Dienstag, 20. Juli 2021

Ich war so oft mit meiner Jogginghose joggen, wie ich mit meiner Küchenrolle durch die Küche gerollt bin

© vousvoyez
Joggen gehe ich tatsächlich eher nicht - weder mit noch ohne passender Hose. Allerdings ist Sport ja nicht nur Joggen - und tatsächlich nutze ich die einzige Jogginghose, die ich habe, ausschließlich für Sport. Am schlimmsten finde ich Jogginghosen als Alltagskleidung - und da ist mir vollkommen wurscht, ob da jetzt kik oder Armani draufsteht und ob andere das spießig finden. Das heißt allerdings natürlich nicht, dass andere sich nicht anziehen dürfen, wie sie wollen. Mode kommt und geht mit der Zeit - das bedeutet, ich muss und werde es aushalten, dass die schrecklichen Fetzen meiner Jugend zurzeit ein Revival erleben. Und wer weiß - vielleicht verändern sie sich ja sogar zum Positiven. Man muss sich nicht alles mies machen. Vielleicht irre ich mich ja auch, und es kommt in den nächsten Jahren tatsächlich mal etwas, das es so noch nicht gab.

Und wie die Mode, so ändern sich auch die Zeiten. Was ich aktuell als recht positiv empfinde, ist, dass die Leute froh sind, wieder rausgehen zu dürfen, und sich weniger über Kleinigkeiten beschweren. Zumindest im realen Leben draußen - das ich momentan auch immer mehr in vollen Zügen genieße. Auch wenn ich zugeben muss, dass es mir anfangs noch schwer fiel - man glaubt gar nicht, wie sehr man sich an gewisse Umstände gewöhnt. Was Social Media betrifft, so wird hier immer noch gejammert, was das Zeug hält - und immer noch gibt es sie, die Leute, die hinter allem die große Verschwörung wittern. Wobei der eine oder andere, der zu Hochzeiten der Pandemie von der Leichtgläubigkeit anderer verschont blieb, seine Felle davonschwimmen sieht. Aber immer noch, wenn man in die Kommentarspalten auf Facebook, Twitter & Co. blickt, entdeckt man Leute, die sich über die "Mainstreammedien" aufregen und eifrig bemüht sind, "alternative Fakten" unters Volk zu bringen.

Einer der meist gelesenen Artikel auf meinem Blog ist ja jener, in dem ich anhand einer kleinen Anekdote reflektiere, wie schwierig der kritische Umgang mit Medien wirklich ist. Zumal auch die staatlichen Medien stets kritisch betrachtet werden sollten. Besonders bei uns in Österreich ist das ziemlich offensichtlich, da die steuerfinanzierten Boulevardmedien, die sich in der Hand einiger weniger Multimillionäre befinden, die Medienlandschaft dominieren, während Medienschaffende besonders in letzter Zeit immer stärker von der Kurz-Regierung unter Druck gesetzt werden. Wenn man sich dagegen den Falter betrachtet, deren Redakteure sich bis heute nicht haben einschüchtern lassen, kommt man sich vor wie bei Asterix. Wobei mich in dieser Hinsicht auch die News positiv überrascht hat. Ich persönlich ergänze die Informationen aus Zeitung und Nachrichten ganz gern mit diversen Blogs und Twitter-Profilen ausgewählter Journalisten und Innen und mit den Artikeln ehrenamtlich arbeitender Faktenchecker-Seiten. Bei der Flut von Informationen, die heutzutage auf uns einstürmen, und all dem, was Presse und Rundfunk nicht erwähnen, reichen die regulären Medien nun mal einfach nicht aus. Nun ist dieses Hangeln durch den Mediendschungel, wie ich es praktiziere, mit Sicherheit nicht einfach, und ich bin da auch absolut nicht perfekt, aber im Großen und Ganzen fahre ich doch recht gut damit. Zumindest besser als diejenigen, die auf unvollständige Berichterstattung aus Deutschland und Österreich reagieren, indem sie einfach alles unterschiedslos ablehnen, was sie als "Mainstream" klassifizieren, und sich stattdessen auf "alternative" Medien verlassen, denen völlig unkritisch geglaubt wird. Solche Leute sind anfällig für jene, die sich als "Querdenker" und "Regierungskritiker" inszenieren - Leute wie Ken Jebsen, Heiko Schrang, Eva Herman, Boris Reitschuster, Oliver Janich & Co.

Ein Element, das all diesen Leuten gemein und bei näherer Betrachtung auch sehr auffällig ist, sind die Quellen, auf die sie sich beziehen. Da kommt nämlich eine sehr häufig vor, eine auf den ersten Blick ziemlich unauffällige Seite namens RT DE bzw. RT Deutsch. Wenn man sich diese genauer ansieht, springt einem jedoch allmählich ins Auge, dass hier vor allem mit spaltenden Themen und reißerischen Überschriften gearbeitet wird und dass diejenigen, die dort schreiben, eine auffällige Tendenz haben, mit Kampfbegriffen um sich zu werfen. Wer diese Seite teilt, versichert gleichzeitig, dass hier Informationen zu finden seien, die uns die "Mainstreammedien" vorenthalten. Dies behauptet die Seite auch höchstselbst; sie bezeichnet sich als "fehlender Part der deutschsprachigen Medienlandschaft" und nimmt für sich selbst in Anspruch, "Medienmanipulationen" aufzuzeigen. Aber was ist das überhaupt für eine Seite?

RT DE ist der deutschsprachige Ableger des russischen Staatssenders Russia Today - ein russisches Auslandsmedium, gegründet als ursprünglich englischsprachiger Nachrichtensender im Jahr 2005 in Moskau. Ursprünglich sollte es darum gehen, sich der Kritik an Putin im Ausland entgegenzustellen, indem er als Opfer westlicher Propaganda dargestellt wird. Dass die Kritik an Putin auch im Inland immer lauter wird und die russische Bevölkerung den Medien im Land selbst nicht mehr traut, ist da erst mal nicht so wichtig. RT Deutsch bzw. RT DE gibt es seit 2014 - bestehend aus einem YouTube-Kanal und einem Internetportal. Nun ist es ja an sich nichts Schlimmes, wenn ein ausländisches bzw. russisches Medium eine Außensicht der Dinge präsentiert - das kann ganz im Gegenteil sogar recht wertvoll sein. Das Problem ist jedoch, dass es sich bei RT DE um kein unabhängiges russisches Medium handelt, sondern um ein von der russischen Regierung finanziertes. Wobei man natürlich nicht sagen kann, dass alles durch die Bank gelogen ist - wie bei dieser Art von Propaganda üblich, versteckt sich unter all den obskuren Beiträgen auch die eine oder andere echte Nachricht oder Analyse. Aber im Großen und Ganzen beweist der Kreml, dass er seit Ende des Kalten Krieges nichts verlernt hat, im Gegenteil: Nach wie vor baut er auf seine Strategie, die uns schon vom KGB bekannt ist, nämlich bestehende Spannungen und kleine Unsicherheiten in anderen Ländern auszunutzen, um seine Propaganda unters Volk zu bringen. So war es auch damals, als RT Deutsch an den Start ging: Die Ukraine-Krise rief auch in deutschsprachigen Ländern vermehrt die Angst vor einem Krieg in Europa hervor, weshalb vor allem in Deutschland und Österreich vermehrt Mahnwachen für den Frieden stattfanden, welche im Laufe der Zeit jedoch immer mehr von Rechtsgestrickten und Verschwörungsideologen okkupiert wurden. Im Grunde genommen war es ähnlich wie bei den Corona-Demos, außer dass die Themen weit unzusammenhängender und undurchsichtiger waren; aber schon damals fiel auf, dass es keine klare Abgrenzung zu Leuten gab, die offen den Nationalsozialismus verherrlichten und Schnittstellen mit der damals erstarkenden Pegida sowie deutschen und österreichischen Staatsverweigerern aufwiesen - zumal viele das Rechts-Links-Schema ohnehin ablehnten. Ein denkbar fruchtbarer Boden für ein russisches Propagandamedium, umso mehr, als im Ukraine-Konflikt oftmals Partei für Russland ergriffen und lautstark nach "Alternativen" zur "gleichgeschalteten Presse" verlangt wurde.

Doch russische Propaganda funktionierte nicht nur im deutschsprachigen Raum - in den USA spielte sie vor allem während des US-Wahlkampfes 2016 eine weitaus größere Rolle. So sehr, dass sie die Wahlen nachweislich beeinflusst hat - wofür nicht nur Russia Today selbst verantwortlich war, sondern unter anderem auch die Internet Research Agency (IRA), eine Trollfabrik mit Sitz in St. Petersburg, in der Tag und Nacht nichts anderes getan wird, als mittels Fake-Accounts Propaganda und Desinformation zu verbreiten. Eine der nachhaltigsten Strategien war die anonyme Überantwortung der E-Mails John Podestas, des Wahlkampfmanagers von Hillary Clinton, an eine Pizzeria in Washington D. C. an WikiLeaks, wo sie auch veröffentlicht wurden. Nutzer der Plattform 4chan bastelten daraus eine haarsträubende Geschichte über einen Kinderpornoring, der seinen Sitz im Keller der Pizzeria haben sollte. Über 4chan und reddit gelangte die Geschichte zu Twitter und Facebook, bis sie schließlich Alex Jones erreichte, über den ich bereits berichtet habe - das ist der mit den schwulen Fröschen. Dieser erzählte die Geschichte ungeprüft brühwarm weiter, woraufhin es zu dem von mir schon erwähnten bewaffneten Angriff auf die Pizzeria kam, in dessen Verlauf festgestellt wurde, dass die Pizzeria gar kein Kellergeschoß hatte. Trotzdem stoße ich bis heute immer noch auf Social-Media-User, die an diese Geschichte glauben.

Was RT DE betrifft, so wurden schon kurze Zeit nach dem Start Falschmeldungen sowie Fälschungen von Bild- und Tonmaterial nachgewiesen. Wegen der einseitigen Berichterstattungen kündigten auch ziemlich schnell mehrere Mitarbeiter - darunter die ehemalige RT-Reporterin Lea Frings, die in einem Interview erklärte, dass man einige der dort enthaltenen Berichte nicht als Journalismus ansehen kann, etwa die über den Ukraine-Konflikt, wo Verfehlungen von russischer Seite einfach weggelassen wurden. Darüber hinaus kommen auch auffällig viele Rechtskonservative zu Wort, zitiert werden Leute wie etwa Anni Sasek, die Ehefrau des christlich-fundamentalistischen Sektenführers Ivo Sasek, der den mit Scientology vernetzten Internetsender Klagemauer-TV betreibt; Christoph Hörstel von der rechtspopulistischen Kleinpartei Deutsche Mitte; der umstrittene Börsenspekulant und Hedgefondsmanager Florian Homm; der österreichische Identitäre Martin Sellner, dessen Gruppierung vom Verfassungsschutz beobachtet wird; den Betreiber des Schwurbel-Blogs Free21. Die Quellen von RT DE sehen nicht anders aus: das Contra Magazin, eine Online-Zeitung der Neuen Rechten; Swiss Policy Research, ein anonym betriebener Blog aus der Schweiz, der von Verschwörungsgläubigen ebenfalls gerne benutzt wird; die ebenfalls anonym betriebene Propagandaschau, die einzelne Verfehlungen nutzen, um Pauschalisierung und Hetze gegen professionelle Journalisten zu betreiben; der anonym betriebene englischsprachige Blog Zero Hedge, der sich hauptsächlich auf Wirtschaft und Finanzen fokussiert und im Verdacht steht, dafür bezahlt zu werden, Unternehmen zu diffamieren und nachhaltig zu schädigen; das französischsprachige Medium FranceSoir, das vor allem gerne Irreführungen bezüglich der Covid-Pandemie verbreitet. Und das ist nur ein kleiner Auszug der Personen und Institutionen, mit denen RT DE verbandelt ist.

Aber selbstverständlich glauben viele, die RT DE lesen und verbreiten, an das Narrativ des unabhängigen Journalismus, und das ist auch kein Wunder, denn viele sehen ihre Meinung in den Artikeln dieses Mediums bestätigt. Allerdings finde ich, sollte man doch einen Blick auf Russland selbst werfen und wie es dort um die politischen Verhältnisse bestellt ist. Denn die Russische Föderation ist im Prinzip nichts anderes als eine autokratische Oligarchie, in deren Verfassung Presse- und Meinungsfreiheit zwar gegeben sind, aber in der Praxis sieht es ganz anders aus: Besonders im Internet ist die freie Rede massiv eingeschränkt, die Überwachung von Online-Aktivitäten greift massiv in die Privatsphäre der russischen Bürger ein, Kritiker an der Regierung werden gnadenlos verfolgt (Human Rights Watch). Der russische Staat ist seit Jahren bemüht, das Internet unter seine Kontrolle zu bringen, was bereits zur ungerechtfertigten strafrechtlichen Verfolgung von Menschen sowie zur Sperrung oder gar Abschaltung von Hunderten von Internetportalen geführt hat. Zudem haben die Behörden eine Reihe repressiver Gesetze durchgepeitscht, die den Zugang zu Informationen noch massiver einschränken und Nutzer überwachen. In der Rangliste der Pressefreiheit findet sich Russland auf Platz 150 - zum Vergleich: Österreich rangiert auf Platz 17, Deutschland sogar auf Platz 13. Schon kein geringer Unterschied, oder?

