Donnerstag, 14. Januar 2021

Die Erde war früher ein Würfel, bis besorgte Eltern die Ecken abgerundet haben

© vousvoyez
Wieder einmal ein Satz, den ich von einem Kabarettisten "gemopst" habe - in diesem Fall war es Gery Seidl. Ich finde, dass diese Weisheit auf charmante Art und Weise zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt - einerseits greift er satirisch die eigentlich völlig überflüssige Debatte nach dem Aussehen des Planeten Erde auf, andererseits das in unserer heutigen Zeit sehr präsente Thema unterschiedlicher Erziehungsstile. Und tatsächlich wachsen Kinder heutzutage - auch unabhängig von der aktuellen Gesundheitskrise - in vieler Hinsicht anders auf als meine Generation oder die davor. Beispielsweise werden, wie ich schon häufiger angeführt habe, sehr ausufernde Debatten darüber geführt, was man seinen Kindern heutzutage an Filmen und Serien überhaupt noch zeigen darf und was nicht. Und ich denke, ihr ahnt es schon - es geht wieder einmal um mein Lieblingsthema. Ich möchte fortsetzen, was ich im letzten Jahr angefangen habe und was, wie ich bemerke, sehr gut anzukommen scheint - ich möchte wieder einmal über die Hintergründe der Disney-Klassiker sprechen.

Es gibt einen Film, den ich aus zwei Gründen noch nicht behandelt habe - erstens war es nicht so leicht, etwas über die Ursprungsgeschichte herauszufinden, zweitens muss ich zugeben, dass dieser Film mich als Kind weitaus mehr getriggert hat als das als so verstörend dargestellte Bambi. Die Rede ist von Dumbo, dem vierten abendfüllenden Zeichentrickfilm der Disney-Studios unter der Regie von Ben Sharpsteen, der 1941 in die Kinos kam. Ich liebe Elefanten, aber obgleich dieser Film gut ausgeht, finde ich bis heute, dass es kaum einen gibt, der trauriger ist - ein Elefantenkind, dessen einziger "Makel" darin besteht, das es zu große Ohren hat, wird deswegen gehänselt, verspottet und ausgegrenzt, und nicht nur das - als seine Mutter genau das tut, was jede Mutter tun würde, die noch alle Tassen im Schrank hat, nämlich ihr Kind zu verteidigen, landet sie hinter Gittern. Bis heute ist für mich die Szene, in der Dumbos Mutter versucht, ihren Sohn durch die Gitterstäbe hindurch zu trösten, eine der schmerzlichsten Filmszenen überhaupt. Ich glaube, dass Dumbo einen Grundstein dafür gelegt hat, dass ich bis heute ein gestörtes Verhältnis zum Zirkus habe - neben jenem Nachmittag, als ich im Alter von etwa acht Jahren mit einer befreundeten Familie im Zirkus war und dort Löwen auftraten, denen man die Zähne gezogen hatte und die die Gesichter tieftrauriger alter Männer hatten. Aber auch negative Film-Erlebnisse gehören nun mal dazu. Und deswegen möchte ich hier das anführen, was mir meine Mutter vor Jahren erklärt hat: Es ist wichtig, dass Kinderfilme gut ausgehen, weil man damit zeigt, dass es nicht nur Probleme, sondern auch Lösungen gibt. Dass ich die Originalgeschichte doch noch gefunden habe, verdanke ich übrigens wieder einmal dem Buchperlenblog.

