Sonntag, 2. Januar 2022

Ist eine chinesische Katze eigentlich Miaoist?

Photo by petr sidorov on Unsplash 
Vielleicht sollte man da einmal die ganzen Winkekatzen (Maneki-neko) fragen, die gefühlt in jedem zweiten Haushalt herumstehen - auch wenn das keine chinesischen, sondern japanische Figuren sind und da ja doch ein erheblicher Unterschied besteht. Aber wenigstens sind sie näher an China als wir. Ein weiterer Beweis, dass die Katzen die Weltherrschaft an sich gerissen haben - sie stehen nicht nur mit den Chinesen in Verbindung, sie haben uns auch noch dazu gebracht, hässliche winkende Ebenbilder von ihnen in die Wohnung zu stellen, in dem Glauben, sie brächten uns Glück. Wahrscheinlich sind aber zumindest die mechanischen Winkekatzen in Wirklichkeit nur dazu da, damit die Katzen uns ausspionieren können. Das sollte man mal all jenen erzählen, die momentan gerade auf die Straße rennen, um für ihre "Freiheit" zu kämpfen. Oder besser nicht - wer weiß, auf was für Ideen die sonst kommen.

Mittlerweile scheint es ja bereits zur neuen Normalität zu gehören, dass eine gewisse Klientel jedes Wochenende maskenlos und laut brüllend durch die Hauptstadt marschiert und all jene tyrannisiert, die eigentlich nur in Ruhe einkaufen oder sonst etwas erledigen wollen. Und nein, das habe ich nicht ausschließlich aus den bösen Systemmedien - mittlerweile habe ich mit mehreren Leuten gesprochen, die sich am Wochenende nicht mehr in die Innenstadt trauen bzw. ihren Kindern nicht mehr erlauben, da hinzugehen. Sprich, normale Menschen dürfen sich nicht mehr sicher fühlen, weil man lieber ein paar Schreihälsen das Feld überlässt - die behaupten, für die Freiheit zu kämpfen, dabei aber all jenen, die nicht mit ihnen mitlaufen wollen, diese Freiheit nehmen. Ich wünsche mir, dass das wenigstens im neuen Jahr anders wird.

Ja, 2021 ist zu Ende - und es hat uns leider nicht die erhoffte Erleichterung verschafft, ganz im Gegenteil. Und vom neuen Jahr wird nicht allzu viel Gutes erwartet, rollt doch schon die nächste Infektionswelle  mit Karacho heran - und zumindest hier in Österreich will von den Verantwortlichen niemand etwas davon wissen, weil Skifahren und die Wirtschaft über alles gehen. Und das, obwohl bereits vor möglichen Ausfällen der kritischen Infrastrukturen gewarnt wird. Aber in der Bevölkerung scheint sich so eine Art "Wurschtigkeit" eingeschlichen zu haben - wer die Pandemie ernst nimmt, achtet nach wie vor darauf, die Regeln so gut es geht einzuhalten, während alle anderen tun, was sie wollen. Und ständig hat man irgendwelche Diskussionen mit jenen, die nach wie vor die komplette Aufhebung aller Maßnahmen fordern, weil sie die Warnungen für übertrieben halten oder die Pandemie gar für erfunden. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang übrigens, dass sogar Leute, die ich eigentlich für gescheiter gehalten hätte, die "Diffamierung" der Demonstranten beklagen, weil da ja nicht nur Nazis mitmarschieren, sondern auch "ganz normale Leute". Und mir drängt sich die Frage auf, ob diejenigen, die so etwas ernsthaft für ein Argument halten, die letzten 30 Jahre unter einem Stein gelebt haben - eigentlich sollte doch mittlerweile jeder kapiert haben, dass die Zeit, in der Neonazis mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln aufmarschierten, schon lange vorbei ist und dass viele von ihnen inzwischen die Outfits und Symbole ursprünglich linker oder sogar linksradikaler Bewegungen übernommen haben. Ganz abgesehen davon, dass ich persönlich die hohe Anzahl von "normalen Leuten" eher alarmierend finde - denn damit werden auch rechtsextreme Ideologien immer mehr normalisiert und legitimiert. Noch einmal zur Erinnerung: Es war die Duldung der "normalen Leute", die den Nationalsozialisten letztendlich zur Macht verhalf.

Ein wesentlicher Unterschied zu damals ist allerdings, dass der Nationalsozialismus in den 1930er Jahren jede individuelle Ausdrucksform unterdrückte, indem er die völlige Unterwerfung gegenüber dem Kollektiv verlangte. Heutzutage wird die absolute Freiheit des Individuums verlangt, auch auf Kosten des Kollektivs - so sehr, dass diese Forderungen schon eugenische Züge tragen: Man propagiert die Freiheit der "Gesunden" und stellt dafür das Recht der "Schwachen" auf Leben in Frage. Das weckt durchaus unangenehme Assoziationen mit dem Narrativ des "gesunden Volkskörpers". Und ja, tatsächlich ist ein wesentliches Merkmal faschistischer Gruppierungen - womit die Brücke zur Vergangenheit wieder geschlagen ist - alles zu verachten, was als "schwach" klassifiziert wird. Da erkennt man schon daran, wie über die moderne Gesellschaft hergezogen wird: Diese sei "verweichlicht", "hysterisch", "dekadent", "unmännlich" - und so wird auch der Umgang mit der Pandemie als symptomatisch für diese "panische" Gesellschaft gesehen. Denn egal, wie ernst man das Virus nimmt, es ist auf keinen Fall eine Option, sich nach den "Schwachen" zu richten. Und hier zeigt sich die faschistische Grundhaltung: Das Schwache ist nicht schützenswert, und in einer Gesundheitskrise haben diejenigen, die besonders gefährdet sind, eben Pech gehabt. Und diese Einstellung ist brandgefährlich - denn das wird nach Corona nicht einfach aufhören. Und es schockiert mich, dass auch Menschen, die ich bisher eigentlich als friedliebend und empathisch wahrgenommen habe, sich selbst dieser Narrative bedienen, wenn auch manchmal in etwas abgemilderter Form.

Überraschend ist für manche auch, dass unter diesen "normalen Leuten" auch immer wieder tanzende, singende, klatschende, trommelnde und meditierende Leute zu finden sind, die eher esoterisch angehaucht zu sein scheinen und von ihrem Kleidungsstil her mehr an Hippies erinnern. Das sind auch diejenigen, die häufig als Argument herangezogen werden, warum es sich bei den Demonstranten um eine "Querfront" zwischen Rechts und Links handle. Denn Hippies sind ja immer links und stehen voll auf Love and Peace und so - oder kann es etwa sein, dass wir hier, wie auch bei den Neonazis, schon wieder Opfer unseres eigenen, nur allzu vereinfachenden Weltbildes geworden sind, das irgendwie immer noch im 20. Jahrhundert festzustecken scheint?

Um das zu eruieren, erlaube ich mir als erstes mal eine kleine historische Auffrischung: Die Hippie-Bewegung entstand Mitte der 1960er Jahre aus der Beat Generation heraus, einer Gruppe amerikanischer Literaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Subkultur stellten, welche mit den Konventionen der Mehrheitsgesellschaft brach und einen freizügigeren, weniger konformistischen Lebensstil propagierte. Auch die Hippies stellten die Ideale der Wohlstandsgesellschaft in Frage, verabschiedeten sich von ihren sexuellen Tabus, träumten von einem Leben im Einklang mit der Natur und forderten ein friedliches Miteinander sowie das Ende ausgrenzender Mechanismen wie etwa Rassismus. Sie pflegen einen kreativen, offenen Lebensstil und waren durch ihre bunten Gewänder, lange Haare bei beiden Geschlechtern sowie auffällige Accessoires leicht erkennbar. Ihre Bewegung breitete sich von San Francisco, Kalifornien aus auf die ganze westliche Welt aus - ihre Anhänger waren hauptsächlich weiße Jugendliche aus der Mittelschicht, die der Enge ihres Elternhauses entfliehen wollten. Von ihrer Lebenseinstellung her kann man die damaligen Hippies durchaus als links bezeichnen, auch wenn die meisten sich eher unpolitisch gaben - allerdings zeigte sich bereits zur Blütezeit dieser Bewegung eine nicht unerhebliche Hinwendung vieler ihrer Anhänger zur Esoterik. Und spontan würde man dazu natürlich sagen, das macht doch nichts - und das kann ich auch gut verstehen, denn mir ist es prinzipiell auch vollkommen wurscht, ob jemand Heilsteine in der Tasche trägt oder sich einen Talisman umhängt. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht - und ich möchte auch erklären, warum.

Zunächst müssen wir uns da natürlich fragen - was ist Esoterik eigentlich? Nun - eine allgemein anerkannte Definition dieses Begriffs gibt es nicht. Die Religionswissenschaft fasst unter diesem Begriff unterschiedliche religiös-spirituelle Aktivitäten zusammen, während die Geschichtswissenschaft bestimmte westlich-kulturelle Strömungen, die gewisse Ähnlichkeiten aufweisen, als "esoterisch" beschreibt. Im Großen und ganzen ist es ein weites Feld, welches in unserem Verständnis ebenso Astrologie und Glücksbringer umfasst wie auch Engelskult, Hexerei, Wahrsagerei, Schamanismus, Theosophie, Anthroposophie, biologisch-dynamische Landwirtschaft und vieles mehr. Und man kann sie auch nicht pauschal als gefährlich oder ungefährlich bezeichnen - viele von uns haben gewisse Tendenzen zur Esoterik, aber die Ausprägung ist doch sehr unterschiedlich. Das bedeutet natürlich, dass nicht jeder, der an Sternzeichen glaubt oder seine Ängste wegmeditiert, deswegen gleich mit der Wurzelrassen-Kosmologie einer Helena Blavatsky kokettiert. Schwierig wird es allerdings, wenn esoterische Ideen dermaßen ins Gedankengut Einzug halten, dass Menschen für rationale Argumentationen nicht mehr zugänglich sind. Und diese Haltung wird in Krisensituationen noch verstärkt - wenn man die welt nicht mehr versteht, ist man häufig zugänglicher für einfache Erklärungen und ein dualistisches Weltbild, innerhalb dessen man sich leichter zurechtfindet als in dem komplexen System der Wirklichkeit.

Die rechtsgerichtete Ausprägung der Esoterik begann bereits Ende des 19. Jahrhunderts, als man sich, wie ich in meinem Artikel über Spiritismus bereits erklärt habe, vermehrt den sakral-transzendenten Bereichen der Wirklichkeit zuwandte, wohl als Reaktion auf eine immer unübersichtlichere, sich immer mehr technisierende und industrialisierende Welt. Während auf der einen Seite viele, die sich dem Spiritismus zuwandten, nach besseren humanitären Lebensbedingungen strebten, gab es auch andere, weitaus hierarchischere Richtungen. Zu ihnen gehörte auch die Theosophische Gesellschaft, eine okkulte Organisation, die 1875 in New York City gegründet wurde. Sie ging davon aus, dass die fundamentale Essenz allen Existierenden mit einem kosmischen Bewusstsein verwandt sei , das es belebe und beseele. Initiator und Präsident dieser Gruppierung war der US-amerikanische Rechtsanwalt Henry Steel Olcott, die zentrale Figur war jedoch dessen Lebensgefährtin Helena Petrovna Blavatsky, eine Russlanddeutsche, die zwei Jahrzehnte lang durch Europa, Asien und Amerika gereist war, wo sie angeblich von "Meistern" und Adepten die Grundlagen für ihre späteren Lehren vermittelt bekommen hatte. Olcott hatte sie auf ihrer letzten Reisestation in New York über ihr gemeinsames Interesse an Spiritismus kennengelernt. Die Hinwendung vom Spiritismus zur Theosophie vollzog sich, als sie die Erklärung spiritistischer Phänomene von der Wirkung der Geister Verstorbener hin zu Emanationen eines universalen Geistes umdeutete. Von großer Bedeutung war in der Theosophie die Verbindung westlicher Esoterik mit östlichen spirituellen Lehren, was die Esoterik des 20. Jahrhunderts entscheidend prägen sollte. Wichtig waren außerdem auch westliche Lehren wie etwa der Okkultismus oder die Kabbala. Ein Element der Theosophie aber war die sogenannte "Wurzelrassenlehre" aus Blavatskys 1888 erschienenem Buch The Secret Doctrine (dt. Die Geheimlehre) - hier formulierte sie die Hypothese von insgesamt sieben "Menschenrassen", von denen die sogenannten "Arier" die gegenwärtig höchste Entwicklungsstufe erlangt hätten. Sie räumte zwar ein, dass all diese "Rassen", wenn auch nicht miteinander verwandt, so doch in ihrem innersten Wesen gleich seien, aber dennoch fußen ihre Ausführungen auf dem hierarchischen Konzept der Rassenevolution, an dessen Spitze die "arische" bzw. germanische "Rasse" stehe.

