit, Wahrheit und Richtigkeit. Bleibt uns also nur der Wahrheitsbegriff im Deutschen Idealismus: Johann Gottlieb Fichte erklärt Wahrheit, die nicht von einer allgemeinen Subjektivität erlebt wird, für widersprüchlich, während Hegel sie als Übereinstimmung von Urteil und Realität auffasst. Oder, wenn man es religiös erklären will: Nur Gott ist im Besitz einer allgemein gültigen Wahrheit. Der erste Zweifel an einer objektiven Wahrheit entstand übrigens mit Nietzsche, der auf die subjektiven Faktoren hinter jeder Erkenntnis hinwies. Zu nennen sind hier auch der Universalismus, der von einer allgemein gültigen Ethik ausgeht, und der Kulturrelativismus, der die Ethik und damit auch die Wahrheit als von kulturellen Ansichten abhängig begreift.

Ich denke, mit diesen Ausführungen wird klar, wie komplex der Wahrheitsbegriff wirklich ist und wie wenig wir uns sicher sein können, im Begriff einer allgemein gültigen Wahrheit zu sein. Was ich von Verfechtern der "alternativen Wahrheit" oft höre, ist, Wissenschaft berufe sich auf Objektivität, und eine einmal bestätigte Theorie dürfe nie wieder angezweifelt werden. Wer so etwas behauptet, hat von Wissenschaft keine Ahnung, denn Wissenschaft baut auf keiner objektiven Wahrheit auf, sondern auf Fakten, und diese sind nicht objektiv, sondern intersubjektiv, sprich, sie stimmen mit der Wahrnehmung der Mehrheit überein. Wissenschaft sagt nichts über Wahrheiten aus, sondern findet Modelle und Erklärungen, die dieser am nächsten kommen. Forschung muss valide, reliabel und unabhängig von der/den untersuchenden Person/en sein. Und das ist auch der Unterschied zu denjenigen, die behaupten, alles zu wissen und im Besitz einer absoluten Wahrheit zu sein - wer tatsächlich um Wahrhaftigkeit bemüht ist, der weiß, dass er nichts weiß, oder anders gesagt: Er weiß, dass kein Wissen dieser Welt unfehlbar ist. Deswegen können wissenschaftliche Theorien auch jederzeit widerlegt werden - wissenschaftlich ist, was sowohl verifizier- als auch falsifizierbar ist, und keine Erkenntnis ist für alle Zeiten unumstößlich.

Was die Existenz einer objektiven Realität betrifft - man kann darüber streiten, ob es eine solche gibt oder nicht, aber wofür auch immer man sich entscheidet, es spielt in der Praxis eigentlich keine Rolle, weil wir, sollte es sie geben, ohnehin keinen Zugriff darauf haben. Und deshalb mein Appell: Seid misstrauisch gegen all jene, die behaupten, im Besitz einer allgemein gültigen Wahrheit zu sein! Dies könnte ein erstes Indiz dafür sein, dass sie nur Unsinn erzählen.

vousvoyez

Mittwoch, 15. April 2020

Jeder bekommt im Alter das Gesicht, das er verdient

Nun gut, auch dieser Satz stammt aus einer Fernsehserie - allerdings habe ich ihn ein wenig zusammengefasst, damit er weisheitstauglich ist. Ich glaube, dass es zumindest unter den Jüngeren nicht mehr allzu viele gibt, die diese Serie kennen, aber ich finde sie eigentlich ziemlich witzig - sie heißt Die Hausmeisterin und zeigt das Leben von nach außen hin ganz normalen Leuten im München der 1980er Jahre. Der Ex-Ehemann der titelgebenden Figur wird übrigens von Helmut Fischer gespielt, der auch so manchen, die keine Fans der alten bayerischen Serien sind, ein Begriff sein dürfte. Ihr könnt mich gern altmodisch nennen, weil mir so was gefällt - ich bin nicht mehr so jung, dass ich Angst haben könnte, in den Augen anderer nicht cool genug zu sein. Aber das sagte ich wohl schon oft genug. Jedenfalls wurde dieser Satz von einer älteren an eine jüngere Dame, die Angst vor dem Älterwerden hatte, weitergegeben, und ich finde, er beinhaltet sehr viel Wahrheit - denn tatsächlich spiegelt sich bei älteren Menschen sehr oft der Charakter im Gesicht. Was für viele auch der Grund sein könnte, sich aus Angst vor Falten bereits in den Dreißigern die erste Botox-Spritze verpassen zu lassen. Denn nach einem erfolgreichen Facelifting sieht man, wie ich finde, überhaupt nicht jünger aus, sondern nur künstlicher. Aber das kann sowieso nur jeder selbst wissen. Leider, aber auch zum Glück. Abgesehen davon, dass Botox auch nicht immer schlecht ist - ich kannte eine Frau, deren Gesichtslähmung nach zwei Schlaganfällen durch die Botox-Behandlung wieder behoben werden konnte.

