Donnerstag, 20. August 2020

Ich gehe nicht auf die Vierzig zu - vor ein paar Monaten war ich noch neununddreißig.

Der Satz stammt diesmal von Mick Jagger - zumindest laut der Biographie von Philip Norman. Wobei ich Normans Rock-Biographien nur wärmstens empfehlen kann. Und Jaggers Musik natürlich auch. Es ist ja allgemein bekannt, dass die Beatles und die Rolling Stones, mit Sicherheit die beiden größten Bands der 1960er Jahre, große Konkurrenten gewesen sein sollen. Das stimmt allerdings nur zum Teil - während es unter den Fans eine Charakterfrage war, ob man auf die Beatles stand oder auf die Stones, waren die Mitglieder beider Bands gut befreundet. Und es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie königlich sich die jungen Engländer über die Kabbeleien ihrer jeweiligen Fans amüsiert haben müssen. Auch das Image der "braven" Beatles und der "wilden" Stones war zum größten Teil PR - kaum jemand, der sich nicht dafür interessiert, weiß, dass die Beatles einst mit schwarzer Lederkluft in Clubs des Hamburger Rotlichtviertels heißen Rock'n'Roll spielten, während die Rolling Stones als Blues-Formation in einem Jazzclub in der Londoner Oxford Street auftraten. Erst später steckte man die Beatles in Anzüge, um die Plattenfirmen nicht abzuschrecken, während man den Stones ein Rebellen-Outfit verpasste, damit sie sich von den Beatles unterschieden.

Nun - die Beatles gibt es seit nunmehr fünfzig Jahren nicht mehr, während die Rolling Stones bisher schon eine beachtliche Anzahl letzter Konzerte bestritten haben. Aber keiner, der diese aufregende Zeit erlebt hat, als beide Bands noch den Olymp der Rock- und Popmusik einnahmen, hat sie je wieder vergessen - vor allem aber war dies die Zeit, als das Fernsehen so nach und nach in den meisten Haushalten Einzug erhielt. Was natürlich auch die erste Blütezeit des Kinderfernsehens bedingte. Ich habe in meinem letzten Artikel über Disney-Filme ja schon erwähnt, dass ich Lust hätte, mich auch einmal mit den Nippon-Animation-Serien zu beschäftigen, die unsere Kindheit geprägt haben. Deshalb möchte ich das auch an dieser Stelle tun und habe mir dafür speziell ein paar Serien ausgesucht, mit denen ich aufgewachsen bin und die mir noch in Erinnerung geblieben sind.

Das japanische Zeichentrickfilm-Studio Nippon Animations, das seinen Sitz in Tama, einer Stadt innerhalb der Präfektur Tokio, hat, entstand aus dem Trickstudio Zuiyo Enterprises, das in den 1970er Jahren verschiedene Zeichentrick-Serien produzierte, ehe es 1975 in finanzielle Schwierigkeiten geriet und sich in zwei Teilfirmen aufteilte, wobei Nippon Animation die Produktion der Serien fortsetzte. Bekannt waren vor allem die Serien, die in Kooperation mit europäischen Fernsehsendern entstanden und die Kinderbuchklassiker adaptierten - Klassiker, die vielen Leuten heutzutage nicht in der literarischen Fassung, sondern in der Serien-Version in Erinnerung geblieben sind. Im Zuge der ersten drei Produktionen gründete Nippon Animation im Jahr 1975 das World Masterpiece Theater, das bis 1997 jährlich eine Serie auf der Grundlage eines internationalen literarischen Werkes herausbrachte.

Die erste dieser Serien wurde 1972 bis 1974 produziert und basiert auf der zwischen 1963 und 1993 veröffentlichten Kinderbuchreihe Vickie Viking des schwedischen Autors und Journalisten Runer Jonsson, die von Ewert Karlsson illustriert wurde im deutschsprachigen Raum unter dem Namen Wickie und die starken Männer bekannt ist. Jonsson erfand die Geschichte ursprünglich für seinen Sohn und ließ sich einerseits von den Isländersagas, andererseits von Fans G. Bengtssons damals populärem Entwicklungsroman Die Abenteuer des Röde Orm inspirieren. Das Besondere an diesen Geschichten ist, dass es sich hierbei nicht um ehrfürchtige Heldengeschichten handelt, sondern um eine Parodie - sozusagen eine Anti-Saga. Wickie wurde 1964 auch im deutschsprachigen Raum veröffentlicht und 1965 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Der Erfolg des ersten Buches brachte von 1966 bis 1973 fünf weitere Bände der Wikinger-Geschichten hervor; im Jahr 1993 folgte dann ein weiteres, in dem Wickie bereits Häuptling von Flake ist.

Die Geschichte selbst handelt von Wickie, dem Sohn von Halvar, der der Häuptling des Wikingerdorfes Flake ist. Wickie ist ängstlich und nicht besonders stark, kann sich aber mit Schlauheit immer wieder aus brenzligen Situationen retten. Nachdem er seinem Vater von seiner geistigen Überlegenheit überzeugt hat, willigt dieser ein, ihn an den Beutefahrten der Wikinger teilnehmen zu lassen. Die folgenden Geschichten variieren immer wieder das Grundmotiv der starken, aber nicht besonders intelligenten Wikinger, die sich durch ihr Draufgängertum immer wieder in brenzlige Situationen manövrieren und nur von den Ideen des kleinen Wickie gerettet werden können. 

1965 wurde Wickie und die starken Männer vom Westdeutschen Rundfunk als Hörspiel herausgegeben, mit dem jungen Marius Müller-Westerhagen in der Rolle des Wickie. In den 1970er Jahren wurde dann im Auftrag des ZDF in Japan die bekannte Zeichentrickserie produziert, die unabhängig von der Buchvorlage ins kollektive Gedächtnis ganzer Generationen einging. Sowohl in der Handlung als auch in der Darstellung der Figuren war sie stark an die literarische Vorlage angelehnt. 2008 folgte ein Spielfilm unter der Regie von Michael "Bully" Herbig, der so erfolgreich war, dass 2011 eine Fortsetzung unter der Regie von Christian Ditter gedreht wurde - Wickie auf großer Fahrt war außerdem die erste deutsche 3D-Film-Produktion. 2014 wurde die Serie komplett neu in computeranimierter Fassung in Deutschland, Österreich und Frankreich produziert.

Die zweite Serie, die von Zuiyo Enterprise produziert wurde, ist Heidi aus dem Jahr 1974. Vorlage sind die beiden Romane Heidis Lehr- und Wanderjahre sowie Heidi kann brauchen, was es gelernt hat der Schweizer Schriftstellerin Johanna Spyri aus den Jahren 1880 und 1881. Es wird vermutet, dass Spyri sich von der Erzählung Adelaide - Mädchen vom Alpengebirge des deutschen Pädagogen und Schriftstellers Hermann Adam von Kamp  (dem Verfasser des Liedes Alles neu macht der Mai) inspirieren ließ. Die Romane schufen die Grundlage für ein noch heute weit verbreitetes romantisch-verklärtes Idealbild der Schweiz, das vor allem in Japan gepflegt wird. Außerdem erinnert vor allem das Motiv der Stadt-Land-Gegenüberstellung, wobei die Stadt das Negative und das Land das Positive verkörpert, an die vor allem in der Nachkriegszeit beliebten Heimatfilme. Der Erfolg der beiden Bücher ermöglichte Spyri vor allem einen recht komfortablen Lebensabend.

Die Geschichte handelt von dem Waisenmädchen Adelheid, genannt Heidi, das als Fünfjährige von seiner Tante in die Obhut seines Großvaters gebracht wird - dieser wird Alpöhi oder Almöhi genannt und lebt zurückgezogen in einer Berghütte oberhalb von Maienfeld im Schweizer Kanton Graubünden. Trotz seiner einsiedlerischen Lebensweise schließt er das kleine Mädchen schnell ins Herz; Heidi freundet sich mit dem Geißenpeter an, einem elfjährigen Ziegenhirten, und auch mit dessen blinder Großmutter, und führt ein freies, unbeschwertes Leben in den Bergen. Nachdem sich der Großvater jedoch weigert, sie zur Schule zu schicken, wird sie mit acht Jahren von ihrer Tante nach Frankfurt am Main gebracht, wo sie fortan bei der gut situierten Familie Sesemann als Gesellschafterin der gelähmten Tochter Klara lebt und Privatunterricht erhält. Sie freundet sich schnell mit Klara an, ist jedoch in der Stadt nicht glücklich, und besonders das strenge Hausmädchen Fräulein Rottenmeier, das sie für eine Wilde hält, macht ihr das Leben schwer. Einzig Klaras Großmutter, die manchmal zu Besuch ist, kann das eintönige Leben ein wenig aufhellen und ermutigt Heidi dazu, endlich lesen zu lernen. Doch als das Heimweh die Gesundheit des Mädchens anzugreifen beginnt, schickt Herr Sesemann sie auf Anraten des Arztes zurück in die Berge. Damit endet das erste Buch; im zweiten ist sie zu ihrem Großvater zurückgekehrt, der sein Haus im Dörfli instand setzt, damit er während der Wintermonate mit Heidi dort leben und sie die Schule besuchen kann. Trotz der Bedenken schafft es Heidi, ihren Großvater und auch die Sesemanns zu überzeugen, Klara den Sommer ebenfalls bei ihr in den Bergen verbringen zu können. Die gesunde Umgebung tut auch bei dem gelähmten Mädchen ihre Wirkung, und in Folge lernt sie das Gehen.

Heidi wurde zu einem Klassiker der Weltliteratur und war auch in den USA sehr erfolgreich; Parallelen zur Heidi-Geschichte sind unter anderem auch in Frances Hodgson Burnetts Roman The Secret Garden von 1909, der ebenfalls zum Klassiker avancierte, zu finden. Im Jahr 1920 wurde die Geschichte erstmals verfilmt - es folgten mehrere Filme, die teilweise sehr lose auf dem Grundmotiv basierten. 1974 folgte die japanische Fernsehserie, für die intensive Recherche-Arbeiten in Angriff genommen wurden. Mittels Reisen an Originalschauplätzen wurde nach hoher Authentizität und bestmöglichem Realismus gestrebt, und man bemühte sich, die Alpen so naturgetreu wie möglich nachzuempfinden. In der Serie wurden allen Haupt- und Nebenhandlungen des Romans aufgenommen, auch wenn Heidis Tierliebe und die Rolle der Natur stärker im Fokus stehen und der Geißenpeter ein wenig sympathischer dargestellt wird. Außerdem entfallen die religiös aufgeladenen Motive von Schuld, Sühne und Vergebung, da diese einem shintoistisch bzw. buddhistisch geprägten Publikum unverständlich gewesen wären. In der Serie wird die Sehnsucht der Japaner nach der unberührten Natur zum Ausdruck gebracht, gepaart mit der Unschuld des Mädchens Heidi, das nach dem Motiv des sich damals gerade etablierenden Kawaii gezeichnet wurde, einer der japanischen Kultur typischen Niedlichkeitsästhetik, die auch in Maskottchen wie Pikachu oder Hello Kitty ihren Ausdruck findet und innerhalb der westlichen Welt manchmal befremdlich wirkt, auch wenn es hier immer mehr Einzug erhält.

Die Serie erzielt in Japan bis heute noch beachtliche Einschaltquoten, der Jodler aus der japanischen Titelmelodien ist nach wie vor noch in Karaoke-Bars zu hören. In Europa war Heidi von der Kritik an japanischen Film- und Fernsehproduktionen ausgenommen, die vor allem in Frankreich und Italien aufkam. Die Serie war der Auftakt für den langjährigen Erfolg der World-Masterpiece-Theater-Produktionen und begründete die Beliebtheit japanischer Animes in Europa, wobei im Gegensatz zu anderen Serien hier noch großen Wert auf einen international verständlichen Zeichenstil gelegt wurde.  Im Jahr 2015 kam eine computeranimierte Fassung ins Fernsehen, die sich jedoch stark an dem Stil der Zeichentrickserie orientierte.

Die dritte Serie, über die ich an dieser Stelle berichten möchte, ist wie der Film Bambi, über den ich hier schon geschrieben habe, die Adaption von Kindergeschichten, die von einem prägenden Autor der deutschsprachigen literarischen Moderne verfasst wurden. Ich spreche hier von der Serie Die Biene Maja von 1975, die auf den beiden Romanen Die Biene Maja und ihre Abenteuer (1912) und Himmelsvolk (1915) des deutschen Schriftstellers Waldemar Bonsels basieren. Wobei mich wundert, dass in der aktuellen Debatte noch niemand den offenen Antisemitismus dieses Autors thematisiert hat, der in der Anfangszeit von Nazi-Deutschland die Juden für die vermeintliche Vernichtung der deutschen Kultur verantwortlich machte, aber das ist wohl eine andere Geschichte. In den 1920er Jahren der am meisten gelesene Autor, verarbeitete er in den Biene-Maja-Geschichten seine Kindheitserlebnisse in freier Natur in Ahrensburg sowie seine Naturbeobachtungen als Erwachsener. Es waren die einzigen Kinderbücher, die er schrieb, und bei weitem seine erfolgreichsten.