Entsprechend sollte auch schnell klar sein, dass RT DE alles andere im Sinn hat, als ausgewogene Berichterstattung. Stattdessen geht es um das Bestreben, Misstrauen zu wecken und das Vertrauen in den Journalismus im eigenen Land zu untergraben. Dabei nutzt die Plattform die Tendenz vieler aus, Inhalte zu teilen, ohne sich für deren Herkunft zu interessieren - Hauptsache, sie bestätigt das eigene Bauchgefühl. Und anscheinend hat sich auch ein Heiko Schrang, Oliver Janich oder eine Eva Hermann nie Gedanken darüber gemacht, wie häufig gerade RT DE ihrer Agenda entgegenkommt. Ganz offensichtlich hat Russland ein großes Interesse daran, das Vertrauen der Bevölkerung westlicher Demokratien in die eigenen Medien zu zerstören und im Gegenzug die Medien des russischen Staatsapparat zu konsumieren. Und möglicherweise soll dadurch eine Destabilisierung dieser Demokratien erreicht werden: Die Einmischung russischer Staatsmedien in die Belange der USA hat dazu geführt, dass US-Bürger im Januar dieses Jahres ihr eigenes Capitol stürmten. Ich möchte auch  noch einmal an die Spaßvögel erinnern, die den Reichstag in Berlin stürmen wollten.

Dass diejenigen, die sich als "Querdenker" bezeichnen, sich von allen möglichen Interessensgruppen instrumentalisieren lassen, zeigt eigentlich, dass sie genau das Gegenteil dessen tun, was sie zu tun behaupten: nämlich kritisch zu sein und zu hinterfragen. Denn ist es nicht paradox, dass sie gerade jene Medien für so glaubwürdig befinden, die, vom russischen Staat finanziert, die Zeitungen, Fernsehsender und Internetportale des jeweiligen Landes, das sie ansprechen wollen, als "Staatsfunk" bezeichnen? Dass sie ihre eigene Berichterstattung als "unabhängig" darstellen, obwohl sie nachweislich vom Kreml finanziert werden? Dass sie anderen Medien vorwerfen, Dinge wegzulassen, wo sie doch selbst alles weglassen, was nicht in ihre Agenda passt? Was mich persönlich betrifft, ich kann mir nur an den Kopf greifen, wenn ich die Situation in Russland betrachte und mir gleichzeitig immer wieder Leute anhören muss, die sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühlen, während sie ihre Meinung ständig ungehindert zum Besten geben. Die Presse- und Meinungsfreiheit in unserem Land reicht immerhin aus, dass wir über die Verfehlungen unserer eigenen Regierung in vollem Umfang informiert werden können. Glaubt ihr ernsthaft, so wie die Dinge aktuell stehen, ein Putin müsste sich vor einem russischen Gericht für seine Verfehlungen verantworten? Denkt ihr, einem Journalisten wie Florian Klenk würde in Russland lediglich eine Geldstrafe drohen dafür, dass er den Staatschef kritisiert? Bildet ihr euch ein, man kann in Russland so frei Kritik am herrschenden System üben, wie es bei uns der Fall ist? Geht ihr wirklich davon aus, dass ihr in Russland ungestraft auf die Straße rennen und "Diktatur" brüllen dürftet? Stellt euch nur einmal vor, der ORF würde in Russland ein Auslandsmedium gründen, das Putin kritisiert - glaubt ihr, das ginge so einfach? Warum bei Zeus und allen Göttern Griechenlands bringt es ein vom russischen Staat finanziertes Medium fertig, einigen von uns einzureden, dass wir in einer Diktatur leben? Warum ist seine Macht inzwischen so groß, dass Leute glauben, gegen diese vermeintliche Diktatur auf die Straße gehen zu müssen - dass in unserem Nachbarland sogar Leute glauben, ein Regierungsgebäude stürmen zu müssen? Ist es nicht paradox, dass das Vertrauen jener, die sich für Skeptiker halten, in ein vom russischen Staatsapparat finanziertes Medium höher ist als in die gesamte Presse Deutschlands und Österreichs?

Und noch einmal: Das bedeutet nicht, dass man alles, was die eigene Regierung so treibt, kritiklos bejubeln soll - aber ist es denn eine Lösung, statt dessen auf russische Propaganda reinzufallen und sich von dieser instrumentalisieren zu lassen? Ich möchte nur an eines erinnern: Die tatsächlichen Skandale, also etwa die Maskendeals in Deutschland und Österreich, das Ibiza-Video, die Falschaussagen eines Sebastian Kurz, die BUWOG-Affäre - all das wurde weder von Russia Today noch von einem Reitschuster oder Jebsen aufgedeckt, sondern von den so verhassten "Mainstreammedien". Nicht nur das - auch Whistleblower, etwa Julian Assanges Plattform WikiLeaks, hat häufig mit den bösen "Staatsmedien" kooperiert. Selbstverständlich sollte man die Regierung nicht schalten und walten lassen, wie es ihr beliebt - aber ich zweifle doch stark daran, dass RT DE wirklich dazu beiträgt, die Demokratie aufrecht zu halten. Stattdessen würde ich gerade all jenen, die sich für die großen Kritiker und Hinterfrager halten, ans Herz legen, auch mal diejenigen, bei denen sie sich informieren, sowie deren Quellen kritisch zu hinterfragen - denn könnte es nicht sein, dass sich all jene "Kritiker" bewusst oder unbewusst von der russischen Regierung instrumentalisieren lassen? Und ich möchte noch einmal klarstellen: Wer den Anspruch erhebt, dass eine Demokratie seine Meinung aushalten muss, der sollte auch die Meinung anderer aushalten können. Abgesehen davon würde ich mir selbst auch einmal die Frage stellen, ob dies tatsächlich meine Meinung ist. Und ich sage das nicht umsonst: Diese Art von Propaganda senkt vor allem die Hemmschwellen und führt im blödesten Fall zur Radikalisierung; denn viele selbsternannte "Rebellen" verstehen den Glauben, dass sie in einer Diktatur leben, als Legitimierung von gewaltsamem Widerstand. Noch glaubt sowohl in Deutschland als auch in Österreich nur eine kleine, aber laute Minderheit der Propaganda der deutschsprachigen russischen Medien - wir sollten dafür Sorge tragen, dass das auch so bleibt.

vousvoyez


Quellen zum Weiterlesen und -hören:

https://www.psiram.com/de/index.php/RT_Deutsch#Fragw.C3.BCrdige_Quellen_und_von_RT_Deutsch_zitierte_Experten

https://www.deutschlandfunk.de/russische-staatsmedien-in-deutschland-rt-de-will-online.2907.de.html?dram:article_id=494572

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/russischer-sender-rt-de-will-deutschland-mit-propaganda-eindecken-17405702.html

https://www.zeit.de/politik/ausland/2014-11/rt-deutsch-russland-propaganda-luegen

https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-12/us-wahl-2016-russland-einmischung-soziale-medien

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/stuermung-des-kapitols-der-mann-mit-den-bueffelhoernern-17136572.html

https://www.tagesschau.de/inland/corona-demo-berlin-131.html

Sehr empfehlenswert: https://www.radioeins.de/archiv/podcast/cui_bono/

Freitag, 2. Juli 2021

Die Berichterstattung zur Familie Ritter ist der beste Journalismus seit den Hitler-Tagebüchern


Wie ihr seht, gibt es manchmal auch Zeiten, in denen ich auf ältere Weisheiten zurückgreifen muss - während ich mich manchmal vor Weisheiten gar nicht mehr retten kann. Diese hier ist aus jener Zeit, als ich den in einem anderen Artikel schon erwähnten Beitrag des YouTube-Kanals Simplicissimus gesehen habe, in dem aufgezeigt wurde, auf welche Weise das Elend einer Familie am Rande der Gesellschaft von Stern TV für Einschaltquoten ausgenutzt wird. Da bietet sich natürlich kein besserer Vergleich an als der zu den Hitler-Tagebüchern - die ja in den 1980er Jahren ebenfalls vom Stern publiziert wurden, bis sie sich dann als Fälschungen herausstellten, was für das Magazin verständlicherweise sehr peinlich war. 

Nun, einer der Gründe, warum es Leute gab, die so gern den Ritters zugesehen haben, war sicherlich auch, dass es leicht war, sich moralisch über sie zu erheben. Im Großen und Ganzen sind Reportagen wie diese, ähnlich wie Scripted Reality, eine äußerst perfide Methode, um gegen Menschen zu hetzen, die am unteren Ende einer Abwärtsspirale angekommen sind - anstatt zu hinterfragen, warum es dieses Elend in einem reichen Industriestaat überhaupt geben muss, wird mit dem Finger auf die Opfer gezeigt. Die passenderweise immer dumm und hässlich sind - oder zumindest so dargestellt werden. Wobei oft übersehen wird, dass auch die Schönen nicht immer von selbst schön sind. Und nachdem ich vor kurzem das traurige Thema der Kinder-Influencer behandelt habe, hat mich das auf die Idee gebracht, einmal über Schönheit zu sprechen.

Bekanntlich liegt Schönheit im Auge des Betrachters, unterliegt also bis zu einem gewissen Grad individuellen Kriterien. Wäre ja auch blöd, wenn es nicht so wäre - dann würden die meisten von uns ihr Leben lang ohne Partner bleiben. Dennoch sind die Schönheitsideale einer Gesellschaft immer auch bestimmten temporalen, kulturellen und biologischen Faktoren unterworfen und deshalb bis zu einem gewissen Grad auch wandelbar. Der dünne Look bei Frauen, der sich vor allem in den 1990ern etabliert hat, ist als Schönheitsideal eher eine Ausnahme - meist korreliert unsere Vorstellung von Schönheit mit evolutionären Vorteilen, weshalb bei Frauen häufig das ideale Taille-Hüft-Verhältnis als schön empfunden wird, da es Gebärfreudigkeit suggeriert. Auch, dass Symmetrie oft mit Schönheit gleichgesetzt wird, hat einen Grund - sie deutet nämlich auf Gesundheit hin. Dennoch war unsere Vorstellung von Schönheit durch die Epochen immer einem gewissen Wandel unterzogen.

Über frühgeschichtliche Schönheitsideale ist nur wenig bekannt. Die berühmte Frauenstatuette der Venus von Willendorf wird häufig als Beispiel für das steinzeitliche Schönheitsideal herangezogen - allerdings gibt es aus dem Jungpaläolithikum durchaus auch Funde von schlanken Figurinen. Im Gegensatz dazu kann man über altägyptische Schönheitsideale weitaus mehr aussagen - Untersuchungen von Mumien ergaben, dass Pharaonen in der Malerei und Bildhauerei immer idealisiert dargestellt wurden, mit schlanken Körpern, die Männer muskulös, die Frauen zierlich. In der griechischen und römischen Antike sind es vor allem Götter- und Heldendarstellungen, die Aufschluss über die damaligen Vorstellungen von Schönheit geben. Frauen wurden schlank, aber kurvig dargestellt, mit harmonischen Proportionen und kleinen, festen Brüsten; der männliche Idealtyp divergierte zwischen dem jugendlichen Athleten und dem ätherischen Jüngling. Im Mittelalter wiederum war die Darstellung nackter Körper durch die starke christliche Prägung verpönt, ganz abgesehen davon, dass anatomische Korrektheit in der gotischen und romanische Kunst offenbar eine eher untergeordnete Rolle spielt - deshalb ist es schwierig, über die Schönheitsideale dieser Zeit Aussagen zu treffen. Im Spätmittelalter wurden Menschendarstellungen allerdings wieder realistischer - auffällig ist hier die S-förmige Silhouette der Frauen, also schlanker Körper, hohles Kreuz und gerundeter Bauch. In der Renaissance lehnte man sich, parallel zum aufkeimender Interesse an der Kunst der Antike, wieder weitaus mehr an deren Schönheitsideale an: Die Darstellungen wurden anatomisch stimmiger, die Gestalten kräftiger. Aus der Barockzeit sind die korpulenten Damen aus Peter Paul Rubens' Ölgemälden bekannt, andere Künstler wie Reni oder Poussin malten aber durchaus auch schlankere Frauenkörper. Vom 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein galt die sogenannte Sanduhrfigur bei Frauen als Schönheitsideal, mit dem Fokus auf eine möglichst schmale Taille, während bei Männern durch die Kniehosen lange Zeit über schlanke Beine wichtig waren. Im 19. Jahrhundert war außerdem Fettleibigkeit bei Männern durchaus erstrebenswert, deutete sie doch auf großen Wohlstand hin. Im 17. und 18. Jahrhundert betrieben beide Geschlechter, vor allem aber Frauen, extrem viel Aufwand mit ihrem Äußeren; diese Puppenhaftigkeit war jedoch nicht nur in Europa, sondern auch etwa in Südostasien sehr angesagt. Während der Französischen Revolution ging die Vorstellung von Schönheit wieder mehr in Richtung Natürlichkeit, zur Zeit von Gegenreformation und Biedermeier orientierten sich die Frauen jedoch wieder weitaus mehr an den Idealen des Barock. Viel Aufwand mit seinem Äußeren zu betreiben, war damals allerdings eher Frauen vorbehalten; für die Herren galt dies als "unmännlich", ihre Mode wurde schlichter, unauffälliger, dunkler und praktischer. Das 20. Jahrhundert wiederum war geprägt vom Wandel der Schönheitsideale, bedingt durch wissenschaftlichen Fortschritt, feministischen und revolutionären Bestrebungen, aber auch eine erstarkende Urlaubs- und Badekultur und die Veränderung der Mode, durch die der menschliche Körper immer mehr in der Öffentlichkeit sichtbar wurde. Zunehmend wurden Schönheitsideale auch durch Filmstars und Models geprägt. Bei Frauen reichten die Schönheitsideale vom leicht burschikosen Typus einer Greta Garbo über die kurvige Figur einer Marilyn Monroe über sehr schlanke Körper wie den von Audrey Hepburn, sportliche Schönheiten à la Claudia Schiffer bis hin zum "Heroin Chic" einer Kate Moss. Bei Männern erfreute sich der dunkelhaarige, elegante Typus großer Beliebtheit, wie etwa bei Rudolpho Valentino, Laurence Olivier, Sean Connery und George Clooney; blonde Typen wie Brad Pitt waren etwas seltener. Aber auch bei ihnen wandelte sich das Körperbild von schmalen, langhaarigen Rockstars bis hin zu den definierten Muskeln, die ab den 1980er Jahren gefragt waren und die zum Teil auch noch heute als Ideal gehandelt werden.