Die Vorlage für den Film ist das Kinderbuch Dumbo, the Flying Elephant von dem Autoren-Ehepaar Helen Aberson und Harold Pearl und wurde von der Geschichte des afrikanischen Elefantenbullen Jumbo inspiriert, der in den 1860er Jahren als Jungtier von Abessinien nach Paris gelangte und ein paar Jahre später zur Hauptattraktion des Londoner Zoos wurde. 1882 wurde er an den amerikanischen Schausteller Phineas Taylor Barnum verkauft und in die USA verschifft, wo er Teil einer Wandermenagerie wurde. Drei Jahre später wurde Jumbo Opfer eines Zugunglücks in Ontario; bei einer Umladeaktion wurde er von der Lokomotive eines Güterzuges erfasst und starb. Barnum ließ das Tier präparieren und schenkte das Skelett dem American Museum of Natural History in New York. Der ausgestopfte Elefant war noch eine Weile Teil der Wandershow, ehe er 1889 einen dauerhaften Standort im Tufts College in Medford, Massachusetts in der sogenannten Barnum Hall fand. Diese fiel 1975 einem Brand zum Opfer - von dem Präparat blieb nur noch ein Stück des Schwanzes übrig, das bis heute im Tufts College aufbewahrt wird. Jumbo war schon zu Lebzeiten eine Legende - bedingt dadurch, dass afrikanische Elefanten zur damaligen Zeit in Europa in den USA äußerst selten waren. Ich denke, das liegt wohl daran, dass der afrikanische im Gegensatz zum asiatischen Elefanten kaum erziehbar ist - zudem sind afrikanische Elefantenbullen, sobald sie die Geschlechtsreife erreicht haben, in der Fortpflanzungsphase häufig aggressiv und unberechenbar. Nachdem Jumbo in Ontario von dem Zug erfasst worden war, erzählte Barnum, er sei gestorben, während er das Leben eines kleineren Elefanten gerettet habe, der zuvor auf die Gleise gelaufen war, und habe, bevor er starb, noch seinen Wärter mit dem Rüssel umarmt.

"Jumbo" ist eine Ableitung des Swahili-Wortes Jambo (Hallo), während "Dumbo" im Grunde genommen eine Verunglimpfung dieses Namens ist - es leitet sich vom englischen Wort dumb (dumm) ab. Sowohl das Buch als auch der Film beginnen damit, dass alle Tiere im Zirkus Junge bekommen - im Film werden die Jungen vom Klapperstorch gebracht (und nein, ich habe trotzdem nie an den Storch geglaubt), darunter auch der kleine Jumbo jr., der jedoch wegen seiner übergroßen Ohren von den anderen Elefanten bald nur noch "Dumbo" genannt wird. Aufgrund seiner Ohren wird der wehrlose kleine Elefant bald zur Lachnummer des Zirkus - als ein paar Kinder das Jungtier auslachen und an den Ohren zerren, werden diese von seiner Mutter angegriffen. Die Zoowärter sperren sie daraufhin in einen Käfig und machen ihren armen Sohn zum Darsteller einer Clowns-Show, woraufhin dieser endgültig aus der Gemeinschaft der Elefanten ausgeschlossen wird. Der einzige Freund, den Dumbo hat, ist im Buch das Rotkehlchen Red, während ihm im Film die Maus Timothy zur Seite steht. Mit ihrer Hilfe gelingt es dem unglücklichen Elefanten allmählich, aus seiner Not eine Tugend zu machen - er entdeckt, dass er mit seinen riesigen Ohren fliegen kann und wird zum Star des Zirkus, und am Ende wird auch seine Mutter wieder freigelassen. Auch von diesem Film gibt es bereits eine Realversion unter der Regie von Tim Burton, die ein wenig mehr an die heutigen Wertvorstellungen angepasst ist und die ich mir vielleicht, obwohl ich das sonst ja verweigere, tatsächlich einmal ansehen werde.

Die Originalgeschichte von Aberson und Pearl wurde 1939 herausgebracht, und zwar zunächst nicht als ein Buch, wie wir es kennen, sondern als sogenanntes "Roll-a-Book" - das man sich vielleicht wie die sehr vorsintflutliche Version einer Smartphone-YouTube-App vorstellen kann: Ein Kasten mit einer eingerollten Leinwand, die mittels einer Kurbel herausgedreht werden konnte, so dass man die Geschichte so ähnlich wie einen Film betrachten konnte. Leider scheint man diese Dinger nirgends mehr zu bekommen, jedenfalls habe ich vergeblich nach wenigstens einem Foto gesucht. Von der Print-Ausgabe existierten nur wenige Exemplare - bei allen Büchern, die nach der Verfilmung veröffentlicht wurden, wurden die Namen der ursprünglichen Autoren durch das Disney-Logo ersetzt. Aberson und Pearl hatten kein weiteres Mitspracherecht mehr an ihrer Geschichte - nicht der einzige Fall, bei dem Disney sich an der Kreativität anderer bereicherte. Was wohl auch der Grund ist, warum man so schwer an das Original herankommt. 1942 erhielt der Film einen Oscar in der Kategorie "Beste Filmmusik".

