Donnerstag, 25. April 2019

Ein Einbrecher hätte bei mir nichts zu holen - der würde höchstens noch Geld dalassen

Aber bildet euch bloß nicht ein, dass ich euch deswegen verrate, ob und wie viel es bei mir tatsächlich zu holen gibt!

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft ja bekanntlich immer mehr auseinander. Und um diejenigen, die zu kurz kommen, davon abzulenken, wer dafür verantwortlich ist, zeigt man gerne mit dem Finger auf Schwächere - demzufolge ist auch der Rassismus wieder stark im Kommen. Umso bedauerlicher ist es, dass ich seit drei Tagen immer wieder mit einer Geschichte konfrontiert werde, die den Blick von den eigentlichen Problemen ablenkt - und zwar ausgehend von einer Person, die sich den Kampf gegen Rassismus auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Geschichte nahm ihren Ausgang in einer TV-Übertragung des About You Awards, einer Preisverleihung für Social-Media-Persönlichkeiten. Dazu muss ich sagen, ich gehöre zu all jenen, die mit "Influencern" eher weniger anfangen können. Natürlich gibt es nicht nur in der heutigen Zeit Personen, die berühmt sind, ohne tatsächlich etwas Besonderes geleistet zu haben. Der einzige Unterschied ist halt, dass es heutzutage durch die sozialen Netzwerke wohl einfacher ist, mit wenig Leistung viel Aufmerksamkeit zu erzielen. Was mich jetzt aber nicht sonderlich beunruhigt - für mich ist das nichts als ein blöder Trend wie viele andere auch. Kein Grund, sich darüber aufzuregen.
Unter den Juroren dieser Preisverleihung war auch eine gewisse Enissa Amani, eine aus der Türkei stammende Deutsche, von der ich bis dato noch nie etwas gehört hatte. Offensichtlich hat sie sich in jüngeren Kreisen als "Stand-up-Comedienne" einen Namen gemacht - auch in Sendungen wie NightWash, die ich eigentlich ganz gut finde. Ich muss gestehen, deutsche Comedy ist nicht so mein Ding, aber es gibt auch einige Ausnahmen - darunter nicht wenige Comedians mit Migrationshintergrund. Frau Amani hat mich jetzt, offen gestanden, nicht sehr vom Hocker gehauen. Gewiss, sie sieht gut aus und ist sich dessen auch bewusst - weshalb in den Kommentaren ihrer YouTube-Videos auch mehr Kommentare über ihre sekundären Geschlechtsmerkmale als über ihre Comedy-Darbietung zu finden sind. Was nicht heißt, dass sie nicht intelligent wäre oder nichts zu sagen hätte - ich finde sie halt nur einfach nicht sehr witzig. Und das hat weder damit zu tun, dass sie eine Frau ist, noch damit, dass sie Migrationshintergrund hat. Unglaublich, dass man das erst dazu sagen muss.

Zu der besagten Preisverleihung schrieb die Spiegel-Journalistin Anja Rützel eine Kolumne, die weit größere Wellen schlug als von ihr erwartet. Für das sinkende Niveau des Spiegel war der Artikel gar nicht so schlecht - jeder wurde gleichermaßen auf die Schaufel genommen, sie erwähnte die scheinheilige Vereinnahmung Greta Thunbergs seitens der "Influencer", die größtenteils per Flugzeug angereist waren, ebenso wie die Doppelmoral einer Heidi Klum, die ihre Zuschauer dazu aufforderte, aufzustehen und was Gutes zu tun, während sie selbst aktuell wieder einmal dabei ist, ein paar hoffnungsvolle junge Mädchen in die Schablone eines völlig unrealistischen Schönheitsideals zu pressen.

Der Kommentar über Enissa Amani bezog sich darauf, dass diese sich diskriminiert fühlte, weil man sie so oft als "Komikerin" bezeichnete, obwohl sie doch "Stand-Up-Comedienne" sei. Nun ist es mir unbegreiflich, was an einer englisch-französischen Wortneuschöpfung besser sein soll als an dem Begriff "Komiker" - und was an letzterem beleidigend sein soll. Wenn ich an deutsche Komiker denke, dann denke ich an Loriot, Hape Kerkeling, Otto Waalkes oder Karl Valentin - intelligente Persönlichkeiten mit geistreichen, zeitlosen Witzen. Aber nun ja, möglicherweise ist es tatsächlich falsch, eine Dame als "Komikerin" zu bezeichnen, der es an geistiger Reife fehlt. Egal. Jedenfalls "drohte" Amani damit, nach Nicaragua auszuwandern und dort Papayas zu züchten, sollte sie noch einmal als "Komikerin" bezeichnet werden. Anja Rützel meinte dazu: "...weshalb man sie wirklich auf keinen Fall mehr 'Komikerin' nennen sollte, denn spätestens nach dieser Rede kann einfach keiner wollen, dass wir diese Komikerin an die Fruchtproduktionsbranche verlieren." Amani behauptete später, ihr Publikum hätte das durchaus witzig gefunden - warum, kann ich allerdings nicht feststellen, zumal nicht wirklich klar wird, was das eigentlich für eine Aussage sein soll.

Jedenfalls fühlte sich Enissa Amani rassistisch beleidigt und verglich Rützel in den sozialen Netzwerken mit AfD-Politikern, die sie aus dem Land ekeln wollen. Nachdem sie zusätzlich noch Rützels Instagram-Account öffentlich gemacht hatte, sah die Journalistin sich nun einem Shitstorm durch Amani-Fans ausgesetzt, in dem sie als Nazi-Braut degradiert wurde - leider auch noch verschärft durch den Umstand, dass ein AfD-Politiker sich die Anklage gegen Rützel zu eigen gemacht hat, was allerdings nicht durch Rützel selbst initiiert wurde. Nicht nur das - auch Personen wie Ralph Ruthe und Alf Frommer, die aktiv gegen Rechtsradikalismus vorgehen, wurden auf einmal in die rechte Ecke gestellt, weil sie Frau Amani nicht recht gaben. Was man witzig finden könnte, wenn es nicht so traurig wäre. Und ein Umstand, der nicht gerade für das Medium "Twitter" spricht. So weit, so gut.

Die Frage ist nun natürlich: Wurde Enissa Amani in Anja Rützels Artikel tatsächlich Opfer von Rassismus? Dazu muss man zuallererst mal die Frage beantworten, was Rassismus überhaupt ist. Normalerweise bedeutet Rassismus, eine Person aufgrund ihrer ethnischen Herkunft herabzusetzen. In einem Artikel des Volksverpetzers, den ich eigentlich sehr schätze, wird bemängelt, dass nicht auf Frau Amanis Inhalte eingegangen wird, sondern viel zu sehr darauf, dass sie hübsch, weiblich und "ausländisch" sei. Nun, ich sehe nicht, dass in diesem Artikel ihr Aussehen, ihr Frausein oder ihr Migrationshintergrund thematisiert werden - stattdessen wird genau das getan, was die Volksverpetzer-Autorin fordert: Anja Rützel kritisiert den INHALT von Amanis Rede. Und das soll nun rassistisch sein - weil sie Amanis "Drohung" aufgenommen hat, das Land zu verlassen. Eine Erklärung, die eigentlich von Amani stammt - nicht von Rützel. Das ist Kindergarten in Social-Media-Manier: seinen Rückzug anzukündigen und darauf zu warten, dass alle einen zum Bleiben überreden wollen.

Ich weiß, ich bin gerade in Begriff, ein heißes Eisen anzufassen, aber man kann es eben nicht immer allen recht machen. In rechten Kreisen haben es Künstler mit Migrationshintergrund ohne Frage besonders schwer. Mir drängt sich allerdings der Gedanke auf, dass in anti-rassistischen Kreisen oft genau das Gegenteil passiert - nämlich, dass man es Menschen mit ausländischen Wurzeln ein wenig zu leicht macht. Zu meinem Bedauern habe ich immer wieder mal das Gefühl, dass der ein oder andere Künstler die ein oder andere Ehrung weniger seinem tatsächlichen Talent, sondern eher seinen ethnischen Wurzeln zu verdanken hat. Versteht mich nicht falsch - ich finde es toll und wünschenswert, dass unsere Kunstlandschaft "bunter" wird, und ich würde mir noch viel mehr tolle Künstler aus anderen Ländern und mit anderen Themen in unseren Breiten wünschen. Aber diese sollten, finde ich, auch ehrlich und fair bewertet werden - ohne dass man gleich als Rassist gilt, nur weil man einer afrikanischstämmigen Person einen gewissen Preis nicht zugesteht. Und dazu gehört auch Kritik - nicht jede Kritik ist Rassismus, nur weil der/die Kritisierte Migrationshintergrund hat. Ich sehe in diesem Verhalten ein ganz anderes Problem - wenn man sich nämlich zu sehr auf seinem Migranten-Status "ausruht", ist bald jede Kritik, ob konstruktiv oder nicht, Rassismus. Und damit lenkt man nicht nur von tatsächlichem Rassismus ab - man spielt auch genau denjenigen in die Hände, die sich angesichts der Migration benachteiligt fühlen.

Wie gesagt - ich halte Enissa Amani keineswegs für dumm. Und ja, es gibt viele Frauen, die sind sowohl schön als auch intelligent. Dass diese wegen ihres ansprechenden Äußeren oft nicht ernst genommen werden, ist hier nicht das Thema - vielleicht schreibe ich nochmal gesondert dazu. Bei dieser Geschichte hat sich Frau Amani jedoch nicht wie die Erwachsene verhalten, die sie eigentlich ist, sondern wie eine Zwölfjährige, die unbeaufsichtigt im Internet surft und herumpöbelt, ohne sich über die möglichen Folgen ihm Klaren zu sein. Wie in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung angemerkt, ist das Problem heutzutage, dass beleidigte Künstler einen Tross von Followern hinter sich haben, die ungebremst über die unliebsame Person herfallen, die es gewagt hat, ihr Idol zu kritisieren. Man kennt es noch von früher: Wer die Lieblings-Boygroup eines Mädchens im Teenager-Alter angreift, ist der Teufel persönlich. Der Unterschied ist nur, dass sich diese Mädchen damals nur in der Schule oder in der Leserbrief-Rubrik der Bravo verbal austoben konnten.

In einem ebenfalls sehr lesenswerten Artikel der Frankfurter Allgemeinen wird auf das hingewiesen, was ich zuvor erwähnt habe - nämlich, dass durch das Hickhack Amani vs. Rützel wichtigere Themen unter den Tisch fallen. Beispielsweise das Gedicht des Vizebürgermeisters von Braunau, in dem Einwanderer mit Ratten verglichen werden; außerhalb Österreichs findet dieser äußerst besorgniserregende Ausbruch von tatsächlichem Rassismus - Menschen werden aufgrund ihrer Herkunft herabgesetzt, indem man sie mit Ungeziefer vergleicht - kaum Beachtung. Aber, nun ja - Frau Amani hat erreicht, was sie wahrscheinlich bezwecken wollte - nämlich Aufmerksamkeit. So sehr, dass sogar andere Promis, die schon lange keine Beachtung mehr gefunden haben, ihre Chance wahrnehmen und sich zu dem Thema äußern. Und das, weil Frau Amani sich über etwas beschwerte, was für Personen mit Migrationshintergrund in unseren Breiten doch angeblich so wichtig ist - nämlich, so behandelt zu werden wie jene, die keine offensichtlichen ausländischen Wurzeln haben.

vousvoyez

https://www.zeit.de/kultur/2019-04/enissa-amani-influencerin-anja-ruetzel-kritik-deutschstunde

Sonntag, 24. März 2019

Eine der am häufigsten gegoogelten Fragen ist: Wie google ich etwas?

Das ist natürlich genauso sinnvoll, wie wenn man früher im Lexikon nachgeschlagen hätte, wie man was im Lexikon nachschlägt. Da ich mich ja mit 35 Jahren nicht mehr zur Jugend zählen darf (oder muss oder was auch immer), darf ich stolz verkünden, dass mir in meiner Schulzeit noch beigebracht wurde, Lexika und Wörterbücher zu verwenden. In meiner kranken Phantasie male ich mir manchmal aus, dass Leute meiner Generation irgendwann, wenn das World Wide Web mal zusammenbricht, die großen Gurus sein werden, die noch ein Leben ohne Internet kannten.

Ach, die gute alte Zeit, als man noch den zehnbändigen Brockhaus im Bücherregal stehen hatte, in dem man nachschlug, wenn man etwas wissen wollte! Und als mein Vater mit der riesigen Landkarte am Straßenrand im Auto saß und versuchte, herauszufinden, wo er hinfahren musste! Das geht heutzutage natürlich alles einfacher - demzufolge ist es natürlich auch eine mittlere Katastrophe, wenn Wikipedia mal für 24 Stunden ausfällt. Spätestens seit Beginn meiner Studienzeit ist das Internet auch ein integraler Bestandteil meines Lebens. Und spätestens seit dem Arabischen Frühling kann es auch gesellschaftliche Umbrüche bewirken.