Die Geschichte erzählt, wie die Biene Maja von ihrer Erzieherin Kassandra auf ihren ersten Ausflug vorbereitet wird, von dem sie jedoch nicht, wie vorgesehen, in den Bienenstock zurückkehrt - stattdessen entdeckt sie die Natur und begegnet dabei vielen anderen Insekten, Würmern und Käfern. Sowohl von Kassandra als auch von den anderen Tieren erfährt sie immer wieder von den Menschen und wünscht sich, diese Lebewesen einmal zu sehen - ein Blumenelf kann ihr diesen Wunsch erfüllen, und nicht nur das, sie begegnet gleich zwei sich liebenden Menschen in einer Gartenlaube. Dann jedoch wird sie von den Hornissen gefangen genommen und erfährt von Kriegsvorbereitungen gegen ihr Volk. Sie kann ausbrechen und den Bienenstock warnen, so dass die Bienen sich auf den Angriff der Hornissen vorbereiten und ihn abwehren können. Aufgrund dessen wird Maja verziehen, dass sie ausgerissen ist, und Kassandra ernennt sie zu ihrer Beraterin. Das zweite Buch Himmelsvolk wiederum handelt von dem Blumenelfen, der Maja das Liebespaar gezeigt hat - er ist so vertieft in den Anblick der Liebenden, dass er vergessen hat, rechtzeitig ins Elfenreich zurückzukehren. Möglich soll ihm das nur sein, wenn er eine größere Liebe als diese zu Gesicht bekommt. Nachdem er ein Jahr auf einer Waldwiese verbracht und Freud und Leid des irdischen Lebens kennengelernt hat, erzählt ihm eine alte Linde die Geschichte von Jesus Christus, der sein Leben gegeben hat für eine Liebe, die größer ist als alle vergänglichen Werte - somit erkennt der Blumenelf eine noch größere Liebe als die des Liebespaares und kann ins Elfenreich zurückkehren. Der spirituelle Aspekt von Himmelsvolk fehlt in der Serie natürlich ganz, außerdem bekommen namenlose Figuren Namen, etwa der Grashüpfer Flip und der Regenwurm Max, und es tauchen auch neue Figuren auf, wie die Drohne Willi oder die Zwergmaus Alexander.

Nachdem Waldemar Bonsels nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den englischen und britischen Besatzungszonen mit einem Publikationsverbot belegt wurde, und nach seinem Tod im Jahre 1949 geriet der Autor weitgehend in Vergessenheit, ehe die Serie in den 1970er Jahren ins Fernsehen kam. 1975 wurde sie in Japan ausgestrahlt, 1976 folgten Deutschland und Österreich; sie entwickelte sich zu der bisher erfolgreichsten Zeichentrickserie des ZDF. Das von Karel Gott gesungene Titellied erreichte Anfang 1977 Platz eins der NDR-Schlagerparade. Neben Wickie, Heidi und Pinocchio gehörte Die Biene Maja zu den ersten breitenwirksamen japanischen Zeichentrickserien in Deutschland und Österreich und führten dazu, dass ORF, ZDF und auch andere deutsche Sender auch noch andere Serien in Japan produzierten oder von dort einkauften, was von journalistischer Seite allerdings auch zu Kritik führte. Auch diese Serie wurde 2013 in computeranimierter Fassung neu veröffentlicht - wobei der Titelsong von Helene Fischer neu gesungen wurde.

Ich glaube, ich habe an anderer Stelle schon einmal angedeutet, dass ich über die 3-D-Fassungen nicht allzu glücklich bin. Aber es war wohl die Begeisterung für die neue Technik, die dazu veranlasste, aus dem alten Stoff noch einmal Kapital zu schlagen. Was jedoch mich und meine Generation betrifft (und die davor) - wir werden wohl immer die alten Fassungen mit unserer Kindheit in Verbindung bringen. Wobei ich gestehen muss, dass ich die Heidi-Serie immer etwas langweilig fand - bis auf die Folgen mit Fräulein Rottenmeier, über die ich immer lachen musste - so geht es mir übrigens bis heute mit affektierten, gouvernantenhaften Damen. Ich fand auch das Fräulein Andacht in der alten Filmversion von Pünktchen und Anton immer äußerst witzig.

Dies waren drei ausgewählte Nippon-Animation-Serien, die mir, obwohl ich Jahre nach ihrer Erstausstrahlung geboren wurde, aus der Kindheit noch in Erinnerung geblieben sind. Wahrscheinlich kommt noch ein zweiter Teil - wir werden sehen. Aber eines ist gewiss: Ich komme wieder - keine Frage!

vousvoyez

Mittwoch, 12. August 2020

Heute kommst du mit Drogen nicht ins Q, früher bist du ohne Drogen nicht reingekommen

(c) vousvoyez
Mit Q ist natürlich nicht diese unsägliche QAnon-Bewegung gemeint, über die ich ja schon berichtet habe, sondern ein legendäres Nachtlokal aus meiner Heimatstadt, das früher vor allem Metalheads, Punks und Goths angezogen hat und das sogar bereits von Kurt Cobain besucht worden sein soll. Heute wird hier mitunter auch Techno gespielt, was ich nicht so toll finde, das Lokal selbst allerdings mag ich nach wie vor ganz gern, weil es praktisch jeder Stimmung ihren Platz lässt: Wer es ruhiger mag, setzt sich in den Barbereich, wer ein bisschen aufdrehen will, stürzt sich auf die Tanzfläche. Wobei Tanzlokale aktuell ja zu den Leidtragenden der Corona-Krise gehören - den Kulturbereich erwischt es momentan ganz allgemein am härtesten. Dafür haben nervige Leute gerade Hochkonjunktur. Und deswegen möchte ich heute meine Eierer-Liste wieder fortsetzen - auch wenn ich das Thema mit dem großen C nach Möglichkeit aussparen will. Das nervt mich nämlich gerade so sehr, dass ich nicht mal mehr Lust habe, darüber zu bloggen - und ich glaube, ihr seid auch froh, wenn ihr nicht überall davon hören müsst, immerhin ist es aktuell ja eh immer das gleicche. Es geht also vorwiegend um Eierer, denen man auch außerhalb der Corona-Krise immer wieder mal begegnet.

Top-Eierer Numero 13: I bims 1 Eierer

Die "Vong-Sprache" war ja vor allem Mitte des letzten Jahrzehnts bei Jugendlichen sehr beliebt - sprich, ich bin selbstverständlich schon zu alt dafür. Die Vong-Sprache parodiert vor allem die fehlende Schreibkompetenz mancher Internetnutzer plus die inflationäre Verwendung von Anglizismen - weshalb Sätze in diesem Idiom so wirken, als stammten sie von einer sehr jungen, minderbemittelten Person, die weder des Deutschen noch des Englischen wirklich mächtig ist. Ich gehöre jetzt nicht zu denen, die behaupten, die Sprache hätte die junge Generation verdummt - wer eine Sprache verfälschen will, muss sie bekanntlich erst mal beherrschen. Eigentlich fand ich die Idee an sich und ihre Stilblüten sogar recht lustig. 2017 wurde eine Phrase aus dieser Jugendsprache, nämlich "I bims", sogar zum "Jugendwort des Jahres" erklärt. Damit war die Vong-Sprache endgültig im Mainstream angekommen, und als dann auch noch Marketing-Betreiber anfingen, mittels Vong-Sprache Werbung zu machen, wurde sie für Jugendliche zunehmend uninteressant - was auch nicht weiter verwunderlich ist, da Jugendsprache ja der Abgrenzung von der Erwachsenenwelt ist, welche nicht mehr gegeben ist, wenn jeder x-beliebige Werbefritze sie schon verwendet.
Dennoch hat sich das Gespenst der Vong-Sprache nach wie vor auf Social Media niedergeschlagen - viele Leute können ganz offensichtlich nicht mehr richtig schreiben. Versteht mich nicht falsch - ich komme aus einer Familie mit einigen Legasthenikern, ich selbst hatte immer schon Anzeichen von Dyskalkulie, sprich, ich kann nachvollziehen, wie es ist, wenn man ständig das Gefühl bekommt, nicht gut genug zu sein, weil man nicht perfekt schreiben oder rechnen kann. Deswegen behalte ich es in der Regel auch für mich, wenn ich in einem Text Fehler entdecke. Zumal ich selbst auch nicht unfehlbar bin - zurzeit schaue ich etappenweise alte Artikel in diesem Blog noch einmal durch und finde ständig irgendwelche Tipp- und Flüchtigkeitsfehler. Was mich aber extrem ungeduldig macht, sind Leute, die einfach irgendwas (in ihrer Muttersprache, wohlgemerkt) hinrotzen und denen es augenscheinlich scheißegal ist, ob es für diejenigen, die das lesen sollen, auch verständlich ist. Noch schlimmer finde ich es, wenn man die Person so vorsichtig und respektvoll wie möglich darum bittet, ihr Anliegen doch bitte, bitte ein klein wenig verständlicher zu formulieren und dann ein Mob von zwanzig Leuten über einen herfällt, weil du angeblich überheblich agierst gegenüber einer Person mit Schreibproblemen. Und da muss ich ganz ehrlich sagen: Nein, den Schuh ziehe ich mir nicht an. Liebe Top-Eierer Numero 13: Ein Text muss nicht absolut perfekt und fehlerfrei sein, aber er sollte zumindest den Inhalt verständlich transportieren, aus dem gleichen Grund, aus dem ich mich verbal so deutlich wie möglich artikuliere - das hat etwas mit Respekt dem Leser gegenüber zu tun.

Top-Eierer Numero 14: Kindische Dummchen, die sich so unglaublich säääääcksi vorkommen

Ich habe in meinem Artikel über Britney Spears schon angesprochen, dass mir dieses Kleinmädchen-Getue unglaublich auf die Nerven geht. Aber Britney war auch erst siebzehn, als sie mit Liedern wie Baby One More Time den sexy Schulmädchen-Look etablierte - da ist es noch irgendwie okay. Viel anstrengender finde ich allerdings Frauen meines Alters oder gar noch älter, die sich immer noch wie Siebzehnjährige anziehen. Oder generell erwachsene Frauen, die sich absichtlich besonders dumm stellen - die nicht in der Lage sind, sich wie ein normaler Mensch zu artikulieren, sondern in so einer aufgesetzten Babysprache reden, Sachen wie Pipimann, Töff-Töff und Puddeling sagen, weil sie glauben, das sei wahnsinnig sääääcksi. Und diejenigen, die mit Anfang Vierzig noch mit selbst gehäkeltem Babydoll und Doppelzöpfchen herumlaufen und häufig auch noch einen Lolly bei sich haben, weil sie glauben, sie seien totaaaaal niedlich. Gerne sprechen sie auch in Verniedlichungen: Schoki statt Schokolade, Kindi statt Kindergarten, Männi statt Mann, Pullermann statt Penis. Immer, wenn ich solche Damen sehe, frage ich mich, ob das tatsächlich das ist, wofür die Feministinnen seit Beginn des vorigen Jahrhunderts gekämpft haben. Liebe Top-Eierer Numero 14: Werdet bitte endlich erwachsen!

Top-Eierer Numero 15: "Ich habe ja nichts gegen XY, aber ..."

Man trifft sie heutzutage überall: Leute, die Vorurteile haben, es aber nicht zugeben wollen, und deswegen behaupten, sie nicht zu haben, aber ... und dann folgen eben genau jene Klischees, von denen sie zuvor behauptet haben, sie nicht zu reproduzieren. Etwa über die Ausländer, die alle kriminell sind, nicht arbeiten wollen, dem Inländer aber gleichzeitig die Arbeit wegnehmen und sich überhaupt nicht integrieren wollen. Oder die Homosexuellen, die gegen ein vermeintliches Naturgesetz verstoßen, nur Aufmerksamkeit wollen, beziehungsunfähig sind und ständig Sex brauchen. Oder die Feministinnen, die Männer hassen, alle lesbisch und "Mannweiber" sind. Und hinterher kommt dann meist auch noch der Satz "Das wird man wohl doch noch sagen dürfen!" Natürlich will keiner als rassistisch, homophob oder sonst wie feindselig gegen Minderheiten wahrgenommen werden - nein, man versteht sich als "guter Bürger", der sich lediglich auszusprechen traut, was seiner Ansicht nach sowieso alle denken. Man reproduziert also Vorurteile, will sich dies jedoch im gleichen Zug nicht eingestehen. Viele von ihnen sind zudem noch mit Top-Eierer Numero 13 verwandt: Während sie von Ausländern vollständige Integration, wenn nicht gar totale Assimilation verlangen (am besten sollten sich Nicht-Weiße wahrscheinlich auch noch mit Schmirgelpapier abreiben, weil es geht ja  nicht, dass die eine andere Hautfarbe haben!), bringen sie es häufig nicht einmal zustande, einen einzigen Satz in ihrem geliebten Deutsch fehlerfrei zu schreiben. Zusammengefasst. So ein Satz ist eine Strategie, das Gewissen zu beruhigen, nur um hinterher umso ungehemmter über diejenigen, gegen die man ja angeblich nichts hat, herziehen zu können. Dabei spielen persönliche Befindlichkeiten in der Regel eine größere Rolle als tatsächliches Faktenwissen oder eigene Erfahrungen. Im Prinzip sind solche Leute ein exemplarisches Beispiel für unsere Maybe-Gesellschaft, in der man sich auf nichts festlegen will, zu nichts steht und keine Entscheidungen treffen kann - und Sachverhalte relativiert, die offensichtlich sind. 

Top-Eierer Numero 16: "...aber die anderen!"