Um 1895 spaltete sich die Theosophische Gesellschaft nach etlichen Skandalen und Meinungsverschiedenheiten in mehrere kleine Gruppen auf, die sich im Laufe der Zeit teilweise immer mehr von der ursprünglichen Lehre entfernten. In Deutschland legte die Internationale Theosophische Verbrüderung von Franz Hartmann ihren Fokus vor allem auf das Studium "arischer" Vorstellungen und wandte sich später auch dem Nationalsozialismus zu. Rudolf Steiner wiederum gehörte zur Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, ehe er sie 1913 verließ und eine eigene Lehre, die Anthroposophie, gründete. Diese ist im Großen und Ganzen ein Sammelsurium aus deutschem Idealismus, Goetheanismus, Gnosis, christlicher Mystik, fernöstlicher Lehren sowie den neuesten naturwissenschaftlichen Kenntnissen der damaligen Zeit; im Zentrum steht eine "Geheimwissenschaft", die Steiner laut eigener Behauptung mit Hilfe von "Hellseherorganen" erlangt habe. Ein Hauptsaspekt seiner Lehre aber ist die Anwendung des Evolutionsgedankens auf die spirituell-geistige Entwicklung. Auch er formulierte eine Rassenlehre, die stark an das Konzept von Blavatskys "Wurzelrassen" angelehnt war - wobei er hier von "Epochen", Hauptzeitaltern" oder "Zeiträumen" der spirituellen menschlichen Entwicklung sprach. Elemente der Anthroposophie finden wir bis heute in verschiedenen Lebensbereichen wieder - etwa die Waldorfpädagogik, die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Eurythmie oder auch die Naturkosmetik von Weleda. Und ich muss zugeben, ich habe auch schon Produkte dieser Linie benutzt und fand sie sogar gut - wie ihr also seht, ist es gar nicht so leicht, sich dem zu entziehen.

Eine weitere Lehre, die sich auf die von Blavatsky stützte, war die gnosisch-dualistische, explizit auf Rassismus basierende Ariosophie des österreichischen Hochstaplers Jörg Lanz von Liebenfels. Der ehemalige Zisterzienser führte einen Doktortitel, für den es keine Belege gab, und auch der Adelstitel war nur erfunden. Um die Jahrhundertwende begann er, polemische Schriften zu verfassen, die sich unter anderem mit Anthropologie, Archäologie und Frühgeschichte mit dem Fokus auf die "arische Rasse" befassten und verkehrte in alldeutschen und sozialdarwinistischen Kreisen. Irgendwann begann er, über den "Kampf" der sogenannten Arier gegen die "Nichtarier" oder "Affenmenschen" zu phantasieren und krude Hypothesen zur "Rassenhygiene" auzustellen, laut derer eine "Reinzucht" der "arischen Rasse" bei vollständiger Unterwerfung der "arischen" Frau erforderlich sei. Diese Ansicht war zur damaligen Zeit allerdings nicht ungewöhnlich - Germanentümelei und völkisches Gedankengut waren damals weit verbreitet. 1903/04 entwickelte Lanz dann die auf den Schilderungen antiker Schriftsteller basierende "Theozoologie", eine Lehre, die auf der Behauptung basierte, der Sündenfall beruhe darauf, dass sich einst die göttlichen Arier mit Tieren vermischt hätten, woraus "minderwertige Rassen" hervorgegangen seien, welche die legitime Vorherrschaft der Arier bedrohten - besonders in Deutschland, wo es noch die meisten von ihnen gäbe. Darauf basierend, gründete er den Neutempler-Orden, einen Zusammenschluss "rassebewusster", ausschließlich männlicher Deutsch-Österreicher, dessen erster Sitz sich in der Burgruine Werfenstein im oberösterreichischen Strudengau befand - im Laufe der Jahre wurden weitere Priorate in Deutschland und Ungarn gegründet, die jedoch zur Zeit des Nationalsozialismus alle aufgelöst wurden. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie ließ sich Lanz in Ungarn nieder, wo die Bolschewiki in ihm einen Hass auf Juden und Sozialisten auslösten, der schon an Verfolgungswahn grenzte - davor waren die Frauen sein wichtigstes Feindbild gewesen, da sie seiner Ansicht nach nur als "Zuchtmütter" zu gebrauchen seien. 1925 fasste er seine Lehre in einem Grundriss der ariosophischen Geheimlehre zusammen; 1929 veröffentlichte er eine "Geheimbibel", in der er die Heilige Schrift aus ariosophischer Sicht kommentierte. Ab Mitte der 1920er Jahre stilisierte er sich als "Vordenker" Adolf Hitlers, jener hatte mit Esoterik allerdings nichts am Hut und auch für Lanz nicht viel übrig. Doch weder Hitlers Ablehnung noch der Zusammenbruch des Deutschen Reiches brachten Lanz davon ab, zu behaupten, dass Hitler seine Ideen von ihm gehabt hätte. In seinen letzten Lebensjahren behauptete er außerdem, Wegbereiter Lenins gewesen zu sein.

Ein weiterer wichtiger Inspirator der Ariosophie war der österreichische Schriftsteller und Esoteriker Guido von List. Wie Lanz, so führte auch er einen gefälschten Adelstitel; er stammte aus einer Wiener Kaufmannsfamilie und zeigte schon in jungen Jahren eine Neigung zur Kunst, aber auch zu Esoterik und germanischer Mythologie. Außerdem glorifizierte er die Natur und lehnte das städtische Leben ab. Sein erster Roman Carnuntum fand großen Anklang im völkischen Lager, spätere Bücher waren sehr von der Vorstellung eines Wotan-Kultes beeinflusst, verbunden mit zunehmend antisemitischen Motiven. Sein Manuskript über eine "arische Ursprache" sowie Deutungen der Runen und anderer Symbole in alten Inschriften wurde von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften abgelehnt, sein Rückhalt in der Wiener Gesellschaft war jedoch enorm; 1907 legte er sich das Adelsprädikat "von" zu, bei späteren Untersuchungen behauptete er, sein Großvater habe den Adelstitel abgelegt. 1908 gründeten seine Freunde und Anhänger, zu denen viele namhafte Deutschnationale und Esoteriker gehörten, die Guido-von-List-Gesellschaft zur Förderung seiner "Forschungen" und Publikationen. 1911 gründete er den Hohen Armanen-Orden als inneren Zirkel der List-Gesellschaft.

Im Nationalsozialismus wurden Geheimbünde verboten, die Ideen der Ariosophie wurden nach 1945 jedoch in verschiedenen neugermanischen Gruppierungen, aber auch im Odinismus der USA wieder aufgegriffen. Auch die Anthroposophie erlebte nach dem Ende des 1945 eine Renaissance. Der Begriff "Ariosophie" wird heute aus verständlichen Gründen nicht mehr verwendet, allerdings sind in der Szene bis heute noch bestimmte Wortschöpfungen zu hören; die Waldorfschulen und -kindergärten sind uns bis heute ebenso ein Begriff wie die Anthroposophische Medizin und die biologisch-dynamische Landwirtschaft, welche vor allem durch die Bio-Marke Demeter vertreten ist. Besonders in den 1960er Jahren boomten anthroposophische Einrichtungen, insgesamt sind die Anthroposophen in 103 Ländern mit über 10.000 Einrichtungen tätig. Das Interesse an der Anthroposophie selbst verzeichnet jedoch erst seit den 1980er Jahren wieder vermehrt einen Anstieg - ich erinnere mich, dass auch meine Großmutter mütterlicherseits eine Zeitlang regen Austausch mit anthroposophischen "Geisteswissenschaftlern" pflegte. Und ich schreibe dieses Wort nicht umsonst in Anführungszeichen - die Wissenschaftlichkeit ist nämlich keineswegs erwiesen, da Steiners Thesen mit der wissenschaftlichen Erkenntnistheorie nicht vereinbar sind. Auch die Vorstellungen von "Menschenrassen", basierend auf einer spirituell-geistigen "Evolution", sind immer noch zu finden, was nicht weiter verwunderlich sind, gehören sie doch zu den Grundbausteinen des anthroposophischen Konzepts - auch wenn heutige Anthroposophen behaupten, damit nichts mehr zu tun zu haben. Auch sonst spricht man in der Szene nicht sehr gern über die braun gefärbte Vergangenheit, da diese das Gesamtkonzept zerstören würde. Auch die Impfgegnerschaft ist unter Anthroposophen und anderen Gruppierungen, die ihnen nahe stehen, sehr weit verbreitet, selbst wenn die Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte Impfungen für sinnvoll hält und auch Rudolf Steiner sich für die Pockenimpfung aussprach. Dennoch stützen sich anthroposophische Impfgegner gern auf seine Lehren, laut derer Krankheiten nicht unterdrückt, sondern durchlebt werden sollten, da diese Sünden aus vorhergehenden Leben neutralisieren würden.

Wie ihr seht, ist alles also nicht ganz einfach. Ich muss beispielsweise zugeben, dass ich selbst dem Konzept der Waldorfpädagogik nicht abgeneigt war, bevor ich erfuhr, welche Ideologie dieser zugrunde liegt. Zudem sind die Meinungen ehemaliger Waldorfschüler, die ich kennengelernt habe, sehr zweigeteilt - die einen haben sehr positive, die anderen sehr negative Erfahrungen gemacht. Möglicherweise kommt es auf die einzelnen Schulen an, vielleicht auch auf die individuelle Veranlagung derjenigen, die sie besucht haben. Im übrigen möchte ich anmerken, dass die Arier in Wirklichkeit ein frühgeschichtliches Volk aus Indien und dem Iran waren und keineswegs eine nordische "Rasse", die von den bösen, bösen Juden bedroht wurde. Und da dieses Thema wieder einmal viel zu viel Stoff bietet, habe ich mich entschlossen, den vorliegenden Artikel diesmal in drei Teile zu teilen; nachdem wir die Wurzeln der Rechtsesoterik erörtert haben, möchte ich mich in meinem nächsten Post der Bedeutung von Esoterik im Nationalsozialismus widmen, während ich im dritten auf die Auswirkungen auf die Gegenwart eingehen werde. Freut euch alle auf mehr und bis zum nächsten Mal!

vousvoyez

Dienstag, 14. Dezember 2021

Wenn alle Stricke reißen, ist man zu fett für die Schaukel

© vousvoyez
Dieser Satz stammt von dem Kabarettisten und Stimmenimitator Alex Kristan, während er Frank Stronach parodierte - in diesem Zusammenhang fiel übrigens auch die Bemerkung "I can't get no desinfection", welche auf den Mangel an Schutzausrüstung zu beginn der Corona-Krise anspielte. Und dass heutzutage nicht mehr Ö3 den schnellsten Verkehrsservice hat, sondern Tinder. Eine App, die ich nie benutzt habe und wohl auch nie benutzen werde - tatsächlich habe ich keine einzige meiner Liebschaften je online kennengelernt. Denn obwohl ich durchaus Paare kenne, die sich so getroffen haben und bei denen es schon lange funktioniert, bin ich da wohl ein bisschen zu misstrauisch. Wobei ich natürlich auch nicht weiß, wie das aussähe, würde ich meinen Partner verlieren - was ich natürlich nicht hoffe.

Im letzten Artikel habe ich euch ja darauf hingewiesen, dass ich aus der Steinzeit komme - genauer gesagt aus der digitalen Steinzeit. Wobei der erste Vorläufer des Computers - die Analytical Engine - bereits aus dem 19. Jahrhundert stammt, während der des Internets, das Arpanet, bereits im Jahre 1969 erstmals angewendet wurde. Die kommerzielle Nutzung des Internets begann in den 1990er Jahren, ich persönlich kam jedoch erst im Gymnasium wirklich damit in Berührung. Und ich staune noch bis heute, wie schnell und nachhaltig sich unser Alltag dadurch verändert hat - so sehr, dass ich den Unterschied deutlich erkenne, wenn ich mich beispielsweise mit einer Person unterhalte, die nur etwa zehn Jahre jünger ist als ich. Ich vergleiche das gerne mit jener Generation, die zum ersten Mal mit dem Fernseher in Berührung kam: Wie man bei uns größtenteils das erste Mal in Bildungseinrichtungen anfing, das Internet zu nutzen, gingen in den 1950er Jahren die meisten Leute zum Nachbarn oder ins nächste Gasthaus, um sich eine ganz bestimmte Sendung im Fernsehen anzusehen. Entsprechend kann man das Gefühl, zum ersten Mal vernetzt zu sein, ebenso wenig erklären, wie uns die Jugend der 1950er Jahre begreiflich machen kann, wie es ist, wenn man zum ersten Mal vor einem Fernsehbildschirm sitzt. Und irgendwie war sie auch recht spannend, die Zeit, als sich das alles entwickelt und verändert hat. Diese Jahre waren geprägt von einer Mischung aus Nostalgie und Zukunftsoptimismus, bis der 11. September 2001 diese Naivität erstmals bröckeln ließ. Und nachdem wir ein paar Jahre lang unsere Jugend in vollen Zügen genossen hatten, mussten wir allmählich feststellen, dass die Zeiten nicht unbedingt besser werden - und dass die ältere Generation das immer noch nicht kapiert zu haben schien.