In letzter Zeit ist eine Jugendliche in aller Munde - die sechzehnjährige Greta Thunberg. Eigentlich sollte das klar sein, aber ich folge mal dem Beispiel des Volksverpetzers und stelle zuerst mal eines klar: Greta ist nicht meine Heldin oder mein Idol. Ich begrüße es durchaus, dass sie den Mut hatte, aufzustehen und sich für eine Verbesserung der Lebensbedingungen auf unserem Planeten einzusetzen. Aber das macht mich nicht zu ihrem "Fan". Jugendliche und junge Erwachsene sind oftmals naiver als Ältere - aber ihre Unbedarftheit und ihr Optimismus sind oftmals besser dazu geeignet, sich Problemen zu stellen, als die Abgestumpftheit und Resignation der Älteren. Die Hippies in den Sechzigern hatten naive Ideale, die in ihrer Gesamtheit nicht durchführbar sind, aber das Umdenken der Jugend in der damaligen Zeit hat durchaus auch Dinge verändert, und das nicht zum Negativen - beispielsweise den liebevolleren Umgang mit den eigenen Kindern, den offeneren Umgang mit Sexualität oder, wenn auch nicht Gleichberechtigung, so doch eine erhebliche Verbesserung der Stellung der Frau. Klar, manche sehen das heute nicht mehr als Verbesserung an - am besten wäre es wohl für manche, wir würden in die fünfziger Jahre zurückkehren - zumindest in das, was sie sich als die fünfziger Jahre vorstellen. Aber hatten wir das nicht schon?

Jedenfalls hat sich die Jugend vorgenommen, Gretas Beispiel zu folgen und für eine Lösung der Klimakrise zu demonstrieren. Ja, ich weiß, dafür setzen sie ihre Zukunft aufs Spiel, weil sie der Schule fernbleiben. Aber machen wir uns doch nichts vor - es sind diese Menschen, denen wir diesen Planeten hinterlassen. Und es ist uns Erwachsenen offenbar scheißegal. Sonst würden wir auf ihre Forderungen eingehen, anstatt Fake News in die Welt zu setzen, uns via Internet den ganzen Tag über die inkonsequenten Schulschwänzer aufzuregen und einen Teenager zu diskreditieren.
Natürlich kann man einwenden, dass der Friedensnobelpreis vielleicht ein bisschen hoch gegriffen ist. Aber ganz ehrlich - es haben schon Leute für deutlich weniger diesen Preis bekommen. Greta ist vielleicht nicht die Heldin, für die sie viele halten, aber sie hat es zumindest geschafft, junge Leute zu mobilisieren und den Dialog über die Klimakrise anzuheizen. Wir werden die Klimaschutz-Ziele, die wir uns gesetzt haben, mit Sicherheit nicht erreichen, aber irgendwie scheint das keinen zu stören. Ganz im Gegenteil - es gibt genügend Leute, die den menschengemachten Klimawandel immer noch leugnen, mit dem Argument, das Klima sei nicht statisch. Klar - das stimmt schon. Aber sind wir uns doch ehrlich - nie hat sich das Klima so rasant verändert wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten.

Doch anstatt Themen wie dieses aufzugreifen, wird einfach an allem vorbeigeredet und auffällig viel Energie darauf verschwendet, gegen die böse Jugend zu wettern und speziell ein Kind in Misskredit zu bringen. Dabei ist es doch unsere Schuld, dass ausgerechnet ein Teenager sich dieses Problems annimmt - wir tun es ja nicht. Und ja, es mag sein, dass der eine oder andere von dem Gesicht dieses Mädchens schon genervt ist - aber das rechtfertigt nicht die mediale Hetze gegen sie, es rechtfertigt keine Fake-Profile mit ihrem Namen, deren Profilbild nicht sie, sondern ein kleines Mädchen mit Down-Syndrom zeigt und in denen gegen Jugendliche und Menschen mit Behinderung gehetzt wird, und es rechtfertigt nicht, dass über sie ständig Fake News und Verschwörungstheorien verbreitet werden. Ganz offensichtlich sind etwa 50% der Accounts, die Lügengeschichten über Greta vertreiben, ebenfalls gefaket - was wohl bedeutet, dass man hier noch mehr Kritiker "erfindet", als es tatsächlich gibt. Mein Lieblingsargument ist, dass ihr Urgroßvater angeblich den Klimawandel erfunden hat und ein guter Freund von Alfred Nobel gewesen sein soll - und überdies den Nobelpreis für Chemie erhielt. Selbst wenn - der Mann ist seit 90 Jahren tot. Sehr unwahrscheinlich, dass er sie dazu "angestiftet" hat. Ganz abgesehen davon, dass man den Klimawandel genauso wenig "erfinden" kann wie die Gravitation. Und die Geschichten über ihre Familie sind teilweise auch ganz schön an den Haaren herbeigezogen - ich werde aber unten noch einen Artikel dazu verlinken. Am schlimmsten finde ich aber die diskriminierenden Äußerungen aufgrund ihres Asperger-Autismus. Ja, ich weiß, heutzutage scheint echt jeder Experte zu sein, wenn es um Autismus geht. So gibt es diejenigen, die behaupten, dass sie ihre Aktionen aufgrund ihres Autismus gar nicht selbst gestartet haben kann - sie sei ja geistig eingeschränkt und deswegen gar nicht fähig dazu. Dazu kann ich nur eines sagen: Nein, Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen sind nicht unfähig, selbst zu denken oder sich eine eigene Meinung zu bilden. Und nein, Asperger-Autismus ist keine "Krankheit" - es beschreibt lediglich eine Entwicklungsstörung, die sich aber nicht oder nur sehr leicht auf die kognitiven Fähigkeiten auswirken. Was bedeutet, dass Asperger-Autisten größtenteils normal oder sogar überdurchschnittlich intelligent sind. Und ich sage es noch einmal: Autisten haben sehr wohl Gefühle, es fällt ihnen lediglich schwer, die Gefühle ihrer Mitmenschen einzuordnen, weshalb sie in ihrer Kommunikationsfähigkeit häufig eingeschränkt sind. Und die Leute werden auch nicht müde, ständig dieses langweilige Bild von Greta beim Essen im Zug zu posten, auf dem ein paar Plastikverpackungen zu sehen sind. Abgesehen davon, dass man von niemandem verlangen kann, absolut perfekt zu sein - ich denke, wer sich über den eigenen Plastikverbrauch keine Gedanken macht, braucht auch nicht solche Memes zu teilen.

Aber die Diskreditierung und Fake News beschränken sich nicht nur auf die Person Greta Thunberg, sondern auf alle Jugendlichen, die sich für Klimaschutz einsetzen. Und mir drängt sich der Gedanke immer mehr auf, dass es hauptsächlich darum geht, weiterhin ungestört über die heutige Jugend herziehen zu können. Vor nicht allzu langer Zeit reichte es, darüber zu klagen, dass sich die jungen Leute heutzutage nur noch für ihre Smartphones interessieren. Jetzt interessieren sie sich für was anderes, und das ist in den Augen vieler auch falsch - und viele dieser "Kritiker" lassen es auffällig an dem Anstand und Respekt mangeln, den sie von der Jugend so dringend fordern. Doch es geht nicht nur darum - es geht auch darum, dass man das eigene bequeme Leben nicht aufgeben muss. Denn Plastik ist praktisch, Fleisch schmeckt gut und Müll trennen ist anstrengend, ebenso wie der zeitweilige Verzicht aufs geliebte Auto. Ein beliebtes Argument ist ja auch, die Jugend solle lieber gegen Altersarmut auf die Straße gehen - warum zum Geier die Jugend und nicht wir selbst? Und wenn uns die Schulausbildung unserer Kinder so wichtig ist, warum kümmern wir uns dann nicht selbst um den Klimaschutz? Ganz offensichtlich wollen wir die Verantwortung einfach nur abschieben - weil es viel bequemer ist, sich vom Wohnzimmersessel aus zu empören.

Darüber hinaus ist es für mich schon sehr auffällig, dass sich ganz plötzlich alle, ob Eltern bzw. Lehrer oder nicht, total für die Ausbildung unserer Jugend interessieren. Die ganze Zeit davor hat das ja auch niemanden gejuckt, der nicht unmittelbar betroffen war - und oft nicht mal diejenigen, wie betroffen waren. Ständig wird über Lehrermangel und Budgetkürzungen gejammert, dauernd werden Reformen gefordert, aber irgendwie geht da schon seit Ewigkeiten nicht wirklich was weiter. Und überdies - seit es die Schulpflicht gibt, gibt es auch Schulschwänzer. Wer kann behaupten, dass es in der eigenen Generation, die ja sowieso das Maß aller Dinge zu sein scheint, keine Schulschwänzer gab? Oder dass er oder sie überhaupt gar nie im Leben schon mal Schule geschwänzt hat? Und nicht, um auf Demos zu gehen, sondern um fernzusehen oder sich herumzutreiben. Klar, man wird nicht ganz verhindern können, dass es Schüler gibt, die tatsächlich die günstige Gelegenheit zum Schwänzen ergreifen - aber kann man es ihnen verdenken? Und überdies holen die Schüler, soweit ich den Überblick habe, die Fehlstunden sowieso nach. Und überhaupt - auch Arbeiterstreiks finden nicht in der Freizeit statt, außerdem wurde auch an schulfreien Tagen demonstriert. Abgesehen davon - wenn man nicht will, dass die Kinder die Schule schwänzen, warum hört man sich ihre Sorgen dann nicht an und übernimmt sie vielleicht selbst? Ach ja, das hab ich vergessen - weil einem dann die Zeit fehlt, um über andere herzuziehen.

Denn das ist ja lustig und überdies auch bequem. Und so werden nicht nur dreiste Lügen über Greta, sondern auch über die Demonstrierenden an sich verbreitet. Ich sehe dieser Tage oft Fotos demonstrierender Schüler, deren Plakate mit irgendeinem Computerprogramm bearbeitet wurden, so dass die Botschaften auf einmal ganz anders lauten als ursprünglich. Die Fälschungen sind so schlecht und billig, dass ich mich ernsthaft frage, ob der Verursacher sich nicht dafür schämt - aber anscheinend fällt das vielen nicht auf. Warum auch - wenn das bearbeitete Foto die eigenen Vorurteile bestätigt, reicht das doch. Was natürlich die Frage aufwirft, warum man Argumente erfinden muss, wenn man doch sowieso vollkommen recht hat. Oder ob man dies nicht vielmehr deswegen tut, um sich nicht mit den Argumenten auseinandersetzen zu müssen.

Und natürlich dürfen wir nicht vergessen: Diese Argumente sind null und nichtig, weil Greta etwas aus einer Plastikverpackung gegessen hat und weil die Schüler nach der Demo auch Müll produziert haben - aber macht das das Thema weniger wichtig? Keiner der Menschen, die jemals versucht haben, die Welt zu verändern oder zu verbessern, war völlig fehlerfrei; ich bin es nicht, meine lieben Leser und Innen sind es nicht und all die kritisierenden Besorgtbürger sind es auch nicht - warum sollte es Greta und warum sollten es die anderen Schüler sein? Kein Mensch verlangt, dass wir im Wald leben müssen - es geht nicht darum, dass Autos und Plastik überhaupt nicht mehr benutzt werden dürfen, es geht darum, den wahnwitzigen Verbrauch von Ressourcen zu reduzieren. Und nein, auch Aussagen wie "dann sollen sie sich nicht von den Eltern mit dem SUV zur Schule kutschieren lassen" gelten nicht - denn wie der Satz schon erklärt, fahren die Eltern den SUV und nicht die Schüler, und wenn man so wahnsinnig besorgt um das Kind ist, kann man es auch zu Fuß zur Schule begleiten. Auch hier - es sind in erster Linie die Erwachsenen gefordert. Und überdies scheinen sich viele Schüler ja tatsächlich ernsthaft Gedanken um Fleischkonsum oder Mülltrennung zu machen, seit dieses Thema präsent ist - was interessieren uns da die paar, die das nicht tun? Zeitweise habe ich aber auch das Gefühl, dass da auch sehr viel schlechtes Gewissen und Scham dabei ist; wir mussten von den Kindern auf die Probleme unserer Klimapolitik aufmerksam gemacht werden - ist es dann aber nicht ebenso peinlich, wenn wir von ihnen verlangen, dass sie uns ökologische Nachhaltigkeit vorleben?