Das sind die nächsten Verwandten von Top-Eierer Numero 15: Leute, die ein Problem relativeren wollen, indem sie erklären, dass andere auch so etwas oder zumindest sowas Ähnliches gemacht hätten. Häufig erlebte ich Top-Eierer Numero 16 im letzten Jahr nach dem Ibiza-Skandal, als Anhänger der blauen Partei verzweifelt versuchten, zu erklären, dass es in anderen Parteien schließlich auch Korruption gegeben hätte und dass man Herrn Strache und Herrn Gudenus deshalb nicht kritisieren dürfe. Man begegnet ihnen aber auch,wenn man über Rechtsradikalismus oder rechte Gewalt diskutiert; nach dem Argument "Linksradikalismus ist aber auch schlimm" oder "und was ist mit linker Gewalt?" kann man schon fast die Uhr stellen. Keine Buch- oder Filmrezension eines Werkes über rechte Gewalt, ohne dass darunter etliche Leute sich aufregen, dass man nicht über linke Gewalt schreibe. Das beste Beispiel ist die aktuelle Diskussion über Rassismus - diese ruft besonders viele Exemplare von Top-Eierer Numero 16 auf den Plan. "Black Lives Matter" wird zu "All Lives Matter", George Floyd soll angeblich ein Schwerverbrecher sein, jegliche Diskussion über rassistische Stereotype in älteren literarischen Werken ist Cancel Culture und jedes Mal, wenn es um Rassismus gegen Schwarze geht, kommt todsicher irgendjemand daher und jammert: "Aber was ist mit Rassismus gegen Weiße?"
Solche Argumente tragen natürlich nicht dazu bei, die Situation zu entspannen - im Gegenteil. Wer permanent die Diskussion über einen bestimmtes Problem torpediert mit dem Hinweis, dass es auch andere Probleme gibt (ob tatsächlich existent oder nicht, ist in erster Linie mal irrelevant), der hat kein Interesse an einer Lösung des diskutierten Problems. Ein Arzt kann einem Krebskranken schließlich nicht erklären, dass AIDS auch tödlich enden kann und damit dann entschuldigen, dass er ihn nicht behandelt. Mit solchen Scheinargumenten löst man kein Problem - stattdessen nimmt man anderen die Möglichkeit, eine Lösung zu finden, indem man versucht, das Thematisieren des Problems zu illegitimieren. Und so ganz nebenbei: Ja, es gab und gibt auch Verbrechen aus dem linken Spektrum, aktuell ist rechte Gewalt aber ganz offensichtlich das größere Problem. Und ja, es gibt auch Nicht-Weiße, die Weiße diskriminieren, da aber die Unterdrückungsmechanismen nicht die gleichen sind, hat das mit Rassismus, wie er seit Jahrhunderten vor allem gegen Schwarze praktiziert wird, nichts zu tun. Liebe Top-Eierer Numero 16: Keiner behauptet, dass ihr alle es immer ganz leicht gehabt hättet, aber bitte hört auf, in jede Diskussion, die euch nicht gefällt, reinzugrätschen!

Top-Eierer Numero 17: Leute, die sooooooo cresi sind

Sie sind eng verwandt mit Top-Eierer Numero 10, und man trifft sie ebenfalls praktisch überall: Leute, die ständig betonen müssen, wie verrückt und crazy sie doch sind, obwohl meist genau das Gegenteil der Fall ist. Erlebt man auch oft in Casting-Shows: Gerade diejenigen, die ständig erzählen, wie crazy und ausgeflippt sie sind, sind am Ende so ziemlich die Langweiligsten von allen. Oder sie benutzen ihre vermeintliche "Crazyness", um sich wie die Axt im Walde aufzuführen und permanent zu beweisen, dass sie im Grunde genommen nur Arschlöcher sind, mit denen eigentlich niemand was zu tun haben will. Im Grunde genommen ist diese "Crazyness" jedoch vor allem eines, nämlich Gier nach Aufmerksamkeit und der Wunsch, der eigenen Biederkeit zu entkommen. Deswegen hält man sich auch für total crazy, wenn man mal ein bisschen Farbe in sein Leben bringt - und nachdem Renate aus Attnang-Puchheim ihr Essen mit Lebensmittelfarbe behandelt und hinterher auf Facebook gepostet hat, fährt sie nach Völcklabruck zu ihrem lustigen schwulen Friseur Pietro, um sich freche Strähnchen in Knallrot ins Haar machen zu lassen. Und währenddessen postet der Gerald aus Leibnitz ein Foto auf Facebook, auf dem er ganz cool mit Joint zwischen den Lippen abgebildet ist - und während die einen Kommentatoren ihn ganz empört in der Luft zerreißen, wird er von den anderen dafür gelobt, so als hätte noch nie zuvor jemals jemand gekifft. Und Määäändi aus Mistelbach schüttet sich gerade aus vor lauter Lachen über ein wahnsinnig witziges Erlebnis, das sie gerade der Social-Media-Gemeinde erzählt hat, die gerade darüber rätselt, was denn daran so witzig sein soll. Inzwischen plaudert Irene aus Hollabrunn gerade über ein Erlebnis, das ihr wahnsinnig peinlich ist - so peinlich, dass sie es gleich überall herumerzählen muss, bevorzugt wildfremden Leuten. Sprich - solche Leute sind so crazy unkonventionell, wie wenn Oma Edeltraud für einen Tag die Kreuzstichdeckerl im Wohnzimmer abgehängt hat. Aber wage es ja nicht, die Crazyness solcher Leute zu kritisieren oder gar anzuzweifeln - denn ansonsten musst du dir natürlich Ewigkeiten lang anhören, wie spießig, verklemmt und frustriert du doch bist. Weil man ja natürlich nur dann voll crazy ist, wenn andere es nicht sind. Der Schreibfehler im Titel ist übrigens beabsichtigt - er stammt ursprünglich von einer dieser cresi Personen, die des Schreibens offensichtlich nur rudimentär mächtig war. Liebe Top-Eierer Numero 17: Man ist nicht voll cresi, nur weil man es ständig behauptet!

Ich muss euch sagen - es tut ab und zu ganz gut, über nervige Leute mal so richtig Dampf abzulassen! Und keine Sorge - ich weiß, dass ich auch schon Leuten auf die Nerven gegangen bin. Sehr vielen Leuten sogar! Falls irgendwer mich persönlich also in seine Eierer-Liste aufnehmen will - nur zu! Ich schicke euch sogar noch Blumen - ich gehe mir nämlich mitunter selbst auch ganz ordentlich auf den Keks.

vousvoyez

Freitag, 7. August 2020

Der Kreisky befruchtet die Eier nicht!

Der Hll

Wobei hier selbstverständlich nicht der auch "Sonnenkönig" genannte SPÖ-Politiker Bruno Kreisky gemeint ist, der von 1970 bis 1983 österreichischer Bundeskanzler war, sondern ein nach ihm benannter Wellensittich. Ich habe so den Eindruck, dass es eine Zeit lang Mode gewesen zu sein scheint, seine Haustiere nach Politikern zu benennen - eine mit meiner befreundete Familie hatte einen Hund namens Gorbatschow und eine Katze namens Bush, und der von Til Schweiger gespielte Axel aus dem Film Der bewegte Mann von 1994 hatte einen Vogel im Käfig namens Schewardnadse. Und nachdem wir schon wieder bei der Vergangenheit sind, möchte ich meine Liste an Dingen aus meiner Kindheit gerne fortsetzen - zumal sie, wie schon so oft, doch länger wird als ursprünglich geplant.

1. Zaubertroll

Ein Spielzeug, das ich neben der Barbie am wenigsten mochte. Ich bekam zum Geburtstag ein Trollpüppchen mit neongelben Haaren und Leuchtaugen geschenkt - ich muss allerdings gestehen, dass ich es in irgendeiner Schublade versteckte und nicht mehr ansah. Auch wenn es andere Spielzeuge gab, die hässlich waren und die ich trotzdem unbedingt haben musste - aber davon später.
Der erste Zaubertroll wurde 1959 von dem dänischen Holzschnitzer Thomas Dam aus Holz hergestellt, mit Haaren aus Schafwolle und Augen aus Glas. Er schenkte ihn seiner kleinen Tochter, die ihn in die Schule mitnahm, woraufhin ihre Freundinnen sich auch solche Trollpuppen wünschten - obwohl diese eigentlich sogar noch hässlicher waren als die Kunststoff-Version meiner Kindheit, aber zumindest war es gute handwerkliche Arbeit. Schon bald begann Dam, die Figuren professionell herzustellen und zu vertreiben, woraufhin die Püppchen Mitte der 1960er Jahre zum ersten Mal in Europa in Mode kamen. In den 1970ern waren Nachahmungen der originalen Dam-Produkte auch in den USA erfolgreich, und in den 1990ern feierten Troll-Püppchen aus Plastik mit nach oben stehenden Haaren, zeitgemäß in leuchtenden Neonfarben, in allen Größen von der Firma Hasbro ihren Siegeszug in den Kinderzimmern. Da ich, wie schon gesagt, eine Mädchenschule besuchte, war ich von diesen hässlichen Püppchen täglich nahezu umzingelt. Das Besondere an diesen Trollen war, dass sie Mädchen begeisterten, obwohl sie nach keinerlei ästhetischen Kriterien gestaltet waren. In den Neunzigern versuchte man zwar immer wieder, auch Jungs für die Trolle zu begeistern, aber dies war von eher mäßigem Erfolg gekrönt. Irgendwann verschwanden diese Dinger, wie sie gekommen waren, obgleich 2016 der computeranimierte Film Trolls in die Kinos kam. Im Zuge der Neunziger-Nostalgie-Welle halte ich ein Revival dieser hässlichen Püppchen allerdings durchaus für möglich.

2. Mal- und Schreibwaren

Ein beliebter und auch geförderter Zeitvertreib für Kinder ist ja bekanntlich Malen und Zeichnen, und spätestens ab dem Schuleintritt kommt natürlich auch das Schreiben dazu. Deshalb halte ich es durchaus für keinen Fehler, den Bleistiften, Buntstiften, Kugelschreibern, Füllfedern, Finelinern, Gelstiften, Filzstiften und Malfarben der Kindheit ein paar Zeilen zu widmen. Zur Zeit meines Schuleintritts gab es ja - wohl durch das Problem mit dem sich vergrößernden Ozonloch - ein neues Bewusstsein für den Umweltschutz. Es gab sogar Kinderserien, die sich damit befassten - ich erinnere hier an die Superhelden-Serie Captain Planet. In meinem Alltag machte sich durch das seltsame ungebleichte Umweltschutzpapier bemerkbar, das ich benutzte. Sowohl meine Zeichenblöcke als auch meine Schulhefte waren einige Jahre lang alle aus diesem komischen graubraunen Papier. Was ja nicht schlimm war - viel schlimmer war dieses kratzige Toilettenpapier, auf dem in grüner Schrift Danke stand und das vor allem in den Schultoiletten sehr häufig verfügbar war. Sehr freundlich, dass sich dein Klopapier wenigstens dafür bedankt, dass es dir den Hintern wund kratzen darf! Wunde Hintern für die Rettung des Planeten, wer sich das nur ausgedacht hat!
Besonders wichtig waren aber natürlich die Malfarben, die wir verwendeten. Die Marke, die vor allem in den Schultaschen österreichischer Volksschulkinder von den 1960er Jahren bis heute sehr oft zu finden ist, ist Jolly, die zu dem österreichischen Unternehmen Brevillier Urban & Sachs gehört. Erkennungszeichen ist die auf jedem Produkt abgebildete Jolly-Figur, die eine Art Hanswurst mit grüner Glöckchen-Haube darstellt. Am begehrtesten waren bei uns die Jolly-Kinderfest-Sechskant-Buntstifte in der Blechschachtel, weil sie tatsächlich von guter Qualität waren und bis heute sind - vor allem sind sie sehr robust, das Holz splittert nicht und widersteht den nicht immer sanftmütigen Händchen und Zähnchen von Kindern. Dabei sind die Farben auch noch sehr kräftig und entfalten beim Ablecken der Mine sogar noch mehr Leuchtkraft. Manche Mädchen befeuchteten auch ihre Fingernägel mit Speichel und "lackierten" sie dann mit dem rosa Farbstift. Am tollsten war aber immer die Farbvielfalt - mein sehnlichster Wunsch war jahrelang, einmal die Schachtel mit allen 36 Farben zu besitzen. Da aber schon die kleinen Schachteln sehr teuer waren, hat er sich nie erfüllt. Beliebt waren auch die Jolly-Superstar-Buntstifte mit der gelben Verschlusskappe, oder als Duo-Version (dick und dünn) mit geriffelter weißer Kappe. Sehr begehrt außerdem die Stifte mit verschiedenfarbigen Minen - manche konnte man per Knopfdruck wechseln, während andere verschiedene Minen zum Aufstecken hatten. Nicht zu vergessen die Malkreiden aus echtem Bienenwachs und der klassische Wasserfarben-Malkasten, die im Kunstunterricht nicht fehlen durften - wobei im Malkasten immer eine kleine Tube Deckweiß enthalten war. Im Kindergartenalter durfte ich nur unter Aufsicht eines Erwachsenen mit Wasserfarben hantieren - wenn aber das Wasserglas von der letzten Mal-Session stehengeblieben war, saß ich schon auf dem Tisch und war ganz in meine künstlerische Tätigkeit vertieft, bis meine Mutter, die Banausin, hinzukam und schimpfte, weil ich wieder einmal von Kopf bis Fuß mit Farbe vollgeschmiert war, und mich in die Badewanne steckte. Jaja, so ein Künstlerleben ist hart!
Ab der zweiten Volksschulklasse durfte außerdem auch die obligatorische Füllfeder nicht fehlen - als Linkshänderin besaß ich natürlich die Linkshänderfeder von Lamy, die mit kurzen Tintenpatronen aus Plastik aufgefüllt wurde. Selbstverständlich immer begleitet von dem rosa Löschpapier, das jedem Schulheft beigefügt war, und dem Tintenkiller, der immer so komisch roch - aber die Frau Lehrerin hat immer geschimpft, wenn ich mit Tinte und Killer kreative Experimente anstellte. Auch sie - kein Verständnis für hohe Kunst!
Im Laufe des Unterstufengymnasiums wich die Füllfeder zunehmend dem praktischeren Kugelschreiber, das bunte Federpennal der frühen Jahre, in das die Stifte immer einzeln eingeordnet wurden, wurde abgelöst von kleineren Federmäppchen aus Blech oder Leder, wobei man Letztere nach Herzenslust bekritzeln konnte, sofern das Leder hell genug war. Das Lästige war, dass proportional zur Zunahme an Größe und Körpergewicht die Schultasche immer leichter wurde - entsprechend hatte ich in der Volksschule noch die grün-blaue Riesentasche von IKEA, die in der Unterstufe einem noch größeren grünen Walker-Rucksack wich und in der Oberstufe einem kleinen blauen Kipling-Rucksack. In den letzten beiden Jahren nutzte ich statt tausend verschiedener Hefte dann auch nur noch einen einzelnen College-Block zum Mitschreiben, der mich in Folge auch an der Uni begleitete. Ich bewunderte als Schülerin immer diejenigen, die es im Gegensatz zu mir schafften, ihre Schulhefte tadellos in Ordnung zu halten. Und während ich mich bereits im ersten Uni-Semester schon mit College-Block und Kugelschreiber begnügte, hatten manche noch ein wohl gefülltes Federpennal und hoben die Überschriften farbig hervor - ich muss zugeben, dass ich auch diese Leute trotz meines damals stilisierten Understatements insgeheim bewunderte.

