Sonntag, 21. August 2022

Seit ich quer denke, stoße ich immer gegen den Türrahmen – gerade denken ist weniger schmerzhaft!

©vousvoyez
Nun haben wir ja schon im letzten Artikel besprochen, dass es nicht sehr ratsam ist, quer zu denken, bevor man das Geradeausdenken nicht gelernt hat. Wobei Querdenken ja ursprünglich eine positive Bedeutung hatte - es bedeutete, über den eigenen Tellerrand zu sehen und neue Ideen zu etablieren. Leider tun diejenigen, die sich heute als Querdenker bezeichnen, gerade das nicht - denn sie akzeptieren nur die, die ihre eigenen Phantasien bestätigen. Und bisweilen habe ich den Eindruck, dass viele von ihnen, wenn sie noch Jugendliche wären, diese dämlichen Challenges mitmachen würden, über die ich mich schon seit geraumer Zeit so auslasse.

So habe ich bereits vor über einem Jahr von der Blackout-Challenge berichtet, bei der Kinder und Jugendliche sich vor der Kamera selbst bis zur Bewusstlosigkeit strangulieren, um das Video dann auf TikTok zu stellen. Das ging so weit, dass ein paar von diesen Kindern sich dabei tatsächlich erdrosselten. Kürzlich haben nun Eltern aus den USA TikTok tatsächlich verklagt, nachdem ihre Kinder, ein achtjähriges Mädchen aus Texas und ein neunjähriges aus Wisconsin, bei dieser Challenge ums Leben gekommen waren. Tatsächlich hat TikTok inzwischen mitgeteilt, dass es den Hasthag #BlackOutChallenge in seiner Suchmaschine gesperrt hat. Eine weitere Dummheit, vor der vor allem Anfang 2020, noch vor dem ersten Lockdown, häufig gewarnt wurde ist die Skull Breaker Challenge: Zwei Personen treten einer dritten die Beine im Sprung weg, so dass sie hintenüber auf den Boden knallt, was natürlich ein hohes Risiko für Kopfverletzungen zur Folge hat. Dazu muss man allerdings sagen, dass diese Challenge zwar saudumm ist und absolut nicht nachgemacht werden sollte, aber auch keineswegs so ein großer Trend war wie etliche Beiträge in sozialen Netzwerken es suggerierten. Kein Wunder - die Videos sehen äußerst schmerzhaft aus, und ich hätte auch als Jugendliche liebend gern darauf verzichtet.

Nun sind Internet-Challenges natürlich kein ganz neues Phänomen, und sie sind auch nicht zwangsläufig dumm und gefährlich - man erinnere sich etwa an die im Lockdown so beliebte Jerusalema-Challenge, bei der Menschen aus aller Welt zu einem südafrikanischen Hit tanzten, um in diesen düsteren Zeiten etwas Lebensfreude zu verbreiten. Auch andere Aktionen, die viral gingen, waren einfach nur lustig, wie etwa die Owling Challenge, bei der man sich irgendwo hinhockt und versucht, wie eine Eule auszusehen - einer der wenigen Momente, als ich über Stefan Raab tatsächlich einmal lachen konnte -, oder sollten auf Problematiken aufmerksam machen, etwa die  ALS Ice Bucket Challenge, welche die Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) thematisierte: Gesunde Menschen kippten sich einen Eimer voll eiskaltem Wasser über den Kopf, um durch das Gefühl der Lähmung, das dabei für ein paar Sekunden entsteht, nachvollziehen zu können, wie sich Betroffene ihr Leben lang fühlen. Aber auch die älteren, eigentlich harmlosen und ausschließlich lustig gemeinten Challenges konnten auch gefährliche Ausmaße annehmen: So gab es einen Trend, der sich "Planking" nannte und bei dem sich Facebook-User an verrückten Orten gerade und flach mit dem Gesicht nach unten hinlegten - einige begannen jedoch, sich für diese Aktion gefährliche Plätze auszusuchen, wie jener Mann, der in Australien im 7. Stock von einem Balkongeländer stürzte.

Im Laufe des vorigen Jahrzehnts begannen die Internet-Challenges jedoch, sich ganz allgemein in eine ungesunde oder gar lebensgefährliche Richtung zu entwickeln - ich habe ja bereits öfter von solchen berichtet. Am bekanntesten sind wohl die Blue-Whale-Challenge, bei der es darum gehen sollte, Jugendliche in den Suizid zu treiben, und die Tide-Pod-Challenge, bei der junge Menschen auf diesen Waschmittelkapseln herumlutschten. Im vorigen Jahr machten einige jedoch auch bei der Fire Challenge mit - sie rieben sich mit einer brennbaren Flüssigkeit ein und zündeten sich dann selbst an. Wie man so dumm sein kann? Ja, das frage ich mich auch. Natürlich sind Kinder leicht zu manipulieren und neigen dazu, alles nachzumachen, was sie gut finden - bei Personen, die sich allmählich dem Erwachsenenalter nähern, verstehe ich so etwas allerdings echt überhaupt nicht. Das Schlimme daran ist jedoch, dass diese Challenges durch TikTok mittlerweile in immer schnellerer Abfolge zum Trend werden - und wir es dadurch inzwischen nicht nur mit einer alle paar Monate, sondern mit zahlreichen parallel laufenden zu tun haben.

Anders verstörende Challenges sind jedoch schon seit geraumer Zeit vor allem bei jungen Mädchen und Frauen in China sehr beliebt: Dort ist aus dem chinesischen Schönheitsideal einer schmalen, zierlichen Figur ein Trend erwachsen, der im Wesentlichen daraus besteht, dass junge Mädchen in Videos sich gegenseitig dabei übertrumpfen, zu zeigen, wie dünn sie sind. Begonnen hat das Ganze wohl mit der iPhone6-Challenge um 2014, als junge Chinesinnen auf Instragram wetteiferten, wer es schafften, mit geschlossenen Beinen die Knie mit einem solchen Handy zu bedecken. Was an sich schon deshalb absurd ist, weil an so einem Knie ja naturgemäß kein Fett ansetzt, da man ansonsten das Bein nicht abknicken könnte - entsprechend kann man da natürlich auch nicht abnehmen. Außerhalb von China erregte jedoch vor allem um 2016 die A4-Paper-Waist-Challenge, ebenfalls auf Instagram, Aufmerksamkeit und wurde auch von Europäerinnen nachgeahmt: Man hielt sich ein Din-A4-Blatt vertikal vor die Taille, um zu beweisen, dass man mindestens so dünn ist wie dieses 21 cm breite Blatt Papier. Da ich eher groß bin, würde Hungern allein bei mir allerdings schon mal nicht ausreichen, um das zu schaffen - ich müsste mir wohl einige Rippen entfernen lassen. Jajaja, ich weiß, ich hör ja schon auf! Aber ich glaube, ihr wisst, worauf ich hinauswill: Dadurch, dass nicht jeder menschliche - in dem Fall weibliche - Körper gleich gebaut ist, sind diese Challenges auch nicht für alle gleichermaßen erreichbar.

Ebenfalls in den Westen übergeschwappt ist auch die Collarbone-Coin-Challenge, bei der man versucht, möglichst viele Münzen in der Mulde seines Schlüsselbeins zu stapeln. In Asien ging man sogar noch weiter, füllte die Knochenhöhlen mit Wasser und ließen dann einen oder mehrere lebendige kleine Fische darin schwimmen. Natürlich hat niemand die Fische gefragt, ob sie das möchten, und ich kann mir auch kaum vorstellen, dass dies allzu vergnüglich für die Tierchen ist. Nun bin ich ja in einer Zeit aufgewachsen, als leichenblasse, ausgemergelte Gestalten über Laufstege taumelten, eine Art Gegenbewegung zu den braungebrannten, sportlichen Models der Achtziger und frühen Neunziger, und natürlich gab es auch damals junge Mädchen und Frauen, die sich schier zu Tode hungerten, um Idolen wie Kate Moss nachzueifern. Aber zum damaligen Zeitpunkt war das Internet noch nicht so verbreitet, man war weit davon entfernt, Videos in erstklassiger Qualität hochladen und verbreiten zu können, und so gab es nicht diesen permanenten Vergleich von jungen Menschen untereinander. Und deshalb auch nicht diesen Optimierungszwang, der vor allem in einem Alter, in dem man noch auf der Suche nach sich selbst ist, meiner Ansicht nach ungesund, vielleicht sogar gefährlich ist. Und ich muss auch sagen - diese operierten Gestalten, die vor allem die untere Liga der TV-Prominenz bevölkern, sind für mich absolut austauschbar. Ich wundere mich immer wieder, wie viele Personen, von denen ich noch nie etwas gehört habe, heutzutage als "prominent" gelten. Und warum es "schön" sein soll, so auszusehen - zumal die Kardashians sich ja augenscheinlich die aufgeblasenen Hintern wieder operativ verkleinern lassen.

Und so bin ich von idiotischen Challenges wieder mal zu unrealistischen Schönheitsidealen zu kommen - na herzlichen Glückwunsch! Ich bin oftmals selbst verblüfft, wohin mich das Schreiben so führt! Nun glaube und hoffe ich, dass ich in naher Zukunft wieder öfter das Vergnügen habe, euch mit dem ein oder anderen Artikel zu beglücken, und wünsche euch bis zum nächsten Mal eine schöne Zeit und bon voyage!

vousvoyez

Video zu den Schlankheits-Challenges: https://www.youtube.com/watch?v=81xt1IH0o2Q

Sonntag, 14. August 2022

Sebastian Kurz ist das Katzenbild unter den Politikern

© vousvoyez
Ein Spruch, den ich auf dem YouTube-Kanal Walulis Daily gehört habe und der meiner Meinung nach bezeichnend ist dafür, wie lange es dem von dem Satire-Magazin Titanic so bezeichneten "Baby-Hitler" gelang, viele von uns zu blenden. Es war eine Erleichterung, dass er letztendlich die Konsequenzen tragen musste, aber andererseits scheint er nicht sonderlich darunter zu leiden - stattdessen versucht er nun, als Unternehmer Fuß zu fassen. Und wir hier in Österreich haben nun einen Kanzler, mit dem der Großteil der Bevölkerung - sowohl Rechte als auch Linke - nicht einverstanden ist. Das ist in der Tat eine prekäre Situation, allerdings muss ich zugeben, dass auch eventuelle Neuwahlen mir momentan Bauchschmerzen bereiten, da die große Frage ist, wie diese ausgehen werden - denn leider fehlt es an einheitlichen Gegenstimmen zu den Schreihälsen am rechten Rand. Und was nun passiert ist, zeigt, wie sehr von unseren Behörden mit zweierlei Maß gemessen wird.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, hat mit Sicherheit mitbekommen, dass auch ich ab und zu meinem Ärger über jene, die glauben, quer denken zu müssen, obwohl sie es noch nicht einmal hinbekommen, geradeaus zu denken, Luft gemacht habe. Auf diese Weise habe ich auch die schlimmste Pandemie-Zeit mit dem ärgsten Geschwurbel auch ganz gut überstanden  - in der ich leider ziemlich viel von der toxischen Seite des Internets mitbekommen habe. Insofern hatten meine privaten Probleme im letzten halben Jahr auch etwas Gutes: Ich hatte keine Kraft und Zeit mehr, mich allzu intensiv mit der Materie zu befassen. Und so habe ich mir nur ab und zu ein kurzes Update verschafft, aber die Vermutung, die ich schon länger hatte, schien sich zu bestätigen: Die "Querdenken"-Bewegung zerfiel, ihre Initiatoren zerstritten sich und etliche Mitläufer haben tatsächlich wieder in die Realität zurückgefunden - denn nachdem der letzte Lockdown beendet war und man wieder Geschäfte und Cafés besuche durfte, nachdem in diesem Sommer sogar die Maskenpflicht gefallen ist, gab es ja keinen Grund mehr, zu protestieren. Übrig blieb also ein harter, radikaler Kern, der sich immer mehr von der Realität abkapselte, immer weniger mit anderen Meinungen zurechtkam und sich immer weiter in seine Aggressionen hineinsteigerte. Im Herbst letzten Jahres kostete diese Radikalisierung einem jungen Studenten das Leben (hier). Ende letzten Monats wurde die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr in ihrer Praxis in Seewalchen am Attersee, Oberösterreich, tot aufgefunden. Todesursache: Suizid.