Dieser ganze Shitstorm, den wir auf die nächste Generation herabregnen lassen, ist also leicht zu durchschauen - es geht darum, uns wieder mal über die Jugend von heute aufzuregen und gleichzeitig vom Thema abzulenken. Aber wir dürfen eines nicht vergessen - diese jungen Leute müssen eines Tages diese Welt selbst gestalten. Und wir hinterlassen ihnen einen Haufen Probleme, die wir selbst verursacht haben oder immer noch verursachen. Abgesehen davon: Hören wir endlich auf, so zu tun, als würden wir uns für Themen interessieren, die uns eigentlich, salopp gesagt, am Arsch vorbeigehen! Das ist nämlich tatsächlich Heuchelei - und zwar von der übelsten Sorte.

vousvoyez

Fake News über Greta: https://www.volksverpetzer.de/hintergrund/geruechte-greta/

Klimaquiz debunked: https://scilogs.spektrum.de/klimalounge/das-klimaquiz-der-afd-die-aufloesung/

Montag, 18. März 2019

Wenn man einen Unfall hat, kommt die Polizei und sagt, dass es verboten ist, einen Unfall zu haben

(c) vousvoyez
Aufsätze von Volksschulkindern tragen ja bekanntlich immer wieder mal zur Erheiterung bei. Meine Mutter hat einmal erzählt, dass eine Lehrerin ihr im Gespräch offenbart hat, wie viel sie durch die ersten freien Aufsätze über das Familienleben ihrer Schüler erfahren hat.

Der Spruch "Narren und Kinder sprechen die Wahrheit" ist gar nicht so falsch, denn tatsächlich sind Kinder in ihren Aussagen weitaus ehrlicher und direkter als Erwachsene. Erst wenn man älter wird, lernt man, dass es in gewissen Situationen klüger ist, nicht die Wahrheit zu sagen und dass man gewisse Dinge lieber verschweigt, um andere nicht vor den Kopf zu stoßen. Manche verlernen mit der Zeit, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Und wenn's ganz blöd kommt, nennt man sich irgendwann mal "Truther".

Deswegen möchte ich heute einmal über Induktion sprechen. Nein, damit meine ich nicht den Kochplattenherd, der heutzutage in vielen Haushalten zu finden ist. Ich meine damit einen Begriff aus den Grundlagen der Philosophie, der von Aristoteles geprägt wurde. Der Begriff "Induktion" kommt aus dem lateinischen inducere und bedeutet herbeiführen, veranlassen, einführen; man spricht von Induktion, wenn man von einem oder mehreren speziellen Sachverhalten auf ein allgemeingültiges Gesetz schließt. Sie ist also Teil des empirisch orientierten Denkens, wie es beispielsweise John Stuart Mill vertreten hat, also eine Denkweise, die auf Erfahrung beruht. Sie steht damit im Gegensatz zur Deduktion, die das Gegenteil meint - nämlich, dass man vom Allgemeinen aufs Besondere schließt.

Die klügeren Köpfe unter euch werden vielleicht schon bemerkt haben, dass die Methode der Induktion so ihre Tücken hat, wie auch schon so bedeutsame Denker wie David Hume und Karl Popper festgestellt haben. Dennoch gibt es auch heutzutage immer wieder Personen, die sich einerseits für die großen Denker unserer Zeit halten und sich andererseits fleißig der Induktion bedienen. Ja, richtig, ich spreche unter anderem auch von unseren geliebten Aluhut-Trägern!

Beispiele für Induktion sind etwa Sätze wie: "Das Kind von dem und dem ist autistisch und wurde geimpft, deswegen macht Impfen autistisch." "Meine Großmutter hat als Kind die Masern überlebt, deswegen sind die Masern völlig harmlos." "Der älteste Hund der Welt wurde vegan ernährt, deswegen ist Veganismus für alle Hunde dieser Welt die einzig richtige Ernährung." 

Natürlich ist Induktion keineswegs vollkommen nutzlos und verwerflich. Die Wissenschaft arbeitet beispielsweise hauptsächlich mit Induktion - anhand verschiedener empirischer Beispiele schließt sie auf einen allgemeinen Sachverhalt. Im Gegensatz zu den meisten aufgewachten Individuen verlässt sie sich jedoch nicht auf Einzelfälle, sondern nutzt zusätzlich noch die von Mill so bezeichnete method of agreement (Methode der Übereinstimmung) - sie schließt von mehreren Sachverhalten, die gleich oder ähnlich sind, auf ein allgemeingültiges Gesetz. Und wie ich, glaube ich, schon einmal angedeutet habe (sorry, auch ich habe nicht alle meine bisherigen Artikel auswendig gelernt), sind selbst diese Gesetze nicht unwandelbar, sondern können auch widerlegt und korrigiert werden und sind dann trotzdem immer noch wissenschaftlich.

Dennoch kann man nicht bestreiten, dass Induktion auch gewisse Probleme aufwirft - besonders eben, wenn man von Einzelfällen auf die Allgemeinheit schließt. Man kann behaupten, dass der Autismus eines Kindes durch Impfen entstanden ist, dem stehen aber andere Kinder gegenüber, die ebenfalls geimpft sind und trotzdem keinen Autismus haben. Überdies scheint "Autismus" in der heutigen Zeit ein beliebter Kampfbegriff zu sein. Und das, obwohl Autismus laut allgemeiner Definition keine "Krankheit" im klassischen Sinn, sondern eine Entwicklungsstörung ist, die überdies angeboren ist und nicht durch irgendwelche "Parasiten" herbeigeführt wird, selbst wenn sich die Symptome manchmal erst im frühen Kindesalter zeigen. Abgesehen davon, dass Autisten keine gefühllosen Zombies sind, wie manche Schwurbler es uns weismachen wollen. Auch wenn die sogenannte "Inselbegabung", also außergewöhnliche Fähigkeiten auf einem bestimmten Teilgebiet, nur auf einen kleinen Teil der Autisten zutrifft. Aber allgemein kann man sagen, dass Autismus keine Krankheit, sondern eine Entwicklungsstörung ist, und dass diese Diagnose so komplex ist, dass man sie nicht wirklich verallgemeinern kann. Dass Impfen Autismus verursachen soll, geht überdies auf einen Artikel des nicht mehr zugelassenen Arztes Andrew Wakefield aus dem Jahre 1998 zurück, der einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung, also der Schutzimpfung gegen Mumps, Masern und Röteln, und Autismus hergestellt hat. Dieser Artikel hat keinerlei Seriosität, was aber nicht auf eine Verschwörung der sogenannten NWO zurückgeht, sondern darauf, dass Wakefields Ergebnisse einerseits nicht reproduziert werden konnten und er andererseits der Bestechung durch die Anwälte von Eltern autistischer Kinder überführt wurde - was übrigens auch der Grund ist, warum er 2010 Berufsverbot bekam. Leider scheint das vielen nicht klar zu sein - weshalb beispielsweise Donald Trump Wakefields Studie aktuell dazu benutzt, um Obamacare auszuhebeln.

Ebenso kann man behaupten, dass diese und jene Person nicht an Masern gestorben ist - das macht Masern jedoch keineswegs zu der "harmlosen Kinderkrankheit", als die sie Impfgegner gerne darstellen. Ich habe letztens ein Meme entdeckt, bei dem der Umgang mit Masern in den fünfziger Jahren mit dem heutigen verglichen wird. Es hat zum Inhalt, dass man Kinder in früheren Zeiten dazu angehalten hat, mit masernkranken Altersgenossen zu spielen, um sich anzustecken und immun zu werden. Ich denke ja, die einfachste Methode, diese Behauptung zu überprüfen, wäre es, diejenigen zu fragen, die in den fünfziger Jahren Kinder waren. Aber das wäre natürlich viel zu einfach. Ich muss zugeben, ich hatte nie Masern - meine böse Mutter hat mich dagegen impfen lassen -, aber von allen, die diese Krankheit tatsächlich hatten, weiß ich, dass man mit Masern neben dem typischen Hautausschlag auch hohes Fieber hat und ganz allgemein eher geschwächt ist - keine allzu günstigen Voraussetzungen, um mit anderen Kindern herumzutoben. Und selbst wenn - solange es keine Impfung gibt, denken sich Mütter halt wohl, besser, die Kinder bekommen es jetzt als später. Tatsächlich handelt es sich bei Masern um eine höchst ansteckende Infektionskrankheit, die in ungünstigen Fällen Komplikationen nach sich ziehen und, wenn man Pech hat, zu Lungen- und Hirnentzündungen und in der Folge sogar zum Tod führen kann. Überdies begreife ich nicht, warum die böse "Schulmedizin" das Ziel anstreben soll, Menschen gegen eine Krankheit zu immunisieren, deren Behandlung weitaus lukrativer wäre. Und nein, das heißt im Umkehrschluss nicht, dass alle Ärzte Götter und alle Impfungen notwendig sind, und es heißt auch nicht, dass die Pharma-Industrie eine blütenweiße Weste hat. Komischerweise habe ich von all den dummen "Schlafschafen" auch nie eine solche Behauptung gehört. Aber das Leben ist eben einfacher, wenn alles ausschließlich schwarz-weiß ist.

Und man kann behaupten, dass es vollkommen richtig ist, Hunde und Katzen vegan zu ernähren, wenn doch ein vegan ernährter Border-Collie das biblische Alter von 27 Jahren erreichte und es somit als ältester Hund der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde schaffte. Nun, wenn ich auf Google den Begriff "ältester Hund der Welt" ohne den Zusatz "vegan" eingebe, stoße ich als erstes nicht auf den veganen Hund, sondern einerseits auf eine Kelpie-Hündin, die zu einem australischen Milchbauern gehörte und etwa 30 Jahre alt wurde, die es aber nicht ins Guinness-Buch der Rekorde schaffte, weil sie keine Geburtsurkunde hatte, andererseits auf einen 1939 verstorbenen Australian Cattle Dog, der 29 Jahre alt wurde. Beide waren Hütehunde, und es ist schwer vorstellbar, dass sie vegan ernährt wurden. Nun wissen wir ja alle, dass zwischen Tierhaltern schon seit längerem ein erbitterter Kampf um die richtige Ernährung ihrer vierbeinigen Lebensgenossen tobt - ähnlich wie dem der Mütter um die richtige Erziehung ihrer Kinder. Nachdem Letzteres bereits zu so einer Art Religion geworden zu sein scheint, sind nun die Tiere dran. Wobei ich betonen muss, dass ich auch sehr viele vernünftige Veganer kenne, die ihre Ernährungsweise als ihre persönliche Entscheidung begreifen und nicht als allgemeingültiges Gesetz. Ich halte es auch nicht für falsch, sich über Billigfleisch, Massentierhaltung und Tierquälerei Gedanken zu machen und etwas dagegen zu unternehmen. Und ich weiß, dass es Hunde mit Unverträglichkeiten gibt, die kein Fleisch vertragen. Aber das sind eben auch nicht auf alle Hunde dieser Welt übertragbar. Soweit ich weiß, kann man überdies Hunde an eine pflanzliche Ernährung gewöhnen, Katzen hingegen nicht. Und es hilft nun einmal nichts, zu leugnen, dass es Tiere gibt, die von Natur aus Fleischfresser sind - wer das nicht aushält, sollte keine Fleisch fressenden Tiere halten. Denke ich.

Ich weiß, dass ich mit diesem Artikel niemanden überzeugen kann, der in seinem Glauben gegen Impfungen und für die vegane Ernährung fleischfressender Haustiere bereits gefestigt ist. Das einzige, was ich hoffen kann, ist, dass der eine oder andere vielleicht darüber nachdenkt. Und klar, natürlich werde ich von der NWO, den Reptiloiden, den Illuminaten und den Rothschilds finanziert - ich weiß nicht, ob euch schon aufgefallen ist, dass ich auf diesem Blog bislang noch keine Werbung geschalten habe. Was bedeutet, dass ich damit kein Geld verdiene. Aber ich bin natürlich trotzdem ein Schlafschaf, das vom System indoktriniert wurde - welches System das auch immer sein mag.

vousvoyez

Freitag, 1. März 2019

Ich bekomme keinen Krebs, ich bin selbst einer

(c) vousvoyez
Nein, diese Weisheit ist nicht exakt die gleiche wie die letzte - aber zugegebenermaßen sehr ähnlich und auch von demselben Kollegen, der sich gern darüber lustig machte, dass sein Sternbild den gleichen Namen hat wie eine gefürchtete Krankheit.