3. Spielkonsolen

Obgleich ich nie eine eigene besaß, waren sie in meiner Kindheit natürlich allgegenwärtig. Die ersten, die vor allem die Jungs nutzten, waren die Handheld-Konsolen namens Tric O Tronic, die vor allem in den 1980ern in den Kinderzimmern zu finden waren, teilweise aber auch noch in den 1990ern. Meine Freunde und meine Cousins tippten ständig auf diesen Dingern herum, aber welche genau das waren, kann ich heute beim besten Willen nicht mehr sagen. Ich erinnere mich nur an eines, das ein Freund von mir im Weißensee-Urlaub mit hatte und das immer auf extrem nervige Art und Weise Oh Susanna abspielte - eine Melodie, die ich im selben Jahr auf der Blockflöte verbrochen hatte. Im Jahr 1989 brachte die japanische Firma Nintendo den ersten Game Boy heraus, die legendäre Handheld-Konsole mit dem hellgrauen Gehäuse, die die Kinderzimmer dieser Welt im Sturm eroberte. In Österreich schlug er allerdings erst zwei bis drei Jahre später so richtig ein. Ich erinnere mich, dass anfangs vor allem Kinder, die ein paar Jahre älter waren als ich, einen Game Boy besaßen. Der Vorteil gegenüber dem Tric O Tronic war, dass das Spiel nicht in die Konsole integriert war - sprich, man konnte via Diskette verschiedene Spiele darauf spielen. Zwar kamen nicht lange danach auch andere Konsolen dieses Typus heraus, etwa Sega Game Gear oder Atari Lynx, die waren aber weitaus weniger handlich, verbrauchten viel mehr Strom und waren auch viel teurer. Zudem lagen die Rechte der begehrtesten Spiele alle bei Nintendo, so dass sich jeder nur für den Game Boy interessierte. Und das, obwohl der Atari Lynx, der ungefähr zeitgleich auf den Markt kam, bereits über einen Farbdisplay verfügte, während der Game Boy bis zur Markteinführung des Game Boy Colour im Jahr 1998 nur mit Schwarzweiß aufwarten konnte.
In meiner Volksschulzeit gab es irgendwann einmal ein Weihnachten, nach dem nahezu jedes zweite Kind, das ich kannte, plötzlich einen Game Boy besaß. Ich war wieder einmal am Weißensee auf Urlaub, und die beiden Söhne der Familie, mit der wir immer fuhren - damals waren sie etwa acht und sechs Jahre alt - hatten zu zweit ein solches Gerät bekommen. In Kombination mit dem Game Boy wurde damals auch das Spiel Tetris verkauft, dessen Melodie ich bis heute im Ohr habe - außerdem hatten die beiden, soweit ich mich erinnern kann, Duck Tales, das sie besonders gern spielten, und Robo Cop. Das Weihnachtsgeschenk hatte allerdings einen Nachteil: Da es sich zwei kleine Jungen teilen mussten, gab es täglich Streit, wer jetzt spielen durfte - pausenlos schrie einer, während daneben die typischen Spielmelodien zu hören waren. Manchmal war es der Mutter dann zu viel - dann nahm sie den beiden ihr Spielzeug weg und spielte Tetris. Jahre später stritten sie sich dann um den Game Boy Advance der kleinen Schwester eines Freundes - ganz erwachsen wird man wohl nie.
Den Handheld- folgten auf dem Wunschzettel die stationären Konsolen - bereits ein halbes Jahr nach dem Debakel mit dem Game Boy wünschte sich der ältere der beiden Jungs zum Geburtstag einen Super Nintendo, und obgleich dieser erst im Dezember war, sprach er bereits im August nur noch davon und ging seinem jüngeren Bruder und mir damit so sehr auf die Nerven, dass wir anfingen, Spottlieder auf den Super Nintendo zu dichten. Ein paar Jahre später folgte dann die PlayStation von Sony, und als Teenager verbrachten wir einen verregneten Sommerurlaub in Grado vorwiegend an den Automaten der Spielhöllen. Ich selbst habe mir abgesehen davon manchmal einen Game Boy von jemand anders ausgeliehen oder eine Partie auf einer XBOX oder PlayStation mitgespielt, ansonsten konnte ich mich für das digitale Spielvergnügen aber nie so richtig begeistern.

4. Lego

Und natürlich kam auch ich nicht an dem dänischen Spielzeugriesen LEGO vorbei, der seit 1932 einen festen Platz in den Kinderzimmern einnimmt. Die typischen bunten Klemmbausteine aus Kunststoff mit den Noppen an der Oberseite wurden erstmals 1949 eingeführt - allerdings noch mit hohler Unterseite, was der Stabilität der gebauten Modelle eher abträglich war, weshalb man in dem Hohlraum zusätzlich kleine Röhren integrierte, ein Prinzip, das 1958 patentiert wurde. In meiner Kindheit hatten wir neben dem klassischen Lego, das wir "kleines Lego" nannten, auch noch LEGO Duplo, von uns auch "großes Lego" genannt, dessen Bausteine weitaus größer und daher für kleinere Kinder besser geeignet waren, da das kleine Lego natürlich viele verschluckbare Kleinteile hat. Zusätzlich hatten meine Brüder auch noch Bausätze der wesentlich anspruchsvolleren und raffinierteren LEGO-Technic-Reihe, die eher für ältere und eben technikaffine Kinder interessant ist. Ich erinnere mich, dass ich von Duplo ein Familienhaus samt Einrichtung und Bewohnern - Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Baby und ein Hund - besaß. Die Figuren und die verschiedenen Zimmer bekam ich einzeln nacheinander und erst am Schluss das Haus - es gibt ein Foto von mir an meinem dritten Geburtstag neben der Schachtel mit dem Duplo-Haus, in einem Pullover, den meine Mutter gestrickt hatte. Was das "kleine Lego" betrifft, so liebten meine Schwester und ich am meisten die Figuren der Fabuland-Reihe, die alle Tierköpfe hatten. Eine dieser Figuren war ein weißer Hund mit Polizeimütze, den ich "den Hll" mit langem L und ohne Vokal nannte - ich weiß nicht, wie ich das versinnbildlichen kann. Ich weiß aber noch, dass es mich immer störte, dass der Kopf vom Hll zu schwer für den Körper war. Außerdem hatten wir ein einbeiniges Schwein - das andere ist abgebrochen, nachdem meine Mutter einmal versehentlich drauf getreten ist. Wir waren schwer enttäuscht, als die Fabuland-Serie 1989 nicht mehr produziert wurde, aber die Figuren hatte ich noch lange.

5. Tamagotchi

Das aus Japan stammende Elektronikspielzeug war im Sommer 1997 der heißeste Scheiß des Jahres, verschwand aber kurz nach Schulbeginn so schnell, wie es gekommen war. Das Tamagotchi hatte die Größe eines Schlüsselanhängers und bestand im Wesentlichen aus einem Plastik-Ei mit drei Knöpfen unter einem Schwarzweiß-Bildschirm plus einem zusätzlichen Reset-Knopf auf der Rückseite, den man nur mit einem dünnen Gegenstand, etwa einem Kugelschreiber, bedienen konnte. Nachdem man auf diesen Knopf gedrückt hat, erscheint auf dem Bildschirm ein Ei - aus diesem schlüpft nach einiger Zeit ein virtuelles Küken, um das man sich wie um ein echtes Haustier kümmern muss, sprich, man muss es füttern, mit ihm spielen und es schlafen legen; manchmal wird es auch krank, und man muss ihm Medizin geben. Wenn es nach Zuwendung verlangt, meldet es sich mit einem Piepsen - sollte man es vernachlässigen, stirbt es, und man muss das Spiel mittels Reset-Knopf neu beginnen. Ich besaß allerdings nicht das Original-Tamagotchi, sondern ein Plagiat namens Dog Gotchi, das einen Hund darstellte - doch obgleich ich mich den ganzen Sommer über aufopferungsvoll um es kümmerte, wurde es nie alt und starb schnell. Der einzige, den ich kannte, bei dem das Tamagotchi über einen Monat überlebte, war ein Freund von mir, der das Original besaß. Während des Sommerurlaubs 1997 hatten fast alle meine Freunde ein Tamagotchi, und es gab eine Mutter, die, wenn wir schwimmen gingen, alle babysittete und oft umgeben von lauter Plastik-Eiern im Liegestuhl saß. Das Tamagotchi war so ziemlich das letzte Spielzeug, das ich unbedingt haben musste - ich war bereits dreizehn, und als ich dann wieder sechs Stunden in der Schule saß, nicht mehr jederzeit nach meinem Tamagotchi sehen konnte und die Piepserei zudem im Unterricht störte, verschwand es irgendwann in einer Schublade. Übrig geblieben ist von dem Hype ein weiterer gräulicher Eurodance-Song der deutschen Gruppe Sqeezer (ja, die schreibt man wirklich so).

6. Setzkasten

Beliebt für Kinderzimmer waren auch Setzkästen - kleine hölzerne Kästen mit Fächern, die meist an die Wand gehängt und mit Deko-Figuren vollgeräumt wurden. Meine Schwester hatte einen blauen Setzkasten voller Porzellantiere, mit denen ich immer spielte, wenn sie nicht da war - wenn sie mich allerdings dabei erwischte, wurde sie sauer. Als sie dem Kinderzimmer entwuchs, vererbte sie mir jedoch den Setzkasten samt Inhalt - wobei ich ihrer Sammlung das ein oder andere Stück hinzufügte. Ich glaube, dass die Tiere noch irgendwo in einer Schachtel zu finden sind.

7. Stammbuch/Poesiealbum

Was bei Grundschulkindern, insbesondere Mädchen, aber auch Jungen, nicht fehlen durfte, war das obligatorische Stammbuch oder Poesiealbum, das man an Freunde weiterreichte, die sich darin verewigen sollten. Während in ein Poesiealbum eher Reime und Verse, oft mit Zeichnungen, Ornamenten oder auch Stickern verziert, eingetragen wurden, bestand das Stammbuch oder Freundschaftsalbum aus Doppelseiten mit vorgedruckten Fragen zu der Person, die sich eintragen sollte, manchmal auch mit Foto. Auch im Poesiealbum stand jedem Eintragenden eine Doppelseite zur Verfügung - auf die eine wurde ein Gedicht niedergeschrieben, wobei es Tausende langweilige, oft schrecklich antiquierte Vorlagen gab, die zeitweise ein fürchterlich altmodisches Frauenbild transportierten ("Blüh an deiner Eltern Seite,/wachse tugendhaft heran,/und ein Engel Gottes leite/dich auf deiner Lebensbahn."). Die andere diente der künstlerischen Gestaltung, wobei weniger kreative Zeitgenossen gerne auf Vorlagen zum Abpausen oder auch Sticker zurückgriffen. Im Stammbuch wiederum, das schon bei Studenten zur Reformationszeit beliebt war, wurden eher Fragen zur Person beantwortet - Name, Alter, Wohnadresse, Schule, Lieblingsfach, Lieblingsessen, Lieblings-Popgruppe, Hobbys, Berufswunsch und so weiter. Als ich mein Stammbuch nach vielen Jahren wieder zur Hand nahm, entdeckte ich, dass zwei Mädchen, die beste Freundinnen waren, teilweise eins zu eins die gleichen Antworten gegeben hatten. Manchmal frage ich mich, was aus all diesen Kindern wohl geworden ist.

8. Sticker

Eines der Dinge, die heutzutage jede Person, die ihre Kindheit oder zumindest einen Teil davon in den 1990er Jahren verbracht hat, nennen kann: Der legendäre Trend, Sticker in Alben zu sammeln. Sticker heißen in Österreich übrigens Pickerl - weshalb das Sticker-Album für uns das Pickerlheft war. Auch die Autobahn-Vignette, die man auf Österreichs Schnellstraßen braucht, wenn man keine Maut zahlen will, heißt umgangssprachlich "Autobahn-Pickerl" oder auch nur "Pickerl". Bezogen auf die Kinderwelt von damals kenne ich niemanden, der nicht mindestens eines dieser Pickerlhefte besaß. Da wurde dann in den Pausen zwischen den Schulstunden fieberhaft geblättert, sortiert und getauscht. Sehr begehrt waren natürlich die Pickerl mit Glitzer, aus Stoff oder Kork; bei den Motiven waren vor allem Tiere ganz vorn dabei. Das Sammeln von Pickerln wird zwar allgemein eher als Mädchensache gesehen, ich kannte aber auch etliche Jungs, die dieser Leidenschaft verfallen waren. Zwar gab es auch damals durchaus noch Kinder, die Briefmarken sammelten - ich hatte selbst drei Alben -, das war aber nicht so sehr in Mode wie das Pickerlsammeln. Später wurden die Pickerl allmählich von den Pokémon-Karten abgelöst - da war ich allerdings schon ein Teenager, weshalb ich nicht mehr in die Zielgruppe fiel. Bezüglich dessen habe ich allerdings mal ein recht interessantes Video gesehen, in dem erklärt wurde, dass der Sammeltrieb zu den Urtrieben der Menschen gehört - und wie alles, was mit unseren Urinstikten zu tun hat, sieht man diesen auch in der Tierwelt - denken wir nur an die Hamster, die selbst in Gefangenschaft ihr Futter sammeln, weil sie nicht kapieren, dass sie als Haustiere wohl eher selten Not leiden werden. Und natürlich ist es eine uralte Strategie, den Menschen über diesen Sammeltrieb an ein bestimmtes Produkt zu binden.