Dr. Lisa-Maria Kellermayr hatte durch ihren engagierten Einsatz zur Bekämpfung des Coronavirus viel Aufmerksamkeit erlangt - positive wie auch negative. Zu Beginn der Corona-Pandemie im Februar 2020 gehörte sie zu den wenigen, die sich freiwillig meldeten für die undankbare Aufgabe der Versorgung der an Covid-19 Erkrankten - sie war also von Anfang an dabei und lernte so schon früh, das Virus richtig einzuschätzen. Diese Erfahrungen bewirkten, dass sie einerseits häufig zu dem Thema interviewt wurde, andererseits ihr Wissen auch bereitwillig auf diversen Social-Media-Plattformen teilte. Natürlich musste sie sich immer wieder Beleidigungen und Anfeindungen gefallen lassen - aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man sich daran verhältnismäßig schnell gewöhnt. Das passiert jedem, der sich öffentlich zu einem kontroversen Thema äußert - erst letzte Woche wurde ich wegen eines uralten Facebook-Kommentars als "Regenbogen-Faschist" und "Mitläufer" betitelt. Das ist eigentlich schon ganz normal, und man sollte sich von solchen Würstchen nicht einschüchtern lassen - aber es gibt halt eben auch Grenzen, die im Fall Kellermayr überschritten wurden: Im Herbst 2021 schlug der bösartige Spott in blinden Hass über. Im November 2021 äußerte sich die Ärztin in einem Twitter-Post kritisch zu der Belagerung eines Krankenhauses durch Impfgegner in ihrer Heimatstadt Wels, wodurch unter anderem die Rettungszufahrt blockiert wurde. Die Polizei relativierte den Vorfall jedoch und bezeichnete den Tweet als "Falschmeldung". Eine Entschuldigung ist bis heute ausständig - selbst der Kommentar wurde nicht gelöscht. Dafür wurde er zum Auftakt einer Hasswelle gegen Kellermayr - ein Screenshots des Polizei-Tweets geisterte durch einschlägige Telegram-Gruppen und wurde von vielen ihrer Mitglieder als Freifahrtschein verstanden, um ihre Gülle über dieser Frau auszuschütten. Von da an wurde sie immer heftiger per E-Mail und Social-Media beschimpft und bedroht - ich habe einige Screenshots gesehen, sie sind unfassbar schockierend und eindeutig strafrechtlich relevant. Dennoch erfüllten sie laut Polizei nicht den Tatbestand der gefährlichen Drohung.

Die Passivität der Behörden führte dazu, dass Frau Dr. Kellermayr auf eigene Kosten einen privaten Sicherheitsdienst einstellen musste - was letztendlich dazu führte, dass ihre Praxis schließen musste. Da sie von aggressiven Impfgegnern belagert und nicht einmal mehr in ihrem Zuhause in Ruhe gelassen wurde, musste sie sich darin verbarrikadieren. Und was haben die Polizei, die Behörden, die Ärztekammer, die Politik dagegen getan? Die Antwort ist so empörend wie niederschmetternd: Nichts! Null komma Scheiße! Die Verantwortlichen eines Landes mit immer noch vergleichsweise niedriger Kriminalitätsrate haben es nicht fertiggebracht, Leib und Leben einer Person zu schützen, die ihre Verpflichtung gegenüber der Gesundheit seiner Bevölkerung ernst genommen hat! Stattdessen passierte der engagierten Frau genau das, was so vielen passiert, die Gewalterfahrungen machen mussten: Die Schuld für die Bedrohungen wurde ihr selbst zugeschoben - ja, hätte sie es nicht gewagt, sich öffentlich zu äußern, dann wäre das alles nicht passiert! Hätte sie vor den Schreihälsen der Pandemie-Leugner-Szene den Kotau gemacht, wäre sie noch am Leben! Würden Frauen nicht immer so kurze Röcke tragen, gäbe es weniger Vergewaltigungen! Merkt ihr selber, oder?

Einer der Drohbriefe fiel besonders auf - er war sehr konkret und schilderte sehr detailliert, was er mit der unliebsamen Ärztin zu tun gedenke. Laut Polizei sei es "technisch unmöglich", den anonymen Poster ausfindig zu machen. Die deutsche Hackerin "Nella" schaffte das innerhalb von sechs Stunden - und auf völlig legalem Weg. Die Spur führte tief in die rechtsextreme Szene in Deutschland - auch wenn einer dieser Fake-Accounts, nachdem die Recherche öffentlich geworden war, natürlich sofort eilig bemüht war, die Morddrohungen der pöhsen Linken in die Schuhe zu schieben. Und das, obwohl das Wort "rechts" mit keinem Wort erwähnt worden war.

Monatelang suchte Frau Dr. Kellermayr bei der Polizei, der Ärztekammern, Lokalpolitikern um Unterstützung an - ohne Erfolg. Stattdessen riet man ihr, sich nicht mehr öffentlich zum Thema Corona zu äußern; die oberösterreichische Polizei warf ihr sogar "Dramatisierung" vor und behauptete, sie wolle nur mediale Aufmerksamkeit generieren. Es war der Staatsschutz, der die Drohungen letztendlich tatsächlich ernst nahm und zu ermitteln begann - zu spät, wie sich jedoch herausstellen sollte. Der psychische Druck scheint der 36jährigen Ärztin zu viel geworden zu sein - am 29. Juli wurde sie tot in ihrer Praxis aufgefunden. Und sie war nicht die einzige, die mit Hassnachrichten zum Schweigen gebracht wurde - zuletzt sind einige Politiker, darunter auch Gesundheitsminister Wolfang Mückstein, aufgrund dessen von ihren Ämtern zurückgetreten. Behördlichen Schutz dürfen sich Leute, die bemüht sind, Aufklärung zu betreiben und Fakten zur Verfügung zu stellen, nicht erwarten - weil sich die zuständigen Behörden einen Scheiß dafür interessieren, was im Internet passiert. Wer beleidigt, verleumdet oder bedroht wird, weil er Reichweite generiert, ist immer "selbst schuld". Im Gegensatz dazu sind diejenigen, die keine Ahnung von einer bestimmten Thematik haben, sogar bei strafrechtlich relevanten Äußerungen von der "Meinungsfreiheit" geschützt. Auf diese Weise muss man sich mit dieser viel zu komplizierten Materie nicht auseinandersetzen. Dadurch vermittelt man jedoch den Eindruck, dass das Recht, sich zu einer bestimmten Thematik gefahrlos äußern zu dürfen, nicht schützenswert ist. Auf diese Weise vertreibt man die Stimmen der Vernunft sukzessive aus dem öffentlichen Raum. Einige haben auch schon Konsequenzen gezogen, etwa die Ärztin Dr. Natalie Grams-Nobmann und der Rechtsanwalt Chan-jo Jun: Beide haben ihre Twitter-Accounts gelöscht. Ich bin heilfroh, dass sie nicht generell aufhören wollen, Aufklärungsarbeit zu betreiben - gerade die Videos des sympathischen Anwalt Jun sind für mich sehr wertvoll, um bestimmte Zusammenhänge zu verstehen.

Und natürlich ist auch nicht zu erwarten, dass "Querdenker" und Konsorten durch Kellermayrs Suizid zum Umdenken angeregt wurden - im Gegenteil, ihr Tod wurde in einschlägigen Telegram-Gruppen bejubelt und abgefeiert. Die einen machten die Impfung dafür verantwortlich, andere hielten den Suizid für ein Schuldeingeständnis - immerhin hätte sie ja für eine gefährliche Impfung geworben. Und viele fanden es ganz richtig so, dass sie aus dem Leben geschieden war - eben weil sie angeblich so viele Menschenleben auf dem Gewissen hätte -, und äußerten ihre "Dankbarkeit". Gleichzeitig werden weiterhin all jene bedroht, die Angehörigen der eigenen Bubble widersprechen. Das sind sie also, die "ganz normalen Leute", die ja ach so friedlich sind, während alle, die ihnen widersprechen, Hetze betreiben. Die sich ständig auf die Meinungsfreiheit berufen, dabei aber keinerlei Widerspruch dulden und gegebenenfalls für all jene, die es doch wagen, die Todesstrafe fordern.

Nun ist hierzulande die Zurückhaltung gegenüber rechtsextremen Gruppierungen schon längst nichts Neues mehr - Aufmärsche werden sogar dann toleriert, wenn sie zuvor polizeilich verboten wurden, während die, die sich dagegenstellen, mit keinerlei behördlichem Schutz rechnen dürfen. Wie bereits von einem Jahr von allen vermutet, die hingesehen haben, ist von der "Querdenker"-Bewegung nur noch ein harter Kern übriggeblieben, der sich ungestört weiter radikalisiert hat und sich schon für die Zeit rüstet, in der Corona keine so große Rolle mehr spielen wird. Andere Themen gibt es genug - Verschwörungserzählungen wie der "Great Reset", der Krieg in der Ukraine, die Sanktionen gegen Russland, die Teuerung der Lebenshaltungskosten. Schon zu Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine waren bei Corona-Demos auffällig viele russische Fahnen zu sehen. Auch der Kampf gegen Migration und die Rechte sexueller Minderheiten wird nach wie vor eine Rolle spielen. Und nachdem angeblich nur ganz wenig Zeit bleibt, um den "Bevölkerungsaustausch" und die herbeiphantasierte kommunistische Weltordnung zu verhindern, sind buchstäblich alle Mittel erlaubt. Es wird bei weitem nicht zum ersten Mal davor gewarnt, dass diese Szene brandgefährlich ist - trotzdem wurde die Gefahr bisher immer ignoriert und bagatellisiert. Auch nach Kellermayrs Suizid zeigen die offiziellen Stellen keinerlei Einsicht, sind aber erstaunlich schnell zur Stelle, sobald es um kritische Stimmen gegen sie geht. Und während Bundespräsident Alexander van der Bellen schon einen Tag später an den Zusammenhalt der österreichischen Bevölkerung appellierte, brauchte Bundeskanzler Karl Nehammer eine geschlagene Woche, um bedauernde Worte zu dem Tod der Ärztin zu äußern - das Verhalten der Behörden wurde auch von ihm nicht hinterfragt. Das ist umso bezeichnender, da selbst internationale Medien wie die Washington Post dem Kanzler zuvorgekommen sind.

