Mittwoch, 8. September 2021

Die Reise nach Jerusalem können Österreicher zurzeit nur in einem Gesellschaftsspiel antreten



@funkmastacrump
Ein Spruch des von mir so geschätzten Peter Klien, dessen Satire-Sendung Gute Nacht Österreich, die ich wirklich gerne geschaut habe, bekanntlich abgesetzt wurde, weil er sich zu kritisch zur Kurz-Regierung äußerte - womit er sich in eine ganze Reihe großartiger satirischer ORF-Sendungen einreihte, die alle dran glauben mussten, weil sie irgendwann einmal auf zu viele furchtbar wichtige Zehen getreten sind. Natürlich ist auch dies ein Zitat aus der Zeit des ersten Lockdowns, als noch nicht absehbar war, wie viel uns die Pandemie tatsächlich kosten würde - und hier spreche ich nicht nur von Geld. Mich hat sie vor allen Dingen Nerven gekostet - wie man wohl vor allem zu Beginn dieses Jahres auch in diesem Blog gemerkt hat. Aber da war ich auch nicht die einzige. Und ehrlich gesagt bin ich auch schon wieder leicht genervt, weil wir gerade mit Karacho auf eine vierte Welle zusteuern - wovor wir schon vor Monaten gewarnt wurden, aber wir wollten ja nicht hören.

Wie ihr wisst, nutze ich diesen Blog sehr gerne, um Dampf abzulassen - und anscheinend kommt das auch ganz gut an, jedenfalls habe ich da schon einiges an positivem Feedback bekommen. Da ich mich allerdings nicht ausschließlich mit dem leidigen Thema beschäftigen will, dachte ich mir, ich schreibe heute mal wieder über etwas anderes - etwas, das zwar ebenfalls mit Gesellschaftskritik zu tun hat, das uns aber dennoch ein wenig von dem Pandemie-Thema wegbringt. Wie ihr wisst, habe ich ja eine sehr beliebte Rubrik auf diesem Blog, in der ich mich vor allem mit en Hintergründen zu den Disney-Filmen beschäftige. Im Zuge dessen habe ich schon sehr lange den Gedanken im Hintergrund, mich auch einmal mit dem Thema Propaganda in den Werken der Walt Disney Company zu befassen. Dabei bin ich auf ein Kapitel in Walt Disneys Biographie gestoßen, das anscheinend nicht so bekannt ist - ich jedenfalls habe zuvor noch nie davon gehört. Dieses Kapitel umfasst auch zwei Filme aus der Meisterwerk-Reihe, mit denen ich mich bisher noch nicht befasst habe, weil ich keine Ahnung hatte, was ich mit ihnen anfangen soll. Mittlerweile weiß ich jedoch, welche Intention dahinter steckt, weshalb ich mich heute endlich mal mit ihnen beschäftigen werde.

Saludos Amigos und The Three Caballeros erzählen keine durchgängige Geschichte, sondern bestehen aus einzelnen Segmenten, die aneinander gereiht und durch eine Rahmenhandlung verbunden wurden. Ähnlich wie Song of the South, worüber ich ja auch schon einmal einen Artikel geschrieben habe, so bestehen auch diese Filme aus Zeichentrick- und Realfilmsequenzen, die in The Three Caballeros ineinander verwoben sind. Technisch und künstlerisch sind sie zweifelsohne sehr gut gemacht - die Geschichten sind teilweise allerdings ein wenig seltsam, und ideologisch sind sie auch nicht unbedenklich. Aber mal zum Anfang.

Die Erfolgsgeschichte von Walt Disney, der aus einfachen Verhältnissen stammte und dessen Namen heute das weltweit größte Medienunternehmen trägt, ist ein großer Mythos der US-Historie, bedient sie doch in perfekter Art und Weise das Narrativ des vom Tellerwäscher-zum-Millionär-Märchens, welches sich trotz der sukzessiven Entzauberung des amerikanischen Traums immer noch hervorragend verkauft. In der magischen Welt der Walt Disney Company siegt das Gute immer über das Böse, Zwischentöne gibt es nicht - entsprechend ist Kritik an ihrem Schöpfer dort auch nicht allzu gern gesehen. Und dennoch wissen wir mittlerweile, dass in der Geschichte jenes Mannes, der mit viel Beharrlichkeit und Fleiß ein ganzes Imperium schuf, das bis heute Kinderherzen zum Leuchten bringt, nicht alles eitel Wonne war - und dass sein umfangreiches Werk, das unabhängig von Sprache und Kultur auf der ganzen Welt gekannt und verstanden wird, natürlich auch für politische Zwecke missbraucht wurde. Wir wissen, dass Disney selbst ein glühender Republikaner und leidenschaftlicher Antikommunist war, der seine Mitarbeiter am liebsten wie Leibeigene behandelt hätte und die meisten ihrer genialen Ideen für seine eigenen ausgab - und dass er während des Zweiten Weltkriegs, als der europäische Markt wegfiel, jede Möglichkeit ergriff, sein Studio über Wasser zu halten. Übrigens war er da auch nicht der einzige.

Walt Disney, der in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen war und schon früh seine künstlerische Begabung entdeckte, begann als junger Mann in Kansas City, mit Animationstechniken zu experimentieren und ging 1923 nach Hollywood, wo er zusammen mit seinem Bruder Roy das Disney Brothers Cartoon Studio gründete. Den großen Durchbruch bescherte ihm bekanntlich im Jahr 1928 eine anthropomorphe Maus, die ihre beispiellose Karriere vor allem einer technischen Innovation verdankte - nämlich dem Tonfilm. Einer der ersten Zeichentrickfilme mit Tonspur, Steamboat Willie, läutete die goldene Ära der Disney-Studios ein, die in der Produktion des ersten abendfüllenden Zeichentrickfilms Schneewittchen und die sieben Zwerge aus dem Jahre 1937 gipfelte. Die Glückssträhne endete jedoch mit dem Zweiten Weltkrieg, vor allem deshalb, weil der europäische Markt wegfiel - weitere Langfilme konnten den durchschlagenden Erfolg von Schneewittchen nicht wiederholen, und die Disney-Studios gerieten zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Zu allem Überfluss machte sich unter den Angestellten aufgrund der miserablen Arbeitsbedingungen, der fehlenden Wertschätzung und der schlechten Bezahlung allmählich Unmut breit, was 1941 zu einem handfesten Streik führte. All dies zwang Disney dazu, seine Fühler anderweitig auszustrecken - und eine Möglichkeit, die sich ihm dabei bot, war Nelson Rockefellers "Good Neighbour Policy", die ihm einen neuen Markt erschließen sollte.

In den 1940er Jahren war die größte Sorge der USA der wachsende globale Einfluss Deutschlands und Japans; sie befürchteten vor allem, dass Deutschland zu viel ideologischen und politischen Einfluss auf die lateinamerikanische Bevölkerung nehmen könnte, und das nicht zu Unrecht, hatte sich doch eine hohe Anzahl japanischer, italienischer und vor allem deutscher Einwanderer auf südamerikanischem Boden angesiedelt - speziell in Brasilien und Argentinien wuchs die Präsenz der Nationalsozialisten. Für die USA war jedoch vor allem Südamerika im Kriegsfall von großer Bedeutung, vor allem wegen der Rohstoffe und der Lebensmittelversorgung. Aufgrund dessen startete der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit Hilfe von Nelson Rockefeller, dem Sohn des Ölmagnaten John D. Rockefeller, der bereits in den 1930er Jahren vermehrt in verschiedene südamerikanische Länder gereist war, eine breit angelegte Imagekampagne, unter anderem durch staatlich geförderte wissenschaftliche und kulturelle Austauschprogramme, was 1940 zur Gründung des Office of Inter-American Affairs (OIAA) führte. Dieses nutzte unter anderem auch Hollywood, um den USA in Lateinamerika ein besseres Image zu verpassen, weshalb es Kulturvermittler einsetzte, die Filmen mit südamerikanischem Bezug ein authentischeres Bild verpassen und kulturellen Missverständnissen vorbeugen sollten. Man setzte jedoch nicht nur auf Kinofilme, sondern vor allem auch auf Lehr- und Bildungsfilme, um die Bekanntheit amerikanischer Wertmaßstäbe und Konsumprodukte zu steigern, da diese selbst in entlegenen Gegenden gezeigt werden konnten und so ein breiteres Publikum erreichten.

Da Walt Disney in Südamerika bereits eine hohe Popularität genoss, trat Rockefeller 1941 an ihn heran mit der Idee einer "goodwill tour", bei der er als Kulturbotschafter der USA quer durch die südamerikanischen Staaten reisen und nebenbei noch Ideen für neue Filme entwickeln sollte, mit denen er die Herzen der dortigen Zuschauer gewinnen konnte. Dies war für Disney einerseits eine willkommene Gelegenheit, den Problemen im Studio für eine Weile den Rücken zu kehren, andererseits konnte er so gleichzeitig Material für neue Filme sammeln, die das Potenzial hatten, ihm wieder zu finanziellem Erfolg zu verhelfen. So reiste er zusammen mit seiner Frau und einigen ausgewählten Mitarbeitern zwei Monate lang durch Argentinien, Brasilien, Chile, Ecuador, Peru und Uruguay, wo er überall mit Jubel empfangen wurde. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten realisierte er vier Kurzfilme, die sich jeweils auf ein anderes Land bezogen und die am Ende zu einem einzigen Film zusammengefasst wurden. Saludos Amigos (dt. Grüß euch bzw. Drei Caballeros im Sambafieber) unter der Regie von Norm Ferguson, Wilfried Jackson, Jack Kinney, Hamilton Luske und Bill Roberts hatte seine Weltpremiere 1942 in Rio de Janeiro und war damit der erste Disney-Film, der nicht in den USA uraufgeführt wurde.

Der aufwändig gestaltete Technicolor-Film besteht aus verschiedenen Realfilm- und Cartoon-Segmenten, eine Kombination, die zur damaligen Zeit noch neu war. Die Realfilmaufnahmen, die Disneys Reise dokumentieren, liefern hier die Rahmenhandlung rund um die vier Zeichentrickszenen. Die erste handelt von Donald Ducks Reise an den Titicacasee, im Zuge derer er versucht, auf einem Lama eine Hängebrücke heil zu überqueren; die zweite erzählt von Pedro, einem kleinen Flugzeug mit Kindergesicht, das die waghalsige Reise über die Anden von Chile nach Argentinien antritt, um die Postsendung seines Vaters in Mendoza abzuholen; in der dritten schlüpft Goofy in die Rolle eines argentinischen Gauchos; in der vierten wird Donald von einem grünen Papagei in die Geheimnisse der brasilianischen Kultur eingeführt. Insgesamt wirkt der Film wie eine Mischung aus Reisetagebuch und Werbespot - aus heutiger Sicht wirkt das Gesamtkonzept gerade durch die niedlich-kindliche Aufmachung ziemlich überholt, ja sogar herablassend. Bereits damals fand jenes Segment, in dem Goofy sich als Gaucho versucht, beim südamerikanischen Publikum keinen besonders großen Anklang, und tatsächlich zeugt die Art und Weise, wie hier ein nationales Symbol verballhornt wird, nicht gerade von großem kulturellem Verständnis. Die tragende Bedeutung der Gauchos für das Nationalgefühl vor allem der Argentinier und Uruguayer ist in etwa mit der des Cowboys in den nordamerikanischen Südstaaten vergleichbar - vor diesem Hintergrund ist es nur allzu verständlich, dass das amerikanische Publikum über die Charakterisierung ihres Landes durch Disney nicht allzu begeistert war. Goofy zeigt sich als Gaucho ebenso doof und ungeschickt, wie man es von ihm gewohnt ist; er streift gemütlich durch die Pampas, spielt Gitarre, kämpft ab und zu mit der Kontrolle über sein Pferd, mit dem er in Ermangelung einer Frau auch zu argentinischer Folkloremusik tanzt, und macht mit der Bola, einer traditionellen Wurfwaffe, Jagd auf einen Strauß, wobei er sich hier ebenfalls eher dämlich anstellt.

Im Gegensatz dazu eroberte vor allem der niedliche grüne Papagei José Carioca aus Rio de Janeiro die Herzen der Zuschauer, und tatsächlich ist er, obwohl er mit seinem temperamentvollen, unbekümmerten, fast ein wenig verantwortungslosen Charakter durchaus ebenfalls ein Klischee bedient - nämlich das des südamerikanischen Frauenhelden -, die mit Abstand gelungenste Figur des Films, weshalb er schnell zu dessen heimlichem Star avancierte. Ganz allgemein ist das letzte Segment der technische und visuelle Höhepunkt des Films - José Carioca führt Donald durch Rio, bringt ihm bei, Samba zu tanzen und macht ihn mit dem Geschmack des berühmten Cachaça bekannt. Der Charme des Papageis stiehlt Donald schnell die Show, und obwohl er sich in Europa und den USA lediglich als Nebendarsteller etablierte, erlangte er in späterer Folge zumindest in Comics die Hauptrolle. Der von Ari Baroso komponierte Samba Aquarelo do Brasil, der in dieser Szene zu hören ist, wurde durch den Film übrigens weltberühmt - bis heute wird er häufig als akustische Untermalung in Filmen und Dokumentationen verwendet, die Brasilien zeigen.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass das Brasilien-Segment das einzige ist, das jenen zeitlosen Unterhaltungswert bietet, den man sich von einem Disney-Film erwartet. Die betont kindgerechte Darstellungsweise kann zumindest rückblickend nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film auch für damalige Verhältnisse keinerlei Informationsgehalt bietet, sondern lediglich Klischees. Auffällig ist auch das Whitewashing in den Realfilmszenen, das Zeigen von ausschließlich weißen Menschen, das allerdings in allen US-amerikanischen Filmen der damaligen Zeit üblich war, und auch die mangelnden Kenntnisse Donalds der portugiesischen Sprache, während José Carioca fließend Englisch spricht - was viele wahrscheinlich als Nebensache werten würden, betont die als selbstverständlich klassifizierte Vormachtstellung der USA gegenüber den südamerikanischen Ländern. Trotz all dieser Kritikpunkte wurde der Film allerdings ein Kassenschlager - der einzige während der Kriegsjahre. Sein Erfolg inspirierte Disney zu einem weiteren Film mit südamerikanischer Thematik.