9. Teenage Mutant Ninja Turtles

Da ich zwar ein Mädchen war, mich aber eher für "Jungssachen" interessierte, war auch ich eine Zeit lang ein Fan von Superhelden-Geschichten. Das begann im Kindergarten, als Batman gerade im Trend war, und erreichte seinen Höhepunkt etwa im Alter zwischen sieben und neun mit den Teenage Mutant Ninja Turtles, im deutschsprachigen Raum Teenage Mutant Hero Turtles genannt. Die von Kevin Eastman und Peter Laird entwickelte Comic-Serie erscheint bereits seit 1984 und war ursprünglich als Parodie auf damals populäre Comic-Serien gedacht. Es ist die Geschichte einer mutierten, sprechenden Ratte, die vier ebenfalls mutierte Schildkröten, die sie nach vier der großen italienischen Renaissance-Künstler Leonardo, Donatello, Raphael und Michelangelo benannt sind, in die Kunst des Ninjuitsu unterwiesen hat. Zusammen leben sie in der Kanalisation New Yorks, wobei die Turtles über die Nachrichten-Reporterin April Kontakt zur Oberwelt halten, wo sie natürlich gegen das Böse kämpfen. Mittlerweile gibt es Filme, Serien und Videospiele - in meiner Kindheit gab es neben den Comics allen möglichen Merchandise und Spielzeug, außerdem eine Zeichentrickserie und die ersten drei Realfilme. Ich kam über die Freunde, die sich um den Game Boy stritten, zu den Turtles - sie besaßen, ehe ich diese überhaupt kannte, schon Action-Figuren, eine Hörspielkassette, ein Buch, Armbanduhren und ich weiß nicht was alles noch. Während eines unserer obligatorischen Grado-Urlaube zu Pfingsten mussten wir dann unbedingt Gummi-Turtles zum Aufblasen haben, wobei meiner ziemlich schnell kaputt ging. Meine Cousins und ich bastelten später sogar Turtle-Waffen aus Holz und Klebeband und spielten damit im Garten - die Turtle-Serie war in der Videothek auf VHS erhältlich zu je zwei Folgen pro Kassette - legendär war vor allem das von Frank Zander gesungene Intro. Später habe ich mir dann auch zusammen mit den, sagen wir mal, "Game-Boy-Brüdern" den ersten Realfilm von 1990 unter der Regie von Steve Barron auf Video angesehen. Da die CGI-Technik damals noch ganz am Anfang stand, wurden die Turtles von Schauspielern gespielt, in Kostümen, die eher an Jim-Henson-Figuren erinnerten. Der Turtle-Hype dauerte allerdings nur ein paar Jahre - ich verlor ziemlich schnell das Interesse, so dass ich die neueren Erzeugnisse gar nicht mehr kenne. Finde ich aber nicht weiter schlimm - soll die nächste Generation ihre Freude daran haben. Ich persönlich finde es heute eher witzig, wie unglaublich cool und erwachsen ich diese Superhelden als Kind doch fand.

10. Wasserpistole

Besonders im Sommer ist die Wasserpistole oder Spritzpistole natürlich eine feine Sache. Überhaupt war man in meiner Kindheit noch viel lockerer, was Kriegsspielzeug betraf - sogar Spielzeugwaffen, die echten Schusswaffen nachempfunden waren, durften in keinem Kinderzimmer fehlen. Beliebt waren natürlich die Platzpatronen-Colts, die im Aussehen und Geruch an den Wilden Westen erinnerten. Ich hatte eine kleine Wasserpistole aus rotem, durchsichtigem Plastik; später kamen dann die Super Soaker auf, die eher an Gewehre erinnerten und mit denen man weiter spritzen und genauer zielen konnte. Außerdem konnte man mittels einer Patrone über dem Lauf, aber auch durch einen Tornister, den man sich auf den Rücken schnallte und der aus zwei großen Behältern bestand, weitaus mehr Wasser transportieren.

11. McDonald's

Die in Österreich scherzhaft als "Schachtelwirt" bezeichnete Schnellrestaurantkette war bereits in meiner Kindheit umstritten. Damals waren die Werbestrategien von McDonald's noch weitaus mehr auf Kinder zugeschnitten, zumal ihr Erfolgskonzept ohnehin in der Familienfreundlichkeit bestand, die in anderen Restaurants in den 1940er Jahren, als McDonald's gegründet wurde, noch nicht so sehr gegeben war - die Restaurants hatten in der Regel lustig bunte Fassaden, der Clown Ronald McDonald war allgegenwärtig, und es gab ein Kindergeburtstags-Angebot. Besonders das Happy Meal, das in meiner Kindheit noch "Juniortüte" hieß und das besonders durch die Beigabe eines Spielzeugs attraktiv gemacht wurde und wird - auch ich wollte als Kind bei den seltenen Gelegenheiten, an denen ich bei McDonald's essen durfte, selbstverständlich immer die Juniortüte, selbst wenn das Zeug, was man dazu bekam, meistens Schrott war, aber ich war dennoch im siebten Himmel. Damals waren die Burger-Verpackungen auch noch aus Styropor und die Strohhalme aus Plastik - die kleinen Burger waren allerdings immer schon nur in Papier gewickelt. Die Juniortüte bestand damals aus einem Softdrink, einem kleinen Burger und einer kleinen Portion Pommes - heute wird statt des Softdrinks ein Fruchtsaft angeboten, aber so viel "gesünder" ist das Zeug trotzdem nicht. Die Spielecken und Spielplätze gibt es immer noch, ebenso wie die Ronald-McDonald-Häuser, die Familien schwer kranker Kinder eine Unterbringung in der Umgebung von Krankenhäusern während der Behandlung ermöglicht. Ansonsten bemüht man sich heute, auch sonst ein wenig mehr "political correctness" walten zu lassen - nachdem es viel Kritik gab, weil das Zeug die Kinder süchtig macht und außerdem Übergewicht fördert, sind die bunten Fassaden von früher heute einem neutralen Hipster-Grau gewichen, und die goldenen Bögen des Logos erstrahlen nicht mehr auf rotem, sondern auf grünem Grund. Außerdem wird viel von Nachhaltigkeit und "gesunden Alternativen" gesprochen - aber jeder, der nicht ganz doof ist, weiß natürlich, dass dies eine Mogelpackung ist. Fazit: Nicht nur, dass das Essen bei McDonald's nach wie vor teuer und ungesund ist - jetzt darf man sich nicht mehr gepflegt seinem schlechten Gewissen hingeben. Was mich betrifft - für mich als Kind lag der Reiz an McDonald's vor allem darin, dass meine Eltern dagegen waren und ich nur sehr selten dorthin kam. Als ich dann über eigenes Geld verfügte, verlor ich nach einer Weile die Lust auf das Zeug von dort - aber ich gebe zu, dass ich mir immer noch manchmal einen McDonald's-Kaffee genehmige.

12. Magazine

Selbstverständlich gehörten zu meiner Kindheit und Jugend auch die obligatorischen Magazine - umgangssprachlich "Heftln" genannt, meine Eltern sagten auch gern "Schund-Heftln". Meine Großmutter kaufte sie mir oft heimlich - obwohl meine Eltern es natürlich wussten, aber sie sagten nichts dagegen, und heute, wo meine Mutter selbst Großmutter ist, tut sie dasselbe. Als ich klein war, mochte ich Micky Maus und Garfield, außerdem ein deutsches Magazin für Vorschulkinder namens Bussi Bär. Später las ich vor allem französische und belgische Comics, allen voran Asterix und Lucky Luke, eine Zeit lang auch Tim und Struppi, wobei ich den zeitweise doch sehr rassistische Unterton in den frühen Bänden weitaus schlimmer finde als die tradierten Klischees in Büchern wie Jim Knopf oder Pippi Langstrumpf. Außerdem konsumierte ich noch die bereits erwähnten Turtles und in meiner Pferde-Phase auch Wendy, von deren Comic-Geschichten ich Parodien anfertigte, in denen die Pferde sich untereinander ständig über ihre Reiter beschweren. Als ich dem allen entwachsen war, las ich natürlich Bravo, das auch in den 1990ern natürlich die Jugendzeitschrift Nummer 1 war, außerdem Bravo Girl, Mädchen, Popcorn, 16 und den österreichischen Rennbahn-Express. Mit etwa sechzehn entdeckte ich meine "intellektuelle" Ader und begann, die Literaturzeitschriften manuskripte und Lichtungen zu lesen - erst nach Ende meiner Schulzeit gönnte ich mir im Urlaub in einem Anflug von Nostalgie wieder die eine oder andere Bravo. Beim Friseur blättere ich auch mal die eine oder andere Frauenzeitschrift durch, obwohl immer dasselbe drin steht: Zuerst Artikel, die dir sagen, dass du dich so akzeptieren sollst, wie du bist, dann die neueste Diät der Stars und am Schluss leckere Kuchenrezepte - im Prinzip bekommt man da aber nur zu lesen, dass man nicht gut genug ist. Ich weiß allerdings aus zuverlässiger Quelle, dass es bei spezifischen Magazinen von Männern nicht anders ist.

Wie ihr also seht, habe ich noch weiterhin viel zu erzählen - so viel, dass ich noch einen dritten Teil in Aussicht stelle. Vielleicht kommt er gleich als nächstes, vielleicht auch später - ich weiß es noch nicht. Mal sehen, was inzwischen noch passiert. Jedenfalls hoffe ich, dass ihr bis dahin auf der sicheren Seite bleibt und euch von all dem, was momentan so passiert, nicht irre machen lasst. Es kommen auch wieder bessere Zeiten!

vousvoyez

Mittwoch, 5. August 2020

Du siehst aus wie Eddie Murphy - kannst du mir 100.000 Euro borgen?

(c) vousvoyez
Nun - außer, dass es sich um einen großen, schlanken Mann mit Schwarzer Hautfarbe handelte, finde ich nicht, dass die angesprochene Person Ähnlichkeit mit Eddie Murphy hatte. Aber vielleicht irre ich mich ja. Auf jeden Fall gehört der amerikanische Stand-Up-Comedian und Schauspieler Eddie Murphy mit seiner vorlauten Art und seiner schnellen Art zu sprechen zu den Helden meiner Kindheit und Jugend. Am besten gefällt er mir übrigens bis heute in dem Film Die Glücksritter an Dan Aykroyds Seite. Auf jeden Fall ist er aus der Filmwelt der 1980er und 1990er nicht mehr wegzudenken. Und nachdem ich mich in meinem letzten Artikel eher mit einem ernsthaften Thema beschäftigt habe, möchte ich es hier wieder mal locker angehen, und deswegen dachte ich mir, ich widme mich einmal ein paar Dingen aus meiner Kindheit und Jugend - jedenfalls könnte ich mir vorstellen, dass uns das allen Spaß macht.

1. Kinderzimmer

Zentrum der kindlichen Entwicklung ist natürlich das Kinderzimmer - mache haben eines für sich allein, andere teilen es sich mit den Geschwistern. Und natürlich verändert es sich laufend, da es sich den wandelnden Bedürfnissen seiner Bewohner stets anpassen muss. In meinen ersten Lebensjahren schlief ich in einem Raum neben dem Wohnzimmer, der bei uns nur "kleines Zimmer" genannt wurde und in dem mein Gitterbett stand. Zum Spielen ging ich ins große Kinderzimmer, das ich mit meiner Schwester teilte und in das später auch mein Bett verlegt wurde. Wir hatten eine Puppenküche, einen Schreibtisch, ein Regal, eine große Kommode und einen Schrank - den, den ich mal mit Kugelschreiber beschmiert habe und in dem die Mädchenkleider hingen, die ich nicht anziehen wollte. In einer Ecke stand ein alter Kachelofen, der nicht mehr benutzt wurde, die Wände waren blau gestrichen, und auf der Kommode saß eine beachtliche Sammlung an Kuscheltieren. In der Mitte des Zimmers war ein blauer Fleckerlteppich ausgelegt, auf dem ein großer runder Tisch stand. Unter diesem Tisch war quasi unser Lebensmittelpunkt - hier brachte einer meiner Brüder meiner Schwester Rechnen bei, während ich von ihr die Buchstaben lernte; sie malte kleine Zettelchen mit Buchstaben, die sie mit Tixo auf die Unterseite der Tischplatte klebte. Meine Freunde kamen immer gern zu mir, weil hier so viel Platz war - andererseits traf ordnungswütige Mütter immer der Schlag bei der Unordnung, die ich nicht einmal selbst verschuldet hatte - nachdem dieses Zimmer von insgesamt vier Kindern (meine Brüder hatten vor meiner Geburt auch darin gewohnt, dann zogen sie ins obere Stockwerk um) bewohnt wurde, die alle ihren Krempel hier hinterließen, war es nun einmal nicht mehr so perfekt wie bei anderen, selbst wenn man sich mit dem Aufräumen noch so viel Mühe gab. Als ich ins Schulalter kam, übernahm meine Schwester das "kleine Zimmer" zum Lernen und als Rückzugsort, und als meine Brüder auszogen, nahmen wir nacheinander die kleineren Räume im oberen Stock ein. Hier wurde ich allmählich zum Teenager, und dem Spielzeug wichen Poster, CDs und ein Computer. Bücher hatte ich allerdings immer.