Eines der ersten digitalen Phänomene war ja dieses Baby, das zu dem Intro des 1970er-Songs Hooked on A Feeling von Blue Swede (diesen Song muss man als Tarantino-Fan einfach kennen) getanzt hat - ich sah es, wie viele andere auch, das erste Mal in der Serie Ally McBeal, wo es als Halluzination die gnadenlos tickende biologische Uhr einer Frau symbolisiert. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Testbeispiel für eine Animationssoftware, das für Werbe- und Demonstrationsvideos ausgewählt wurde und sich Ende der 1990er Jahre auf allen möglichen Websites verbreitete. Durch die Verwendung in Ally McBeal wurde es schließlich allen ein Begriff. Das war nicht lange, bevor ein simples Spiel, das eigentlich als Werbegag für die Whisky-Marke Johnny Walker gedacht war, die Bürocomputer eroberte. Ich spreche natürlich von der virtuellen Moorhuhnjagd, die damals mehr oder weniger in aller Munde war. Ursprünglich wurde es in ausgewählten Kneipen auf jeweils zwei Laptops zur Verfügung gestellt; von dort aus muss es irgendjemand es kopiert und ins Internet gestellt haben, jedenfalls verbreitete es sich im Jahr 2000 via E-Mail wie ein Lauffeuer und ist somit eines der ersten Beispiele für virales Marketing, immerhin war es ja immer noch ein Werbetool. Es hieß sogar, dass das Hühnchen mit den doofen Augen ganze Großraumbüros lahmgelegt hätte und so für Umsatzeinbußen verantwortlich sei. Grund für den Erfolg war aber wohl vor allem die simple Handhabung: Es ging in dem Spiel mehr oder weniger nur darum, so viele Moorhühner wie möglich abzuschießen. Da die Viecher eher langsam flogen, war das auch nicht allzu schwer, und im Nachhinein gesehen muss ich auch sagen, es sah wirklich lustig aus, wie sie mit ihren großen, runden Augen treudoof glotzend durch die schottischen Highlands flogen und nur darauf warteten, abgeknallt zu werden. Damals ging mir die Debatte eher auf die Nerven, und mit sechzehn Jahren waren Büros für mich noch so etwas wie ein fremder Planet. Außerdem habe ich dieses englisch-deutsch gemischte Eurodance-Trashlied Gimme Moorhuhn von Wigald Boning gehasst! Die weiteren Spiele sind gänzlich an mir vorbeigegangen, obwohl danach noch einige Sequels auf den Markt gehauen wurden. Ich erinnere mich nur an ein paar kurze, schlecht gezeichnete und kolossal unlustige Moorhuhn-Clips, die eine Zeitlang während der Werbepausen im deutschen Fernsehen gezeigt wurden.

Zur Moorhuhn-Zeit waren Handys noch weit davon entfernt, internetfähig zu sein. Eines kristallisierte sich jedoch bereits sehr schnell heraus: Sobald das Mobiltelefon zum Massenprodukt wurde, war auch der Wunsch da, sich von der Masse abzuheben. Denn wer will schon wie alle anderen sein (*zwinker*)? Mein erstes Handy, das Nokia 3210, war beispielsweise das erste mit austauschbaren Abdeckschalen, die das äußere Erscheinungsbild des Geräts individualisierten. Und natürlich mussten auch die Klingeltöne und Hintergrundbilder so unverkennbar wie möglich sein - wobei sich dadurch, dass Handys bald über Farbdisplays, Videofunktion sowie polyphone Klangdateien verfügten, ungeahnte Möglichkeiten auftaten. Und auf einmal witterte man mit den Klingeltönen das große Geschäft - was die Ära des Jamba-Sparabos einläutete (ich frage mich bis heute, was das mit Sparen zu tun haben soll). Und jener Werbespots, die bestimmt direkt aus der Hölle kamen und die über kurz oder lang auch zur Zerstörung von Musiksendern wie MTV und Viva beitrugen. Auf einmal wurde man dort ständig mit tanzenden lila Nilpferden, ekelhaft niedlichen gelben Küken, singenden Dinosauriern, Fröschen mit Penis (Penis, hihihihihi!) und diversen anderen 3D-animierten Tieren belästigt, dazu nervige Melodien sowie eine kreischige Männerstimme, die dir ins Ohr brüllt: "SCHICKE JETZT FROSCH 1 AN FÜNFMAL DIE DREI!!!" Und natürlich durften zu Weihnachten auch die beiden Tassen nicht fehlen, die sich gegenseitig beschimpften. Waren die nicht niedlich? NEIN, WAREN SIE NICHT! *heul* Ganz im Gegenteil: Diese in Dauerschleife laufenden Videos von niedlichen Kuschelhäschen, fetten Teufeln, die im Eis einbrechen und Maulwürfen, die dich lieben, obwohl du scheiße bist, machten auf Dauer aggressiv - ebenso wie sich ständig wiederholenden Ansagen: "JAMBA SUCHT DEN KLINGELTONSTAR! HEUTE AM START: SWEETY, DAS KÜKEN!" Raaaaaaaaah!

Was sich heutzutage wohl kaum noch jemand vorstellen kann: Hinter all diesen harmlosen Videos und lustigen Klingeltönen verbarg sich eine Abofalle, die am Ende des Monats die Telefonrechnung schon mal empfindlich in die Höhe treiben konnte. Noch dazu bestand die Zielgruppe durch die Präsenz der Dauerschleife-Werbespots auf den Musiksendern größtenteils aus jenen Menschen, die am leichtesten zu beeinflussen sind: Teenagern. Erschwerend kam noch hinzu, dass unter den voreingestellten Klingeltönen der Handys kaum etwas Vernünftiges zu finden war - ich habe sogar Lieder mit der Diktierfunktion aufgenommen und dann als Klingelton installiert, weil mir das, was auf den Handys zu finden war, häufig den letzten Nerv raubte. Und weil ich eben kein Teenager mehr war, der automatisch das tut, was ihm im Fernsehen gesagt wird. Aber so schnell, wie der Klingelton-Hype gekommen war, verschwand er auch wieder in der Versenkung - das Aufkommen der Handys mit USB-Kabel und schließlich der Smartphones mit direktem Internetzugang machte die teuren Abos endgültig obsolet. Aber natürlich war Jamba nicht bereit, so schnell aufzugeben - in den 2010ern stieg man auf so etwas wie Liebestest-Apps um, die allerdings kaum noch jemanden interessierten. Lustigerweise existiert die Jamba-Website immer noch - sie sieht aus, als wäre das Jahr 2005 nie zu Ende gegangen, und bietet immer noch diese Abos an! Für die anscheinend auch immer noch Leute bezahlen! Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hat dieses unsägliche Crazy-Frog-Video mit der Beverly-Hills-Cop-Titelmelodie im Hintergrund mehr als eine Milliarde Aufrufe!

Tatsächlich war dieses komische Viech, das eigentlich gar kein Frosch ist - was man mit ein bisschen Kenntnis von Zoologie eigentlich auch selbst herausfinden könnte, denn Frösche haben keinen Penis - seinerzeit der Star der Jamba-Hölle, und das, obwohl anscheinend alle ihn leidenschaftlich gehasst haben. Und ja, auch ich kann nicht begreifen, was an diesem breitmäuligen Vieh mit seinem nervigen "Ding-ding" eigentlich so ansprechend sein soll. Jedenfalls geht die ganze Geschichte des Crazy Frog auf die Aufnahme eines sechzehnjährigen Schweden zurück, der die Geräusche seines Mopeds imitierte. Über einen seiner Freunde fand sie ihren Weg ins damals noch junge Internet, von wo aus sie für eine schwedische Fernsehsendung entdeckt und auf diversen Spaß-Websites hochgeladen wurde. Irgendwann geriet sie in Vergessenheit - bis sie 2003 von dem schwedischen Animator Erik Wernquist wiederentdeckt wurde. Dieser konstruierte für ein Bewerbungsvideo rund um das Geräusch eine Animation, welche er als "The Annoying Thing" bezeichnete - entsprechend der stimmlichen Wiedergabe des Zweitaktmotors eines Mopeds war auch das Gefährt der Figur, die er da kreierte, unsichtbar, während sie selbst Motorradhelm, Windschutzbrille und Lederjacke trägt (ihr Geschlechtsteil sollte später zensiert werden). Er bekam den Job, und nachdem er etwa ein Jahr lang bei Kaktus Film gearbeitet hatte, wurden externe Firmen auf die Animation aufmerksam - eine davon war Jamba. Diese machte die Figur, die den Namen "Crazy Frog" erhielt, zu einem ihrer populärsten Charaktere und bewarb mit ihr den Klingelton Axel F, jenes Instrumentalstück, das durch die Filmreihe Beverly Hills Cop bekannt geworden war. Ich hoffe nur, dass der arme Eddie Murphy nie davon erfahren hat. Jamba scheffelte Millionen mit diesem fürchterlichen Clip - die eigentlichen Schöpfer hinter dem nervigen Nicht-Frosch erhielten nur einen Bruchteil der Einnahmen. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hat das Vieh auch noch Coldplay von der Spitze der Charts verdrängt! Insgesamt konnte man diesen einen Soundclip von 1997 zu sage und schreibe drei (!!!) CDs verwursten!

Die ständige Präsenz dieser fürchterlichen Animation sorgte jedoch dafür, dass die Leute sie bald zu hassen begannen - natürlich, denn kein normaler Mensch könnte über längere Zeit diese nervige Stimme hören, ohne psychische Schäden davonzutragen. Und du wirst sie auch nicht mehr los - ich werde nach Beendigung dieses Artikels einen halben Tag Barbie Girl hören müssen, um diesen fürchterlichen Eigentlich-nicht-Frosch aus dem Kopf zu bekommen. Entsprechend verkauften sich die Singles auch von Mal zu Mal schlechter, und zum Glück wurde weder aus der geplanten Serie noch aus dem Film etwas - dafür bekam der Crazy Frog ein eigenes Videospiel für PlayStation. Tragisch endete die Geschichte auch für Erik Wernquist, der bis heute sichtlich bestürzt darüber ist, dass es der Crazy Frog sein soll, den er einst der Welt als geistiges Vermächtnis hinterlassen wird. Umso seltsamer, dass dieser fürchterliche Nicht-Frosch mit seinem Axel-F-Clip im Jahre 2018 ein unverhofftes Revival erlebte - das Video klickte sich auf YouTube so gut wie sonst kaum eines, was dazu führte, dass in jüngster Zeit wieder neue Crazy-Frog-Clips produziert wurden. Wobei man sagen muss, dass viele absurd hohe View-Zahlen bestimmter YouTube-Videos wohl dadurch zustande kommen, dass manche Eltern ihre Sprösslinge gerne mal vor YouTube Kids parken - und diese nicht wissen, wie man einzelne Clips überspringt, weshalb sie oft einfach durchlaufen. Nicht die beste Idee, wenn ihr mich fragt, aber als Nicht-Mutter habe ich da nicht mitzureden. Ebenso seltsam finde ich die Wahl des Songs für den neuen Crazy-Frog-Clip, der sich stilistisch genauso nach 2000er-Clubsound anhört wie seine Vorgänger: It's Tricky von Run DMC, einer der wegweisenden Rap-Combos aus den 1980er Jahren. Mit anderen Worten - der Song passt nicht. Null. Und Run DMC haben das auch nicht verdient - deren Musik mag ich nämlich eigentlich ganz gerne.