The Three Caballeros (dt. Drei Caballeros) wurde 1944 in Mexiko City uraufgeführt; Regie führten Norman Ferguson, Clyde Geronimi, Jack Kinney und Bill Roberts. Da auch die USA bereits aktiv im Zweiten Weltkrieg involviert waren und die Disney-Zeichner damals größtenteils mit Ausbildungsfilmen für die Armee und Propagandafilmen gegen den Nationalsozialismus beschäftigt waren, war dieses bunte Spektakel für sie eine willkommene Abwechslung, auch wenn es durch die anderen Projekte immer wieder zu Unterbrechungen kam. In den USA wurde der Film nur einmal zur Gänze aufgeführt; ein paar Segmente wurden jedoch später als eigenständige Kurzfilme veröffentlicht (was erklärt, warum mir ein paar Szenen so bekannt vorkamen). Aufgrund der Kombination von Zeichentrick und klassischem Spielfilm gilt er als filmtechnische Errungenschaft - tatsächlich ist es eher die Experimentierfreudigkeit, die diesen Film sehenswert macht, denn die Handlung ist einigermaßen verwirrend. Bei manchen Details habe ich mich außerdem gefragt, was die mit Südamerika zu tun haben sollen  - etwa der improvisierte Stierkampf und der fliegende Teppich.

Wie Saludos Amigos, so besteht auch The Three Caballeros aus mehreren Segmenten, die durch eine Rahmenhandlung miteinander verbunden sind: Donald Duck hat Geburtstag und erhält von seinen südamerikanischen Freunden ein großes Paket, in dem sich drei weitere, kleinere Päckchen befinden. Er öffnet das erste, und heraus kommen ein Filmprojektor, eine Leinwand sowie eine Filmrolle. Diese enthält einen Kurzfilm namens Aves Raras (Seltene Vögel), der von dem Pinguin Pablo handelt, der sich über die Kälte in der Antarktis beschwert, bis er es schließlich nach Südamerika schafft, wo er in einer Hängematte liegt und sich von den dort ansässigen Schildkröten bedienen lässt. Anschließend wird gleich einer Dokumentation der südamerikanische Urwald zeigt sowie ein paar Vögel, die offensichtlich nicht alle Latten am Zaun haben. Irgendwann wird dann die Geschichte des kleinen Gauchito erzählt, eines Jungen, der nach einem Kondor sucht und dabei aus völlig unerfindlichen Gründen einen fliegenden Esel in einem Horst entdeckt.

Im zweiten Paket befindet sich ein Aufklapp-Bilderbuch, aus dem José Carioca springt und Donald nach Baía einlädt. Also reisen sie nach Salvador de Baía und treffen dort auf die brasilianische Schauspielerin und Sängerin Aurora Miranda, deren ältere Schwester Carmen Miranda jene von ihr selbst kreierte, aus Südfrüchten bestehende Kopfbedeckung, die heute als Tutti-Frutti-Hut weltberühmt ist, zum Inbegriff weiblicher Exotik. Aurora wird von zahlreichen männlichen Bewunderern umschwärmt, die aus irgendeinem Grund diese rot-weiß gestreiften T-Shirts tragen, die wir damals in Österreich als "Ruderleiberl" bezeichnet haben, weil sie eigentlich zur Tracht der venezianischen Gondolieri gehört. Die Tatsache, dass in dieser Szene ausschließlich weiße Menschen zu sehen sind, stößt besonders bitter auf, wenn man weiß, dass Baía die brasilianische Region mit dem höchsten Anteil an schwarzer Bevölkerung ist - allerdings darf man nicht vergessen, dass sowohl in Hollywood als auch in Brasilien schwarze Hautfarbe als "rückständig" und weiße Hautfarbe als "fortschrittlich" galt, und dass schwarze Künstler außerhalb ihrer Community nur selten sichtbar waren.

Als Donald und José das dritte Paket öffnen, kommt eine Tonspur heraus, die explodiert, woraufhin der rote mexikanische Hahn Panchito erscheint, der, nachdem er das Lied Three Caballeros angestimmt hat, den mexikanischen Brauch der Piñata erklärt - der übrigens ursprünglich aus China nach Südeuropa und von dort aus durch spanische Missionare nach Mittelamerika transferiert wurde, wo diese Tradition mit einem Brauch der Mayas kombiniert wurde, die ihre Götter unter anderem mit dem Zerschlagen von Tontöpfen ehrten. Daraufhin muss Donald ebenfalls eine Piñata zerschlagen - darin befinden sich weitere Geschenke, darunter ein Buch über Mexiko sowie ein fliegender Teppich mit indianischem Muster. Auf diesem Teppich erleben die drei Caballeros die Sehenswürdigkeiten Mexikos - Strände, Folklore, Nachtleben -, wobei hier Donalds Interesse für die schönen Frauen des Landes besonders auffällig ist, zumal Sexualität mit Disney-Figuren eigentlich unvereinbar scheint (obwohl sexuelle Anspielungen in Zeichentrickfilmen zum damaligen Zeitpunkt schon längst nichts Neues mehr waren). Nachdem er sich in Veracruz von der Tänzerin und Schauspielerin Carmen Molina den Lilongo beibringen lässt, wobei seine Freunde ihn nur mit Mühe wieder auf den Teppich zerren können, um weiterzuziehen, jagt er am Strand von Acapulco einer Gruppe junger Bikinischönheiten hinterher, wobei jene Szene, in der er José Carioca mit einer von ihnen verwechselt und ihn abküsst, woraufhin ihn dieser entschieden zurückweist, beinahe schon homophob anmutet. Anschließend betrachten die drei Freunde im Buch ein Bild vom mexikanischen Sternenhimmel, woraufhin die mexikanische Sängerin Dora Luz erscheint und anfängt, You Belong To My Heart zu singen. Die exotische Schönheit versetzt Donald in einen sexuellen Rausch, der in einem psychedelischen Reigen aus Farben und Formen, küssenden Lippenpaaren, phallisch wirkenden Kakteenwäldern und Blütenregen gipfelt.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass sowohl Saludos Amigos als auch The Three Caballeros vor allem eines deutlich machen, nämlich, dass der Begriff des "Kulturbotschafters" für Disney nicht wirklich zutrifft - die Filme verkaufen Klischees und Stereotypen und tragen weder zum Verständnis noch zum Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen bei. Ein authentisches Bild Südamerikas wird hier ebenso wenig vermittelt, wie es gelingt, ein positives Bild der USA in Südamerika zu etablieren: Der Pinguin Pablo wirkt wie ein Kolonialist, der kleine Gauchito wie ein Sklavenhändler und Donald Duck wie ein Sextourist. Kritisch hinterfragt wurde dies zur damaligen Zeit nicht, ganz im Gegensatz zu den sexuellen Anspielungen vor allem in The Three Caballeros, die wohl vor allem Leute in die Kinos locken sollten, indem man die Anwesenheit realer exotischer Schönheiten im Film betonte. Die lateinamerikanischen Themen schwanden nach 1945 aus den Disney-Filmen - der nächste geplante Film, Don Quixote, wurde nie realisiert, zeigt aber, wie wenig Eigenständigkeit den südamerikanischen Kulturen zur damaligen Zeit zugestanden wurde und mit wie wenig Sensibilität die Tatsache behandelt wurde, dass hinter dem Umstand, dass der Großteil des südamerikanischen Volkes heute Spanisch spricht, eine überaus grausame Geschichte aus Gewalt und Ausbeutung steckt.

Neben den beiden Spielfilmen drehte Disney auch noch etliche Dokumentations- und Erziehungsfilme, wofür etliche Botschaften, Gesandtschaften und Konsulate sogar extra mit Abspielgeräten versorgt wurden, um sie zeigen zu können. Zur Beliebtheit der USA trugen sie allerdings noch weniger bei als die Kinoproduktionen, zeugten sie doch hauptsächlich von Ignoranz und fehlendem Einfühlungsvermögen, teilweise sogar von Übergriffigkeit. So sorgten jene Filme, die zur Alphabetisierung beitragen sollten und ganz nebenbei noch ein wenig Ernährungslehre beinhalteten, durch ihre fehlerhafte Aufbereitung verbunden mit den unpassenden Inhalten für Spott und Protest bei der Zielgruppe. Vor allem die von Disney produzierten Gesundheitsfilme offenbaren die Respektlosigkeit der USA gegenüber der lateinamerikanischen Bevölkerung durch den Versuch, auch noch in deren intimste Lebensbereiche einzudringen. Die Protagonisten werden durchgehend als dumm und faul dargestellt, wodurch ihnen ganz selbstverständlich die Schuld an Armut, Krankheiten und mangelnder Hygiene zugeschoben wird - ausgeblendet wird hingegen die Verantwortung seitens der Wirtschaftsmächte, die durch die Gründung großer Firmen auf südamerikanischem Boden die Landflucht begünstigten und so auch die Ansiedlung vieler Menschen auf engem Raum ohne die erforderliche Infrastruktur. Bemerkenswert ist auch ein Kurzfilm namens The winged scourge, der Tipps zur Bekämpfung der Malaria übertragenden Anopheles-Mücke gibt - unter anderem durch den ausufernden Einsatz von Kupferarsenitacetat, das wegen seines hohen Anteils an Arsen heute zu Recht verboten ist.

Abschließend muss ich sagen, dass ich es für nicht weiter verwunderlich halte, dass meine Kenntnisse im Bereich der Disney-Filme mit Südamerika-Bezug bisher äußerst rudimentär waren - Saludos Amigos und The Three Caballeros sind nach heutigem Standard größtenteils eher wenig unterhaltsam. Den meisten anderen Disney-Meisterwerken können sie jedenfalls mit Sicherheit nicht das Wasser reichen - aber ich finde es im historischen Kontext nicht falsch, sie mal gesehen zu haben. Auch wenn das vorgebliche Wohlwollen seitens der USA gegenüber ihrer Nachbarn aus dem Süden eher den Eindruck hinterließ, dass sie diese eher in Abhängigkeit halten wollten. Ganz allgemein sind wir es jedoch schon so gewöhnt, von klein auf mit der Propaganda des US-Imperialismus gefüttert zu werden, dass es den meisten von uns im Großen und Ganzen gar nicht mehr auffällt, selbst wenn es in manchen Filmen offensichtlich ist. Aber gerade deshalb halte ich es für wichtig, sich einmal damit auseinanderzusetzen - auch wenn uns das nicht davon abhalten sollte, diese Filme trotzdem zu genießen. Denn im Großen und Ganzen sind sie ja doch Teil unserer Kindheit - und trotz allem gehöre ich zu jenen, die sie nicht mehr missen wollen. Bon voyage!

vousvoyez

http://othes.univie.ac.at/12188/1/2010-11-12_0108515.pdf

https://www.film-rezensionen.de/2017/01/saludos-amigos/

https://www.film-rezensionen.de/2017/01/drei-caballeros/

Einige Beispiele der Gesundheitsfilme:

https://www.youtube.com/watch?v=XoE3gyVd_ds

https://www.youtube.com/watch?v=_LNCpA92Wz8

https://www.youtube.com/watch?v=ICnSpLsiDzI

Dienstag, 17. August 2021

Wenn die Supermarktnatur sich erholt, kehren auch bedrohte Warenarten in ihren natürlichen Lebensraum zurück

vongestern.com
Und die nächste patentierte Corona-Weisheit: Ein Kommentar zu den Hamsterkäufen. Wobei das große Rätsel, warum man bei einer bevorstehenden Apokalypse ausgerechnet zuerst an Klopapier denkt, bis heute nicht gelöst ist. Aber okay - man hat ja bereits am Montag danach gesehen, dass diese Massenpanik völlig umsonst war. So wie viele andere Massenpaniken auch - etwa diejenige, über die ich in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. Den ich hiermit fortsetzen will; damit ihr aber richtig mitkommt, möchte ich euch empfehlen, ihn erst mal zu lesen, sofern ihr es noch nicht getan habt. Nicht, dass mir hinterher noch Klagen kommen! Und ihr euch dann beschwert: "Das haben wir aber noch nicht besprochen!" No way!