Ich glaube, so ziemlich jedes Kind von den 1970er Jahren abwärts ist zu einem gewissen Zeitpunkt seines Lebens irgendwann der Faszination der artemia nyos, besser bekannt als "Salzkrebse", "Urzeitkrebse" oder auch "Sea Monkeys", verfallen. Der Begriff sea monkey ist vor allem in den USA verbreitet - warum gerade "Meeresaffen", entzieht sich allerdings meiner Kenntnis; mich hat das schon irritiert, als ich den Namen das erste Mal (in der Serie My Wife And Kids) hörte. Bekannt wurden diese eigentlich recht unscheinbaren Tierchen, die ansonsten eher als lebendes Fischfutter recht beliebt sind, als Beigabe in Jugendmagazinen wie Yps oder später auch Micky Maus. Da bekam man dann zwei Plastikbehälter; der eine enthielt die Eier mit Meersalz, der andere das Algenfutter, von dem sich die Tierchen ernähren. Da es sich bei den Eiern dieser Krebsart um Dauereier handelt - also Eier, die an ungünstige Lebensbedingungen angepasst sind und daher mehrere Jahre überdauern können -, eignen sie sich natürlich ideal dafür, länger aufbewahrt zu werden. Heutzutage sind sie vor allem als Bestandteil von Experimentierkästen erhältlich. Besonders das deutsche Comic-Magazin Yps wurde durch diesen Gimmick im gesamten deutschsprachigen Raum sehr begehrt - der sonstige Inhalt dieses Hefts war wohl qualitativ nicht mehr so hochwertig wie zu Anfang, jedenfalls kann ich mich kaum noch daran erinnern. Ich habe die Hefte damals tatsächlich fast nur wegen ihrer Gimmicks gekauft. Was die Krebse betrifft - ich habe ein paarmal versucht, welche zu züchten, manchmal sind sie auch geschlüpft, kamen aber über das Larven-Stadium nie hinaus. Das war nicht bei allen Kindern so - ich erinnere mich, wie zwei meiner Schulkolleginnen ihre Urzeitkrebse einmal in die Schule mitbrachten. Sie wurden in weitaus kleineren Gläsern gehalten als meine und hatten es dennoch geschafft, fast einen Zentimeter groß zu werden. Ich bin wohl nicht für die Kleintierzucht geschaffen.

3. Rubbel-Tattoos

Ach, Urlaub in der Kindheit! Es ist Pfingsten, die Temperaturen bereits sommerlich, und ich fahre mit meiner Mutter und Freunden, die ebenfalls Kinder haben, für ein paar Tage in die italienische Touristenstadt Grado, um die Zeit vor dem großen Ansturm der Hauptsaison zu nutzen und ein wenig Sonne zu tanken. Ich erinnere mich daran, wie überrascht ich war, als mir meine Mutter, die mir ständig damit in den Ohren lag, dass wir nicht so viel Geld ausgeben konnten, zum ersten Mal tausend Lire in die Hand drückte mit der Aufforderung, mir doch ein Eis kaufen zu gehen. Tausend Schilling - so stellte ich mir als Sechsjährige den wahren Reichtum vor! In einem Jahr war für uns jedoch nicht Eiscreme der große Hit, sondern Lollys, deren Verpackung ein Klebetattoo beigefügt war - man musste nur die Rückseite abziehen, das Tattoo auf die gewünschte Körperstelle drücken, mit Wasser befeuchten und dann die Vorderseite abziehen, schon hatte man für ein paar Tage ein paar hübsche Bilder auf dem Körper. Und das alles ganz kindgerecht ohne Schmerzen! Das einzige Risiko: Das Tattoo blieb nicht immer vollständig kleben, sprich, wenn man Pech hatte, lief man ein paar Tage lang nur mit einem halben Bildchen auf der Haut herum. Die kleinste Tochter einer befreundeten Familie wollte, als ihr das einmal passierte, auf der Stelle den Urlaub abbrechen. Mit sechzehn war ich für zwei Wochen in Torquay, Südengland und ließ mir dort mit Henna ein chinesisches Zeichen auf die Schulter malen. Laut Beschreibung sollte es "Frieden" bedeuten, es hätte aber ebenso auch "Du Arsch" heißen können.

4. Gummihupfen

Dieses Spiel, dessen Standardbezeichnung "Gummitwist" lautet, das in Österreich allerdings eher unter der Bezeichnung "Gummihupfen" bekannt ist, kommt so ziemlich in jeder Generation irgendwann einmal in Mode - hauptsächlich bei Mädchen im Grundschulalter. Bei diesem Spiel ist nichts weiter vonnöten als ein etwa drei Meter langes Gummiband, meist handelt es sich hierbei um einen Durchzugsgummi für Kleidungsstücke - mittlerweile sind aber schon speziell zum Gummihupfen angefertigte Gummibänder im Handel erhältlich. Bei diesem Spiel wird der Gummi um die Füße zweier sich gegenüber stehender Kinder gespannt, der Abstand muss groß genug sein, dass er straff gespannt ist. Nun hüpft ein dritter Mitspieler in, auf oder zwischen dem Gummiband nach Regeln, die stets variieren können. Natürlich gibt es verschiedene Variationen, die den Schwierigkeitsgrad erhöhen - so kann die Beinstellung verbreitert oder verengt werden, oder das Gummiband wird höher gespannt, in seltenen Fällen sogar bis unter die Achsel. Bei manchen Variationen kann das Gummiband während des Springens auch bewegt oder gar gekreuzt werden. In Erinnerung geblieben sind den meisten dabei die sinnentleerten Sprüche, die die Springerin währenddessen aufsagen musste, etwa: "Rucki zucki, Donald Ducki, Micky Mausi, eini, aussi"; "Auf einem Gummi-, Gummiberg, da saß ein Gummi-, Gummizwerg, der aß ein Gummi-, Gummibrot, dann war er gummi-, gummitot"; "Peter Alexander, Haxen auseinander, Haxen wieder zamm und du bist dran" oder auch nur "Seite, Seite, Mitte, Seite, Seite, Mitte, raus". In dem Spiel kommt es vor allem auf Geschicklichkeit, Rhythmusgefühl und Körperbeherrschung an; wer einen Fehler macht, muss einer anderen Springerin das Feld überlassen. Was mich betrifft, ich war da eher Zuschauerin, oder ich hab auch mal den Gummi gehalten - erstens war ich sowieso nicht besonders sportlich, zweitens interessierten mich die typischen "Mädchenspiele" nicht wirklich. Ich erinnere mich aber, dass meine ältere Schwester eine Zeit lang in unserem gemeinsamen Kinderzimmer, den Gummi zwischen zwei Stühle gespannt, wie besessen geübt hat.

5. Klatsch-Armbänder

Auch diese Erinnerung ist eng mit den Grado-Urlauben verbunden: Armbänder, bestehend aus einem mit Stoff überzogenen biegsamen Metallstreifen, den man sich aufs Handgelenk schlug, woraufhin er sich einrollte und so um den Arm schlang. Man bekam das Klatsch-Armband für wenig Geld in Souvenir- und Gift-Shops, am beliebtesten war es natürlich in Leuchtfarben. Ich besaß irgendwann sogar eine Digitaluhr mit Klatsch-Armband. Wenn sich der Stoffüberzug allerdings auflöste und das Metall darunter zum Vorschein kam, war es Zeit, sich von seinem geliebten Spielzeug zu verabschieden.

6. Hüpfball

Seit den 1960er Jahren darf er in keinem Kinderzimmer fehlen: Der große, aufblasbare Gummiball, der im Wesentlichen einem Gymnasikball ähnelt und oben einen oder zwei Griffe zum Festhalten hat. Handelsüblich waren in meiner Kindheit Bälle mit zwei Hörnern als Haltegriffe und einem Tiergesicht vorne drauf. Man setzt sich hinter die Griffe, hält sich fest und hüpft durch die Gegend - am besten geeignet ist hierbei ein glatter, fester Untergrund, sprich, der Parkettboden bei uns in der Wohnung war ideal. Ich hatte einen roten Ball, der statt der Hörner einen Haltebügel hatte. Mit diesem hatte man einen besseren Halt und konnte entsprechend auch höher hüpfen. Hüpfbälle trainieren Gleichgewicht und Koordination und dienen dem Muskelaufbau - davon merke ich jetzt, als Erwachsene, allerdings nichts. Aber der Hüpfball war ein wunderbares Gerät, um sich auszutoben - es sei denn, man störte dabei ruhebedürftige Erwachsene.

7. Rollschuhe

Meinen Recherchen zufolge existiert der Rollschuh bereits seit dem 18. Jahrhundert - der erste wurde von einem belgischen Instrumentenbauer und Violinisten konstruiert, der bei seiner ersten Ausfahrt auf einem Maskenfest in London allerdings gleich einmal gegen eine Spiegelwand knallte. Im 19. Jahrhundert war das Rollschuhfahren hauptsächlich eine Bühnenattraktion - in seiner heutigen Form wurde der Rollschuh um 1862 von dem Amerikaner James L. Plimpton entwickelt. Die zunehmende Asphaltierung in Städten und die Entwicklung leistbarer Kugellager machten das Rollschuhfahren allmählich zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung. Anfangs bestanden Rollschuhe aus einem Chassis mit Rollen aus Eisen, das mit Lederriemen an den Schuh geschnallt wurde. 1956 kamen die ersten Gummirollen auf den Markt, die schon bald durch Kunststoff ersetzt wurden. Um 1980 waren dann bunte, mit den Rollen fix verbundene Stiefel, genannt "Roller-Skates", der große Hit der Discowelle - unvergesslich die Szene in La Boum - Die Fete, in der Protagonistin Vic während einer Rollschuh-Veranstaltung in einer Diskothek versucht, ihren Freund, der mit einem anderen Mädchen gekommen ist, mit ihrem Vater eifersüchtig zu machen, der wackelig auf seinen Rollschuhen versucht, sich ihren Liebesbekundungen zu entziehen. Oder der Musical-Film Xanadu mit John Michael Beck und Olivia Newton-John. Meine ersten Rollschuhe bekam ich mit etwa acht oder neun Jahren - es waren verstellbare Eisen-Chassis, die man mit roten Lederriemen an die Schuhsohlen schnallte. Zum Reinwachsen, sozusagen. In meiner Jugend wurden die Rollschuhe jedoch allmählich von den Inline-Skates abgelöst, die es im Prinzip schon fast so lange gab wie Rollschuhe, ihren Durchbruch aber erst im Laufe der 1980er durch die Firma Rollerblade ihren Durchbruch erlebten und in den Neunzigern DER heißeste Scheiß im Bereich des Jugendsport war. Ich war etwa dreizehn oder vierzehn, als ich ein Paar Inlineskates geschenkt bekam - mit Knie- und Ellbogenschützern, die ich mir fern von den Augen der Eltern herunterriss. Inzwischen sehe ich allerdings auch häufig Kinder und Jugendliche mit Heelys auf der Straße - Turnschuhe mit integrierten Rollen an der Ferse, die man ein- und ausfahren kann.

8. Wundertüten und Überraschungseier

Wir sind ja inzwischen mit den Prinzipien des Kapitalismus vertraut, die vor allem in der Werbung zum Tragen kommen: Es geht vor allem um Versprechungen, von denen man von vornherein weiß, dass sie eh nicht gehalten werden können. Dieses Joghurt macht dich nicht schöner; jener Schokoriegel macht dich nicht intelligenter; dieses Kleidungsstück macht dich nicht beliebter; jenes Waschmittel verändert nicht dein Leben. Ähnlich funktioniert es auch mit der Wundertüte: Meist enthält sie steinharte Süßigkeiten sowie irgendwelches Schrott-Spielzeug - und trotzdem wollte man als Kind immer wieder eine haben. Sie lagen in dem Café auf, das ich samstags manchmal zusammen mit meiner Großmutter besuchte, nach Jungen und Mädchen getrennt. Jedes Mal hoffte man, dass da etwas drin war, was man gebrauchen konnte, und jedes Mal wurde man enttäuscht. Nach einem ähnlichen Prinzip wie die Wundertüten funktionieren bekanntlich auch die Überraschungseier der Ferrero-Marke Kinder. Ich erinnere mich noch an die Werbespots von früher, wo Kinder sich stets "was Spannendes, was zum Spielen und Schokolade" wünschten und dann die in Stanniolpapier eingewickelten Schoko-Eier bekamen, in deren Hohlkörper sich ein gelber Plastikbehälter befand, der ein kleines Spielzeug enthielt. Besonders beliebt waren die Sammelfiguren, von denen man natürlich nie alle hatte, weil man erstens von außen gar nicht sehen konnte, was sich in dem Ei befand und weil zweitens schon wieder neue kamen, sobald man endlich einmal eine oder zwei besaß. Ähnlich war es ja auch mit den Panini-Sammelalben - man bekam nie eines voll, weil man immer etliche doppelt hatte und das neue Album nicht auf dich wartete. In den USA sind die Überraschungseier übrigens verboten - aufgrund eines Gesetzes, das die Kombination von Essbarem und Nicht-Essbarem für Kinder untersagt, weil sie dieses angeblich nicht unterscheiden können. Dafür kommen sie leichter an Schusswaffen - immerhin etwas. (Ja, das war Sarkasmus.)

9. Slime

Dieses völlig sinnlose, aber für mich damals herrliche Spielzeug ist seit 1976 auf dem Markt - in meiner Kindheit wurde es in verschiedenen Farben in Plastikbechern mit Deckel verkauft. Es gab sie fluoreszierend, mit Gummiwürmern, Augäpfeln aus Gummi oder einer Leuchtkugel als Beigabe - Hauptsache möglichst eklig. Am liebsten rollte ich den Slime auf dem Boden aus, obwohl ich das eigentlich gar nicht durfte, und mit der Zeit blieben immer mehr Holz- und Staubpartikel darin kleben, bis man das Zeug kaum noch von den Fingern bekam. Dann war es Zeit, das geliebte Spielzeug zu entsorgen und auf den nächsten Anlass zu warten, an dem man sich ein neues kaufen oder wünschen konnte.