Das Internet ist ja bekanntermaßen auch eine gute Möglichkeit, sich selbst oder anderen das Fürchten beizubringen. Wie der eine oder andere vielleicht schon weiß, habe ich letzten Sommer über ein Social-Media-Phänomen berichtet, das besonders jüngere Nutzer in Atem gehalten hat, nämlich die Geschichte von Momo, dem gruseligen Whatsapp-Mädchen. Hier nur ein grober Überblick, den Rest könnt ihr in meinem alten Artikel nachlesen: Bei Momo handelt es sich in Wirklichkeit um eine Skulptur aus einem Kunstmuseum in Tokio, deren Foto letzten Sommer als Profilbild eines japanischen Whatsapp-Accounts namens "Momo" erschien. Das Thema wurde vor allem von Trash-YouTubern bis zum Erbrechen ausgeschlachtet und in sozialen Netzwerken breitgetreten, in Spanien und Deutschland warnte sogar die Polizei vor Fake-Accounts auf Whatsapp, es tauchten gruselige, aber letztlich kindische Kettenbriefe auf, die Todesdrohungen enthielten und es gab Gerüchte, dass es eine Momo-Challenge gäbe, die der Blue-Whale-Challenge ähnlich sein sollte. Am Ende kam dann sogar das Gerücht auf, dass sich in Argentinien ein zwölfjähriges Mädchen im Zuge dieser Challenge umgebracht haben soll. Eine Menge heiße Luft also - aber mit der Ahnung einer echten Gefahr.

Gegen Ende des Sommers kam es, wie es letztendlich kommen musste - die Leute verloren nach und nach das Interesse an dem Thema, immer mehr von ihnen waren genervt, und die Geschichte lief sich irgendwann tot.
Doch so manche totgeglaubten Trends haben es an sich, irgendwann ein Revival zu erleben. Und so ergeht es zurzeit auch Momo.

Es gibt bereits seit einiger Zeit eine App von YouTube, die nur kindgerechte Videos zulassen soll, so dass Eltern ihre Sprösslinge bedenkenlos vor dem Internet "parken" können, wenn sie mal ihre Ruhe haben wollen. Diese Plattform nennt sich "YouTube Kids". Was sich gar nicht so schlecht anhört. Das Problem ist jedoch, dass YouTube Kids, ebenso wie das normale YouTube, durch einen Algorithmus kontrolliert wird - und dieser ist fehlerhaft.
Vor etwa zwei Jahren tauchten auf YouTube Kids immer wieder Videos auf, die alles andere als kindgerecht waren - Videos, die bei Kindern beliebte Figuren wie Peppa Pig, Elsa aus dem Disney-Film Die Eiskönigin, Micky Maus, Paw Patrol oder Spiderman zeigten, auf die jungen Zuseher jedoch extrem verstörend wirkten: das Schweinchen Peppa Pig, das von einem sadistischen Zahnarzt gefoltert wird; Elsa, die zusieht, wie Spiderman in die Badewanne pinkelt, in der sie gerade sitzt; Micky Maus, die von einem Auto überfahren wird, wobei Blut über die Straße spritzt, vertraute Figuren in Videos voller Gewalt oder Pornographie. Unter dem Schlagwort "Elsagate" tauschten sich Eltern via Social Networks über diese Videos aus.
Inzwischen haben sich die Kontrollen verschärft, und besagte Videos sind von der Plattform genommen worden. Dennoch garantiert YouTube Kids bis heute keine 100%ige Sicherheit, und überdies sollte sowieso klar sein, dass Smartphone und Tablet keine passenden Kinderspielzeuge sind und das Internet den Babysitter nicht ersetzen sollte - auch wenn ich manchmal den Eindruck habe, dass so manche es bis heute nicht kapiert haben, wenn ich Zweijährige sehe mit Smartphones, die fast so groß sind wie sie selbst.

Was aber hat das alles mit Momo zu tun?
Seit einiger Zeit kursieren in ganz Europa Medienberichte, die wieder einmal einige Hysterie hervorrufen. Die Rede ist davon, dass in Videos von Peppa Pig und Fortnite, die auf YouTube Kids zu sehen sind, auf einmal das Gesicht von Momo erscheint sowie eine Stimme oder ein Schriftzug, die damit drohen, die Kinder zu töten oder sie auffordert, sich selbst oder ihre Eltern umzubringen. Die Rede ist davon, dass diese Videos "gehackt" worden seien oder automatisch pausiert hätten, um mittendrin Momo zu zeigen und den Kindern zu drohen, oder dass Momo plötzlich nicht nur in Fortnite-Videos, sondern im Spiel selbst auftauchen würde. Tatsache ist, und das weiß sogar ich als Laie, dass man Videos, die einmal auf YouTube hochgeladen wurden, nicht einfach "hacken" kann und dass es auch nicht möglich ist, Videos zu pausieren, um irgendwas anderes "einzuschieben". Wenn diese Videos also tatsächlich existieren, dann müssen sie schon so, wie man sie sieht, hochgeladen worden sein. Und wir wissen ja, dass das nicht allzu schwierig ist. Es ist schlicht und einfach schwachsinnig, zu glauben, irgendeine geheimnisvolle "Momo" würde sich in Kindervideos "hacken", um unsere Sprösslinge zu ängstigen und zu bedrohen.

Als sei das nicht noch genug, werden die vergangenen Ereignisse wild durcheinandergemischt; man spricht von Kindern und Jugendlichen, die sich angeblich reihenweise umgebracht haben, nachdem sie die so genannte "Momo-Challenge" gespielt haben, und bringt die aktuelle Panikmache mit den verstörenden Peppa-Pig-Videos der Vergangenheit in Verbindung, obwohl diese nichts miteinander zu tun haben.

Tatsache ist: Als man bei YouTube versuchte, diese Videos zu beseitigen, wurden schlicht und ergreifend keine gefunden - und tatsächlich gab es auch keinerlei Meldungen seitens der YouTube-Konsumenten, die die Existenz dieser Videos bestätigten. Die einzige Quelle, die man fand, war eine unautorisierte Facebook-Seite, auf der eine Mutter berichtete, dass ihr Sohn ihr erzählt hatte, er hätte Videos gesehen, in denen Momo plötzlich auftauchte - diese Videos konnte er ihr jedoch nicht zeigen. Daraufhin haben verschiedene Eltern in eigenen Posts wohl vor dieser neuen Wendung im totgeglaubten Momo-Hype gewarnt, woraufhin andere Eltern diese Posts wahrscheinlich geteilt und so auf Facebook verbreitet haben. Man erlebt es ja immer wieder - Leute teilen Meldungen auf Facebook, ohne sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Ja, ich gebe zu, anfangs hab ich zeitweise auch mitgemacht - bis ich eben gemerkt habe, dass viele dieser Meldungen nur Hoaxes sind. Fakt ist: Es gibt keine Beweise dafür, dass diese Videos existieren oder in der Vergangenheit existiert haben.

Was die bekannten Selbstmordfälle betrifft, die angeblich ein Resultat der Momo-Challenge gewesen sein sollten, so konnte nie nachgewiesen werden, dass diese tatsächlich etwas damit zu tun hatten. Auch bei dem eingangs erwähnte Suizid-Fall des Mädchens aus Argentinien gibt es keine konkreten Hinweise, dass die Momo-Challenge daran schuld war.

Das Absurdeste an dieser Geschichte ist, dass auch Prominente, Schulen und sogar die Polizei vor einer Challenge warnen, deren Existenz nie bestätigt wurde. Was wohl daran liegt, dass die Geschichte zum Selbstläufer wurde und immer mehr und mehr aufgebläht wird. In Wirklichkeit gibt es nicht einmal einen Beweis, dass die Momo-Challenge überhaupt existiert. Möglicherweise haben einzelne Kinder und Jugendliche auch ein wenig dick aufgetragen, um andere zu beeindrucken oder zu ängstigen - in sehr jungen Jahren kann man die Tragweite bestimmter Behauptungen ja noch gar nicht einschätzen. Was Eltern und Kinder in Angst und Panik versetzt, ist also wohl keine erfundene Horrorgestalt, die im Internet ihr Unwesen treibt, sondern schlicht und einfach die übersteigerte Darstellung der Medien.

Den einzigen Nutzen, den wir daher aus der ganzen Sache ziehen können, ist also bestenfalls der, dass man Kinder nicht mit dem Internet allein lassen sollte. Ich weiß, als Kinderlose habe ich leicht reden, aber ab und zu schnappe ich in verschiedenen Internet-Portalen halt Posts auf, die mir nichts anderes zeigen, als dass diejenigen, die sie geschrieben sind, eindeutig zu jung sind, um allein im Internet zurechtzukommen.

vousvoyez


https://www.mimikama.at/allgemein/hysterie-um-die-momo-challenge-und-peppa-pig-videos/

https://www.youtube.com/watch?v=nhMa-lAT-xQ

Mittwoch, 27. Februar 2019

Es gibt für alles einen Krebs, sogar für die Sternzeichen

Und Im Wendekreis des Krebses ist ja der viel diskutierte Skandalroman von Henry Miller, der in Deutschland auch eine Zeitlang indiziert war. In Zeiten von Feuchtgebiete kommt einem das ziemlich lächerlich vor. Wobei die Qualität einer Charlotte Roche natürlich nicht mit der von Henry Miller vergleichbar ist. Provokation ist eben kein Garant für Qualität.

Aber der Sittenverfall beschäftigt uns ja schon seit Anbeginn der Zivilisation - ähnlich wie die schwindende Moral der "heutigen Jugend". Und generell, dass alles immer schlechter wird und dass früher alles viel besser war. Oder dass man es heute so gut hat im Gegensatz zu früher. Selbst in meiner Generation tun viele so, als wären wir in bitterer Armut aufgewachsen. Dabei hatten wir doch alles - und hätte es damals Smartphones gegeben, wären viele, die sich heute darüber aufregen, bestimmt die ersten gewesen, die eines gehabt hätten. Aber lassen wir das.

Da mein Blog thematisch ja äußerst flexibel ist, habe ich mir gedacht, ich beschäftige mich möglicherweise auch mal mit Büchern und Filmen. Wobei vor allem das Filmthema ja schon öfter vorgekommen ist. Aber ich möchte jetzt auch mal was anderes machen, als unlogische Hollywood-Streifen durch den Kakao zu ziehen. Ich möchte auch über Filme zu schreiben, die mich geprägt oder gar begeistert haben. Und andere, die mich laut dem Grundtenor vieler Kritiker wahrscheinlich schwerst verdorben haben.
Deswegen möchte ich heute einmal über Disney-Filme sprechen. Heutzutage kann wohl keiner mehr von sich behaupten, dass ihm Disney nicht ein Begriff ist. Selbst die harsche Kritik, die der Disney-Konzern bzw. die Filme im Laufe der Jahrzehnte einstecken musste, konnten dem unwiderstehlichen Zauber des Disney-Universums nichts anhaben. Seit dem ersten Kinofilm, Schneewittchen und die sieben Zwerge von 1937, kommt keine Kindheit mehr ohne Disney-Filme aus.

Was war der erste Disney-Film, den ihr bewusst geschaut habt? Meiner war Robin Hood aus dem Jahr 1974, der Film über den bekannten englischen Volkshelden, in dem die legendären Figuren aus der schon oftmals verfilmten Geschichte alle als Tiere dargestellt werden - Robin Hood selbst als Fuchs, Little John als Bär, König Richard und Prinz John als Löwen, Bruder Tuck als Dachs, der Sheriff von Nottingham als Wolf und so weiter. Ich habe inzwischen schon einige Verfilmungen der Robin-Hood-Geschichte gesehen, viele davon sind auch durchaus sehenswert, aber keine hat bei mir so einen Eindruck hinterlassen wie dieser Disney-Film damals, als ich vier Jahre alt war. Ich sprach danach tagelang von nichts anderem mehr und wollte ihn immer und immer wieder sehen.

Auch mein erster Kinofilm war von Walt Disney - Susi & Strolch. Ich muss damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, und wie alle, so war auch ich verzaubert von dem süßen Hundefilm aus dem Jahr 1955. Bei kleinen Kindern ist es zum Glück völlig egal, wie alt der Film ist - erst wenn man größer wird, fängt man an, sich über die alten Schinken zu beschweren, die die Alten viel besser finden als den "Schmarren", der heutzutage produziert wird.
Man mag es nicht glauben - diese Aussagen gab es auch in meiner Kindheit. Und das, obwohl die Disney-Zeichentrickfilme damals immer noch handgezeichnet waren und nur wenig mit dem Computer nachgeholfen wurde. Der erste komplett computeranimierte Disney-Film - und gleichzeitig auch der erste vollständig am Computer erstellte Langfilm - ist Toy Story aus dem Jahr 1995. Ich glaube, ich hab den dann ein Jahr später gesehen - also muss ich ungefähr zwölf gewesen sein. Die Idee selbst - Spielsachen, die in Abwesenheit des Kindes lebendig werden - hatte durchaus was für sich, aber man war irritiert von dem damals noch neuen 3-D-Stil, der im Gegensatz zu dem alten, handgezeichneten Stil äußerst steril wirkte. Erst später entwickelten die computeranimierten Disney-Filme ihren eigenen Reiz.