Die Reaktionen derjenigen, die noch ein wenig Empathie übrig haben, waren entsprechend emotional. Auch bei mir sind im ersten Moment die Emotionen hochgekocht - deshalb habe ich auch so lange gewartet, bis ich mich dazu äußere. Und auch jetzt muss ich mir Mühe geben, moderate Töne anzuschlagen, da ich mich immer noch komplett hilflos fühle. Es ist nicht das erste Mal, dass viele von uns dazu auffordern, diejenigen, die mit Galgen aufmarschieren, Todeslisten schreiben und ihrem Hass auf Telegram freien Lauf lassen, endlich nicht mehr als "besorgte Bürger" zu verharmlosen. Stattdessen werden diejenigen, wie wie Klartext reden, im Stich gelassen - und Ärzt:innen wie Lisa-Maria Kellermayr, die ihren Job ernst nehmen, dürfen nicht auf behördliche Unterstützung hoffen.

In diesem Kontext kann ich auch die wütende Reaktion von AnonLeaks gut nachvollziehen, die in ihrem offenen Brief OpKalteWut extremere Maßnahmen ankündigen als das, was sie bisher unternommen haben. Auch ich hatte den Gedanken, dass wir, die wir auf der Seite von Fakten und Vernunft stehen, endlich mehr tun sollten als nur zu schreiben, zu diskutieren und Aktionen gegen Rechts zu feiern, während wir hinter unseren Handys, Tablets und PCs hocken und zuschauen. Die Frage ist allerdings, ob es nur darum geht, uns kurzfristig ein wenig Erleichterung zu verschaffen, oder ob wir auf langfristige Veränderungen hinsteuern wollen - und für Letzteres ist Selbstjustiz, wie ich denke, nicht unbedingt die beste Idee. Was den Hastag #QuerdenkerSindTerroristen betrifft - nun, diese Leute sind keine Terroristen, wie beispielsweise Al Qaida es sind, aber ich muss zugeben, dass ich das, was sie veranstaltet haben, durchaus als Psychoterror einordnen würde - besonders zu jenen Zeiten, als sie diesen Demonstrations-Tourismus betrieben und ganze Innenstädte nicht mehr zugänglich waren. Und auch diese Drohbriefe sind Teil davon - es geht hier weniger darum, tatsächlich jemanden umzubringen als darum, all jene in Angst zu versetzen, die es wagen, ihnen zu widersprechen und ihre Äußerungen als einzig legitime Wahrheit anzuerkennen.

Ich muss zugeben, es fällt mir immer schwerer, mein Vertrauen in höhere Instanzen zu richten, zumal die politische Situation bei mir zu Hause so chaotisch ist wie noch nie. Klar kann man nicht verhindern, dass man auf Widerstand stößt, wenn man sich zu kontroversen Themen äußert - aber es ist trotzdem wichtig, für Fakten und Vernunft einzustehen, und es ist nicht einzusehen, warum gerade jene Menschen sich den Mund verbieten lassen sollen, nur weil die Behörden sich nicht mit jenen herumschlagen wollen, die keine Gegenpositionen aushalten und deshalb verbal und manchmal sogar physisch auf diese einschlagen. Dabei glaube ich nicht, dass es wirklich so schwer ist, wie sie tun - denn diese Leute sind alles andere als die mutigen Rebellen, als die sie sich geben. Im Gegenteil - sie sind nur in der Gruppe so stark, oder wenn sie sich hinter irgendwelchen Social-Media-Profilen verstecken können. Zudem ist es meiner Ansicht nach auch äußerst unklug, in Zeiten wie diesen Leuten aus Gesundheitsberufen keinerlei Schutz zu gewährleisten und so noch mehr von ihnen zu verlieren. Einerseits wird immer nach Aufklärung geschrien, andererseits nimmt man diejenigen, sie dich darum bemühen, für selbstverständlich und verweigert ihnen im Ernstfall jegliche Unterstützung. Das muss aufhören: Wir sollten froh und dankbar sein, dass es überhaupt noch Leute gibt, die sich bemühen, Fakten in die Welt zu tragen, anstatt diese auch noch zu denunzieren! Und auch wenn dieser Blog keine große Reichweite hat, möchte ich doch einige Namen jener Leute nennen, die mir und anderen in den letzten beiden Jahren Mut und Hoffnung geschenkt haben. Leider sind es zu viele, als dass ich alle nennen könnte, deshalb beschränke ich mich auf jene, die mir persönlich am wichtigsten waren bzw. sind:

Dr. Mai-Thi Nguyen-Kim, Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin
Florian Aigner, Physiker und Wissenschaftspublizist
Dr. Janos Hegedüs, Facharzt für Innere Medizin
Prof. Dr. Christian Drosten, Virologe
Katharina Nocun, Publizistin
Mag. Ulrike Schiesser, Psychologin und Psychotherapeutin
Pia Lamberty, M. Sc., Sozial- und Rechtspsychologin
Dipl. Psych. Lydia Benecke, Kriminalpsychologin
Dr. Lisa-Maria Kellermayr, Allgemeinmedizinerin
Dr. Nathalie Grams-Nobmann, Ärztin
Chan-jo Jun, IT-Rechtsanwalt
Ingrid Brodnig, Journalistin

Vielen Dank für Ihr Bemühen, Ihre Fachgebiete auch Laien näherzubringen und der Verbreitung von Falschinformationen mit Fakten entgegenzuwirken!
Merci beaucoup!

vousvoyez

Sonntag, 24. Juli 2022

Es ist respektlos gegenüber dem Wort "Respekt", für Donald Trump so etwas wie Respekt einzufordern

Photo by Alex Azabache on Unsplash
Erinnert ihr euch noch an jene seligen Tage, als wir glaubten, wir wären die dicke Orange für immer los? Oder gar an die noch besseren Tage, als wir glaubten, niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde Trump zum Präsidenten wählen? Hach, was waren wir doch herrlich naiv - damals, back in the days! Und als die junge Amanda Gorman bei Joe Bidens Angelobung auf dem Podium stand und ihr Gedicht The Hill We Climb zum Besten gab, dachten wir, die USA hätten die Kurve gerade noch gekriegt. Wie wenig wir doch wussten!

Ja, wir müssen mal wieder über so ein Thema sprechen. Und zugegeben, ich habe lange überlegt, ob ich das überhaupt machen soll - zumal ich in letzter Zeit irre viel um die Ohren hatte und mich deshalb nach einer längeren Pause zurückmelde. Und es so viele Kontroversen enthält, dass man sich damit unheimlich tief in die Nesseln setzen kann - zudem ist es so unangenehm, dass ich, offen gestanden, nur ungern darüber spreche. Und doch geht es uns eigentlich alle an, auch wenn es uns aktuell noch sehr weit weg erscheint - zumindest geographisch. Trotzdem muss ich euch warnen, falls ihr besonders zart besaitet seid: Falls euch ein Thema wie Abtreibung zu sehr an die Nieren geht, lest diesen Artikel bitte nicht! Ich werde euch nicht böse sein. Ich sehe es ja nicht, hihi! Aber beginnen wir erst mal von vorn.

Das Thema Schwangerschaftsabbruch war kürzlich wieder in aller Munde - und spaltet die Meinungen wie kaum ein anderes. Und gleich vorweg: Ich kann verstehen, dass nicht alle von euch zu 100 % mit mir übereinstimmen. Die Sache ist dermaßen kompliziert, dass es nur sehr, sehr schwer ist, überhaupt auf einen gemeinsamen Konsens zu kommen. Was ich allerdings überhaupt nicht nachvollziehen kann, ist, wie man sich als "Lebensschützer" titulieren kann und damit ausschließlich ungeborenes Leben meint - den meisten ist es nämlich offensichtlich völlig egal, wie es um das Leben der Mutter steht oder was hinterher mit dem geborenen Kind geschehen soll. Aber das ist nur einer von vielen Aspekten.

Hier in Österreich kann eine Schwangerschaft innerhalb der ersten drei Monate legal abgebrochen werden. In Deutschland wiederum sind Abtreibungen rechtswidrig, aber unter gewissen Umständen trotzdem nicht strafbar - beispielsweise, wenn man mindestens drei Tage zuvor eine anerkannte Beratung in Anspruch genommen hat. Deren höchste Priorität ist allerdings häufig der Schutz des ungeborenen Lebens - sprich, man darf seine Schwangerschaft nur dann abbrechen, wenn einem zuvor davon abgeraten wurde. Aber immerhin hat man kürzlich einen großen Sieg errungen - nämlich die Abschaffung des § 219a, der "Werbung" für Schwangerschaftsabbrüche verbot. In der Praxis bedeutete dies, dass Ärzte auf ihren Homepages nicht im Detail über Abtreibungen informieren durften. Dies hatte zur Folge, dass diese gar keine Informationen mehr darüber preisgaben, ob sie Abtreibungen anbieten, oder das Angebot gänzlich einstellten. Fast zeitgleich mit dem Ende dieses Paragraphen gingen die USA jedoch in eine ganz andere Richtung: Hier wurde das Roe-v.-Wade-Gesetz gekippt, welches das bundesweite Recht auf Abtreibung gewährleistet. Das bedeutet, dass jeder Bundesstaat jetzt nach eigenem Gutdünken über dieses Recht entscheiden darf.

In beiden Fällen geht es aber tatsächlich um eine grundsätzliche Frage: nämlich um die ethische Vertretbarkeit von Abtreibungen. Und das ist es, woran sich die Geister scheiden - sowohl in Europa als auch in den USA. Wobei die Anzahl der Abtreibungsbefürworter, Innen und alle dazwischen in den USA keineswegs so niedrig ist, wie die Entscheidung des Supreme Court suggeriert, aber dazu später mehr. Die Frage selbst fängt schon einmal damit an, wo ein Mensch eigentlich beginnt, Mensch zu sein - und ab wann sein Leben demnach auch schützenswert ist. Das tatsächliche Problem jedoch ist, dass eine Schwangerschaft jegliches Verständnis von Individualismus ad absurdum führt. Das beginnt bei der Frage, ob man von einem Fötus, der ohne den Körper der Mutter gar nicht lebensfähig ist, schon von einem Individuum sprechen kann und endet mit jener, ob das Leben jenes noch nicht alleine lebensfähigen Körpers gleich oder gar höher zu bewerten ist als das der Mutter. Es ist also in der Tat eine extrem schwierige ethische Frage, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Infolgedessen ist es natürlich leicht, Leute mit Bildern und Plastiknachbildungen von Föten und manipulativen Phrasen zu ködern und gleichzeitig Frauen, die abgetrieben haben oder abtreiben wollen, pauschal als böse Monster dazustellen, die süße kleine Babys ermorden wollen. Und tatsächlich nahmen viele der Bundesstaaten die Abschaffung von Roe vs. Wade dankbar an - Missouri verbot Schwangerschaftsabbrüche bereits eine Stunde später, weitere Staaten folgten. In Oklahoma und Texas ist eine Abtreibung verboten, sobald der Arzt en Herzschlag des Embryos feststellen kann - was häufig bereits der Fall ist, bevor die Frau überhaupt bemerkt hat, dass sie schwanger ist. In diesem Stadium kann der Embryo weder denken noch Schmerz empfinden - aber kulturell bedingt begreifen wir das Herz als Zentrum allen Lebens, selbst wenn der Mensch auch ohne Gehirn, Lunge oder Nieren nicht lebensfähig wäre. Selbst wenn man oft den Eindruck hat, dass ein Hirn für das Überleben bei manchen nicht notwendig ist.