Wie ihr wahrscheinlich schon festgestellt habt, habe ich mir bisher Mühe gegeben, die aktuelle Situation, bis auf ein paar Anspielungen, ziemlich großräumig zu umschiffen. Was auch daran liegt, dass ich keine Expertin bin und mich daher aus Themen, bei denen ich mich nicht wirklich auskenne und die ich daher den Profis überlassen muss, weitgehend raushalten will. Und dass ich von diesem Thema schon mindestens genauso genervt bin wie die meisten anderen auch - und dass es uns allen so allmählich an die Substanz geht. Ich kann nicht rund um die Uhr so tun, als würde ich die aktuelle Situation ausschließlich als "neue Chance" zur "Entschleunigung" begreifen - ich bin bisweilen echt unglücklich und auch genervt. Aber ja, in diesem Fall sehe ich keinen Grund, mich nicht an die Vorgaben zu halten - in der Hoffnung, dass das Ganze doch wenigstens ein einigermaßen glimpfliches Ende nimmt. Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen fassungslos angesichts dessen, dass es manche anscheinend tatsächlich für diskussionswürdig halten, die Leben der Schwächeren zugunsten der Wirtschaft zu opfern - hier bewegen wir uns nämlich, wie ich finde, wieder gefährlich in Richtung der Trennung von "wertem und unwertem Leben".

Unglücklicherweise stelle ich fest, dass manchen Leuten dieses Übermaß an Freizeit auch in anderer Hinsicht nicht gut zu tun scheint - denn die Schwurbler haben gerade Hochkonjunktur. Und leider muss ich sehen, dass auch Leute, die ich bisher noch für einigermaßen vernünftig gehalten habe, inzwischen geneigt sind, allen möglichen haarsträubenden Unsinn zu glauben. Natürlich ist es wünschenswert, kritisch zu sein und Dinge in Frage zu stellen - aber die eigene Ansicht über alle anderen zu stellen und sich nicht mit anderen Meinungen auseinandersetzen zu wollen hat nichts mit "Kritisch-Sein" zu tun. Denn wer wahrhaft kritisch ist, ist zuallererst einmal kritisch gegen sich selbst und auch bereit, seine eigenen Ansichten auch häufiger zu überprüfen. Gerade diejenigen, die anderen erklären, sie sollen selber nachdenken, wollen dies in Wirklichkeit gar nicht - man soll nur das nachplappern, was sie selbst sagen, und jede Kritik schränkt ihre Meinungsfreiheit ein oder ist gar "Zensur". Nun, die Definition von Meinungsfreiheit habe ich ja bereits dargelegt - denjenigen, die es immer noch nicht kapiert haben, möchte ich jedoch nahelegen, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit nach China, Russland, Nordkorea oder in den Kongo auszuwandern, um zu erleben, wie wahnsinnig schlecht es uns in Deutschland und Österreich doch geht. Nun gut.

Ja, wir müssen reden - und wahrscheinlich werde ich das eine oder andere sagen, was auch Leuten innerhalb meines üblichen Dunstkreises nicht gefallen könnte. Und zwar deshalb, weil es mit einer Person zu tun hat, die sich seit zwei Jahrzehnten großer Beliebtheit erfreut, auch wenn sie aktuell immer mehr in Ungnade fällt - nämlich Xavier Naidoo. Dass ich darüber reden muss, liegt daran, dass ich in letzter Zeit so oft gehört habe, man dürfe auf dem armen Mann doch nicht immer so böse herumhacken, es gehe doch nur um die Musik. Ja, es geht auch um die Musik - und die kann man weiterhin gut finden oder auch nicht. Mir gefällt sie nicht, aber mir gefällt auch so einiges an Musik nicht - das heißt ja nicht, dass sie anderen nicht gefallen darf. Aber Herr Naidoo hat nun mal mehr gemacht als nur Musik - besonders in letzter Zeit gab es so einige Entgleisungen. Und das ist auch nichts Neues - solche Aussetzer gab es schon öfter, und das waren nicht nur die Behauptungen der bösen Medien, sondern öffentlich von ihm selbst getätigte Aussagen. Wobei man sich bei den Songs ja noch auf die Kunstfreiheit berufen kann - wie ich kürzlich auch erklärt habe. Das Problem ist halt, dass es nicht nur bei Songs blieb.