Der nächste Film, den ich heute besprechen möchte, könnte nicht gegensätzlicher zu dem vorhergehenden sein: The Great Mouse Detective (dt. Basil, der große Mäusedetektiv) aus dem Jahr 1986, bei dem John Musker, Ron Clements, Burny Mattinson und David Michener Regie führten, ist ebenso einfallsreich gestaltet, aber deutlich dynamischer und witziger - und darüber hinaus technisch äußerst innovativ. Für mich war und ist dieser Film ein absolutes Highlight unter den Disney-Erzeugnissen - allein schon wegen der Sherlock Holmes nachempfundenen Hauptfigur Basil und seinem Vertrauten Dr. Dawson (in der deutschen Ausgabe Dr. Wasdenn), dem Pendant zu Dr. Watson, dem bösen Antagonisten Professor Rattenzahn und seinem Gehilfen, der holzbeinigen Fledermaus Greifer. Dieser Film basiert auf der achtteiligen Kinderbuchreihe Basil of Baker Street (dt. Basil, der Mäusedetektiv) der amerikanischen Autorin Eve Titus, die hoffte, mit ihren Geschichten Kinder dazu zu ermutigen, später die berühmten Sherlock-Holmes-Romane des britischen Arztes und Schriftstellers Arthur Conan Doyle zu lesen. Entsprechend ist Basil auch eine Art Sherlock-Holmes-Geschichte mit Mäusen - sowohl die Bücher als auch der Film enthalten zahlreiche Anspielungen auf das berühmte Vorbild.

Die berühmte Sherlock-Holmes-Reihe umfasst vier Romane und 56 Kurzgeschichten, die von 1886 bis 1927 entstanden und von Edgar Allan Poes Geschichten um den französischen Detektiv Dupin inspiriert sind. Die Hauptfigur dieser Geschichten gilt bis heute als Prototyp des Privatdetektivs; ihre große Bekanntheit verdankt die Reihe vor allem durch die präzise Beschreibung der auf detailgenauer Beobachtung und nüchterner Schlussfolgerung basierenden forensischen Arbeitsmethode. Wie es heute bei fast allen Detektivgeschichten üblich ist, ist Holmes häufig die letzte Instanz, die dann ins Geschehen eingreift, wenn die Lösung eines Falls nahezu unmöglich erscheint. Da die Geschichten vor der Kulisse des viktorianischen London spielen, detailliert auf dieses Zeitalter eingehen und auch Ereignisse mit einfließen lassen, die zur damaligen Zeit aktuell waren, können sie der Tradition des literarischen Realismus zugerechnet werden. Sowohl die von Standesdünkeln, Chauvinismus und Xenophobie geprägte Mentalität als auch das große Vertrauen in Rationalität und Wissenschaft sind typisch für das frühe Industriezeitalter. In Titus' Kinderbüchern wohnt Basil (ein Name, den Sherlock häufig zur Tarnung benutzt) zusammen mit Dr. Dawson im selben Haus wie Sherlock selbst - in der berühmten Baker Street 221b in London (die zu Doyles Lebzeiten eigentlich nur 85 Hausnummern hatte) und hat wie sein menschliches Pendant die Gabe, Dinge zu sehen, die anderen verborgen bleiben. Seine Fähigkeiten perfektioniert er, indem er regelmäßig Sherlocks Ausführungen lauscht. So, wie in den meisten Sherlock-Holmes-Geschichten Dr. John H. Watson als Erzähler fungiert, so werden auch die Basil-Geschichten von seinem Mäuse-Pendant Dr. Dawson erzählt; beide Figuren sind die praktisch veranlagten Partner, die den verkopften Detektiven die nötige Bodenhaftung verleihen. Auch die Gespräche zwischen Basil und Dawson erinnern an die pointierten Dialoge zwischen ihren menschlichen Vorbildern, die den Holmes-Geschichten das "gewisse Etwas" verleihen. Ein zusätzliches komisches Element im Disney-Film stellt die kurze, korpulente Figur des Dr. Dawson zu der (selbstverständlich auch Sherlock entsprechenden) hochgewachsenen, schlanken Gestalt Basils dar. Und Basil tritt natürlich stilecht getreu den Illustrationen von Sidney Paget (der Holmes' Erscheinungsbild übrigens nach dem Vorbild seines Bruders Walter zeichnete) mit Deerstalker-Mütze und Inverness-Mantel auf. Im Film gehorcht Holmes' Spürhund Toby neben seinem eigentlichen Herrn auch dem Mäusedetektiv - auch wenn die von Doyle beschriebene hässliche Promenadenmischung hier als niedlicher Basset dargestellt wird. Und natürlich erkennt der passionierte Holmes-Leser in dem fiesen, machthungrigen Professor Ratigan (dt. Professor Rattenzahn) das kriminelle Genie Professor James Moriarty wieder, das ursprünglich von Doyle erdacht wurde, um die Holmes-Reihe abzuschließen - was geschehen sollte, indem dem Protagonisten ein ebenbürtiger Gegner gegenübergestellt wird, durch dessen Hand er den Tod finden soll. Ein Vorhaben, das jedoch nicht gelang - auf Proteste seiner Fans hin ließ Doyle den berühmten Detektiv wieder auferstehen. Das Finale findet sich auch im Film wieder - als Basil und Rattenzahn im Uhrwerk des Big Ben aufeinandertreffen. In der Originalfassung des Films ist sogar die Stimme des berühmtesten Holmes-Darstellers Basil Rathbone aus alten Filmaufnahmen zu finden. 

