Montag, 14. September 2020

Das Gegenteil von Leergut ist Vollschlecht

Wir wissen ja auch, dass so einiges voll schlecht läuft im Moment - aber zumindest geht es uns gut genug, um uns über Kleinigkeiten aufzuregen, zumal die Schattenseiten der EU aktuell noch immer auf der griechischen Insel Lesbos zu finden sind, so dass unsere satte Gesellschaft sie einfach ausblenden kann. Zumindest jetzt noch - aber ewig wird das nicht so weitergehen können.

Ich habe ja kürzlich darüber geschrieben, dass der allgemeine Konsens, dass Rechtsextremismus und Faschismus nichts Positives sind, heute nicht mehr vorherrscht. Häufig wird auch damit abgelenkt, dass Linksextremismus ja angeblich genauso schlimm ist, oder man heult, weil irgendjemand die Nazi-Keule auspackt, selbst wenn das eigentlich gar nicht der Fall ist. Nun - ich finde den inflationären Gebrauch des Wortes "Nazi" auch unangebracht, schon allein deshalb, weil er das Wort verharmlost. Andererseits frage ich mich, was man erwartet, wenn man Leuten, die eine solche Gesinnung vertreten, nach dem Mund redet, weil "man das ja wohl noch mal sagen wird dürfen". Frei nach dem altbekannten chinesischen Spruch: Wir leben in interessanten Zeiten. Der amerikanische Traum wird zum Alptraum, während der europäische Traum verbrennt.

Nun, so naiv, zu glauben, dass der nationalsozialistische Gedanke mit dem Ende der Nazidiktatur vollständig verschwunden ist, ist wohl keiner. Der Nationalsozialismus starb 1945, aber die Ideen sind nicht untergegangen und leben bis heute weiter. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich erfolgte nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Entnazifizierung, doch im Gegensatz zu unserem Nachbarland haben wir erst sehr viel später mit der ideologischen Aufarbeitung begonnen. Bei uns suhlte man sich sehr lange in der Opferrolle, indem man so tat, als sei man von den sehr bösen Deutschen dazu gezwungen worden, sich an den NS-Verbrechen zu beteiligen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Altnazis bei uns so schnell wieder in hohe politische Positionen aufsteigen konnten und es auch an den Universitäten noch lange nach 1945 rechtsextreme Tendenzen gab. 1949 wurden Sympathisanten und Funktionsträger des österreichischen NS-Regimes im Verband der Unabhängigen (VdU) zusammengefasst, aus dessen Zersplitterung 1956 die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) hervorging.

In den 1970ern wurden die Altnazis allmählich von den Nachgeborenen abgelöst, die keine eigenen Erfahrungen mit der NS-Diktatur gemacht haben, sondern die Ansichten der vorangegangenen Generation kritiklos nachplapperten, so wie das heute fast ausschließlich der Fall ist, dabei aber damals schon gewaltbereiter waren als ihre Altvorderen. Natürlich beschränkt sich die rechtsradikale Szene aber nicht nur auf den deutschsprachigen Raum - auch in anderen europäischen Ländern sowie in den USA gibt es dieselben Ideen, und das nicht erst seit gestern. Auch das neuerliche Erstarken der rechtsradikalen Szene in den 1980ern kam ursprünglich aus dem Ausland - nämlich aus England, wo Ende der 1960er Jahre in einem Londoner Arbeiterviertel die Skinhead-Bewegung entstand, deren Anhänger, wie ich in meinem Artikel über Jugendkulturen erklärt habe, bei weitem nicht alle rechtsradikal sind. Ursprünglich entstand diese Bewegung aus Protest gegen soziale Missstände; ihre Anhänger verstanden sich als anti-bürgerlich, waren aber ansonsten nicht politisch. Dies änderte sich allmählich in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, als sich im Zuge der Punk-Bewegung ein Musikstil entwickelte, der "Oi!" genannt wurde und zu einem Revival der Skinhead-Kultur führte. Im Zuge dessen spaltete sich die Szene in links- und rechtsradikale Strömungen auf, wobei die rechtsextreme Seite begann, einen immer größeren Teil zu vereinnahmen. So verbreitete sich die Skinhead-Bewegung auch in den USA und Kontinental-Europa, wo auch zunehmend Neonazis, die bisher nichts mit der Skinhead-Kultur zu tun gehabt hatten, anfingen, deren Look zu übernehmen. So kommt es, dass Glatzen, Armeestiefel und Bomberjacken bis heute überwiegend mit Rechtsradikalismus assoziiert werden.

Als wegweisend für den rechtsextremen Flügel der Skinhead-Bewegung gilt heute die britische Band Skrewdriver, die gleichzeitig als Vorreiter des Rechtsrock gesehen werden, der die für Jugendliche wenig attraktive Marschmusik, die zuvor innerhalb der rechtsextremen Szene favorisiert worden war, allmählich ablöste. Der Frontmann der Gruppe, Ian Stuart Donaldson, gründete in den 1980er Jahren das internationale rechtsextreme Netzwerk "Blood and Honour", ein Name, der direkt von einem NS-Film über die Hitlerjugend mit dem Titel Blut und Ehre übernommen worden sein soll. Entsprechend sahen auch die Ziele dieser Organisation aus, die sich vor allem darauf fokussierte, junge Leute für die Bewegung zu rekrutieren, ein Bestreben, das vor allem über den musikalischen Weg erlangt werden sollte - weshalb Blood and Honour sich auch größtenteils auf Musikveranstaltungen und den Vertrieb fokussierte. Auch darüber hinaus nutzte er ein Konzept, das bis heute bei Rechten sehr beliebt ist - nämlich die Verknüpfung harmloser Inhalte wie Musik, Tanz, Kochen oder Reisen mit nationalen Ideologien. Bis zu seinem Unfalltod 1993 war Donaldson die prägende Figur der rechtsextremen Bewegung.

In den frühen Achtzigern erreichte die Skinhead-Subkultur den deutschsprachigen Raum - und auch hier bildeten sich bald rechtsradikale Tendenzen heraus und stellten die Weichen für namhafte Rechtsrock-Bands wie Landser, Noie Werte, Störkraft oder die Zillertaler Türkenjäger, die harte Klänge mit aggressiven, explizit fremdenfeindlichen Inhalten verknüpften. Die Texte richteten sich gegen Staatsorgane, Linke und Ausländer, riefen zum "Widerstand" gegen diese auf und verherrlichten die NS-Vergangenheit. Bei uns in Österreich gab es parallel dazu auch einen politischen Umbruch nach rechts; nachdem Parteiobmann Norbert Steger versucht hatte, die FPÖ von ihrem fragwürdigen Image zu befreien, wurde er 1986 von Jörg Haider abgelöst, der das vorwegnahm, was heute bei vielen Rechten bereits gang und gäbe ist: Er inszenierte sich als "Rebell" gegen das "Establishment" bzw. die "Altparteien". Zudem wurde der Ruf unseres Landes durch die Waldheim-Affäre belastet - eine internationale Debatte, in der es darum ging, ob der 1986 bis 1992 amtierende österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim aktiv an NS-Verbrechen beteiligt war. Doch nicht nur bei uns, auch in anderen Ländern führten gesellschaftliche und politische Umbrüche zu einem Auftrieb des Rechtsradikalismus - sozialer Wandel, technologische Modernisierung, geringes Wirtschaftswachstum, hohe Massenarbeitslosigkeit, Reduktion der Sozialausgaben, politische und soziale Umwälzungen in Osteuropa, Migrationsbewegungen, mehr Asylanträge, dazu der Bedeutungsverlust der Nationalstaaten durch wirtschaftliche und politische Globalisierung brachten nicht nur das Beste in den Menschen hervor. Deutlich wurde dies Anfang der 1990er im Zuge der Wiedervereinigung: Schon ein Jahrzehnt zuvor hattem sich etwa in der DDR rechtsextreme Protestbewegungen formiert, die der wachsenden Unzufriedenheit mit den Arbeits- und Lebensbedingungen verschuldet waren. Da öffentlicher Protest in einem Polizeistaat große Risikobereitschaft voraussetzt, zeichneten sich ihre Anhänger durch enorme Gewaltbereitschaft und Brutalität aus. Im Zuge des Falls der Berliner Mauer breitete sich der Neonazismus auch vermehrt im Westen aus - dass das nicht heißt, dass alle Ostdeutschen Nazis sind, denn auch dort handelt es sich vor allem um eine sehr laute Minderheit.

Zwischen 1991 und 1994 kam es in Deutschland zu einem Anschwellen rassistischer Gewalt, während sich in Österreich Briefbomben-Anschläge gegen Menschen, die als Vertreter einer liberalen und ausländerfreundlichen Politik angesehen wurden, häuften - die sich allerdings als Taten des rechtsradikalen Einzeltäters Franz Fuchs herausstellten. Unter Jörg Haider wurde die FPÖ bis Ende der Neunziger außerdem zu einer der stimmenstärksten Parteien, und auch im Osten Deutschlands erkannten Rechtsparteien ein attraktives Rekrutierungsfeld. Auch der Rechtsrock radikalisierte sich Anfang der Neunziger - dem anfangs eher verhaltenen Rassismus wichen nun Vernichtungsphantasien und die Verherrlichung oder Leugnung des Holocausts. Es waren offene Tabubrüche, weshalb ich überzeugt davon bin, dass der Reiz für Jugendliche vor allem darin lag - vor allem, da mir aufgefallen ist, dass viele dieser kleinen Möchtegern-Nazis gar nicht so richtig kapiert haben, was sie da eigentlich unterstützen. In den 1950er Jahren schockierte der Rock'n'Roll durch die explizite Sexualität in seinen Texten - vierzig Jahre später tat der Rechtsrock dasselbe mit der Verherrlichung rassistischer Gewalt.

Dies blieb allerdings auch nicht ungestraft: Viele der Lieder und Alben landeten damals auf dem Index, diverse Bands und Musiker mussten sich vor Gericht zu Vorwürfen der Volksverhetzung, Verbreitung rechtsextremer Propaganda und ähnlichen Anklagen verantworten. Im Jahr 2000 wurde das Netzwerk Blood and Honour in Deutschland verboten, weshalb die offiziellen Strukturen zerschlagen wurden und rechtsextreme Musiker noch stärker in den Fokus des Verfassungsschutzes gerieten. Dies führte dazu, dass rechtsextreme Strukturen allmählich anfingen, aus ihren Fehlern zu lernen - die hetzerischen Texte der Vergangenheit wichen moderateren Tönen, dafür griff die deutsche NPD Donaldsons Strategie, die Jugend durch Musik für rechtsextreme Werte zu gewinnen, wieder auf und verteilte zwischen 2004 und 2011 kostenlose "Wahlkampf-CDs" in den Pausenhöfen deutscher Schulen, bis diese bundesweit beschlagnahmt wurden.

Den neuerlichen Siegeszug rechtsextremer Musik machte jedoch vor allem das Internet möglich - Strukturen wie bei Blood and Honour konnten online weitaus schneller und effektiver aufgebaut werden. So wurde das Internet innerhalb kürzester Zeit die neue Schaltzentrale und das wichtigste Propaganda-Instrument rechtsextremer Gruppierungen, das nicht nur über Musik, sondern auch über Merchandise - etwa Kleidung mit kodierten Logos - funktioniert. Neben dem Verkauf von Tonträgern und Streams erfreuten sich auch Musikfestivals bei Neonazis immer größerer Beliebtheit, wobei diese heutzutage größtenteils auf Privatgrundstücken veranstaltet werden, was den Zugriff der Behörden erschwert, und häufig als "politische Veranstaltungen" angemeldet werden, um mehr Gestaltungsspielraum zu haben, da die Musik häufig von politischen Vorträgen und "Aufklärungsarbeit" begleitet wird.

Dem Rechtsrock ging es aber zunehmend wie einst der Marschmusik - allmählich schwand das Interesse der Jugend an den angestaubten Genres, und die Szene erkannte, dass sie mit Glatzen, Springerstiefeln, nordischen Symbolen und offenem Hass nur bis zu einem gewissen Punkt kam. Und so begannen Rechtsextreme im letzten Jahrzehnt, neue musikalische Wege zu beschreiten und sich gleichzeitig immer mehr der gesellschaftlichen Mitte anzunähern. Die Inhalte - Ausländer und Linke als Feindbild, die sozialdarwinistische Ablehnung von Minderheiten, Relativierung oder gar Leugnung der Verbrechen der NS-Zeit - blieben gleich, ebenso wie die Ziele - Schaffung eines ethnisch homogenen Nationalstaates, in dem weder Juden noch Personen mit Migrationshintergund Platz haben. Sie erschienen jedoch in einem neuen Gewand, wodurch die Grenzen des Sagbaren im letzten Jahrzehnt immer mehr verschoben wurden. Auch die Musiker haben inzwischen ein neues Genre für sich entdeckt, und das ist ironischerweise Hip-Hop und Deutschrap. Neben der Zweckentfremdung schwarzer Musik und der sukzessiven Verunsicherung der gesellschaftlichen Mitte wurde es auch optisch immer schwerer, Rechtsextreme von anderen zu unterscheiden. So bezeichnet sich die junge Fraktion der Identitären Bewegung gerne als "Nipster", eine Fusion aus "Nazi" und "Hipster", und ist äußerlich von Letzteren nicht mehr zu unterscheiden. Ähnlich verhält es sich etwa auch mit Bewegungen wie der Anastasia-Bewegung, die an die Hippies der 1960er Jahre erinnert, jedoch einer zutiefst rassistischen Ideologie entspringt.