Wie ich zuvor erwähnt habe, war das Satans-Thema in meiner Jugend so unfassbar präsent, dass es sogar die Redakteure und Leser der Bravo beschäftigte - im vorigen Artikel habe ich euch eine Foto-Love-Story verlinkt, die es in sich hat. Die Autoren haben so richtig tief in die Klischeekiste gegriffen - von schwarzer Kleidung über Kapuzengestalten, Ouija-Bretter, verkehrten Kreuzen, Pentagrammen, Gedankenkontrolle und Weihwasser wurde wirklich alles, was für naive Gemüter zu einem gepflegten Satanismus gehört, wild durcheinandergeworfen. Mein Vater hätte gesagt, wie sich der kleine Maxi das eben so vorstellt. Und hier wird bereits ersichtlich, worüber ich bereits geschrieben habe: Horrorfilme à la Rosemary's Baby und Das Omen waren bereits 1994 so sehr ins kollektive Gedächtnis eingegangen, dass kein Satanismus ohne Versatzstücke aus diesen Werken mehr auskam. Das erklärt übrigens auch, warum die Berichte von "Überlebenden" sich so sehr ähneln. Ich habe mir übrigens hierzu noch mal jene Doku angeschaut, die von Kriminalpsychologin Lydia Benecke so heftig kritisiert wird (und die ich euch unten noch einmal verlink habe): Die Diagnose der Dame, von der diese Doku handelt - nämlich die dissoziative Identitätsstörung - kam zustande, nachdem ihre Therapeutin ein Buch darüber gelesen hatte.

Natürlich sind Verschwörungsmythen in Verbindung mit Satanismus aber kein neues Phänomen - man denke etwa an die Hexenverbrennungen der frühen Neuzeit: Da wurde den Delinquenten schließlich auch vorgeworfen, den Teufel beschworen, vielleicht sogar sexuellen Kontakt mit ihm gehabt zu haben. Im 19. Jahrhundert setzte außerdem ein Franzose namens Léo Taxil das Gerücht in die Welt, dass die Freimaurer in Wirklichkeit Satanisten seien, deren oberster Chef in Kontakt mit Satan persönlich stünde, und dass sie in ihren Logentempeln sexualmagische Orgien und Schwarze Messen feierten. In Wirklichkeit wollte Taxil nur finanziellen Nutzen aus dem Misstrauen der katholischen Kirche gegenüber den Freimaurern ziehen, nachdem der Bund ihn ausgeschlossen hatte. Der Schwindel wurde 1896 aufgedeckt, Taxil gab ihn auch selbst zu, aber Mythen sind mitunter zäh - und bis heute gibt es Leute, die an das Märchen eines satanistischen, pädokriminellen Freimaurerordens glauben. Was nicht überrascht, wenn man bedenkt, dass es ebenso immer noch Leute gibt, die an die längst widerlegte Pizzagate-Affäre glauben. Und genauso hartnäckig hält sich bei manchen von ihnen auch die "Satanic Panic" - auch wenn man sich inzwischen vom Begriff "Satanismus" ein wenig distanziert hat. Heute spricht man eher von "Kulten" - die Inhalte sind allerdings identisch. Was sich etwa auch in jener oben erwähnten Dokumentation Wir sind die Nicki(s) zeigt - die letztes Jahr von der eigentlich seriösen ze.tt herausgegeben worden war: Die Protagonistin ist nämlich niemand anders als diejenige, deren Geschichte bereits zwanzig Jahre zuvor in der ARD-Dokumentation Höllenleben erzählt worden war (die ich euch ebenfalls unten verlinkt habe). Ja, auch seriöse Medien sagen nicht immer die Wahrheit - deswegen ist Gegenlesen auch so wichtig. Aber was soll man sagen - die Dokumentation stammt von zwei jungen Journalistinnen, die diese mit Sicherheit nicht in böser Absicht herausgegeben haben. Und was die Protagonistin angeht - ich bin mir sicher, dass sie nicht lügt. Ich bin überzeugt davon, dass sie das, was sie da erzählt, wirklich glaubt. Auch ihrer Therapeutin Michaela Huber, die sich inzwischen schon zu einer Koryphäe in Sachen ritueller Gewalt entwickelt hat, unterstelle ich keine Lügen - ich finde halt, dass sie nicht wirklich professionell arbeitet, und das ist richtig schade, weil ihre sympathische Art für die Patientinnen mit Sicherheit sehr wohltuend ist. Leider habe ich durch einige Quellen erfahren, dass Frau Huber auch mit Kritik sehr unprofessionell umgeht. Ich finde es außerdem ärgerlich, dass diese Doku so schlecht recherchiert ist - es wird hier leider enorm viel ausgeklammert. Aber mal zum Anfang.

Ich habe mir, um für diese beiden Artikel zu recherchieren, einiges durchgelesen und mir auch ein paar sehr spannende Vorträge angehört - entsprechend habe ich auch etliche Links, die ich an euch weitergeben kann (und die ich vorwiegend unten verlinken werde). Am Interessantesten war für mich ein Interview mit einem Kriminalbeamten, der genau erklärt hat, warum solche Geschichten eher unglaubwürdig sind (zu sehen im Video der SkepKon 2018). Ich persönlich habe unterschiedliche Motive, sie nicht zu glauben: Erstens ähnelt mir das Ganze viel zu sehr den alten Geschichten von der sogenannten Ritualmordlegende, nur dass die Juden und Hexen in dem Fall durch die Satanisten ersetzt wurden - in vielen Fällen wird das alles auch einfach in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt -, zweitens ist es vollkommen unrealistisch, dass eine Verschwörung in einem solchen Ausmaß über mehr ein halbes Jahrhundert hinweg geheim bleiben kann und dass alles, was man bis heute hat, die Aussagen angeblich Betroffener ist. Wie bei allen Verschwörungserzählungen gibt es allerdings ein Problem: Es ist schwer, dagegen zu argumentieren, denn erstens sind da eben eine Menge Emotionen im Spiel, zweitens kannst du das Gegenteil nicht beweisen, drittens bist du, wenn du Zweifel hegst, schnell mal der/die/das Böse - oder gar Teil der Verschwörung -, weil du ja schließlich die Aussage der armen Menschen in Zweifel ziehst, die so viel Furchtbares erlebt haben. Aber ich sage mir immer, wenn du nur eine Person zum Nachdenken anregst, hast du mehr erreicht als mit Schweigen.

Die Satanic bzw. Moral Panic, von der ich hier spreche, nahm ihren Anfang im Jahre 1980, als das Buch Michelle Remembers veröffentlicht wurde, der vermeintlich authentische Bericht einer Frau, die angeblich in einer Satanssekte aufgewachsen ist und dort auch Missbrauch erlebt hat. Michelle Smith schrieb das Buch zusammen mit ihrem Therapeuten und späteren Ehemann Lawrence Pazder, einem kanadischen Psychiater, der zuvor Missionar in Afrika gewesen war und dessen Geschichten über die dortigen religiösen Rituale wohl Michelles Phantasie angeregt hatten - jedenfalls fing sie irgendwann an, von satanischen Ritualen aus ihrer Kindheit zu erzählen. Michelle Remembers legte den Grundstein für all das, was später rund um dieses Narrativ aufgebaut werden sollte, und erhob Pazder in den USA und Kanada zum führenden Experten für Satanismus und rituellen Missbrauch - auch wenn schon kurz nach der Publikation erste Zweifel aufkamen, da nichts, was in dem Buch drin stand, bewiesen werden konnte - eher im Gegenteil. Sogar Pazder selbst gab Jahre später zu, dass sich all das möglicherweise nur in Michelles Kopf abgespielt haben könnte.

Zu der Zeit, als Michelle Remembers veröffentlicht wurde, wurden in den USA gerade neue Gesetze verabschiedet, die dazu verpflichteten, den Verdacht auf Missbrauch Schutzbefohlener behördlich zu melden. Tatsächlich wurden in den nächsten Jahren Fälle von angeblichem oder tatsächlichem Kindesmissbrauch immer häufiger mit satanischen Ritualen in Verbindung gebracht. Am bekanntesten ist mit Sicherheit der Fall der McMartin-Vorschule in Manhattan Beach, Kalifornien, gegen dessen Leitung von einigen Eltern der Vorwurf von Kindesmissbrauchs in satanischen Ritualen eingebracht wurde. Es war der längste und teuerste Strafprozess in der Geschichte der USA, aber am Ende konnten die Behauptungen widerlegt und die Angeklagten freigesprochen werden. Viele der Befragungen konnten als fehlerhaft und suggestiv entlarvt werden, etwa die Anwendung anatomisch korrekter Puppen, infolge derer bei allen Kindern sexueller Missbrauch diagnostiziert wurde; die widerlegte Behauptung, unter dem Schulgelände habe sich ein Tunnelsystem befunden, durch das die Kinder zu den Ritualorten gebracht worden sein sollen, weckt unangenehme Assoziationen mit QAnon, und das ist auch kein Zufall, denn diese Bewegung griff viele Mythen der damaligen Zeit wieder auf. Während des Prozesses gegen die McMartin-Schule gab es übrigens mehrere kalifornische Kindergärten, die sich ähnliche Vorwürfe gefallen lassen mussten.

1987 erregte ein Fernsehspecial des amerikanischen Journalisten Geraldo Riviera Aufsehen; es handelte von angeblichen Geheimkulten und manifestierte den Mythos eines weltumspannenden, geheimen Netzwerks aus Satanisten, das Jugendliche mittels Rollenspielen wie Dungeon's & Dragons oder auch Heavy-Metal-Musik und dem Fernsehen verführte und in dem Frauen vorsätzlich geschwängert würden, um deren Babys nach der Geburt zu opfern. Einer der Gäste war Lauren Stratford, eine weitere "Überlebende" satanischer Kulte, die ihre Geschichte in dem 1988 veröffentlichten Bestseller Satan's Underground niederschrieb. Stratford hieß eigentlich Laurel Rose Willson und war Musikerin. Schon zuvor war bekannt gewesen, dass sie unter psychischen Problemen litt und dass sie zu falschen Missbrauchsbeschuldigungen neigte. Ende der 1990er Jahre, als der Satanismus-Hype sich bereits wieder gelegt hatte, trat sie noch einmal in die Öffentlichkeit - diesmal nannte sie sich Laura Grabowski und behauptete, eine Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zu sein. Ihr könnt euch also schon denken, wie glaubwürdig diese Dame tatsächlich ist.

Die erstarkende Macht christlicher Fundamentalisten gab dem Verschwörungsmythos ordentlich Auftrieb, die Beteiligung von Psychotherapeuten sorgte für einen professionellen Anstrich. Und so fand die Satanic Panic ihren Weg nach Kanada, Großbritannien, Australien, Neuseeland, die Niederlande und Skandinavien bis in den deutschsprachigen Raum. Im Laufe der 1990er Jahre veränderte sich die öffentliche Wahrnehmung in den USA jedoch - der verlorene McMartin-Prozess warf erste Zweifel auf, und auch in psychologischen Fachkreisen machte sich allmählich Skepsis breit. Eine Vielzahl erfolgreicher Klagen gegen Psychiater tat ihr übriges, und in den frühen 2000ern glaubten nur noch wenige an satanisch-rituellen Missbrauch. All das kehrte erst Ende letzten Jahrzehnts mit der Machtübernahme Donald Trumps und dem Erstarken von QAnon wieder zurück - auch wenn nicht mehr explizit über Satanismus gesprochen wird und sich der Fokus von den Kindertagesstätten hin zu demokratischen Politikern und Hollywood-Schauspielern verschoben hat.

Umso unverständlicher, dass im deutschsprachigen Raum bis heute teilweise noch so getan wird, als habe es all die Widerlegungen und Prozesse in den USA nie gegeben - wie eben auch in der von mir schon erwähnten ze:tt-Doku. Bis heute werden Bücher wie Vier Jahre Hölle und zurück, das übrigens sogar auf Wikipedia als unglaubwürdig enttarnt wird, als Tatsachenberichte angesehen, und der aufsehenerregende Dokumentarfilm Höllenleben von 2001, der übrigens dieselbe Protagonistin hat wie die ze.tt-Dokumentation, wird immer noch gerne als seriöse Quelle herangezogen. Aber was behaupten die Opfer eigentlich und warum wird das angezweifelt?

Nun - fast alle Personen, die sich für Opfer rituellen Missbrauchs handeln, sind Frauen; sie behaupten häufig, in einer satanischen Sekte aufgewachsen zu sein, Familienmitglieder und Freunde der Familie seien Teil dieses Kults. Dieser soll an besonderen Orten zu satanischen Festtagen magische Rituale durchführen, angeführt von einem Satanspriester in einem schwarzen Kapuzengewand. Die Opfer würden dabei gezwungen, sexuelle Handlungen zu vollziehen, der Verstümmelung von Tieren beizuwohnen oder dieses selbst auszuführen, menschliches Fleisch zu essen oder menschliches Blut, Extremente oder Sperma zu trinken. Ganz allgemein ist oft davon die Rede, dass bei diesen Ritualen Tiere oder sogar Menschen geopfert würden; manche behaupten sogar, absichtlich geschwängert worden zu sein, damit das daraus entstandene Baby gleich nach der Geburt geopfert werden könnte. Die Sekten seien hierarchisch organisiert; auf höchster Ebene befänden sich häufig hochrangige Mitglieder der Gesellschaft, etwa hohe Polizeibeamte, Staatsanwälte, Ärzte oder Industrielle. Deswegen wird auch so oft auf die Frage, warum denn bisher noch niemand einen solchen Kult aufgedeckt hat, damit argumentiert, dass all jene Institutionen, die dies könnten, von Satanisten unterwandert seien - häufig werden auch all diejenigen, die den Wahrheitsgehalt dieser Geschichten anzweifeln, sofort der Mittäterschaft verdächtigt.