Zur gleichen Zeit wie die Jamba-Klingeltöne eroberte auch ein weiteres Phänomen, verbunden mit einem weiteren schrecklichen Ohrwurm, das Internet: Schnappi, das kleine Krokodil. Ja, auch dieses Grauen wird von mir heute wieder gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt! Obwohl es sich ja eigentlich, im Gegensatz zu den fürchterlichen Abzocker-Melodien, lediglich um ein harmloses Kinderlied, gesungen von einer Neunjährigen, handelt. Genauer gesagt heißt die Sängerin Joy Gruttmann und ist die Nichte von Iris Gruttmann, Autorin, Komponistin und Musikproduzentin, die unter anderem Lieder für die beliebte Sendung mit der Maus schrieb. Joy sang in ihrem Kinderchor, und im Alter von fünf Jahren wünschte sie sich von ihrer Tante ein Lied ganz für sich alleine. Also schrieb Iris Gruttmann den von Rosita Blissenbach stammenden Text um und komponierte dazu eine Melodie. Das Lied erschien zunächst 2001 auf einer Musikkassette mit Kinderliedern, zwei Jahre später wurde es auf dem Sampler Großes und Kleines mit der Maus veröffentlicht. Von dort aus hat es 2004 wohl irgendeine Person auf eine MP3-Datei konvertiert und im Internet verbreitet - und erreichte innerhalb kürzester Zeit, ähnlich wie Crazy Frog und Moorhuhn, über diverse Foren und Tauschbörsen eine riesige Reichweite, bis es sogar im Radiosender SWR3 gespielt wurde. Es folgte eine CD, die sich massenhaft verkaufte - im Januar 2005 erreichte sie Platz 1 der deutschen Single-Charts und hielt sich da zehn Wochen. Für die Musiksender wurde es außerdem mit einem Zeichentrickvideo kombiniert - und war nicht nur im deutschsprachigen Raum erfolgreich: Unter anderem wurde das Lied ins Englische, Französische, Tschechische, Litauische und Japanische übersetzt. Bereits damals wurde befürchtet, dass der illegale Download urheberrechtlich geschützter musikalischer Werke zu Umsatzeinbußen im Tonträger-Geschäft führen könnten - bei Schnappi schien es jedoch umgekehrt zu sein. Joys zweite Single, Ein Lama aus Yokohama, lief übrigens auch einmal bei Libro in Dauerschleife, als ich gerade irgendwas gesucht habe, während ich irgendein anderes Lied von ihr frisch operiert im Krankenbett hören musste - wie ihr euch also vorstellen könnt, habe ich kein Interesse an weiteren Kostproben ihres musikalischen Talents. Aber zumindest versichert sie, dass sie keines dieser Kinder war, die von ihren Eltern gegen ihren Willen auf die Bühne gezerrt werden. Natürlich gab es von dem Lied auch zahlreiche Parodien, von denen nicht alle besonders schmeichelhaft waren - am bekanntesten ist mit Sicherheit Schri-Schra-Schrödi aus der Gerd-Show. Die Hauptschuld daran, dass das Lied irgendwann in Ungnade fiel, liegt aber sicherlich bei Jamba, die es ebenfalls für ihre Klingeltöne okkupiert haben. Und trotz allen Grolls tut es mir unheimlich leid, dass das Mädchen nach ihrem Erfolg in der Schule gemobbt wurde - anscheinend hatte sie aber genügend Rückhalt in der Familie, jedenfalls wirkt sie heute wie eine relativ gefestigte junge Frau. Von einer weiteren Karriere im Showbusiness träumt sie allerdings nicht - was wahrscheinlich ebenfalls ihr Glück ist, denn einen solchen Erfolg zu wiederholen, ist fast unmöglich.

Und jetzt will ich euch mal was verraten: Eigentlich wollte ich heute etwas Lustiges machen, weil die Themen in letzter Zeit so ernst gewesen sind. Stattdessen habe ich uns jetzt alle re-traumatisiert - es tut mir schrecklich leid! Ich fürchte, wir werden eine Selbsthilfegruppe gründen müssen, um all diese furchtbaren Erfahrungen adäquat verarbeiten zu können. Um den Schaden in Grenzen zu halten, werde ich euch aber zumindest die nervigen Lieder nicht verlinken - sondern im schlimmsten Fall nur die nicht so nervigen Originale. Und ich hoffe, dass ihr mir trotzdem treu bleibt und auch das nächste Mal wieder mit dabei seid! Bon voyage!

vousvoyez

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Bill Gates weiß, was er tut, denn er kämpft schon seit der Entwicklung von Windows gegen Viren

© vousvoyez
Und bekanntlich ist Impfen das beste Anti-Virus-Programm - auch wenn manche es nicht glauben. Aber leider ist eine Impfung für Computer noch nicht erfunden worden, deswegen müssen wir uns mit Software herumschlagen. Und ich werde morgen bereits geboostert - und bin gespannt, ob ich nachher Superkräfte entwickle. Die schlimmste Entwicklung ist allerdings wohl nicht das so gefürchtete Omikron, sondern, dass seit Monaten eigentlich nur herumgeeiert wird - und zwar nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland. Dort sogar noch mehr - wer hätte das gedacht! Hallo, wir sind euer kleiner chaotischer kleiner Bruder! Das könnt ihr doch nicht machen!

Teilweise ist dieses Herumgeeiere wohl, wie gesagt, auch auf zu viel Rücksicht gegenüber jenen, die am lautesten schreien, zurückzuführen. Viele dieser Leute begründen ihre Verweigerungshaltung damit, dass der Impfstoff "experimentell" sei bzw. dass die derzeit stattfindenden Impfungen gegen Covid-19 ein "großes Menschenexperiment" seien - manche vergleichen gar Dr. Christian Drosten und die anderen Mediziner und Wissenschaftler, die ihnen nicht sagen, was sie hören wollen, mit Kriegsverbrechern wie Josef Mengele. Bisweilen wird auch die gesamte Pandemiesituation als großes soziales Experiment gesehen - wozu es gut sein soll, daran scheiden sich allerdings die Geister. Und keine Sorge, ich will hier nicht wieder endlos über die Schwurbels lamentieren - ich will mich nur von ihnen inspirieren lassen. Ich möchte heute nämlich tatsächlich über Experimente sprechen.

Auf die Idee kam ich, als ich kürzlich über die Geschichte von dem russischen Schlafexperiment gestolpert bin. Dieses soll in den 1940er Jahren in der Sowjetunion stattgefunden haben und von russischen Wissenschaftlern durchgeführt worden sein, welche testen wollten, was passiert, wenn man Menschen den Schlaf entzieht. Also schloss man fünf politische Gefangene, denen man hinterher die Freiheit versprochen hatte, in einen Raum ein, der über Luken und Mikrofone überwacht wurde - man stattete ihn mit allem aus, was für den täglichen Bedarf notwendig war, und leitete ein Gas hinein, das die Probanden wachhalten sollte. Die ersten Tage verliefen relativ ereignislos, die allgemeine Stimmung wurde jedoch immer pessimistischer; am fünften Tag hörten sie auf, miteinander zu reden und versuchten stattdessen, mit den Wissenschaftlern zu kommunizieren; am neunten Tag begann einer nach dem anderen, unkontrolliert zu schreien, bis die Stimmbänder rissen, bis auf zwei, die dafür Bücher auseinanderrissen, sie mit ihren Exkrementen beschmierten und damit die Luken verklebten. Die nächsten drei Tage hörte man nichts mehr von ihnen - nur der Verbrauch von Sauerstoff wies darauf hin, dass sie noch am Leben waren. Am 15. Tag des Experiments wurde der Raum entgegen der vorgesehenen Beschlüsse von den Wissenschaftlern und Militäreinheiten geöffnet, nachdem man aufgehört hatte, Gas ins Zimmer zu leiten. Der Anblick, der sich ihnen bot, sollte sie für den Rest ihres Lebens nicht mehr loslassen - vier der Probanden waren noch am Leben, sie hatten sich mit bloßen Händen Fleisch und Organe herausgerissen und sich teilweise auch selbst gegessen (die genauen Details erspare ich euch großmütig), vor allem aber wollten sie nicht, dass das Experiment abgebrochen wurde, und wehrten sich mit erstaunlicher Kraft dagegen, aus dem Raum entfernt zu werden, was einen der Soldaten und auch einem weiteren Probanden das Leben kostete. Da sie alle schwer verletzt war, brachte man sie in einen Operationsraum, wo man versuchte, sie zu betäuben, was kaum möglich war - einer von ihnen starb daran, die anderen beiden wurden letztlich ohne Betäubung operiert, aber obwohl die Prozedur mehrere Stunden dauerte, zeigte keiner von ihnen Anzeichen von Schmerz. Dies veranlasste den befehlshabenden Offizier, das Experiment fortsetzen zu wollen, woraufhin einer der Wissenschaftler ihm die Pistole entriss und ihn sowie die beiden übriggebliebenen Versuchspersonen erschoss.

Grauslich, nicht wahr? So richtig zum Fürchten - und diese Geschichte kursiert seit 2010 regelmäßig durchs Netz, immer mit dem Hinweis, dass sie tatsächlich so passiert sein soll. Nun, ich denke, ich kann euch beruhigen - es gibt keine einzige seriöse Quelle, die den Wahrheitsgehalt bestätigt, und auch ich habe dazu ausschließlich Internetseiten gefunden, die auf urbane Legenden und Creepypastas, also Internet-Gruselgeschichten, spezialisiert sind und keinerlei Anspruch auf Seriosität erheben. Natürlich wurde in den 1940er Jahren tatsächlich sehr viel an Menschen herumexperimentiert, egal ob in der Sowjetunion, den USA, Japan oder auch im nationalsozialistischen Deutschland. Und auch Schlafentzug wurde sowohl als Foltermethode als auch als Experiment angewendet. Allerdings gab es keinen bestätigten Fall, der auch nur annähernd so beschrieben wurde wie die angeführte Geschichte. Doch auch wenn davon ausgegangen werden kann, dass sie frei erfunden ist, sind es andere leider nicht - etwa die grausamen medizinischen Experimente, die Josef Mengele an KZ-Häftlingen durchführte, oder auch die Erforschung von biologischen und chemischen Waffen, die die japanische Armee in den 1930er Jahren an chinesischen Kriegsgefangenen durchführte. Ich möchte euch allerdings von ein paar nicht ganz so grausamen sozialen Experimenten erzählen, die tatsächlich stattgefunden haben.

Ein Film, der in Schwurbelkreisen sehr beliebt ist, ist Die Welle von Dennis Gansel aus dem Jahre 2008. Er handelt von einem Sozialexperiment, das ein Lehrer mit seinen Schülern durchführt, um ihnen zu demonstrieren, auf  welche Weise eine autokratisches, faschistoides Gesellschaftssystem entstehen kann. Selbstverständlich sehen Verschwörungsgläubige sich in diesem Film als jene, die Widerstand geleistet hätten, während wir anderen die dummen Mitläufer gewesen wären. Wie auch immer, jedenfalls hat ein vergleichbares Experiment in den 1960er Jahren tatsächlich stattgefunden und wurde 1981 tatsächlich schon einmal unter dem Titel The Wave für das US-amerikanische Fernsehen verfilmt. Im selben Jahr schrieb Morton Rhue den gleichnamigen Roman, der vor allem in deutschsprachigen Schulen bis heute zur Pflichtlektüre gehört - auch mir ist er im Unterricht das erste Mal in die Hände gekommen, das Exemplar von damals besitze ich heute noch. Die deutsche Version finde ich prinzipiell gut - teilweise wird die Geschichte, vor allem das Ende, allerdings so sehr dramatisiert, dass nur die erstklassige Arbeit der Schauspieler ihn davor bewahrt, ins Lächerliche abzudriften.

Sowohl der amerikanische als auch der deutsche Film basieren auf dem Experiment The Third Wave des Geschichtslehrers und Basketballtrainers Ron Jones aus dem Jahre 1967. Dieser war gerade frisch von der Universität gekommen und unterrichtete an der Cubberley High School in Palo Alto, Kalifornien. Damals unterrichtete er eine zehnte Klasse und behandelte unter anderem auch den Nationalsozialismus; dabei kam die Frage auf, warum damals in der "normalen" Bevölkerung Deutschlands niemand etwas von der Judenverfolgung und den Gräueltaten in den Konzentrationslagern gewusst haben wollte - eine Frage, die Jones nicht beantworten konnte. Also beschloss er, die darauffolgende Woche für ein Experiment zu nutzen, dessen Abfolge er neun Jahre später in dem Buch No Substitute for Maness: A Teacher, His Kids and the Lessons of Real Life publizierte. Ursprünglich nahmen die drei Geschichtsklassen daran teil, die er unterrichtete, also etwa 90 Schüler; zum Ende hin wuchs die Zahl der Teilnehmer auf insgesamt 200 - das Experiment wurde "The Third Wave" ("Die dritte Welle") genannt. Er begann damit, neue Verhaltensregeln aufzustellen und mit großer Strenge durchzusetzen, verwundert, dass die Jugendlichen sie widerspruchslos akzeptierten. Dann kreierte er daraus eine Bewegung, die er "Die dritte Welle" nannte, betonte die Wichtigkeit von eiserner Disziplin und bedingungslosem Gemeinschaftssinn und teilte den Schülern verschiedene Rollen zu. Diese nahmen die neuen Strukturen positiv auf, zumal dadurch auch der harte Konkurrenzdruck untereinander abgemildert wurde; allerdings regten sich je länger das Experiment dauerte, auch immer mehr Zweifel, da die Dritte Welle zwar einerseits vormalige Außenseiter integrierte, andererseits aber auch Mobbing gegen Andersdenkende initiiert wurde. Zudem erkannte Jones, dass die Grenzen zwischen seiner gespielten Rolle als Diktator und seiner tatsächlichen Funktion als Lehrer immer mehr verschwammen. Und so berief er am fünften Tag eine Versammlung aller Mitglieder der Dritten Welle ein, in der er die Mechanismen auflöste, mit denen er sie manipuliert hatte und die Parallelen zum Verhalten der Schüler und dem der Bevölkerung Deutschlands im Dritten Reich aufzeigte.