Als Pionier des rechtsextremen Rap wird MaKss Damage aus Gütersloh gesehen, der sich 2011 öffentlich als Neonazi outete und dessen Texte durch antisemitische, nationalistische und teilweise auch verschwörungsideologische Inhalte auffielen. Nachdem rechter Rap in seiner Anfangsphase ebenso explizit war wie Rechtsrock, schlägt die neue Generation nach dem Vorbild der Identitären aber bewusst gemäßigtere Töne an, um stärker in den Mainstream vorzudringen. So sind ihre Texte ebenso offen rechtsextrem, enthalten jedoch keine strafrechtlich relevanten Aussagen mehr. Die heute prägende Figur dieses Genres ist Chris Ares, der sich als Teil der "Kulturrevolution von rechts" begreift und seit 2016 vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird.

Was vor allem nicht zu unterschätzen ist, ist die Infiltrierung sozialer Netzwerke durch rechtsextremes Gedankengut. Das Ergebnis wird uns aktuell immer wieder vor Augen geführt: Man scheint vergessen zu haben, dass es kein Verdienst ist, weiß und privilegiert zu sein, weshalb viele heute der Ansicht sind, dass Menschen, die im Mittelmeer ertrinken und in Griechenland wie der letzte Dreck behandelt werden, kein Mitleid verdient hätten - die werden schon selbst schuld sein, dass sie in diese Lage geraten sind, und wenn man denen hilft, kommen immer noch mehr, bis die "weiße Rasse" irgendwann ausgestorben ist. (Ich hoffe, der Sarkasmus war ersichtlich.) Aktuell unternehmen Online-Anbieter wie YouTube oder Facebook halbherzige Versuche, der Flut an Hassbotschaften Herr zu werden und sperren nach und nach die offiziellen Kanäle der patriotischen Bewegung. auch Spotify, Amazon und iTunes reagieren vermehrt auf den öffentlichen Druck und entfernen Musik mit rechtsextremen Inhalten aus ihrem Angebot. Viele Rechtsgestrickte weichen inzwischen auf die russische Social-Media-Plattform VK oder auf den Messenger-Dienst Telegram aus - Letzterer hat sich inzwischen als Lieblings-Marketing-Kanal rechtsextremer Bewegungen etabliert.

Nun, was mich betrifft, ich finde es höchst bedenklich, dass man so lange damit gewartet hat, Rechtsextremismus als das zu erkennen, was es ist, nämlich als eine Gefahr für eine demokratische Gesellschaft. Und deswegen mein Appell an euch: Denkt erst einmal nach, bevor ihr einen Post teilt; widersprecht jenen, die gegen Ausländer und Minderheiten hetzen; bewahrt euch euren gesunden Menschenverstand und vor allem: Lasst euch nicht von irgendwelchen Leuten beeinflussen, die euch einreden wollen, sie seien keine Nazis, dabei aber Äußerungen tätigen, die eindeutig hetzerisch sind. Und vergesst vor allem nicht: Die demokratische Freiheit ist etwas, das immer wieder neu erkämpft werden muss!

vousvoyez

https://www.volksverpetzer.de/hintergrund/rechtsextreme-musik/

https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/198940/zur-entwicklung-des-rechtsextremismus-in-deutschland

Hier noch ein anderer Artikel von mir zum Thema rechte Influencer:

https://weisheitderwoche.blogspot.com/2020/07/ich-kann-hellsehen-im-dunkeln-sehe-ich.html

Samstag, 5. September 2020

Jede Dimension von Dummheit entwickelt ihr Potenzial erst im Kollektiv

(c) vousvoyez

Zugegeben, diese Weisheit hätte eigentlich zum vorigen Artikel gepasst - weil das, wovon er handelt, geradezu exemplarisch dafür ist. Aber der Vorteil dessen, dass ich mich schon das letzte Mal über die Gestalten auf der Berliner Demo ausgekotzt habe (und das, was ich eigentlich schreiben will, noch sehr viel reifliche Überlegung und auch Recherchearbeit bedarf) ist, dass ich mich jetzt wieder mal den schönen Dingen des Lebens widmen kann. Und deswegen möchte ich damit fortfahren, die Hintergründe der als "Klassiker" bezeichneten Disney-Filme unter die Lupe zu nehmen. Wie schon beim letzten Mal, so möchte ich mich auch heute den Romanverfilmungen widmen, die in charmante und bis heute sehr beliebte Zeichentrickversionen umgesetzt wurden.

Alice im Wunderland von Clyde Geronimi, Wilfred Jackson und Hamilton Luske kam im Jahr 1951 in die Kinos und ist eine Adaption zweier Werke der Kinderliteratur, die bis heute zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehören und die ich schon sehr, sehr viele Male sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch gelesen habe - wobei ich vor allem die Originalversion bevorzuge mit ihrer verdrehten Logik und den Nonsens-Reimen, die einerseits in perfektem Englisch verfasst sind, andererseits über eine so erstaunliche Musikalität aufweisen, dass sie eigentlich gar keine Melodien benötigen (will you, won't you, will you, won't you, will you join the dance?). Trotzdem verlinke ich euch hier eine ganz entzückende Vertonung der zuvor zitierten Lobster Quadrille. Die Bücher selbst wurden von dem britischen Schriftsteller Lewis Caroll verfasst, der außerdem auch noch Fotograf, Mathematiker und Diakon war. Seine Bücher zeugen von einer außergewöhnlichen Begabung im Bereich von Wortspiel, Logik und Phantasie - und so hat er mit seinen Werken viele andere Autoren wie James Joyce und André Breton, aber auch bildende Künstler wie Max Ernst bis hin zu zahlreichen Musikern aus dem Rock- und Pop-Genre beeinflusst. Etwas wenigeren Leuten ist bekannt, dass er auch ein Vorreiter im Bereich der künstlerischen Fotografie war; sein bekanntestes Motiv war Alice Liddell, die kleine Tochter des Dekans von Christ Church Henry George Liddell, die gleichzeitig auch das Vorbild für die Heldin von Carrolls Büchern wurde.

Alice's Adventures in Wonderland (Alice im Wunderland) wurde 1865 veröffentlicht und entstand während einer Bootsfahrt auf der Themse, auf der Carroll der zuvor erwähnten Alice Liddell und ihren beiden älteren Schwestern diese Geschichte erzählt haben soll. Zu den ersten Fans dieses Werks gehörten unter anderem Königin Victoria und der junge Oscar Wilde (der übrigens ebenfalls zu meinen Lieblingsschriftstellern gehört). 1871 erschien die Fortsetzung Through The Looking Glass, And What Alice Found There (Alice hinter den Spiegeln) - der Disney-Film fasst die Handlung beider Bücher zusammen, ebenso wie viele andere Adaptionen. Verweise auf die Alice-Bücher finden sich auch in vielen anderen literarischen Werken, etwa Douglas Adams' Per Anhalter durch die Galaxis oder Stephen Kings Tot, aber auch in filmischen Werken, man denke nur an "follow the white rabbit" aus Matrix - wobei dieser Satz heutzutage gern für Verschwörungsmärchen missbraucht wird. Auch in der Musik finden sich viele Verweise auf Alice, etwa bei den Beatles, Aerosmith oder Gwen Stefani, und in der Malerei ließen sich vor allem die Surrealisten von den Büchern inspirieren. Es gibt auch noch Adaptionen für Oper und Ballett sowie als Comics und Mangas, außerdem hat das anderorts schon erwähnte japanische Trickfilmstudio Nippon Animation in den Jahren 1983/84 eine Fernsehserie produziert. Die erste Filmadaption ist ein Stummfilm von Cecil Hepworth aus dem Jahre 1903; die Disney-Version ist die erste Zeichentrickverfilmung. 2010 und 2016 entstanden außerdem Realfilm-Adaptionen der beiden Bücher aus dem Hause Disney unter der Regie von Tim Burton (Alice in Wonderland) und James Bobin (Alice Through The Looking Glass), unter anderem mit Helena Bonham Carter, Johnny Depp und Anne Hathaway.

Die Bücher handeln von einem etwa siebenjährigen Mädchen namens Alice, das sich in beiden Geschichten in eine Welt verirrt, in der sämtliche Gesetze der Logik und Vernunft auf den Kopf gestellt worden sind. In Alice im Wunderland läuft sie einem sprechenden weißen Kaninchen hinterher, erreicht seinen Bau, wo sie in ein tiefes Loch fällt und in einem Raum mit vielen Türen landet, von denen sich nur die kleinste öffnen lässt. Alice ist zu groß, um hindurchzupassen, findet aber ein Fläschchen mit einem Getränk, das sie schrumpfen lässt. Als sie am Ende die Tür passiert hat, findet sie sich in einem Wunderland voller Paradoxa und Absurditäten wieder, in dem sie auf viele merkwürdige Geschöpfe trifft und ständig mit allerlei Nahrungsmitteln und Getränken herumexperimentiert, die sie größer und kleiner machen. In Alice hinter den Spiegeln geht sie durch einen gewöhnlichen Spiegel auf die andre Seite in eine Parallelwelt, in der nicht nur alles spiegelverkehrt, sondern die gesamte Logik auf den Kopf gestellt ist. Während im ersten Buch Spielkarten eine Rolle spielen, sind es im zweiten ein Schachspiel und Schachfiguren. Die Rahmenhandlung des Disney-Films entspricht dem ersten Buch - Alice läuft dem weißen Kaninchen hinterher und fällt ins Innere der Erde -, ansonsten werden, wie schon gesagt, Motive aus beiden Büchern aufgegriffen. So stammen die Grinsekatze, die Raupe, Märzhase und verrückter Hutmacher sowie die Herzkönigin aus Alice im Wunderland, während Twiddledee und Twiddledum, das Walross und der Zimmermann und die sprechenden Blumen Motive aus Alice hinter den Spiegeln sind.

Bemerkenswert an den Büchern sind neben dem Spiel mit der Logik, die diese auch zu beliebten Erzählungen für Mathematiker machen, auch die satirischen Anspielungen - beispielsweise gibt es viele Verweise auf die Schullektionen, die Kinder damals in England auswendig lernen mussten, etwa der Kinderreim von Löwe und Einhorn, der im zweiten Buch thematisiert wird und in dem der Zusammenschluss Englands und Schottlands im frühen 17. Jahrhundert thematisiert wird. Der Disney-Film ist heute ein Klassiker, fiel damals beim Publikum allerdings durch, und auch Disney selbst soll damit nicht zufrieden gewesen sein - ich persönlich finde zwar, dass er an die Bücher nicht heranreicht, allerdings bin ich auch der Ansicht, dass man ihm Unrecht tut. Man orientierte sich halt nicht an den Original-Illustrationen von Sir John Tenniel, sondern interpretierte die Figuren etwas freier, aber so entstand ein eigenständiges Werk, das auch nach fast siebzig Jahren nichts von seinem Zauber verloren hat und doch mit einigen unvergesslichen Momenten aufwarten kann.

Der zweite Film, dem ich mich heute widmen will, ist Peter Pan, ebenfalls unter der Regie von Geronimi, Jackson und Luske, der 1953 in die Kinos kam und auf einigen Kindergeschichten des schottischen Schriftstellers und Dramatikers James Matthew Barrie basiert. Es ist die Geschichte eines Jungen, der nie erwachsen wird, der im Neverland, zu deutsch "Nimmerland", eine Jungengruppe, The Lost Boys (dt. "verlorene Jungen") anführt und gegen den Piratenkapitän Captain Hook kämpft. Die Figur Peter Pan taucht erstmals 1902 in dem ursprünglich für Erwachsene geschriebenen Buch The Little White Bird (Kleiner weißer Vogel) auf und wurde 1904 in dem sehr erfolgreichen, in London uraufgeführten Bühnenstück Peter Pan, The Boy Who Wouldn't Grow Up (Peter Pan, der Junge, der nie erwachsen wurde) verwendet. 1906 wurde der Abschnitt aus Little White Bird als eigenständiges Buch Peter Pan in Kensington Gardens publiziert, 1911 wurde das Bühnenstück unter dem Titel Peter and Wendy als Erzählung in Buchform herausgebracht - Letztere wird für Peter-Pan-Adaptionen am häufigsten verwendet.