Doch das Problem liegt hier nicht nur in der angeblich so breit gestreuten Mittäterschaft, sondern auch in der Zuschreibung übermenschlicher Fähigkeiten sowohl an die Täter als auch an die Opfer. Ein Begriff, der hier eine wesentliche Rolle spielt, ist, dass diejenigen, die sich für Opfer satanisch-rituellen Missbrauchs halten, sich als "multiple Persönlichkeiten" bezeichnen - sie behaupten, viele Persönlichkeiten in sich vereinen, die häufig völlig konträr zueinander stehen sollen. Nun muss man dazu sagen, dass es das Krankheitsbild Dissoziative Identitätsstörung (DIS) tatsächlich gibt - hierbei übernehmen unterschiedliche Identitätszustände abwechselnd die Kontrolle über das Denken, Fühlen und Handeln des Patienten, der nicht in der Lage ist, all diese Zustände in seine Gesamtpersönlichkeit zu integrieren. Tatsächlich wird auch vermutet, dass diese Störung auf extreme traumatische Erlebnisse in der frühen Kindheit zurückzuführen ist - insgesamt ist diese Erkrankung wohl eher selten. Manche Experten behaupten sogar, sie entstehe erst innerhalb einer Therapie - näheres findet ihr in den unten angeführten Links der Sekteninfo NRW. Therapeuten, die auf angeblichen rituellen Missbrauch spezialisiert sind, behaupten häufig, Multiple könnten mit ihren Energien elektronische Geräte beeinflussen, was so weit gehen kann, dass jede Fehlfunktion eines solchen Geräts auf die Fähigkeiten dieser zurückgeführt wird. Die "Innenpersonen" sollen neben unterschiedlichen Talenten, Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen oft auch unterschiedliche Augenfarben, Sehstärken und Schuhgrößen besitzen; man behauptet, dass einzelne "Innenpersonen" Erkrankungen wie Krebs oder Asthma hätten, die bei anderen nicht aufträten; dass Verletzungen verschwänden, wenn die verletzte Person nach "innen" gehe; das Drogen und Medikamente nur bei einer "Innenperson" wirkten, bei den anderen aber nicht. Dies ist schon deshalb eher unglaubwürdig, weil sich diese "Innenpersonen" ja immer noch denselben Körper teilen - trotzdem gibt es nicht nur Patienten, sondern auch Therapeuten, die diese Behauptungen aufstellen und auch glauben.

Eine weitere Behauptung, die in diesem Zusammenhang sehr beliebt ist, umfasst den Begriff der mind control - angeblich könnten die Täter solche Dissoziationen willkürlich hervorrufen, wodurch es diesen möglich sei, ihr Opfer wie einen Roboter zu "programmieren" und zu "steuern". Dies geschehe durch antrainierte Reize, sogenannte "Trigger", die meist in Codewörtern bestehen, die sofort das gewünschte Verhalten hervorriefen Häufig wird angenommen, dass multiple Patientinnen sich immer noch in der Gewalt ihrer Peiniger befänden, die sie mit Hilfe solcher "Programmierungen" zur weiteren Teilnahme an satanischen Ritualen, zur Prostitution oder sogar zum Mord anstiften würden, möglicherweise auch zum Suizid aus mangelnder Loyalität. Diese Behauptungen haben allerdings einen großen Fehler: Bisher sind all jene, die diese Thesen befürworten, einen wissenschaftlichen Beweis schuldig geblieben, dass es überhaupt möglich ist, einen Menschen oder ein Tier auf diese Art und Weise zu steuern - im Gegenteil weisen die Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften darauf hin, dass ein so hohes Maß an Fremdkontrolle eher nicht möglich ist. Das bekannteste Forschungsprogramm in dieser Richtung ist übrigens MKUltra, ein während des Kalten Krieges von der CIA durchgeführtes Verfahren, in dem Menschen ohne ihr Wissen unter halluzuinogene Drogen gesetzt wurden, um zu testen, ob man an ihnen Bewusstseinskontrolle ausüben könnte - die Ergebnisse waren ernüchternd, viele Probanden bezahlten ihre Teilnahme mit ihrer psychischen und physischen Gesundheit, teilweise sogar mit ihrem Leben. Und denken wir doch mal logisch - wenn es wirklich möglich wäre, eine Person auf solche Art zu kontrollieren, warum ist noch keine Diktatur je darauf gekommen, diese Methode anzuwenden?

Warum aber sind die mutmaßlichen Opfer so überzeugt von ihrer Geschichte? Nun - hier kommt die Forschung zu falschen Erinnerungen ins Spiel, die in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht hat. Diese wird unter jenen, die an rituellen Missbrauch glauben, jedoch diskreditiert - angeblich handle es sich dabei um Vereinigungen von Tätern, denen es lediglich darum gehe, den Opfern ihre Glaubwürdigkeit zu nehmen. Was uns bei Verschwörungsgläubigen so häufig begegnet: Die Welt wird eingeteilt in Freund und Feind, und jeder, der widerspricht, wird sofort der "bösen" Seite zugerechnet. Und dabei sind falsche Erinnerungen bereits ziemlich gut nachgewiesen - das menschliche Gedächtnis ist keine Festplatte, die Erinnerungen speichert und nach Belieben wieder abspielt. Erinnerungen können sehr leicht verfälscht und manipuliert werden - was uns schlüssig erscheint, halten wir für wahr, auch wenn es das nicht ist. Im Zusammenhang mit psychischen Problemen ist der Glaube an verfälschte Erinnerungen zum einen mit dem Wunsch verknüpft, zu verstehen, warum man erkrankt ist, zum anderen mit der Hoffnung, endlich wieder Kontrolle über seine Probleme zu erlangen. Einige Patientinnen haben sich bereits vor Beginn ihrer Therapie über Bücher, Dokumentationen, das Internet oder Selbsthilfegruppen zu dem Thema informiert und sehen dies als schlüssige Erklärung für ihre Beeinträchtigung. Auf diese Weise finden sie möglicherweise auch den passenden Therapeuten, der ihre eigene These stützt und ihre Überzeugungen festigt. Ich möchte außerdem auf einen Artikel der Sekteninfo NRW hinweisen, der von einer Patientin handelt, die von einer Therapeutin in ein solches Narrativ gedrängt wurde - der ist ebenfalls unten verlinkt.

Nun - ich habe ja bereits in meinem Artikel über den Mandela-Effekt auf das Phänomen der falschen Erinnerung hingewiesen. Gerade deswegen möchte ich Betroffenen auch keine Lügen unterstellen - sie empfinden ihre Erinnerungen als real. Fakt ist jedoch, dass anekdotische Evidenz das einzige ist, was von all diesen spektakulären Fällen übrig bleibt. Hinzu kommt noch, dass die Patientinnen natürlich alle nicht gerade mit einem besonders starken Selbstwertgefühl ausgestattet sind - dies kann durch die Exklusivität, "Überlebende" eines Kultes zu sein, zumindest kurzfristig angehoben werden. Zudem kommt, dass zumindest ein großer Teil der Patientinnen wohl wirklich Opfer sexuellen Missbrauchs war, möglicherweise fand dieser in der eigenen Familie statt - es ist aber natürlich einfacher, zu glauben, der Vater sei unter Einfluss eines ominösen Kultes gestanden, immerhin erschüttert so ein Missbrauch ja erheblich das Vertrauensverhältnis. Hinzu kommt, dass Leute, die an diese Dinge glauben, auch gerne emotionalen Druck ausüben - beispielsweise unterstellen sie häufig, dass man Gewalt, Missbrauch oder organisierte Kriminalität leugnet, oder sie deuten die Taten Einzelner wie Fritzl oder Dutroux gerne in rituellen Missbrauch um. Und das ist es, was den Diskurs zerstört und die Sache in eine Richtung lenkt, die unübersehbar schwurbelig ist - weshalb ich auch angefangen habe, daran zu zweifeln.

Nun gut, ich bin froh, dass ich diese Geschichte endlich mal aufgearbeitet habe - es war mir auch eine persönliche Angelegenheit, da ich erstens sowohl von den Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland als auch von der Zeit eigentlich sehr viel halte, und da ich zweitens zu jener Generation gehöre, die in ihrer Jugend vergleichsweise häufig mit Satanic Panic konfrontiert worden ist. Es soll eine kleine Erinnerung daran sein, dass wir niemals aufhören sollten, zu zweifeln und nachzufragen, egal wie seriös uns Quellen auch erscheinen mögen. Und da das Thema jetzt doch ein bisschen schwer verdaulich war, habe ich euch ein Bild aus der Dr.-Sommer-Rubrik der Bravo angefügt, plus einen Link zu einer sehr amüsanten Website. Also bis zum nächsten Mal und bon voyage!

vousvoyez

Mittwoch, 11. August 2021

Die verordnete Ausgangssperre hat auch etwas Gutes: Endlich finden die vor vielen Jahren getrennten Sockenpaare wieder zueinander

© vousvoyez
Ja, ihr habt richtig gesehen: Wir kommen nun zu jenen Weisheiten, die entstanden, als das Coronavirus in unser aller Leben einschlug wie eine Bombe. Und obwohl es noch kaum anderthalb Jahre her ist, fühlt es sich für mich schon so irreal an, als hätte ich es gar nicht selbst erlebt, sondern vor längerer Zeit mal ein Buch gelesen oder einen Film gesehen. Und doch wirkt diese Pandemie bis heute nach, auch wenn die Impfung das Leben für manche von uns doch schon sehr erleichtert hat.

Wer meinen Blog schon länger kennt, weiß natürlich, dass ich die Lockdown-Zeit sehr viel auch zum Schreiben genutzt habe - und dass ich mich auch mit einigen Verschwörungserzählungen befasst habe. Heute möchte ich allerdings noch einmal auf einen Artikel aus Vor-Corona-Zeiten zurückgreifen, da es zu dessen Inhalt sehr viele Anknüpfungspunkte zu Verschwörungsmythen aus jüngster Zeit gibt: Ich möchte noch einmal über Satanismus sprechen bzw. über das, was in Fachkreisen gerne als Satanic Panic bezeichnet wird. Da habe ich nämlich inzwischen so einiges herausgefunden - und zwar tatsächlich so viel, dass ich zwei Teile daraus machen möchte, weil ein einziger beim besten Willen zu lang ist. Im ersten Teil möchte ich ein wenig auf die historischen Hintergründe sowie auf popkulturelle Referenzen eingehen, im zweiten spreche ich dann darüber, was daran wohl eher Verschwörungsmythos ist und vor allem warum.

Bevor ich aber anfange, möchte ich eines noch einmal klarstellen, weil dies ja häufig als Gegenargument herangezogen wird: Ich weiß, dass Kindesmissbrauch existiert, ich kenne selbst Personen, die davon betroffen waren, und es liegt keineswegs in meinem Ermessen, dies klein zu reden; ich weiß auch, dass es organisierte Kriminalität und auch organisierten Kindesmissbrauch gibt; ich will weder die Traumata von Missbrauchsopfern in Frage stellen, noch will ich in irgendeiner Form tatsächlich existierende Missbrauchsfälle in Abrede stellen; ebenso will ich diejenigen, die als Betroffene angeführt werden, keineswegs der Lüge bezichtigen, noch stelle ich in Abrede, dass sie tatsächlich traumatische Erfahrungen hinter sich haben. Dies möchte ich vor allem deswegen erwähnt haben, weil ich weiß, dass gerade das Kinderthema sehr starke Emotionen auslöst - Kinder sind Schutzbefohlene, was bedeutet, dass häufig nur der Verdacht einer potenziellen Gefahr für Kinder dem rationalen Denken abträglich sein kann. Und dass man, wenn man an einer Geschichte zweifelt, bisweilen in den Verdacht gerät, alles anzuzweifeln, was nur irgendwie mit dem Thema zu tun hat - oder gar Teil der Verschwörung zu sein. Ich möchte allerdings noch einmal klarmachen, dass dies absolut nicht hilfreich ist - erfundene Missbrauchsfälle unreflektiert zu glauben und Zweifler zu diskreditieren, hilft tatsächlichen Opfern nicht. Im Gegenteil, es macht sie unglaubwürdig - und überdies läuft man dabei Gefahr, Personen zu Unrecht zu beschuldigen, ganz abgesehen davon, dass man Menschen die therapeutische Hilfe verweigert, die sie eigentlich brauchen. Aber dazu kommen wir noch.