10. My Little Pony

Obwohl ich mich nie als "typisches Mädchen" sah, war auch ich dem Charme von My Little Pony nicht abgeneigt - ich kannte die in den 1980ern entwickelte Spielzeugserie allerdings noch in ihrer ersten Generation, wo die Figuren weitaus mehr nach Pferden aussahen als heute mit dem viel zu großen Kopf zu dem viel zu dünnen Körper. Allerdings waren die quietschbunten, auf Mädchen zugeschnittenen Farben schon damals nicht sehr Pferde-like - anders als die Vorläufer-Serie My Pretty Pony, die noch Ponys in "natürlichen" Farben herausbrachte. Wenn ich mir die Namen der frühen Ponys ansehe, frage ich mich außerdem, was sich die Hersteller dabei gedacht haben; Ruby Lips, Chocolate Delight und Steamer erinnert meiner Ansicht nach mehr an Pornostars als an Kinderspielzeug. Ich habe allerdings weder die Fernsehserie noch den Film je gesehen - bei uns waren tatsächlich nur die Spielzeugfiguren verfügbar. Ich erinnere mich, eines in Blau, eines in Rosa und zwei in Weiß besessen zu haben - das eine weiße war allerdings ein "Kind" und hatte Flügel, ich bekam es zusammen mit einer Babyflasche. Wenn ich mir diese farbigen Pferde mit den Riesenaugen und dem kämmbaren Langhaar allerdings so ansehe, denke ich mir, nein, alles war früher nicht besser. Und die Ponys waren nicht so viel schöner als heute. Äußerst witzig finde ich jedoch einen vor zehn Jahren inszenierten Internet-Schabernack, als irgendwelche Trolle auf Internet Movie Data Base von My Little Pony: The Princess Parade schwärmten wie von einem Kunstwerk. Mein Lieblingssatz: "Wenn Orson Welles nur einen Film über sprechende Ponys gemacht hätte - dieser wär's gewesen!"

11. Zigaretten

In meiner Kindheit gehörten Kaugummi- und Schokoladezigaretten noch ganz selbstverständlich dazu. Sowohl die Papierhülle der Schoko- oder Kaugummistangen als auch die Verpackung waren täuschend echt den Zigaretten nachgeahmt - nicht umsonst sind sie heute eher umstritten. Damals gehörte Rauchen auch bei Erwachsenen allerdings noch zum guten Ton, es war praktisch überall erlaubt und man dachte sich auch nichts dabei, vor den Kindern zu rauchen. Heute sind Süßigkeiten, die wie Zigaretten aussehen, nicht verboten, aber auch nicht so leicht erhältlich, da viele sie als "Einstiegsdroge" werten. Nun - ich will nicht verhehlen, dass Rauchen in meiner Kindheit aus nahe liegenden Gründen als "erwachsen" galt - unabhängig davon, dass es natürlich nicht gut ist. Entsprechend kamen wir uns mit unseren Imitationen selbstverständlich ebenfalls besonders cool und erwachsen vor. Aber ohne unsere Vorbilder wäre wohl kaum einer von uns in Versuchung gekommen, mal an so einem ekligen Stängel zu ziehen. Heutzutage wird kaum noch Werbung für Zigaretten gemacht - und wenn, dann wird darin nicht geraucht. Auch rauchende Filmhelden und Innen wie Humphrey Bogart, James Dean oder Marlene Dietrich gehören schon längst der Vergangenheit an. Heutzutage rauchen in Filmen eigentlich fast nur noch die Bösen und ab und zu mal ein Intellektueller. Und immer mehr scheinen E-Zigaretten den Tabakerzeugnissen den Rang abzulaufen - auch wenn sie anscheinend keineswegs so "gesund" sind, wie immer behauptet wird. Im Prinzip gibt es so etwas wie "echte" Raucher heute nicht mehr - wer kein Nichtraucher ist, entschuldigt sich permanent für sein Rauchen, selbst im Rahmen allerhöchster Rücksichtnahme auf Minderjährige und Nichtraucher. Auch ich verhalte mich größtenteils wie ein Nichtraucher - beispielsweise rauche ich nicht in meinem Schlafzimmer, wegen des Gestanks hinterher. Die E-Zigarette ist im Prinzip nur ein weiteres Beispiel für all die Genussmittel, auf die man nicht verzichten will, die jedoch möglichst keine schädlichen Eigenschaften mehr haben sollen: koffeinfreier Kaffee, kalorienfreies Cola, fettfreies Obers, alkoholfreies Bier. All diese Produkte sind jedoch nicht das, was sie zu sein vorgeben - und das erkennt man meistens schon am Geschmack. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek bezeichnet diese Art des Konsums als Teil einer "Surrogatsgesellschaft", die "Realität ohne Substanz" will. So weit würde ich nun nicht gehen - selbstverständlich ist Nichtrauchen in jedem Fall besser -, aber einen wahren Kern hat diese These doch: Heutzutage wollen wir den ultimativen Genuss, aber die vollständige Abwesenheit von Gefahr. Ich kritisiere ja häufig die zum Teil schon überängstliche Kindererziehung und ihre absurdesten Auswüchse - im Prinzip sind es jedoch bereits wir alle, die möglichst frei von Risiken leben wollen. Oder, wie meine Mutter bemängelt: Unsere Gesellschaft ist wahnsinnig verklemmt geworden. Und in der aktuellen Situation erleben wir, dass es ein vollständig risikofreies Leben nicht gibt - aber manche scheinen es nicht zu begreifen und halten das Tragen einer Maske schon für "Diktatur".

12. Barbie

Last but not least möchte ich mich einem Spielzeug widmen, das ich damals gehasst hatte und bis heute ehrlich gesagt scheußlich finde, das aber ebenso Teil meiner Kindheit war: Der Barbie-Puppe.
Meine Schwester hatte keine Barbies, sondern ein britisches Erzeugnis namens Sindy, das nicht von Mattel, sondern von Pedigree Dolls & Toys hergestellt wurde. Die Sindy-Puppe sollte in direkter Konkurrenz zur Barbie stehen, Ende der 1960er Jahre war sie in England auch tatsächlich beliebter; ich finde sie optisch ansprechender als das amerikanische Erzeugnis - vielleicht war das auch der Grund, warum meine Mutter lieber Sindys kaufte als Barbies. Letztendlich ist es jedoch trotzdem das hässliche Mattel-Erzeugnis, das bis heute die Herzen kleiner Mädchen höher schlagen lässt - ein Plastik gewordenes Klischee aus Glitzer und Rosa.
Modepuppen wie Barbie gibt es bereits seit dem 13. Jahrhundert; die erste Barbie-Puppe wurde im Jahr 1959 herausgebracht und entstand nach dem Vorbild der Bild-Lilli, einer Puppe, die wiederum nach dem Vorbild einer Figur aus einem Comic der BILD-Zeitung gestaltet war. Von Anfang an orientierte sich Barbie an den Modetrends und dem Schönheitsideal der jeweiligen Zeit, in der sie erzeugt wurde, so dass sie bis heute immer ein Abbild des jeweiligen Zeitgeistes ist. Seit 1980 gibt es jedes Barbie-Modell auch in einer Afro- oder Latino-Variante, und zahlreiche Zugaben wie schneidbare Haare oder bewegliche Gliedmaßen machten das Spielen mit der Puppe für Kinder, die sowas mochten, stets interessant.
Barbie und ihr Zubehör wurden von Anfang an größtenteils in China und Japan hergestellt, dennoch war die Puppe ursprünglich ein Luxusspielzeug, weshalb ihre Ausstattung sich auch eher an der Oberschicht orientierte. Etwa Mitte der 1960er Jahre wurde die Barbie-Mode und auch sonstiges Zubehör jedoch wesentlich mehr an den Trend der Jugend angepasst und avancierte so zum Massenprodukt. Im Laufe der Zeit wurde eine ganze Biographie kreiert, und bekanntlich wurden die Spielmöglichkeiten noch durch weitere Puppen erweitert - die bekannteste ist natürlich Barbies Partner Ken, der 1961 auf den Markt kam. Sogar die typische Farbe der Kartons, in denen die Barbie-Puppen verpackt sind, ist unter dem Namen Barbie-Pink geschützt (überflüssig zu erwähnen, dass diese Farbe für mich die hässlichste der Welt ist). Seit den 1980ern ist Barbie zum begehrten Sammlerobjekt avanciert.
Abgesehen von meiner doch rein subjektiven Abneigung gerät Barbie vor allem wegen ihrer unrealistischen Proportionen immer wieder in die Kritik - häufig geriet die Puppe in den Verdacht, Essstörungen auszulösen. Es gibt auch tatsächlich Frauen, die Unmengen an Geld für Schönheitsoperationen ausgeben, um Barbie möglichst ähnlich zu sehen - und auch Männer, die wie Ken aussehen wollen. Kritik gibt es jedoch auch, weil Barbie ein traditionelles Frauenbild zementiert und zu kritiklosem Konsum anregt. Daneben werden auch die umweltschädlichen Materialien und die schlechte Bezahlung der Arbeiter, die für die Herstellung zuständig sind, kritisiert. In Saudi-Arabien und im Iran ist der Verkauf von Barbie als "Symbol der westlichen Unmoral" verboten. Mit Grausen erinnere ich mich auch noch an das Lied Barbie Girl der Eurodance-Gruppe Aqua.

Tja, meine Lieben, ich bin erst bei der Hälfte meiner Liste angekommen, und trotzdem reicht es schon für einen ganzen Artikel. Ich bemerke immer wieder, wie dankbar manche Themen sind. Für dieses hier folgt aber auf jeden Fall noch ein zweiter Teil! Ich hoffe, dass ihr bis dahin nichts anstellt und euch nicht mit den Wahnwichteln verbrüdert, sondern euch, sofern es unsere Möglichkeiten noch zulassen, doch noch ein bisschen am Leben erfreut. Bon voyage!

vousvoyez

Montag, 3. August 2020

Wenn ich euren feministischen Club genehmigen würde, müsste ich auch einen chauvinistischen Männerclub erlauben

Diese Weisheit ist in abgewandelter Form in Michael Moores Buch Stupid White Men zu finden, das ich kurz nach dem 11. September 2001 unbedingt lesen musste - so wie viele, die trotz des tiefen Mitgefühls mit den Opfern des Attentats keine Sympathie mit der Regierung George W. Bushs empfanden. Gleichzeitig wird hier eine Argumentation reproduziert, die wir sehr häufig von Repräsentanten des rechten Rands zu hören bekommen, nämlich das, was vielerorts als "Whataboutism" bezeichnet wird - nämlich das Ablenken von unliebsamer Kritik durch manipulative Argumentationsmuster. Und leider muss ich sagen, dass dieses Muster nicht nur auf rechter Seite vertreten ist - deshalb möchte ich heute auf eine Entwicklung im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung sprechen, über die ich, unabhängig von der Bewegung selbst, nicht so begeistert bin. Auch auf die Gefahr hin, dass der eine oder andere von euch mich jetzt doch für eine ganz böse Rassistin hält, aber ich bitte euch einmal mehr, erst zu Ende zu lesen, ehe ihr mich mit euren übrig gebliebenen Ostereiern bewerft - ich möchte es wenigstens gründlich verdient haben. Und zwar geht es um das, was gemeinhin als Cancel Culture bezeichnet wird.

Nun, was ist das überhaupt? Der Begriff Cancel Culture fand seinen Weg zu uns aus dem angelsächsischen Raum und bezeichnet den systematischen Boykott von Personen und Organisationen, denen diskriminierende Aussagen und/oder Handlungen vorgeworfen werden. Verbreitung fand die Cancel Culture bereits im Zuge der #metoo-Bewegung, aktuell aber wird sie, wie schon gesagt, auch bezüglich der BLM-Bewegung angewandt. Manchmal werden dabei ganze Karrieren geschädigt oder gar zerstört. Was ich aktuell beobachte, ist, dass diese Entwicklung darauf hinauszulaufen scheint, nahezu jeden, ob tot oder lebendig, der sich in der Vergangenheit nicht immer absolut perfekt nach heutigen anti-rassistischen Kriterien geäußert oder verhalten hat, anzuklagen und zu fordern, dass jegliche Erzeugnisse dieser Person auf den Scheiterhaufen des Vergessens geworfen werden sollen. Und das, meine Lieben, funktioniert so einfach nicht.  Unser kulturelles und soziales Verständnis ist immer im Wandel begriffen, und man kann nicht einfach alle schriftlichen, filmischen oder künstlerischen Erzeugnisse nach heutigen Standards bewerten und dann fordern, dass der Rest der Welt so tun soll, als hätte es sie nie gegeben. Überdies werden wir es nie erleben, dass die Meinungen innerhalb einer Gruppierung immer vollkommen übereinstimmen. Aber gerade das wird aktuell von vielen Anhängern der anti-rassistischen Bewegung gefordert.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich halte es für absolut notwendig, sich mit großen Philosophen wie Diderot, Fichte, Hegel, Heidegger, Kant, Lichtenberg, Rousseau, Voltaire etc. auch in Bezug auf ihre rassistische Denkweise kritisch auseinanderzusetzen. Aber ich halte es für falsch, ihre Inhalte ersatzlos aus allen Lehrplänen zu streichen. Ja, auch ich bin ein wenig erschrocken darüber, dass man die rassistischen Aspekte eines Kant, dessen Abhandlungen bezüglich der "Rassenfrage" so völlig im Gegensatz zu seiner Ideologie des Weltbürgertums stehen, über so lange Zeit hinweg so lässig unter den Teppich gekehrt zu haben scheint. Und dass auch ich als Schülerin und Studentin in dem Glauben lebte, der Humanismus habe unterschiedslos alle Menschen erfasst, obwohl seine Träger ihn offensichtlich nur auf Weiße bezogen. Aber gerade deswegen halte ich es für falsch, ihre Inhalte nicht mehr zur Verfügung zu stellen - denn gerade sie zeigen, wie tief rassistische Denkmuster bis heute in unserer Gesellschaft verankert sind. Und nicht nur das, sie zeigen auch, wie das überhaupt möglich sein konnte: Denn der aus heutige Sicht nicht mehr zu rechtfertigende Rassismus wurde zur damaligen Zeit tatsächlich auch durch die Wissenschaft, die noch ganz am Beginn ihrer Entwicklung stand und somit mit der heutigen nicht zu vergleichen ist, gerechtfertigt, und viele nutzten dies, um das kritische Denken zu beruhigen, anstatt offen Stellung zu beziehen. Doch auch wenn Kants rassistische Thesen durch nichts zu rechtfertigen sind, darf man doch nicht außer Acht lassen, dass er die Widersprüche, die er dadurch aufwarf, in späteren Jahren offensichtlich selbst erkannte und zugab, dass diese eine reine Reproduktion dessen waren, was er von anderen erfahren hatte. Dies ist deswegen so sehr notwendig, weil wir diesen Diskurs eben nicht jenen überlassen dürfen, die ansonsten Kant und Co. als Rechtfertigung ihres Rassismus nutzen könnten - sprich, es ist Zeit für einen neuen Humanismus, der die Ideen des alten zwar nicht gänzlich ausklammert, diese aber kritisch betrachtet und sich darüber klar wird, wie tief Rassismus im kollektiven Denken tatsächlich verankert ist.