Peter Pan wird meist als Junge im Alter von elf bis dreizehn Jahren dargestellt, da die körperlichen Anforderungen für jüngere Kinder meist zu hoch sind - das ist auch der Grund, warum er auf der Bühne eher von jungen Frauen gespielt wird. Er verkörpert die Unschuld, Sorglosigkeit und Abenteuerlust der Kindheit, ohne Verständnis für echte Gefahren oder echtes Leid. Anders als andere Kinder verlässt er diese Erfahrungswelt nicht, da er nicht erwachsen wird und sich nicht verändert. Dieser Aspekt macht ihn in der Psychoanalyse zur Allegorie für die Weigerung, erwachsen zu werden, Reife zu erlangen und das Voranschreiten der Zeit zu akzeptieren, eine Problematik, die entsprechend auch als "Peter-Pan-Syndrom" bezeichnet wird. Die fiktive Insel Nimmerland wiederum kann als Metapher für ewige Kindheit und Jugend, aber auch für Unsterblichkeit und Eskapismus gesehen werden, eine Phantasiewelt, die außer von Kindern von Elfen, Meerjungfrauen, Indianern und Piraten bevölkert wird. Trotz gewisser Aspekte, die der Entstehungszeit zuzurechnen sind, ist die Peter-Pan-Geschichte zeitlos und bietet Identifikationsmöglichkeiten für Kinder aus aller Welt. Manche Interpretationen begreifen das Nimmerland jedoch auch als ein Totenreich und Peter Pan als Todesengel, der verstorbene Kinder dorthin abholt.

Auch im Disney-Film wird die Handlung der Geschichte Peter and Wendy erzählt: Peter Pan verirrt sich in das Haus der Londoner Familie Darling und wird von deren Hund Nana erwischt, die ihm den Schatten abbeißt. In der folgenden Nacht, als die Eltern ausgehen und Nana im Hof angebunden wird, kehrt Peter in Begleitung der kleinen, geflügelten Fee Tinkerbell (im Deutschen auch "Glöckchen" oder "Naseweis" genannt) zurück, um seinen Schatten wieder zu bekommen, und lernt so Wendy, die Tochter der Darlings, kennen, der er anbietet, ihn ins Nimmerland zu begleiten, wo Kinder nie erwachsen werden. Nachdem sie und ihre beiden jüngeren Brüder John (in der deutschen Disney-Version Klaus genannt) und Michael mit Feenstaub bestäubt wurden, können sie wie Peter fliegen und folgen ihm auf die Insel, die sie bereits aus ihren Träumen und Spielen kennen. Sie wohnen mit Peter im unterirdischen Haus der verlorenen Jungs, für die Wendy die Mutterrolle übernimmt, und erleben alle möglichen Abenteuer mit Meerjungfrauen, Indianern und Piraten, bis Wendy und ihre Brüder Heimweh bekommen. Ehe sie Nimmerland verlassen können, werden sie und die verlorenen Jungen jedoch von Peters größtem Widersacher, dem Piratenkapitän Captain Hook, verschleppt. Natürlich gelingt es Peter, sie zu befreien und Hook über Bord zu werfen, der von dem Krokodil gefressen wird, das einmal eine Uhr verschluckt und ihm einst die Hand abgebissen hat. Am Ende werden Wendy, John und Michael wieder nach Hause gebracht; im Original werden die verlorenen Jungen von den Darlings adoptiert, während Peter wieder nach Hause fliegt, und Tinkerbell verliert ihr Leben, als sie Gift zu sich nimmt, das Hook eigentlich für Peter bestimmt hat. Außerdem enthält das Ende des Romans auch eine Zwiespältigkeit: Peters Kindheit kann nur bewahrt werden, wenn er alles Vergängliche vergisst, wie wichtig es auch immer ihm einmal gewesen sein mag. Als er Wendy ein Jahr später wiedersieht, kann er sich weder an Captain Hook noch an Tinkerbell erinnern, und irgendwann vergisst er auch Wendy, bis deren Tochter ihren Platz einnimmt.

Der Disney-Film sollte ursprünglich weitaus düsterer werden - so war ursprünglich geplant, dass die Fee Tinkerbell im Laufe der Geschichte wie im Roman sterben sollte, allerdings statt durch Gift durch eine Bombe - am Ende wurde aus Rücksicht auf das jüngere Publikum allerdings darauf verzichtet. Insgesamt war es die zweite Verfilmung des Peter-Pan-Stoffs nach einem Stummfilm von Herbert Brenon aus dem Jahr 1924, der sehr erfolgreich war und stark an die Bühnenversion angelehnt ist. Im Gegensatz dazu bot die Zeichentrick-Version natürlich ganz neue Möglichkeiten; so trat Peter Pan zum ersten Mal als männliche Person in Erscheinung, während er bisher sowohl auf der Bühne als auch in Brenons Film immer von jungen Frauen dargestellt worden war. Außerdem nahmen der Hund Nana, das Krokodil und Tinkerbell zum ersten Mal Gestalt an, nachdem Nana bisher durch einen Komparsen bewegt, das Krokodil durch ein Ticken hinter der Szene und die Fee durch Lichtwechsel dargestellt worden waren. Insgesamt war Peter Pan einer der erfolgreichsten Disney-Filme und ist bis heute einer der wenigen, die in der Erstsynchronisation auf DVD erhältlich sind, auch wenn die Tonqualität dadurch natürlich nicht den heutigen Standards entspricht. Gleichzeitig ist er die einzige bekannte Filmadaption, in der, abgesehen von einer Szene, keine Dialoge aus dem Bühnenstück verwendet wurden. Bis heute entstanden noch viele andere Real- und Zeichentrickverfilmungen, ich erinnere mich auch an die Nippon-Animation-Version von 1989. 2003 kam die erste Realfilm-Version heraus, in der kein Erwachsener, sondern ein Junge die Hauptrolle übernahm. Natürlich gibt es inzwischen auch eine computeranimierte Serie, erwähnenswert finde ich außerdem Steven Spielbergs Hook von 1991, eine Fortsetzung der bekannten Geschichte, in der Robin Williams den erwachsenen Peter Pan verkörpert, und Marc Fosters Finding Neverland (Wenn Träume fliegen lernen) von 2004, der sich mit der Entstehungsgeschichte befasst und in der Johnny Depp den Autoren J. M. Barrie spielt.

Wie in meinem letzten Artikel über die Disney-Filme musste ich mich auch in diesem wegen des umfangreichen Stoffs auf zwei Filme beschränken. Und natürlich musste ich mich arg zurückhalten, um nicht meterlang meine Gedanken über die Alice-Bücher niederzuschreiben und so diesen Eintrag zu einer unleserlichen "Wurscht" zu verunstalten. Aber dafür habe ich noch eine Menge Material für weitere Artikel und hoffe natürlich, dass ihr dann wieder dabei seid. Bis dahin verabschiede ich mich von euch und hoffe, dass ihr alle gesund bleibt und eure Masken nicht vergesst! Bon voyage!

vousvoyez

Mittwoch, 2. September 2020

Die Proletarier dieser Welt haben nichts zu verlieren als ihre Goldketten


(c) vousvoyez
Findige Geister, wie ihr es größtenteils seid *auf der Schleimspur ausrutsch* werden natürlich schon darauf gekommen sein, dass dieser Spruch eine Abwandlung des Satzes "Die Proletarier dieser Welt haben nichts zu verlieren als ihre Ketten" aus Karl Marx' Manifest der kommunistischen Partei ist. Wobei dieser Satz natürlich bestenfalls als naiv zu bezeichnen ist, denn Mitte des 19. Jahrhunderts, als dieses Werk publiziert wurde, wurden Arbeiteraufstände häufig auch blutig niedergeschlagen. Die hier vorliegende Abwandlung stammt übrigens aus Marc-Uwe Klings humoristischer Textsammlung Die Känguru-Offenbarung. Ich darf euch verraten, dass Marc-Uwes Werk für mich eine Quelle der Inspiration ist, und das schon seit etwa zehn Jahren. Obwohl er durch den Film Die Känguru-Chroniken auch schon im Mainstream angekommen ist. Aber so ist eben der Lauf der Welt.

"Mainstream" ist ja bekanntlich ein Reizwort in der heutigen Zeit. Wie schon erwähnt, benutze ich es nicht mehr allzu gerne, weil es Sachverhalte wie die gegenwärtige Corona-Krise, aber auch das Erstarken des Rechtsradikalismus und die Verbreitung von Verschwörungsideologien verharmlost. Und nachdem ich mich seit Monaten davor gedrückt habe, mich zu dem gegenwärtigen in diesem Blog noch einmal zu äußern, fürchte ich, dass wir da jetzt mal wieder durch müssen. Denn am Samstag sind wieder Leute in Berlin auf die Straße gegangen - Leute, die voll total friedlich gegen die pöhse Corona-Diktatur demonstriert haben. Und die gemeinen linkslinken Gutmenschen sagen jetzt natürlich wieder, da waren lauter Nazis auf der Demo. Das ist wieder mal typisch für die, was anderes können die gar nicht, als ständig die Nazi-Keule auszupacken! Ich hab mich den ganzen Sonntag über in der Dusche eingesperrt und ganz laut geweint, weil das so ungerecht ist! Aber jetzt hab ich mich wieder gefasst und mir gedacht, vousvoyez, so geht das nicht, du musst Nägel mit Köpfen machen! Du musst aller Welt zeigen, dass die, die da in Berlin mitmarschiert sind, auf keinen Fall Nazis waren, sondern nur besorgte Bürger, die sich von der doofen Maske unterdrückt fühlen! Und deswegen beweise ich euch jetzt, dass da nicht ein Nazi dabei war!

1. Die Reichskriegsflagge:
Viele von euch hängen sich ja an dieser schwarz-weiß-roten Fahne auf, die da während der Demo dauernd geschwenkt wurde. Das ist voll ungerecht - was hat das arme Fähnchen euch denn getan? Nur weil sie zur Zeit der Weimarer Republik ein gängiges Symbol unter Rechtsradikalen und Antidemokraten gewesen ist? Und nur weil die Fahne nach der Machtübernahme Deutschlands durch die Nationalsozialisten gehisst wurde und auch nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend von Rechtsparteien verwendet wurde? Also meine Güte, das ist doch echt vernachlässigbar!

2. Aufruf zur Teilnahme durch rechtsextreme bis offen neonazistische Gruppierungen
Also bitte, wer will den friedlichen Demonstranten schon nachtragen, dass sie wissentlich auf eine Demonstration gegangen sind, die vorwiegend von Rechten organisiert wird! Die sind ja nur ganz zufällig da! Das ist ja wirklich eine Frechheit, zu unterstellen, dass jeder, der hinter denen herläuft, diese Bewegung unterstützt! Was ist denn schon groß dabei, Seite an Seite mit Leuten zu laufen, die demokratische Grundrechte mit Füßen treten! Meinungsfreiheit gilt doch eh nur für diejenigen, die die richtige Meinung haben - alle anderen sind nur darauf aus, meine persönliche Meinungsfreiheit zu zensieren !!!!11 Und überhaupt - was ist an diesen Rechtsextremen denn so schlimm, hä? Die wollen uns doch nur retten vor den pöhsen, pöhsen Flüchtlingen, die gleich bei ihrer Ankunft 20.000 Euro geschenkt bekommen, eine Luxusvilla, einen Mercedes, ein Einhorn und ich weiß nicht was noch alles, während der arme Deutsche sich nicht mal mehr die abgenagten Knochen leisten kann, die sie übrig lassen! Abgesehen davon - warum bleiben die denn nicht zu Hause, diese Feiglinge? So ein kleines bisschen Krieg schadet doch nicht! Und außerdem, die Linken sind ja mindestens genauso schlimm, wenn nicht noch viiiiel schlimmer!

Nun, wer mich kennt, der wird wohl schon drauf gekommen sein, dass all das, was ich zuvor geschrieben habe, purer Sarkasmus war. Natürlich hebeln ein paar Spinner, die versucht haben, den Reichstag zu stürmen, noch keine Demokratie aus - aber ich finde es ja äußerst, ähm, lustig, dass einmal mehr alle Politiker vollkommen überrascht sind von dem, was passiert ist. Und das, nachdem es zuvor sogar online angekündigt wurde, wer hätte sich DAS denn denken können? Lustig auch, dass es der Polizei nicht möglich war, diese Spinner lupenreinen Demokraten bereits an den Barrikaden aufzuhalten - ja, dass man überhaupt nur drei Hanseln dort positionierte, wo die Demonstranten laut zahlreicher Ankündigungen in einschlägigen Telegram-Kanälen hinwollten, während auf einer Gegendemo Leute niedergeknüppelt wurden. Und ja, ich weiß, das hört sich jetzt verdammt nach Opferrolle an - etwas, das eigentlich normalerweise von rechts kommt -, aber es ist doch tatsächlich so, oder weshalb sonst mussten die Gedenk-Veranstaltungen zu Ehren der Opfer in Hanau abgesagt werden, während dasselbe Anliegen für diese Demo am Verfassungsgericht scheiterte? Ich hoffe inständig, dass man endlich aus diesen Fehlern lernt und es diesen Idioten Rebellen in Zukunft endlich schwerer macht, solche Himmelfahrtskommandos anzuzetteln! Aber gerade deswegen dürfen zumindest wir nicht so tun, als wäre das für die Aluhütchen irgendein "Sieg" gewesen - denn das war es keinesfalls. Trotzdem sollten wir diese Leute nicht aus den Augen lassen - denn diese berufen sich zwar immer und immer wieder auf das Grundgesetz, demonstrieren aber im Grunde gegen Grundrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder die Meinungsfreiheit, sofern die Meinung nicht ihrer eigenen entspricht - und wollen nebenbei eine neue Verfassung durchsetzen. Und was ich absolut nicht nachvollziehen kann, ist, warum sich diese Glanzlichter nach wie vor so hemmungslos im Netz austoben können, ohne Konsequenzen zu fürchten, dass ihre "Todeslisten" und Mordphantasien einfach ignoriert werden und dass ihre Ankündigungen nicht ernst genommen werden, obwohl sie viele bereits ausgeführt haben. Stattdessen diskutiert man darüber, den Reichstag besser zu schützen - obwohl es doch nicht um das Gebäude geht, sondern um diejenigen, die mit rechtsradikalem, ja faschistischem Gedankengut sympathisieren. Und obwohl sich bereits eine Partei mit rechtsextremem Gedankengut hinter diesen Türen befindet. Ein bisschen erinnert es mich an früher, als es noch weitaus mehr Schnee gab und man in Österreich jedes Jahr total überrascht war, dass es im Winter schneit.