Da aber bekanntlich nicht jeder dem gängigen Schönheitsideal entspricht, wird bis heute eine Menge getan, um ihm zumindest möglichst nahe zu kommen. Schon die alten Ägypter wandten viel Zeit für Kosmetik und Körperpflege auf, sofern sie es sich leisten konnten. Lange Zeit über - etwa bis Mitte des 20. Jahrhunderts - galt etwa weiße Haut als der Gipfel der Schönheit. Und so schützten sich Frauen mit großen Sonnenhüten, modischen Sonnenschirmen und zeitweise sogar Gesichtsmasken gegen die Sonnenbräune. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde auch gerne mit weißem Puder nachgeholfen, der nicht selten das gar nicht so ungefährliche Bleiweiß enthielt. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist die "gesunde Bräune" gefragt, die als Zeichen dafür gilt, dass man sich einen Urlaub leisten kann. Auch hier wird gerne noch mit Selbstbräuner nachgeholfen, oder man geht ins Solarium. In anderen Teilen der Welt zeigt sich jedoch, dass das europäische Schönheitsideal, besonders die helle Haut, immer noch sehr dominant ist. In Südafrika sind weiße Models immer noch weitaus begehrter als schwarze; in den Bollywood-Filmen wird darauf geachtet, dass die Darsteller möglichst hellhäutig sind; in einigen afrikanischen Ländern südlich der Sahara hellen viele Menschen ihre Haut mittels Bleichcreme auf und glätten ihre Haare; und in der K-Pop-Szene in Südkorea schreiben Knebelverträge unter anderem vor, dass die Sänger sich Operationen unterziehen müssen, die sie an das europäische Schönheitsideal angleichen. Körpermodifikationen wie Piercings und Tattoos sind in unseren Breiten erst seit den 1990er Jahren so richtig beliebt geworden - in asiatischen, afrikanischen, australischen und südamerikanischen Kulturen sind sie neben der Skarifizierung, also Ziernarben, häufig schon seit Jahrtausenden üblich.

Natürlich unterliegen auch Frisuren dem Wandel der Zeit, aber schon bei den alten Ägyptern war es üblich, die Köpfe mit Perücken zu verschönern. In der griechisch-römischen Antike bevorzugte man lockiges, gewelltes Haar, in der spätrömischen Kaiserzeit waren vor allem bei Frauen auch komplizierte Hochsteckfrisuren und das Färben der Haare in Rot oder Goldblond beliebt. In der burgundischen Mode und der italienischen Frührenaissance galt eine hohe Stirn als schön, weshalb die Haare am Ansatz oft gezupft oder rasiert wurden. In der Renaissance war blondes Haar so sehr in Mode, dass Frauen mit allen möglichen Tinkturen nachzuhelfen versuchten; manche setzten ihr Haar auch tagelang der Sonne aus, wobei sie selbstverständlich penibel darauf achteten, ihre noble Blässe nicht zu verlieren. Im Frühbarock wiederum war dunkles Haar sehr begehrt, so dass mit schwarzem Puder nachgeholfen wurde. Zu Zeiten Ludwigs XIV. kam durch die Vorliebe für langes, lockiges Haar bei Männern und Frauen die Allongeperücke in Mode, die bei den Männern im Laufe der Zeit immer kleiner wurde, während es bei den Damen eher umgekehrt verlief. Um die Französische Revolution kam die Perücke allmählich aus der Mode, im 19. Jahrhundert waren aber dennoch komplizierte Frisuren bei Damen aus gutem Hause durchaus üblich - Kaiserin Elisabeth von Österreich brauchte für die Haarpflege täglich zwei Stunden. In den 1920er Jahren zeigten Frauen ihre Emanzipation, indem sie ihre Haare kurz schnitten; in den 1960ern rebellierten junge Männer gegen die ältere Generation, indem sie sich das Haar und später auch den Bart wachsen ließen. Der chemische Industrie haben wir es außerdem auch zu verdanken, dass ergraute Haare immer häufiger durch Färben verborgen werden.

Es gibt jedoch auch Körpermodifikationen, die irreparable gesundheitliche Schäden anrichten, und Schönheitsideale, die krank machen - und da sind vor allem Frauen betroffen. Seit den 1990er Jahren reißt die Kritik darüber nicht ab, dass auf Laufstegen und in Modekatalogen größtenteils extrem dünne Models zu sehen sind die Maßstäbe setzen, die für normale Mädchen und Frauen in der Regel nicht zu erreichen sind. Trotzdem wollen vor allem junge, beeinflussbare Mädchen so aussehen, was zu Anorexie oder Bulimie führen kann. Allerdings sind auch Männer, die einem Schönheitsideal nacheifern, immer wieder von Essstörungen betroffen - da die Scham hier allerdings weitaus höher ist, weil Magersucht & Co. als "Weiberkrankheiten" verschrien sind, gelangt dies weitaus seltener an die Öffentlichkeit. Aber auch für die zuvor schon erwähnte Sanduhrfigur wurde einiges in Kauf genommen - sie war vor allem im 19. Jahrhundert so begehrt, dass Frauen ihre Taillen so sehr in Korsette einschnürten, dass sie im schlimmsten Fall dadurch Organe schädigten, was ihnen sogar das Leben kosten konnte. In Mauretanien wiederum gilt ein sehr fülliger Körper als Schönheitsideal - weshalb junge Mädchen in spezielle Hütten gesperrt und zum Essen gezwungen werden, bis sie übergewichtig sind, da man fürchtet, sie sonst nicht verheiraten zu können.

Aber  nicht nur der Wunsch nach einer schönen Figur kann mitunter gesundheitsschädlich sein; auch andere Schönheitsideale können schmerzhaft, möglicherweise sogar gefährlich sein. Dies zeigte sich schon bei den indigenen Völkern Mittel- und Südamerikas; aus irgendeinem Grund galt dort ein unnatürlich lang gezogener Schädel als schön, weshalb die Köpfe von Kindern auf verschiedene Weisen zwischen Bretter geschnallt wurden, um den Schädel künstlich zu verformen. In vielen afrikanischen Ländern, aber auch in Teilen Asiens ist die Genitalverstümmelung an Mädchen üblich, um eine glatte, geschlossene Schamregion zu erreichen, was eine klare Menschenrechtsverletzung darstellt; vielerorts ist auch die Vorhautbeschneidung von Jungen üblich, die inzwischen auch nicht mehr unumstritten ist. Die Padaung-Frauen in Myanmar wiederum tragen von Kindheit an einen schweren goldenen Halsschmuck, der die Schultern deformiert und den Hals verlängert - eine Praxis, deren Ursprung heute nicht mehr geklärt ist. Die äthiopischen Mursi dehnen die Unterlippe junger Mädchen mit Hilfe von Tontellern, während die Zo'é in Brasilien von ihrem siebten Lebensjahr an einen Lippenpflock aus weißem Holz tragen müssen, um als Stammesmitglied anerkannt zu werden. Bei Frauen der chinesischen Oberschicht waren vom 10. bis ins 20. Jahrhundert sogenannte Lotosfüße modern: Mütter und Großmütter brachen ihren kleinen Töchtern bzw. Enkelinnen die Füße und banden sie so stark ab, das sie irreparabel beschädigt wurden. Diese Praxis diente dazu, die Füße möglichst klein zu halten und einen kleinschrittigen Gang zu erreichen, der bei Männern als erotisch galt; erst unter Mao Zedong wurde dies verboten.

Die beschriebenen Rituale sind natürlich Extremfälle, aber auch in unserer modernen Welt scheut man auch nicht vor nachhaltigeren Eingriffen zurück, um sein Erscheinungsbild zu optimieren. Trotz zunehmender Diversifizierung gilt immer noch ein schlanker Körper als schön, gleichzeitig sollen aber Brüste und Hintern möglichst groß sein, außerdem sind volle Lippen und kleine Nasen heiß begehrt. Dies bedeutet, dass diejenigen, die es sich leisten können, gerne mit kleinen Eingriffen oder auch größeren Operationen nachhelfen; Brust- und Po-Implantate, Nasenkorrekturen und das Auffüllen der Lippen sind inzwischen praktisch schon normal. Was bereits die Jüngsten unter Druck setzt, die heutzutage durch den permanenten Internetzugang ständig normierte Körperbilder vor Augen haben, die ihnen vorleben, wie sie auszusehen haben. Hinzu kommt noch das inflationär eingesetzte Photoshop, das Kindern vorgaukelt, ihre Lieblings-Influencer sähen aus, wie kein normaler Mensch aussieht.

Im Zuge dessen ist Body Positivity eigentlich eine begrüßenswerte Gegenbewegung - das Problem ist allerdings, dass sie sowohl von Aktivistinnen als auch von Außenstehenden häufig missverstanden wird. Im Grunde geht es darum, seinen Körper zu akzeptieren, auch wenn er nicht dem Ideal entspricht - weshalb sie vor allem mollige Frauen sehr anspricht, die auch den Anstoß dazu gegeben haben. Das Problem ist allerdings, dass dies momentan teilweise ziemlich seltsame Auswüchse annimmt, weil viele Anhängerinnen in eine geradezu aggressive Abwehrhaltung gehen. Teilweise geht das sogar so weit, dass jegliche Kritik als Kritik am Aussehen verstanden wird. Vor allem aber stört mich, dass manche von ihnen anscheinend eine neue Norm etablieren wollen - und andere, die nicht ihrem persönlichen Idealbild entsprechen, ausgeschlossen werden, obwohl es eigentlich doch darum geht, alle mit einzubeziehen, die vom gängigen Schönheitsideal abweichen. Und dass Anhängerinnen sich "verraten" fühlen, wenn eine von ihnen Gewicht verliert, weil sie sich eben wohler fühlt, wenn sie leichter ist. Was wiederum das Vorurteil bestätigt, Body Positivity sei nur für Frauen da, die zu faul sind, um Gewicht zu verlieren, und wolle alle anderen dazu zwingen, Übergewicht schön zu finden, was ja beides gar nicht der Fall ist. Ganz abgesehen davon, dass ich es falsch finde, den gesundheitsschädigenden Aspekt von starkem Übergewicht schönzureden - und da spreche ich nicht vom Body-Mass-Index, denn dass dieser überholt ist und man nicht automatisch krank ist, wenn man ein paar Kilo über der empfohlenen Norm ist, wissen mittlerweile, glaube ich, die meisten von uns. Und das sage ich als Frau, die, wie viele von euch wissen, auch keine Elfe ist.

Und eines möchte ich noch anmerken: Ich finde es überhaupt nicht schön, wenn Menschen auf Biegen und Brechen versuchen, sich einer gewissen Norm anzugleichen. Für mich sind Schönheitsfehler mitunter sogar sehr reizvoll, und ich finde es ärgerlich, wenn Leute an sich herumschnippeln lassen, um nur ja so auszusehen, wie andere es ihnen vorschreiben. Versteht mich nicht falsch: Ich weiß, dass plastische Operationen nicht immer unsinnig sind, und ich weiß, dass es Menschen gibt, die sehr unter gewissen Makeln - etwa zu kleinen Brüsten oder zu großen Nasen - leiden. Natürlich sollte es diesen auch möglich sein, diese Probleme zu beheben. Ich spreche auch nicht von extremen Makeln, sondern von Kleinigkeiten - und ich spreche auch nicht von normalen, sondern von übertriebenen Eingriffen. Beispielsweise sehen dick aufgespritzte Lippen in eher feinen, zarten Gesichtern wie Fremdkörper aus, während extreme Implantate in Brust und Po bei einer zierlichen Silhouette eher seltsam aussehen. Stellt euch nur etwa eine Emma Watson mit Bomberbusen und Schlauchbootlippen vor - glaubt ihr wirklich, das würde sie schöner machen? Ebenso betrachte ich das Ideal der ewigen Jugend ein wenig skeptisch - mir gefallen ein paar kleine Fältchen, ehrlich gesagt, viel besser als ein krampfhaft auf jung getrimmtes Gesicht. Dieses permanente Wegspritzen jeglicher Alterserscheinungen lässt einen Menschen, wie ich finde, irgendwann nicht mehr jünger aussehen, sondern nur noch künstlicher. Ich persönlich finde, dass man meist schon mit dem arbeiten kann, was einem von der Natur gegeben wurde - aber natürlich weiß ich, dass das jeder für sich selbst entscheiden muss. Ich wollte es nur einmal gesagt haben.

vousvoyez

Mittwoch, 30. Juni 2021

Herbert Kickl ist das Krokodil im blauen Kasperltheater

©vousvoyez
Und beinahe anderthalb Jahre später ist dieser Satz so aktuell wie eh und je, hat es Herr Kickl doch geschafft, sich die FPÖ unter den Nagel zu reißen. Und ich hab keine Ahnung, was ich davon halten soll - ich habe Kickl vor mehr als zwei Jahren als Innenminister erlebt, und er ist einer der Letzten, die ich noch in der Regierung haben will. Allerdings bemerke ich auch, dass er die Partei spaltet wie kaum ein anderer, und das könnte ein gutes Zeichen sein; es könnte zu einem Stimmenverlust für die FPÖ führen. Allerdings denke ich da an das Jahr 2016 zurück. Damals, als die Welt noch viel einfacher erschien, dachte ich mir noch: Donald Trump, US-Präsident? Niemals! Umso mehr, als man aufgrund eines schrecklichen Mordes an einer Dreizehnjährigen mutmaßlich durch zwei junge Afghanen jetzt die Gunst der Stunde nutzt, um Stimmung gegen "die Ausländer" zu machen: Man fordert härtere Asylgesetze und konsequentere Abschiebung - das sieht dann aber so aus, dass man Schüler und Lehrlinge aus ihren Betten reißt und ins Flugzeug setzt. Denn anständige Menschen sind nun mal leichter zu fassen als Kriminelle - und die Quote freut sich.