Heute entstehen nur noch computeranimierte Disney-Filme, und nicht nur das - ältere handgezeichnete Filme wie Der König der Löwen und Die Schöne und das Biest werden auch noch in 3D und/oder als Spielfilm neu aufgelegt. Viele regen sich über diese Entwicklung auf, und ich kann das auch gut verstehen - auch mir gefällt das nicht so ganz. Ich muss jedoch auch zu bedenken geben, wie schnell die Technik in den letzten 30 Jahren vorangeschritten ist - vor allem im Computerbereich. Vieles ist neu und aufregend, besonders, was die Filmtechnik betrifft. Was früher der Action-Held war, sind heute die Special-Effects - klar ist man davon begeistert. Aber ich glaube, dass der Reiz des Neuen irgendwann einmal vorbei sein wird. In meiner Jugend verschwanden Schallplatten und Kassetten zugunsten der CD aus den Zimmern junger Leute. Heute besinnen sich viele trotz der enorm verbesserten Technik wieder zurück auf das gute alte Vinyl. Ich denke, dass irgendwann einmal auch wieder handgezeichnete Filme gefragt sein werden. Denn der Charme dieser ganz eigenen Kunst ist nach wie vor ungebrochen.

vousvoyez

Sonntag, 10. Februar 2019

Wenn man die Rolltreppe hinauffährt, kommt man dann auch wieder hinunter?

(c) vousvoyez
In meiner Studentenzeit musste ich mich mit mehreren Nebenjobs über Wasser halten. Am liebsten waren mir die Aufsichtsjobs in Galerien - man verdiente zwar lächerlich wenig, aber die Arbeitszeiten waren äußerst flexibel, und ab und an konnte man die Leerlauf-Zeiten fürs Lernen nutzen. Bei einem Job in einem großen Museum für zeitgenössische Kunst, das damals neu eröffnet wurde, war das nicht immer möglich, aber man hatte das eine oder andere interessante Erlebnis. In Erinnerung geblieben ist mir beispielsweise der erste Arbeitstag im gesamtheitlich eröffneten Museum. Die Ausstellungsräume waren durch Rolltreppen, genannt "Travellator", miteinander verbunden - diese führten allerdings nur nach oben, hinunter ging es über eine Treppe im hinteren Teil des Gebäudes. Angesichts dessen war die meist gestellte Frage an mich an diesem Tag, ob man, wenn man mit der Rolltreppe hinaufgefahren ist, auch wieder herunterkommt - die Versuchung war groß, zu antworten: "Nein, Sie müssen bis an Ihr Lebensende da oben bleiben", aber im Dienstleistungssektor ist Höflichkeit nun mal oberste Priorität. Insgeheim darf man aber natürlich wieder einmal am Vorhandensein der menschlichen Intelligenz bei manchen Individuen zweifeln.

An anderer Stelle habe ich ja schon erläutert, dass mich diese Zweifel auch befallen, sobald ich mich ein wenig tiefer ins World Wide Web bewege. Ich glaube, sogar mehrmals. Und ein Thema, das ich schon seit längerer Zeit immer wieder verfolge, sind die sogenannten Challenges.

Sprechen wir in diesem Zusammenhang einmal über Mutproben. Ich denke, so etwas hat jeder in seiner Kindheit und Jugend schon erlebt - Situationen, in denen man sich die Achtung seiner Altersgenossen erwerben musste, indem man seinen Wagemut unter Beweis stellte. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mich da meistens herausgehalten habe, weil ich eher ängstlich war. Heute betrachte ich die Dinge ein bisschen anders - natürlich sind die meisten dieser Mutproben schlicht und einfach dumm, aber ich glaube, dass dies eines der Dinge ist, die in unserem evolutionären Gedächtnis fest verankert sind - seine eigenen Grenzen ausloten einerseits und seinen Platz in der Gruppe sichern andererseits.
Seit meiner Kindheit hat sich recht viel verändert, und dazu gehören eben auch die Mutproben. Damals ging es hauptsächlich darum, auf diesen Baum zu klettern, jenen Nachbarn zu ärgern, sich in eine unheimliche Umgebung zu trauen oder sich einen Film anzuschauen, der nicht für das Alter des Sehers geeignet ist. Heute verbreiten sich Mutproben, wie so vieles, auch viral. Vor etwa zwei Jahren hörte ich über die nicht-digitalen Medien beispielsweise zum ersten Mal von der sogenannten Blue-Whale-Challenge, die viele Jugendliche in den Selbstmord trieb. In einem anderen Artikel habe ich ja auch schon die Momo-Challenge erwähnt, die ähnlich ablief. Die Blue-Whale-Challenge stammt ursprünglich aus Russland und lief über ein soziales Netzwerk - man meldete sich an und bekam einen bestimmten Nutzer, der sozusagen als Mentor fungierte, zugeteilt. Dieser stellte einem innerhalb von 50 Tagen bestimmte Aufgaben, die gruselig, aber harmlos anfingen und sich zu selbstverletzenden Aktionen steigerten, bis sie schließlich in den Selbstmord des Teilnehmers mündeten. Wer den Suizid verweigerte, der wurde bedroht. Ich weiß nicht, ob es diese Challenge noch gibt - ich habe schon sehr lange nichts mehr davon gehört. In unserer schnelllebigen Zeit ändert sich ja vieles auch von heute auf morgen.

Eine andere Challenge wird Run-the-Gauntlet-Challenge genannt. Sie ist auf der gleichnamigen Seite zu finden und besteht darin, dass man sich eine bestimmte Anzahl von Gore-Videos ansehen muss, die immer schlimmer werden - Videos mit ekelhaften Inhalten, die vor allem das Verletzen und Sterben von Tieren und Menschen zeigen. Ziel der Challenge ist es, herauszufinden, wie weit man kommt, ehe man abbrechen muss. Das erinnert ja noch beinahe an zwei meiner Freunde, die in der Zeit zwischen Kindheit und Pubertät eine Phase hatten, in der ihnen kein Horrorfilm brutal genug sein konnte. Ich habe mir übrigens mal die Herz-Rausreiß-Szene aus "Indiana Jones - Tempel des Todes" angesehen, die mir als so brutal und eklig erzählt wurde - und eigentlich nur lachhaft wirkt. Das ist allerdings auch was anderes, als echte Verletzungen, Verstümmelungen oder gar Tötungen anzusehen. Besonders sehr junge Menschen geben ja auch heute damit an, dass ihnen auch die brutalsten Splatter-Filme zu weich sind - aber ich wette, nicht einmal die Hälfte von ihnen würde einen richtig heftigen Splatter verkraften. (Nur zur Richtigstellung: Ich halte auch nicht alles aus) Echte Verletzungen und Tode zu sehen, war vor Erfindung des Darknet auch nicht so einfach - man hörte nur von dem Film "Gesichter des Todes", in dem manche (oder gar alle? Früher hieß es alle, inzwischen aber nicht mehr) Todesfälle echt sein sollen.

Der Gipfel der dummen Mutproben, die in den letzten Jahren im Netz kursierten, ist für mich aber die sogenannte Tide-Pod-Challenge. Tide Pods sind handelsübliche Waschmittelkapseln, also flüssiges Waschmittel in auflösbarer Folie. Die Challenge besteht darin, eine solche Kapsel in den Mund zu nehmen, bis sich die Folie auflöst und die Flüssigkeit austritt. Nun lernt man ja eigentlich schon im Kindergarten, dass Waschmittel nicht zum Trinken da ist, und spätestens mit zehn Jahren sollte man eigentlich schon kapiert haben, dass dieses Zeug nicht in den Körper gehört - und im schlimmsten Fall einen äußerst schmerzhaften Tod verursacht. Und auch, wenn man das Waschmittel ausspuckt, nachdem sich die Kapsel aufgelöst hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass man doch etwas davon schluckt. Mit einem Wort: Die Tide-Pod-Challenge ist eigentlich nicht viel mehr als der Versuch, dumme Menschen zu beeindrucken - und nur weil man heute dafür gefeiert wird, ist man morgen nicht unbedingt, überspitzt ausgedrückt, der neue Held der Nation.

Die neueste Challenge basiert auf dem post-apokalyptischen Netflix-Horrorfilm Bird Box mit Sandra Bullock, der Ende letzten Jahres herauskam. In diesem Film geht es um irgendwelche Monster, die man nicht sieht, die aber diejenigen, die sie ansehen, in den Selbstmord treiben. In der Bird-Box-Challenge geht es hauptsächlich darum, so zu tun, als wäre dieser Film Realität; wie die Schauspieler in dem Film verbindet man sich die Augen, wenn man das Haus verlässt, und fährt sogar mit verbundenen Augen Fahrrad oder Auto. Dies ist in gewisser Weise sogar noch dümmer, als Waschmittel in den Mund zu nehmen - denn keiner kann behaupten, er wüsste nicht, was passieren kann, wenn man nichts mehr sieht. Die Geschichte geht offensichtlich schon so weit, dass öffentlich vor der Gefährlichkeit dieser Challenge gewarnt werden muss.

Nun ist es ja so, dass viele Leute extrem leichtgläubig sind, wie wir hier schon mehrmals erörtert haben. Und dass man mit YouTube-Videos, in denen man so tut, als würde man mit verbundenen Augen Auto fahren, besonders sehr junge Zuschauer auf dumme Ideen bringt. Aber ist unsere Jugend in den letzten Jahrzehnten tatsächlich dümmer geworden?
Ich denke nicht. Die meisten dieser Trends schwappen ja aus den USA zu uns rüber, und dort ist der Umgang mit Kindern schon seit geraumer Zeit extrem von Angst geprägt - eine Haltung, die wohl auch damit zu tun hat, dass man ziemlich schnell eine Klage am Hals haben kann. Man traut Kindern kaum noch etwas zu und ist äußerst versessen darauf, ihr Leben zu kontrollieren und rund um die Uhr darauf zu achten, dass sie sich nur ja nicht wehtun - und dadurch eben auch keine Erfahrungen machen. Diese beinahe schon wahnhaft anmutende Kontrolle wird durch die moderne Technik natürlich auch ungemein erleichtert - Eltern können ihre Kinder bspw. im Kindergarten via Tablet beobachten und sogar aktiv in die Arbeit der Betreuer eingreifen. Selbst Eltern, die ihre Kinder anders erziehen wollen, haben nicht viele Möglichkeiten, dies auch durchzusetzen - weil es ja immer wieder so Leute gibt, die nichts anderes zu tun haben zu scheinen, als etwa das Jugendamt zu informieren, wenn das zwölfjährige Kind alleine in die einen Häuserblock entfernte Schule geht (was ich bereits mit sieben Jahren tat). Und die Behörden da auch nicht unbedingt hilfreich sind. In einem solchen von Angst geprägten Klima haben junge Menschen natürlich nicht viele Möglichkeiten, ihre körperlichen und psychischen Grenzen auszutesten - und kommen wahrscheinlich deswegen auf dumme Ideen.

Eine sehr verbreitete Kritik in der heutigen Zeit ist ja, dass die Kinder viel zu sehr in Watte gepackt werden. In gewissem Sinne stimmt das wohl auch. Klar, man argumentiert das gerne damit, dass die Welt früher viel sicherer war - aber war sie das wirklich? Der größte Unterschied war wohl, dass es früher noch kein Internet gab, wo man praktisch täglich mit Horrormeldungen bombardiert wurde. Das Problem ist meines Erachtens, dass Kindererziehung eines der vielen eigentlich ganz alltäglichen Dinge ist, die heutzutage fast schon zur Religion geworden sind. Jeder will recht haben, keiner akzeptiert die Meinung anderer, und alle mischen sich in fremde Angelegenheiten, weil sie glauben, es besser zu wissen. Wie weit wird das noch gehen? Ich weiß es nicht. Wir werden sehen.

vousvoyez

Dienstag, 22. Januar 2019

Es wäre viel besser, wenn der Jakominiplatz am Griesplatz und der Griesplatz am Jakominiplatz wäre

Nun ja, warum das so sein soll, ist mir selbst ein Rätsel. Aber das ist wohl meist so bei Kiffer-Weisheiten. In Filmen fallen Kiffer ja meist durch selten dämliche Aktionen auf. Aber über die Gesundheit und Sinnhaftigkeit des Cannabis-Konsums wird ja schon seit Ewigkeiten gestritten, da ist das nicht weiter verwunderlich.

Wobei man sagen muss, dass Körperfunktionen bzw. Gesundheit in Filmen ja bekanntlich anderen Regeln folgen als im wirklichen Leben. Was ich in einem anderen Artikel schon ausführlich erklärt habe. Und da ich in letzter Zeit ja eher ernsthaftere Themen angesprochen habe, habe ich mir gedacht, ich lockere das alles wieder mal ein bisschen auf und setze meine Liste von Logikfehlern und Klischees fort. Das freut mich, und ich glaube, es freut euch genauso.