Mich macht das, was aktuell so passiert, ehrlich gesagt ziemlich fassungslos. Ich bin fassungslos, dass es immer noch heißt, man müsse mit diesen Leuten reden und ihre Sorgen ernst nehmen, obwohl wir doch schon seit fünf Jahren erleben, dass sie in ihrer eigenen Phantasiewelt leben und für Fakten nicht mehr zugänglich sind. Sie wollen die Wahrheit nicht hören, weil sie ihre eigene Wahrheit haben, die massiv mit dem, was der Rest der Welt darunter versteht, kollidiert. Und in ihrem Wahn schleppen sie Konservative mit schlechter Medienkompetenz mit, die sich wie trotzige Kinder aufführen, weil sie keine Lust haben, im Supermarkt und in den Öffis eine Maske zu tragen. Aber stößt man diese mit der Nase darauf, mit welchen Leuten sie mitlaufen, sind sie schnell beleidigt. Denn es ist doch egal, mit wem man marschiert, oder? Hauptsache, die Forderungen sind gleich! Nein, ist es eben nicht - denn wer solchen Leuten nachläuft, und das habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben, der nimmt zumindest deren anti-demokratische Ideologie billigend in Kauf. Keiner hat den rechtsextremen Äußerungen auf dieser Demo widersprochen, aber viele haben applaudiert! Und keiner der Veranstalter schaffte sich, sich einigermaßen glaubhaft von rechtsextremem Gedankengut zu distanzieren. Nun, wer hätte auch gedacht, dass Leute, die sich in den letzten Jahren vermehrt als demokratiefeindlich geoutet haben, genau diese Demokratie, die es ihenn ermöglicht, selbst gegen erfundene Probleme auf die Straße zu gehen, mit Füßen zu treten! Wer hätte überhaupt gedacht, dass Leute, die seit Jahren gegen demokratisch gewählte Politiker hetzen, keine lupenreinen Demokraten sein können! Ich hätte wirklich gerne gewusst, wie die Empörung der Rechten ausgesehen hätte, hätte es sich bei den Krawallmachern am Samstag um Linke oder gar um Ausländer gehandelt - was da wohl los gewesen wäre in deren Reihen!

Meine lieben Freunde und Zwetschkenröster: Wir müssen langsam mal begreifen, dass die Spezies "Homo sapiens" nicht absolut unantastbar ist. Und dass Gegebenheiten existieren, die man nicht so einfach verbieten kann - man kann ja einem Vulkan auch nicht das Ausbrechen verbieten. Oder der Sonne das Scheinen. Natürlich kann man heulen, schreien, schimpfen und demonstrieren - es ändert nur halt nichts. Und natürlich gibt es bezüglich des Umgangs mit der Demokratie ausreichend Kritikpunkte. Aber diese werden wohl kaum wahrgenommen werden, wenn man sich in die Reihen derer begibt, die behaupten, Corona sei eine Lüge, Deutschland eine Firma und Bill Gates Teil einer großen Verschwörung. Schon Kant wusste - die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Sprich - es sind nicht ausschließlich meine Wünsche, die zählen, weil die Grundrechte nicht nur mir alleine zustehen. Und was aktuell passiert, ist, dass eine Minderheit auf Biegen und Brechen der Mehrheit ihren Willen aufzwingen will. Dafür setzt man die Gesundheit anderer aufs Spiel, dafür macht man die Bemühungen, die Infektionszahlen so niedrig wie möglich zu halten, einfach so zunichte. Das Ding ist: Wenn du Dinge forderst, die nicht existieren oder die nicht durchführbar sind, wirst du niemals eine Mehrheit erzielen, weil die meisten deine Phantasiegespinste als solche erkennen. Du wirst niemals Erfolge erreichen, eben weil du für etwas kämpfst, das es nicht gibt. Und da Leute, die sowas tun, trotzdem glauben, sie seien im Recht, werden sie irgendwann aggressiv, wenn sie merken, dass sie nicht weiterkommen. Und viele begreifen auch gar nicht, dass die meisten sie nicht ernst nehmen - sie halten sich tatsächlich für weitaus mehr, als sie tatsächlich sind. Deswegen glauben sie ja auch, sie seien "das Volk".

Was mich beunruhigt, ist, dass nach 75 Jahren - das ist gerade mal die Lebenszeit meiner Großmutter mütterlicherseits - unsere Geschichte bedeutungslos geworden zu sein scheint. Dass die Verantwortlichen nicht mehr klare Kante zeigen können, wenn es um Rechtsextremismus geht. Natürlich gab es sie immer schon, die selbstgefällige Mitte, die erklärt, es gäbe zwischen Rechts- und Linksextremismus keine Unterschiede, möglicherweise ist die Gefahr von links sogar noch größer als die von rechts! Aer vor nicht allzu langer Zeit war man sich zumindest in breiten Teilen der Bevölkerung darüber einig, dass Faschismus und Rechtsextremismus nichts Positives ist - aber diese Zeiten scheinen nun vorbei zu sein. Heute bricht man das alles auf eine "andere Meinung" herunter, die man gut oder schlecht finden kann - eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung, sich gegen demokratiefeindliche Strömungen auszusprechen, gibt es nicht mehr. Vor noch nicht allzu langer Zeit erkannte man antisemitische Verschwörungsmythen außerdem noch als das, was sie waren - heute ist es für uns nichts Schockierendes mehr, wenn "Aufgewachte" von einer "jüdischen Weltverschwörung" faseln. Und das, obwohl genau dieses Gefasel vor über einem dreiviertel Jahrhundert zu einem der grausamsten Völkermorde der Weltgeschichte führte! Ich finde es, offen gestanden, unfassbar, wie weit sich die Grenzen des Sagbaren schon wieder verschoben haben, ohne dass man noch etwas dabei findet.

Und das ist auch der Grund, warum ich meinen Mund nicht halten kann und will. Weil ich absolut nicht in einer Welt leben möchte, die der von vor 75 Jahren gleicht. Weil ich finde, dass für alle Platz sein muss und nicht nur für die, die den üblichen Verdächtigen in den Kram passt. Und weil ich mir nicht irgendwann einmal vorwerfen lassen will, ich hätte weggeschaut, wie es damals so viele gemacht haben und auch heute viele wieder machen. Eigentlich müssten wir heute schon aufgrund unserer Vergangenheit gescheiter sein - aber der Mensch vergisst ganz offensichtlich zu schnell und zu bereitwillig. Ich hoffe inständig, dass wir uns nicht in ein paar Jahren wieder fragen, wie das alles nur passieren konnte.

vousvoyez

Ein paar Artikel zum Quellen überprüfen und Weiterlesen:

Dienstag, 25. August 2020

Die Verpackungsindustrie packt die Sachen so ein, als ob sie nie wieder ausgepackt werden müssten


(c) vousvoyez

Und ich muss zugeben, dass ich mich, auch wenn ich mit Aufreißfäden umgehen kann, selbst auch schon über so manche besonders, ähem, unzerstörbare Verpackung geärgert habe. Na ja, egal.

Ich erlebe in letzter Zeit oft Leute, die sich via Internet Sachen bestellen, die sie als Kinder unbedingt haben wollten. Das finde ich auch okay - ich bin nur halt nicht so. Ich habe als Kind nichts Wichtiges entbehrt, und die Sachen, die ich wollte und nicht bekommen habe, wurden irgendwann einmal uninteressant. Meine Eltern waren wohl auch klug genug, um das zu wissen - zumal es den Grundsatz "Was alle haben, muss ich auch haben" für sie sowieso nicht gab. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal zu meinem Vater sagte: "Der Florian hat so einen schönen Autobahnteppich!" Die Antwort meines Vaters war: "Schön, dann kannst du ja immer zum Florian gehen und dort damit spielen!" Er hat sich davon überhaupt nicht beeindrucken lassen. Heute hab ich kein Bedürfnis mehr nach einem Autobahnteppich - ich würde mir damit vorkommen wie in der Spielecke eines Wartezimmers. Aber da ich immer noch Dinge aus meiner Kindheit und Jugend auf meiner Liste habe, möchte ich diese heute mal fortsetzen. Also, wie man bei uns in Österreich sagt: Gehen wir's an!

1. Die Slinkies und die "magische Treppe"

Wer kennt sie nicht, die Schraubenfedern, die eigentlich komplett sinnlos sind, aber trotzdem irrsinnig lustig. Das Ding kommt immer wieder in Mode - wobei das Parade-Kunststück natürlich darin besteht, das Slinky die Treppe runtersteigen zu lassen. Während die Erwachsenen eher die Metallspirale favorisieren, sind Kinder vor allem von der bunten Kunststoff-Version begeistert. Ich selbst hatte kein Slinky, aber meine Cousins von nebenan hatten mehrere in bunten Regenbogenfarben. Dafür hatten sie keine Treppe in der Wohnung und ich schon - eine Win-Win-Situation, sozusagen. Obwohl die Erwachsenen es gar nicht gerne sahen, wenn wir auf der Treppe spielten, aber das hielt uns nicht davon ab. Unser Lieblingsspiel hieß übrigens "der entscheidendste Schnitt von allen", das eigentlich ein Batman-und-Robin-Spiel war: Wir teilten uns auf in Gute und Böse, die Guten wurden mit Wollfäden aus dem Handarbeitskoffer an die Treppe gefesselt, die Bösen hängten meinen roten Hüpfball vom obersten Treppenabsatz. Sobald einer der Bösen die Schnur durchschnitt, an der der Ball hing, mussten die Guten die Wollfäden zerreißen und zur Seite springen, ehe sie vom Hüpfball, der in unserer Phantasie ein Felsbrocken war, erwischt wurden. Ich wollte am liebsten Catwoman spielen, aber meine Cousins bettelten immer, dass ich Batgirl sein sollte. Meine Schwester redet immer noch davon, dass ich immer jammerte: "Ich will aber nicht immer das Batgirl sein!" Aber die Slinkies ließen wir auch gerne hüpfen - obwohl das natürlich ein gewisses Geschick erforderte. Slinky wurde übrigens 1945 von einem Ingenieur in Philadelphia erfunden, als er Federn entwickelte, die empfindliche Instrumente stabilisieren sollten - dabei stieß er eine um, die daraufhin die Treppe hinunterhüpfte. So wurde das beliebte Spielzeug geboren.

2. Schnuller

Meine Mutter mochte keine Schnuller, deswegen hatte ich als Baby keinen - stattdessen habe ich am Daumen gelutscht. Meine Großmutter hatte mehrere Wilhelm-Busch-Alben, die wir immer zusammen lasen - in einem kam die Geschichte Der Schnuller vor, die von einem Baby namens Willi handelt, dessen Schnuller ihm von zwei jungen Hunden und einer Wespe streitig gemacht wird. Allerdings handelte es sich nicht um einen modernen Gummischnuller, sondern um einen Lutschbeutel, wie er im 19. Jahrhundert vielerorts noch üblich war - ein zusammengeschnürtes Leinentuch, das mit einer süßen Masse aus Brot, Zwieback, Mehl und einem Brei aus Äpfeln und Karotten, manchmal auch Mohn gefüllt wurde. Ab und zu wurden die Beutel in Branntwein getaucht - wohl, um das Kind zu beruhigen. Durch die mangelnde Hygiene in vielen Haushalten war der Schnuller damals jedoch noch umstrittener als heute. In den 1990ern war der Schnuller allerdings weitaus mehr als nur ein Mittel, um Babys zu beruhigen - eine Zeit lang war es aus unerfindlichen Gründen auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Mode, sich durchsichtige Plastikschnuller in allen erdenklichen Größen und Leuchtfarben an einer Schnur um den Hals zu hängen. Und nicht nur das - es gab auch Schnuller als Ohrringe, auf Armbändern und als Ringe, und es gab Schnuller, die statt eines Gummisaugers einen Zutz aus einem Material wie Fruchtbonbon hatten. Da war man dann acht, zwölf oder gar fünfzehn Jahre alt, und auf einmal lutschte man wieder am Schnuller! Nun ja, der Trend verschwand zumindest so schnell, wie er gekommen war.