Aber lassen wir diese traurige Geschichte doch hinter uns und reden wir stattdessen von etwas Angenehmen. Von Fußball zum Beispiel! Der tut niemandem weh, da ist der Gegner klar, und man kann sich wunderbar darüber streiten, welche Mannschaft die bessere ist - außerdem kann man da die lästige Politik außen vor lassen! Äh, Moment ...

Ich persönlich würde mich keineswegs als Fußballfan einordnen - die meisten Spiele langweilen mich einfach nur zu Tode. Deswegen habe ich, wenn mein Angebeteter ein Fußballspiel genießt, auch meistens den Laptop auf den Knien oder ein Buch in der Hand. Es gibt allerdings Ausnahmefälle, in denen ich selbst gebannt am Fernseher klebe, ohne auch nur einmal ins Buch zu schauen oder meinem Schatz die Ohren vollzuquatschen - so wie letzten Samstag beim Spiel Österreich gegen Italien. Denn obwohl meine Landsleute verloren haben, haben sie es doch ihrem überaus starken Gegner nicht leicht gemacht. Selbst im Ausland wird dieses Spiel als das bisher spannendste der Saison bezeichnet. Und doch kann ich es nur mit Vorbehalt genießen - denn wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, läuft bei mir das Hirn leider immer im Hintergrund mit. Und dabei kommt nicht immer was Gutes heraus.

Schon allein die Tatsache, dass die Europameisterschaft im Jahr 2021 stattfindet, sich aber immer noch "EM 2020" nennt, treibt mich in den Wahnsinn, auch wenn ich noch so sehr weiß, da es da um die Verträge geht, die ansonsten angepasst werden müssten. Wahrscheinlich geht es auch darum, dass man sonst die ganzen Colaflaschen, Chipspackungen und Panini-Alben neu bedrucken hätte müssen. Aber das ist i-Tüpfelchen-Reiterei, besonders im Vergleich zu all dem anderen, was mich an dieser Fußball-Maschinerie so verdammt sauer macht. Nun ist es für mich selbstverständlich absolut nachvollziehbar, dass man nach beinahe eineinhalb Jahren Corona, Corona, Corona auch mal über etwas anderes diskutieren will. Und dass man die neu gewonnenen Freiheiten in vollen Zügen auskostet. Ich bin halt leider anders - ich kann nicht einfach ausblenden, was da im Hintergrund so alles abläuft. Denn Fußball ist nach außen hin selbstverständlich völlig harmlos, ja sogar integrativ - nicht zuletzt hat das runde Leder (auch wenn es mittlerweile nicht mehr ausschließlich Leder ist) auch meinem Freund bei der Integration gute Dienste geleistet. Aber hinter der Hochglanzfassade lauern Geldgier und Skrupellosigkeit, die auch über Leichen geht, wenn es denn sein muss.

Denn natürlich ist ein "Geisterspiel" öde, das Geschrei der Fans motivierend - allerdings vergessen wir leider nur allzu oft, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist. Wie man am Beispiel Ungarn und England gesehen hat, wo die Menschen sich maskenlos schreiend dicht an dicht gedrängt haben. Ja, ich weiß - was für eine spießige Spielverderberin ich doch bin! Aber ich sage mal so - ich möchte diese Freiheiten dauerhaft zurück und nicht nur über den Sommer. Auch wenn ich zugeben muss, dass es durchaus Einschränkungen gibt, die ich mir auch für die Zukunft vorstellen könnte - ich halte es zum Beispiel für eine total gute Idee, dass Fremde mir auch nach der Pandemie nicht mehr ihren schlechten Atem ins Gesicht husten dürfen. Und dass sich mein Hintermann in der Warteschlange nicht mehr einfach so, ohne dass wir auch nur einander vorgestellt wurden, an mich kuscheln darf. Aber was momentan in der EM oft veranstaltet wird, ist in etwa so wie Sex mit lauter Fremden ohne Kondom - wer die Konsequenzen trägt, darf sich nicht wundern. Vergessen wir nicht: Einer der schlimmsten Corona-Hotspots, der zu überlasteten Krankenhäusern und Krematorien sowie einer unfassbaren Menge an Toten geführt hat, war Bergamo - wo noch im März 2020 ein Europacup-Spiel stattfand, nachdem bereits die ersten Covid-19-Fälle von Personen, die keine Verbindung zu China gehabt hatten, gemeldet worden waren. Trotz dieses Wissens und trotz der Warnungen, dass die neue Delta-Variante, die sich aktuell in Großbritannien verbreitet, die Infektionszahlen wieder aufwärts treiben könnte, wird die EM als "Strahl der Hoffnung" beworben, als "Zeichen, dass eine gewisse Normalität zurückkehrt". Wie gesagt - ich möchte kein Spielverderber sein, ich möchte aber auch kein zweites Bergamo oder Ischgl.

Ganz allgemein habe ich allerdings den Eindruck, dass Fußball für viele bedeutet, eine Menge Extrawürste zu verteilen. So wurde zu Beginn der Pandemie noch möglichst oft in möglichst vollen Stadien gespielt - etwa in Leipzig unmittelbar vor dem damals bereits absehbaren Lockdown, wo sich noch etliche Fans nachweislich schön angesteckt haben. Und auch in Zeiten, als der Rest der Welt sich zu Hause verschanzen musste, musste die Bundesliga weitergehen - bedeutet ja Kohle -, während Kindern der Mannschaftssport im Freien verboten war. Und auch Infektionsschutz für die Spieler war zu diesen Zeiten ein Fremdwort - warum auch, das sind ja schließlich Fußballgötter, und Götter sind bekanntlich über alles und jeden erhaben.

Ein weiterer Punkt ist, dass sich sowohl FIFA als auch UEFA in ihren Statuten gegen jede Art von Diskriminierung aussprechen - Stellung beziehen funktioniert allerdings nur, solange es nicht zu unbequem ist. Und so strahlen uns aus den Fußball-Werbespots alle Farben des Regenbogens entgegen, während die Allianz-Arena in München diese nicht tragen darf, während Deutschland gegen Ungarn antritt - jenes Land mit Viktor Orbán als Staatsoberhaupt, welcher ein Gesetz nach dem anderen verabschiedet, das seine Feindseligkeit gegenüber der LGBTQI+-Community mehr als deutlich macht. Erst eine Woche zuvor wurde die Aufklärung über Homosexualität und Transgender in Schulen sowie Werbung und für Kinder und Jugendliche zugängliche Medien, in denen nicht hetero-normative Personen als Teil der Normalität dargestellt werden, verboten. Nun nahm die UEFA bereits Ermittlungen gegen den DFB auf, als Manuel Neuer, Torwart und Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, seine Armbinde in den Farben des Regenbogens trug - ein klares und wichtiges Zeichen der Solidarität gegenüber der LGBTQI+-Community. Dem DFB drohte eine Geldstrafe. Begründung: Das Tragen der Regenbogenfarben sei keine Vertretung von Werten, sondern ein politisches Statement, was laut der Statuten der UEFA verboten sei. Immerhin bewirkte der öffentliche Druck, dass die UEFA die Ermittlungen am selben Abend noch einstellte. In den Regenbogenfarben erstrahlen durfte die Allianz-Arena trotzdem nicht - und Péter Szijjártó, der Außenminister Ungarns, entblödete sich nicht, darauf hinzuweisen, dass gerade Deutschland wissen müsse, dass es schlecht sei, Sportveranstaltungen mit Politik zu vermischen. Ein geschmackloserer Vergleich als die Solidarität mit der Queer-Community mit der NS-Vergangenheit Deutschlands fiel ihm nicht ein, oder wie? Der Witz dabei: Obwohl die UEFA das Verbot der Regenbogenfarben damit begründete, politisch neutral zu sein, ist gerade diese Reaktion alles andere als das. Denn den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, sich nur dann gegen Diskriminierung zu stellen, wenn es gerade bequem ist und es dort zu unterlassen, wo es unangenehm werden könnte, ist bereits ein politisches Statement, ob es der UEFA nun passt oder nicht. Denn damit gibt sie zu verstehen, dass Menschenrechte dort aufhören, wo der Fußballplatz beginnt.

Und das ist eines der größten Probleme dieses Vereins - denn damit macht er sich argumentativ gemein mit Diktatoren und Faschisten. Denn auch diese erklären Sport für komplett unpolitisch, nutzen diesen aber für ihre politische Agenda. Denn das Symbol für LGBTQI+, die Regenbogenfahne, kommt gerade recht, solange es in der Werbung gut aussieht, und Statements gegen Rassismus sind inzwischen obligatorisch. Darüber, dass nicht-weiße Spieler des DFB und ÖFB abseits des Spielfeldes immer noch rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sind, wird allerdings der Mantel des Schweigens gebreitet. Ebenso, wie auch sonst nicht viel Wert auf Menschenrechte gelegt wird, sobald es um die Kohle geht - das beweist schon der Umstand, dass die dänische Nationalmannschaft weiterspielen musste, nachdem Christian Eriksen auf dem Spielfeld bewusstlos zusammengebrochen war und vom Platz getragen werden musste. Ein tolles Vorbild, diese UEFA - Mitgefühl spielt keine Rolle, wenn die Kohle stimmen muss, im Gegenteil, es ist eher lästig. Wie im alten Rom: Das Volk braucht Brot und Spiele, um zufrieden zu sein, selbst wenn man dafür über Leichen geht - wenn auch im Fall von Eriksen nur potenziell, denn zum Glück ist er noch am Leben. Ganz abgesehen davon spielt man mit mehreren Austragungsorten nicht nur der Pandemie in die Hände, sondern tut auch dem Klima keinen Gefallen.

Wenn es um die Fußball-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr geht, wird es allerdings noch deutlich schwieriger - denn in Katar, das diese ausrichten soll, wird Sexualität, die vom Hetero-Normativen abweicht, strafrechtlich verfolgt. Ganz abgesehen davon, dass schon die Vergabe der WM 2022 an ein Land, das nicht gerade als "Fußballnation" glänzt, nicht nur für mich mehr als fragwürdig ist - ich denke, es besteht kein Zweifel, dass da eine Menge Geld geflossen ist. Da spielt die allgemein ziemlich unterirdische Menschenrechtslage im Emirat natürlich keine Rolle mehr - etwa die brutalen Arbeitsbedingungen an den Baustellen, die in den letzten zehn Jahren laut The Guardian insgesamt 6.751 Arbeitsmigranten aus Bangladesch, Indien, Nepal, Pakistan und Sri Lanka das Leben kosteten - die Todesfälle unter Arbeitsmigranten aus Kenia und von den Philippinen sind in dieser Statistik gar nicht enthalten, da über diese keine Auskunft gegeben wird, aber alles in allem kann man von knapp 2 Millionen Todesfällen unter Arbeitsmigranten ausgehen. Und darunter sind auch jene, die die Stadien für die kommende Weltmeisterschaft errichtet haben: möglicherweise das tödlichste Bauprojekt seit Errichtung der Pyramiden von Gizeh.