Der Film hat eine eigenständige Handlung, auch wenn einzelne Szenen aus Titus' Büchern eingestreut wurden. Er ist auch einer der ersten Disney-Filme, in denen die größtenteils noch handgezeichneten Szenen bereits durch Computeranimation unterstützt werden - zu sehen in der Szene im Uhrwerk, das in dieser Detailgenauigkeit wohl niemals in Handarbeit hätte dargestellt werden können. Auch bei der Weiterverarbeitung von Bild und Ton wurde Computertechnik eingesetzt, was die Entstehungszeit des Films erheblich verkürzte.

Der letzte Film, um den es heute gehen soll, war gleichzeitig einer meiner allerersten Kino-Erlebnisse, die ich als Kind genießen durfte. Oliver & Company (dt. Oliver & Co.) ist die Disney-Version von Charles Dickens' berühmtem Gesellschaftsroman Oliver Twist, die allerdings sehr frei interpretiert ist und zwei Unterschiede aufweist, die sofort ins Auge springen: Die Geschichte wird vom viktorianischen London ins New York der 1980er Jahre verlegt, und aus dem hungernden und gequälten Waisenkind wird ein heimatloses Kätzchen. Der 1988 erschienene Zeichentrickfilm unter der Regie von George Scribner macht aus dem traurigen Dickens-Roman eine charmante, actionreiche Komödie mit einem spritzigen, zeitgemäßen Soundtrack, der die Standesdünkel des berühmten Autors außen vor lässt. Um Gemeinsamkeiten mit der literarischen Vorlage zu entdecken, muss man wirklich ganz genau hinsehen. Als Vierjährige hatte ich davon natürlich noch keine Ahnung - bis ich etwa zehn Jahre später im Gymnasium mit der Originalgeschichte in Berührung kam, als wir im Englischunterricht das viktorianische Zeitalter durchnahmen. Damals zeigte uns der Englischlehrer die Filmadaption von David Lean aus dem Jahre 1948 - so wurden die Weichen zur Lektüre des Originals gestellt. Auf Deutsch und auf Englisch. (Bin ich nicht toll? *angeb*)