3. Mode

Obwohl ich nie eine war, die sich zwanghaft nach der letzten Mode kleiden musste, erkenne auch ich sie als Momentaufnahme einer stets im Wandel befindlichen Zeit. Und so habe auch ich im Laufe meines Lebens schon Modewellen kommen und gehen gesehen. Wobei ja aktuell die Mode meiner eigenen Jugend so langsam wieder schick wird - eine Entwicklung, die ich, offen gestanden, mit gemischten Gefühlen betrachte. Ich war schon nicht begeistert über die Rückkehr der Karottenhosen aus den 1980ern, ein Schnitt, den ich absolut schrecklich finde - jetzt sieht man schon wieder diese Plateau-Turnschuhe Marke Buffalo auf den Straßen, die ich schon in den Neunzigern absolut schrecklich fand!
Wie ich schon häufig erzählt habe, gingen die Vorstellungen meiner Mutter von dem, was schön ist, und meine eigenen häufig weit auseinander. So mochte ich keine niedlichen Kleider anziehen; wenn meine Mutter mir eine Spange ins Haar steckte, riss ich sie unter wütendem Protest runter, ebenso verfuhr ich, wenn sie mir ein Kopftuch umband, was damals bei Mädchen und Frauen noch nicht mit "Islamisierung" verbunden wurde. Ich erinnere mich noch daran, als mir die Friseurin, als ich etwa zwölf war, unbedingt einen Haarreifen aufsetzen wollte - nachdem mein Protest nichts nützte, schüttelte ich so heftig den Kopf, dass sie aufgeben musste. Als ich bei einem Jungen aus meiner Kindergartengruppe Turnschuhe von Converse sah und auch welche haben wollte, sagte meine Mutter: "Solche Tennisschuhe kaufe ich dir nicht!" Etwa sechs oder sieben Jahre später hat sie mir dann doch gekauft, nachdem sie eingesehen hatte, dass das gemessen an der Schuhmode der damaligen Zeit noch das kleinste Übel war. In der Volksschulzeit waren etwa Turnschuhe mit Klettverschluss extrem wichtig, und am Beginn der Pubertät trug ich stolz meine schwarzen Basketballschuhe von Nike. Als ich älter wurde, waren neben den Converse-Schuhen auch Schnürstiefel von Dr. Martens extrem wichtig - die ich im Prinzip auch heute noch liebe, das Problem ist nur, dass sie, obwohl sie nach wie vor unglaublich teuer sind, qualitativ deutlich nachgelassen haben. Geliebt habe ich auch die Adidas-Schuhe des Modells Superstar, die neben ihres unverswechselbaren Aussehens auch noch enorm strapazierfähig waren - meine ersten trug ich sage und schreibe fünf Jahre lang. Wenn es nach meiner Mutter gegangen wäre, hätte ich allerdings wohl ausschließlich Lackschühchen tragen müssen.
In meiner Kindheit war außerdem die Dauerwelle für Frauen ein Muss; in den Neunzigern sah man dann in der Bravo oder im Fernsehen ständig junge Mädels mit aufgezwirbelten Haaren oder Krepp-Strähnchen. Beliebt war es auch, die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammenzubinden, dabei aber links und rechts neben der Stirn je ein Strähnchen herunterhängen zu lassen. Außerdem musste sich jeder Jugendliche mindestens einmal im Leben die Haare in einer möglichst unmöglichen Farbe gefärbt haben. Ich hatte als Kind kurze Haare, die immer länger wurden, je älter ich wurde. Mit vierzehn hatte ich dann kinnlange Haare mit Ponyfransen - Prinz Eisenherz lässt grüßen. Dann ließ ich sie mir abschneiden zu einer Frisur, die ich absolut furchtbar finde, wenn ich mir die alten Fotos so ansehe. Seit ich etwa siebzehn bin, trage ich sie im wesentlichen so wie noch heute - lang und mit Mittelscheitel, ab und zu zusammengebunden oder mit Spangen aus dem Gesicht gehalten. Wobei ich sie in den letzten Jahren kaum je mal anders getragen habe als offen - ich mag es eben möglichst unkompliziert, weil es für mich nichts Langweiligeres gibt, als stundenlang an seinen Haaren herumzufummeln. Dafür kehrte ich mit fünfzehn von meinem ersten England-Aufenthalt mit knallrotem Haar zurück.
Was mir von den Achtzigern am stärksten in Erinnerung geblieben sind, sind weiße Tennissocken bei Jungs und Schulterpolster bei Frauen. Ich sehe heute noch vor mir, wie meine Mutter sich morgens im Bad die Schulterpolster in den Pullover stopfte. Unvergesslich auch die Ray-Ban-Sonnenbrillen im Pilotenstyle, ohne die kein cooler Typ damals auskam und die heute wieder in Mode sind - ich hatte selbst mal eine, ehe ich vor meiner Kurzsichtigkeit kapitulieren musste. In den Neunzigern waren dann Mikro-Sonnenbrillen mit getönten Gläsern der heißeste Scheiß. Eine Zeit lang trug ich auch eine Sonnenbrille mit kreisrunden Gläsern, obwohl mir das überhaupt nicht steht - mein damaliger Freund hat immer gemeckert, dass ich damit wie die Micky Maus aussehe.
Bemerkenswert sind auch die Kosmetik-Trends: In den Neunzigern trug man beispielsweise gern neonfarbenes Make-Up, was ich allerdings nie getan habe. Ich hatte jedoch eine Phase, in der ich mir gemäß dem damaligen Trend Glitzer auf die Wangen tupfte. Um 2000 war es außerdem total in, sich die Augenbrauen zu einem schmalen Streifen zu zupfen - was ich allerdings wirklich nie gemacht habe, da ich immer stolz auf die kräftigen Augenbrauen war, die mir mein Vater vererbt hat. Und das ist mir bis heute geblieben.
Was ich immer geliebt habe und bis heute liebe, sind Jeans - obwohl ich zugeben muss, dass mir der immer noch trendende Skinny-Schnitt fürchterlich zum Hals raushängt, weil er nur den wenigsten wirklich steht. Ich hoffe, dass das endlich bald vorbei ist. Jedenfalls wollte ich als kleines Kind am liebsten Jeans tragen, auch wenn ich so oft wie möglich niedliche Kleidchen anziehen sollte (ja, ich weiß, ich meckere oft darüber, aber das hat mich wirklich traumatisiert). In meiner Jugend trugen vor allem die Jungs ihre Jeans mindestens drei Nummern zu groß; sie wurden gerade so von den Hüftknochen an ihrem Platz gehalten, während die Unterhose auch was von der Welt sehen wollte und der Schritt bis zu den Knien hing. Vor allem aber war die Qualität mit der heutigen nicht zu vergleichen - während Jeans damals Jahrzehnte überdauerten, kann man heute froh sein, wenn man nach einem Jahr keine neue braucht. Obwohl es durch die damalige Grunge-Mode auch schon damals viele Teenager gab, deren Jeans vor allem an den Knien zerrissen waren. Der Unterschied: Heute bekommt man die Jeans schon zerrissen zu kaufen, damals musste man mit Messer und Schere noch nachhelfen. Zu Beginn der 2000er gab es dann ein Revival der Schlaghosen - die mussten aber möglichst tief auf den Hüften sitzen, damit String-Tanga und Arschgeweih schön zur Geltung kamen. Eines steht jedenfalls fest - Mode ist zu allen Zeiten ein Kapitel für sich.

4. Dinosaurier

Um Anfang bis Mitte der 1990er Jahre brach das Dinosaurier-Fieber aus. Die Ursache für das plötzliche Interesse an den Urzeit-Giganten war vor allem ein Film - Jurassic Park von Stephen Spielberg aus dem Jahr 1993, der vor allem technisch ein Meilenstein war. Ich war damals furchtbar enttäuscht, dass ich den Film nicht sehen durfte, weil ich zu jung dafür war - im Gegensatz zu zwei Freunden, die jünger waren als ich. Als ich ihn dann ein paar Jahre später trotzdem sah, musste ich jedoch feststellen, dass er trotz aller technischer Innovation nicht wirklich was Besonderes war. Ich hab dann die Fortsetzung The Lost World: Jurassic Park im Kino gesehen - die war allerdings so schlecht, dass ich mich kaum noch an etwas daraus erinnern kann. Weitaus mehr berührte mich der Zeichentrickfilm The Land Before Time (In einem Land vor unserer Zeit) von Don Bluth - die Geschichte des kleinen Brontosauriers Littlefoot, dessen Mutter von einem Tyrannosaurus rex getötet wird, woraufhin er sich mit ein paar anderen Dinosaurierkindern, die bei einem Erdbeben von ihren Eltern getrennt worden waren, auf den Weg in das sagenumwobene "Große Tal" macht, in das sich alle Dinosaurier vor der sich ausbreitenden Dürre geflüchtet haben. Jedenfalls hatte ich im Grundschulalter eine ausgesprochene Dinosaurier-Phase - ich las ein Dinosaurier-Magazin, von dem jede Ausgabe ein Stück von einem T-Rex-Modell enthielt, besaß mehrere Bücher über die prähistorische Tierwelt sowie eine Sammlung von Plastik-Dinosauriern in allen Größen. Zur Zeit des Jurassic-Park-Hypes gab es außerdem Dino-Eier aus Plastik zu kaufen, die ein Säckchen mit viel zu harten, geschmacklosen Bonbons sowie eine kleine Dino-Spielfigur enthielten - ich kaufte sie hauptsächlich wegen der Figuren.

5. Lavalampe

Meine Mathe-Nachhilfelehrerin hatte in ihrer Wohnung eine Lavalampe stehen, deren wabernde Flüssigkeit im Inneren mich damals restlos faszinierte. Nachdem die Dinger in den 1970ern in vielen Wohnungen zu finden waren, erlebten sie in den 1990ern ein Revival. Der Effekt der aufsteigenden Blasen in dem Gefäß der Lavalampe kommt dadurch zustande, dass sich daran zwei ineinander nicht lösliche Stoffe befinden (ein wasserlöslicher und ein nicht wasserlöslicher), die bei Erwärmung flüssig werden, sich dabei aber unterschiedlich stark ausdehnen. Meist ist es ein Wachs oder Öl in Kombination mit Isopropanol oder Ethylenglycol, das mit einem Farbstoff versetzt ist. Der Inhalt wird durch eine Glühlampe erwärmt und beleuchtet, die unter dem Gefäß angebracht ist - der Stoff mit der größeren Wärmeausdehnung steigt in Blasen auf, die wieder absinken, sobald sie den oberen Bereich des Gefäßes erreicht haben, der kühler ist. Die erste Lavalampe tauchte nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Pub in England auf - die Idee wurde von einem in Singapur geborenen Engländer namens Edward Craven Walker aufgegriffen, für dessen Produkt sich jedoch niemand zu interessieren schien, ehe es 1965 von zwei Unternehmern aus Chicago auf einer Produktmesse in Hamburg entdeckt wurde. Sie gaben dem Gegenstand den Namen "Lavalampe" und die Lampe zu einem Kultobjekt. In den 1980ern kam sie zunehmend aus der Mode, aber Anfang der 1990er entdeckte eine neue Generation sie auf Flohmärkten für sich, so dass sie bald wieder neu hergestellt wurde und eine neue Blütezeit erlebte. Ich hätte damals gerne eine gehabt, aber es war dasselbe wie mit dem leuchtenden Globus - ich bekam sie nie. Weshalb ich selbstverständlich schwer gestört bin.