Vor etwas mehr als anderthalb Jahren habe ich über ein Buch geschrieben, das ich vor längerer Zeit einmal gelesen habe und an das ich mich wieder erinnerte, als ich ein Video des YouTube-Kanals SkepticPunk gesehen habe. Ich weiß inzwischen auch, welches Buch es war - gleichzeitig habe ich es aber mit einem weiteren Buch verwechselt, das in denselben Kanon gehört. Das Buch, das ich damals beschrieben habe und das von einer Frau handelt, die seit frühester Kindheit Opfer ritueller Gewalt gewesen sein soll, heißt Vater unser in der Hölle und wurde 2008 veröffentlicht - die Autorin heißt Ulla Fröhling. Was natürlich heißt, dass ich schon älter als fünfzehn oder sechzehn war, als ich es in die Finger bekam - ja, auch als junge Erwachsene war ich nicht immer so abgeklärt und skeptisch, wie ich gerne gewesen wäre. Das Buch, das ich als Jugendliche gelesen und irgendwann einmal ausgemustert habe, heißt Vier Jahre Hölle und zurück; als Autor ist ein gewisser "Lukas" angegeben. Es ist der angeblich authentische Bericht eines Teenagers, der vier Jahre lang in einer mächtigen Satanssekte gewesen sein will. Nun muss man wissen, dass Satanismus in meiner Jugend zu den großen Gefahren gezählt wurde, denen Heranwachsende neben Drogen, AIDS und Rechtsradikalismus ausgesetzt waren. In Deutschland war das Thema anscheinend noch präsenter als hier in Österreich - jedenfalls habe ich erfahren, dass Vier Jahre Hölle und zurück dort häufig im Religionsunterricht besprochen wurde (und teilweise noch wird), als warnendes Beispiel vor verkehrten Kreuzen, Pentagrammen, schwarz gekleideten Leuten und Heavy Metal. In einem weiteren Artikel habe ich ja bereits von jener Dokumentation berichtet, die in unserer Schule sehr beliebt war und in der behauptet wurde, dass Jugendliche, die Metal hören und bestimmte Platten rückwärts spielen, Satanisten werden. Seit mehreren Jahrzehnten wird Satanismus von vielen Leuten als weltumspannender Geheimbund beschrieben, der böse Rituale feiert, in denen unfassbare Grausamkeiten stattfinden - ein Geheimbund, in den unzählige Leute involviert sein sollen, in oberer Instanz sogar Ärzte, Industrielle, Staatsanwälte, Polizeibeamte in hohen Positionen und so weiter. So viele, dass es bis heute unmöglich sei, stichhaltige Beweise für die Existenz dieser Geheimbünde ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Und so bleibt als einziger Beweis das Wort der vermeintlichen Opfer. Na, klingelt's schon bei euch? Nun gut, aber was hat es damit eigentlich auf sich?

Erst mal ist es wichtig, festzuhalten, dass "Satanismus" kein homogenes Konstrukt ist wie etwa Scientology, die Zeugen Jehovas oder die Church of the Lamb of God, um nur ein paar zu nennen. Soll heißen, "den Satanismus" als strukturierte, sektenhafte Organisation gibt es nicht - es gibt vereinzelte, kleinere Gruppierungen, die mal mehr, mal weniger gefährlich sind und die miteinander oft nichts oder nur wenig zu tun haben. Nun wissen wir ja, dass die Figur des Satan keine Erfindung des Christentums ist: Die Dualität von Gut und Böse findet sich auch schon in älteren Religionen - und somit auch die Figur des Teufels als Antagonist. In der englischsprachigen Literatur des 17. Jahrhunderts wiederum, allen voran in John Miltons Dichtung Paradise Lost, tritt Satan als rebellische Figur auf, die dem Menschen das Göttliche in sich selbst bewusst machen soll. Auch in Charles Baudelaires Gedichtband Les Fleurs du Mal, in Marquis de Sades Hauptwerk Les 120 Journées de Sodome ou l'École du Libertinage sowie in Lord Byrons Drama Cain finden sich diese Ideen unter anderem wieder. Im 19. Jahrhundert finden sich hier etwa E. T. A. Hoffmanns phantastischer Roman Die Elixiere des Teufels und Giosuè Carduccis Inno a Satana, während in Hermann Hesses Roman Demian von 1919 von einer Fusion von Gott und Teufel die Rede ist.

Die ersten Ansätze einer satanistischen Vereinigung kann man in den Hellfire Clubs im England des 18. Jahrhunderts verorten, und auch einige okkulte Bewegungen des 19. Jahrhunderts hatten satanistische Tendenzen. Als Begründer des modernen Satanismus gilt der britische Schriftsteller und Okkultist Aleister Crowley, dem es allerdings nicht um die Anbetung eines Satan als Gegenspieler Gottes ging, sondern um die Abkehr von gesellschaftlichen Konventionen und christlichen Werten sowie die Vergöttlichung des Menschen, einschließlich seiner negativen Seiten. Er propagierte die absolute Selbstverwirklichung und die Herrschaft des Starken über den Schwachen, wobei mit Hilfe von okkulten Ritualen die totale Autonomie des Menschen erreicht werden soll. Zu einem eigenständigen antichristlichen Religionssystem wurde Satanismus erst in den 1960er Jahren erhoben, als Anton Szandor LaVey die Church of Satan gründete - nach eigenen Angaben in der Walpurgisnacht des Jahres 1966. Diese Form des Satanismus wird jedoch weniger als tatsächliche Religion denn als Philosophie verstanden - Satan steht hier für die dunklen Aspekte des menschlichen Daseins, allen voran den Sexual- und Selbsterhaltungstrieb. LaVey verfasste mehrere Texte, unter anderem die Satanische Bibel, und führte im Keller seines Stadthauses in San Francisco, gekleidet in ein Faschingskostüm, das mich entfernt an den Kinderfilm So ein Satansbraten erinnert, Schwarze Messen durch, bei denen allerdings keine Babys geopfert oder Menschenfleisch gegessen wurde. Sein Zugang zu dem ganzen Satans-Ding war eher ein rebellisch-parodistischer - es ging ihm um Protest gegen die Verlogenheit von Kirche und Gesellschaft sowie um die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, wie es damals halt so üblich war. Die Anhänger der Church of Satan distanzieren sich übrigens auch heute noch von jeglichen Straftaten - der moderne Satanismus versteht sich eher als atheistische Philosophie, seine Anhänger sind ganz offensichtlich weitaus langweiliger, als die öffentliche Meinung es oft wahrhaben will. Mir ist offen gestanden auch nicht so klar, warum man sich auf einen Satan berufen muss, wenn man sich doch von jeder Gottesvorstellung lossagen will, aber jeder wie er glaubt. Bis heute wird übrigens gerne auf die gruselig aussehenden PR-Fotografien von LaVey zurückgegriffen, wenn irgendwo von Satanismus die Rede ist - oder was man sich halt darunter vorstellt. Auch der in den 1970er Jahren gegründete Order of Nine Angels bezeichnete sich zwar als satanistisch, meinte damit aber ebenfalls keine Verehrung Satans im eigentlichen Sinn - im Gegensatz zu LaVeys Hedonismus liegt ihr Schwerpunkt auf der Entwicklung des Individuums durch gefährliche Situationen, ihr Fokus liegt auf Selbstbeherrschung, Selbstüberwindung und kosmische Weisheit, seine Auslegung ist sozialdarwinistisch. Außerdem bekennen sich seine Anhänger zum Nationalsozialismus, zu ihrer Symbolik gehören die Hakenkreuzflagge, die Anbetung Hitlers und die Leugnung des Holocaust. Aber bei aller Abscheu, die man dieser Gruppierung entgegenbringen kann, beinhalten auch deren Rituale keine Menschenopfer und ähnliche Scherze.

Ganz allgemein war das Satans-Thema in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch immer wieder Teil der Popkultur. Bekannt ist etwa der Rolling-Stones-Song Sympathy for the Devil, der von dem 1966 veröffentlichten Roman Der Meister und Margarita des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow inspiriert ist, welcher sich satirisch gegen die bürokratisch-atheistische Ideologie des sowjetischen Regimes richtete und der den Teufel als Erlöserfigur darstellt. Häufig in diesem Zusammenhang erwähnt wird auch Rosemary's Baby, Roman Polanskis meisterhafte Verfilmung von Ira Levins gleichnamigem Roman aus dem Jahre 1968. Dieser Film handelt von einem jungen Ehepaar mit Kinderwunsch, das in ein Haus in New York zieht, welches bereits seit Generationen einen satanistischen Kult beherbergt, dem auch ihre Nachbarn angehören. Die junge Ehefrau Rosemary ahnt nichts davon, als sie und ihr Mann Guy sich mit den beiden anfreunden - Guy schließt sich dem Kult an und erklärt sich bereit, Rosemary vom Teufel schwängern zu lassen, wenn dafür seine Karriere als Schauspieler endlich in Schwung kommt. Natürlich ist die Satansgeschichte hier nur symbolisch - der Film thematisiert eigentlich den Generationenkonflikt der damaligen Zeit und die Rolle der Frau in dieser Gesellschaft -, aber auch hier ist teilweise schon jene Symbolik vertreten, die heute ins kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Sehr großen Einfluss auf unsere Vorstellungen von Satanskulten hatte auch Richard Donners Film Das Omen von 1976, in dem ein totes Baby gegen den Sohn des Satans ausgetauscht wird, der gezeugt wurde, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Doch auch William Peter Blattys Psychoschocker Der Exorzist von 1973, Brian de Palmas Stephen-King-Verfilmung Carrie von 1976, Neil Jordans Romanverfilmung Interview mit einem Vampir von 1994, Stanley Kubricks letzter Film Eyes Wide Shut von 1999 sowie Die neun Pforten von 1999, ebenfalls von Polanski, werden häufig mit unserer Vorstellung von Satanismus in Verbindung gebracht, auch wenn sie nicht direkt von einem Satanskult handeln.

Das, was als "Satanic Panic" bekannt war, begann um 1980 in den USA und schwappte in den 1990er Jahren in den deutschsprachigen Raum über. Die Rede ist von einem weltumspannenden Satanskult, dessen Mitglieder rituellen Missbrauch an Kindern betreiben würden. Diese Massenhysterie wurde von einer breiten Koalition aus christlichen Fundamentalisten, Feministinnen, Ärzten, Polizisten und Sozialarbeitern getragen und wirkt bis in die heutige Zeit nach, auch wenn sie zumindest in den USA dazwischen an Bedeutung verlor. In meiner Jugend war sie jedoch, wie schon gesagt, im deutschsprachigen Raum äußerst präsent - so sehr, dass sogar eine Bravo-Foto-Love-Story sich mit dieser Thematik befasste. Als Gefahrenquellen galten vor allem Rollenspiele, Heavy Metal und Rückwärtsbotschaften auf Schallplatten, auch wenn diese allmählich von der CD ersetzt wurden. Rückwärtsbotschaften wurden schon in den 1970er Jahren gerne mit dem Satanismus verknüpft - etwa durch Jimmy Page, dem Begründer der Rockband Led Zeppelin, der so fasziniert von Aleister Crowley war, dass er sogar dessen Haus in Schottland bewohnte; Crowley propagierte unter anderem die Notwendigkeit des Rückwärtssprechens, welches in der allgemeinen Vorstellung bis heute als Teil des Satanskultes gesehen wird, und Page setzte ihm in dem Song Stairway To Heaven ein Denkmal, indem er in den Song die Rückwärtsbotschaft "So here's my sweet Satan" integrierte. Auch die Thrash-Metal-Band Slayer wurde von der Allgemeinheit gerne mal mit Satanismus in Verbindung gebracht - um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Rockband Tool nahm die Angst vor satanischen Rückwärtsbotschaften übrigens aufs Korn, indem ihr Song Intension rückwärts gespielt mit tugendhaften Sätzen wie "Hör auf deine Mutter, dein Vater hat recht, arbeite hart, bleib in der Schule" aufwarten konnte. Ich muss allerdings zugeben, dass die meisten dieser "satanischen" Botschaften sich für mich nur mit sehr viel Phantasie erschließen. Ein etwas aktuelleres Beispiel für die Beschäftigung mit der Satanssymbolik ist wohl All the good Girls go to Hell von Billie Eilish aus dem Jahr 2019, ein Song, der einen Dialog zwischen Gott und Teufel thematisiert, die sich über die Sinnhaftigkeit des Erhalts der menschlichen Rasse unterhalten, der schließlich gerade im Begriff ist, seine eigene Lebensgrundlage zu zerstören.

Wie ihr also seht, ist Satanismus weniger ein einzelner Kult als ein Sammelbegriff für verschiedene lose Gruppierungen, die sich mit satanischen Inhalten beschäftigen. Die Gründe, warum ein Mensch Interesse an Satanismus entwickelt, sind ebenso vielfältig - ich habe selbst schon Leute kennen gelernt, die sich gern schwarz kleideten und eine Vorliebe für umgedrehte Kreuze und Totenköpfe entwickelten, die aber eigentlich sehr verträgliche, empathische Menschen waren und niemandem je etwas zuleide getan haben. Gerade auf Jugendliche kann Satanismus anziehend wirken, da es ihnen eine Möglichkeit eröffnet, mit der Angst der Erwachsenen zu spielen - sie lesen LaVeys Satanische Bibel und Crowleys Liber Al vel legis, diskutieren virtuell oder analog mit Gleichgesinnten über deren Inhalte und treffen sich auf Friedhöfen, um "Schwarze Messen" zu improvisieren. Natürlich gibt es da mitunter auch destruktive Tendenzen wie Vandalismus, das Töten von Kleintieren oder selbstverletzendes Verhalten, aber in der Regel bleibt es bei dem Kokettieren mit dunkler Ästhetik, wie es etwa in der Gothic-Kultur praktiziert wird - diese wurde zwar auch häufig mit Satanismus in Zusammenhang gebracht, ihr Erscheinungsbild ist jedoch eher ein Ausdruck von Melancholie und Introvertiertheit. Einzelne Fälle jugendsatanistischen Vandalismus werden jedoch gerne von den Medien hochgepusht, weshalb man satanistische Tendenzen von Jugendlichen meist mit Friedhofsschändungen in Verbindung bringt, auch wenn er häufig eher als Ausdruck von Protest und Selbstfindung verstanden werden kann. Der bekannteste Extremfall ist wohl der Mord an einem fünfzehnjährigen Schüler durch den zwei Jahre älteren Hendrik Möbus, Gründer der Black-Metal-Band Absurd, die satanistische und rechtsextreme Tendenzen aufwies. Es gibt aber auch Erwachsene, die Satanskulten anhängen, die sich hauptsächlich auf die Pervertierung des christlichen Ritus konzentrieren. Am bekanntesten ist wohl die Thelema Society aus Niedersachsen, deren Begründer Michael D. Eschner sich für die Reinkarnation von Aleister Crowley hält, nicht nur wegen der Rituale, die auch Ekeltrainings wie den Verzehr von Exkrementen beinhalten, sondern auch, weil Eschner mehrmals wegen sexueller Nötigung verurteilt wurde. Ein weiterer bekannter Kriminalfall in Verbindung mit Satanismus ist der Mord des Ehepaares Daniel und Manuela Ruda an einem Kollegen mit 66 Messerstichen im nordrhein-westfälischen Witten im Jahr 2001, der die Schwarze Szene eine Zeitlang in Verruf brachte.