Alles in allem gibt es gute Gründe, auf den Genuss großer Fußballveranstaltungen zu verzichten - auch wenn ich durchaus gut nachvollziehen kann, dass nicht jeder das möchte. Und ich insgesamt der Meinung bin, dass man die Korruption der einzelnen Vereine zuallerletzt den Fans zur Last legen soll - das ist ebenso eine Verschiebung des Problems, wie die Verantwortung für die Ausbeutung von Plantagenarbeitern ausschließlich in die Hände des Konsumenten zu legen (und damit sage ich nicht, dass wir nicht eine gewisse Mitverantwortung tragen). Und entgegen vieler anderer Nicht-Fans bin ich nicht nur nicht der Ansicht, dass alle Fußballer und alle Fußballfans dumm sind, ich erlebe auch selbst, dass der Intellekt unter jenen, die der runden Leder-PVC-Mischung (hihihi) zugetan sind, genauso heterogen ist wie bei vielen anderen Gruppen. So habe ich den Eindruck, dass der österreichische Nationalspieler David Alaba durchaus etwas im Kopf hat, während ich bei Marko Arnautović und Ex-Spieler Ivica Vastiċ manchmal ein bisschen daran zweifle. Aber natürlich kann es auch sein, dass ich mich irre - in diesem Fall möchte ich mich bei den beiden letzteren, zweifellos hoch talentierten Persönlichkeiten entschuldigen. Selbstverständlich kann man ein glühender Fußballfan und trotzdem kritisch gegen die Vereins-Maschinerie sein. Und natürlich können diejenigen, die mich wirklich gut kennen, mir auch zur Last legen, dass ich selbst immer sehr ungern und schlecht Fußball gespielt habe. Aber das ist eine andere Geschichte.

vousvoyez

Samstag, 26. Juni 2021

Sollte ich jemals einen elektrischen Stuhl haben, werde ich umgehend meine Ernährung umstellen

@roaming_angel
Dass die richtige Ernährung immens wichtig für die Entwicklung ist, wissen wir ja schon länger. Ebenso wissen wir auch, dass eine gute Schulbildung essenziell ist, um im Leben weiterzukommen. Nun, ich habe ja schon in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass wir in einem höchst veralteten Bildungssystem feststecken, an dem lediglich ein paar Veränderungen vorgenommen wurden, die man, bezogen auf die Gesamtsituation, eigentlich nur "kosmetisch" nennen kann. Denn nach wie vor geht es eigentlich nur darum, eine Unmenge an Inhalten auswendig zu lernen, die man, nachdem sie abgeprüft wurden, sofort wieder vergisst.

Doch nicht nur das ist es, was momentan im Argen liegt - eine Gesundheitskrise, wie man sie seit einem Jahrhundert nicht mehr erlebt hat, hat Schüler weltweit ins Home Schooling verbannt, wo ihr bildungstechnisches Fortkommen von der technischen Ausrüstung ihres Haushalts und dem Engagement der Eltern abhing, dazwischen mussten sie im Klassenzimmer frieren, weil das einzige, was man den Sommer über zustande gebracht hatte, die Empfehlung war, ausreichend zu lüften. Und als ob das noch nicht genug wäre, mussten die jungen Leute auch noch auf das allermeiste verzichten, was Jugend eigentlich ausmacht: Reisen, Konzerte, Partys, neue Leute treffen - klar, alles nicht lebensnotwendig, aber uns möchte ich mal sehen, wenn man das in diesem Alter von uns verlangt hätte! Und jetzt, wo die Impfung da ist, müssen die Jungen sich ganz hinten anstellen, weil Covid-19 nun mal für andere gefährlicher ist und diese deshalb priorisiert werden. Die meisten von ihnen haben die Situation auch durchaus verstanden und sich zurückgehalten - mittlerweile haben wir die Situation aber wieder halbwegs im Griff, und so bevölkern die jungen Leute zum Feiern die Parks, öffentlichen Plätze und Flussufer - und rufen regelmäßig die Polizei auf den Plan. In meiner Stadt ging das so weit, dass ein Hetzartikel der FPÖ mit einem reißerischen Video, das alle Skater als Kriminelle hinstellte, zu einem "Trickverbot" für Skater und Innen auf öffentlichen Plätzen führte.

Aber genug der Jammerei - jetzt hat das ja alles ein Ende. Der Lockdown ist vorbei, die jüngeren Schüler haben sogar einen Ninja-Pass bekommen. Wie cool ist das denn - ein Ninja-Pass! In den man jedes Mal, nachdem man negativ getestet wurde, ein Pickerl einkleben kann. Das ist so ungerecht - ich will auch einen Ninja-Pass! Auch wenn ich schon 37 bin! Und nicht nur das - die Schüler sollen an diesem Montag noch zusätzlich von unserem heißgeliebten Bildungsminister Heinz Faßmann für ihre Engelsgeduld belohnt werden, damit alle Welt sieht, in was für einem glücklichen Land wir doch leben und wie lieb die türkise Familie doch ist. Denn nachdem im letzten Jahr auf allen Balkonen für Krankenhauspersonal und Pflegekräfte geklatscht wurde, auch wenn sie sich davon nichts kaufen konnte, aber immerhin, bekommt die Jugend nun ein Konzert spendiert, das online in alle Klassenzimmer übertragen wird! Und wer sind die illustren Musiker, die dafür engagiert wurden? Nun, auf dem Programm stehen Pizzera & Jaus (zugegeben, die sind noch okay), Alle Achtung (häää?), Tina Naderer (wer is'n des?) und DJ Ötzi!

Nun, wie muss ich mir diese Entscheidung im Bildungsministerium vorstellen? Saßen die da alle zusammen und diskutierten? "Ist der David Hasselhoff noch hip bei der Jugend?" - "Naaa, i glaub, die mögen eher diesen ... no ... den ozwickt'n Schweizer do, oder net?" Und dann steht ein Beamter um die 60 auf, total begeistert: "Ich glaub, der DJ Ötzi ist gerate to-tal angesagt!" Wahrscheinlich tritt der Bildungsminister vor dem Konzert dann auch besonders "jugendlich" auf - Basecap, Hoodie und Baggy Pants, alles verkehrt herum angezogen, das hat er sich bei Criss Cross abgeschaut. Und wenn das Konzert vorbei ist, kommt er dann noch einmal auf die Bühne und fragt gönnerhaft lächelnd: "Und, hobt's scho Ohrenbluten? Jo? Jo?"

Nun, nichts gegen Geri Friedle persönlich, ich finde ihn in seinen Interviews äußerst sympathisch - aber ernsthaft? Das ist, als würde man zu Weihnachten ein paar lange Unterhosen geschenkt bekommen. Oder, als hätte man uns als Jugendliche ein Udo-Jürgens-Konzert spendiert. Andreas Gabalier und die Zillertaler Schürzenjäger waren schon vergeben, oder wie? Heintje hat abgesagt, Catarina Valente wollte die Fahrtspesen zurück und Jopi Heesters ist leider viel zu früh verstorben? Oder will man die Jugend etwa schon mal prophylaktisch in die Après-Ski-Kultur einführen, damit die Super-Spreader-Events bei der nächsten Pandemie nicht verlorengehen und das Kitzloch sich nicht einsam fühlt? Zumal DJ Ötzi bereits in meiner Generation die Jugend gespaltet hat - ich für meinen Teil fand sie immer schon schrecklich. Ich meine - ist die Jugend nach Distance Learning und Maskenpflicht nicht schon genug gestraft? Was kommt denn dann als nächstes - die Wiedereinführung von Karzer und Rohrstock? Oder will man ihnen nach den Sommerferien wieder "was Gutes tun" und führt die gute Fee ein, die einem mit Flügeln auf dem Rücken und Zauberstab in der Hand die Gurgeltests überreicht? Oder ein Flötenkonzert von Basti und Gernot zu Schulbeginn? Ich finde, es ist allmählich Zeit, Anzeige in Den Haag zu erstatten - denn eigentlich ist die Europäische Menschenrechtskonvention in unseren Grundrechten verankert. Was auch bedeutet, dass seelische Grausamkeit verboten ist. Wie unser Kanzler einst sagte, als er vor dem Trümmerhaufen der geplatzten Koalition stand: Genug ist genug!

Theoretisch hätte man das Geld, das man dafür aufwendet, in bessere Ausstattung der Klassenzimmer, etwa die lang ersehnten Luftfilter, und in einen Ausbau der Digitalisierung stecken können. Denn die Pandemie ist noch nicht vorbei, und das letzte Jahr sollte uns eigentlich gelehrt haben, dass die Fallzahlen im Herbst möglicherweise wieder ansteigen könnten. Stattdessen wird an allen Ecken und Enden gespart, werden Posten gestrichen und Ressourcen gekürzt. Aber okay, das ist wohl der Ausgleich dafür, dass der Musikunterricht zu jenen Fächern gehört, die schon seit Jahrzehnten als erste von eventuellen Sparmaßnahmen betroffen sind. Und hey, die Jugend ist sicher ganz begeistert davon, im stickigen Klassenzimmer zu sitzen und sich eine Musik reinzuziehen, die Lichtjahre von ihrer Gegenwart entfernt ist. Eigentlich könnte man sich denken, dass die junge Generation nach den Lockdowns mal genug von gestreamten Inhalten hat - aber das Bildungsministerium scheint jetzt erst recht auf den Geschmack gekommen zu sein. Auch wenn jenen, die dort sitzen, eigentlich bekannt sein sollte, dass die letzten Schulwochen eher für Ausflüge und Projekte genutzt werden, aber man darf nicht undankbar sein: Diese Initiative legt zumindest offen, wieviel Ahnung das Ministerium von der Lebenswirklichkeit der Jugend hat. Aber vielleicht sollten wir einfach froh sein, dass es keine gemeinsame Singstunde geben wird - mit Liedern aus dem Rotweißroten Liederbuch von Willi Molterer, Liesi Gehrer und Wolfi Schüssel. Zumindest haben dann die Lehrer ein adäquates Druckmittel: "Wenn ihr brav seid's, gemma Eis essen - wenn ihr schlimm seid's, schau ma DJ Ötzi." Eigentlich kann man da nur mit den Worten der Regierung antworten: Schau auf dich. Bleib zu Hause. Abstand ist die beste Medizin.

(Und ein kleiner Hinweis an alle, die gern shitstormen: Lasst die Künstler in Ruhe! Die können nichts dafür.)

vousvoyez

Samstag, 19. Juni 2021

Wer heute noch eine Bank überfällt, gehört wegen Dummheit in den Knast

https://unsplash.com/@kellysikkema
Wobei Dummheit ja bekanntlich nicht strafbar ist - auch wenn man es sich mitunter wünschen würde, wenn man das eine oder andere Exemplar der Gattung homo sapiens so betrachtet. Da hilft es auch nichts, wenn die Gescheiten das Wort sapiens (weise) hinten dranhängen. Alles, was da hilft, ist, die Sachen mit Humor zu nehmen. Auch wenn es manchmal etwas schwer fällt. Besonders, wenn man sich durch die Untiefen des Internets klickt. Wo ja nicht nur Schwurbelinos und Schwurbelettas zu finden sind, sondern auch Influencer.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe per se kein Problem mit Influencern - das ist ja doch ein recht dehnbarer Begriff. Ich habe nur ein Problem damit, dass manche von ihnen einfach alles machen, um an möglichst viel Geld zu kommen. Gut - ich muss deren Kanäle ja nicht ansehen. Aber das Ding ist halt, dass die kunterbunte Welt der Klicks und Likes auch einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die jüngere Generation hat. Nun gut - auch wir Älteren orientierten uns in den Jahren der Kindheit und Adoleszenz an Idolen aus der Welt der Reichen und Schönen. Der Unterschied war halt, dass wir eine weitaus weniger starke emotionale Bindung zu ihnen hatten - das ist in den interaktiven Medien doch um einiges anders. Und dass es noch keine digitalen Medien gab, zu denen man überall und jederzeit Zugriff hatte - um ins Internet zu gelangen, waren damals weitaus mehr logistische Hürden zu überwinden, um Musik zu hören, war man auf das Radio und CDs angewiesen. Wobei es natürlich auch damals schon genug Blödsinn gab, mit dem man sich als Kind und Teenager berieseln lassen konnte - aber die Dynamik hat sich durch Reality TV und Social Media doch sehr geändert. In meiner Jugend wollten die meisten Popstar oder Model werden; heutzutage will man Influencer werden. Und viele schaffen es bereits in sehr jungen Jahren - und mit vergleichsweise wenig Aufwand. Andere wiederum sind bereits berühmt, bevor sie alt genug sind, zu entscheiden, ob sie das überhaupt wollen. Denn das Internet eröffnet nicht nur aufstrebenden jungen "Talenten", rund um die Uhr ihr tolles Leben zu feiern, sondern auch Familien, einem zu jeder Zeit ihr perfektes Leben unter die Nase zu reiben. Und dabei so zu tun, als wären Ehe und Kindererziehung ein Klacks. Wobei häufig verschwiegen wird, dass es vor allem der frühe Ruhm ist, der Mittzwanzigern ein Luxusleben plus eigener Familie ermöglicht.