In Wirklichkeit sorgt Xavier Naidoo bereits seit mehr als zwanzig Jahren für Kontroverse - bereits 1998 äußerte er seine Zweifel an der Legitimität der deutschen Bundestags-Wahlen, und nachdem er sich ein Jahr später öffentlich als "Rassist" bezeichnet hatte, machte er seine Nähe zu den Reichsbürgern immer wieder deutlich und trat im letzten Jahrzehnt sogar mehrmals auf deren Veranstaltungen auf. Wie ich schon in einem anderen Artikel erwähnt habe, erkennt diese Gruppierung den deutschen Staat und seine Gesetze nicht an, in letzter Zeit hört man aus diesen Reihen auch immer öfter den Aufruf, sich zu bewaffnen - das österreichische Pendant dazu nennt sich "Staatenbund". Aufgrund vieler Proteste durfte Naidoo Deutschland beim Eurovision Song Contest 2017 nicht vertreten, aber trotz all dieser Indizien gab es auch damals noch viele Künstler (und innen), darunter auch solche, die ich für vernünftiger gehalten hätte, wie Michael Mittermeier und Herbert Grönemeyer, die ihn unterstützten. Wahrscheinlich, weil er privat so ein netter Kerl ist. Das mag ja auch durchaus sein - ist allerdings keine Entschuldigung dafür, dass er seine Verantwortung als Person des öffentlichen Lebens dermaßen mit Füßen tritt. Zumal er ja bis vor kurzem noch in der Jury der Sendung Deutschland sucht den Superstar war. Aber selbst denen wurde es zu viel, als er in einem Video wieder einmal gegen Flüchtlinge hetzte - und im Zuge dessen auch den Klimawandel und die Souveränität Deutschlands leugnete. Hier muss ich eines noch einmal hervorheben: Dass er Dinge behauptet, die von der Mehrheit als unwahr klassifiziert werden, hat nichts mit "Mut" und "Courage" zu tun - weil wir erstens in einem Land leben, in dem man nicht um Leib und Leben fürchten muss, wenn man sagt, was man denkt, und weil er zweitens nicht der einzige ist, der solchen Müll solche höchst vernünftigen Fakten verbreitet. Solche Menschen brüsten sich gerne damit, dass sie - im Gegensatz zu allen anderen - nicht mit der Herde mitlaufen. Stattdessen laufen sie nur irgendwelchen selbsternannten Aufgeweckten nach und geben deren Ansichten völlig unreflektiert wider.

Deshalb möchte ich konkret auf eine der Behauptungen eingehen, die Xavier Naidoo verbreitet; kürzlich erklärte er nämlich unter Tränen, dieser Tage würden Kinder aus pädophilen Netzwerken befreit. Ob die Tränen echt waren oder sich hinter dem Sänger mit der Raunzstimme einfach nur ein talentierter Schauspieler verbirgt, weiß ich nicht - kann ja sein, dass er den Schwachsinn, den er verzapft, wirklich glaubt. Um auch das klar zu stellen: Ich weiß, dass Kindesmissbrauch tatsächlich existiert, auch organisierter und ritueller Kindesmissbrauch, und mir liegt es fern, diesen zu verharmlosen oder die Opfer zu verhöhnen. Mir ist klar, dass jedes Opfer eines zu viel ist. Ich möchte allerdings auch darauf hinweisen, dass das Aufbauschen von nicht beweisbaren und mit ziemlicher Sicherheit auch nicht existenten Missbrauchs-Fällen den tatsächlichen Opfern nicht hilft - im Gegenteil, sie laufen dadurch Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Und nein, dass es solche Fälle tatsächlich gibt, ist kein Beweis - mit dieser Argumentation könnte ich auch behaupten, dass mein Nachbar jemanden umgebracht hat, weil es Mord tatsächlich gibt. Im übrigen frage ich mich, warum man sich mehr um das Wohlergehen von Kindern sorgt, deren Existenz niemand beweisen kann, als um tatsächliche Missbrauchsfälle in der unmittelbaren Nachbarschaft, die es ja tatsächlich immer wieder gibt. Und wie Fälle wie der von Josef Fritzl zeigen, gelten die Täter häufig als "nette Nachbarn" und "aufopfernde Familienväter" - den wenigsten "Bösen" sieht man das Bösesein auch an, selbst wenn man uns in all den Kindermärchen das Gegenteil erklärt hat. Aber ich denke mal, wir sind alle alt genug, um nicht mehr an Märchen zu glauben.