Filme folgen eigenen Gesetzen

1. Ich weiß nicht, ob es an der Prüderie des amerikanischen Erziehungssystems liegt, aber ist euch auch schon aufgefallen, dass Frauen seit geraumer Zeit beim Sex immer den BH anbehalten? Im wirklichen Leben ist dies doch eines der Kleidungsstücke, die zuallererst ausgezogen werden, oder habe ich etwa was anderes erlebt als ihr?

2. Wenn die Filme in Amerika spielen, sprechen alle immer perfekt Deutsch, bis auf den Mexikaner; der spricht dann gebrochenes Deutsch. In alten deutschsprachigen Filmen spricht man in Amerika auch Deutsch, allerdings mit aufgesetztem amerikanischem Akzent. In diesen Filmen sind in New York von allen Seiten immer das Empire State Building, die Freiheitsstatue und die Brooklyn Bridge zu sehen, während man in Paris von allen Fenstern aus den Eiffelturm sehen kann.

3. Frauen haben prinzipiell nie ihre Periode, selbst wenn sie monatelang im Urwald oder in der Wüste herumirren, ja sogar, wenn sie auf einem Schiffswrack treiben und nichts bei sich haben bis auf die Kleider, die sie am Leib tragen. In älteren Filmen tragen sie dann auch nach Wochen immer noch eine blütenweiße Bluse und sind perfekt geschminkt und frisiert. Im neuen King-Kong-Film steht die Heldin in Stilettos und luftigem Kleidchen auf dem winterlichen Empire-State-Building und hat hinterher nicht einmal einen Schnupfen! Was ich mich auch immer frage - wie kriegen es diese Frauen immer hin, dass ihre Unterwäsche zusammenpasst? Und dass sie nicht, wie unsereins, morgens aussehen wie ein explodierter Wellensittich?

4. Aus irgendeinem Grund gelten auch die üblichen Kommunikationsregeln im Film nicht. Ich habe beispielsweise schon oft beobachtet, dass Leute zwar Ja sagen, dazu aber den Kopf schütteln. Ansonsten folgen Dialoge sehr oft festen Regeln. Bei Verhören muss man beispielsweise immer sagen: "Das müssen Sie mir glauben!" (wenn Sie so insistieren, bleibt uns ja nichts anderes übrig), und wenn jemand stirbt, schreit immer jemand: "Du darfst nicht sterben!" (Ja, ok, ist gut, wenn du es mir verbietest, lebe ich halt noch weiter.) Geiselnehmer sagen gerne: "Wir machen jetzt einen kleinen Ausflug!" (yippieh, das hab ich mir immer schon gewünscht, meine Freizeit mit einem Psychopathen zu verbringen!), und das Übermenschliche, was der Actionheld gleich leisten wird, wird meist durch den ängstlichen Kommentar des Begleiters angekündigt: "Aber das ist Wahnsinn!" Ich werde noch öfter auf intellektuell anspruchsvolle Dialoge wie diese zurückkommen.

5. In den alten James-Bond-Filmen saß der Anzug von 007 auch nach den heftigsten Action-Szenen noch perfekt, und selbst in Extremsituationen, wo ein normaler Mann bereits an Männergrippe verendet wäre, hat er immer noch die Frauen verführt.

6. In Filmen halten Frauen auch selten viel aus. Wenn man eine Leiche entdeckt, wird immer wie am Spieß geschrien - obwohl einem ein Toter ja ohnehin nichts mehr tun kann. Auch bei Gefahr wird immer laut gekreischt - auch oder gerade, wenn dies der eigenen Sicherheit eher abträglich ist. In älteren Filmen fällt man als weibliches Wesen prinzipiell gern in Ohnmacht und hält sich dabei den Handrücken an die Stirn. Wenn man dann aus der Ohnmacht aufwacht, muss man immer fragen: "Wo bin ich?" Außerdem neigen Frauen beim Flüchten immer dazu, oft hinzufallen.

7. In Restaurants muss nie bezahlt werden, oder man sagt "Stimmt so." Wenn man Essen bestellt, haut man auch oft ab, ohne einen Bissen genommen zu haben. Überhaupt wird bei Szenen, in denen gegessen wird, meist eher gestochert, und der Teller bleibt immer voll. Sparsam ist man auch nicht - es wird mehr Essen bestellt als selbst gekocht.

8. Als Ausgleich zu all den Heulsusen und Kreischweibern scheinen intelligente Frauen weitaus schneller zu lernen als Männer, jedenfalls sind etwa Nuklearwissenschaftlerinnen oder Astrophysikerinnen immer blutjung.

9. Neugeborene sind meistens schon so groß, dass man unwillkürlich Mitleid mit der Frau bekommt, die diesen Riesenbrocken auf die Welt bringen musste. Auch scheinen Krankenschwestern und -pfleger eher mit den privaten als mit den gesundheitlichen Problemen der Patienten beschäftigt zu sein - und diese beschränken sich auch nicht unbedingt aufs Krankenhaus.

10. Überhaupt spielen in Krankenhäusern auch die privaten Probleme des Personals eine größere Rolle als ihre Arbeit - obwohl auch hier oft gejammert wird, wie stressig der Job ist. Klar, Kaffee trinken und durch die Gänge laufen ist ja auch nicht einfach!

11. Ein Patient, der jahrelang im Koma lag, ist nach dem Erwachen sofort in der Lage, problemlos zu sprechen und aufzustehen. Nach einem Erste-Hilfe-Kurs war mir übrigens auch klar, dass die Patientin nach Wiederbelebungsmaßnahmen wie Herz-Rhythmus-Massage und Mund-zu-Mund-Beatmung nicht sofort die Augen aufschlägt und "Wo bin ich?" (sic) fragt

12. Überhaupt scheint der Defibrillator ein Wundergerät zu sein, jedenfalls kann man offenbar selbst Opfer eines schweren Verkehrsunfalls damit heilen, wobei auch dies nach festen Regeln abläuft: So muss immer dreimal die Spannung erhöht werden, während man dazwischen immer "Komm schon! Verdammt, komm schon!" sagen muss. Außerdem muss der Defibrillator immer fürchterlich knallen. Wenn die Reanimation erfolgreich war, ist der Patient sofort wieder pumperlg'sund; ansonsten muss man verzweifelt "Wir verlieren ihn!", rufen. Meist wacht er Patient noch ein mal für ein paar bedeutungsschwere letzte Worte auf, ehe unter dramatischer Musik der Tod erklärt wurde.

13. Der Action-Hero verletzt sich natürlich nur noch selten, und wenn, dann erklärt er angesichts einer Fleischwunde wegwerfend: "Ach, das ist nur ein Kratzer!" Blutungen werden prinzipiell nur durch Abbinden des entsprechenden Körperteils gestillt; besonders beliebt ist ein Stück vom Hemd des Helden, natürlich um effektiv seine muskulöse Brust freilegen zu können.

So, dies war schon der dritte Streich. Ich hoffe, es macht euch weiterhin so viel Spaß wie mir. Falls wem noch was einfällt, kann er bzw. sie mir das mitteilen, ansonsten werde ich bei Gelegenheit vielleicht noch ein bisschen gehirnstürmen - wobei meine Liste immer noch ziemlich lang ist, also war's das noch lange nicht. Also macht's gut und bon voyage!

vousvoyez

Montag, 21. Januar 2019

Ihr müsst euch dran gewöhnen, dass ich der Boss hier bin

Als ich 21 Jahre alt war, war ich das letzte Mal am Weißensee - erst acht Jahre später sollte ich wieder mal zurückkehren. Aber so wie früher wurde es natürlich nie wieder.
Ich habe in dieser Zeit viele tolle Freunde kennen gelernt. Mit manchen von ihnen habe ich bis heute noch Kontakt. Viele habe ich regelmäßig dort getroffen. Manche von ihnen haben dort gearbeitet, hauptsächlich natürlich in der Gastronomie.
Damals, als ich 21 war, verbrachten wir eine Nacht in Villach, wo gerade der alljährliche Kirchtag stattfand. Wir waren bis Mitternacht auf dem Stadtfest, dann schlugen wir uns den Rest der Nacht in einer Havanna-Bar um die Ohren und gingen anschließend in ein Wettcafé am Bahnhof. Anschließend wollten wir mit dem Zug weiterfahren. In einem Korridor auf dem Bahnhof trafen wir einen uralten, schrullig aussehenden Mann; seine spiegelnde Glatze war von einem schneeweißen, wirr vom Kopf abstehenden Haarkranz umgeben, er trug ein viel zu großes Hemd, und seine Hose wurde von Hosenträgern an ihrem Platz knapp unter der Brust gehalten. Als er uns bemerkte, sah er uns an und sagte nur einen Satz: "Ihr müsst euch dran gewöhnen, dass ich der Boss hier bin." Überflüssig zu erwähnen, dass dies bei der Zugfahrt Thema Nummer eins war.

Das ist jetzt schon fast vierzehn Jahre her; mein Leben ist anders geworden, und diese Welt ebenfalls. Was natürlich nicht verwunderlich ist. Selbstverständlich habe ich inzwischen auch andere Leute um mich herum, auch wenn ich meine alten Freunde von damals immer noch regelmäßig sehe. Als ich 21 war, hatte mein Bruder zwei kleine Kinder, die inzwischen schon Teenager sind; für meinen Neffen beginnt schon bald ein neuer Lebensabschnitt, denn seine Schulzeit ist in diesem Sommer zu Ende. Und da auch meine Schwester inzwischen Mutter von Zwillingen ist, deren Volksschulzeit bald vorbei ist, nehme ich dies zum Anlass, um einmal über die Schule zu sprechen.

Zumindest aus der Schülerperspektive ist natürlich jeder dazu in der Lage, sich eine Meinung über dieses Thema zu bilden. Ich bekomme aus der Eltern-Perspektive auch so einiges mit, und ich habe auch ehemalige Klassenkameraden, die inzwischen ebenfalls Lehrer sind. Eine von ihnen unterrichtet sogar an der Schule, an der wir alle unseren Abschluss gemacht haben. In unserem Maturajahr hat man uns davor gewarnt, Lehrer zu werden, da es damals in diesem Beruf nicht leicht war, einen Job zu finden. Heute sind Lehrer sehr gefragt, und keiner, der sich entgegen der Empfehlungen doch zu diesem Beruf entschieden hat, steht ohne Job da. Aber unsere Schule war ohnehin nicht immer sehr zukunftsorientiert. Ich habe allerdings gehört, dass sie sich seit damals enorm verbessert hat. Was mich allerdings bis heute stört, ist diese Tendenz, junge Menschen erst einmal zu demotivieren - egal zu welcher Generation man gehört, immer bekommt man zu hören, dass man nach dem Abschluss ohnehin keinen Job finden wird. Und gerade in den Berufen, von denen einem in der Vergangenheit abgeraten wurde, fehlen einem jetzt die Leute.

Seit ich denken kann, versucht man schon, unser Schulsystem zu reformieren - ist aber bisher nicht wirklich weggekommen vom preußischen Schulmodell des 19. Jahrhunderts, das weniger auf Verstehen und Hinterfragen setzt als darauf, Inhalte auswendig runterzubeten (mit dem Resultat, dass das Gelernte oft nicht verstanden und ziemlich bald wieder vergessen wird).

Jetzt wird ja darüber diskutiert, gewisse Änderungen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, wieder rückgängig zu machen; die Rede ist von Leistungsgruppen, Sitzenbleiben und Noten von der ersten Volksschulklasse an. Das hatten wir ja eigentlich schon - und gerade mit diesem System waren viele nicht zufrieden. Ähnlich läuft es mit der Diskussion über separate Deutschklassen für Migrantenkinder - und Kürzungen beim Unterricht in Muttersprachen. Ich muss sagen, diejenigen, die irgendwann einmal nach Österreich immigriert sind und sehr gut Deutsch sprechen, sind die, die von Anfang an viel Kontakt mit Österreichern hatten. Die, die sich hauptsächlich in den Kreisen bewegten, in denen ihre Muttersprache gesprochen wurde, tun sich bis heute schwer. Parallel dazu ist es wissenschaftlich nachgewiesen, dass Kinder eine Fremdsprache leichter lernen, wenn sie die eigene Muttersprache gut beherrschen. Es wird ja auch immer gepredigt, dass Kinder möglichst früh mehrere Sprachen lernen sollen - aber offenbar gilt das nur für Englisch, Französisch, Spanisch und eben Deutsch - nicht aber für Türkisch, Kurdisch und Arabisch. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass man solche Erschwernisse absichtlich herbeiführt, um dann sagen zu können, dass die Ausländer eh alle kriminell sind - anders kann ich mir einfach nicht erklären, warum es besser sein soll, Asylwerber wegzusperren und ihnen jegliche Möglichkeit zu nehmen, sich nur irgendwie sinnvoll zu betätigen und wenn, dann nur unter erschwerten Bedingungen.