Im Zuge dessen möchte ich auch noch über einen Film sprechen, der sich vielleicht als erster mit strukturellem Rassismus auseinandersetzt, der aber gleichzeitig ebenfalls rassistisch sein soll. Ich spreche natürlich über Otto - Der Film von Xaver Schwarzenberger und Otto Waalkes aus dem Jahr 1985, über dessen Verbot in den Kinos gerade diskutiert wird. Otto selbst hat seine künstlerische Arbeit in seiner Autobiographie stets unterschiedslos als oberflächliche Blödeleien betrachtet, wahrscheinlich deshalb, weil es ihm stets widerstrebte, über Politik zu diskutieren, und auch allgemein scheint die Meinung vorzuherrschen, dass es sich hierbei um nichts als platten Klamauk handle - aber ich finde, dass gerade dieser Film sehr viele Nuancen enthält, die es lohnen, genauer hinzusehen. So darf man nicht vergessen, dass Schwarzenberger zuvor mit Rainer Werner Fassbinder zusammengearbeitet hat und dass es gerade die Tatsache war, dass die gedeckten Bilder seiner Kamera sich vom allgemein eher poppigen Stil der 1980er abhoben, die ihn für Otto als Co-Regisseur attraktiv machten. Darüber hinaus darf man auch nicht außer Acht lassen, wer neben Otto das Drehbuch verfasst hat - nämlich Bernd Eilert, Robert Gernhardt und Peter Knorr, drei Satiriker der Neuen Frankfurter Schule, deren Name sich natürlich auf die philosophische Frankfurter Schule unter Horkheimer und Adorno bezieht. Ich möchte hierbei auf den von mir sehr verehrten Regisseur, Autor und Aktionskünstler Christoph Schlingensief verweisen, der im Jahr 2000 mit seinem Container-Projekt Ausländer raus! eine Diskussion über Fremdenfeindlichkeit provozierte. Das Ding hierbei ist: Letztendlich verstand man, dass dies kein fremdenfeindliches Statement war, sondern das Gegenteil. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der erste Otto-Film Anstoß für eine ähnliche Diskussion hätte sein können - leider hat man dies über all die Jahre, nämlich fast mein ganzes Leben lang, verabsäumt, und viele verstehen es ganz offensichtlich bis heute nicht richtig. Oder erkennt man es auch nur deshalb nicht an, weil man dem Film bestenfalls einen oberflächlichen Blödel-Humor zuerkennt? Aber schauen wir uns den Sachverhalt erst mal genauer an.

Der Film handelt von Otto, einem unschuldigen "Jungen vom Land", den es in die große Stadt - in diesem Fall Hamburg - zieht, nachdem ihm das Leben auf seinem ostfriesischen Heimathof zu eng geworden ist. Als naives Landei versucht er sich anzupassen, indem er herrschende Diskurse reproduziert, und zwar auf so übertriebene Art und Weise, dass er dem aufmerksamen Zuschauer einen Spiegel vorhält. Er unterschreibt den Vertrag eines geldgierigen Kredithais, ohne das Kleingedruckte zu lesen ("Das ist schlecht für die Augen"), der ihn in horrende Schulden stürzt - den ganzen Film hindurch steht ihm die Lösung dieses Problems immer wieder vor Augen, aber sobald er zu handeln gedenkt, tauchen sofort Engelchen und Teufelchen auf, die ihn davor bewahren, etwas Unrechtes zu tun. Mit dem Kredit, den er bekommt, versucht er, im Sinne der damaligen Yuppie-Ideologie sein eigenes Unternehmen aufzubauen, und rettet dabei einer Tochter aus reichem Hause mehr zufällig das Leben. Er verliebt sich in sie, doch obwohl sie seine Gefühle erwidert, ist sie mit dem vermeintlichen Brasilianer Ernesto verlobt, der sich am Ende des Films als Hochstapler herausstellt, und überdies ist der nicht eben attraktive arme Schlucker ihrer Mutter, der Konsulin von Kohlen und Raibach, eher ein Dorn im Auge. Doch wie es in Komödien so üblich ist, geht die Geschichte gut aus, und am Schluss küssen sich Otto und Silvia alias Jessika Cardinahl am Strand einer einsamen Insel.

Was aber soll an dem Film rassistisch sein? Nun, in der Kritik steht eine Szene: Otto wurde gerade von der Konsulin von Kohlen und Raibach (die Namensähnlichkeit mit der Adelsfamilie Bohlen und Halbach ist natürlich beabsichtigt) eingeladen, damit sie sich dafür revanchieren kann, dass er ihrer Tochter das Leben gerettet hat. Da er dafür jedoch keine passende Garderobe hat, spricht er auf der Straße einen schwarzen GI, verkörpert von Fassbinder-Schauspieler Günther Kaufmann, an und ergaunert sich Geld von einer alten Dame, indem er den Schwarzen als den "Sklaven Bimbo" an sie verkauft. Wichtig ist hierbei: Die Szene wird mehrere Male satirisch gebrochen, so dass eigentlich klar sein dürfte, dass sich der andere des Spiels sehr wohl bewusst ist. Darüber hinaus ist nicht der Schwarze Gegenstand des Spottes, sondern die alte Dame, die sich sofort auf den Handel einlässt. Ich erinnere mich noch daran, als ich den Film das erste Mal sah, obwohl ich damals noch ein Kind war: Für mich war Sklaverei ein Relikt aus einer fernen Vergangenheit, so dass ich mich die ganze Zeit über nur fragte, warum diese Frau so dumm ist und das nicht weiß. Erst später lernte ich die Mechanismen der Herrenmenschen-Ideologie kennen, die erklären, warum die Dame so offensichtlich kein Problem damit hatte, anzunehmen, dass es rechtens sei, sich einen Sklaven zu halten. Hier kann man übrigens den rechtsphilosophischen Diskurs wieder aufgreifen, den Gustav Radbruch nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hat und in dem er zwischen positivem Recht - also dem Recht, das vom Staat ausgeht - und dem Naturrecht, also den allgemeinen Menschenrechten, unterscheidet. Das N-Wort, mit dem Otto den Schwarzen so trottelig-naiv anspricht, galt übrigens zwar damals schon als rassistisch, aber man war noch nicht so sensibilisiert wie heute, und mancherorts benutzte man es noch, ohne sich was dabei zu denken. Im Gegensatz zu heute, wo sich Leute darüber aufregen, dass sie sich nicht mehr rassistisch äußern dürfen, obwohl "man das doch immer schon so gemacht hat" - und dabei verkennen, dass sich Sprache als Teil einer Kultur stets im Wandel befindet. Im übrigen ist der Film, wenn man nur genau hinsieht, voll von Verweisen auf die dunkle Vergangenheit Deutschlands: Die Villa der Konsulin von Kohlen und Raibach erinnert an ein koloniales Herrschaftshaus aus dem 19. Jahrhundert, der Hochstapler Ernesto zeigt sich auf Dias in einer Herrschaftspose mit einem erlegten Jaguar und einem Diener, und in einer Szene, in der Michael Jacksons damals sehr populäres Musikvideo Thriller parodiert wird, steigen mehrere Heino-Figuren als Zombies aus den Gräbern, tragen Gitarren über der Schulter, die bei näherem Hinsehen ein Hakenkreuz-Muster offenbaren, und singen den in der NS-Zeit so beliebten Schlager Schwarzbraun ist die Haselnuss. Gleichzeitig reproduziert Otto - nicht nur in der Szene mit Kaufmann - immer wieder unbeabsichtigt rassistische Muster, beispielsweise in einer Szene, in der er einen Bauarbeiter in einer Phantasiesprache anspricht, der dies mit dem gemurmelten Nachsatz "Immer diese Ausländer" quittiert. In einer Szene - die die Kritiker übrigens verwirrt, schau an! - wird das sogar zur Sprache gebracht: Otto verirrt sich in ein Biker-Lokal und soll zur Initiation den Witz "Wie pinkelt ein Eskimo?" beantworten. Als er dies nicht kann, hält der Fragende eine Handvoll Eiswürfel vor seinen Schritt und lässt sie einzeln zu Boden fallen. Otto beginnt zu lachen, woraufhin der Wirt ihn darauf hinweist, der Witz sei "uralt und außerdem rassistisch".

Die Auflösung des Films ist denkbar einfach: Liebe und Humor sind die Antwort auf alles. Der geldgierige Vertreter der Firma Shark vergisst Ottos Schulden, als dieser ihm in dem Glauben, er spreche mit Silvia, seine Liebe gesteht. Er steigt in das Flugzeug, mit dem die Familie Kohlen und Raibach nach Rio de Janeiro fliegen will und in dem sich außer ihnen auch eine Karnevalsgesellschaft sowie zwei Bankräuber befinden, findet sich auf einmal versehentlich als Pilot wieder, hält einen Flugzeugträger für Rio, und alle stranden auf einer einsamen Insel, wo die Konsulin in bester Kolonialmanier einmarschieren will, nur um auf eine indigene Gruppe zu stoßen, die sie mit Narrhallamarsch begrüßt, woraufhin die Deutschen sich in die Polonaise einreihen. Fazit: Nicht alles, was Rassismus darstellt, ist auch Rassismus. Der Film zeigt genau das Gegenteil, indem er den Rassismus nicht als den glatzköpfigen, Springerstiefel tragenden und Asylheime anzündenden Neonazi auftreten lässt, nicht als den repressiven, "Ausländer raus" schreienden Politiker, nein; der Rassismus tritt auf in Form einer netten alten Dame, die dem eben erworbenen "Sklaven" als erstes einen Kaffee anbietet, gleichzeitig jedoch ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass sie als Weiße das Recht hat, nach ihrem Gutdünken über einen Nicht-Weißen verfügen zu dürfen. Wer diesen Film für rassistisch hält, der will ihn so sehen und sich nicht wirklich mit dem Inhalt befassen. Womit wir wieder bei der Cancel Culture wären.

Und dies hat nichts mehr mit kritischem Denken zu tun: Wer alles, was nach heutigen Standards rassistisch ist, aus der Welt verbannen will, der will lediglich ein reines Gewissen haben und sich nicht mit der Vergangenheit befassen. Das ist aber notwendig, wenn man rassistische Strukturen unserer Gesellschaft hinterfragen will. Wer denkt, Rassismus aus der Welt schaffen zu können, indem man so tut, als hätte es ihn nie gegeben, handelt nicht anders als jene, die davon sprechen, dass man unsere Nazi-Vergangenheit ruhen lassen soll, indem man sie unter den Teppich kehrt, den Holocaust leugnet und nie wieder darüber spricht. Und das ist genauso falsch, wie alles, was damit zusammenhängt, zu entschuldigen. Weil wir den Rassismus eben immer noch reproduzieren - seit Jahren wird etwa darum gekämpft, dass rassistischen Massenmördern wie Carl Peters oder Adolf Lüderitz keine Denkmäler mehr gesetzt werden, und ja, DAS halte ich tatsächlich für überfällig. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass man einer Schwarzen Person nicht sagen kann "ich sehe keine Hautfarben", weil man damit nicht anerkennt, dass nur man selbst sich so einen Satz leisten kann - aber ich habe immer gedacht, Ziel des Antirassismus sei es, dies auch Nicht-Weißen zu ermöglichen. Warum also scheint es vielen nur darum zu gehen, Schwarze Hautfarbe als Makel, ja als Stigma darzustellen, wo dies doch ohnehin nicht zu begründen ist?

Und ja, auch ich habe Tupoka Ogettes fabelhaftes Buch exit RACISM gelesen und würde es auch jedem ans Herz legen - ich möchte allerdings so manche darum bitten, dieses Buch doch bitte, bitte, bitte nicht lediglich dafür zu missbrauchen, mit Phrasen um sich zu werfen, sobald irgendjemand nicht eurer Meinung ist. Viele lesen Bücher wie dieses und glauben, damit sei die Auseinandersetzung mit ihrem Weißsein und den Privilegien, die damit einhergehen, abgeschlossen - nun, ich hatte das Buch in ungefähr zwei Tagen durch, während rassistische Narrative schon bei Sokrates nachgewiesen sind. Und das Kokettieren mit dem Trauma anderer ist nichts anderes als eine Flucht vor der Auseinandersetzung mit diesem - selbst junge weiße Europäer und Innen, die in einer höchst privilegierten Welt aufgewachsen sind, behaupten von sich selbst, "retraumatisiert" zu sein, wenn sie das N-Wort hören oder lesen, und entziehen sich damit dem Diskurs.

Nun - ich denke, dass Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe Benachteiligung erfahren, nicht gezwungen werden sollten, sich mit rassistischen Narrativen der Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen, und in der Regel steht ihnen das auch frei. Was allerdings uns andere betrifft - wir sollten nicht einen auf woke machen und gleichzeitig alles negieren wollen, was nur irgendwie mit unserer rassistischen Vergangenheit zu tun hat. Dass sich auch Schwarze Gruppierungen der Forderung einer Cancel Culture bedienen, bedeutet übrigens auch nicht, dass ALLE Schwarzen sie befürworten. Wir müssen lernen, mit beiden Augen hinzusehen und uns nicht so zu verhalten wie diejenigen, die alles negieren, was ihnen unangenehm ist. Denn so spielen wir nur jenen in die Hände, von denen wir uns so gerne unterscheiden wollen - denn diese können uns dann am Ende sagen, ihr seid ja genauso. Und lassen wir es bitte nicht so werden wie in den USA, wo ganze Existenzen vernichtet werden können, wenn auch nur der kleinste Verdacht aufkommt, jemand könnte sich rassistisch geäußert haben! Denn diese Gefahr ist in Zeiten von Social Media nicht zu unterschätzen.

vousvoyez