6. Telefon

Phantastisch finde ich auch, wie sich allein das Telefon in meinen 36 Lebensjahren verändert hat - als ich klein war, hieß "mobil telefonieren" größtenteils noch, dass das Kabel vom Festnetz-Telefon lang genug war, dass man telefonierend den Raum wechseln konnte. Handys waren nahezu unbezahlbar und überdies so schwer, dass man jemanden damit erschlagen hätte können, für Fotos und Videos gab es eigene Geräte, Botschaften schrieb man auf Papier und das Internet war Zukunftsmusik. Als ich im Gymnasium war, sagten die Lehrer immer: "Lernt kopfrechnen, ihr werdet nicht immer einen Taschenrechner dabei haben!" Denen haben wir es aber gezeigt!
In meiner Kindheit waren die meisten Haushalte noch mit dem guten alten Wählscheiben-Telefon ausgestattet, während die drei Geräte bei uns daheim schon mit einem stylishen Tastenfeld aufwarten konnte. Und das war schon purer Luxus, denn die meisten Haushalte hatten nur ein Telefon! Und nicht nur das - als meine Mutter noch ein Kind war, musste man sich die Telefonleitung auch noch mit anderen Haushalten teilen! Das heißt, wenn der Nachbar telefonierte, musstest du warten, bis er fertig war. Abgesehen davon waren Telefongespräche im Vergleich zu heute auch lächerlich teuer - vor allem, wenn man ins Ausland oder gar nach Übersee telefonieren wollte! Ich erinnere mich, wie mühsam es noch vor etwa fünfzehn Jahren war, mit jemandem zu sprechen, der etwa in Afrika war! Hölle Hölle Hölle!
Ende der Achtziger hatte mein Vater einen Ford Scorpio mit Autotelefon, was damals noch was ganz Luxuriöses war. In den 1990er Jahren dann tauchten immer mehr Handys im Alltag auf. Lange Zeit waren die Dinger aber außer bei Geschäftsleuten hauptsächlich bei Angebern üblich, die zusätzlich noch mit fetten Autos und Markenkleidung zeigen wollten, dass sie was Besseres waren. Ende des Jahrzehnts wurden dann Handys auch für den Durchschnittsmenschen erschwinglich, und nachdem man zuvor über Handybesitzer gemeckert hatte, besaß man nun selbst eins. Und nachdem Jugendliche immer bessere Spielkonsolen ihr eigen nennen konnten, fanden sie auf einmal Spaß daran, Snake zu spielen - ein Spiel in Schwarz-Weiß, das wie zu Zeiten des Videospiels Pong im Prinzip nur aus einem Punkt und einem Strich bestand. Mein erstes Handy bekam ich mit sechzehn - ein Nokia 3210, das damit beworben wurde, dass man das Cover wechseln konnte. Zur damaligen Zeit war es noch wichtig, dass das Telefon möglichst klein und handlich wurde. Bald jedoch kamen schon die ersten Handys mit farbigem Bildschirm auf dem Markt - dem folgten integrierte Foto- und Videokameras, bald gab es auch eine Internet-Funktion, die jedoch so teuer war, dass kaum jemand sie nutzte. Als die Jugend immer häufiger mit Handys ausgestattet war, gehörte das Schreiben von SMS immer mehr zum guten Ton. Davor gab es Pager, die jedoch in Österreich kaum zu sehen waren. Das Schreiben von SMS etablierte eine Kurzschrift, da einem nur eine begrenzte Anzahl von Zeichen zur Verfügung stand und man überdies noch auf einer Zahlentastatur das richtige finden musste. Mitte der Nullerjahre waren dann Klapphandys besonders schick, und 2008 revolutionierte das erste iPhone den Handymarkt. Seitdem werden die Geräte wieder größer, dafür aber immer flacher. Eines ist aber gewiss: Kaum jemand kann sich heute noch vorstellen, was es heißt, nur auf ein nicht-mobiles Gerät zugreifen zu müssen und zu hoffen, dass die Person, die man erreichen will, sich in der Nähe befindet.

7. Computer

Überhaupt hat sich gerade in Sachen Computertechnik in den Jahren, die ich schon auf der Welt bin, irrsinnig viel getan. Zumal sich diese Technologie irrsinnig schnell entwickelte - schneller, als viele von uns es sich wohl träumen hätten können. Und dabei ist das Konzept des Computers bereits älter, als die meisten von uns sich wohl gedacht haben - denn der Abakus, die erste mechanische Rechenhilfe, entstand um etwa 1100 v. Chr. im indochinesischen Raum. Basierend auf John Napiers Logarithmentafel baute Wilhelm Schickard die erste Vier-Spezies-Maschine, eine mechanische Rechenmaschine, die heute als Beginn der Computer-Ära gesehen wird. Mit dem binären Zahlensystem (Dualsystem) schuf Gottfried Wilhelm Leibniz in der Folge die Grundlage für die Digitalrechner und die digitale Revolution. Ab dem 18. Jahrhundert wurden zunehmend Lochkartensysteme zur Datenverarbeitung verwendet, ehe diese ab den 1960er Jahren zunehmend durch magnetische Datenträger ersetzt wurden. In den 1970er Jahren wurden Computer durch die Erfindung des Mikroprozessors schließlich immer kleiner, leistungsfähiger und preisgünstiger. Meine frühe Kindheit war die Blütezeit der Heimcomputer, die zum ersten Mal breitere Bevölkerungsschichten mit Computern in Kontakt brachte, nachdem diese nur wenige Jahre zuvor nur für Fachpersonal zugänglich gewesen waren. Und so bekam auch der jüngere meiner beiden Brüder mit etwa vierzehn Jahren seinen ersten Computer geschenkt - gegen den Widerstand meiner Mutter, die keinen Sinn darin sah, doch sie hatte Unrecht, denn heute verdient er seinen Lebensunterhalt in der IT-Branche. Etwa parallel dazu verlief die Entwicklung von Spielkonsolen und Computerspielen, über die ich an anderer Stelle bereits berichtet habe.
Auch ich kam irgendwann in die Phase, in der ich mir einen Computer wünschte, nachdem ich über ein Jahr lang die mechanische Schreibmaschine meines Großvaters benutzt hatte, und wieder war meine Mutter dagegen. Trotzdem fand, als ich zwölf Jahre alt war, der erste Computer seit dem Auszug meiner Brüder Eingang in unseren Haushalt - ein gebrauchter Laptop mit dem damals bereits veralteten Windows-3.0-Betriebssystem und Schwarzweiß-Display, aber das spielte für mich keine Rolle. Auch wenn der zugehörige Nadeldrucker, den ich bis in die Uni-Zeit verwenden musste, für mich das nervigste Gerät auf Gottes Erden ist. Er ist einfach viel zu groß, viel zu laut, braucht viel zu lange, hat ein viel zu hässliches Schriftbild und ist nur mit komischem Papier kompatibel. Den Laptop nutzte ich gute zwei Jahre lang und machte dort in der Folge auch meine ersten "Gehversuche" im Internet, ehe ich einen - ebenfalls gebrauchten - Stand-PC bekam, der nicht im Schlafzimmer meiner Eltern stand, sondern in meinem eigenen und den ich daher mit niemandem mehr teilen musste. Wie schon angedeutet, wurden wir in der Schule jedoch nicht allzu optimal auf das sich bereits damals überdeutlich angekündigte Digital-Zeitalter vorbereitet - Informatik war ein Jahr lang Pflichtfach, und das für zwei Wochenstunden, in denen wir hauptsächlich ein bisschen mit Word und Excel auf PCs ohne Internet herumstümperten. Sachen, die ich tatsächlich brauchen kann, habe ich da eher selten gelernt. Trotzdem war die Schule der erste Ort, in der man normalerweise mit dem Internet in Berührung kam, denn damals war ein Internetanschluss in einem normalen Haushalt noch keine Selbstverständlichkeit. Das Internet lief damals noch über die Telefonleitung, via Modem musste man sich einwählen, und exzessives Surfen wie heutzutage war sowieso nicht vorstellbar, weil es dafür zu teuer war. Auch ich nutzte das Internet anfangs hauptsächlich in der Schule und dann an der Uni. Hier fand ich auch erstmals Zugang zu Social Media - mein erster Account war auf studiVZ, bis irgendwann einer nach dem anderen (auch ich) zu Facebook abwanderte. Heute sind Computer aus unserem alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken - und trotzdem gibt es noch Leute, die diese nutzen, um zu erklären, dass sie nicht an die Wissenschaft glauben.

8. Fernsehen

Wenn wir über die Vergangenheit reden, dürfen wir natürlich auch das Fernsehen nicht vergessen - auch wenn dieses angesichts der Streaming-Dienste und Internet-Portale allmählich aus der Mode kommt. Und das, obwohl es uns schon seit den 1950er Jahren begleitet. Ich vergleiche die Diskrepanz zwischen der heutigen Jugend und unserer eigenen gerne mit der zwischen uns und der Kinder und Jugendlichen der fünfziger Jahre. In meiner Kindheit und frühen Jugend nutzte man Festnetztelefone, und das Internet war ein Luxusgut. In der Kindheit meiner Eltern besaß in jedem Stadtviertel oder Dorf nur ein Haushalt ein Fernsehgerät. Das österreichische Fernsehen sendete erst ab 1956 regelmäßig und nur zwölf Stunden täglich. Wenn jemand einen Fernseher besaß, sah man ihn dazu verpflichtet, die gesamte Nachbarschaft einzuladen, sobald eine bestimmte Sendung lief. Eine der ältesten Sendungen, die es bis heute gibt, ist die Zeit im Bild, das Pendant zur deutschen Tagesschau. Ab 1961 hatte der ORF zwei Programme, und das waren die, die ich als Kind auch gesehen habe - denn nur wenige besaßen damals eine Satellitenschüssel oder Kabelanschluss. Schon 1974 gab es Vorschläge zur Einführung von Privatfernsehen in Österreich, die jedoch nicht umgesetzt wurden. Meine ersten Fernseh-Erinnerungen fallen in die Zeit von Generalintendant Taddäus Podgorski, unter dessen Leitung Sendungen wie Bundesland heute, Wurlitzer, D.O.R.F. und X-Large (Letztere war der Beginn von Arabella Kiesbauers Fernsehkarriere) ausgestrahlt wurden, außerdem auch die Sendung Heimat, fremde Heimat für die kroatischen und slowenischen Volksgruppen in Österreich. Eine meiner liebsten Sendereihen war und ist Universum, die ich schon als Kind geliebt habe und die anspruchsvolle Naturdokumentationen zeigt. Sprich: Der ORF zeige damals durchaus eine recht akzeptable Mischung an anspruchsvoller und leichterer Unterhaltung. Und es gab noch einen Sendeschluss, ehe Gerhard Zeiler 1994 zum Generalintendanten ernannt wurde und das 24-Stunden-Programm einführte. Mit dem EU-Beitritt Österreichs verlor der ORF seine Monopol-Stellung im Land, leider wurden jedoch auch viele Qualitätssendungen nach und nach eingestellt. Am meisten ärgerte mich das Ende der Sendung Kunst-Stücke im Jahr 2004, die immer Raum für die Arbeiten österreichischer Avantgarde- und Experimentalfilmmacher geboten hatte und darüber hinaus ein eigenes Comedy-Format betreute, das für viele Newcomer ein Sprungbrett war. Im Jahr 2003 ging mit ATV der erste österreichische Privatsender auf Sendung, dessen Qualität jedoch eher mit dem des deutschen RTL vergleichbar ist.
Bemerkenswert ist auch die Revolution der Fernsehgeräte, die ich hautnah miterlebte: Hatten in meiner Kindheit und Jugend noch Röhrenfernseher das Monopol, so erfreuten sich etwa ab der Jahrtausendwende Plasma-Fernseher mit flachem Bildschirm, von den Landsleuten meines Partners als "Gilette" bezeichnet, immer größerer Beliebtheit. Ich hielt jahrelang an meinem kleinen Röhrenfernseher fest, obwohl das viele nicht verstanden - aber im Gegensatz zu vielen anderen Geräten hielt er wirklich Jahrzehnte lang. Lustig finde ich auch, dass das Gejammer der älteren Generation sich immer ähnelt - zuerst hieß es, die Jugend gehe nicht mehr raus, weil sie nur noch vor dem Fernseher hänge; dann hieß es, die Jugend gehe nicht mehr raus, weil sie sich nur noch für ihre Spielkonsolen interessiere; heute behauptet man, die Jugend gehe nicht mehr raus, weil sie nur noch am Smartphone herumtippe.