Ein weiteres Experiment, das sich mit Folgsamkeit gegenüber Autoritäten beschäftigt, kennt sicherlich auch noch jeder von euch aus der Schulzeit - ich spreche natürlich vom Milgram-Experiment, das erstmals im Jahre 1961 in New Haven, Connecticut, durchgeführt wurde. Dieses von dem Psychologen Stanley Milgram entwickelte Projekt sollte die Bereitschaft des Durchschnittsmenschen untersuchen, auch dann noch den Anweisungen von Autoritäten zu folgen, wenn diese ihren eigenen ethischen Grundsätzen widersprachen. Vorbild war hierbei Jerome D. Franks Soda-Cracker-Experiment aus den 1930er Jahren, das die Gehorsamsbereitschaft untersuchte, indem Personen dazu gebracht wurden, unter verschiedenen Voraussetzungen zwölf ungesalzene, wenig schmackhafte Kekse zu essen. Der Ablauf ist allgemein bekannt. Versuchspersonen mussten nach Anweisung eines "Versuchsleiters" einem "Schüler" Fragen stellen und diesen bei jedem Fehler mit einem elektrischen Schlag bestrafen, wobei die Spannung jedes Mal erhöht wurde. Was die Probanden jedoch nicht wussten, war, dass sowohl die "Versuchsleiter" als auch die "Schüler" Schauspieler waren und es in Wirklichkeit gar keine Stromschläge gab - sie gingen also davon aus, dass sie den "Schülern" echte Schmerzen zufügten. Hier zeigt sich wieder, dass auch in der Schule nicht immer die Wahrheit gesagt wird: Uns hat man nämlich damals erzählt, dass alle "Lehrer" bis zum Ende mitgemacht und niemand sich widersetzt hätte. So schlimm war es dann aber doch nicht - zwar gingen erschreckend viele bis zur maximalen Spannung, aber es gab durchaus auch ein paar, die sich ab einem gewissen Level weigerten, weiter mitzumachen. Zudem wurde das Experiment nicht nur einmal durchgeführt und auch mehrfach variiert, beispielsweise wurde in einer Wiederholung im Jahre 2006 nach Geschlechtern differenziert - übrigens ohne signifikanten Unterschied. Lange Zeit wurden die Ergebnisse des Milgram-Experiments als Erklärungsmodell dafür herangezogen, warum Menschen etwa foltern oder Kriegsverbrechen begehen. Heute werden die Ergebnisse allerdings nicht mehr unbedingt als repräsentativ angesehen, da beeinflussende Faktoren häufig nicht berücksichtigt wurden. Auch war das Experiment für viele der Versuchspersonen nicht folgenlos; viele litten trotz nachfolgender psychologischer Betreuung noch Jahrzehnte später an posttraumatischen Belastungsstörungen.

Das Stanford-Prison-Experiment, das 1971 von den amerikanischen Psychologen Philip Zimbardo, Craig Haney und Curtis Banks an der Stanford University durchgeführt wurde, ist so populär, dass es mehrmals verfilmt wurde, etwa 2001 in Oliver Hirschbiegels Das Experiment, 2010 in Paul Scheurings The Experiment und 2014 in Kyle Patrick Alvarez' The Stanford Prison Experiment. Bis heute ist es Gegenstand kontroverser Diskussionen. Damals wurden mittels eines Persönlichkeitstests 24 freiwillige Stanford-Studenten aus der Mittelschicht ausgewählt, deren Ergebnisse dem Durchschnitt entsprachen. Per Münzwurf wurden sie in zwei Gruppen eingeteilt - Wärter und Gefangene. Letztere mussten im Vorfeld Dokumente unterschreiben, in denen sie währen der Dauer des Experiments auf einige ihrer Grundrechte verzichteten. Einige Tage später wurden sie "festgenommen" und in Laborräume im Keller der Universität gesperrt, die für die Dauer des Experiments zu Gefängniszellen umgebaut worden waren. Sie bekamen schwere Fußketten, einen Kittel und eine eng anliegende Mütze und wurden mit Nummern versehen, die sie statt ihrer Namen zu verwenden hatten. Die Wärter wiederum wurden mit Gummiknüppeln, Uniformen und Sonnenbrillen ausgestattet - sie hatten die Befugnis, eigenständig Regeln zu bestimmen und nach ihrem Gutdünken für Ruhe und Ordnung zu sorgen, einige erzählten jedoch später, sie seien vom Studienleiter zu besonders strengem Vorgehen angehalten worden. Nun wurden die Gefangenen zu beliebigen Tag- und Nachtzeiten zu Zählappellen aufgerufen; bereits am Morgen des nächsten Tages begannen sie sich zu widersetzen, woraufhin die Wärter begannen, sie fortwährend zu demütigen. Diejenigen, die sich am wenigsten an dem Aufstand beteiligt hatten, wurden bevorzugt behandelt, wodurch die Solidarität untereinander gebrochen und weitere Revolten verhindert wurden. Bereits nach drei Tagen eskalierte die Situation; einige Gefangene erlitten emotionale Zusammenbrüche und mussten entlassen werden, und aufgrund der zunehmend sadistischen Verhaltensweisen der Wärter musste mehrmals eingeschritten werden, um Misshandlungen zu verhindern. Nach sechs Tage wurde das Experiment, das eigentlich für zwei Wochen angedacht gewesen war, abgebrochen werden. Bereits kurz nach seinem Ende geriet es in die Kritik - so wurde evaluiert, dass die Probanden sich keineswegs wie Wärter und Gefangene verhielten, sondern so, wie sie sich Wärter und Gefangene vorstellten. Auch konnte das Ergebnis nicht reproduziert werden, und darüber hinaus wurde auch Zimbargos Rolle innerhalb des Experiments ebenfalls kritisiert; eigentlich war er zur Neutralität und Objektivität verpflichtet, stattdessen beteiligte er sich als leitender Vollzugsbeamter aktiv daran.

Auch das Konformitätsexperiment des Gestaltpsychologen Solomon Asch, dessen Ergebnisse 1951 veröffentlicht wurden, untersuchte die Wirkung von Gruppenzwang auf Einzelpersonen, indem es versuchte, zu reflektieren, inwieweit diese bereit ist, aufgrund dessen offensichtlich falsche Aussagen für richtig zu erklären. Hierzu wurden eine Reihe von Personen an einen Konferenztisch gesetzt, zu denen dann eine Versuchsperson geschickt wurde, welche nicht wusste, dass die anderen eingeweiht waren. Dieser Gruppe wurde auf einer Karte eine Linie gezeigt, die Referenzlinie, und auf einer zweiten drei Vergleichslinie; Aufgabe war es, zu entscheiden, welche der Vergleichslinien gleich lang war wie die Referenzlinie. In der Kontrollgruppe sollte die richtige Einschätzung abgegeben werden, natürlich machte die Versuchsperson in dieser Gruppe auch eher selten Fehler. In der Experimentalgruppe wiederum fanden jeweils achtzehn Schätzungen statt, wobei sechs davon richtig und die restlichen falsch sein sollten. Trotz der Offensichtlichkeit der Fehlurteile passte sich die Versuchsperson bei etwa einem Drittel der Durchgänge der Mehrheit an. Das Experiment wurde mehrfach repliziert, wobei sich herausstellte, dass die erzeugte Konformität umso höher ist, je größer die Gruppe ist. wird die Konformität der Vertrauten aufgebrochen, ist die Fehlerquote der Probanden geringer, ebenso wie wenn einer der Vertrauten sich auf deren Seite stellt. Kritiker wiesen allerdings darauf hin, dass die teilnehmenden Studenten möglicherweise wenig Interesse hatten, sich in einem Konflikt um eine richtige Antwort zu bemühen.

Im vorigen Jahr wurde für den ORF ein Experiment wiederholt, das bereits in den 1970er Jahren für Aufsehen sorgte - und zwar das Blue-Eyes/Brown-Eyes"-Experiment der US-amerikanischen Lehrerin und Anti-Rassismus-Aktivistin Jane Elliot. Diese versuchte, ihren Schülern im Jahre 1970 Rassismus zu erklären, indem sie die Erlebniswelt Betroffener durch die Einteilung in zwei Gruppen simulierte - sie schrieb den Kindern mit braunen Augen positive und denen mit blauen Augen negative Eigenschaften zu, räumte den Braunäugigen Privilegien ein und ermutigte sie, nur miteinander zu spielen und die anderen zu ignorieren. Schon bald wirkte sich das Experiment auf die schulischen Leistungen aus: die der Privilegierten wurden besser, die der Benachteiligten schlechter. In der Woche darauf kehrte Elliot die Verhältnisse um, erhob die Kinder mit blauen Augen in die privilegierte und die mit braunen Augen in die benachteiligte Position. Die Berichte der Schüler wurden in einer Zeitung veröffentlicht, das Experiment erlangte dadurch Bekanntheit. Elliots Ziel war es, anderen Erfahrungen von Personen näherzubringen, die diskriminierten Minderheiten angehören, um auf diese Weise Stigmatisierungen bewusst zu machen und Menschen zu sensibilisieren - aber auch, um zu veranschaulichen, dass man Vorurteile nicht mit Nichtstun bekämpft. Sie wurde zur Aktivistin und hält heute Workshops und Vorträge in aller Welt; 2001 wurde das Experiment in dem Dokumentarfilm The Angry Eye endgültig bekannt. Der häufigste Kritikpunkt an dem Experiment ist, dass Elliot Machtmissbrauch betreibe; ich verstehe diesen Einwand jedoch nicht, da es ja genau das ist, worum es geht. Leider leben wir momentan in einer Zeit, in der sich manche Leute sofort persönlich angegriffen fühlen, wenn man über Diskriminierung von Minderheiten spricht - ein untrügliches Zeichen, dass dieses Problem noch lange nicht gelöst ist.

Nun gut, aber dafür ist die Frage gelöst, was sie sich wohl für diesen Artikel ausgedacht haben mag. Mir jedenfalls war es ein Vergnügen, mich wieder mal auf ein neues Thema zu stürzen und auch ein bisschen etwas zu lernen. Ich hoffe, es hat euch ebenso viel Spaß gemacht wie mir und freue mich schon auf das nächste Mal. Bon voyage!

vousvoyez

Montag, 29. November 2021

Bill Gates ist schlimmer als Hitler, denn wegen Adolf ist mein Computer noch nie abgestürzt

https://unsplash.com/@ckollias
Ein Kommentar aus jener Zeit, als die Forschungen an dem Impfstoff gegen Covid-19 bereits auf Hochtouren liefen - und Bill Gates durch seine Stiftung  in Schwurbelkreisen Teil der großen Verschwörung wurde. Ich persönlich erinnere mich an ihn noch als denjenigen, der durch sein Unternehmen Microsoft zu einem der reichsten Menschen der Welt wurde - in meiner frühen Jugend war nicht Apple Inc. der große heiße Scheiß, sondern tatsächlich Microsoft. Was Bill Gates betrifft, so wurde ihm zumindest im letzten Jahr gern unterstellt, er wolle uns mit der Impfung einen Überwachungschip implantieren - mal ganz abgesehen davon, dass so ein Chip wohl eher kaum in eine Injektionsnadel passen würde, wäre das ja eigentlich völlig unnötig, da eh jeder ganz freiwillig sein Handy mit sich in der Tasche transportiert. Ein weiterer Verschwörungsmythos ist, dass die Impfung unfruchtbar mache und Gates damit die Bevölkerung in der Dritten Welt reduzieren wolle - was auch sehr viel Sinn ergibt, wenn man bedenkt, dass in der Dritten Welt die wenigsten Menschen in den Genuss einer Impfung kommen. Aber komm du mal einem Schwurbelfritzen mit Logik!

Aber Schluss jetzt mit Corona - ich habe euch ja versprochen, dass ich diesmal was anderes machen werde. Und das mache ich auch: Ich werde mich nämlich zum ersten Mal seit langem wieder zwei Disney-Filmen zuwenden - und zwar jenen, die auf Erzählungen aus der griechischen Antike basieren. Ich hatte als Jugendliche eine Phase, in der ich mich sehr mit griechischer Mythologie beschäftigt habe, deswegen sind mir die meisten dieser Geschichten und Figuren nicht fremd. Als ich ungefähr zwölf oder dreizehn Jahre alt war, entdeckte ich die freien Nacherzählungen des österreichischen Schriftstellers Michael Köhlmeier über die griechischen Sagen, die damals in dem Radiosender Ö1 ausgestrahlt wurden. Und so saß ich ganze Nachmittage neben dem Radio auf dem Boden meines Zimmers und lauschte diesen überaus spannenden Geschichten. In der Folge kaufte ich mir auch die Bücher und kannte mich schon bald selbst recht gut aus, was in der Schule keineswegs ein Nachteil war. Und genau in dieser Zeit kam Disneys Hercules in die Kinos.