Was vorwiegend sehr junge Follower nicht durchschauen, ist, dass die Anbiederung an das Publikum, die Präsentation des (vermeintlichen) Privatlebens, die Inszenierung des Familienlebens und die Förderung des eigenen Sprösslings inzwischen schon ein sehr lukratives - und bisweilen auch knallhartes - Business geworden sind. Und dass da so nebenbei einige Gesetze und Richtlinien umgangen werden - auch und gerade solche, die den Jugendschutz regeln. Vor zwei Jahren hat YouTube unter fast allen Videos mit Kinder-Protagonisten die Kommentar-Funktion gesperrt, nachdem aufgefallen war, dass diese häufig von unangemessenen, teilweise sogar pädosexuellen Kommentaren geflutet wurde. Dies ist selbstverständlich ein großer Schritt in die richtige Richtung - dennoch sind sowohl Behörden als auch Accounts teilweise doch ziemlich lasch, wenn es darum geht, Minderjährige zu schützen. Zumal etwa die Kommentarfunktion von Familienblogs, auf denen ja häufig noch kleinere Kinder zu sehen sind, nach wie vor uneingeschränkt genutzt werden kann. Und viele, sehr viele Eltern leider ziemlich gedankenlos sind, wenn es um die Präsentation ihrer Kinder im Netz geht - sei es aus Unwissenheit oder Ignoranz. Ich kann's ja auch irgendwie verstehen - ich habe zwar keine Kinder, aber als frischgebackene Mutter wäre ich mit Sicherheit ebenso stolz auf meinen Sprössling wie die meisten anderen Mütter und hätte vielleicht das Bedürfnis, dies mit der ganzen Welt zu teilen. Und ich freue mich auch, wenn ich ab und zu mal die Familie von Leuten sehe, mit denen ich sonst nicht mehr so viel Kontakt habe. Aber es gibt eben Dinge, die nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt sind - und nicht nur das, meiner Ansicht nach haben Kinder bis zu einem gewissen Alter nichts im Internet verloren, zumindest nicht im öffentlichen Kontext. Und die meisten Social-Media-Plattformen sind, zumindest ihren Nutzungsbedingungen zufolge, der gleichen Ansicht - Profile dürfen bei den meisten erst ab 13, bei manchen gar erst ab 16 Jahren angelegt werden. Zumindest theoretisch - praktisch kümmert es weder YouTube noch Facebook oder Instagram, wie alt die Person hinter dem Account ist. Lustigerweise ist es gerade TikTok, jene App, die aktuell häufig in der Kritik steht, die noch am ehesten auf die Einhaltung ihrer Nutzungsbedingungen pocht und schon mal Profile löscht, deren Betreiber eindeutig zu jung sind. Besonders auf Instagram umgehen viele Eltern hoffnungsloser Jung-Influencer dieses "Problem", indem sie die Accounts ihrer Sprösslinge auf ihren eigenen Namen laufen lassen. Und nicht nur die Nutzungsbedingungen dieser Plattformen, auch das Verbot von Kinderarbeit sowie die Persönlichkeitsrechte der Kinder werden hier häufig umgangen - teilweise wird sogar permanent die Intimsphäre verletzt.

Denn selbstverständlich nutzen Influencer-Eltern gerne die Niedlichkeit ihrer Kinder, um Klicks zu generieren. Und so gibt es auf YouTube inzwischen unzählige Kanäle, die sich hauptsächlich um den Familienalltag mit kleinen Kindern drehen. Und leider kennen einige der Betreiber da keine Grenzen - so werden den Kleinen "lustige" Streiche gespielt, man wird permanent über ihren Gesundheitszustand, die Konsistenz ihres Stuhlgangs und ihres Erbrochenen informiert, sie werden unzensiert in der Badewanne, im Pool, im Bett oder beim Kinderarzt gezeigt. Manche präsentieren sogar den Inhalt der Schubladen in ihren Kinderzimmern, einschließlich jener, in denen Badezeug und Unterwäsche aufbewahrt werden. Rückzugsorte und Privatsphäre? Fehlanzeige. Was in Zukunft nicht nur für die Kinder zum Problem werden könnte, deren Klassenkameraden jeden Aspekt ihres Lebens kennen, bevor sie sie selbst zu Gesicht bekommen haben, sondern auch für die Eltern, sollte der eine oder andere Sprössling irgendwann auf die Idee kommen, rechtlich gegen die inflationäre Zurschaustellung ihres Lebens vorzugehen.

Jetzt können wir natürlich einwenden, dass Kinderstars kein ganz neues Phänomen sind - der Unterschied ist allerdings, dass das Setting sich inzwischen deutlich verändert hat. Denn Kinderstars meiner Generation oder älter hatten zum einen ein Leben außerhalb ihres Star-Daseins, während Influencer-Kinder rund um die Uhr damit konfrontiert werden; zweitens fungieren die Eltern von Stars aus Film und Fernsehen selten auch noch gleichzeitig als Arbeitgeber; drittens gibt es für die Arbeitszeiten dieser Kinderdarsteller feste Regeln, auf die bei minderjährigen Influencern häufig bei weitem nicht so viel Wert gelegt wird; viertens ist der Schutz von Kinderstars aus dem Internet bisweilen gar nicht oder nur mangelhaft gegeben. Bis jetzt weiß ich von genau einer Familie, die sich eine Arbeitsgenehmigung für ihre Tochter besorgt hat und regelmäßig Rücksprache mit den zuständigen Behörden hält - und auch das scheint nicht ganz freiwillig zu sein. Nun ist es natürlich nicht dasselbe, in afrikanischen Diamantminen oder asiatischen Textilfabriken zu schuften, wie Videos zu drehen und gestellte Fotos zu posten - aber ja, auch das ist Erwerbsarbeit, wenn auch eine mitunter sehr gut bezahlte. Aber selbstverständlich würden fürsorgliche Influencer-Eltern niemals zugeben, dass das, was ihr Nachwuchs vor der Kamera veranstaltet, Arbeit ist - die machen das ja freiwillig und haben dabei so viel Spaß! Nun, ich möchte nicht bestreiten, dass die Kinder beim Produzieren der Videos nicht tatsächlich Spaß haben - was jedoch häufig unterschätzt wird, ist, dass Kinder nicht nur wirtschaftlich, sondern auch emotional von ihren Eltern abhängig sind. Und wenn Mami sich freut und besonders lieb zu dir ist, wenn du ein bestimmtes Verhalten an den Tag legst, dann machst du es natürlich total "gerne". Die Frage ist halt nur, ob Mami auch einverstanden ist, wenn du keine Videos mehr machen willst - wird sie deine Entscheidung respektieren oder wird sie dir ein schlechtes Gewissen machen, damit du es dir noch einmal überlegst? Schwierig wird es vor allem dann, wenn das Influencer-Dasein die Kinder so sehr einschränkt, dass sie keine Zeit mehr haben, um einfach nur Kind zu sein. Und wenn es schon mehr oder weniger den Lebensunterhalt seiner gesamten Familie bestreitet. Im Jahr 2019 war der siebenjährige US-Amerikaner Ryan Kaji der bestverdienende Influencer der Welt - der Junge generiert mit seinen Videos, in denen er Sachen auspackt und mit neuen Spielsachen spielt, jedes Jahr Beträge in Millionenhöhe. Doch auch die sechsjährige Russin Nastya gehört mit ihren in schlechtem Englisch gehaltenen Videos mittlerweile zu den Topverdienern. In Frankreich gibt es inzwischen ein Gesetz, das sich an dem amerikanischen Coogan Act von 1939 orientiert und gewährleisten soll, dass nicht der gesamte Verdienst des Kindes an die Eltern ausbezahlt wird, sondern ein Teil auf ein Treuhandkonto überwiesen wird, auf das es ab dem 16. Lebensjahr Zugriff hat - dieses soll dafür sorgen, dass der Erlös dieser Tätigkeit nicht vollständig von den Eltern ausgegeben wird, wie es bei dem Jungschauspieler Jack Coogan, nach dem das amerikanische Gesetz benannt ist, geschehen ist.

Doch das Problem ist nicht nur die mögliche wirtschaftliche Ausbeutung der Kinder - kritisch gesehen wird auch die Schleichwerbung, die durch diese Videos ins Netz gerät. Denn Kaufaufforderungen, die direkt an Kinder gerichtet werden, ist verboten - aber sie ist auch gar nicht mehr notwendig, wenn Kinder die Produkte in die Kamera halten und vorführen.  Und spätestens da kann man sich durchaus fragen, ob es in diesen Videos tatsächlich um die Interessen der Kinder geht oder nicht doch eher um die der Erwachsenen. Influencer entwickeln eine emotionale Bindung zu ihren Zuschauern, weshalb ihre Kaufempfehlungen häufig als vertrauenswürdiger empfunden werden, weshalb sie für große Konzerne sehr wertvoll sind. Klar werden Kinder in einer Konsumgesellschaft bereits von klein auf mit Werbung konfrontiert - aber ist das deswegen auch richtig, sie bereits in einem Alter mit Werbung zuzuballern, in dem sie diese noch gar nicht von anderen Informationen unterscheiden können? Ich muss ganz ehrlich sagen, ich zweifle daran. Noch schräger wird es, wenn Kinder Gewinnspiele bewerben, deren Teilnahme Minderjährigen gar nicht erlaubt ist - auf einem Kanal, der angeblich ausschließlich "von Kindern für Kinder" konzipiert ist. Kurz zusammengefasst: Es ist offensichtlich, dass hinter solchen Kanälen Erwachsene die Strippen ziehen. Und ebenso wie die Eltern, verdienen auch die Plattformen ordentlich an ihnen - was wohl auch der Grund ist, warum es diese mit dem Kinderschutz mitunter nicht so genau nehmen.

Die Frage ist natürlich, welche Auswirkungen dies auf die Entwicklung der Protagonisten dieser Accounts hat. Schon auf erwachsene Privatpersonen kann sich der ständige psychische Druck, der durch den unterbewussten Anspruch auf Likes und Reaktionen entsteht, verheerend auswirken - wie aber mag dies für Kinderstars sein, die rund um die Uhr mit ihrem Ruhm konfrontiert sind? Ganz zu schweigen von den Hasskommentaren, mit denen auch schon die Jüngsten konfrontiert sein können. Eine vierzehnjährige Influencerin kokettiert häufig mit depressiven Verstimmungen - natürlich kann man behaupten, sie tue das nur für die Aufmerksamkeit, aber weiß man es denn? Und selbst wenn - ich habe in einem anderen Artikel schon erläutert, dass man solche Verhaltensweisen immer erst nehmen sollte. Und es ist mir auch schleierhaft, dass da niemand einschreitet. Hinzu kommt, wie schon zuvor angemerkt, auch die durchaus nicht zu unterschätzende Sexualisierung, die hier oft stattfindet. Ein Elternpaar steckt seine kleine Tochter in eine Meerjungfrauenflosse und filmt sie schwimmend im Pool, weil dies sehr viele Klicks bringt - dessen sind sie sich sehr wohl bewusst, sonst würden sie dies nicht tun. Sind sie sich jedoch auch dessen bewusst, dass diese Klicks möglicherweise von Personen kommen, von denen Eltern im normalen Leben eher nicht wollen, dass sie ihre Kinder beobachten? Generell erfolgen die meisten Reaktionen häufig auf Fotos und Videos, in denen besonders viel nackte Haut zu sehen ist. Und dass auf Accounts, auf denen das Kommentieren möglich ist, häufig Profile von eindeutig älteren Männern zu finden sind, die Herzchen- und Flammen-Emojis posten. Und dies betrifft nicht nur professionelle Influencer - häufig passiert das auch auf Accounts von Kindern und Jugendlichen, die ganz augenscheinlich nicht unter Aufsicht der Eltern entstanden sind. Das Gefährliche hierbei ist, dass sich Kinder der Konsequenzen ihrer Handlungen noch nicht im selben Maße bewusst sind wie Erwachsene - sie eifern ihren volljährigen Influencer-Vorbildern nach, ohne sich etwas dabei zu denken. Vor allem auf TikTok hat das in den letzten Jahren zu Trends geführt, bei denen es, um es vorsichtig auszudrücken, etwas komisch wird. Ein Trend, der im letzten Jahr vor allem in den USA sehr beliebt geworden ist, ist der der sogenannten E-Girls und E-Boys - eine Jugendkultur, die Elemente der Skater-Kultur, Cosplay, Hip-Hop, Gothic, Emo, Rave und ein wenig 90er-Nostalgie in sich vereint. Besonders Mädchen interpretieren diesen Look oft sehr sexy, mit sehr kurzer Kleidung, die den japanischen Schuluniformen nachempfunden ist, und offensiv anzüglichem Verhalten. Beliebt ist hierbei vor allem etwas, das in der japanischen Hentai-Kultur - also pornographischen Animes - als Ahegao bezeichnet wird und einen bestimmten Gesichtsausdruck im Zustand sexueller Ekstase beschreibt. Und versteht mich jetzt nicht falsch - es liegt mir fern, alle Männer oder generell alle Erwachsenen, die sich solche Kanäle ansehen, zu diskreditieren und der Pädophilie zu bezichtigen. Aber gerade bei Accounts mit sehr vielen Abonnenten und durchaus auffälligen Kommentaren liegt die Vermutung durchaus nahe, dass unter den Zuschauern auch der eine oder andere ist, den man als alles andere als vertrauenswürdig klassifizieren kann.