Dickens' Oliver Twist erschien 1837 bis 1839 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Bentley's Miscellany und schildert drastisch die Problematik von Verelendung, Kriminalität und Kinderarbeit im frühen Industriezeitalter. Diese wird erzählt anhand des Werdegangs des Waisenjungen Oliver Twist, der nach dem Tod seiner Mutter ohne Wissen um seine Herkunft unter katastrophalen Umständen im Armenhaus aufwächst. Im Kontrast zu seiner niederträchtigen Umgebung wird er als rein, edel und wohlerzogen dargestellt, die perfekte Identifikationsfigur, allerdings sind diese Charakterzüge für ein Kind, das weder Zuneigung noch Erziehung genossen hat, denn doch ziemlich unrealistisch. Sein Leben ist von Nahrungsknappheit und Schlägen geprägt, bis er als billige Arbeitskraft an einen Sargtischler verkauft wird und von dort aus nach London flieht. Im Gegensatz dazu ist Oliver aus dem Disney-Film der Letzte aus einem Wurf von Kätzchen, der kein neues Zuhause gefunden hat und auf den überfüllten Straßen von New York City seinem Schicksal überlassen bleibt, bis er auf den Hund Dodger trifft, dem Anführer einer Hundebande, dessen literarisches Pendant der Taschendieb Jack Dawkins ist, der ebenfalls Dodger (Herumtreiber, Gauner) genannt wird und der zu einer Bande aus Straßenjungen gehört. Aus dem jüdischen Hehler Fagin, der Oliver in seine Diebesbande integrieren will, wird im Film ein liebenswerter Obdachloser und Kleinganove, der sich aufopfernd um seine Hunde kümmert und auch das herrenlose Kätzchen vorbehaltlos bei sich aufnimmt. Aus Fagins Spießgesellen Sikes wird ein skrupelloser Schurke, dem Fagin eine horrende Geldsumme schuldet, und aus dessen Partnerin, der Prostituierten Nancy, die als einzige in dem Roman eine nennenswerte Entwicklung durchmacht, die afghanische Windhündin Rita, auf die vor allem einer der beiden Dobermänner von Sikes ein Auge geworfen zu haben scheint. Im Roman will der skrupellose Fagin den heimatlosen Oliver für seine Diebesbande ausbilden, während der nette Fagin aus dem Film die Unterstützung seiner Hunde benötigt, um seine Schulden bei Sikes bezahlen zu können. Im Laufe des Romans findet Oliver Liebe und Zuneigung bei dem gütigen Mr. Brownlow - das Pendant dazu ist im Film das kleine Mädchen Jenny aus der gut situierten 5th Avenue, das sich sofort in das niedliche Kätzchen verliebt und es bei sich aufnimmt. Im Gegensatz zu Dickens verzichtet man bei Disney jedoch darauf, aus dem Protagonisten einen Abkömmling vornehmer Herkunft zu machen, der nur durch Zufall ins Armenhaus gelangte, und nimmt dem Film somit die Standesdünkel, von denen der Roman geprägt ist. Allerdings findet sich auch Olivers Halbbruder Monks, der sein Erbe nicht mit jemand anders teilen will, im Film wieder - in Gestalt von Jennys Pudeldame Georgette, die den kleinen Kater aus Eifersucht aus dem Haus vertreiben will.

Oliver Twist folgt in seiner drastischen Darstellung sozialer Missstände der damaligen Tradition des Realismus - der Roman erinnert in seiner fast schon übertriebenen Tragik an die Werke des deutschsprachigen Naturalismus, im Gegensatz zu diesen geht Dickens' Roman aber zumindest gut aus. Auffällig ist, wie schon gesagt, der Kontrast des liebenswerten Oliver zu dem rohen, gewalttätigen Milieu, in dem er sich bewegt - was sich durch die eigentlich vornehme Herkunft des Jungen erklärt. Der somit zur gutwilligen, mitfühlenden Oberschicht gehört, die letztendlich auch seine Rettung ist. Was trotz des sozialkritischen Charakters des Romans bezüglich der Armenpolitik bezeichnend ist für die stereotypische Sichtweise der oberen auf die untere Gesellschaftsschicht, die zur damaligen Zeit in etwa so gnadenlos war wie das hinduistische Kastenwesen. Am häufigsten kritisiert wird aber Dickens' Darstellung der Figur des Fagin, die eindeutig den gängigen antisemitischen Stereotypen folgt.

Der Disney-Film wiederum war ursprünglich als eine Art Fortsetzungsgeschichte von Bernhard und Bianca gedacht, die sich um das Mädchen Penny drehen sollte. Tatsächlich weist Jenny einige auffällige Ähnlichkeiten zu Penny aus dem Film mit dem Mäusepaar auf - die ursprünglich geplante Geschichte wurde jedoch ziemlich bald wieder verworfen, da sie die Produzenten nicht überzeugte. Oliver & Co. war zudem der erste Disney-Trickfilm, der über eine eigene Abteilung für Computeranimationen verfügte, da diese in diesem Film weitaus häufiger eingesetzt wurden als in den vorigen - etwa in der Darstellung von Fahrzeugen und Hochhäusern. Für diese Animation wurden zuvor Fotos von New York sozusagen aus der Hundeperspektive gemacht. Die zeitgenössische Gestaltung manifestierte sich nicht nur in der Stadtkulisse und der jugendlichen Sprache, sondern auch in der Synchronisation: Der Titelsong wird von Huey Lewis gesungen, dessen Musik auch schon zuvor in Back To The Future (dt. Zurück in die Zukunft) zu hören war; Georgette wird im Original von der Komödiantin Bette Midler gesprochen, während der Sänger Billy Joel Dodger seine Stimme leiht (ich finde es schade, dass in der synchronisierten Fassung nicht wenigstens die Lieder in der Originalfassung bleiben). Auf diese Weise gewinnt der Film eine weitaus positivere Grundatmosphäre, als es in seinem literarischen Vorbild der Fall ist.