Wie ihr also seht, gibt es durchaus Fälle, in denen eine zu starke Hinwendung zu Satan durchaus zu Gewalt oder gar Mord führen kann. Doch all das sind keine Beweise, die eine Massenhysterie wie die "Satanic Panic" rechtfertigen - zumal die Beschuldigten häufig nicht einmal was mit Satanismus am Hut hatten. Deswegen will ich mich in meinem nächsten Artikel etwas konkreter dem Verschwörungsmythos selbst widmen. Ich werde mich bemühen, ihn so schnell wie möglich und trotzdem in aller Sorgfalt fertigzustellen, bis dahin wünsche ich euch eine schöne Zeit und passt auf, dass euch kein Typ im Faschingskostüm über den Weg läuft. Bon voyage!

vousvoyez


Donnerstag, 29. Juli 2021

Warum regt sich die BILD-Zeitung über Nazi-Witze auf, wo sie doch der lebende Nazi-Witz ist?

Ich muss zugeben, dass ich nicht mehr genau weiß, wofür die deutsche Bild-Zeitung damals kritisiert wurde, als ich diesen Kommentar entdeckte. Aber im Grunde genommen passt er zu vielen Artikeln dieser Ausgeburt des Sensationsjournalismus, die nur auf Klicks und Profit aus ist und überhaupt kein Gefühl für Verantwortung hat. Aber die Springer-Presse ist ohnehin das deutsche Pendant zur Kronen-Zeitung und den Fellner-Medien hier in Österreich - und beide gehen mir gleichermaßen auf die Nerven. Und da es natürlich noch weitaus mehr gibt, was mir auf die Nerven geht, habe ich beschlossen, heute mal meine Eierer-Liste wiederzubeleben. Denn die letzte habe ich Mitte März geschrieben, und jetzt haben wir immerhin schon fast August - das darf ja nicht sein! Und weil ich natürlich ein Herz aus Goldfischen habe und deswegen so lieb zu euch bin, dass euch am Ende dieses Satzes wahrscheinlich schlecht sein wird, widme ich den schlimmsten aller Eierer diesmal nur einen einzigen Absatz und gehe dann gleich auf etwas allgemeinere Themen über. Wir wollen's ja nicht übertreiben, nicht wahr? Also los.

Top-Eierer Numero 30: "Querdenker" in überfluteten Gebieten

Ich habe ja vor nicht allzu langer Zeit die Hoffnung geäußert, dass Leerdenker und Konsorten jetzt, wo das öffentliche Leben allmählich wieder stattfindet, endlich nicht mehr so viel Aufmerksamkeit generieren. Teilweise hat es ja tatsächlich so ausgesehen - mittlerweile ist ja bekanntlich nur noch der harte Kern übriggeblieben. Das Problem ist allerdings, dass der es in sich hat - die Befürchtung hatte ich ja ebenfalls, aber ich hatte nicht vermutet, dass es so schnell einen Anlass für sie geben wird, um Morgenluft zu wittern. Denn bekanntlich wurden Teile meines Nachbarlandes vor wenigen Tagen von einer verheerenden Hochwasserkatastrophe heimgesucht - und ich muss sagen, ich finde es wirklich bewundernswert, zu sehen, wie hoch die Hilfsbereitschaft innerhalb des Landes ist und wie gut organisiert die Einsatzkräfte hier anpacken. Entsprechend hat es mich am meisten schockiert, wie beschissen sich diejenigen, die angeblich für "unsere Freiheit" kämpfen, aktuell aufführen. Da verbreiten ein Michael Wendler und ein Attila Hildmann ihre Schwurbelgeschichten über eine vom Staat inszenierte Flutkatastrophe; da wird mit gefälschten Einsatzfahrzeugen durch die Katastrophengebiete gefahren und per Lautsprecher völlig grundlos herumgelogen, dass Polizei- und Rettungskräfte vorhätten, die Leute dort im Stich zu lassen; da werden via Social Media Einsatzkräfte verspottet, verhöhnt und sogar bedroht, ganz zu schweigen davon, dass diese Leute, die noch nie in ihrem Leben bei irgendwelchen Hilfseinsätzen dabei waren, erfahreneren Personen permanent erklären wollen, wie sie ihren Job zu machen hätten; die Polizei, die eigentlich damit beschäftigt ist, die verschiedenen Einsätze zu koordinieren, muss sich auch noch auf Social Media rechtfertigen und den Leuten versichern, dass sie keineswegs vorhätten, Betroffenen die benötigte Hilfe vorzuenthalten; da werden Zufahrtswege zu den Katastrophengebieten von sensationsgeilen Gaffern und selbsternannten "Rebellen" blockiert, da werden ehrenamtliche Hilfskräfte bedrängt, belästigt, beschimpft und sogar mit Müll beworfen; da werden Häuser in den überfluteten Gebieten besetzt, etwa eine zerstörte Grundschule, die als "Querdenker"-Leitstelle aufgebaut werden sollte, um von dort aus eigene Aktionen zu koordinieren und nebenbei noch Kindern und Jugendlichen die eigene Ideologie einzutrichtern (zum Glück konnten Polizei und Jugendamt diese Aktion stoppen); da lässt sich ein Bodo Schiffmann wieder mal Geld "schenken" mit der Behauptung, jeder einzelne Cent komme den Flutopfern zugute, nur um daran Bedingungen wie das Ende der Sanktionen für Impf- und Maskengegner und freie Hand für Rechtsradikale zu knüpfen. Liebe Top-Eierer Numero 30: Manchmal frage ich mich ernsthaft, was eigentlich in euren Köpfen vorgeht. Könnt ihr nicht einmal in eurem Leben einfach nur Gutes tun, ohne dabei nur an euch selbst zu denken und daran, auf Biegen und Brechen eure Agenda durchzudrücken?

Top-Eierer Numero 31: Leute, die sich permanent wie die Wildsäue aufführen

Dass Leute auf Social Media mitunter ihre gute Kinderstube zu vergessen scheinen, wissen wir ja bereits. Seit einiger Zeit habe ich jedoch auch den Eindruck, dass Menschen auch in der realen Welt nicht sehr viel von Manieren zu halten scheinen. Sie geben zwar weniger Hasskommentare von sich, aber wenn ich mir ansehe, was sonst so immer mehr Akzeptanz zu finden scheint, überlege ich häufig, ob es heutzutage denn wirklich so out ist, ein gewisses Maß an ordentlicher Kinderstube an den Tag zu legen. Klar - wenn man jung ist, fällt einem das noch nicht so auf. Da hält man sich meist noch für den Nabel der Welt und glaubt, alles besser zu wissen - wobei ich sagen muss, zumindest bei der jüngeren Generation scheint schlechtes Benehmen so allmählich aus der Mode zu kommen. Zumindest kommen mir die meisten, denen ich begegne, weitaus erträglicher vor als Ältere - auch wenn es natürlich auch andere gibt. Vielleicht liegt es ja daran, dass vor allem meine Generation und die davor bisweilen mit Stolz eine recht beachtliche Wohlstandsverwahrlosung zutage trägt - immerhin haben wir lange genug von den Auswüchsen der Spaßgesellschaft profitiert. Möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass wir, wie schon häufiger angemerkt, unser Privatleben ständig öffentlich zur Schau stellen - und deswegen so tun, als wäre die gesamte Welt unser eigenes Wohnzimmer. Es könnte auch nur meine persönliche Empfindung sein, da ich Außenreize krankheitsbedingt intensiver wahrnehme als die meisten anderen Menschen. Auch da bringt die Maskenpflicht Vorteile - man sieht zumindest in den Öffis keine Nasenbohrer mehr, und keine Leute, die sich beim Gähnen nicht die Hand vor den Mund halten können. Ein Trend, der mich jedoch aktuell innerlich häufig auf die Palme bringt, ist der, dass anscheinend überall gegessen werden muss. Ich erlebe das vor allem häufig, wenn ich von der Arbeit nach Hause fahre - Leute, die auf dem Sitzplatz ihr Kebab auspacken oder sich gummiartige Pommes unter die Maske schieben. Leute, die geräuschvoll den letzten Rest ihres Softdrinks durch den Pappstrohhalm saugen und zufrieden schmatzend ihren Burger kauen. Kleinkinder, die zerkaute Chicken McNuggets auf ihr T-Shirt spucken und mit ihren soßebeschmierten Fingern alles in ihrer Umgebung antatschen. Busse, in denen es wie bei McDonald's riecht - oder wie in der Dönerbude. Sitzplätze, von denen man erst mal die zerknüllten Verpackungsreste der Mahlzeit des Vorgängers räumen muss, nur um dann festzustellen, dass sich die restliche Burgersauce und das nicht ausgetrunkene Fanta über die ohnehin schon versifften Polster verteilt haben. Und ich denke sehnsüchtig an meine Kindheit zurück, als man in Bussen und Straßenbahnen noch nicht mal ein Eis essen durfte! Und frage mich, ob ich spießig geworden bin, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich meinen Kopf angewidert zur Seite drehe, weil der Typ an dem Tisch gegenüber nicht einmal imstande ist, ein Stück Kuchen zu verzehren, ohne mir dabei einen herrlichen Ausblick auf seine den süßen Teig zermahlenden Mundwerkzeuge zu geben. Na gut, dann bin ich eben spießig, denke ich trotzig, nachdem ich an einer engen Wegstelle andere Leute vorbeigelassen habe und wieder mal feststellen musste, dass diese sich nicht mal ein "Danke" abringen können. "Früher war alles besser", heult ein kleiner, trotziger Kobold in mir, während ein junger Mann in Jogginghosen und weißen Turnschuhen die Straßenbahn betritt, während er das auf laut gestellte Smartphone wie ein Butterbrot schräg vor seinen Mund hält und uns alle an seinem ungeheuer spannenden Gespräch teilhaben lässt. "Da hat man wenigstens nur EINEN Teil des Gesprächs mithören können!" Wenn solche Leute doch wenigstens einen besseren Musikgeschmack hätten, denke ich bei mir, während ich mich an der abendlichen Straßenbahnhaltestelle innerlich vor Schmerzen krümme, weil die beiden kaum Zwanzigjährigen neben mir meinen, sie müssten die ganze Umgebung mit ihrem in Autotune erstickenden Deutschrap voller Reimkatastrophen zwangsbeschallen. Liebe Top-Eierer Numero 31: Könntet ihr bitte, bitte auch einmal in Erwägung ziehen, dass ihr nicht allein auf der Welt seid?

Top-Eierer Numero 32: "... als ich in deinem Alter war ..."