Der im Jahre 1997 erschienene Zeichentrickfilm unter der Regie von John Musker und Ron Clements war für mich eine herbe Enttäuschung - auch wenn ich schon alt genug war, um zu wissen, dass Disney adaptierte Geschichten oft sehr frei interpretiert. Und obwohl die Figuren von dem genialen britischen Karikaturisten Gerald Scarfe entworfen worden waren, der beispielsweise auch die Zeichentricksequenzen von Pink Floyds legendärem Film The Wall gestaltet hatte, was Hercules einen ganz speziellen Stil verlieh. Das Problem ist halt, dass die mythologische Geschichte sehr nach amerikanischen Sehgewohnheiten aufbereitet und auf das zurechtgestutzt wurde, was bei Disney als "familienfreundlich" verstanden wird. Was das zu bedeuten hat, werden wir noch sehen.

Im Film ist Hercules der Sohn des Göttervaters Zeus und seiner Gattin Hera; seine Geburt ist Hades, dem Gott der Unterwelt, Bruder und gleichzeitig auch mächtiger Widersacher von Zeus, jedoch ein Dorn im Auge, da er die Macht über die Götterwelt an sich reißen will und ihm geweissagt wurde, dass Hercules ihm das einst vereiteln würde. Er beauftragt seine Gehilfen Pech und Schwefel, das Baby auf die Erde zu entführen und ihm durch ein magisches Elixier der Unsterblichkeit zu berauben, damit er ihn töten kann. Der Plan misslingt, das Kind trinkt die Flasche nicht ganz aus und wächst in der Folge als Pflegekind des kinderlosen Menschenpaares Amphitryon und Alkmene zu einem sterblichen Menschen heran, ohne jedoch seine göttliche Kraft verloren zu haben. Als Jugendlicher erfährt er, dass er möglicherweise von den Göttern abstammt, doch er muss sich erst als würdig erweisen, dorthin wieder aufgenommen zu werden. So wird der von dem Satyr Philoktetes, genannt Phil, unterrichtet, der schon andere große Helden unter seine Fittiche genommen hat. Erwachsen geworden, lernt Hercules bei einem Kampf gegen einen Flussgott die schöne Megara, genannt Meg, kennen und verliebt sich in sie, ohne zu ahnen, dass sie zu Hades' Gefolgsleuten gehört. Nachdem er gegen eine Reihe von Ungeheuern gekämpft hat und sein Ruhm immer größer geworden ist, erklärt er sich bereit, Meg zuliebe eine Weile auf seine Kräfte zu verzichten. So kann Hades mit den befreiten Titanen den Olymp stürmen; indessen gelingt es Meg zusammen mit dem fliegenden Pferd Pegasus, Phil auf den Plan zu rufen und opfert ihr Leben, damit Hercules seine Kräfte wieder zurückerlangen kann. So gelingt es ihm, die Schlacht gegen Hades und sein Gefolge siegreich zu schlagen; anschließend will er Meg aus der Unterwelt zurückholen und ist bereit, dafür sein eigenes Leben zu geben. Diese selbstlose Tat gibt ihm seine Göttlichkeit wieder, und so kehrt er zusammen mit Meg auf den Olymp zurück, verzichtet jedoch auf ein Leben als Gott und entscheidet sich stattdessen, zusammen mit Meg auf der Erde zu leben.

Wie wir wissen, ist Hercules einer der berühmtesten, wenn nicht gar der berühmteste Held der griechischen Antike. Zu dem strahlenden Helden, der er heute ist, machten ihn allerdings erst die Römer, die ihm einen Charakter verliehen, der mehr oder weniger an die Actionhelden der 1980er Jahre erinnert. Auch der Name Hercules ist römischen Ursprungs - in der griechischen Sagenwelt lautet sein Name Herakles. Ein weiterer Unterschied zwischen Film und Mythologie ist, dass es die Gut-Böse-Dualität, die in Hollywood und speziell bei Disney so beliebt ist, in der griechischen Sagenwelt so gar nicht gibt - beispielsweise ist das griechische Paradies, das Elysium, eigentlich nur für besonders gute Menschen gedacht, aber manchmal kommen dort Leute hin, die das nach unseren Moralvorstellungen gar nicht verdient hätten (so ist Helena nur wegen ihrer Schönheit dort). Entsprechend ist Hades eigentlich auch gar nicht "der Böse" und Zeus nicht "der Gute" - aber ein Zeus, der alles bespringt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist (hihihihihi, sie hat "bespringen" gesagt), passt halt nicht in ein Disney-Märchen. Deshalb wird im Film auch streng nach Hollywood-Ideologie Zeus' rechtmäßig angetraute Ehefrau Hera zur Mutter des Helden gemacht - und nicht Alkmene, wie in der eigentlichen Sage. Und auch der leidenschaftliche Hass, den Hera in der mythologischen Vorlage für Herakles empfindet, passt hier nicht hinein - zumal dieser darin begründet ist, dass Zeus sie wieder einmal betrogen, ihr dies aber als seinen göttlichen Auftrag verkauft hat. Darüber hinaus ist die Sterbliche Alkmene ebenfalls verheiratet, und zwar mit Amphitryon, der ihr den Seitensprung jedoch verzeiht, da er schnell begreift, dass er gegen einen Gott nichts ausrichten kann. Stattdessen zeugt er mit ihr ebenfalls einen Sohn, und so bringt Alkmene Zwillinge zur Welt - der eine ist Herakles, Sohn des Zeus, der andere Iphikles, Sohn des Amphitryon. Von Anfang an sinnt Hera auf Rache und schickt den Kindern eine giftige Schlange in deren Bettchen - die Herakles mit bloßen Händen erwürgt.

Vor allem aber ist der mythologische Herakles nicht der strahlende Held, zu dem ihm die Römer später gemacht haben, sondern ein zutiefst widersprüchlicher Charakter mit einer tragischen Geschichte - einerseits bringen ihm seine Heldentaten viel Ruhm und Ehre, andererseits wächst er aber nicht daran, sondern wird immer mehr zu dem, was er eigentlich bekämpft. Sein Leben lang wird er von einem unbändigen Jähzorn angetrieben, der häufig mit Wahnvorstellungen einhergeht und zusammen mit seiner unbändigen Körperkraft zu einer tödlichen Gefahr werden kann, die auch so manchem Unschuldigen das Leben kostet. So erschlägt er als Jugendlicher aus einem Wutanfall heraus seinen Musiklehrer, und als Erwachsener tötet er unter Wahnvorstellungen seine geliebte Frau Megara und die vier gemeinsamen Kinder. Auch ansonsten entspricht Herakles so gar nicht dem modernen Bild eines Helden: Er tötet die, die nicht nach seinem Willen handeln, und ist durch sein unbedachtes Handeln auch für den ein oder anderen Krieg verantwortlich. Frauen gegenüber ist er keineswegs so schüchtern und unsicher wie im Film - er nimmt sich, was er begehrt, ohne Rücksicht auf die Frauen selbst oder auf deren Väter, die er auch schon mal aus dem Weg räumt. Die berühmteste Geschichte um Herakles aber ist die der zwölf Aufgaben, die er für seinen Vetter Eurystheus, König von Mykene, erledigen soll, um den Mord an seiner Frau und seinen Kindern zu sühnen - ihr immenser Umfang hat sich sogar in unserem Sprachschatz unter dem Namen "Herkulesaufgabe" niedergeschlagen. Nebenbei hatte Herakles, während er die zwölf Aufgaben erledigte, noch einige andere Hindernisse zu überwinden, die in andere Sagenkreise hineinspielten - etwa der um Iason und die Argonauten oder auch um den Trojanischen Krieg. Möglicherweise ist es allerdings auch seiner Popularität zu verdanken, dass er quasi in jeder bekannten griechischen Sage irgendeine Rolle gespielt haben soll.

Auch die Geschichte um Herakles' Tod zeigt, dass sein Charakter im Gegensatz zu der glatt gebügelten Disney-Variante von hoher Ambivalenz ist: Durch einen Kampf mit dem Flussgott Acheloos, der sich in abgewandelter Form auch bei Disney wiederfindet, erlangt er die Gunst der schönen Königstochter Deïaneira, die seine zweite Frau wird. Diese wird beinahe von dem Zentauren Nessos entführt, der jedoch von Herkules' Pfeil niedergestreckt wird, welcher mit dem tödlichen Gift der Hydra von Lernos getränkt ist. Der sterbende Zentaur rät ihr, etwas von seinem Blut aufzufangen und aufzubewahren für den Fall, dass sie sich Herakles' Liebe nicht sicher sein kann - sie ahnt jedoch nicht, dass das Blut eines Zentauren kein Liebeselixier ist. Herakles beginnt das geregelte Familienleben bald zu langweilen, weshalb er sich aufmacht, um neue Abenteuer zu erleben - bei seiner Rückkehr erfährt Deïaneira jedoch, dass er eine Gefangene, die schöne Iole, mitbringen wird. Von Eifersucht geplagt, bestreicht sie seine Tunika mit dem Blut des Nessos in dem Glauben, dadurch seine Liebe zurückzugewinnen - doch stattdessen beschert das Gewand dem Helden unerträgliche Schmerzen, weshalb er einen Scheiterhaufen errichtet und sich von seinem Jugendfreund Philoktetes (der in der Sage kein Satyr ist) bei lebendigem Leib verbrennen lässt. Das Feuer verbrennt seinen sterblichen Leib; der unsterbliche Teil darf jedoch in den Olymp, wo er sich mit Hera versöhnt und deren Tochter Hebe, der Göttin der Jugend, heiratet - deren Vater Zeus ist, aber Inzestverhältnisse sind in der griechischen Götterwelt keineswegs eine Seltenheit. Beispielsweise sind Zeus und Hera nicht nur Eheleute, sondern auch Geschwister - beide sind direkte Nachkommen des Titanenpaares Kronos und Rhea, die wiederum die Kinder von Gaia und Uranos, dem Himmel und der Erde, sind. Und Uranos wiederum ist nicht nur der Ehemann, sondern auch der Sohn von Gaia.

Der Disney-Film weicht aber nicht nur bezüglich Hercules' Charakter und Geschichte stark von der mythologischen Vorlage ab - so wurden die neun Musen, die Schutzgöttinnen der Künste, auf fünf reduziert, und insgesamt kann man anmerken, dass verschiedene Elemente der gesamten Mythologe in dem Film wild durcheinandergemischt wurden. So erinnert die Darstellung der Moiren, also der Schicksalsgöttinnen, eher an die der Graien aus der Perseus-Geschichte, die hier keine Göttinnen sind, sondern mit den Gorgonen verwandt, mythologische Schreckgestalten mit Flügeln und Schlangenhaaren. Es handelt sich hierbei um drei alte Frauen, sozusagen um die Personifizierung des Alters, die schon als Greisinnen zur Welt kamen - sie besitzen zusammen nur ein einziges Auge und einen Zahn, die sie allerdings untereinander weiterreichen können, je nach Bedarf. Perseus sucht sie auf, als er nach der Gorgone Medusa sucht, und luchst ihnen Auge und Zahn ab, um von ihnen ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Als er Medusa den Kopf abschlägt, wird aus ihrem Blut übrigens das geflügelte Pferd Pegasos geboren - das eigentlich ebenfalls nicht zur Herkules-Sage gehört, sondern zu der des Helden Bellerophon, welcher auf Pegasos' Rücken die Chimäras und die Amazonen besiegte. Das magische Pferd des mythologischen Herakles hieß Areion - es ging aus einer Verbindung des Meeresgottes Poseidon mit der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter hervor. Diese hatte auf den aufdringlichen Gott keine Lust, also verwandelte sie sich in eine Stute und versteckte sich in der Herde des Königs Onkios - was für Poseidon jedoch kein Hindernis war, denn er verwandelte sich in einen Hengst. Areion konnte sprechen und sehr schnell laufen - er gehörte erst Onkios, dann Herakles und später Adrastos, dem König von Argos.

Ein weiterer Film, dem ich mich heute widmen will, ist Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt aus dem Jahr 2001, bei dem Gary Trousdale und Kirk Wise Regie führten. Es handelt sich hierbei um ein technisch gut gemachtes Werk, der allerdings bei den Kinokassen nicht sehr erfolgreich war - wohl, weil ihm die Possierlichkeit fehlt, die bei den meisten Disney-Filmen das hervorstechendste Merkmal ist, und weil sich der handgezeichnete Film zu diesem Zeitpunkt außerhalb Japans eher auf dem absteigenden Ast befand. Ähnlich wie bei Pocahontas, wollte man wohl auch hier ein Werk kreieren, das auch ein erwachseneres Publikum ansprach, was wohl auch den eher kantigen Zeichenstil und die actionreiche Handlung erklärt. Ein wenig erinnert er an die klassischen Abenteuergeschichten à la Jules Verne - und wie damals üblich, so hat man auch hier auf die Anziehungskraft von Hollywood-Stars gesetzt, beispielsweise wird der Protagonist Milo Thatch im Original von Michael J. Fox synchronisiert, und in der deutschen Version wird der Song im Abspann von der damals bereits sehr populären Girlgroup No Angels zusammen mit Donovan gesungen.