All diese Punkte sind durchaus ein Grund, Accounts, bei denen Kinder im Vordergrund stehen, mit Vorsicht zu genießen - besonders jene, bei denen der Eindruck entsteht, dass der Umgang der Erwachsenen mit diesen etwas zu sorglos erfolgt. Ich gehe bei diesen Eltern nicht davon aus, dass diese ihren Kindern bewusst schaden wollen - ich habe selbst erlebt, dass viele mir nicht glauben wollten, als ich versuchte, ihnen zu erklären, dass es nicht ratsam ist, halbnackte Kinder öffentlich auf Social-Media-Profilen zu posten. Viele gehen wahrscheinlich davon aus, dass das doch okay sein muss, weil andere es doch auch machen - und weil sie von offizieller Seite eher selten darauf hingewiesen werden, dass das, was sie tun, möglicherweise problematisch sein könnte. Möglicherweise haben einige auch eine ähnliche Haltung dazu wie manche zur Kunst - was auch als Hobby ausgeübt werden kann, kann doch keine "richtige" Arbeit sein! Zudem behaupten so manche Influencer, die schon bekannt waren, bevor sie Kinder bekamen, gerne, sie hätten keine andere Wahl, da ihre Kinder doch ohnehin wahrscheinlich irgendwann heimlich fotografiert und ihre Bilder in die Öffentlichkeit gelangen würden. Dazu kann ich nur sagen - es gibt etliche Prominente, deren Familien man gar nicht kennt. Selbst Heidi Klum, die ihre Mutterschaft durchaus auch öffentlich ausgeschlachtet hat, hat es hinbekommen, ihre Kinder vor der Öffentlichkeit zu verbergen, bis sie 16 waren. Mit anderen Worten, ich halte das eher für eine Ausrede - zumal bei jenen, die schon ihre Schwangerschaft inflationär thematisieren, irgendwie klar ist, dass sie sich eine solche Chance auf noch mehr Klicks und Reichweite mit Sicherheit nicht entgehen lassen werden. Aber ja - ich habe keine eigenen Kinder, was natürlich bedeutet, dass ich dazu eigentlich gar keine Meinung haben darf, und außerdem bin ich ohnehin nur neidisch, weil ich mir kein Luxusressort in Dubai leisten kann. Ganz nebenbei: Ich möchte in Dubai nicht begraben sein, aber das ist eine andere Geschichte. Mit dieser bin ich einstweilen fertig - ein paar weiterführende Links findet ihr wieder darunter. Empfehlen kann ich etwa die Videos von Alicia Joe, die sich mit der Thematik noch weitaus mehr Mühe gemacht hat als ich. Für uns mich heißt es jetzt erst mal: Bis zum nächsten Mal, passt gut auf euch auf und übertreibt es nicht mit dem Feiern! Bon voyage!

vousvoyez

https://blog.youtube/news-and-events/more-updates-on-our-actions-related-to

https://www.spiegel.de/deinspiegel/kinder-als-influencer-auf-youtube-tiktok-und-instagram-jung-und-einflussreich-a-00000000-0002-0001-0000-000172431232

https://www.derstandard.at/story/2000089645234/neuer-trend-minderjaehrige-als-influencer

https://www.zeit.de/news/2020-07/22/wenn-kinder-als-influencer-geld-verdienen

https://www.dkhw.de/schwerpunkte/medienkompetenz/kinder-und-influencing/#:~:text=Sogenannte%20Kinder%2DInfluencer%2Finnen%20halten,Kan%C3%A4len%20speziell%20als%20Zielgruppe%20angesprochen.

Alicia Joe: https://www.youtube.com/watch?v=03_Jm883nAM

                  https://www.youtube.com/watch?v=bK055_gAXdg

Simplicissimus: https://www.youtube.com/watch?v=LevsIJHm9CU&t=0s

                          https://www.youtube.com/watch?v=nEEQ0X9jFKQ&t=0s

reporter: https://www.youtube.com/watch?v=T7V9FILRQoE

MrWissen2go: https://www.youtube.com/watch?v=EmZ9meLKQWA

mailab: https://www.youtube.com/watch?v=pkbm102QX6k

Walulis: https://www.youtube.com/watch?v=y3oUenSHeJU

              https://www.youtube.com/watch?v=ozwSyy8QbJE

              https://www.youtube.com/watch?v=sJzmvSSUuiw

Dienstag, 8. Juni 2021

Homöopathie hilft bei Demenz nicht, da man vergisst, an die Wirkung zu glauben

© vousvoyez
Generell ist bis heute nicht bewiesen, dass Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus eine Wirkung hat - aber bevor ihr mich alle mit Globuli bewerft: Ich habe kein Problem damit, wenn ihr anderer Meinung seid. Ich habe nur ein Problem damit, wenn man Homöopathie gegen die ach so böse "Schulmedizin" ausspielt - und damit das Leben von Menschen aufs Spiel setzt. Aber darum soll es jetzt hier nicht gehen - denn mit Schwurbel & Co. habe ich mich in letzter Zeit genug befasst. Deswegen dachte ich mir, ich wage mich heute wieder mal ins Reich der Sagen und Legenden - denn bei der Recherche stößt man bekanntlich meistens auf mehr Geschichten, als man auf einmal zu erzählen vermag. Und da ich meine Artikel bisher meist lose bestimmten Kategorien zugeordnet habe, werde ich mich heute dem weiten Feld der Kryptozoologie zuwenden.

Nun, was versteht man unter Kryptozoologie? Das Wort selbst hat seinen Ursprung im Altgriechischen (κρυπτός bzw. kryptos: geheim, verborgen; ζῷον bzw. zóon: Tier, Lebewesen) und bezeichnet eine Pseudowissenschaft, also eine Lehre, die nicht als seriöse Wissenschaft anerkannt ist, da sie deren Ansprüche nicht erfüllt. Und das ist keine Bewertung meinerseits, sondern der offizielle Standpunkt. Der Grund ist, dass sich die Kryptozoologie mit Tieren befasst, für deren Existenz es keine Belege gibt, die über Legenden, Berichte angeblicher Augenzeugen, verschwommene Fotos oder Filmaufnahmen und Ähnliches hinausgehen. Kryptozoologen beschäftigen sich aber nicht nur mit wahrscheinlich erfundenen, sondern auch mit Tierarten, die bereits als ausgestorben gelten, von denen es aber noch lebende Exemplare geben soll. Ein Beispiel für Letztere ist der erste Kryptid, mit dem ich mich heute beschäftigen will und der mit Sicherheit einer der bekanntesten ist - nämlich das Ungeheuer von Loch Ness.

Der bekannte Süßwassersee im schottischen Hochland in der Nähe der Stadt Inverness ist vor allem im Sommer von Touristen sehr gut besucht - verständlich also, dass Nessie in der Region äußerst beliebt ist, kommen doch einige vor allem in der Hoffnung, einen Blick auf das berühmte Monster werfen zu können. Meistens wird es als Plesiosaurier beschrieben, eine Reptilienart, die eigentlich zusammen mit den Dinosauriern ausgestorben ist - und die weitaus weniger eng mit diesen verwandt war, als es der Name vermuten lässt. Die erste schriftliche Erwähnung des berühmten Kryptiden erfolgte bereits im Jahre 565 in der Vita Columbae des irischen Abtes Adamnan, in der er beschrieb, wie Columban von Iona das Leben eines Pikten rettete, indem er dem Monster befahl, sich zurückzuziehen. Im Laufe der Jahrhunderte gab es immer wieder Berichte, die später auf Sichtungen des Loch-Ness-Monsters zurückgeführt wurden - richtig berühmt wurde Nessie allerdings erst im Jahr 1933, als erstmals regionale Zeitungen über das Wesen berichteten. Die Geschichte fand ihren Weg bis nach London, wo Zeitungen Reporter nach Schottland sandten - ein Zirkus bot sogar eine Belohnung für das Einfangen des Ungeheuers. Ein Jahr später tauchte das erste "Beweisfoto" auf, ein großes, im Wasser schwimmendes Tier mit langem Hals und kleinem Kopf. Sechzig Jahre später erzählte ein Reporter, der damals für die Daily Mail gearbeitet hatte, er habe das Foto gefälscht und, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen, den Namen eines Dritten benutzt. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme ist bis heute das berühmteste, angeblich "echte" Foto des sagenumwobenen Tieres - aber auch ich sehe darin nichts, was man nicht auch damals schon hätte fälschen können. 1972 machte eine Gruppe von Tauchern einige Unterwasserfotos - auf einem ist ganz unscharf etwas zu erkennen, das man mit etwas Phantasie als rautenförmige Flosse interpretieren könnte. Es gibt auch andere Fotos, die angeblich Nessie zeigen - etwa von Frank Searle, der sein Leben von 1969 bis 1985 der Suche nach dem berühmten Monster widmete, die aber hauptsächlich schwimmende Baumstämme zeigten. 2009 behauptete Jason Cooke in der britischen Boulevard-Zeitung The Sun, er hätte Nessie auf Google Earth entdeckt. Das angebliche Monster stellte sich allerdings als kleines Boot heraus.

Bereits im Juni 2003 wurde Loch Ness von einem Team britischer Wissenschaftler ausführlich untersucht - ein Monster wurde jedoch nicht gefunden. Und obwohl die meisten derer, die von der Existenz Nessies überzeugt sind, dahinter einen überlebenden Plesiosaurier vermuten, divergieren die Berichte über das Erscheinungsbild des mysteriösen Tieres zeitweise doch recht stark - beispielsweise gibt es auch Berichte darüber, dass Nessie einem anderen Fabelwesen, nämlich der in Skandinavien populären "Buckelseeschlange", ähneln soll, oder auch dem Basilosaurus, der eigentlich eine ausgestorbene Walgattung aus dem Eozän ist. Erste Behauptungen, dass es sich dabei um jenes Wesen aus dem Mesozoikum handeln könnte, stammen aus dem Jahr 1933 - kurz nachdem der Film Die Fabel von King Kong - Ein amerikanischer Trick- und Sensationsfilm in die Kinos kam, in dem ein solches Wesen vorkommt. Wie es aussieht, gibt es wieder mal mehr Argumente gegen als für die Existenz des beliebten Ungeheuers. Schade eigentlich.

Ein weiteres Monster, dessen Existenz bisher nie bestätigt werden konnte, ist der Allghoi Khorkoi, auch bekannt als Mongolischer Todeswurm. Dieses Wesen soll unter der Erdoberfläche der Wüste Gobi leben - einen Beweis dafür gibt es bisher nicht, aber die Araten, die dort ansässigen Nomaden, glauben fest an seine Existenz. Laut ihnen handelt es sich dabei um einen etwa 60 - 120 Meter langen Wurm mit einem weichen Körper und einer glatten, leuchtend roten Haut, die bei Gefahr Blasen wirft. Manche behaupten, er besäße keine sichtbaren Augen oder Mundwerkzeuge, weshalb man nur schwer erraten könne, wo bei dem Tier vorn und hinten ist - es gibt aber auch Darstellungen, bei denen es einen Mund aufweist, der mich entfernt an die Darstellung des Jabberwocky von Sir John Tenniel erinnert. Laut den Araten verbringt er die meiste Zeit seines Lebens im Untergrund und soll nur selten - bevorzugt bei Regen und meist im Juni oder Juli - an die Oberfläche kommen. Wenn er jedoch einmal auftaucht, ist er eine tödliche Gefahr für Mensch und Tier - denn die Blasen, die seine Haut bildet, sondern ein Gift ab, das alles in der Umgebung gelb färbt und sogar ein ausgewachsenes Kamel zur Strecke bringen kann, und überdies soll er, ähnlich einem Zitteraal, in der Lage sein, Stromstöße abzugeben. Der Mongolische Todeswurm soll vor allem auf die Farbe Gelb reagieren - hat er sein Opfer gefunden, bewegt er sich knapp unter der Erdoberfläche auf sein Ziel zu, streckt den Oberkörper heraus und beginnt, sich aufzublähen. Ein Entkommen gibt es nicht, aber Todesfälle durch den Allghoi Khorkoi sollen immerhin nur selten vorkommen. Auf der sicheren Seite ist man wohl, wenn man nichts Gelbes trägt oder bei sich hat und die Wüste Gobi im Juni und Juli meidet.

Einer jener Forscher, die sich auf die Suche nach dem Allghoi Khorkoi begaben, war der tschechische Autor Ivan Mackerle, der auch schon Nachforschungen vom Ungeheuer von Loch Ness gestellt hatte. Er hatte zufällig von einer mongolischen Studentin Geschichten zu dem sagenhaften Riesenwurm erfahren und stellte Nachforschungen an. Allerdings behauptete er, vor 1990 nichts in Erfahrung gebracht haben zu können, da Informationen über dieses Wesen vom kommunistischen Regime unterdrückt worden seien - und das, obwohl der Olgoj-Chorchoi, wie die in lateinische Buchstaben transkribierte russische Bezeichnung lautet, bereits in den 1940er Jahren Gegenstand eines russischen Science-Fiction-Romans dieses Namens gewesen ist, verfasst von dem russischen Schriftsteller und Paläontologen Iwan Jefremow. Dieser hatte in seiner Jugend selbst die Wüste Gobi bereist und war durch die Geschichten der mongolischen Nomaden zu diesem Roman inspiriert worden - der im deutschsprachigen Raum vor allem in der DDR sehr beliebt gewesen zu sein scheint. Anfang der 1960er Jahre befasste sich der russische Biologe und Autor Igor Akimuschkin in dem Buch Es gibt doch Fabeltiere! mit dem Wüstenwurm. Auch der amerikanische Forscher Roy Chapman Andrews, der in den 1920er Jahren wegen seiner Dinosaurier-Ausgrabungen berühmt geworden ist, erwähnte den Allghoi Khorkoi in seinem Expeditionsbericht. Aber gibt es den gefährlichen Riesenwurm wirklich?

Ihr könnt es euch schon denken - Wissenschaftler zweifeln an seiner Existenz. Was vor allem daran liegt, dass Würmer in der Wüste nicht überleben können, da sie keine Flüssigkeit speichern und daher auf Feuchtigkeit angewiesen sind. Das einzige Tier, das dem sagenhaften Todeswurm entfernt ähneln könnte, ist die australische Wüstentodesotter - was bedeutet, dass es entweder in der Wüste Gobi eine bisher noch unentdeckte Giftschlangenart gibt, oder er ist gänzlich der Phantasie der Araten entsprungen. Tja, wieder nix!