Bei all diesen Fragen sind jene "Lebensschützer", die vor Abtreibungskliniken demonstrieren, sprachlich manipulativ argumentieren und jegliche wissenschaftlichen Fakten ignorieren, absolut keine Hilfe. Denn diese betreiben genau das, was in jener Debatte so fatal ist, nämlich Schwarz-Weiß-Malerei - und das Einpflanzen von Schuldgefühlen für all jene, die nicht ihrer Meinung sind. Und gerade deshalb sollten wir uns fragen: Sollen wir wirklich auf jene hören, die auf Manipulation und das Verdrehen von Fakten angewiesen sind, um zu überzeugen? Denn Abtreibungsverbote retten zwar mehr potenzielles Leben, töten aber mehr Frauen - denn wenn eine Frau wirklich kein Kind austragen will, aber keine Möglichkeit auf eine legale, medizinisch sichere Abtreibung hat, greift sie häufig zu gefährlichen Methoden, um das werdende Leben in sich loszuwerden. Wir vergessen bei der Debatte nämlich allzu häufig, dass eine Geburt nicht etwas ist, das man einfach mal so nebenbei erledigt: Sie ist ein einschneidendes Erlebnis für den Körper und die Psyche der gebärenden Person - und das gilt schon für jene, die sich freiwillig dazu entschieden haben. Dies zeigt schon der Fall jenes zehnjährigen Mädchens aus Ohio, das nach einer Vergewaltigung schwanger geworden war und dem die Abtreibung im eigenen Bundesstaat verweigert wurde, weshalb sie erst in den Nachbarstaat Indiana reisen musste, um diese vornehmen lassen zu können. Mit anderen Worten: Das Leben eines Kindes, welches das Pech hatte, bereits mit zehn Jahren schwanger zu werden, ist in Ohio weniger wert als das potenzielle Leben einer Ansammlung von Zellen im Körper jenes Kindes. Ebenso zeigt die Lockerung des Waffengesetzes zur selben Zeit - ein Gesetz, das sowieso schon völlig aus der Zeit gefallen ist -, dass es eigentlich gar nicht um den Schutz von Leben gehen kann. Zumal Amokläufe in Schulen nach wie vor immer wieder die Schlagzeilen beherrschen. Wenn man zynisch ist, könnte man sagen, wenn Frauen jetzt gezwungen sind, Kinder auf die Welt zu bringen, muss man ja irgendeine Strategie entwickeln, um sie auf anderem Wege wieder loszuwerden. Aber worum geht es eigentlich?

Das Paradoxe an der Situation ist ja gerade, dass die Mehrheit der US-Bevölkerung ein generelles Abtreibungsverbot keineswegs befürwortet und sich bei der letzten Präsidentschaftswahl für die liberalere, progressivere Seite, nämlich die Demokraten, entschieden hat. Trotzdem scheint das ganze Land sich nach wie vor im Würgegriff einer einerseits rechtskonservativen, andererseits evangelikal-fundamentalistischen Minderheit zu befinden. Wie ist so etwas möglich in einem Land, das sich seit mehr als einem Jahrhundert selbst als die perfekte Demokratie begreift? Nun, die Antwort ist vielleicht, dass dieses Bild falsch ist - schon als Teenager habe ich mich gefragt, warum immer behauptet wird, dass jeder in den USA geborene Bürger eines Tages Präsident werden kann, wenn dieses Land doch bisher ausschließlich von weißen Männern fortgeschrittenen Alters (als Obama kam, war ich schon Mitte Zwanzig) regiert worden war. Und ich glaube, ich habe ebenfalls schon erwähnt, dass die Verfassung, auf die die USA so stolz sind, von reichen weißen Männern unterzeichnet wurde, die nichts dabei fanden, auf ihren Besitztümern Sklaven schuften zu lassen.

Aktuell ist es vor allem der Supreme Court, der eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie in den USA darstellt. Dieser ist zu zwei Dritteln von Republikanern besetzt - die bereits unter anderem darüber diskutieren, ob das Recht auf Verhütung eingeschränkt, ethnische Segregation an öffentlichen Schulen wieder eingeführt, die Säkularisierung (also die Trennung von Kirche und Staat) aufgehoben und homosexuelle Handlungen erneut illegalisiert werden sollen. Außerdem wurde neben der Lockerung des Waffengesetzes und dem Kippen des Abtreibungsrechts Schulen bereits erlaubt, ihre Schüler:innen zum Christentum zu nötigen, und die bewiesene Unschuld eines Schwarzen Mannes reicht nicht aus, um dessen Todesurteil aufzuheben. In Florida droht Lehrern die Gefängnisstrafe, sobald sie das Wort "schwul" auch nur aussprechen, während Professoren und Studierende dem Staat gegenüber Rechenschaft über ihre politische Meinung ablegen müssen, um die finanzielle Förderung ihrer Universität zu gewährleisten, und 54 Mathematik-Lehrbücher wurden verboten, weil in ihnen eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus angedeutet wird. Gerade der Supreme Court ist das beste Beispiel dafür, wie groß der Einfluss Trumps trotz seiner Abwahl immer noch ist - denn die Macht desselben hat tatsächlich das größte Potenzial, die Demokratie in den USA zu beenden. Dies liegt daran, dass die Richter:innen des Obersten Gerichtshofs in den USA auf Lebenszeit ernannt werden - was zu Gründungszeiten weit weniger lang war als heutzutage. Dazu kommt noch, dass es in den Vereinigten Staaten nur zwei Parteien gibt, die politisch Präsidentschaft relevant sind - weshalb es zu einer Art Wettbewerb unter den Präsidenten geworden ist, zur eigenen Amtszeit so viele Richter wie möglich zu ernennen. Tatsächlich gelang es Trump, gleich drei konservative Richter in den Supreme Court zu berufen - weshalb nun sechs der insgesamt neun Richter des Obersten Gerichtshofs dem republikanischen Lager angehören. Richter, deren Entscheidungen das Leben einer ganzen Generation von US-Bürgern beeinflussen wird - und die sich, anders als ihre Vorgänger, auch nicht scheuen, Gesetze anzugreifen. Und dass mit dem Wahlsystem der USA etwas nicht stimmen kann, zeigt schon die Tatsache, dass die USA in den letzten zwanzig Jahren insgesamt zwölf Jahre lang konservativ regiert wurden, obwohl nur einer der Kandidaten für eine Amtszeit eine Stimmenmehrheit für sich verbuchen konnte (nämlich George W. Bush im Jahre 2004). Das liegt daran, dass die Mehrheit nicht nach der Bevölkerungsanzahl, sondern nach den Bundesstaaten ausgezählt wird - und dass der Kongress in 30 von 50 Bundesstaaten aktuell von den Republikanern kontrolliert wird. Und aktuell wird darüber diskutiert, ob die Wahlentscheidung im Jahr 202 vom Kongress bestimmt werden darf - auch gegen den Willen der Bevölkerung. Abgesehen davon könnte auch die Tatsache, dass Joe Biden auf allen Ebenen blockiert wird, dazu führen, dass jene, die ihn 2020 gewählt haben, dazu beitragen, dass die Republikaner bei den nächsten Wahlen wieder mehr Stimmen erhalten. Mit anderen Worten: Die Vermutung, dass die USA in näherer Zukunft unter einer rechten Diktatur stehen könnten, ist gar nicht mehr so abwegig. Und das könnte durchaus auch für den Rest der Welt zu einem Problem werden - denn bei all den gravierenden Fehlern, die die Vereinigten Staaten seit ihrer Entstehung selbstverständlich gemacht haben, bildeten sie doch immer einen politischen Ausgleich zu anderen Weltmächten wie beispielsweise der Sowjetunion. Das bedeutet, dass ein Putin für die freie Welt eine weitaus größere Bedrohung werden könnte, als wir es uns aktuell überhaupt vorstellen können. Und dass der Sturm auf das Kapitol am 6. Jänner 2021 keine Ausschreitung irgendwelcher Verwirrten war, sondern ein gezielter Putschversuch von Trumps Seite, um dessen Machtverlust aktiv zu verhindern.

In diesem Lichte ist auch das Abtreibungsverbot zu betrachten: Der angebliche "Schutz des Lebens" ist lediglich ein Vorwand, um die bereits erreichten Ziele, welche die angestrebte Gleichstellung der Geschlechter realistischer machen, zu torpedieren. Denn Rechtskonservative und Evangelikale betrachten Feminismus als Bedrohung - Erstere fürchten dadurch einen Machtverlust, während Letztere jegliche gesellschaftliche Veränderung ablehnen und Frauenrechte daher schon traditionell als Gefahr für die soziale Ordnung begreifen. Dies zeigt, dass es gar nicht um moralische oder ethische Fragen geht, die man durchaus diskutieren könnte, sondern einzig und allein darum, Frauen zu kontrollieren und ihr Machtpotenzial einzuschränken - indem man sie einerseits dafür bestraft, dass sie Sex hatten, ohne Fortpflanzungsabsichten zu hegen und ihnen andererseits die Kontrolle über diese sukzessive entzieht. Nicht umsonst überschneiden sich militante Abtreibungsgegner oft mit jenen, die bei sexueller Aufklärung von Kindern sofort "Frühsexualisierung" kreischen. Denn eine Frau, die über ihren eigenen Körper nicht Bescheid weiß, ist leichter zu kontrollieren - das sehen wir auch in islamistisch-fundamentalistischen Gesellschaften. Diese Entscheidung verringern indirekt die Möglichkeiten von Frauen, politische und wirtschaftliche Macht zu erlangen - denn eine erzwungene Schwangerschaft bedeutet Existenzbedrohung und das Zerschlagen der Unabhängigkeit.

Nun muss ich zugeben, dass wir im Moment mit ziemlich viel zu kämpfen haben - die extreme Hitze in diesem Sommer setzt uns ebenso zu wie die Inflation; der Klimawandel wird immer bedrohlicher, auch wenn manche es nicht wahrhaben wollen und die Sinnhaftigkeit der Ideen der Klimaaktivisten momentan zu wünschen übrig lässt; und zu allem Überfluss haben wir eine zweijährige Gesundheitskrise hinter uns, die immer noch nicht ganz ausgestanden ist. Allerdings haben es Krisen so an sich, dass es ihnen egal ist, ob wir genug von ihnen haben oder nicht - trotzdem schreien auch hierzulande immer mehr Menschen nach einem starken Mann an der Spitze, obwohl wir im Grunde genau wissen, wozu das führen kann. Es tut mir leid, dass ich diesmal mit nichts Erfreulicherem aufwarten kann - ich hoffe, dass sich das in Zukunft noch ändert. Trotzdem wünsche ich euch eine schöne Zeit, passt gut auf euch auf und bleibt gesund! Bon voyage!

vousvoyez

Sonntag, 22. Mai 2022

Der handelsübliche Mund-Nasen-Schutz ist weniger gefährlich, wenn man vorher die Plastikverpackung entfernt

Photo by Todd Cravens on Unsplash
Die Panikmache vor den Masken hat ja immer wieder mal Hochkonjunktur - entsprechend ist Maskenlosigkeit im öffentlichen Raum für viele Schreihälse mittlerweile auch Symbol der Rebellion. Gleichzeitig werden unter Nachrichtenbeiträgen Kommentare gepostet, in denen die Maskenpflicht mit dem Burka-Zwang für Frauen in Afghanistan gleich gesetzt wird. Was lächerlich ist, allein wenn man bedenkt, dass hierzulande niemand wegen einer fehlenden Maske eingesperrt, gefoltert oder gar getötet wird - und dass die Maskenpflicht für alle gilt, die das sechste Lebensjahr vollendet haben. Ich persönlich erinnere mich noch an alle möglichen Panikgeschichten bezüglich der Masken - von Kindern, die angeblich daran erstickt seien bis hin zu Textilfusseln, die angeblich gefährliche Morgellons sein sollen.