9. Bücher

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Büchermensch bin - ich kann gar nicht genug Bücher um mich herum haben, und häufig bin ich da für Vernunft auch nicht mehr zugänglich. Obwohl ich in den letzten Jahren einige Bücher entsorgt habe, weil ich da wirklich nicht mehr reinschaue. Und nur wenige Bücher aus meiner Kindheit diese kontinuierlichen Sauber-Aktionen überlebt haben. Ich habe ja bereits vom Struwwelpeter erzählt, der im deutschsprachigen Raum wohl die meisten Kinder geprägt hat. Daneben kam ich durch meine Großmutter, die mehrere Alben hatte, auch schon früh mit Wilhelm Busch in Berührung, allen voran seine wohl bekannteste Bildergeschichte Max und Moritz, dessen Sprüche ("Aber wehe, wehe, wehe!/ Wenn ich auf das Ende sehe!") inzwischen in den allgemeinen Sprachschatz eingegangen sind. Bekanntlich ist dies die Geschichte zweier Buben, die den Bewohnern ihres Dorfes wilde Streiche spielen, ehe sie erwischt, zu Korn zerschrotet und von Enten aufgefressen werden. Natürlich waren Bilderbücher in der Zeit, in der ich noch nicht lesen konnte, wichtig - ich liebte damals die Bücher des amerikanischen Autors und Illustrators Richard Scarry, dessen Zeichnungen in den allermeisten Fällen vermenschlichte Tiere darstellen - die Absicht dahinter war, dass die Bücher, da durch die Tierfiguren die ethnische Zugehörigkeit wegfiel, einem breiteren Publikum zugänglich waren. Andererseits führte dies manchmal auch zu grotesken Situationen, beispielsweise die Darstellung eines Schweins,das als Metzer Würste und Speck verkauft. Mir fiel das als kleines Kind nicht so auf - ich mochte die Bücher, weil ich Tiere mochte. Und da ich den Namen des Autors kannte, mir dafür aber die Bärin "Fräulein Zuckertortel" im Gedächtnis geblieben war, hießen die Bücher bei mir ebenfalls alle "Zuckertortel". In Erinnerung blieb mir vor allem der Wurm Egon, der in praktisch allen Büchern mit dabei ist und eine blaue Hose mit nur einem Bein, einen einzelnen Schuh, ein grünes Oberteil ohne Ärmel und einen Tirolerhut trägt. Sehr geprägt hat michZuckertortel". In Erinnerung blieb mir vor allem der Wurm Egon, der in praktisch allen Büchern mit dabei ist und eine blaue Hose mit nur einem Bein, einen einzelnen Schuh, ein grünes Oberteil ohne Ärmel und einen Tirolerhut trägt. Sehr geprägt hat michZuckertortel". In Erinnerung blieb mir vor allem der Wurm Egon, der in praktisch allen Büchern mit dabei ist und eine blaue Hose mit nur einem Bein, einen einzelnen Schuh, ein grünes Oberteil ohne Ärmel und einen Tirolerhut trägt. Sehr geprägt hat michDie Sternenmühle, ein illustriertes Buch der österreichischen Lyrikerin Christine Busta. Die von Busta geschriebenen Gedichte sind wunderbar kindgerecht, dafür in ihrem Reimschema jedoch erstaunlich komplex. Die von Johannes Grüger gezeichneten Illustrationen ergänzen sie auf so wunderbare Weise, dass ich noch heute das Bild des Mondmannes im Kopf habe, der mit der Laterne durch die Nacht geht, während die beiden Kinder ihn durch das Fenster beobachten. Außerdem kannte ich die Bücher von Mira Lobe wie Bärli hupf!, Die Geggis, Bimbuli, Die Omama im Apfelbaum und Lollo. Letzteres mochte ich besonders gern, weil die Zeichnungen, die nur aus den Farben Schwarz, Weiß und Rot bestanden, einen besonderen Reiz für mich hatten. Es ist die Geschichte einer schwarzen Puppe, die sich mit ihrem Schicksal, auf dem Müll gelandet zu sein, nicht abfinden will - zusammen mit einem einbeinigen Puppenjungen gründet sie ein Krankenhaus für ausrangiertes Spielzeug und schließlich eine Schachtelstadt und setzt damit bereits im Jahre 1985 ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft. Außerdem gab es noch Ottfried Preußler, dessen Kinderromane wie Der Räuber Hotzenplotz, Das kleine Gespenst, Die kleine Hexe und Der kleine Wassermann Kult-Status erreichten. Ich habe ebenfalls bereits von meiner Prägung durch die Andersen-Märchen erzählt. Als ich ins Grundschul-Alter kam, wurden die Kinderbücher von Erich Kästner interessant, außerdem die Blitz-Reihe von Walter Farley, die Kinderbücher von Roald Dahl und Astrid Lindgren, die Alice-Bücher von Lewis Carroll, Christine Nöstlinger und viele, viele mehr. Als Teenager las ich gern die Bücher des Schweizer Autors Werner J. Egli und Jugendbuch-Klassiker wie Die Welle. Als ich etwa zwölf oder dreizehn war, begann ich auch, vermehrt Kurzgeschichten für Erwachsene zu lesen. Irgendwann dann entdeckte ich John Steinbeck, Jack Kerouac und Hermann Hesse - so nahm die Geschichte ihren Lauf. Vielleicht nähere ich mich dem Thema noch einmal an - wir werden sehen.

10. Bärenwald

Als ich klein war, hatte ich Spielzeug von einer Serie, deren Produktion leider irgendwann eingestellt wurde, was ich bis heute sehr schade finde. Das Spielzeug bestand aus Figuren, die ich viel lieber mochte als etwa Barbie-Puppen - etwa handgroße Tierfiguren aus Kunststoff mit einem samtigen Bezug, beweglichen Gliedern und mit Kleidung, die meist aus "Familien" bestanden, also Vater, Mutter und meist zwei Kindern, manchmal auch Großeltern. Leider habe ich die Figuren als Teenager alle verschenkt. Ich hatte vor allem Bären, aber auch Mäuse, Schweine, Krokodile, Nashörner, Hühner, Hasen und Schafe. Die Figuren stammten von der Firma Simba und hießen Bear Family, auf Deutsch Bärenwald. Leider wurde dieses liebenswerte Spielzeug irgendwann nicht mehr hergestellt, so dass ich mich mit dem begnügen musste, was ich hatte. Ich bastelte aber allen möglichen Krimskrams aus Bau-Spielzeug und Karton für meine Tiere, Jahre nachdem es sie nicht mehr auf dem Markt gab.

11. Süßigkeiten

Zu einer glücklichen Kindheit gehören natürlich auch Süßigkeiten. Viele, viele Süßigkeiten. Auch wenn man nie so viele bekommt, wie man gerne hätte - immerhin würde man dann wahrscheinlich nur noch Süßigkeiten essen. Und die sind bekanntermaßen furchtbar ungesund und schlecht für die Zähne. Wobei sie uns nicht geschadet haben - da wir ansonsten mit gesundem Essen versorgt wurden und die Erwachsenen auch immer darauf schauten, dass wir es nicht übertrieben. Mir fallen da beispielsweise die Halsketten und Armbänder aus Traubenzucker-Dragees ein, die auf ein Gummiband gefädelt wurde. Da konnte man den Schmuck gleichzeitig tragen und essen - auch wenn man sich an den harten Dingern fast die Zähne ausgebissen hat. Aus dem gleichen Zucker waren auch die Lippenstifte aus Plastikhüllen mit tiefrosa Inhalt. Vergessen darf man auch das Eis nicht,nach dem wir im Sommer immer lange Zähne bekamen - bestimmten Eissorten trauere ich heute noch nach. Was in DeutschlandLagnese ist, ist in Österreich Eskimo - denn beide Marken gehören zu Unilever, haben ein ähnliches Logo, und auch das Eis von Eskimo wird größtenteils aus Deutschland importiert. Obwohl es die Klassiker - Jolly, Twinni, Brickerl, Nogger und Cornetto - nach wie vor noch gibt. Beliebt war außerdem das BumBum-Eis der Marke Schöller - ein Eislutscher aus Vanille und Erdbeere, mit einer festen roten Masse überzogen, die meine Mutter als "Plastik" bezeichnet hat, und einem Stiel aus Kaugummi, der so hart war, dass man sich fast die Zähne ausbiss. Trotzdem war man im siebten Himmel bei der seltenen Gelegenheit, ein BumBum zu bekommen! Ich habe es vor Jahren wieder mal probiert - das Eis war kleiner als in meiner Erinnerung (wohl, weil ich größer geworden bin) und schmeckte ekelhaft. Man kann sich halt auf seine Erinnerungen nicht immer verlassen! Dafür war Bubble Gum ebenfalls enorm wichtig, auch wenn ich Jahre gebraucht habe, um zu kapieren, wie man Kaugummiblasen erzeugt. In Erinnerung geblieben ist mir außer Hubba Bubba, von dem jahrelang ein Werbe-Aufkleber bei unserem Greißler am Eck zu sehen war, die Plastiktube Tubble Gum, aus der man den synthetisch-rosafarbenen Kaugummi direkt in den Mund quetschen konnte. Und natürlich durften Lutscher nicht fehlen - große runde Zuckerguss-Lutscher mit schönen Blumen- oder Fruchtmotiven, Kirsch-Lutscher mit Kaugummi darin, Cola-Lutscher mit Brause-Füllung, Traubenzucker-Lutscher, zungenförmige Lutscher mit Limo-Geschmack oder Chupa-Chups in jeder Geschmacksrichtung. In letzter Zeit ist auch immer wieder von dem doppelten Karamell-Schokoriegel Raider die Rede, der seit Anfang der 1990er Jahre Twix heißt - der von Mars Inc. hergestellte Schokoriegel hieß im deutschsprachigen Raum Raider, bis man sich entschloss, den Markennamen global zu vereinheitlichen. Nicht zu vergessen die Süßigkeiten von Manner, die, wie schon gesagt, viel beliebter sind als die weltweit bekannten Mozartkugeln. Zu diesen gehören auch Marken wie Casali, von der vor allem die flüssig gefüllten Rum-Kokos-Kugeln aus Schokolade sowie die Schoko-Bananen bekannt sind, Ildefonso mit der viereckigen Schicht-Bonbonniere sowie Neapel mit seinen Dragee-Keksi.

12. Wasserbomben
Der Hit jeden Sommers waren außerdem die dünnwandigen Ballons, die man mit Wasser füllen konnte. Sie waren leicht zu zerstören, aber dafür der Hit jeder Strandparty, denn andere damit zu bewerfen verursachte keine Schmerzen, aber man wurde ordentlich nass dabei - und das war besonders bei heißem Wetter kein Malheur. Wir hatten die Bomben immer in Grado - sie waren in Plastiksäckchen zu kaufen und wurden mit Wasser aus den alle paar Meter angebauten Süßwasserhähnen gefüllt. Es war einer der vielen, vielen Hypes, die im Sommer für Aufsehen sorgte.

Dies ist also vorläufig das Ende meiner Reise zu den Dingen meiner Kindheit - vielleicht erkennt ihr euch ja darin wieder. Inzwischen hat sich wieder vieles angesammelt, was ich bearbeiten kann - macht euch also in Zukunft auf etwas gefasst. Bon voyage!

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Donnerstag, 20. August 2020

Ich gehe nicht auf die Vierzig zu - vor ein paar Monaten war ich noch neununddreißig.

Der Satz stammt diesmal von Mick Jagger - zumindest laut der Biographie von Philip Norman. Wobei ich Normans Rock-Biographien nur wärmstens empfehlen kann. Und Jaggers Musik natürlich auch. Es ist ja allgemein bekannt, dass die Beatles und die Rolling Stones, mit Sicherheit die beiden größten Bands der 1960er Jahre, große Konkurrenten gewesen sein sollen. Das stimmt allerdings nur zum Teil - während es unter den Fans eine Charakterfrage war, ob man auf die Beatles stand oder auf die Stones, waren die Mitglieder beider Bands gut befreundet. Und es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie königlich sich die jungen Engländer über die Kabbeleien ihrer jeweiligen Fans amüsiert haben müssen. Auch das Image der "braven" Beatles und der "wilden" Stones war zum größten Teil PR - kaum jemand, der sich nicht dafür interessiert, weiß, dass die Beatles einst mit schwarzer Lederkluft in Clubs des Hamburger Rotlichtviertels heißen Rock'n'Roll spielten, während die Rolling Stones als Blues-Formation in einem Jazzclub in der Londoner Oxford Street auftraten. Erst später steckte man die Beatles in Anzüge, um die Plattenfirmen nicht abzuschrecken, während man den Stones ein Rebellen-Outfit verpasste, damit sie sich von den Beatles unterschieden.

Nun - die Beatles gibt es seit nunmehr fünfzig Jahren nicht mehr, während die Rolling Stones bisher schon eine beachtliche Anzahl letzter Konzerte bestritten haben. Aber keiner, der diese aufregende Zeit erlebt hat, als beide Bands noch den Olymp der Rock- und Popmusik einnahmen, hat sie je wieder vergessen - vor allem aber war dies die Zeit, als das Fernsehen so nach und nach in den meisten Haushalten Einzug erhielt. Was natürlich auch die erste Blütezeit des Kinderfernsehens bedingte. Ich habe in meinem letzten Artikel über Disney-Filme ja schon erwähnt, dass ich Lust hätte, mich auch einmal mit den Nippon-Animation-Serien zu beschäftigen, die unsere Kindheit geprägt haben. Deshalb möchte ich das auch an dieser Stelle tun und habe mir dafür speziell ein paar Serien ausgesucht, mit denen ich aufgewachsen bin und die mir noch in Erinnerung geblieben sind.

Das japanische Zeichentrickfilm-Studio Nippon Animations, das seinen Sitz in Tama, einer Stadt innerhalb der Präfektur Tokio, hat, entstand aus dem Trickstudio Zuiyo Enterprises, das in den 1970er Jahren verschiedene Zeichentrick-Serien produzierte, ehe es 1975 in finanzielle Schwierigkeiten geriet und sich in zwei Teilfirmen aufteilte, wobei Nippon Animation die Produktion der Serien fortsetzte. Bekannt waren vor allem die Serien, die in Kooperation mit europäischen Fernsehsendern entstanden und die Kinderbuchklassiker adaptierten - Klassiker, die vielen Leuten heutzutage nicht in der literarischen Fassung, sondern in der Serien-Version in Erinnerung geblieben sind. Im Zuge der ersten drei Produktionen gründete Nippon Animation im Jahr 1975 das World Masterpiece Theater, das bis 1997 jährlich eine Serie auf der Grundlage eines internationalen literarischen Werkes herausbrachte.

Die erste dieser Serien wurde 1972 bis 1974 produziert und basiert auf der zwischen 1963 und 1993 veröffentlichten Kinderbuchreihe Vickie Viking des schwedischen Autors und Journalisten Runer Jonsson, die von Ewert Karlsson illustriert wurde im deutschsprachigen Raum unter dem Namen Wickie und die starken Männer bekannt ist. Jonsson erfand die Geschichte ursprünglich für seinen Sohn und ließ sich einerseits von den Isländersagas, andererseits von Fans G. Bengtssons damals populärem Entwicklungsroman Die Abenteuer des Röde Orm inspirieren. Das Besondere an diesen Geschichten ist, dass es sich hierbei nicht um ehrfürchtige Heldengeschichten handelt, sondern um eine Parodie - sozusagen eine Anti-Saga. Wickie wurde 1964 auch im deutschsprachigen Raum veröffentlicht und 1965 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Der Erfolg des ersten Buches brachte von 1966 bis 1973 fünf weitere Bände der Wikinger-Geschichten hervor; im Jahr 1993 folgte dann ein weiteres, in dem Wickie bereits Häuptling von Flake ist.