Die pädophilen Netzwerke, die Xavier Naidoo anspricht, sind Teil eines großen Verschwörungsmythos, der von einer oder mehreren anonymen Personen namens QAnon im Internet verbreitet wird. Diese Person behauptet, ein anonymer Vertrauter aus dem engsten Kreis von US-Präsident Donald Trump zu sein und spricht über einen "Deep State", der in Wahrheit die Herrschaft über die ganze Welt innehat und aus einem Netzwerk pädophiler Politiker und Hollywood-Stars bestehen soll. Er stilisiert Trump als genialen Helden, der gegen diesen "Deep State" kämpft und der das Coronavirus "erfunden" haben soll, um von diesem seinem Kampf abzulenken und all die entführten und gefolterten Kinder zu retten. Ja, genau der Donald Trump, der nicht entscheiden kann, ob das Coronavirus existiert oder nicht und wie gefährlich es ist; der Donald Trump, der gegenwärtig den gesamten Staat, für den er verantwortlich ist, an die Wand fährt; der Donald Trump, der an der mexikanischen Grenze Eltern ihre Kinder wegnimmt und diese in Käfige sperrt. Laut QAnon sollen alle US-Präsidenten seit Lyndon B. Johnson, mit Ausnahme von Ronald Reagan, kriminell, pädophil und satanistisch gewesen sein - besonders das Motiv des Kindesmissbrauchs kehrt immer wieder und schlug bereits in der Vergangenheit hohe Wellen: Angeblich soll Hillary Clinton im Keller einer Pizzeria in Washington, D. C. einen Kinderpornoring unterhalten haben - eine These, die längst widerlegt wurde, als ein bewaffneter Mann in nämliche Pizzeria eindrang, um die Kinder zu retten, nur um festzustellen, dass diese gar keinen Keller hatte. Diese Behauptung ist nicht die erste und auch nicht die letzte, die sich als falsch herausstellte - QAnon wird in den USA mittlerweile als Terrororganisation eingestuft, was jedoch Leute mit Q-T-Shirts nicht daran hinderte, während Reden von Trump gut sichtbar hinter ihm auf der Bühne zu stehen. Im übrigen sind die Äußerungen dieses QAnon so kryptisch und vage, dass man, wenn sich Behauptungen als falsch herausstellen, ganz bequem darauf hinweisen kann, dass diese einfach nur falsch interpretiert worden seien. Auch, dass die Pizzagate-Affäre widerlegt wurde, überzeugt viele nicht - denn was "die Mainstreammedien" erzählen, ist natürlich alles gelogen und soll nur von der Wahrheit ablenken. Was natürlich die Attraktivität von QAnon erklärt - wer daran glaubt, sieht sich als Teil einer Elite, die als einzige "die Wahrheit" kennt. Ein lustiger Zufall ist auch, dass immer politische Gegner von Trump als Teil der großen Verschwörung genannt werden. Das Problem dabei: Durch prominente "Gläubige" wie Xavier Naidoo verbreiten sich diese kruden Thesen auch immer mehr im deutschsprachigen Raum.

Teil des QAnon-Verschwörungsmythos ist auch die Behauptung, dass überall auf der Welt Kinder entführt würden, um diese dann zu foltern und so deren Blut mit Adrenochrome anzureichern. Dieses wird ihnen dann entnommen und von der Hollywood-Elite als "Verjüngungsdroge" eingesetzt. Wissenschaftlich gesehen ist Adrenochrome nichts anderes als eine chemische Verbindung, die durch die Oxidation von Adrenalin entsteht und die medizinisch hauptsächlich zur Blutgerinnung eingesetzt wird. Man kann sie ganz legal im Internet bestellen - ihre künstliche Herstellung ist überdies weitaus bequemer und effektiver, als dafür Kinder zu foltern. In nicht sehr hoher Potenz weist Adrenochrome eine halluzinogene Wirkung ähnlich der von LSD oder Meskalin auf, weshalb die Theorie entstand, dass es für Schizophrenie verantwortlich sei - Beweise gibt es dafür allerdings nicht. Im Zuge der Hippie-Bewegung entstand die These, Adrenochrome könne als eine Art körpereigenes LSD fungieren, was den Schriftsteller und Journalisten Hunter S Thompson zu seinem 1971 veröffentlichten Roman Fear and Loathing in Las Vegas inspirierte, der 1998 von Ex-Monty-Python Terry Gilliam mit Johnny Depp in der Hauptrolle verfilmt wurde und in dem behauptet wird, die effektivste Gewinnung von Adrenochrome erfolge aus den Adrenalindrüsen lebendiger Menschen. Thompson gab jedoch selbst zu, dass er das erfunden hatte.