Nun, von diesen Geschichten haben wir ja bereits genug gehört. Und da mein Leben momentan nicht ganz einfach ist und die Medien seit geraumer Zeit vor schlechten Nachrichten überquellen, habe ich beschlossen, wieder einmal was Lustigeres zu machen - denn das ist ja in den letzten Beiträgen eindeutig zu kurz gekommen. Und da ich in meinen Artikeln über gruselige Orte bereits Dracula und Konsorten erwähnt habe, habe ich mir gedacht, ich widme mich zur Abwechslung mal den Vampiren. Immerhin habe ich als Teenager mal eine ausufernde Geschichte über Dracula geschrieben - auch wenn diese leider inzwischen verlorengegangen ist. Aber gut, ein literarisches Meisterwerk war sie eh nicht. Da gibt es viel bessere Beispiele - und nein, Stephenie Meyers glitzernde Vampire zähle ich nicht dazu!

Gehen wir also der Frage nach, was ist eigentlich ein Vampir? Nun, in grauer Vorzeit wimmelte es ja bekanntlich von allen möglichen böswilligen Nachtwesen, Wiedergängern, Nachzehrern und anderen gefährlichen Toten, zu denen eben auch die Vampire gehören. Hierbei handelt es sich bekanntlich um tote Menschen, die sich laut Volksglauben bzw. Mythologie nachts aus ihren Gräbern erheben, sich von menschlichem Blut ernähren und mit verschiedenen übernatürlichen Kräften ausgestattet sind. Nach ihnen sind auch die Desmodontinae benannt, eine Unterart der Blattnasen-Fledermäuse, die in den wärmeren Gefilden des amerikanischen Kontinents beheimatet ist und sich ausschließlich vom Blut anderer Tiere ernährt. Das Wort "Vampir" stammt aus dem slawischen Sprachraum - was einleuchtend ist, da sich Ethnologen darüber einig sind, dass der populäre Vampirglaube ursprünglich im südslawischen Raum entstand, wobei jedoch nach wie vor darüber diskutiert wird, ob seine Wurzeln in Serbien und Bulgarien oder doch eher in Anatolien liegen. Dabei spielte im Volksglauben weniger das Blutsaugen eine Rolle als das nächtliche Verlassen des Grabes - ursprünglich wurde man auch nicht durch den Biss eines Vampirs zu einem solchen Wesen, sondern durch das fehlende Sterbesakrament.

Der erste bekannte angebliche Vampir soll Jure Grando gewesen sein, ein Bauer aus dem kroatischen Dorf Kringa. Er soll 1652 verstorben und zwei Jahrzehnte später immer wieder seinem Grab entstiegen sein, um das Dorf zu terrorisieren - angeblich klopfte er an die Türen von Häusern, von denen ein Bewohner daraufhin in den nächsten Tagen gestorben sein soll. Um seinem Treiben Einhalt zu gebieten, wurde der Leichnam schließlich exhumiert, geköpft und anschließend gepfählt. Erstmals schriftlich erwähnt wurde Grando in der volkstümlichen Schrift Die Ehre dess Herzogthums Crain von Johann Weichard von Valvasor. Tatsächlich war der Aberglaube im 18. Jahrhundert in manchen Regionen so stark, dass ständig Gräber geöffnet, Leichname exhumiert und anschließend geköpft, gepfählt und verbrannt wurden. Die Leute trieben es mitunter augenscheinlich so arg, dass Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1755 ihren Leibarzt nach Mähren schickte, um die dortige Lage zu überprüfen, und anschließend aufgrund seines Berichtes traditionelle Abwehrmaßnahmen gegen angebliche Vampire bei Strafe verbot. Aber es gab natürlich auch Maßnahmen, um Tote daran zu hindern, zu Wiedergängern zu werden - etwa, indem man sie im Grab fesselte, ihnen Steine oder Silbermünzen in den Mund legte oder ihnen etwas zum Zählen mit ins Grab gab, damit sie zu beschäftigt waren, um aufzustehen und die Leute zu nerven. Wahrscheinlich spielt da auch die Angst, lebendig begraben zu werden, mit hinein - so gab es die Möglichkeit, per Testament Maßnahmen zu diktieren, die Menschen daran hindern sollten, nach dem Tod wiederzukehren, etwa den mit speziellen Dolchen ausgeführten Herzstich, der hierzulande üblich war.

Der Aberglaube rührte wohl auch daher, dass man sich in der Zeit vor der Aufklärung noch wenig damit befasste, was mit einem Leichnam während der Verwesung geschieht, so dass man sich manche natürlichen Vorgänge nur dadurch erklären konnte, dass die Person nachts aus ihrem Grab stieg. Andererseits hat der Vampirglaube wohl auch dazu beigetragen, dass man anfing, sich ein wenig intensiver mit der Frage zu beschäftigen, was mit dem menschlichen Körper nach dem Tod passiert - zu nennen ist hier etwa Michael Ranfts Traktat von dem Kauen und Schmatzen der Toten in den Gräbern aus dem Jahre 1734. Auch wenn es Mythen gibt, die bis heute nicht totzukriegen sind - etwa, dass Haare und Fingernägel nach dem Tod weiterwachsen. Auch ich habe das lange geglaubt - mittlerweile weiß ich aber, dass diese durch die Austrocknung der Haut und den Zerfall des Fleisches einfach nur länger wirken.

Der letzte bekannte Fall, in dem ein angeblicher Vampir exhumiert wurde, ereignete sich übrigens im Jahr 2005 im rumänischen Dorf Marotino de Sus. Damals grub man den Körper eines Verstorbenen aus, der verdächtigt wurde, nachts als Strigoi, ein Vampirwesen aus dem rumänischen Raum, sein Unwesen zu treiben. Seine Verwandten schnitten ihm das Herz heraus, verbrannten es, lösten die Asche im Wasser auf und tranken das dann. Keine sehr appetitliche Vorstellung, aber man nimmt halt, was man kriegen kann - auf jeden Fall landeten die Beteiligten zwei Jahre später in Bukarest vor Gericht wegen Leichenschändung und Störung der Totenruhe, waren aber fest davon überzeugt, das Richtige getan zu haben.

Die moderne Variante des Vampirmythos wurde vor allem durch literarische Werke geprägt, wobei Vorläufer des Vampirismus sich schon vor Bram Stoker durch alle literarischen Gattungen zogen. So verwendete Stoker den Satz "die Toten reiten schnell" in seinem Dracula-Roman - dieser stammt ursprünglich aus der Ballade Lenore von Gottfried August Bürger. Darin kommen zwar keine Vampire vor, aber eine junge Frau, die mit Gott hadert, nachdem ihr Verlobter nicht aus dem Siebenjährigen Krieg heimgekehrt ist, und schließlich von dessen Geist auf einen gruseligen Ritt durch die Nacht entführt und zu sich ins Totenreich gebracht wird. Eine weitere Ballade, die sich mit dem Wiederkehrer-Mythos befasst, ist Die Braut von Korinth von Johann Wolfgang von Goethe - ein junger Mann aus Athen erlebt eine heiße Liebesnacht mit der ihm versprochenen Braut aus Korinth, die allerdings gestorben ist, nachdem die zum Christentum übergetretenen Eltern sie zu ewiger Keuschheit genötigt haben. Das Motiv der Ballade wiederum stammt aus Phlegon von Tralleis'  Buch der Wunder aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, welches sich mit übernatürlichen Phänomenen befasst.

Die erste tatsächliche Vampirerzählung der Weltliteratur, die auch den Typus des vornehmen, adeligen Vampirs einführt, ist die Kurzgeschichte Der Vampyr des englischen Schriftstellers John Polidori, der gleichzeitig Leibarzt des Dichters Lord Byron war. Zu erwähnen ist hier auch die Erzählung Vampirismus aus E. T. A. Hoffmanns Die Serapionsbrüder (1819 - 1821), einer Sammlung von Novellen, Erzählungen und Aufsätzen, in welcher der Vampir als weibliche Adelige auftritt - und der damit endet, dass die Protagonistin Leichen verspeist. Generell waren Vampire in allen Kunstformen sehr beliebt - es war die Zeit der Schauerliteratur, welche unter dem Namen Gothic Fiction in England entstanden war und zur Epoche der Schwarzen Romantik zählt. Ein weiteres prägendes Werk mit Vampirmotiv ist die von mir an anderer Stelle bereits erwähnte Novelle Carmilla von Sheridan le Fanu aus dem Jahre 1872 sowie Bram Stokers Briefroman Dracula von 1897, über das ich ebenfalls schon ausführlich berichtet habe.

Die frühen literarischen Werke über Vampire etablierten allmählich auch die heutige Vorstellung von Vampiren im Allgemeinen: Lebende Tote, die tagsüber in ihren Särgen schlafen und nachts umherwandeln, um sich vom Blut Lebender zu ernähren. Sie haben bleiche Gesichter und lange spitze Zähne, die sie nutzen, um ihre Opfer meist in die Halsschlagader zu beißen - in den meisten Sagen werden die Gebissenen anschließend selbst zu Vampiren. Zudem verfügen Vampire über unterschiedliche übernatürliche Fähigkeiten - so sind sie unsterblich, besitzen übermenschliche Kräfte und zeichnen sich als Verführungskünstler aus, häufig wird ihnen auch ein ausgeprägter Sexualtrieb zugeschrieben. Bei Kontakt mit Sonnenstrahlen verbrennen sie allerdings oder zerfallen zu Staub - generell reagieren sie empfindlich auf jede Art von direktem Licht, eine Vorstellung, die sich vor allem seit Murnaus Nosferatu durchgesetzt hat. In manchen Sagen können sie sich in Fledermäuse, seltener auch in Wölfe verwandeln und senkrecht Wände hinaufgehen, außerdem haben sie kein Spiegelbild und können mit Knoblauch, Kruzifixen und Weihwasser in Schach gehalten werden - auch wenn Knoblauch im Volksglauben eher gegen Hexen hilft und erst seit Stoker gegen Vampire eingesetzt wird. Und auch Kruzifixe sind nicht immer zuverlässig - zumindest, wenn wir Roman Polánskis Tanz der Vampire Glauben schenken wollen, in dem die vollbusige Magd sich mit einem Kruzifix vor dem Angriff des zum Vampir gewordenen Yoyneh Shagal schützen will, der allerdings jüdischen Glaubens ist und dies lachend mit "You got the wrong vampire" quittiert. Da der Film jedoch aus den Sechzigern stammt und man in Deutschland empfindlich auf Bezüge zum Judentum reagierte, wurde dieser Satz mit "Das funktioniert nur bei alten Vampiren" übersetzt. Drastischere Schutzmaßnahmen sind aber natürlich das schon erwähnte Köpfen und Pfählen des Leichnams - namentlich das Schlagen eines Holzpflocks durchs Herz. Laut Mel Brooks' Parodie Dracula: Dead and Loving It (dt. Dracula - Tot, aber glücklich) sollte man aber vorher besser Zeitungen auslegen, weil das eine Riesensauerei werden könnte. Und wer mag schon schmutzige Grüfte?