Natürlich will man endlich mit der "Kuschelpädagogik" aufräumen und unsere Kinder möglichst früh zu leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft machen. Ähnlich, wie man früher Babys das natürliche Bedürfnis nach Nähe verwehrt hat, weil Schreien ja so gut für die Lungen ist - und sie so zu traumatisierten Erwachsenen herangezogen hat. Weil es ja so viel effektiver ist, Kindern möglichst früh die Freude am Lernen auszutreiben, ihre Talente zu missachten und sie mit Angst in die Schule gehen zu lassen. Aber ich bin halt leider einer dieser unverbesserlichen, linksgrünversifften Gutmenschen, die behaupten, dass es in einer Schule eigentlich in erster Linie um die Schüler gehen sollte und  nicht um die Politiker, und dass sie dementsprechend nicht Zweiteren, sondern Ersteren nützen sollte. Und die denkt, dass es wichtiger sein sollte, Inhalte zu lernen, weil man sie verstehen will, und nicht, damit man einen Zettel bekommt, auf dem steht, dass man gelernt hat. Aber so denken natürlich nur linksfaschistische Bahnhofsklatscher, die überhaupt kein Interesse an den eigenen Leuten haben. Aber gut, da ist vielleicht auch ein bisschen der Sarkasmus mit mir durchgegangen.

Ich muss ganz ehrlich sagen, ich ging tatsächlich nicht besonders gern in die Schule - wie bei vielen, so gab es auch bei mir Fächer, in denen ich gut war, und Fächer, in denen ich Probleme hatte. Und es gab halt auch Fächer, die mich eigentlich interessierten, was sich jedoch änderte durch die Art und Weise, wie mir deren Inhalte vermittelt wurden. Ich kann verstehen, dass man damit zurechtkommen muss, dass man nicht immer nur das machen kann, was einem Spaß macht - aber man kann das Lernen auch erleichtern und in Schülern möglicherweise das Interesse wecken für Inhalte, die ihnen bis dato ziemlich egal waren. Ich habe einmal gehört, dass Einstein bei aller Genialität kein besonders guter Lehrer war - das kann ich nachvollziehen, zumal es nicht er war, der dazu imstande war, mein früher eher geringes Interesse für Physik zu wecken, sondern Bill Bryson und Stephen Hawking. (Und weil ich natürlich fleißig The Big Bang Theory geschaut habe.) Ich denke, das liegt vor allem daran: In einem Fach besonders gut zu sein, heißt nicht, dass man auch ein guter Lehrer ist - denn für den Beruf des Lehrers braucht man ganz andere Kompetenzen. Ich habe das besonders im Gymnasium oft erlebt - da gab es viele Lehrer, die eigentlich etwas ganz anderes machen wollten, dies aus irgendeinem Grund nicht geschafft hatten und dann in den Lehrberuf gewechselt sind, zumal dies damals noch ein sicherer Beamtenposten auf Lebenszeit war. Viele von ihnen waren in ihren jeweiligen Disziplinen ganz gut, als Pädagogen aber denkbar ungeeignet. Vor diesem Hintergrund finde ich es ganz gut, dass man heutzutage ein eigenes Lehramtsstudium absolvieren muss. Ich glaube, dass das auch mit ein Grund ist, warum sich viele Schulen so verbessert haben.

Der britische Pädagoge Dylan Willam erklärt, dass der Lehrende selbst immer weiterlernen soll, um die Perspektive des Lernenden nicht zu verlassen. Das finde ich insofern sinnvoll, da man ja sein ganzes Leben lang dazulernt und gerade heute auf Weiterbildung so viel Wert gelegt wird. Darüber hinaus habe ich ja auch angesprochen, dass in unserem Schulsystem Auswendiglernen immer noch weitaus wichtiger ist als Verstehen - und im Prinzip ist auch in der Pisa-Studie eher das Auswendiglernen gefragt. Das ist auch vor dem Hintergrund interessant, dass an vielen Koranschulen oft bemängelt wird, dass die Schüler die Suren des Korans oft auf Arabisch auswendig lernen, ohne sie zu verstehen und ohne überhaupt die Sprache zu können - aber so viel besser sind wir ja auch nicht. So haben zum Beispiel chemische und mathematische Formeln auch nicht allzu viel mit der deutschen Sprache zu tun - trotzdem ist es wichtiger, dass man die auswendig kann, als dass man sie versteht. Methoden, die ja eigentlich schon beinahe diktatorisch sind, wenn man so drüber nachdenkt - wobei ich dem Schulsystem jetzt nicht unterstelle, diktatorisch sein zu wollen. Das kommt wohl eher daher, dass es in einem eher autokratischen Kontext entstanden ist - und ich glaube, es wird auch viel zu wenig darüber nachgedacht, zumal sich ja bisher kaum jemand einig war. Und es gibt ja auch tatsächlich engagierte Lehrer, die versuchen, davon wegzukommen. Nur hängt das eben noch immer viel zu viel vom Lehrer ab und viel zu wenig davon, wie ein Lehrplan tatsächlich aufgebaut ist.

Ich muss ganz ehrlich sagen, an vielen Fächern habe ich tatsächlich das Interesse verloren, weil es viel zu viel darum ging, irgendetwas auswendig zu lernen, beispielsweise in Geschichte, wo es nur um irgendwelche Namen und Jahreszahlen ging. Das lernte man halt zweimal pro Halbjahr auswendig, wurde dann abgefragt und vergaß es hinterher wieder. In der Oberstufe war ich schon so weit, dass ich mich trotzdem dafür interessieren konnte, weil ich schon reifer war und mir selbst etwas aus den Inhalten raushalten konnte, aber in der Unterstufe war das schon ziemlich entmutigend. Zumal man, wenn man jünger ist, ja tatsächlich nicht begreift, dass einem das Lernen etwas nützt, auch wenn man vielleicht nicht alles auf das spätere Leben anwenden kann.
Ich habe letztens etwas recht Aufschlussreiches gehört - nämlich, dass man die Qualität eines Lehrers nicht an den stärkeren, sondern an den schwächeren Schülern messen sollte. Und dass es in diesem Lichte eigentlich paradox ist, dass man die besseren Schüler in Schulen schickt, in denen man auch die besseren Lehrer erwartet, und dann im Umkehrschluss niedrige bis überhaupt keine Erwartungen an Lehrer hat, die beispielsweise in einer Hauptschule oder einer Polytechnischen Schule unterrichten. Eine weitere Möglichkeit, um junge Menschen so früh wie möglich zu selektieren und diejenigen, die es "nur" in die Hauptschule geschafft haben, von vorn herein als den letzten Dreck abzustempeln. Dann kann man demjenigen eigentlich auch gleich ins Gesicht sagen, dass er sich vom Leben am besten gar nichts mehr erwarten soll - und das, obwohl es sehr wohl Leute gibt, die etwas erreicht haben, obwohl sie nie im Gymnasium waren, während es gleichzeitig auch Obdachlose mit Doktortitel gibt. Wobei diese Geringschätzung von Hauptschülern in der Stadt mit Sicherheit ausgeprägter ist als auf dem Land. Generell sollte das Ziel aber doch sein, so vielen Leuten wie möglich etwas beizubringen und nicht, denjenigen etwas beizubringen, die das sowieso schon können, oder?

Zum Schluss möchte ich noch etwas loswerden, das häufig zu kurz kommt, wenn man die Mängel unseres Schulsystems aufzählt: Ich habe inzwischen Leute aus vielen verschiedenen Ländern und mit komplett unterschiedlichen Hintergründen kennen gelernt. Deswegen habe ich allmählich begriffen, was für ein Glück es für mich war, in die Schule gehen und lernen zu dürfen - weil das immer noch viel zu vielen Menschen auf dieser Welt nicht vergönnt ist. Und dass ich durchaus auch viele gute Lehrer hatte, die mir auch wirklich was beibringen konnten. Ich denke, daran sollten wir alle ab und zu denken, wenn wir dabei sind, über die Schule und/oder die Lehrer herzuziehen - egal, ob wir recht haben oder nicht.

vousvoyez

Mittwoch, 16. Januar 2019

Du sollst kein Universum betreten, in dem du nicht vierteln kannst

Dies ist ebenfalls eines der Zehn Gebote aus der Spaßreligion, die ich vor drei Jahren mit einem Arbeitskollegen gegründet habe. Damals war er 21 Jahre alt - und weckte entsprechend auch die Mutterinstinkte einiger älterer Kolleginnen. Zumal wir in der Nähwerkstatt natürlich einen Frauenüberschuss hatten. Wie viele sehr junge Leute, so war auch er, was die Aufmerksamkeit betrifft, nicht leicht bei der Stange zu halten; als er einmal während der Arbeit über irgendein Universum quatschte, fragte ihn eine Kollegin, ob man in diesem Universum auch vierteln könne. Gemeint war das Vierteln des Saumes einer Pumphose für Babys, ein Vorgang, der das Annähen eines Bündchens erleichtert. Deswegen ist es, wenn man den Nähgott anbetet, natürlich von Vorteil, wenn man sich nur in Universen aufhält, in denen man so etwas tun kann. Ich denke, dieses Gebot könnte man auch für andere Berufe anwenden - beispielsweise, wenn man den Küchengott anbetet.

Da ich diese Tätigkeit zurzeit nicht ausübe, ist der Glaube daran natürlich obsolet geworden - dabei hätte ich es interessant gefunden, hierfür eine Heilige Schrift zu verfassen, in der all die schrägen Gedanken verzeichnet sind, die wir damals so ausbrüteten.
Es dürfte euch inzwischen nicht entgangen sein, dass ich nicht nur gerne schreibe, sondern auch gerne lese. Die Liebe zum geschriebenen Wort teile ich mit meiner ganzen Familie - und das, obwohl nicht alle so leicht Zugang zu Büchern fanden. Mein Vater beispielsweise las bis in die Vierziger hinein fast nur Comics. Einer seiner ersten Lieblingsautoren aber war Umberto Eco, von dem er fast alle Bücher gelesen hat, die zu seinen Lebzeiten herauskamen. Auch ich habe einige davon gelesen - nicht nur die Romane, sondern auch die Artikel, die er in der italienischen Zeitschrift L'Espresso veröffentlichte und die ebenfalls übersetzt und in Büchern gesammelt wurden. Ich besitze bis heute noch etliche davon.

In einem dieser Artikel geht es um den Wert eines gesunden Misstrauens. Eco berichtet darin über Presseausschnitte, in denen es um ihn selbst ging und die nicht nur nicht immer der Wahrheit ent-, sondern die sich auch oft widersprachen, und über das Dilemma dessen, inwieweit man den Medien glauben darf. Als Beispiel erzählte er, wie er versucht hatte, seiner Tochter, als diese noch klein war, Medienkompetenz beizubringen. Er erklärte ihr, dass sie einen bestimmten Werbespot nicht glauben dürfe, weil das Fernsehen lüge. Als die Nachrichten daraufhin meldeten, dass es in Turin geschneit hatte, glaubte sie, dass auch dies nicht stimme, was sowohl bei ihr als auch bei ihrem Vater ein Dilemma auslöste - denn wie soll man einem kleinen Kind erklären, wie Medien funktionieren?

Heutzutage, wo wir ständig mit Nachrichten bombardiert werden, ist das natürlich ungleich schwieriger. Ich bin ja auch noch sozusagen mit den "alten" Medien aufgewachsen, also Fernsehen, Printmedien und Radio. Vor dem Hauptabendprogramm gab es im Fernsehen die Nachrichten, morgens beim Frühstück die Zeitung und zwischendurch das Radio. Auch mir wurde schon damals erklärt, dass ich nicht alles glauben soll, was die Medien behaupten, und auch ich habe eine Zeit gebraucht, bis ich überhaupt nur irgendwie dahinter gestiegen bin, was ich jetzt glauben kann und was nicht. Heute ist die Herausforderung weitaus größer.