Ein weiterer bekannter Kryptid ist zweifelsohne der Bigfoot, der als übergroßes menschenähnliches Wesen mit dichtem Fell und überdimensionalen Füßen beschrieben wird, das mehrmals in den USA und Kanada gesichtet worden sein soll. Der in Kanada auch Sasquatch genannte Riese, von dem amerikanische Ureinwohner seit Mitte des 19. Jahrhunderts berichten, wird in fast allen Gebirgen der USA und Kanada, insbesondere in den Rocky Mountains, aber auch in den Waldgebieten von Texas vermutet. Von ähnlichen Wesen wird auch in Asien, etwa China, Malaysia und Indien, berichtet - bekannt ist etwa der Yeti aus dem Himalaya, von dem im Kloster von Khumjung im nepalesischen Khumbu sogar ein Skalp ausgestellt ist, der sich nach näherer Untersuchung allerdings als die Haut einer Bergziege herausstellte. Manche vermuten, dass es sich bei Bigfoot und Yeti um Überlebende einer ausgestorbenen Menschenaffen-Art handle - andere wiederum glauben, dass es sich bei den angeblichen Sichtungen dieser Wesen in Wirklichkeit um zufällig gerade aufrecht stehende Bären gehandelt habe. Tatsächlich vermutet der Südtiroler Bergsteiger Reinhold Messner in seinem Buch Yeti - Legende und Wirklichkeit, dass Leute, die von Sichtungen des legendären Schneemenschen berichteten, in Wirklichkeit den Tibetischen Braunbären oder den Kragenbären gesehen haben. Im Jahr 2011 wurde behauptet, ein Forscherteam habe Fußabdrücke sowie die Lagerstätte des Yeti gefunden - sie hatten sogar Haarproben mitgebracht, bei denen es sich jedoch laut Zoologen der Universität Stanford um die Haare von Bären und Pferden handelte. Weitere Proben wie Knochen, Zähne, Haut, Haar und Kot erwiesen sich ebenfalls als von Bären oder auch Hunden stammend - allerdings konnte so 2014 eine bislang unbekannte Bärenart entdeckt werden. Auch für die Existenz des Bigfoot gibt es bislang keinerlei wissenschaftliche Beweise - im Dezember 2002 bekannte der Sohn eines Holzfällerunternehmers, dass sein Vater mittels überdimensionaler, aus Holz geschnitzter Füße seit 1958 immer wieder einmal Fußspuren gelegt habe. Auch die existierenden Foto- und Filmaufnahmen konnten bislang alle als Fälschungen identifiziert werden. Am bekanntesten ist wohl der von Roger Patterson und Robert Gimlin im Jahr 1967 veröffentlichte 16-mm-Film, der einen weiblichen Bigfoot zeigen soll - bei dem es sich aber wohl er um einen Menschen im Affenkostüm handelte. Auch die Bigfoot-Leiche, die zwei Männer in den nördlichen Wäldern des amerikanischen Bundesstaates Georgia gefunden haben wollen, war in Wirklichkeit ein eingefrorenes, handelsübliches Bigfoot-Kostüm. So wie es aussieht, sind also auch Yeti und Bigfoot reine Sagengestalten.

In Lateinamerika gibt es außerdem die Sage des Chupacabra (aus dem Spanischen chupar: saugen und cabra: Ziege), die allerdings noch verhältnismäßig jung ist - die ersten Berichte kamen 1995 aus Puerto Rico. Der Chupacabra wird als haarloses, etwa ein bis eineinhalb Meter großes Wesen mit grauer, etwas ins Bläuliche gehender Haut beschrieben, das auf seinem Rücken einziehbare Stacheln trage. Manche behaupten, sein Erscheinungsbild entspräche im Ganzen dem des bekannten Bildes eines Außerirdischen, während andere ihm die Ähnlichkeit mit einem Kojoten zuschreiben. Manche Darstellungen des Chupacabra erinnern mich auch an eine nackte Hyäne. Tatsächlich gibt es Leute, die den Chupacabra für einen Nachfahren außerirdischer Wesen halten, die sich auf der Erde fortgepflanzt hätten. Vor allem die Boulevardmedien in Mexiko, Südamerika und der Karibik vermuten hinter jedem mit bloßem Auge nicht sofort identifizierbaren Wesen einen Chupacabra. Den Namen hat dieses seltsame Wesen, weil man behauptet, es falle Schafe und Ziegen an und sauge ihnen, wie ein Vampir, das Blut aus. Seriöse Berichte über den Angriff eines Chupacabras gibt es nicht - meist wird das Auffinden getöteter Tiere, an denen kein Blut zu finden ist, als Chupacabra-Angriff interpretiert. Im August 2005 will ein texanischer Bauer einen Chupacabra gefangen, getötet und zur Untersuchung in das Texas Parks and Wildlife Departement gebracht haben. 2007 bemerkte die texanische Farmerin Phyllis Canion drei haarlose, hundeartige Tiere in der Nähe ihres Landes, die wohl einige ihrer Hühner gerissen hatten - als sie kurz darauf den Kadaver eines dieser Tiere auffand, fotografierte sie ihn und stopfte ihn aus. Aufsehen erregte Hollywood-Legende Johnny Depp, als er, nachdem er eine Pressekonferenz in Tokio versäumt hatte, behauptete, er sei in seinem Hotelzimmer von einem Chupacabra angegriffen worden. Nun, dass es ein seltsamer haarloser Hund in ein japanisches Hotelzimmer geschafft hat, ohne dass es jemand bemerkt hat, ist natürlich äußerst unwahrscheinlich - aber kann es den Chupacabra wirklich geben?

Und auch hier muss ich euch enttäuschen - auch der Chupacabra ist wahrscheinlich nur eine Ausgeburt des tief verwurzelten Aberglaubens der Bauern auf den Westindischen Inseln, der mit den dort ansässigen Voodoo-Praktiken in Verbindung steht. Und auch die Tierkadaver aus Texas sind keine Chupacabras - die Verantwortlichen des Texas Parks and Wildlife Departement hatten nie den Kadaver des angeblich gefangenen Wesens vor Augen, und das gemachte Foto stellte sich als präparierter Kojote heraus. Und auch bei dem von Phyllis Canion ausgestopften Wesen handelt es sich nicht um einen Chupacabra, sondern um einen Hybriden zwischen einem Kojoten und einem mexikanischen Wolf. Das einzig Seltsame an diesem Tier ist der haarlose Körper und die bläulich-graue Haut, aber selbst dafür gibt es eine Erklärung - viele jener Tiere in der Gegend waren nämlich gerade von der Räude befallen, die gerade für Caniden, also Hunde, Wölfe, Füchse und Kojoten, höchst ansteckend ist. Sie wird durch Milben ausgelöst und führt zu Haarverlust; durch den Juckreiz kratzen und beißen sich die Tiere häufig selbst, was zu einer Verdickung der Haut sowie zu veränderter Pigmentierung führen kann. Die geschwächten Tiere können keine Jagd auf Wildtiere mehr machen und vergreifen sich deshalb vermehrt an Haustieren; auch die starke Abmagerung kann ihr Erscheinungsbild verändern und bizarr wirken lassen. Abgesehen davon ist es auch äußerst unwahrscheinlich, dass ein Tier von der Größe der angeblichen Chupacabras sich ausschließlich von Blut ernähren kann; dass an den gerissenen Ziegen und Schafen kein Blut gefunden wurde, liegt wohl daran, dass dieses sich in toten Körpern sehr schnell zersetzt. Und, dass ein Körper nicht zwangsläufig ausgeblutet sein muss, nur weil die Wunde trocken ist.

Mitunter können auch Effekte auf Fotos und Videoaufnahmen dazu führen, dass Leute an Wesen glauben, die es eigentlich gar nicht gibt; ich spreche hier vom sogenannten Rod-Effekt. Bei Rods handelt es sich um helle, stabförmige Objekte, die sich schnell rudernd oder schraubend durch die Luft bewegen und so aussehen, als hätten sie an der Seite eine Membran ähnlich den Sepien. Man nahm an, dass sie durch ihre Geschwindigkeit nicht mit bloßem Auge erkennbar und nur durch Kameras mit sehr kurzen Verschlusszeiten aufzunehmen seien. Manche vermuteten dahinter optische Phänomene, andere hielten sie für unbekannte Lebensformen, während es natürlich wieder welche gab, die glaubten, es handle sich um außerirdische Wesen. Tatsächlich gelang es, solche Rods, die durch Überwachungskameras beobachtet worden waren, in Netzen zu fangen - wo sie sich als gewöhnliche Insekten entpuppten. Denn tatsächlich handelt es sich bei Rods um keine seltsame Tierart oder gar Außerirdische, sondern um einen leicht erklärbaren Unschärfe-Effekt, der auftritt, wenn sehr schnell fliegende Tiere, etwa Insekten oder Vögel, vor allem wenn sie lange, schlanke Körper und große Flügel haben, aufgenommen werden. Wenn Kameras bei schlechten Lichtverhältnissen mit relativ langsamen Verschlusszeiten aufnehmen, entstehen durch den schnellen Flug der Tiere längliche Objekte, die durch die Wegstrecke und die schnellen Flügelschläge zustande kommen.

Ein weiteres dinosaurierartiges Wesen soll sich in den Urwäldern im Gebiet des Kongo-Flusses herumtreiben - Mokele-Mbembe (Lingála: Der den Lauf des Flusses stoppt) ist vor allem bei dem rund um den Télé-See ansässigen Volk der Bangombe berüchtigt, da es Überlieferungen zufolge schon mal vorkommen kann, dass er Fischerboote angreift. Beschrieben wird ein Wesen, mindestens so groß wie ein Elefant, dessen Fußspuren denen eines Flusspferds ähneln. Es habe vier Beine, einen langen Schwanz, einen langen Hals und einen verhältnismäßig großen Kopf, männliche Exemplare sollen außerdem ein Horn tragen. Es soll eine bräunlich-graue bis rötlich-braune Haut haben und sich ausschließlich von Pflanzen ernähren - Menschen greife es nur an, wenn sie in sein Territorium eindrängen. Es soll im Ganzen also einem Sauropoden ähneln, einem langhalsigen, pflanzenfressenden Dinosaurier.

Erstmals schriftlich erwähnt wurde Mokele-Mbembe 1776 in einem Reisebericht des französischen Missionars Abbe Liévin Bonaventure Proyart. Auf einer Expedition im Jahre 1913 im Flussgebiet des Likouala-aux-Herbes sammelte der deutsche Offizier und Forschungsreisende Ludwig Freiherr von Stein zu Lausnitz gezielt Berichte der einheimischen Pygmäen über den Mokele-Mbembe. Im Laufe des 20. Jahrhundert gab es auch mehrere Berichte von ausländischen Augenzeugen, die das Tier gesehen haben wollen. Im Jahr 1980 sammelten Naturwissenschaftler und Kryptozoologen abermals Mythen, Legenden und Augenzeugenberichte; drei Jahre später behauptete der kongolesische Biologe Marcellin Agnagna, er habe im Télé-See mehrere Mokele-Mbembe beobachtet. Leider soll seine Videokamera gerade nicht funktioniert haben, und da er seinen Bericht mehrere Male änderte, wurde er nicht für glaubwürdig befunden. Man vermutet, dass es sich bei einer Sichtung auch um eine große afrikanische Weichschildkröte gehandelt haben. Im September 1992 filmte ein japanisches Forscherteam vom Flugzeug aus ein schwimmendes Tier im See; auf der sehr verschwommenen Aufnahme ist jedoch nicht feststellbar, ob es sich nicht möglicherweise um einen schwimmenden Python gehandelt haben könnte. Im Jahr 2006 brach abermals ein Team von Kryptozoologen zu einer Expedition auf, konnten aber am Ende nichts als einen angeblichen Gipsabdruck eines Fußabdrucks vorweisen. Insgesamt vermutet man, dass es sich bei den meisten Sichtungen von Fußabdrücken oder der Tiere selbst um Verwechslungen mit bekannten Tierarten wie Krokodilen, Flusspferden, Nashörnern oder Seekühen (afrikanische Manati) gehandelt haben könnte. Manche glauben, es könnte sich tatsächlich um eine überlebende Sauropodenart handeln - dagegen spricht jedoch, dass bislang keinerlei Kadaver, Knochen oder andere Relikte gefunden wurden, die auf ein Überleben dieser prähistorischen Tiere bis zur Gegenwart schließen lassen könnten.

Wie ihr also seht, ist die Welt voll von seltsamen Wesen, die es angeblich geben soll, auch wenn es mit den Beweisen eher mau aussieht bzw. sie im Laufe der Zeit eher widerlegt wurden. Dennoch kann man natürlich nie wissen, ob an all den Mythen, Legenden und Märchen nicht doch eventuell was dran ist. Was mich betrifft, so wisst ihr ja, dass ich eine doofe Spielverderberin bin, die nichts lieber tut, als tolle Schauergeschichten in die langweilige Realität zu transferieren. Aber lasst euch davon nicht die Laune verderben - denn wer weiß, ob ich recht habe, nicht wahr? Auf jeden Fall hat es mich sehr gefreut, euch wieder einmal an meinen Recherchen teilhaben zu lassen, und freue mich schon auf das nächste Mal. Bon voyage!

vousvoyez