Auffällig ist auch die erotische Komponente, die in vielen Vampirromanen und -filmen eine Rolle spielt - und die in der Twilight-Reihe in haarsträubenden Puritanismus umschwingt. Die Erotik in den frühen Vampirgeschichten rührt wohl daher, dass Sex zur damaligen Zeit noch rigoros tabuisiert wurde. Natürlich fällt es nicht schwer, bei diesen Geschichten sexuelle Assoziationen zu wecken, immerhin ist das Beißen in den Hals ja eine sehr intime Geste - ähnlich den Knutschflecken bei Teenagern. Gleichzeitig führen die erotisch aufgeladenen Szenen in Stokers Roman - man denke nur an die beiden leicht bekleideten Damen, die nachts in Draculas Schloss an Jonathan Harker herumsaugen, und an die unterschwellige Liebesgeschichte zwischen Dracula und Harkers Verlobter Mina - dazu, dass Dracula im viktorianischen Zeitalter als "Schundroman" galt, der heimlich unter dem Ladentisch verkauft wurde. Ganz allgemein fällt auf, dass in Kunstwerken, die sich mit Vampirismus befassen, leicht bekleidete Damen sehr beliebt sind - mich hat das Babydoll-Hemdchen aus den Fünfzigern beispielsweise immer an alte Vampirfilme erinnert. So gesehen ist der Vampir vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert sicher auch als Projektionsfläche für die damals geltenden Tabus zu sehen. Heutzutage wiederum scheint das Vampir-Genre häufig eine unpassende Referenz an dysfunktionale Beziehungen zu sein - zumindest fällt das bei Twilight extrem auf oder auch bei Shades of Grey, das ja als Twilight-Fan-Fiction entstand. Und natürlich ist auch der Bezug zu dem Adrenochrome-Mythos augenfällig, auch wenn dieser ganz andere Wurzeln hat.

Wie wir alle wissen, ist der Vampir auch schon seit der Stummfilmzeit ein beliebtes Motiv - wobei die ersten keine blutsaugenden Untoten waren, sondern Referenzen an die femme fatale, welche inspiriert waren von Rudyard Kiplings Gedicht The Vampire aus dem Jahre 1897 - nicht umsonst ist heute der Begriff "Vamp" für besonders verführerische, manipulative Frauen üblich. Die meisten Vampirfilme basieren aber natürlich auf Stokers Dracula, wie etwa mein persönlicher Lieblings-Horrorfilm, Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens von 1922, der völlig zu Recht bis heute als Klassiker gilt. Einer der meistgesuchten verschollenen Filme wiederum ist Tod Brownings London After Midnight (dt. Um Mitternacht) aus dem Jahr 1927, der das Vampir-Genre mit dem Kriminalfilm verbindet. Vier Jahre später veröffentlichte Browning übrigens die erste autorisierte Adaption des Dracula-Romans - Stokers Witwe hatte zuvor die Vernichtung von Murnaus Film gefordert, was zum Glück nicht durchgesetzt wurde. Die Titelrolle in Brownings Film spielte übrigens Bela Lugosi, der dadurch weltweite Bekanntheit erlangte. Filme, die lose auf dem Carmilla-Roman basieren, sind übrigens Roger Vadims ... et mourir de plaisir (dt. ...und vor Lust zu sterben) aus dem Jahr 1960 über einen lesbischen Vampir, ebenso wie Camillo Mastrocinques La cripta e l'incubo (dt. Ein Toter hing am Glockenseil) von 1964 mit Christopher Lee in einer der Hauptrollen. Und natürlich darf die bereits erwähnte Vampirfilm-Persiflage Tanz der Vampire aus dem Jahr 1967 in dieser Auflistung nicht fehlen, ebenso wenig wie der afroamerikanische Blaxploitation-Film Blacula aus dem Jahr 1972, in dem erstmals ein Schwarzer Vampir auftaucht, auch wenn er heute als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten gilt. Außerdem möchte ich noch auf Andy Warhol's Dracula von 1974 hinweisen, bei dem Paul Morrissey Regie führte und den ich eigentlich nur gesehen habe, weil er laut FSK-Angabe nicht jugendfrei ist. Tatsächlich lockt er mit literweise Blut und vielen nackten Frauen, ist aber nicht halb so schockierend, wie ich ursprünglich dachte - auch wenn das Motiv des Klassenkampfes im Subtext keineswegs uninteressant ist und Hauptdarsteller Udo Kier durchaus eine beeindruckende Leistung hinlegt. Wer also auf seltsame und absurd brutale Filme steht, ist mit diesem kuriosen Stück Filmkunst sicherlich gut bedient.

Natürlich darf auch Werner Herzogs Vampirfilm in dieser Reihe nicht fehlen - Nosferatu - Phantom der Nacht von 1979 ist eine offensichtliche Hommage an Murnaus Meisterwerk, auch wenn die Namen der Figuren aus Stokers Roman stammen, und obgleich der Film in Farbe und mit Ton ist, orientiert er sich doch sehr stark am Original. Ich persönlich halte Klaus Kinski als Schauspieler für stark überschätzt, spielt er doch größtenteils immer gleich - diese Rolle ist aber zweifellos eine seiner besseren. Aus dem gleichen Jahr stammt auch die Miniserie Salem's Lot (dt. Brennen muss Salem) von Tobe Hopper, die auf Stephen Kings gleichnamigem Roman basiert und im deutschsprachigen Raum als Spielfilm erschien. Max Schreck, der Hauptdarsteller von Murnaus Nosferatu, war übrigens Bayer - hatte der Schweizer Regisseur Carl Schenkel etwa daran gedacht, als er 1979 die Erotikkomödie Graf Dracula (beisst jetzt) in Oberbayern drehte? Erwähnenswert finde ich in diesem Zusammenhang auch Francis Ford Coppolas Version von Bram Stokers Dracula aus dem Jahr 1992, die als die bisher werktreuste Adaption gilt - mit Keanu Reeves als Jonathan Harker, Gary Oldman als Dracula, Winona Ryder als Harkers Verlobte Mina und Anthony Hopkins als Professor van Helsing wartet er auch durchaus mit einer hochkarätigen Besetzung auf. Erwähnenswert ist sicher auch Buffy, the Vampire Slayer aus dem Jahr 1992, der Joss Whedon zu seiner berühmten gleichnamigen Fernsehserie (dt. Buffy - Im Bann der Dämonen) inspirierte, die sieben Jahre lang lief. Im Jahre 1994 kam außerdem das Horrordrama Interview With The Vampire: The Vampire Chronicles (dt. Interview mit einem Vampir) in die Kinos, die Lebensgeschichte des Vampirs Louis de Pointe du Lac, gespielt von Brad Pitt. Und natürlich darf die zuvor schon erwähnte Mel-Brooks-Parodie aus dem Jahr 1995 in dieser Liste nicht fehlen, ebenso wenig wie der Splatterfilm From Dusk Till Dawn von 1996, dessen Drehbuch Quentin Tarantino verfasst hatte und der durch viel schwarzen Humor besticht. Auch der Marvel-Actionfilm Blade aus dem Jahr 1998 darf hier nicht unerwähnt bleiben, auch wenn ich zugeben muss, dass das so gar nicht mein Genre ist und ich daher keine Ahnung habe. Im Jahr 2000 gab es außerdem unter der Regie von Uli Edel eine Filmadaption der Kinderbuchreihe Der kleine Vampir von Angela Sommer-Bodenburg - Letztere hat mich als Kind in das Vampir-Genre eingeführt. Einer meiner Lieblingsfilme ist übrigens auch Shadow of the Vampire aus demselben Jahr mit John Malkovic und Willem Dafoe, ein fiktives Making-Of von Murnaus Nosferatu, der aber im englischen Original noch ein Stück lustiger ist denn auf Deutsch. Natürlich gehört die Twilight-Reihe auch dazu, für mich hat sie das Franchise aber ein bisschen kaputtgemacht - im Prinzip hat die Mormonin Stephenie Meyer lediglich einen Vampir erfunde, der dem Idealbild fundamentalistischer christlicher Strömungen entspricht. Ich muss zugeben, dass meine Liste mehr als unvollständig ist, sie entspricht ausschließlich meinem subjektivem Geschmack - vollständige Auflistungen von Vampirfilmen findet ihr im Internet genug.

Wie ihr also seht, blickt der Vampir auf eine lange Geschichte zurück. Heutzutage wird der Vampirismus allerdings auch als Subkultur gelebt - inspiriert durch Filme und Serien wie etwa das schon erwähnte Buffy. Es handelt sich um eine sehr heterogene Szene, die von Vampir-Fans über Rollenspieler bis hin zu Leuten, die kleine Mengen Blut von freiwilligen "Spendern" konsumieren bis hin zu solchen, die tatsächlich davon überzeugt sind, Vampire zu sein. Das klingt alles zweifelsohne ein wenig schräg, aber ich denke, solange niemand einem anderen dabei Schaden zufügt, ist das die Sache derer, die diesen Lebensstil pflegen. Und damit möchte ich mich für heute von euch verabschieden und hoffe, dass wir uns ganz bald wieder lesen. Bon voyage!

vousvoyez

Freitag, 22. April 2022

Eine Studie hat bewiesen, dass Männer ohne Haare eine Glatze haben

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Und bekanntlich wissen wir ja alle, dass Studien heute unabdingbar sind, um hanebeüchenen Behauptungen etwas entgegenzusetzen. Wobei das ja nicht bei allen funktioniert - ich kann euch gar nicht sagen, wie ermüdend ich mittlerweile Sätze wie "Traue keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast" finde. Ein Witz verliert halt an Schlagkraft, wenn man ihn zu oft wiederholt. Besonders, wenn er vollkommen unangebracht ist - und von Leuten kommt, die in Wirklichkeit überhaupt nichts von Humor verstehen.

Als ich mir das letzte Video von unserem Schwurbelbarden Xavier Naidoo angesehen habe, ist mir das auch aufgefallen - der Mann hat sich zumindest in seinem Habitus überhaupt nicht verändert. Seine Art zu reden ist so salbungsvoll und bedeutungsschwanger wie eh und je, und das ist halt auch einer der Gründe, weshalb ich diesen Jammerlappen wohl niemals vollends ernst nehmen werde können. Er nimmt sich selbst und alles was er tut so unfassbar wichtig, dass jenes Hirnareal, in welchem bei anderen Menschen der Humor sitzt, bei ihm nur ein gähnendes schwarzes Loch zu sein scheint. Das ist auch das, was er mit den anderen Schwurbelinos und Schwurbelettas gemeinsam hat - selbst diejenigen, die sich ständig als besonders humorvoll inszenieren und pausenlos alles "ironisch" meinen, nehmen das, was sie unter "Humor" verstehen, so bierernst, dass es mit Humor nichts mehr zu tun hat. Und so wirken diejenigen, die sich Eimerchen über den Kopf stülpen oder ihre primären Geschlechtsteile mit OP-Masken bedecken, weder lustig noch mutig, sondern einfach nur jämmerlich - gerade deswegen, weil sie sich besonders clever, frech und kreativ dabei vorkommen. Traurig eigentlich.