Ich hoffe, es ist mir wieder gelungen, euch die Zeit, die mir selbst schon lang wird, ein wenig zu verkürzen und euch zumindest für ein paar Minuten von der lästigen Situation abzulenken. Ich für meinen Teil war eigentlich ziemlich gut abgelenkt - immerhin hat dieser Artikel einen ganzen Nachmittag in Anspruch genommen, aber ich wollte eben unbedingt alle drei Filme in einem Post unterbringen, weil es sich irgendwie angeboten hat. Ich hoffe, es hat euch wieder Spaß gemacht und wir sehen uns beim nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Bon voyage!

vousvoyez

Montag, 11. Januar 2021

Nicht jeder, der aus dem Rahmen fällt, war vorher im Bilde

Ein Satz, der viel Potenzial hat - und vieles erklärt. Beispielsweise, dass man nicht automatisch Recht hat, nur weil man sich für etwas Besonderes hält. Oder dass nicht alles, was provoziert, eine wichtige Aussage enthält. Man könnte ihn beispielsweise auf Jake Angeli beziehen, den Typen mit dem Fellkostüm und den Hörnern, der angeblich zur "Antifa" gehören soll, der aber auf jener BLM-Demo, auf der er fotografiert wurde, mit QAnon-Schild herumspaziert ist und es gar nicht so toll findet, dass die eigenen Leute ihn auf einmal zur Gegenseite abschieben wollen.

Wie immer, wenn etwas passiert wie neulich in Washington, versuche ich, angemessene Worte dafür zu finden, aber was auch immer ich niederschreibe, passt irgendwie nicht für einen Blog-Artikel. Häufig auch, weil natürlich irgendwann sowieso alles gesagt ist - und ein allgemein gehaltener Post meinerseits im Prinzip eher überflüssig ist. Eigentlich möchte ich nur soviel sagen: Es ist nicht das erste Mal, dass von verschiedenen Seiten davor gewarnt wird, dass gezielte Desinformation, die die Stimmung in eine bestimmte Richtung lenken soll, gepaart mit der Entmenschlichung politischer Gegner durch wirre, unbelegte Behauptungen und dem Untergraben des Vertrauens der Allgemeinheit in eine unabhängige Berichterstattung, ein dezidiert anti-demokratisches Verhalten ist. Und letztendlich zu dem führt, was wir in kleinerem Rahmen auch schon hier in Österreich oder auch in Deutschland beobachten können: Ein Haufen Leute, die es nie notwendig hatten, solidarisch zu sein, fordern im Grunde ein System, das sie selbst zum Mittelpunkt macht und ihnen alle Rechte einräumt, während diejenigen, die nicht so sind wie sie, zu Menschen zweiter Klasse deklariert und ihre Rechte eingeschränkt werden sollen. Viel mehr sehe ich in diesem Akt des Wahnsinns ehrlich gesagt eher nicht. Wir sollten aber nicht den Fehler machen, zu glauben, nur weil das sozusagen "auf der anderen Seite des Teichs" passiert ist, könnte etwas Vergleichbares hier unter keinen Umständen passieren. Der Sturm auf den Reichstag im August, auch wenn dieser im Vergleich dazu eher ein Lüftchen war, zeigt das Gegenteil. 