Die Handlung spielt im Jahre 1914; der junge Wissenschaftler Milo Thatch ist einer der wenigen, die an die Existenz der versunkenen Stadt Atlantis glauben, weshalb er nur wenig Unterstützung von seinen Vorgesetzten erhält. Dies ändert sich, als er eines Abends Besuch von Helga Sinclair bekommt, die ihn mit dem milliardenschweren Unternehmer Mr. Whitman, einem alten Freund von Milos Großvater, bekannt macht. Dieser erklärt sich bereit, Milos Expedition nach Atlantis zu finanzieren, der von jenem Expertenteam begleitet wird, das auch schon Milos Großvater zur Seite stand, und übergibt ihm auf Anweisung des Großvaters das Tagebuch eines Hirten, das ihn zu der versunkenen Stadt führen soll. Also macht sich Milo mit seinem Team auf die gefahrvolle Reise in einem hochmodernen U-Boot, die damit endet, dass ihr Gefährt von einem Leviathan angegriffen wird, was dem Großteil der Besatzung das Leben kostet. Unter Milos Führung schaffen es die Überlebenden, nach Atlantis zu gelangen, dessen König sie gar nicht begeistert aufnimmt, während Milo sich in dessen Tochter Kida verliebt. Diese vertraut ihm an, dass Atlantis dem Untergang geweiht ist, weil ihre Bewohner verlernt haben, die alten Schriften zu lesen und die eigene Technologie zu nutzen. Zusammen machen sie sich auf die Suche nach dem "Herz von Atlantis", einen Kristall, der für das Überleben der Atlanter essenziell ist - dabei stellt sich jedoch heraus, dass es sich bei dem übrigen Expeditionsteam um eine Söldnertruppe handelt, die den Kristall stehlen will. Als diesen es gelingt, ihn zu finden, reagiert er auf Kida, woraufhin diese mit ihm verschmilzt und selbst zum Kristall wird. Daraufhin sperren die Söldner sie in eine Transportkapsel und wollen mit ihr Atlantis verlassen; Milo kann zwar ein paar von ihnen überzeugen, dass das Leben der Atlanter wichtiger ist als der Kristall, aber zwei von ihnen verlassen Atlantis dennoch mit Kida. Der kurz vor dem Ableben stehende König erzählt den anderen, dass der Kristall bei Gefahr immer mit einem Wirt königlichen Geblüts verschmilzt, um Atlantis zu schützen; bleibt der Wirt jedoch zu lange mit ihm verschmolzen, wird er zu einem Teil von ihm. Also beschließt Milo, Kida und Atlantis zu retten; zusammen mit den zurückgebliebenen Expeditionsteilnehmern und den Atlantern zieht er in den Kampf, wobei die beiden, die den Kristall entführt haben, ihr Leben verlieren. Als vor den Toren der Stadt ein gewaltiger Vulkan ausbricht, der droht, sie zu zerstören, können sie die Transportkapsel gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen und die Stadt vor der Lava schützen. Danach gibt der Kristall Kida wieder frei, und während die anderen wieder zurückreisen, beschließt Milo, in Atlantis zu bleiben; Mr. Whitmore erhält als Beweis für die Existenz einen jener Kristalle, die die Bewohner von Atlantis um den Hals tragen. Was aber hat es mit diesem Atlantis auf sich, das in so vielen Geschichten eine Rolle spielt und um das sich so viele Verschwörungsmythen ranken?

Etwa um 360 v. Chr. beschrieb der Philosoph Platon das Inselreich Atlantis in seinen Dialogen Timaios und Kritias - Letzterer blieb unvollendet. Es handelt sich dabei um fiktive Dialoge zwischen jeweils zwei historischen Persönlichkeiten aus Politik und Philosophie - die ausführlichere Beschreibung befindet sich vor allem in der Kritias, in welcher der angebliche Untergang von Atlantis im Krieg gegen Athen erzählt wird. Dem Philosophen Kritias zufolge habe Atlantis große Teile Europas und Afrikas erobert und sei vor seinem Untergang auch im Begriff gewesen, sich auch Griechenland untertan zu machen, ehe es von Athen in einer siegreichen Schlacht geschlagen und kurz darauf durch ein Erdbeben und eine Flutwelle zerstört worden sei. Das Reich selbst wird sehr detailliert beschrieben, beherrscht worden sei es von den Nachfahren des Atlas, eines Sohnes des Meeresgottes Poseidon, der sowohl dem Inselstaat als auch dem Atlantischen Ozean seinen Namen verliehen  hätte und nicht zu verwechseln ist mit jenem Titanen, der für seine Loyalität zu Kronos von Zeus damit bestraft wurde, für alle Ewigkeiten das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern zu tragen, bis er von Perseus mit dem abgeschlagenen Haupt der Medusa versteinert und zum Atlasgebirge wurde. Die Zerstörung von Atlantis erklärt Platon ebenfalls mit der Strafe der Götter, da die Bewohner des Reiches von Gier und Macht getrieben worden seien - nähere Ausführungen dazu gibt es allerdings nicht, da die Kritias, wie schon gesagt, unvollendet ist, und es nun mal in der Natur unvollendeter Werke liegt, dass Teile davon fehlen. Prinzipiell ist die Atlantis-Episode aber wohl eine jener Geschichten, die Platon gerne in seine Werke einbaute, um eine zuvor aufgestellte These zu veranschaulichen. In diesem Falle versuchte er damit, die praktische Bewährung eines idealen Staates zu veranschaulichen. Wobei hier nicht Atlantis, sondern Athen als Ideal dargestellt wurde - vielfach versteht man dies heute als politische Allegorie auf die expansive Seemachtspolitik des realen Athen.

Ob es sich bei Atlantis um ein real existierendes historisches Inselreich oder eine reine Erfindung Platons handelt, daran scheiden sich bis heute die Geister - bereits in der Antike wurde darüber gestritten. Die Fiktionalität der Geschichte ist allerdings bereits daran erkennbar, dass in der Kritias ein Athen geschildert wird, das es so nie gegeben hat, während das Bild von Atlantis aus verschiedenen Elementen realer Vorbilder zusammengestückelt und nach den Feindbildern des antiken Griechenlands gestaltet ist. Andere wiederum sind überzeugt davon, dass es sich bei dieser Erzählung um keine Erfindung Platons handelt - argumentiert wird dies damit, dass Platon die Atlantik-Geschichte, im Gegensatz zu seinen anderen Parabeln, nicht ausdrücklich als "Mythos" gekennzeichnet hat und dass es auffällige Ähnlichkeiten zu älteren Quellen aus Ägypten gäbe. Und dann gibt es eben diejenigen, die glauben, dass es Atlantis tatsächlich gegeben und sein Untergang wirklich stattgefunden hat. Sie sind überzeugt, dass Platons Erzählung auf einer wahren Begebenheit beruhe oder zumindest einen historischen Kern beinhalte. Die Versuche, ein historisches Atlantis zu lokalisieren, beschränken sich allerdings bis heute auf Hypothesen von einzelnen Personen - die meisten Philologen und Althistoriker halten die Geschichte allerdings für reine Fiktion und begründen das damit, dass all die Spekulationen letztendlich auf nur eine einzige Quelle - nämlich Platon - zurückzuführen ist.

Vermutungen um ein historisches Atlantis gab es, wie schon erwähnt, bereits in der Antike, etwa bei Krantor von Soloi, Proklos und Tertullian. Im Mittelalter geriet der Mythos allmählich in Vergessenheit, um in der frühen Neuzeit im wahrsten Sinne des Wortes eine Renaissance zu erleben - natürlich durch die Rückbesinnung auf die griechisch-römische Antike, aber auch durch die Seereisen zu bisher unbekannten Teilen der Welt, allen voran natürlich Amerika. Viele damalige Philosophen machten sich das Stilmittel der Scheingeschichte, um Kritik an Geschehnissen der eigenen Gegenwart zu üben, zu eigen, so etwa Thomas Morus, Tommaso Campanella oder auch Francis Bacon. Im 16. und 17. Jahrhundert hielten manche Atlantis gar für den Ursprung der menschlichen Zivilisation, eine Idee, die sich im 19. Jahrhundert in Ignatius Donnellys Buch Atlantis - The antediluvian World wiederfindet, der sogar behauptete, Atlantis sei die Urheimat der Arier; er beschrieb Atlantis als eine Art Paradies, das jedoch moralisch korrumpiert worden sei, womit er dessen Untergang erklärte. Theosophen, Anthroposophen und Ariosophen hielten die "Atlantider" für die Repräsentanten einer der sieben Menschheitsepochen, während der Mythos in der Philosophie Cosmique als Ursprung okkulter Lehren genannt wird. Diese beiden Lehren fanden auch ihren Niederschlag in der Ideologie des Nationalsozialismus - hier soll Atlantis zur Urheimat der "arischen Herrenrasse" erklärt; lokalisiert wurde es in diesem Rahmen allerdings in der Nordsee oder gar am Nordpol. Diese Idee findet bis heute in rechtsextremen Kreisen großen Anklang, und zwar weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Aber natürlich werden auch die Außerirdischen mit der Atlantis-Geschichte in Verbindung gebracht - in dieser Geschichte wurde Atlantis als erste Zivilisation von Aliens gebaut. Nach seiner Zerstörung wurde das reichhaltige atlantische Wissen zwar gerettet, aber dummerweise in der Bibliothek von Alexandria aufbewahrt, die ja bekanntermaßen verschwunden ist.

Aber nicht nur in toxischen Ideologien und esoterischen Kreisen, auch in Kunst und Kultur wurde es immer wieder als Sujet benutzt - etwa in E. T. A. Hoffmanns Kunstmärchen Der goldne Topf oder in Pierre Benoits Fantasy-Roman L'Atlantide, aber auch in trivialen Werken wie der Perry-Rhodan-Reihe. Sowohl in Michael Endes Jim Knopf und die wilde 13 als auch in Thomas Manns Joseph und seine Brüder und in J. R. R. Tolkiens Silmarillion findet Atlantis ebenfalls Erwähnung. In Walter Moers' herrlich bekloppter Romanreihe, die er selbst als "Zamonien-Zyklus" beschreibt, ist Atlantis die Hauptstadt des fiktiven Kontinents Zamonien, und in einem der letzten Asterix-Bände, die noch von Albert Uderzo verfasst worden waren, Obelix auf Kreuzfahrt, fahren Asterix, Obelix und Miraculix mit einem gekaperten Schiff voller entflohener Sklaven nach Atlantis, um sich Rat bei den dort ansässigen Druiden zu holen. Ihr seht also, Atlantis bietet so viel Stoff für Mythen und Legenden, dass wir noch in hundert Jahren nicht damit fertig würden.

Wie ihr also seht, ist auch die griechische Antike ein Thema, über das ich ewig und drei Tage berichten könnte, aber wie ich merke, habe ich schon wieder einen viel zu langen Artikel geschrieben. Ich hoffe, dass wir uns bis zum nächsten Mal wiedersehen und dass ihr mir bis dahin gesund bleibt! Bon voyage!

vousvoyez

Donnerstag, 25. November 2021

Manche Zeitungen sind so widerlich, dass man den toten Fisch beleidigt, wenn man ihn darin einwickelt

© vousvoyez
Damals, als die BILD mal wieder in Hochform war. Jenes Medium, das sich aktuell fragt, wie es kommen kann, dass die Infektionszahlen aktuell durch die Decke gehen wie noch nie, das aber zuvor ordentlich Öl ins Feuer gegossen hat, um Misstrauen gegen jegliche Expertise zu schüren. Ja, meine Lieben, es ist mal wieder soweit, wir in Österreich sind wieder im Lockdown. Und das, obwohl wir eine Situation wie diese hätten verhindern können - und obwohl Wissenschaftler uns bereits im Sommer davor gewarnt haben. Aber, wie unsere Eltern schon gesagt haben: Wer nicht hören will, muss fühlen. Blöd nur, dass nicht nur die Unvernünftigen und Nachlässigen fühlen müssen, sondern alle - auch diejenigen, die alles getan haben, um genau dieses Szenario zu verhindern. Und dass die Situation aktuell einen gewaltigen Keil in unsere Gesellschaft treibt. Wie man auch angesichts der Demonstrationen hier in Österreich, aber auch in Belgien und den Niederlanden gesehen hat.