Allerdings gehen die Ursprünge dieser Behauptungen noch weiter zurück als nur bis zu diesem Roman - nämlich bis ins 15. Jahrhundert, einer Zeit, die sich in kulturellem und religiösem Wandel befand und in der sich eine Mischung aus Antisemitismus und Hexenglauben bildete, die vielen Unschuldigen das Leben kostete. Natürliche Bedrohungen wie die Pest sowie klimatische Schwankungen, die zu Ernteausfällen und in der Folge zu Hungersnöten führten, konnten noch nicht ausreichend durch Wissenschaft erklärt werden, weshalb die meisten Leute dahinter teuflische Verschwörungen vermuteten. Als Sündenböcke mussten hierfür Andersgläubige, insbesondere die Juden, herhalten - so wurden vor allem Frauen beschuldigt, zusammen mit Juden und Teufeln in "Hexensabbaten" aus ermordeten, christlichen Kindern eine teuflische, mächtige "Hexensalbe" herzustellen. Ähnlich wie Xavier Naidoo, der die Fridays-For-Future-Bewegung mit dem biblischen Antichristen in Verbindung brachte, so vermutete man auch damals schon das unmittelbare Bevorstehen der Apokalypse aus der Johannes-Offenbarung. Und ähnlich wie damals behauptet wurde, aus christlichen Kindern würde eine Hexensalbe hergestellt, behauptet man heute, aus gefolterten Kindern werde Adrenochrome extrahiert. Mich erinnert das jedoch auch an die Legende der ungarischen "Blutgräfin" Elisabeth Báthory, die junge Mädchen auf ihre Burgen gelockt und dort zu Tode gefoltert haben soll, weil sie glaubte, durch das Trinken ihres Blutes oder durch das Baden darin ewige Jugend bewahren zu können. Einen sehr lesenswerten Artikel über historische Zusammenhänge mit dem QAnon-Mythos verlinke ich euch unten.

Und nun kommen wir zu dem Grund, warum ich all das überhaupt schreibe: Dieser QAnon-Verschwörungsmythos ist keine harmlose Spinnerei. Auch wenn QAnon selbst in den USA nach wie vor ein Randphänomen ist, bekommt dieses durch die Corona-Krise und nicht zuletzt Prominente wie eben Xavier Naidoo aktuell unnötig viel Aufmerksamkeit. QAnon erzeugt künstlich eine Hysterie, die bereits gefährliche Auswüchse zeigt - Menschen werden bedroht und eingeschüchtert, in Gruppierungen, die QAnon anhängen, wird explizit zur Gewalt aufgerufen, und nicht zuletzt wird auch die Zunahme des rechtsradikalen Terrors zum Teil mit dieser Verschwörungstheorie verknüpft - so berief sich der Terrorist von Hanau auf QAnon, und auch der Attentäter von Halle glaubte an eine jüdische Weltverschwörung. Sprich - diese Leute, wer auch immer sie sind, treiben ein gewaltig gefährliches Spiel. Aktuell zeigen sich in den USA keine geretteten Kinder, sondern lediglich, wie marode das Gesundheitssystem dort ist und dass das Land von einem Mann geführt wird, der dazu eigentlich gar nicht in der Lage ist. Um zu "beweisen", dass wir "in die Irre geführt" werden, werden in den sozialen Netzwerken bewusst manipulierte Fotos veröffentlicht - denn jeder kann irgendein Bild posten und irgendwas dazu schreiben, ich übrigens auch. Dies ist die Strategie "alternativer" Medien, Misstrauen gegen seriöse Journalisten und wissenschaftliche Quellen zu säen und auf diese Weise Klicks zu generieren und Geld zu bekommen. Und ich möchte alle, die noch alle Tassen im Schrank haben, dazu anhalten, nicht einfach völlig unreflektiert irgendwas zu teilen, nur weil es ihnen "logisch" erscheint. Vor allem aber solltet ihr nicht in die Versuchung geraten, irgendeinem "Aufruf zum Widerstand" zu folgen und jetzt auf die Straße zu rennen - wir werden in Zukunft womöglich lernen müssen, mit dem Virus umzugehen, aber momentan haben wir nun mal keine andere Wahl, als uns an das zu halten, was uns tagtäglich immer wieder eingebläut wird - also nicht öfter als nötig das Haus zu verlassen und auf persönliche Hygiene zu achten. In diesem Sinne - bleibt gesund, und ich hoffe, dass wir das alles bald ausgestanden haben!

vousvoyez


Jim Carrey: https://www.mimikama.at/allgemein/hollywood-eliten/
Adrenochrome: https://de.wikipedia.org/wiki/Adrenochrom