Und da zu diesem Thema ja bereits schon eine Menge gesagt wurde, möchte ich mich wieder mal in die Welt der urbanen Legenden begeben - wobei ich vor allem eine besprechen möchte, die bezüglich der Ereignisse am 6. Januar wieder einmal aufgetaucht ist. Ich spreche hier vom sogenannten Simpsons-Orakel.
Ich glaube nicht, dass es unter meinem Leser jemanden gibt, der die beliebte, vielfach ausgezeichnete US-amerikanische Zeichentrickserie von Matt Groening, die bereits seit über dreißig Jahren fester Bestandteil des Fernsehprogramms ist, nicht kennt. Da ich ja nicht mehr ganz so blutjung bin, habe ich den Simpsons-Hype quasi von Anfang an miterlebt - als Teenager war ich eine Zeitlang regelrecht süchtig danach. Als jedoch die Qualität der Episoden langsam nachließ und sich meine persönliche Lebenswelt auch allmählich veränderte, bin ich langsam davon abgekommen und kehre heute nur noch selten zu der früher so geliebten Fernsehfamilie in Gelb zurück, auch wenn es die eine oder andere Episode gibt, für die ich mich immer noch begeistern kann. Was wir allerdings bis heute mit Sicherheit sagen können, ist, dass die Serie sich immer am Puls der Zeit bewegt und auch aktuelle Ereignisse in ihre Geschichten mit einbezogen hat. Etwa jene Horror-Folge, die ich immer noch liebe und die eine beliebte Millennium-Verschwörungstheorie aufs Korn nimmt - jene, bei der es darum ging, dass die Computersysteme diesen großen Zahlensprung nicht schaffen würden und dass deswegen alle elektronischen Geräte nach der Umstellung der Jahreszahl ausfallen oder gar verrückt spielen. Es gibt jedoch auch Leute, die behaupten, die Macher der Simpsons könnten die Zukunft voraussagen - und auf diese Behauptung möchte ich heute einmal eingehen.

Aktuell macht im Netz das Bild der als "Hausmeister Willie" bekannten Figur die Runde, die mit nacktem, tätowiertem Oberkörper vor dem Capitol posiert und dabei eine Fellmütze mit Hörnern trägt, die natürlich an Jake Angelis Kostümierung denken lässt; außerdem schwingt er eine amerikanische Flagge. Das ist für viele der Beweis, dass jemand im Simpsons-Team, vielleicht sogar Matt Groening selbst, über hellseherische Fähigkeiten verfügt - hat er doch den Angriff aufs Capitol vorausgesagt. Nun - die auf dem Bild sichtbare Figur kommt in keiner Simpsons-Episode vor. Und wir sollten ja langsam alle wissen, wie leicht es heutzutage ist, Bilder und Videos digital nachzubearbeiten. Dieses Bild ist also keine "Voraussage", sondern eine Reaktion auf die Ereignisse vom 6. Jänner.

Ähnlich verhält es sich mit einer Folge aus dem Jahr 1993, in der die Simpsons angeblich die Corona-Pandemie voraussagten. In der Folge wird im Fernsehen ein "Saftenthafter" beworben, der aus einem ganzen Netz von Orangen einen einzigen Tropfen Saft gewinnen kann - sprich, es ist tatsächlich eine sehr witzige Folge. Diese Entsafter werden in Japan erzeugt und versendet; gezeigt werden Mitarbeiter der Firma in Osaka, die die Saftenthafter in Kartons packen. Einer von ihnen leidet an einer Grippeerkrankung und hustet in eines der Pakete, woraufhin die Erreger mit verpackt und an ihrem Endziel Springfield freigesetzt werden, weshalb sie einen Großteil der Stadtbewohner - auch die Familie Simpson mit Ausnahme von Marge - infizieren. Ist das der Beweis für eine Vorhersage? Natürlich nicht! Denn auch wenn der eine oder andere keinen Unterschied zwischen Chinesen und Japanern sehen will ("die schauen ja alle gleich aus"), so liegen diese beiden Länder rund 3.000 km auseinander und sind auch sonst nur oberflächlich vergleichbar (ähnlich wie viele europäische Länder). Die Episode mit dem kranken Mitarbeiter kann also eher als kritische Auseinandersetzung mit den oft unmenschlichen Arbeitsbedingungen in Japan gesehen werden, die dazu führen, dass Leute krank zur Arbeit gehen. Was die Verbreitung der Infektion betrifft, so ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Virus die mehrere Wochen dauernde Reise ohne Wirt überleben kann - abgesehen davon, dass in der Episode nicht von Viren, sondern von "Bazillen" die Rede ist. Das im Netz gezeigte Video, das die Vorhersage "beweisen" soll, zeigt außerdem den Nachrichtensprecher Kent Brockman vor einer Einblendung des Schriftzugs "Coronavirus" - diese Szene stammt allerdings aus einer ganz anderen Episode und wurde zudem manipuliert. In Wirklichkeit steht da nämlich "Apocalypse Meow". Nun wird mir wohl jeder zustimmen, dass beunruhigende Virus-Pandemien kein ganz neues Phänomen sind - ich erinnere da nur an die Vogel- und die Schweinegrippe sowie an die frühere Version eines SARS-Virus im Jahr 2003. Die Simpsons haben also abermals nichts "vorausgesagt", sondern lediglich ein Thema, das uns im Grunde schon seit Jahrhunderten beschäftigt, aufgegriffen und gesellschaftskritisch verarbeitet.