Ich bin ja mittlerweile schon in einem Alter, in dem es niemanden mehr wundert, wenn ich mich nach meinem jüngeren, unbeschwerteren Ich zurücksehne. Dennoch kann ich nicht oft genug betonen, dass es auch Vorteile bringt, wenn man so langsam, aber sicher auf die Vierzig zugeht. Zum Beispiel gibt es weniger Menschen, die mir permanent vorhalten, was ich noch nicht kann, obwohl ich alt genug dafür wäre, und dass sie oder andere das in meinem Alter - oder sogar jünger! - schon viel besser gekonnt hätten bzw. können. Ich weiß nicht, woher die Überzeugung kommt, dass man ab einem gewissen Alter dieses und jenes automatisch zu können oder zu sein hat. Einerseits wird ständig darauf herumgeritten, dass jeder einzigartig sei, andererseits bekommt Mutti die Krise, wenn ihr hochbegabtes Indigo-Regenbogen-Wunderkind irgendwas noch nicht ganz so gut kann wie die meisten seiner Altersgenossen, und übersieht dabei möglicherweise Dinge, die es den anderen vielleicht schon voraus hat. Und das weiß ich, weil von mir mitunter Sachen erwartet wurden, die mir nie jemand erklärt hat - einfach nur, weil ich in einem Alter war, in dem man das nach allgemeiner Erwartung zu können hatte. Ich denke mir das auch in der aktuellen Bildungssituation: Menschen werden heutzutage älter als je zuvor - warum also müssen Kinder und Jugendliche auf Biegen und Brechen möglichst schnell durch die Schullaufbahn gehetzt werden, anstatt dass man ihnen möglicherweise noch ein Jahr mehr Zeit gibt, um das Versäumte aufzuholen? Denn ob ihr es glaubt oder nicht: Ich habe das Gymnasium zwar in Mindestzeit abgeschlossen, aber danach fragt einen kein Mensch mehr, nachdem man die Matura erfolgreich absolviert hat. Ich kenne so viele, die sogar zweimal sitzengeblieben sind und trotzdem in ihrem Beruf glänzen. Im Prinzip fängt es schon an, sobald der Sprössling auf der Welt ist: Eltern können sich stundenlang darin übertrumpfen, zu berichten, was ihr kleines Wunder schon kann, während sie andere abkanzeln, weil deren Nachkomme möglicherweise noch nicht ganz so weit ist. Im schlimmsten Fall erwarten sie von ihren Kindern dann Fähigkeiten, die sie in ihrem Alter noch gar nicht haben können, um mit den anderen stolzen Muttis auch ja mithalten zu können. Sobald man dann älter geworden ist, erklären einem dann Erwachsene, wie unzulänglich man doch ist: "Als ich in deinem Alter war, bin ich barfuß durch den Schnee in die Schule gegangen!" - "Der Max ist zwei Jahre jünger als du und kann schon ohne Stützräder Fahrrad fahren!" - "Die Veronika musste in deinem Alter nicht mehr dazu aufgefordert werden, ihre Schuhe wegzuräumen!" Andererseits kommt dann aber immer, wenn man jammert "Die anderen dürfen aber auch ...", der allseits bekannte Satz: "Du bist aber nicht die anderen!" Dieses Paradoxon begegnet einem, sobald man erwachsen ist, vornehmlich in der Berufswelt: Man hat gerade eine Ausbildung abgeschlossen und brennt auf einen Job - nur um dann zu erfahren, dass man mit seinen zweiundzwanzig Lenzen bereits drei Abschlüsse, zehn Jahre Berufserfahrung und fünf Auslandsaufenthalte absolviert haben sollte. Und währenddessen schreibt die Kronen Zeitung, dass die faule Jugend von heute nicht mehr arbeiten will. Liebe Top-Eierer Numero 32: Wart ihr in eurer Jugend wirklich schon perfekt, oder sind euch nur die Argumente ausgegangen?

Top-Eierer Numero 33: Klo-Rowdys

Letzte Woche habe ich mit einer Freundin ein Café besucht, dessen Toilette eine höchst interessante Waschgelegenheit hatte: Ein rundes schwarzes Becken, über dem mehrere Düsen, ähnlich einer Dusche, angebracht waren. Zwei ältere Damen, die zur gleichen Zeit wie ich ein dringendes Bedürfnis verspürt hatten, zeigten mir, welchen Knopf ich betätigen musste, damit Wasser in das Becken lief und ich mir die Hände waschen konnte. Als ich fertig war, fotografierten sie sich gegenseitig begeistert beim Händewaschen. Vor vielen Jahren, ich war etwa sechzehn oder siebzehn, erzählte mir eine andere Freundin in der Schlange vor einer Café-Toilette, dass sie jene Plexiglas-Klobrillen fürchte, in die Stacheldraht eingelassen war. Ich hatte einmal so eine in einem Landgasthaus gesehen und mich fürchterlich erschrocken; in einem In-Lokal in Graz gab es ebenfalls eine Plexiglas-Klobrille, in der jedoch kein Stacheldraht, sondern kleine Rosen eingelassen waren. Und als ich mit meinen Eltern kurz nach der Jahrtausendwende nach Bregenz fuhr und wir dort das Kunsthaus besichtigten, war meine Mutter ganz begeistert von den Sanitärräumen - dass diese ebenfalls ein spezielles Design haben, war damals neu. Ja, Toiletten - jene höchst privaten Räumlichkeiten, die in der Regel eher stiefmütterlich behandelt werden! Jeder braucht sie, aber keiner schenkt ihnen besonders viel Beachtung. Und mitunter ist auch Achtsamkeit ein Fremdwort für jene, die sie benutzen. Denn wer kennt es nicht: Man verspürt ein dringendes Bedürfnis, und da es sich besonders für eine Frau nicht schickt, sich unter freiem Himmel zu entleeren, sucht man die nächste öffentliche Toilette auf. Ich habe es übrigens als Kind als die größte Ungerechtigkeit empfunden, dass man sich als Mädchen beim Pinkeln immer halb ausziehen und unbequem hocken muss, während Jungs ganz bequem ihre Hose aufmachen und alles im Stehen erledigen können, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls kann ich eines verraten: Klo-Rowdys sind offenbar gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt. Zumindest, soweit ich das beurteilen kann, da ich naturgemäß nur selten auf Herrentoiletten gehe. Dies bemerkt man vor allem auf öffentlichen Bedürfnisanstalten. Denn obwohl sie zumindest hier in Europa ebenso ein gängiges "Accessoire" ist wie Zahnpasta oder Serviette, scheinen viel zu viele Leute noch nie etwas von einer Klobürste gehört zu haben. Jedenfalls drängt sich mir dieser Gedanke häufig auf, wenn ich bemerke, wie manche Toilettenschüsseln aussehen. Klar - wenn ich erkenne, dass eine Kloschüssel so aussieht, und ich die Möglichkeit habe, die Kabine zu wechseln, dann mache ich das auch. Und da ist es mir auch egal, wenn Leute mich komisch ansehen - ich entferne meine Hinterlassenschaften sowohl auf der eigenen als auch auf fremden Toiletten, also kann ich das durchaus auch von anderen erwarten. Ich habe keinerlei Interesse an der Verdauung unbekannter Personen und will auch nicht, dass Fremde über meine Bescheid wissen. Und wenn wir schon dabei sind: Um sich den Hintern abzuputzen, braucht man keine dreißig Meter Klopapier, Binden und Tampons gehören in den Abfalleimer und nicht daneben, ebenso wie Spritzen in die dafür vorgesehenen Boxen gehören und nicht auf den Boden, da sich Menschen im blödesten Fall dran verletzen können. Liebe Top-Eierer Numero 33: Bitte versucht wenigstens, euch wie zivilisierte Menschen aufzuführen!

So meine Lieben, jetzt habe ich mich endlich wieder mal über die unangenehmsten Zeitgenossen ausgelassen - das tat richtig gut! Jetzt kann ich froh-vergnügt ins Wochenende starten, und ihr habt einen neuen Artikel, an dem ihr euch ergötzen könnt. Ich wünsche euch alles Gute und dass wir uns das nächste Mal wieder lesen! Bon voyage!

vousvoyez

Freitag, 23. Juli 2021

Manche Leute suchen ihre innere Mitte, ich habe meine äußere noch nie gesehen

https://unsplash.com/@thomascpark
Was natürlich maßlos übertrieben ist - zumindest kann man meine äußere Mitte noch erahnen, wenn man ganz genau hinschaut. Was meine innere betrifft, nun, so habe ich mir die Frage ehrlich gesagt noch nie so genau gestellt. Und zwar deshalb, weil ich bei den meisten Leuten, die von ihrer inneren Mitte reden, permanent die Krise kriege. Genauso, wie ich mitunter bei jenen die Krise kriege, die fest davon überzeugt sind, dass sie nach ein paar Tagen an der Universität zu Youtubingen alles durchschaut haben, obwohl sie sich bisher null für das interessiert haben, was in der Welt so vor sich geht - und dich wie einen Idioten behandeln, weil sie sich auf einmal für die großen Denker halten, obwohl sie in Wirklichkeit von nichts eine Ahnung haben.

Aber gerade deswegen möchte ich eines klarstellen: Niemand ist vollkommen - ich genauso wenig wie ihr alle, egal ob Schwurbler oder Schlafschaf. In meinem Leben gab es schon sehr viele Irrtümer - genauso wie in meinem Dasein als Bloggerin. Auch wenn ich mir meine alten Beiträge ansehe, kann ich eine Menge Irrtümer feststellen. Ich lasse sie trotzdem stehen und greife nur korrigierend ein, wenn ich das Gefühl habe, dass sonst Missverständnisse entstehen könnten - und zwar deshalb, weil sie zu meinem Werdegang einfach dazugehören. Und weil ich nicht so tun will, als hätte ich immer alles absolut richtig gemacht. Egal, ob in diesem Blog oder im Leben da draußen.

Einer meiner Irrtümer war beispielsweise meine ursprüngliche Einschätzung zur Corona-Pandemie - auch wenn ich sagen muss, dass ich da nicht die einzige bin. Ich war überzeugt davon, dieser Kelch würde genauso an uns vorübergehen wie das erste SARS-Virus von 2003, die Vogelgrippe, die Schweinegrippe, das Ebola-Virus und so einiges andere auch. Noch als mich eine Freundin warnte, die wissenschaftlich weitaus besser bewandert ist als ich, glaubte ich an einen Sturm im Wasserglas. Dies änderte sich erst so richtig, als das öffentliche Leben mit einem Mal in den Lockdown ging - und die Berichte über die vielen Toten in Italien auf uns einstürmten. Lustigerweise war das auch ungefähr der Zeitpunkt, an dem viele, die vorher panisch vor dem Virus gewarnt hatten, auf einmal anfingen, von der "Coronalüge" zu sprechen.

Ein weiterer Irrtum, den ich vor einem Jahr schon in diesem Blog thematisiert habe, war meine Annahme über Britney Spears. Ich hatte ja von ihren Followern auf Instagram berichtet, die sich um sie sorgten, und über die #FreeBritney-Bewegung. Viele Posts und Aussagen, die mit dieser Bewegung in Zusammenhang standen, klangen so abstrus, dass ich sie anfangs für so eine Art Verschwörungstheorie hielt. Diese Ansicht muss ich revidieren - anscheinend steckt da doch weitaus mehr dahinter, als ich damals vermutete. Ja, ich habe mich tatsächlich mal geirrt - ihr könnt jetzt eure Sektflaschen herausholen und auf euer gefallenes Schlafschaf anstoßen. Aber schauen wir uns das Ganze einmal genauer an.

Wie ihr wisst, war ich nie ein großer Fan von Britney Spears' Musik - aber ich verstehe, dass sie die Diskrepanz zwischen der Kindlichkeit und der erwachenden Sexualität eines weiblichen Teenagers verkörperte und sich deshalb viele junge Mädchen von ihr angesprochen fühlten. Und was ich mittlerweile gehört habe, lässt mich in meinem Innersten erschaudern, und ich hoffe, dass sie da ohne allzu großen Schaden wieder herauskommt. Ich wusste, dass sie 2008 entmündigt worden war - aber ich wusste nicht, in welch haarsträubendem Ausmaß ihre Rechte eingeschränkt sind. Und ich muss auch sagen, ich habe ihren Instagram-Account auch nie so ausdauernd verfolgt wie manch andere. Dass es ihr in manchen Videos nicht gut ging, war offensichtlich, aber das muss ja nicht zwangsläufig heißen, dass es per se an der Vormundschaft liegt - eine psychische Erkrankung kann auch so schon sehr kräftezehrend sein. Nach meinem Artikel vom letzten Jahr regte mich ein Facebook-Freund allerdings dazu an, mich mit den Ungereimtheiten ihres Falles zu befassen - das habe ich von Zeit zu Zeit auch gemacht, und tatsächlich fielen mir ein paar Sachen auf, die ich seltsam fand. Vor ein paar Wochen hatte sie dann endlich die Möglichkeit, sich selbst vor Gericht zu äußern - diese Online-Anhörung wurde geleakt, so dass ich via YouTube darauf gestoßen bin und selbstverständlich auch die Links im Anhang posten werde. Auch wenn ihr ab und zu die Stimme versagt und sie an manchen Stellen zu schnell spricht, so wirkt sie doch sehr klar und reflektiert, und ich muss zugeben, sie klingt für mich überhaupt nicht so, als wäre sie nicht Herr ihrer Sinne und als hätte sie sich das alles nur ausgedacht. Wäre das nicht so, würde ich diesen Artikel nicht schreiben - aber stattdessen habe ich mir auf Amazon Prime die Dokumentation der New York Times mit dem Titel Framing Britney Spears angesehen und mich auch ansonsten ein bisschen schlau gemacht, um etwas mehr über diese Sache im Bilde zu sein.