Ja, inzwischen müsste auch der letzte Eremit im hintersten Arschlochwinkel mitbekommen haben, dass Xavier Naidoo sich entschuldigt hat. Und jeder, ob wichtig oder unwichtig, hat dazu bereits seine Meinung gesagt - also kommt's auf eine mehr oder weniger auch nicht mehr an, nicht wahr? Nun habe ich mich ja schon vor zwei Jahren bereits zu der singenden Beileidskarte geäußert, nachdem er um ein paar erfundene Kinder geheult hat und so zu einem sehr dankbaren Meme geworden ist - und habe angedeutet, dass er schon zu jenem Zeitpunkt kein unbeschriebenes Blatt mehr war. Um so überraschender kam jetzt sein jüngstes Statement, in welchem er auf einmal das Gegenteil all dessen behauptete, was er vor allem in den letzten beiden Jahren so rausgehauen hatte - und das, nachdem er vor noch nicht allzu langer Zeit noch fleißig russische Propaganda verbreitet hatte. Wobei natürlich die Frage im Raum steht, ob es wirklich so überraschend ist, aber dazu komme ich noch. Und selbstverständlich rennen seine Gesinnungsgenossen jetzt verstört durch die Gegend wie kopflose Hühner - wie kann es sein, dass "ihr" Xavier auf einmal mit "dem Feind" paktieren will? Und wie zu erwarten, mussten sich viele von ihnen auf der Stelle Luft machen - beispielsweise sein enger Kumpel, der vegane Koch und Hirsehitler Attila Hildmann, der mit antisemitischen Schwurbel-Parolen um sich warf und sich dann feige in die Türkei verdrückt hat, als es ihm in Deutschland nicht mehr sicher genug war. Er fühlte sich verraten, zog Parallelen zur Dolchstoßlegende und verglich Naidoo - Gott bewahre! - mit Jan Böhmermann, Olaf Scholz und Annalena Baerbock. Wie gemein!

Aber nicht nur Hildmann hüpft aktuell herum wie das Rumpelstilzchen persönlich - auch Michael Wendler, der sogar noch schlechtere Musik machen kann als der gute Xavier, ließ es sich nicht nehmen, aus seinem selbst gewählten "Exil" in den USA heraus seiner Schockiertheit Luft zu machen. Und auch dem QAnon-Fan und Hetzjournalisten Oliver Janich fielen auf den Philippinen vor lauter Schreck die Beruhigungspillen in die soeben aufgeschlagene Kokosnuss. Nachdem ihm diese anschließend von einem Koboldmaki geklaut worden war, welches kurz darauf selig in einer Baumhöhle schlummerte, berief er zusammen mit zwei anderen Schwurbelköpfen ernsthaft eine "Sondersendung" ein, in der die drei mit todernster Miene den haarsträubendsten Quatsch von sich gaben, so als befänden sie sich gerade in einer höchst gravierenden Staatskrise. Währenddessen erklärte "Volkslehrer" Nikolai Nerling, nachdem er sich an seinen Eiernockerln verschluckt hatte, dass Xavier Naidoo eh nie ein richtiger "Führer" gewesen sei und dass es nun Zeit wäre, sich nach einem neuen umzusehen. Markus Haintz verwandelte sich derweil in ein Fragezeichen und reflektierte scharfsinnig zusammen mit Bodo Schiffmann, der nur mit Mühe die Krokodilstränen zurückhalten konnte, darüber, ob hinter dem Video nicht möglicherweise selbst eine Verschwörung stecken könnte. Wie kreativ! Und nicht nur die beiden stecken ihre Köpfe zusammen - auch beim "gemeinen Fußvolk" auf Telegram ist mittlerweile der Teufel los! Denn diesen scharfsinnigen Geistern ist natürlich nicht entgangen, dass Xavier Naidoo in seinem Video keine Brille trägt! Klar - ich fange auch immer an zu lügen, sobald ich meine Brille absetze. Ich kann einfach nicht anders! Viele vermuten hinter dem Video einen Deep Fake, manche glauben gar, er werde von den pöhsen Satanisten erpresst, welche die Familie seiner ukrainischen Frau als Geisel genommen hätten. Oliver Janich liefert sogar den "Beweis" für eine mögliche Verschwörung - ein noch relativ neues Video vom Spiegel, in dem jemand spekuliert, ob einer der prominenten Verschwörungsideologen möglicherweise mal eine Kehrtwendung macht. So oder so, die Telegram-Bubble ist wieder mal in ihrem Element. Gleichzeitig zeigt sich in Situationen wie diesen, auf welch tönernen Füßen diese "Wahrheits-" und "Freiheitsbewegung" in Wirklichkeit steht - eine einzige Person, die in einem kurzen Video ihre Ansichten revidiert, reicht aus, dass alle sofort Zeter und Mordio schreien und die wildesten Theorien darüber spinnen, wie es nur so weit kommen konnte.

Aber natürlich interessiert euch brennend, wie ich Xaviers Statement einschätze, nicht wahr? Immerhin hat sich vor mir ja noch keiner dazu geäußert, bis auf alle! Und leider kann ich euch auch nichts Neues mitteilen: Ich bin genauso zwiegespalten wie die meisten anderen auch. Nun habe ich ja das Glück, dass sein Sprachrhythmus und seine Reimkunst in mir stets ein Gefühl erzeugen, welches jenem gleicht, das man empfindet, wenn jemand mit sehr langen Fingernägeln über eine Schultafel kratzt - und wenn man kein Fan ist, muss man sich nicht erst mühsam distanzieren. Zumal mir seine Äußerungen auch schon vor vielen Jahren, als er noch ein wesentlich breiteres Publikum hinter sich hatte, suspekt waren. Jajaja, die Frau mit der großen Brille will sich mal wieder profilieren - aber sind wir uns doch ehrlich, der gute Mann war doch in Wirklichkeit nie ein unbeschriebenes Blatt! Seit fast einem Vierteljahrhundert fällt er immer wieder mit antisemitischen, rassistischen, nationalistischen und homophoben Äußerungen auf - all jene Geisteshaltungen, die laut der Aussagen in seinem Video mit seinen Werten nicht vereinbar seien. Und gerade aus diesem Grund sollten wir sein Statement mit Vorsicht genießen. Aber was meine ich damit, dass es vielleicht doch nicht so überraschend kam, wie es scheint?

Aktuell verlieren die "Corona-Rebellen" ja massiv an Bedeutung - die Maßnahmen gegen das Coronavirus werden allmählich aufgehoben, und mit vorsichtigen Schritten kehrt man wieder zur Normalität zurück. Gleichzeitig hat der Ukraine-Krieg das seit zwei Jahren vorherrschende Thema ein wenig mehr aus den Schlagzeilen verdrängt, während die rechte Bubble sich aufgrund dieses Ereignisses so ein bisschen selbst zerlegt. Andererseits laufen auch schon wieder Live-Veranstaltungen an, die ersten Konzerte und Festivals werden bereits auf den Weg gebracht. Wir dürfen nicht vergessen, dass Xavier fast sein halbes Leben lang ein äußerst gefragter Musiker war, der keineswegs nur in der Szene der Rechtsgestrickten und Verschwörungsideologen beliebt war. In den letzten beiden Jahren hat er sich mit seinen Verschwörungserzählungen und menschenverachtenden Äußerungen allerdings endgültig ins Aus geschossen - das einzige, was ihm noch blieb, war seine Reichweite auf Telegram, und selbst die ist jetzt, wo die Pandemie kein so großes Thema mehr ist, im Schwinden begriffen. Und nachdem die meisten Veranstalter mit dem armen Xavier nichts mehr zu tun haben wollen, es aber andererseits wieder etwas ruhiger um ihn geworden ist, ist es jetzt doch besonders günstig, wieder aus der Versenkung aufzutauchen mit einem "Haha, war gar nicht so gemeint, gehen wir wieder zur Tagesordnung über!"

Versteht mich nicht falsch: Ich hoffe wirklich, dass er es ernst meint. Das Ding ist nur: Es ist nicht das erste Mal, dass der gute Herr Naidoo einen solchen Move startet. Das war auch in der Vergangenheit schon immer wieder seine Masche. Der Mann war immer schon ein talentierter Blender - nicht umsonst haben ihn sogar Leute verteidigt, die es eigentlich besser wissen müssten. Auf diese Weise hat er dazu beigetragen, fragwürdige Äußerungen sukzessive in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Nach seinem Rauswurf bei DSDS hat er offen zugegeben, die Medien instrumentalisiert zu haben, um für ein neues Album zu werben und seine Ideologie unter die Leute zu bringen. Bereits 1998 musste in einer MTV-Live-Sendung der Ton abgeschaltet werden, weil Naidoo die Legitimität der Bundestagswahlen negiert hatte. Ein Jahr später bezeichnete er sich in einem Interview als "Rassist [...] ohne Ansehen der Hautfarbe". In vielen seinen Liedern - bevorzugt jenen, die gut versteckt auf seinen Alben publiziert wurden - stellt er die Demokratie in Frage, verbreitet die altbekannten antisemitischen Verschwörungserzählungen und verbreitet Anti-Amerikanismus. Viele seiner Songtexte hätten jeder Rechtsrockgruppe zu Ehren gereicht - in jenem Lied, das ihn seinen Posten als DSDS-Juror kostete und auch den Rest seiner Fans, die noch über einen klaren Kopf verfügten, gegen ihn aufbrachte, nutzt er explizit faschistische Sprache und ruft zu Gewalt und Bürgerkrieg auf. Er machte die Reichsbürgerbewegung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und die QAnon-Sekte im deutschsprachigen Raum bekannt - sprich, er hat in diesem Spiel keineswegs eine passive Rolle gespielt, sondern erheblichen Schaden in der Gesellschaft angerichtet. Und das soll jetzt alles wieder gut sein, nur weil er sich drei Minuten lang vage entschuldigt hat? Ernsthaft? Soll es wirklich genügen, dass jemand sich von den letzten zwei Jahren distanziert, wenn seine eher ... ähm ... schwierige Haltung schon fast ein Vierteljahrhundert zurückreicht? Ist ein kurzes Video genug, damit wir alle Hand in Hand mit ihm barfuß über Blumenwiesen hüpfen und dabei We Shall Overcome singen? Und ich kann verstehen, dass viele die Hoffnung hegen, auch andere verlorene Schäfchen aus dem Sumpf der Verschwörungsideologien zurückholen zu können, wenn man ihm die Hand reicht - aber sollen wir signalisieren, dass jeder Promiente sich nach Belieben wie die letzte Wildsau aufführen darf, solange er sich hinterher artig entschuldigt?

Ich finde, wir sollten bereit sein, jemanden, der in die Gesellschaft zurückkehren will, die Hand zu reichen - aber wir sollen es uns und ihm damit auch nicht zu leicht machen. Wir sollten genau beobachten, wie Herr Naidoo sich in nächster Zeit verhalten wird, anstatt ihm sofort wieder den roten Teppich auszurollen. Und wir sollten skeptische Stimmen nicht in derselben Manier niederschreien, wie unsere Schwurbelfreunde jede Meinung niederschreien, die nicht ihre ist. Wir haben es nun mal nicht mit einem x-beliebigen Typen zu tun, der sich mal in was verrannt hat, sondern mit einem prominenten Musiker, der zwei Jahrzehnte lang bewusst und mit Vergnügen gezündelt hat. Deswegen darf man durchaus skeptisch sein und das auch äußern - und man muss es aushalten, dass es möglicherweise Leute gibt, für die das Thema Xavier Naidoo immer ein bisschen ein rotes Tuch bleiben wird. Das mag dem einen oder anderen unfair erscheinen, aber man kann halt nicht von allen Menschen grenzenlose Geduld erwarten. Es mag sein, dass gerade seine direkte Betroffenheit durch den Ukraine-Krieg - immerhin hat er eine ukrainische Ehefrau - ihn zum Umdenken bewegt hat. Und selbstverständlich ist der Ausstieg aus der rechtsextremen Verschwörungsszene ei großer Schritt, der sehr viel Mut und Selbstreflexion erfordert. Ich möchte euch nicht dazu anhalten, eure Türen für immer zu verschließen - ich möchte euch nur bitten, ein bisschen vorsichtig zu sein. Alles andere wird die Zeit zeigen. Und damit ihr mir nicht böse seid, dass ich euch doch noch mit Xavier Naidoo geärgert habe, füge ich noch ein Foto von einem Koboldmaki hinzu.

vousvoyez

Donnerstag, 7. April 2022

Der Weg zur Rebellion ist nur einen Mausklick entfernt

Photo by Luis Villasmil on Unsplash
Und es ist manchmal wichtig, sich dem Status Quo zu widersetzen - etwa, wenn es darum geht, endlich die Warnungen von Wissenschaftlern ernst zu nehmen und das Schlimmste zu verhindern. Denn obwohl die ersten Anzeichen des Klimawandels bereits zu erkennen sind, gibt es immer noch viel zu viele, die diesen vollkommen ignorieren. Und leider sitzt ein nicht unerheblicher Anteil dieser Leute in Machtpositionen. Und jetzt hat eine Zweigstelle von Fridays for Future sich auch noch selbst ins Aus geschossen - ich spreche natürlich von jenen Aktivisten aus Hannover, die auf ziemlich überhebliche Weise eine Musikerin von ihrer Veranstaltung ausgeladen haben, weil sie weiß ist und dennoch Dreadlocks trägt. Und zwar deswegen, weil ihre Frisur "kulturelle Aneignung" sei und man nicht nur klimafreundlich, sondern auch anti-rassistisch bzw. anti-kolonialistisch sei.

Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für all jene, die sowieso schon ein Problem mit jugendlichen Aktivisten und Menschen mit anderer Hautfarbe haben - und die sich nur allzu gerne in der Opferrolle suhlen. Und so haben sich Boulevard-Presse, Konservative und Rechtspopulisten in den letzten Wochen begeistert über den "Woke-Wahnsinn" und die "Cancel Culture" der jungen Generation ereifert - und auf einmal setzen sich die, die in puncto Rassismus sonst nicht gerade zimperlich sind, für das Recht ein, Dreadlocks zu tragen, während jene, die sich eigentlich für gesellschaftlichen Fortschritt einsetzen, auf einmal Töne anschlagen, die man zuletzt von den strafgeilen Konservativen der 1960er Jahre gewöhnt war, welche männlichen Jugendlichen nahelegten, ihre Haare abzuschneiden.

Nun wisst ihr ja, dass ich generell das, wofür sich Fridays for Future eigentlich einsetzt, durchaus befürworte und überhaupt nicht damit einverstanden bin, dass Versäumnisse der Vergangenheit auf dem Rücken der jungen Generation ausgetragen werden soll - sei es Klimawandel, Bildungsmisere oder staatliche Verschuldung. Und selbstverständlich ist mir klar, dass es sich bei FfF Hannover nicht um die gesamte Bewegung handelt, sondern nur um eine regionale Zweigstelle. Andererseits erleben wir jedoch aktuell genau das, was bereits mit vielen Jugendkulturen passiert ist - nämlich die Kommerzialisierung von Fridays for Future. Denn einerseits ist der Name inzwischen eine geschützte Marke, die bereits Milliarden wert ist, andererseits wird der Klimaschutz-Aktivismus bereits seit einiger Zeit von allen möglichen Startup-Unternehmen vereinnahmt - während man bei Talkshows aktuell häufig das Gefühl hat, dass Moderatoren, Gäste und Innen diese nichtsnutzige Jugend am liebsten selbst an die Front schicken würden, auch wenn die meisten von ihnen selbst Krieg nur aus den Medien kennen. Gleichzeitig springen auch die etablierten Unternehmen auf den FfF-Zug auf, indem sie selbst ein bisschen Grünfärberei betreiben - und am Ende geben sich selbst McDonald's und Nestlé besonders nachhaltig und menschenfreundlich. So ist aus ein paar jungen Querulanten, die freitags auf die Straße gingen, inzwischen eine Wirtschaftsmarke geworden, und sowohl Unternehmen als auch Medien schmücken sich gerne mit deren Frontleuten, um eine junge Zielgruppe zu erreichen.

Gleichzeitig darf man jedoch nicht vergessen, dass sie auf eines der wichtigsten Themen unserer Zeit aufmerksam machen wollen - nämlich den menschengemachten Klimawandel, der nun mal ein ganz reales Problem ist und von dem man das Gefühl hat, dass die Verantwortlichen sich mit dem Thema nur sehr peripher auseinandersetzen wollen. Denn obgleich sich die Auswirkungen des Klimawandels schon heute zeigen, ist das Thema immer noch so abstrakt, dass man damit keine Wahlen gewinnen kann - vor allem, weil die Entscheidungsträger die härtesten Konsequenzen wahrscheinlich nicht mehr erleben werden. Entsprechend haben sich die Aktivisten aus Hannover mit ihrer Ausladung der Musikerin Ronja Maltzahn auch ziemlich in die Nesseln gesetzt - denn man kann sich nicht dem Anti-Rassismus verschreiben, gleichzeitig aber Personen aufgrund ihrer Frisur und Hautfarbe ausschließen. Und man kann einer Person nicht mangelnden Respekt an anderen Kulturen unterstellen und ihr im gleichen Atemzug vorschreiben, was sie mit ihren Haaren zu machen hat. Nun habe ich ja bereits einen Artikel geschrieben, in dem ich erklärt habe, wie ich zu dem Thema Cultural Appropriation, also kulturelle Aneignung, stehe. Und ich wiederhole: Selbstverständlich kann ich verstehen, dass Minderheiten über die Entfremdung ihrer kulturellen Attribute nicht gerade erfreut sind - aber anstatt darüber zu diskutieren, schafft man nur wieder jene Barrieren, die man ursprünglich mal einreißen wollte. Und ganz nebenbei spricht man wieder für eine marginalisierte Gruppe, die eigentlich auch ganz gut für sich selbst sprechen könnte - denn soweit ich mitbekommen habe, sind viele BPoC gar nicht erfreut darüber, dass weiße Jugendliche wieder mal über ihren Kopf hinweg über ihre Befindlichkeiten entschieden haben, sie aber jetzt mit den Konsequenzen konfrontiert werden. Im Wesentlichen passiert genau das, was ich vor gut einem Jahr schon kritisiert habe: Nämlich, dass ein Thema, das eigentlich angesprochen werden müsste, inzwischen wieder zu einer dieser ewigen "Wer-nicht-für-uns-ist-ist-gegen-uns"-Debatten geführt hat. Und dass genau das getan wird, was Rechten so gerne vorgeworfen wird: Nämlich, Kultur und Hautfarbe als etwas Statisches, Unveränderliches, klar Abgrenzbares zu definieren, selbst wenn man einem Menschen die ethnische Herkunft nicht immer gleich ansieht. Muss also das hellhäutige Kind einer Person of Colour in Zukunft einen Abstammungsnachweis mit sich führen, um nicht aufgrund seiner Frisur in den Verdacht zu geraten, kulturelle Aneignung zu betreiben?

Und dabei sollten wir inzwischen alle begriffen haben, dass verfilzte Haare in der Menschheitsgeschichte nicht ausschließlich Schwarzen vorbehalten waren, sondern auf allen Kontinenten und in allen ethnischen Gruppen getragen wurden und werden - etwa am spanischen Hof im 16. Jahrhundert, von aztekischen Priestern, den indischen Sikhs und muslimischen Derwischen. Dass sich die Vorstellung manifestiert hat, Dreadlocks seien ausschließlich ein Ausdruck Schwarzer Identität, ist eine popkulturelle Referenz, die ihren Ursprung in der jamaikanischen Rastafari-Kultur hat - einer religiös motivierten Protestbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die später vor allem durch Bob Marley und andere Reggae-Musiker bekannt gemacht wurde. Und dabei entspricht diese Subkultur keineswegs dem woken Ideal, mit dem sich Communities wie Fridays for Future so gerne schmücken - denn das Weltbild der Rastafaris ist extrem patriarchal und homophob. Versteht mich nicht falsch - ich höre selbst gerne Reggae, aber bisweilen irritiert mich doch, wie sehr diese Aspekte immer wieder ausgeblendet werden. Ebenso, wie in der aktuellen Debatte kaum darauf eingegangen wird, dass es keine homogene "schwarze" Kultur gibt - und dass in vielen ethnischen Gruppen Afrikas südlich der Sahara Dreadlocks verpönt sind. Und auch Afrikaner, die sich Dreadlocks stehen lassen, tun dies nicht immer aus kulturellen, sondern bisweilen aus rein ästhetisch-modischen Gründen - was man ebenfalls als "kulturelle Aneignung" verstehen könnte. Und Malcolm X, der Initiator der Black-Panther-Bewegung, sah Dreadlocks als Verleugnung der eigenen Identität, da diese dem Afro-Haar seine Sichtbarkeit nähmen. Im übrigen möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass weiße Dreadlock-Träger zwar keine Opfer von Rassismus werden, dass sie aber ebenfalls mit Diskriminierung konfrontiert werden - ob in der Gesellschaft, im Beruf oder auch dadurch, dass sie von der Polizei eher kontrolliert werden als Menschen, die keine Dreadlocks tragen. Klar kann man einwenden, dass Dreads freiwillig getragen werden - aber vielen geht es eben gerade darum, sich diskriminierten Gruppen anzunähern und sich durch ein gewisses Äußeres mit ihnen zu solidarisieren.

Das ist auch der Grund, warum ich bisweilen ein wenig mit meiner Zugehörigkeit zum linken Lager hadere - während die Rechten sich gegen einen "gemeinsamen Feind" größtenteils einig sind, erklären wir unsere Gesinnungsgenossen selbst zum Feind, indem wir versuchen, uns gegenseitig im "Wokesein" zu übertrumpfen und dabei all jene abwerten, die uns nicht zu hundert Prozent nach dem Mund reden. Dabei schießen viele gern über das Ziel hinaus, indem sie allen, bei denen sie Attribute einer anderen Kultur entdecken, pauschal die Fähigkeit absprechen, dieser Respekt entgegenzubringen - und somit aktiv erneut an einer Entfremdung der Kulturen untereinander arbeiten. Dabei vereint Ronja Maltzahn in ihrer Band Künstler aller Kontinente und Kulturen und setzt sich für Diversität und gegenseitige Akzeptanz ein. Und auch auf die Ausladung von FfF Hannover reagierte die 28jährige wesentlich erwachsener als viele, die wesentlich älter sind als sie. Im Großen und Ganzen zeigt sich hier aber eines der Hauptprobleme von FfF - nämlich, dass diese Organisation sich größtenteils aus Menschen zusammensetzt, denen es an Lebenserfahrung fehlt und an Kompetenz, auf die Realität von Menschen einzugehen. Und das meine ich überhaupt nicht böse - im Gegenteil, ich habe früher auch Sachen geglaubt, von denen ich heute weiß, dass sie nicht haltbar sind. Denn als Jugendlicher und junger Erwachsener denkt man, man sei klüger als die meisten anderen und habe die perfekte Lebensformel gefunden, die man sofort aller Welt überstülpen will. Andererseits brauchen wir auch die Energie, Naivität und Leidenschaft der Jugend, um unsere Gesellschaft voranzubringen. Und gerade deswegen ist es auch wichtig, nicht auf den Zug der Konservativen aufzuspringen und alle FfF-Aktivisten als faule Schulschwänzer zu beschimpfen, sondern als gesellschaftliches Korrektiv einzugreifen, wenn diese sich etwas zu weit aus dem Fenster lehnen. Denn letztendlich braucht es uns alle, um etwas zu verändern.

vousvoyez