Ja, wir sind wieder im Lockdown - mit dem so lange gewartet wurde, bis in den Krankenhäusern in Salzburg und Oberösterreich die Triage vorbereitet werden musste. Und nicht nur das - ab Februar soll die Impfpflicht in Österreich endgültig auf den Weg gebracht werden. Als ich Letzteres hörte, war mir im Grunde sofort klar: Das gibt Ärger. Wie jedem anderen, der einen kritischen Blick auf die Entwicklungen der letzten Zeit geworfen hat. Und wir haben Recht behalten: Am letzten Wochenende wurden in Brüssel, Rotterdam und Den Haag Autos in Brand gesteckt, die Demos in Wien waren größtenteils von rechtsradikalen und verschwörungsideologischen Gruppierungen organisiert, ganz vorne dabei FPÖ und MFG. Dabei fällt auf, dass sich seit Beginn der Proteste gegen die Maßnahmen ein regelrechter Demonstrations-Tourismus gebildet hat - viele Teilnehmer kamen nicht nur aus anderen Bundesländern, sondern sogar aus dem Ausland. Und viele der Banner, die dort zu sehen waren, waren offen rechtsradikal - scheint aber niemanden gestört zu haben. Und das ist eben ein Problem - und zwar ein gewaltiges.

Ich muss zugeben, ich bin bezüglich der Impfpflicht ebenfalls hin- und hergerissen. Einerseits frage ich mich, ob man die Impfquote nicht anders hätte steigern können und ob man wirklich alles getan hat, um die Leute zum Impfen zu überzeugen. Und hier muss ich ganz klar sagen: Nein - man hat praktisch gar nichts getan. Aktuell haben wir die niedrigste Impfquote im westlichen Europa; es war von Anfang an klar, dass zu wenig Leute sich impfen haben lassen, aber niemand fühlte sich dafür verantwortlich. Dafür hat Sebastian Kurz, als er noch Kanzler war, ständig damit geprahlt, wie toll wir die Pandemie doch meistern - noch als die Intensivstationen wieder anfingen, sich zu füllen, hat er das Ende der Pandemie verkündet. Und nachdem er seinen Platz räumen musste, ist die ÖVP in erster Linie mit sich selbst beschäftigt, Alexander Schallenberg ist mit seiner Rolle als Bundeskanzler sichtlich überfordert. Die ganze Zeit über hat es geheißen, es wird weder einen weiteren Lockdown noch eine Impfpflicht geben- jetzt haben wir beides. Da wundert es nicht, dass das Vertrauen in diese Regierung praktisch nicht mehr vorhanden ist. Man hätte die jetzige Situation verhindern können und hat es nicht getan - jetzt bleibt einem nichts anderes übrig, als die Reißleine zu ziehen und wieder einmal massive Eingriffe in die Grund- und Freiheitsrechte der Bevölkerung vorzunehmen. Aus diesem Grund fällt mir auch keine Alternative zu einer Impfpflicht ein - die Lage ist ernst, und es gibt nun mal einen harten Kern an Impfgegnern, die alles verweigern, was "die da oben" anordnen. Und nein - man soll nicht unhinterfragt alles tun, was von oben angeordnet wird, aber es ist auch nicht sehr zielführend, alles zu verweigern, nur weil es von oben kommt. So ein Verhalten erwartet man eigentlich eher von Zweijährigen.

Und das ist auch mit ein Grund, warum ich Hohlphrasen wie "Zusammenhalt" und "die Hand reichen" schon so langsam nicht mehr hören kann. Die Politik sorgt sich um die "Spaltung" der Gesellschaft - meist wird diese "Spaltung" aber eher jenen angelastet, die einen realistischen Blick auf die Situation haben, die die mangelnde Impfbereitschaft ansprechen und den Missionierungseifer jener kritisieren, die sich als "Skeptiker" begreifen. Und meist beklagen jene diese "Spaltung", die jedem Widerspruch mit Beschimpfungen und unterschwelligen Drohungen begegnen und die öffentlich die Hinrichtung von Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern fordern. Und ja - selbstverständlich wäre mir auch lieber, wenn wir alle an einem Strang ziehen würden, aber sehen wir es doch einmal realistisch: Es gibt Leute, die kannst du nicht mehr überzeugen. Und je mehr du versuchst, mit Fakten zu kontern, desto mehr klammern sie sich an dem fest, was sie glauben wollen. Das sind Leute, die in einer Art Parallelwelt leben und zu denen man mit sachlicher Argumentation nicht mehr durchdringt. Die Ironie dessen, dass diejenigen, die sich ganz freiwillig gegen die Gesellschaft stellen, sich beschweren, dass sie durch 2G von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, entgeht manchen offenbar ganz und gar. Ebenso wie die Tatsache, dass diejenigen, die sich ständig als Opfer des Faschismus sehen, faschistischen Ideologien nachlaufen und für andere die Todesstrafe fordern. Das Problem an jenem immer gleichen Appell an den "Zusammenhalt" ist aber nicht nur dies - sondern auch die Tatsache, dass man zwar permanent fordert, jenen entgegenzukommen, die den Boden gemeinsamer Werte schon längst verlassen haben, dass einem aber all jene, die unter der Pandemie-Situation am meisten leiden, also Gesundheitspersonal, Eltern, Schüler und Studenten, nicht so wichtig zu sein scheinen. Nein, eine Gefahr für die Demokratie ist nicht jene sogenannte "Spaltung", die angeblich von all jenen betrieben wird, die es wagen, Fakten vorzubringen - die eigentliche Gefahr liegt bei jenen, die in ihrer eigenen Realität leben, die in einschlägigen Social-Media-Gruppen völlig ungebremst ihren Hass-, Gewalt- und Umsturzphantasien freien Lauf lassen. Und dass das viel zu viele das augenscheinlich noch immer nicht zu kapieren scheinen.

Dies hat man auch bei der Demo gesehen - wo man angesichts des Gewaltpotenzials total überrascht war, obwohl von vorn herein klar war, dass das keine friedliche Happy-Pappy-Blumenkinderparty wird. Und obwohl ausdrücklich erlaubt war, dass Leute, deren Wissenschaftsverständnis direkt aus dem Mittelalter zu stammen scheint, gegen jene Maßnahmen protestieren, die gerade deshalb noch nötig sind, weil sie nichts tun wollen, um sie obsolet zu machen. Das wirklich Schockierende an der Sache ist jedoch, dass sich so viele, die ja eigentlich "nur" gegen das Impfen sind, sich vollkommen hirnlos in diese Nazi-Filterblase mit hineinziehen lassen. Und ja, noch einmal: Es sind nicht alle Nazis, die auf diesen Demos mitmarschieren - aber das spielt eigentlich auch gar keine Rolle mehr. Die rechtsextreme Fraktion hat diese Proteste schon längst an sich gerissen und nutzt sie, um ungehemmt ihre Propaganda zu verbreiten. Wenn man jedoch Leute damit konfrontiert, die sich nicht als rechts sehen, wird sich nicht distanziert - stattdessen rechtfertigt man sich mit Scheinargumenten wie "wir haben doch gemeinsame Ziele", "ich kann ja nicht alle Plakate lesen" oder "du warst ja gar nicht dabei". Und das, meine Lieben, sind nichts als faule Ausreden - hilflose Versuche, zu rechtfertigen, warum man solchen Leuten hinterherrennt. Und das ist das Gefährliche daran - denn dies ermöglicht es der extremen Rechten, weit über ihre eigene Zielgruppe hinaus neue Schichten anzusprechen. Und nicht nur das - gerade diejenigen, die diesen Ideologien nachlaufen, vergleichen die derzeitige Situation mit dem, was die Nazis im zweiten Weltkrieg all jenen angetan haben, die nicht in ihr Weltbild passten. Dieses unsägliche Leid wird für oberflächliches, populistisches Geschwafel missbraucht, bei jeder kleinen Unannehmlichkeit vergleicht man sich mit den Opfern der Shoa und banalisiert damit das, was damals geschah - gleichzeitig demonstriert man gegen Wissenschaft und Medizin, erwartet aber, dass das bereits jetzt völlig überlastete Gesundheitspersonal im Ernstfall für einen da ist. Ähnlich wie Staatsverweigerer und Reichsbürger sich zwar gegen den Staat auflehnen, aber gleichzeitig Sozialhilfe kassieren und staatliche Institutionen nutzen wollen, um ihre Interessen durchzusetzen. Solche Bewegungen resultieren aus einer Gesellschaft, in der die Verehrung von Göttern und Helden dem Hochhalten des eigenen Egos gewichen ist - in der jeder, der die Kunst der Selbstdarstellung beherrscht, mit nur wenigen Klicks zum Star werden kann. In einer Welt, in der jedem Schwachsinn Gehör geschenkt wird, sind jene, die ständig eingeimpft bekamen, besonders und individuell sein zu müssen, anfällig für die Bauchpinseleien jener, die sie in ihre Welt der Verschwörungsgläubigen hineinziehen. Darum kommt man solchen Leuten auch mit Fakten nicht bei - weil es ihnen eigentlich gar nicht um das Thema an sich geht, sondern um den Schutz ihrer eigenen Selbstwahrnehmung.

Der Egoismus, der in unserer Gesellschaft schon seit langem um sich greift, bricht sich jetzt gerade Bahn: Wir haben über ein halbes Jahrhundert lang praktisch nur Aufschwung erlebt, mussten auf nichts verzichten und konnten uns ganz uns selbst und unserer persönlichen Entfaltung widmen - da ist es jetzt für viele natürlich ein Schock, sich plötzlich anderen zuliebe zurücknehmen zu müssen. Viele dieser Proteste basieren auf der Angst vor dem Verzicht und der Flucht vor der Realität - all diese Leute sprechen sehr oft von Rechten, aber nie von Pflichten. Und ich wette, da sind, wenn überhaupt, nur wenige dabei, die je für gerechtere Löhne, höhere Renten oder gegen Kinderarmut aufgestanden sind - die eigene Komfortzone verlässt man nur noch, wenn man gefordert ist, sich selbst ein wenig zurückzunehmen. Man erkennt es auch daran, dass viele die Impfstraßen nicht deshalb stürmen, um andere zu schützen, sondern um ihre kostbare Freiheit wiederzuerlangen. Manche haben das schon im Sommer so gehalten, als man sich impfen ließ, um auf Urlaub fahren zu können. Das ist auch der Grund, warum der Ruf nach mehr Bildung und Aufklärung ein wenig zu kurz greift - die meisten dieser Leute treffen ihre Entscheidungen durchaus sehr bewusst. Das Problem ist, dass sich dadurch immer mehr die Prioritäten verschieben - sie haben kein Problem (mehr) damit, Teil der rechtsradikalen Propaganda-Maschinerie zu werden. Dies bedeutet, dass uns die Gefahr rechtsextremer Ideologien auch nach der Pandemie noch beschäftigen wird. Auch die Leute, die 1933 Hitler wählten, waren nicht alle Nazis, fanden aber einige seiner Ziele ganz offensichtlich so attraktiv, dass der von ihm geschürte Hass nur noch Nebensache war.

Und klar - mir ist bewusst, dass man auch die Unentschlossenen noch erreichen muss. Aber langsam sind wir an dem Punkt, an dem die Fraktion, die im Vorjahr noch den Diskurs gesucht hat, in der Auflösung begriffen ist. Was mit Sicherheit auch daran liegt, dass man die Sachverhalte schon zu oft erklärt hat - und, wie Dr. Christian Drosten es formuliert hat, keine Lust hat, wie ein Papagei ständig dasselbe zu wiederholen. Denn auch wenn es für viele offenbar so klang - keiner hat je gesagt, dass die Impfung ein Zaubermittel ist. Sie schützt aber ziemlich effektiv vor einem schweren Verlauf - und im übrigen ist all das, was in einen Patienten hineingepumpt werden muss, sobald er auf der Intensivstation landet, deutlich ungesünder als der Impfstoff selbst.

Lustigerweise verweigert man zwar die Impfung, findet aber nichts dabei, Ivermectin zu schlucken, jenes Pferde-Entwurmungsmittel, dessen Einnahme FPÖ-Chef Herbert Kickl empfohlen hat. Und zwar in einer Menge, die für Pferde, nicht aber für Menschen gedacht ist. Und nicht nur, dass dieses Entwurmungsmittel aktuell ausverkauft ist - es liegen auch tatsächlich Leute, die das Zeug eingenommen haben, auf den Intensivstationen. Also nicht nur, dass man eine Impfung verweigert, dafür aber irgendwelchen Mist schluckt, nur weil einem das ein Giftzwerg gesagt hat, den man aus irgendeinem Grund toll findet - man blockiert durch seine Dummheit auch noch die immer knapper werdenden Intensivbetten. Und als sei das nicht schon absurd genug, wurden vor der Demo in Wien Gerüchte verbreitet von wegen, Helikopter würden Pfizer-Impfstoff versprühen und Beamte würden in den Gullys auf Demonstranten lauern, um diese beim Vorbeigehen in die Waden zu impfen.

Wie ihr also seht, ist die Welt anscheinend vollkommen übergeschnappt - so sehr, dass ich mir manchmal wünsche, weit weg auf einer einsamen Insel zu sein und von nichts mehr zu wissen. Und nachdem ich mir wieder mal eine Menge Frust von der Seele geschrieben habe, denke ich, dass ich mich nächstens wieder etwas vergnüglicheren Themen widmen werde. Bis dahin passt auf euch auf und bleibt gesund. Bis zum nächsten Mal!

vousvoyez