Um ehrlich zu sein, war die Geschichte von Anfang an seltsam - so scheint ihre Entmündigung bereits vorbereitet worden zu sein, ehe sie in der Psychiatrie in Gewahrsam genommen wurde. Es wirkt so, als hätte man sie aus dem Weg haben wollen, um die Vormundschaft einleiten zu können, ohne dass sie die Möglichkeit hatte, dagegen Einspruch zu erheben - diesen Verdacht legt auch der Umstand nahe, dass sie mit einem Riesenkonvoi ins Krankenhaus überführt wurde. Noch alarmierender wird die Sache, wenn man sich ansieht, welche Rolle ihre Managerin Lou M. Taylor in der Geschichte spielt - denn ganz offensichtlich hatte diese auch versucht, andere ihrer Klientinnen, nämlich Lindsay Lohan und Courtney Love, entmündigen zu lassen, was jedoch in beiden Fällen nicht gelang. In James Spears, Britneys Vater, scheint sie den geeigneten Verbündeten gefunden zu haben. Britney wuchs in eher bescheidenen Verhältnissen auf und verdiente ganz offensichtlich seit ihrem zwölften Lebensjahr den Unterhalt für ihre gesamte Familie - ihr Vater hatte Alkoholprobleme und war beruflich eher erfolglos. Britneys Geschichte ist nebenbei bemerkt auch ein exemplarisches Beispiel für den Sexismus, der in der Musikbranche schon lange zum guten Ton gehört: Nachdem sie, noch nicht volljährig, in eine sexy Schulmädchen-Uniform gesteckt wurde, haben sich alle über ihren aufreizenden Look aufgeregt; dann stürzte sich der Boulevard nach der Trennung von Justin Timberlake auf sie und stellte sie als Flittchen hin, obwohl jeder vernünftige Mensch weiß, dass selten nur einer schuld an einem Beziehungsende ist; ihr Zusammenbruch fand buchstäblich vor laufenden Kameras statt, und bis heute wird sie von ihrem Vater ausgebeutet und muss dafür kämpfen, ein selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen. Wobei das Beispiel Lou Taylor natürlich zeigt, dass man sich auch auf seine Geschlechtsgenossinnen nicht immer verlassen kann. Wie sonst ist zu erklären, dass gerade Frauen die hochgradig sexistischen Texte von Deutschrappern so vehement verteidigen? Auch Britneys Mutter Lynne bestätigte im Herbst letzten Jahres, dass die Beziehung zwischen ihrer Tochter und ihrem Ex-Ehemann "toxisch" sei und berichtete, dass er Britney in einem Gespräch mit ihr mit einem Rennpferd verglichen hätte. Das passt natürlich nicht zu dem Bild, das Jamie Spears selbst vermitteln will - nämlich, dass er nur das Wohl seiner Tochter im Sinn hätte. Sie selbst bekannte schon in jungen Jahren, dass die Beziehung ihrer Eltern belastend für sie war - entsprechend war ihr Leben als Popstar und die Anerkennung ihrer Fans auch mit Sicherheit ein Stück weit eine Flucht aus diesem Zustand.

Die Kampagne #FreeBritney startete zu Beginn des Jahres 2019, nachdem Britney Spears eine Reihe von Konzerten in Las Vegas abgesagt hatte, angeblich wegen gesundheitlicher Probleme ihres Vaters, und kurz darauf wieder in psychiatrische Behandlung überstellt wurde. Im Wesentlichen ist #FreeBritney darauf ausgelegt, die Sängerin aus der Vormundschaft zu befreien und durchaus keine schlechte Sache - natürlich ist Britney Spears nur eine Einzelperson, aber ihr Fall könnte durchaus zu einer Reform des Vormundschaftssystems in den USA beitragen, die auch anderen nützen würde. Auch ein Video, in dem Britney erklärte, dass es ihr gut gehe, wo man aber sah, dass das Gegenteil zutreffen musste, konnte die Gemüter nicht beruhigen. Zwei Jahre später, genauer vor ein paar Wochen, hat Britney selbst sich dann bei ihren Fans dafür entschuldigt, dass sie die ganze Zeit über so getan hätte, als sei alles in Ordnung. Viele Leute, die Black Mirror gesehen haben, behaupten außerdem, dass eine Folge ihre Geschichte erzählt - ob das stimmt, kann ich allerdings nicht beurteilen. Ich denke, ich muss mir die Serie wirklich bald mal zu Gemüte führen. Fest steht allerdings, dass auch die Vormundschaft, unter der sie steht, gar nicht angemessen ist - ein so hohes Maß an äußerer Kontrolle kann eigentlich nur für Wachkomapatienten oder für Menschen mit einer schweren geistigen Behinderung erwirkt werden. Jamie Spears behauptete der Presse gegenüber mehrfach, dass seine Tochter an Demenz leide, konnte aber keinerlei Beweise dafür vorlegen - und abgesehen davon, dass eine Person in den Zwanzigern nur selten an Demenz erkrankt, hätte sie mit dieser Krankheit ja auch niemals weiter ihren nach wie vor körperlich ungeheuer anspruchsvollen Job machen können. Wenn ich es mir recht überlege, dann spricht ihr enormes Arbeitspensum auch nicht unbedingt für eine psychische Beeinträchtigung, die eine Entmündigung rechtfertigen würde - es war zwar schon zuvor bekannt, dass sie unter einer bipolaren Störung und Angstzuständen leidet, aber das ist kein Grund, ihr das Selbstbestimmungsrecht zu nehmen. Die Einschränkungen, die Britney auferlegt wurden, umfassen nicht nur ihre finanziellen oder rechtlichen Angelegenheiten - ihr kann vorgeschrieben werden, ob sie heiraten und Kinder bekommen darf, wen sie trifft und wo sie hingeht. Die Rapperin Iggy Azalea, die in einer ihrer Shows auftrat, berichtete, dass sie selbst bei den lächerlichsten Dingen noch kontrolliert wurde, etwa, wie viel Limonade sie trinken durfte.

Ihre Sehnsucht nach einem idyllischen Familienleben mit Kindern ist wohl auch ein Indiz dafür, dass sie sich etwas wünscht, was sie selbst nie hatte - nämlich ihrem Nachwuchs die Kindheit zu ermöglichen, die ihr selbst verwehrt worden war. Sie bekannte auch häufig, dass sie für ein Leben als Popstar eigentlich gar nicht bereit gewesen sei - im Lichte dessen finde ich es eigentlich gar nicht mehr so unverständlich, dass sie irgendwann einmal mit einem Regenschirm auf einen Paparazzi losging. Auch dass sie sich die Haare abrasierte, erscheint in diesem Zusammenhang nicht mehr wie ein Akt des Wahnsinns, sondern wie ein Bruch mit ihrem strahlenden Popstar-Image. Selbst einer ihrer Ex-Ehemänner bestätigte, dass ihre Kinder ihr weitaus mehr bedeuten als ihr Leben als Popstar. Dies alles wurde ihr genommen, als Lou Taylor in ihr Leben trat, die im Jahr 2008 von ihren Eltern konsultiert worden war - und da Britneys Familie aus dem Bible Belt stammt, scheint die Religion sie zusammengeführt zu haben. Einer von Taylors Vorgängern ist übrigens Larry Rudolf, der auch Christina Aguilera und Miley Cyrus gemanagt hat - die ebenfalls schon sehr früh mit ihrer Karriere begonnen hatten, und ebenfalls beide bei Disney. Und Larry Rudolf war auch derjenige, der allen drei Sängerinnen in sexy Outfits steckte und ihnen so diesen enormen Erfolg generierte. Britney Spears trennte sich 2005 von Rudolf, dieser tauchte jedoch nach ihrem Zusammenbruch zusammen mit Lou Taylor wieder auf.

Eine weitere ungeklärte Frage ist, wohin eigentlich das Vermögen verschwunden ist, das Britney Spears als einer der größten Popstars aller Zeiten über all die Jahre hinweg erwirtschaftet hat. Aktuell beläuft es sich auf etwa 59 Mio. US-Dollar - also ungefähr so viel, wie sie allein in einem Jahr verdient hat. Im Vorjahr wurde beschlossen, dass ihr Geld in professionelle Hände gelangen sollte - offenbar hatte vor allem Lou Taylor, die mehrere Briefkastenfirmen besaß, einen nicht unerheblichen Teil davon beiseite geschafft. Interessant ist auch, dass all die Prozesse rund um Britneys Vormundschaft mit ihrem eigenen Geld bezahlt wurden - selbst die Anwälte ihres Vaters, der ebenfalls in Verdacht steht, etwas mit dem Verschwinden ihres Vermögens zu tun gehabt zu haben. Umso unglaubwürdiger wirkt da das Statement von Lynn Spears, die Sam Lutfi, der nach Rudolf Britneys Manager war, für den Zusammenbruch ihrer Tochter verantwortlich machte und behauptete, sie hätten die Vormundschaft erwirkt, um ihn daran zu hindern, an ihr Vermögen heranzukommen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass gegen Lutfi eine einstweilige Verfügung besteht, die ihm verbietet, sich in der Nähe der Familie Spears aufzuhalten oder sich auch nur über diesen Fall zu äußern - ein Urteil, das von derselben Richterin vollstreckt wurde, die vor ein paar Tagen entschied, dass Jamie Spears nicht aus der Vormundschaft entfernt werden sollte.

Britney selbst erzählt in ihrem Statement, dass man sie zwang, Lithium zu nehmen, nachdem sie 2018 bei den Proben zu der Show in Las Vegas einen Tanzschritt verweigert hatte, woraufhin Taylor ihrem Therapeuten gegenüber behauptete, sie würde ihre Medikamente nicht nehmen - obwohl sie diese morgens von einer Krankenschwester bekam und sie also nicht bei den Proben einnahm. Die Einnahme des Lithium wurde von sechs Krankenschwestern überwacht. Sie musste sich ständig psychologischen Tests unterziehen und arbeitete zehn Stunden täglich ohne Pause und ohne einen freien Tag. Sie wird von Paparazzi verfolgt, wenn sie zu ihren Therapiestunden geht, obwohl man für so etwas sehr viel Privatsphäre braucht. Außerdem erklärte sie, dass sie gerne heiraten und noch ein Kind bekommen würde, dass man sie aber zwang, sich eine Verhütungsspirale einsetzen zu lassen, und dass es ihr nicht erlaubt ist, sie entfernen zu lassen. Ich finde es bemerkenswert, dass die regulären Medien an diesem Statement kaum Interesse zu haben scheinen - dafür gibt es etliche Blogger, die darüber sprechen. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mich gefreut habe, zu hören, dass sie wieder auftritt - ich dachte wirklich, es gehe aufwärts mit ihr. Ich wusste noch nicht, dass sie in Wirklichkeit nur unter Drohungen und Zwang diese Shows in Las Vegas machte.

Warum ich all das zuerst nicht geglaubt habe? Nun, das ist ganz einfach - ich hatte vor allem das Wort von irgendwelchen Leuten aus dem Internet, und was so auf Social Media erzählt wird, ist meistens mit Vorsicht zu genießen. Zudem muss ich leider sagen, dass viele Leute aus der Instagram- und TikTok-Community sich mit allerlei unwichtigen Kleinigkeiten aufgehalten haben - etwa, indem sie ein call 911 in ihren Wimpern entdecken wollten, anhand eines Videos über ihre Lieblingsfarbe vermuteten, dass sie als Sexsklavin gehalten würde, oder behaupteten, sie sei verschwunden und durch einen Klon ersetzt worden, was sie anhand einer Zahnlücke "beweisen" wollten, die sie in einem Video hatte. All das ergibt nicht nur überhaupt keinen Sinn, es schadet der Sache mehr, als es ihr nützt - denn es drängt die Sache in die Ecke der Verschwörungsmärchen, und überdies gibt es bereits so viele real existierende Dokumente und Aussagen, die erkennen lassen, wie seltsam der Fall schon ist, ohne dass man sich irgendwelche Geschichten zurechtspinnen muss. Anscheinend scheint in ihrem Fall, wohl auch wegen des öffentlichen Drucks, jedoch aktuell einiges weiterzugehen - beispielsweise hat sie inzwischen einen anderen Anwalt, der sie hoffentlich angemessen unterstützt, und darf mittlerweile auch schon wieder selbst Auto fahren. Es scheint, es geht aufwärts - und ich wünsche es ihr von Herzen, weil ich selbst weiß, wie sehr eine kaputte Psyche einen fertigmachen kann. Ich könnte noch sehr viel mehr über ihren Fall schreiben, aber das würde jeden Rahmen sprengen, deswegen habe ich euch unten ein paar Links reingestellt, darunter auch Britneys Statement in voller Länge sowie eine Instagram-Seite von Anwälten, die einige Dokumente zu Britneys Fall offengelegt haben, und einen sehr gut aufbereiteten Artikel vom New Yorker.

Nun ja - ich musste einen Fehler zugeben. Heißt das jetzt, dass doch Echsenmenschen in der Hohlerde leben, Donald Trump Kinder aus dem Untergrund befreit und eine geheime Elite den Bevölkerungsaustausch plant? Natürlich nicht. Dass sich der eine oder andere Verschwörungsmythos mal als wahr herausstellt, macht die anderen nicht wahrer. Es gibt nur einfach schon so viele Verschwörungsgeschichten, dass sich zwangsläufig mal eine bewahrheiten muss - und früher oder später kommt jede, die tatsächlich mehr ist als nur ein Hirngespinst, einmal ans Licht. Man sieht es gerade am Fall Britney Spears - selbst wenn praktisch alle Leute um sie herum gerichtlich zum Schweigen verpflichtet sind, rutscht dem einen oder anderen doch mal was raus. Geschichten wie QAnon oder die gefährliche Impfung sind allerdings schon sehr alt und kehren in etwas anderer Form immer mal wieder zurück. Und anhand dessen, wie destruktive Gruppierungen wie "Querdenken" und "Eltern stehen auf" aktuell die Flutkatastrophe nützen, um Propaganda zu verbreiten, sollte eigentlich auch der Letzte schon kapiert haben, dass das keine netten Leute sind - aber ich weiß, diese Hoffnung wird sich nicht erfüllen. Nun ja, ich hoffe trotzdem, dass ihr alle wohlauf seid und euch auch das nächste Mal wieder an mich erinnert. Und dass ihr immer schön brav auf den Verkehr achtet und nur ja keinen gelben Schnee esst! Bis zum nächsten Mal und bon voyage!

vousvoyez