Die Rechtspopulisten in Europa machen es sich da natürlich einfach - sie lösen es wie Donald Trump und erklären alles, was kritisch gegen sie ist, zu "Fake News". Diese Strategie scheint auch bei so manchem auf fruchtbaren Boden zu fallen - es gibt genügend Leute, die irgendwelchen haarsträubenden Äußerungen dubioser Internetseiten mehr Glauben schenken als dem seriösen Journalismus. Das hab ich ja in meinen Artikeln über Verschwörungsideologien auch schon angesprochen. Immer mehr ist man nur noch bereit, zu diskutieren, wenn die Äußerungen der eigenen zementierten Meinung entsprechen. Immer mehr schenkt man denen Gehör, die uns erzählen, schuld daran, dass wir dieses und jenes nicht haben, seien andere - und das betrifft durchaus nicht nur die Rechten, diese schreien halt nur oft am lautesten. Es ist halt heute so, dass du dir oft nicht mehr aktiv selbst aussuchst, mit welcher Meinung du konfrontiert werden willst, zumindest dann nicht, wenn es um digitale Medien geht - meist schreibt dir das heute irgendein Algorithmus vor. In Marc-Uwe Klings Roman QualityLand wird dieser Sachverhalt herrlich auf die Spitze getrieben - in dieser Zukunftsvision wird man medial nur noch mit der eigenen Meinung gefüttert und hat gar nicht mehr die Möglichkeit, sich mit anderen Ansichten zu konfrontieren. Und dabei ist das so ungeheuer wichtig - hätte ich mein Leben lang nur gehört und gelesen, was mit meiner Meinung konform geht, hätte ich nie Kritik einstecken müssen, dann würde ich heute wahrscheinlich in einer Seifenblase leben, die mir eine Schwarz-Weiß-Welt vorgaukelt.

Das soll nach wie vor nicht bedeuten, dass die etablierten Medien ausschließlich die Wahrheit erzählen. Die Presseausschnitte über Umberto Eco sollten uns ein Beispiel sein, dass dem eben auch nicht immer so ist. Auch seriöse Journalisten werden von einer Meinung geprägt, auch seriöse Medien folgen einer bestimmten Richtung. Aber für mich ist das kein Grund, irgendwelchen populistischen und/oder schwurbeligen Websites mehr zu glauben, wo man die Quelle oftmals gar nicht mehr ermitteln kann und die häufig sogar die offensichtlichsten Fakten ignorieren. Das wichtigste ist - wie Eco schon bemerkt hat -, ein gesundes Misstrauen zu bewahren. Die Presse- und Meinungsfreiheit sind nun mal auch Grundpfeiler einer modernen Demokratie - wobei man diese beiden Dinge natürlich richtig verstehen sollte. Diese Art von Freiheit bedeutet, dass man sagen darf, was man will, ohne vom Staat dafür bestraft zu werden. Sie bedeutet aber auch, dass man für das, was man sagt oder schreibt, auch kritisiert und in Frage gestellt werden darf - denn Meinungsfreiheit gilt nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere, die eben auch eine andere Meinung haben. Und die dürfen diese Meinung genauso haben wie du deine. Unter diesem Gesichtspunkt verwundert auch die Empörung gegen unseren Innenminister nicht, der forderte, dass regierungskritische Medien nur noch eingeschränkte Informationen erhalten sollen.

Klar - für die Abschaffung einer gefestigten Demokratie bedarf es weitaus mehr als solcher glorreichen Ideen. Man soll wachsam sein, aber keineswegs panisch - dies führt zu nichts. Man tut lediglich gut daran, die Zeichen zu erkennen - und im Rahmen seiner Möglichkeiten gegenzusteuern. Aber den Untergang zu prophezeien, hilft niemandem - denn dann sind wir auch nicht besser als diejenigen, die heute das Ende unseres Abendlandes voraussagen - nur um morgen festzustellen, dass alles doch nicht so schlimm ist.

vousvoyez

Sonntag, 13. Januar 2019

Warum ist bei euch in Europa alles Schlechte schwarz?

(c) vousvoyez
Diese Frage stellte mir vor vielen Jahren mal ein junger Mann aus Gambia, dem aufgefallen war, dass die Farbe Schwarz in unserem Sprachschatz sehr oft verwendet wird, um Negatives zu beschreiben. Wer ohne Fahrschein unterwegs ist, fährt schwarz. Wer ohne Genehmigung einer Erwerbstätigkeit nachgeht, arbeitet schwarz. Wer alles nur negativ sieht, ist ein Schwarzseher, wer alles schlecht macht, ein Schwarzmaler. Wer Witze macht oder gut findet, die sich an der Grenze des guten Geschmacks (oder auch darüber) befindet, hat einen schwarzen Humor. Und so weiter.

Nun, die Farbe Schwarz als Synonym für das Negative zu verwenden, ist tief in unserem kulturellen Sprachschatz verankert. Und das gilt nicht nur für die deutsche Sprache - in meiner Schulzeit haben wir beispielsweise im Englischunterricht auch schon darüber gesprochen, woraufhin eine Mitschülerin zum Spaß das Wort "negativ" einbrachte - obwohl dieses, wie man schon an der Schreibweise erkennen kann, nichts mit dem N-Wort zu tun hat, sondern eher mit "negieren" für "verneinen".

Das Thema, das mich heute umtreibt, hat im weitesten Sinne wohl auch mit "negativ" und "Schwarzmalerei" zu tun. Es geht wieder mal um ein Video, das ich zugeschickt bekam und das eine sehr kontroverse Diskussion auslöste. Ich habe zu diesem Thema vor Jahren mal einen Artikel in einem Magazin zu einem ähnlichen Thema publiziert; leider finde ich den aktuell nicht, aber ich möchte trotzdem mal darüber sprechen.

Zunächst zu dem Video: Es handelte sich hierbei um Auszüge einer Lesung. Gelesen wurde aus Was vom Menschen übrig bleibt: Die Wahrheit über Prostitution, dem Erfahrungsbericht der ehemaligen Prostituierten Rachel Moran. Gelesen wird die übersetzte Version, und zwar von Anja Röhl, deren Vater einst mit der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof zusammen war; auch sie erzählt ihre Geschichte in einem Buch. Ich möchte jetzt nicht auf Frau Moran oder Frau Röhl eingehen, auch nicht explizit auf den Inhalt ihrer Bücher. Mir geht es eher um das Thema, das dieser Lesung zugrunde liegt.

In dem Buch ist davon die Rede, dass Prostitution immer schlecht ist und dass sie in Wirklichkeit von keiner Frau freiwillig betrieben wird, sondern dass immer eine Notsituation zugrunde liegt. Der Diskussion selbst lag die Intention zugrunde, Prostitution ausnahmslos zu verbieten. Ich muss sagen, ich bin mit diesem Thema, wenn überhaupt, nur sehr peripher in Berührung gekommen; ich bin diesem Gewerbe nie nachgegangen, und ich kann auch nicht von mir behaupten, dass ich irgendjemanden gut kenne, der diesem Job schon irgendwann einmal nachgegangen ist. Aber natürlich hat jeder dazu eine Meinung, warum also nicht ich auch?
Vor etwas mehr als drei Jahren hat Amnesty International sich dafür eingesetzt, Prostitution weltweit zu legalisieren. Da war der Aufschrei natürlich groß - interessanterweise auch seitens der Frauenrechtlerinnen, die ja immer der Meinung sind, eine Frau dürfe mit ihrem Körper machen, was sie wolle. Die Befürchtung war, dass man damit Menschenhändlern und Sextouristen Tür und Tor öffne - was an sich nicht falsch ist. Aber ich denke, mit einer Illegalisierung löst man das Problem nicht - im Gegenteil.

Erinnern wir uns doch nur an die Drogenpolitik. Im Laufe der sechziger und siebziger Jahre fanden allerlei berauschende Substanzen Eingang in die westliche Jugendkultur - und kosteten nicht wenigen das Leben. Darauf wurde reagiert, indem nahezu alle Drogen außer Alkohol und Nikotin verboten wurden. Deswegen verschwanden die Drogen jedoch nicht - stattdessen wurden nicht nur diejenigen, die mit ihnen handelten, sondern auch die Konsumenten kriminalisiert. Das Resultat: Menschen, die von Drogen abhängig waren, konsumierten diese heimlich weiter und wurden so an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Sie finanzierten ihre Sucht mit Eigentumsdelikten oder illegaler Prostitution, und diejenigen, die sich die Suchtmittel intravenös zuführten, verwendeten oftmals verunreinigte Spritzen. Das Resultat: Menschen, die statt im Krankenhaus im Gefängnis landeten; Menschen, die in die Illegalität getrieben wurden; Menschen, die über ihre Sucht hinaus auch noch auf andere Art und Weise kriminell wurden; Menschen, die nicht nur durch die Drogen, sondern auch durch sexuellen Kontakt mit Fremden oder durch das Verwenden verunreinigter Spritzbestecke krank wurden; Substanzen, die in gestrecktem Zustand noch gefährlicher wurden, als sie ohnehin schon waren. Ein heißer Tipp dazu ist natürlich das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", das alle Aspekte schildert.
Diesen Teufelskreis zu durchbrechen war nur möglich, wenn man sich von Drogen fernhielt. Was dabei aber außer acht gelassen wird, ist, dass Sucht eine Krankheit ist, die man nicht heilen kann, und dass nur die wenigsten es schaffen, für den Rest ihres Lebens clean zu bleiben. Und so hatten natürlich nur wenige die Chance, auf ein Leben ohne Kriminalisierung hoffen zu dürfen.
Unter diesem Aspekt ist der heutige Umgang mit Drogensucht natürlich ein Fortschritt. Heute können auch Drogenabhängige ein normales Leben führen, mit Wohnung, Beziehung und Job, Spritzen können legal entsorgt und in Kontaktläden getauscht werden, was das Risiko übertragbarer Krankheiten minimiert. Dass Drogen nicht gut sind, weiß jeder, aber was bringt es, jemanden, der schon süchtig ist, aus der Gesellschaft auszuschließen, weil er es nicht schafft, seine Sucht endgültig zu besiegen?

Ich denke, ähnlich verhält es sich mit der Prostitution - Prostitution wird nicht aufhören, zu existieren, wenn sie illegalisiert wird. Stattdessen erschwert es die Möglichkeiten, Prostituierte rechtlich und medizinisch zu schützen. Wenn Prostitution verboten wird, sind auch sämtliche Schutzvorschriften obsolet, und wir haben mehr Menschen, die in den Untergrund gedrängt werden und in der Folge völlig ohne Sinn in Gefängnissen sitzen. Darüber hinaus erschwert es auch den Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten, wenn Prostituierte nicht mehr zur medizinischen Untersuchung verpflichtet werden. Ist es tatsächlich das, was wir wollen?

Ich kann nicht explizit sagen, wie viele Prostituierte ihr Gewerbe tatsächlich vollkommen auf freiwilliger Basis ausüben; dies steht mir auch, denke ich, gar nicht zu, da ich, wie gesagt, nicht wirklich was damit zu tun habe. Natürlich können wir uns auch darüber streiten, wo die Prostitution eigentlich anfängt - in unserer heutigen Zeit könnten wir auch die Öffentlichmachung unseres Privatlebens ein Stück weit auch als Prostitution bezeichnen. Ich bin auch nicht dafür, dass Frauen gezwungen werden, ihren Körper zu verkaufen - aber ich denke, es wäre sinnvoller, gegen die Ursache dieser Form von Ausbeutung vorzugehen, anstatt die Opfer zu kriminalisieren.

Abgesehen davon: Wer will denn einsame Menschen verurteilen, die aus Sehnsucht nach körperlicher Nähe zu Prostituierten gehen? Wenn man Männern, die zu Prostituierten gehen, vorwerfen will, Frauen auszubeuten, könnte man auch Frauen, die südliche Länder aufsuchen und sich dort die körperliche Liebe von Männern erkaufen, die oftmals jung genug sind, um ihre Söhne zu sein, dasselbe vorwerfen. Ja, ich weiß, da steigen möglicherweise ein paar Damen auf die Barrikaden, die sich als "Bezness-Opfer" begreifen - aber ich habe auch nicht vor, alle in einen Topf zu werfen, die mal von einem Afrikaner oder Südamerikaner abgezockt wurden. Jedes Schicksal ist anders - es soll lediglich ein Denkanstoß sein.

Ganz allgemein ist dieses Thema ein weites Feld mit sehr vielen unterschiedlichen Meinungen. Ich könnte extrem viel dazu schreiben, nur fürchte ich, dass dies der Lesbarkeit des Artikels abträglich wäre - und auch der Geduld des Lesers. Abschließend muss ich sagen, dass die Auszüge aus dem Buch, die in diesem Video vorkommen, meiner Ansicht nach nicht besonders gut geschrieben sind. Klar ist Rachel Moran wohl keine professionelle Autorin - aber in diesem Fall werden ja immer Co-Autoren bereitgestellt, die so etwas beruflich machen. Vielleicht sind meine Ansprüche auch etwas zu hoch, aber ich habe andere Erfahrungsberichte gelesen, die jetzt auch keinen extrem intellektuellen Anspruch hatten, aber zumindest gut geschrieben waren.

Vielleicht nähere ich mich dem Thema wieder an - inzwischen habe ich aber so einiges andere, was ich bearbeiten kann. Haltet euch also bereit!

vousvoyez