Die Geschichte selbst handelt von Wickie, dem Sohn von Halvar, der der Häuptling des Wikingerdorfes Flake ist. Wickie ist ängstlich und nicht besonders stark, kann sich aber mit Schlauheit immer wieder aus brenzligen Situationen retten. Nachdem er seinem Vater von seiner geistigen Überlegenheit überzeugt hat, willigt dieser ein, ihn an den Beutefahrten der Wikinger teilnehmen zu lassen. Die folgenden Geschichten variieren immer wieder das Grundmotiv der starken, aber nicht besonders intelligenten Wikinger, die sich durch ihr Draufgängertum immer wieder in brenzlige Situationen manövrieren und nur von den Ideen des kleinen Wickie gerettet werden können. 

1965 wurde Wickie und die starken Männer vom Westdeutschen Rundfunk als Hörspiel herausgegeben, mit dem jungen Marius Müller-Westerhagen in der Rolle des Wickie. In den 1970er Jahren wurde dann im Auftrag des ZDF in Japan die bekannte Zeichentrickserie produziert, die unabhängig von der Buchvorlage ins kollektive Gedächtnis ganzer Generationen einging. Sowohl in der Handlung als auch in der Darstellung der Figuren war sie stark an die literarische Vorlage angelehnt. 2008 folgte ein Spielfilm unter der Regie von Michael "Bully" Herbig, der so erfolgreich war, dass 2011 eine Fortsetzung unter der Regie von Christian Ditter gedreht wurde - Wickie auf großer Fahrt war außerdem die erste deutsche 3D-Film-Produktion. 2014 wurde die Serie komplett neu in computeranimierter Fassung in Deutschland, Österreich und Frankreich produziert.

Die zweite Serie, die von Zuiyo Enterprise produziert wurde, ist Heidi aus dem Jahr 1974. Vorlage sind die beiden Romane Heidis Lehr- und Wanderjahre sowie Heidi kann brauchen, was es gelernt hat der Schweizer Schriftstellerin Johanna Spyri aus den Jahren 1880 und 1881. Es wird vermutet, dass Spyri sich von der Erzählung Adelaide - Mädchen vom Alpengebirge des deutschen Pädagogen und Schriftstellers Hermann Adam von Kamp  (dem Verfasser des Liedes Alles neu macht der Mai) inspirieren ließ. Die Romane schufen die Grundlage für ein noch heute weit verbreitetes romantisch-verklärtes Idealbild der Schweiz, das vor allem in Japan gepflegt wird. Außerdem erinnert vor allem das Motiv der Stadt-Land-Gegenüberstellung, wobei die Stadt das Negative und das Land das Positive verkörpert, an die vor allem in der Nachkriegszeit beliebten Heimatfilme. Der Erfolg der beiden Bücher ermöglichte Spyri vor allem einen recht komfortablen Lebensabend.

Die Geschichte handelt von dem Waisenmädchen Adelheid, genannt Heidi, das als Fünfjährige von seiner Tante in die Obhut seines Großvaters gebracht wird - dieser wird Alpöhi oder Almöhi genannt und lebt zurückgezogen in einer Berghütte oberhalb von Maienfeld im Schweizer Kanton Graubünden. Trotz seiner einsiedlerischen Lebensweise schließt er das kleine Mädchen schnell ins Herz; Heidi freundet sich mit dem Geißenpeter an, einem elfjährigen Ziegenhirten, und auch mit dessen blinder Großmutter, und führt ein freies, unbeschwertes Leben in den Bergen. Nachdem sich der Großvater jedoch weigert, sie zur Schule zu schicken, wird sie mit acht Jahren von ihrer Tante nach Frankfurt am Main gebracht, wo sie fortan bei der gut situierten Familie Sesemann als Gesellschafterin der gelähmten Tochter Klara lebt und Privatunterricht erhält. Sie freundet sich schnell mit Klara an, ist jedoch in der Stadt nicht glücklich, und besonders das strenge Hausmädchen Fräulein Rottenmeier, das sie für eine Wilde hält, macht ihr das Leben schwer. Einzig Klaras Großmutter, die manchmal zu Besuch ist, kann das eintönige Leben ein wenig aufhellen und ermutigt Heidi dazu, endlich lesen zu lernen. Doch als das Heimweh die Gesundheit des Mädchens anzugreifen beginnt, schickt Herr Sesemann sie auf Anraten des Arztes zurück in die Berge. Damit endet das erste Buch; im zweiten ist sie zu ihrem Großvater zurückgekehrt, der sein Haus im Dörfli instand setzt, damit er während der Wintermonate mit Heidi dort leben und sie die Schule besuchen kann. Trotz der Bedenken schafft es Heidi, ihren Großvater und auch die Sesemanns zu überzeugen, Klara den Sommer ebenfalls bei ihr in den Bergen verbringen zu können. Die gesunde Umgebung tut auch bei dem gelähmten Mädchen ihre Wirkung, und in Folge lernt sie das Gehen.

Heidi wurde zu einem Klassiker der Weltliteratur und war auch in den USA sehr erfolgreich; Parallelen zur Heidi-Geschichte sind unter anderem auch in Frances Hodgson Burnetts Roman The Secret Garden von 1909, der ebenfalls zum Klassiker avancierte, zu finden. Im Jahr 1920 wurde die Geschichte erstmals verfilmt - es folgten mehrere Filme, die teilweise sehr lose auf dem Grundmotiv basierten. 1974 folgte die japanische Fernsehserie, für die intensive Recherche-Arbeiten in Angriff genommen wurden. Mittels Reisen an Originalschauplätzen wurde nach hoher Authentizität und bestmöglichem Realismus gestrebt, und man bemühte sich, die Alpen so naturgetreu wie möglich nachzuempfinden. In der Serie wurden allen Haupt- und Nebenhandlungen des Romans aufgenommen, auch wenn Heidis Tierliebe und die Rolle der Natur stärker im Fokus stehen und der Geißenpeter ein wenig sympathischer dargestellt wird. Außerdem entfallen die religiös aufgeladenen Motive von Schuld, Sühne und Vergebung, da diese einem shintoistisch bzw. buddhistisch geprägten Publikum unverständlich gewesen wären. In der Serie wird die Sehnsucht der Japaner nach der unberührten Natur zum Ausdruck gebracht, gepaart mit der Unschuld des Mädchens Heidi, das nach dem Motiv des sich damals gerade etablierenden Kawaii gezeichnet wurde, einer der japanischen Kultur typischen Niedlichkeitsästhetik, die auch in Maskottchen wie Pikachu oder Hello Kitty ihren Ausdruck findet und innerhalb der westlichen Welt manchmal befremdlich wirkt, auch wenn es hier immer mehr Einzug erhält.

Die Serie erzielt in Japan bis heute noch beachtliche Einschaltquoten, der Jodler aus der japanischen Titelmelodien ist nach wie vor noch in Karaoke-Bars zu hören. In Europa war Heidi von der Kritik an japanischen Film- und Fernsehproduktionen ausgenommen, die vor allem in Frankreich und Italien aufkam. Die Serie war der Auftakt für den langjährigen Erfolg der World-Masterpiece-Theater-Produktionen und begründete die Beliebtheit japanischer Animes in Europa, wobei im Gegensatz zu anderen Serien hier noch großen Wert auf einen international verständlichen Zeichenstil gelegt wurde.  Im Jahr 2015 kam eine computeranimierte Fassung ins Fernsehen, die sich jedoch stark an dem Stil der Zeichentrickserie orientierte.

Die dritte Serie, über die ich an dieser Stelle berichten möchte, ist wie der Film Bambi, über den ich hier schon geschrieben habe, die Adaption von Kindergeschichten, die von einem prägenden Autor der deutschsprachigen literarischen Moderne verfasst wurden. Ich spreche hier von der Serie Die Biene Maja von 1975, die auf den beiden Romanen Die Biene Maja und ihre Abenteuer (1912) und Himmelsvolk (1915) des deutschen Schriftstellers Waldemar Bonsels basieren. Wobei mich wundert, dass in der aktuellen Debatte noch niemand den offenen Antisemitismus dieses Autors thematisiert hat, der in der Anfangszeit von Nazi-Deutschland die Juden für die vermeintliche Vernichtung der deutschen Kultur verantwortlich machte, aber das ist wohl eine andere Geschichte. In den 1920er Jahren der am meisten gelesene Autor, verarbeitete er in den Biene-Maja-Geschichten seine Kindheitserlebnisse in freier Natur in Ahrensburg sowie seine Naturbeobachtungen als Erwachsener. Es waren die einzigen Kinderbücher, die er schrieb, und bei weitem seine erfolgreichsten.

Die Geschichte erzählt, wie die Biene Maja von ihrer Erzieherin Kassandra auf ihren ersten Ausflug vorbereitet wird, von dem sie jedoch nicht, wie vorgesehen, in den Bienenstock zurückkehrt - stattdessen entdeckt sie die Natur und begegnet dabei vielen anderen Insekten, Würmern und Käfern. Sowohl von Kassandra als auch von den anderen Tieren erfährt sie immer wieder von den Menschen und wünscht sich, diese Lebewesen einmal zu sehen - ein Blumenelf kann ihr diesen Wunsch erfüllen, und nicht nur das, sie begegnet gleich zwei sich liebenden Menschen in einer Gartenlaube. Dann jedoch wird sie von den Hornissen gefangen genommen und erfährt von Kriegsvorbereitungen gegen ihr Volk. Sie kann ausbrechen und den Bienenstock warnen, so dass die Bienen sich auf den Angriff der Hornissen vorbereiten und ihn abwehren können. Aufgrund dessen wird Maja verziehen, dass sie ausgerissen ist, und Kassandra ernennt sie zu ihrer Beraterin. Das zweite Buch Himmelsvolk wiederum handelt von dem Blumenelfen, der Maja das Liebespaar gezeigt hat - er ist so vertieft in den Anblick der Liebenden, dass er vergessen hat, rechtzeitig ins Elfenreich zurückzukehren. Möglich soll ihm das nur sein, wenn er eine größere Liebe als diese zu Gesicht bekommt. Nachdem er ein Jahr auf einer Waldwiese verbracht und Freud und Leid des irdischen Lebens kennengelernt hat, erzählt ihm eine alte Linde die Geschichte von Jesus Christus, der sein Leben gegeben hat für eine Liebe, die größer ist als alle vergänglichen Werte - somit erkennt der Blumenelf eine noch größere Liebe als die des Liebespaares und kann ins Elfenreich zurückkehren. Der spirituelle Aspekt von Himmelsvolk fehlt in der Serie natürlich ganz, außerdem bekommen namenlose Figuren Namen, etwa der Grashüpfer Flip und der Regenwurm Max, und es tauchen auch neue Figuren auf, wie die Drohne Willi oder die Zwergmaus Alexander.

Nachdem Waldemar Bonsels nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den englischen und britischen Besatzungszonen mit einem Publikationsverbot belegt wurde, und nach seinem Tod im Jahre 1949 geriet der Autor weitgehend in Vergessenheit, ehe die Serie in den 1970er Jahren ins Fernsehen kam. 1975 wurde sie in Japan ausgestrahlt, 1976 folgten Deutschland und Österreich; sie entwickelte sich zu der bisher erfolgreichsten Zeichentrickserie des ZDF. Das von Karel Gott gesungene Titellied erreichte Anfang 1977 Platz eins der NDR-Schlagerparade. Neben Wickie, Heidi und Pinocchio gehörte Die Biene Maja zu den ersten breitenwirksamen japanischen Zeichentrickserien in Deutschland und Österreich und führten dazu, dass ORF, ZDF und auch andere deutsche Sender auch noch andere Serien in Japan produzierten oder von dort einkauften, was von journalistischer Seite allerdings auch zu Kritik führte. Auch diese Serie wurde 2013 in computeranimierter Fassung neu veröffentlicht - wobei der Titelsong von Helene Fischer neu gesungen wurde.

Ich glaube, ich habe an anderer Stelle schon einmal angedeutet, dass ich über die 3-D-Fassungen nicht allzu glücklich bin. Aber es war wohl die Begeisterung für die neue Technik, die dazu veranlasste, aus dem alten Stoff noch einmal Kapital zu schlagen. Was jedoch mich und meine Generation betrifft (und die davor) - wir werden wohl immer die alten Fassungen mit unserer Kindheit in Verbindung bringen. Wobei ich gestehen muss, dass ich die Heidi-Serie immer etwas langweilig fand - bis auf die Folgen mit Fräulein Rottenmeier, über die ich immer lachen musste - so geht es mir übrigens bis heute mit affektierten, gouvernantenhaften Damen. Ich fand auch das Fräulein Andacht in der alten Filmversion von Pünktchen und Anton immer äußerst witzig.

Dies waren drei ausgewählte Nippon-Animation-Serien, die mir, obwohl ich Jahre nach ihrer Erstausstrahlung geboren wurde, aus der Kindheit noch in Erinnerung geblieben sind. Wahrscheinlich kommt noch ein zweiter Teil - wir werden sehen. Aber eines ist gewiss: Ich komme wieder - keine Frage!

vousvoyez