Ebenso sollen die Simpsons vorausgesagt haben, dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wird - und dass dies zu einem wirtschaftlichen Desaster führt. Tatsächlich gibt es eine Folge, in der Bart einen Blick in die Zukunft werfen kann - und in der Lisa Simpson Präsidentin der Vereinigten Staaten wird. Ihr Vorgänger war Donald Trump, und dieser soll die Wirtschaft zugrunde gerichtet haben. Haben die Autoren also doch hellseherische Fähigkeiten? Nein, immer noch nicht. Denn Trump war schon vor seiner unrühmlichen Karriere als Staatsoberhaupt eine bekannte Medienpersönlichkeit. Und schon vor seiner Kandidatur hat er mehrmals angekündigt, dass er sich eines Tages um die Präsidentschaft bewerben wolle. Da dies in glücklicheren Tagen eine eher absurde, lachhafte Vorstellung war und auch die meisten Experten diese Möglichkeit nicht in Betracht zogen, gab es darüber mehr als nur einen Witz. Und dass jemand, der so augenscheinlich keine Ahnung von Tuten und Blasen hat, nicht unbedingt gut für die Wirtschaft ist, liegt auf der Hand - auch wenn die amerikanische Wirtschaft vor Corona gar nicht so schlecht dastand, was allerdings eher an der Vorarbeit lag, die Obama geleistet hatte.

In einer Episode aus den späten 1990ern sollen außerdem die Terroranschläge vom 11. September 2001 vorhergesagt worden sein. Zeigen soll dies eine Szene, in der Lisa die Broschüre eines Busunternehmens hochhält, laut der eine Fahrt neun Dollar kosten soll. Auf dem Cover der Broschüre ist ein Bus vor der Skyline von New York zu sehen mit der Überschrift New York $ 9. Direkt neben der Neun sieht man die Zwillingstürme des World Trade Centers - was viele als Zeichen sehen, dass die beiden Türme die Zahl 11 darstellen sollen. Auf dem Cover soll also die "versteckte Botschaft" 9/11 zu sehen sein. Nun, ihr wisst, was ich von angeblich "versteckten Botschaften" halte - sie sind meistens nichts als das, was derjenige, der sie sehen will, hineininterpretiert, und wenn man will, kann man überall "versteckte Botschaften" sehen. Und so ist es auch in diesem Fall - das WTC war von seiner Erbauung bis zu seiner Zerstörung ein sehr charakteristisches Merkmal der Skyline von New York. Dass es also auf einer Broschüre über New York zu finden ist, ist nichts Ungewöhnliches. Da jetzt eine "versteckte Botschaft" zu vermuten, weil daneben zufällig die Ziffer Neun zu sehen ist, ist schon relativ weit hergeholt.

Auch andere Episoden sollen die Zukunft vorhergesagt haben. So soll eine Folge aus dem Jahr 1994, in der die Köchin der Elementarschule von Springfield "assorted horse parts" ("ausgewählte Körperteile von Pferden") in das Mittagessen der Schüler mischt, ein Hinweis auf den Pferdefleisch-Skandal sein, der 2013 in ganz Europa Schlagzeilen machte. Damals wurde bekannt, dass Betrüger 500 t Pferdefleisch als Rindfleisch verkauft hatten und dass die Lasagne verdi alla bolognese Anteile von Pferdefleisch enthielt. Nun, dass in Schulen nicht unbedingt hochqualitatives und bemerkenswert schmackhaftes Essen ausgegeben wird, ist nicht erst seit gestern bekannt. Dieses Phänomen begegnet uns sehr häufig, wenn es darum geht, eine große Anzahl an Menschen möglichst billig satt zu machen. Die Episode ist also keine "Vorhersage", sondern eher eine kritische Auseinandersetzung damit, dass wir häufig gar nicht wissen, was wir uns in die Öffnung unter der Nase schieben. Und dass auf die Qualität der Ernährung in den öffentlichen Schulen der USA - wie ich übrigens selbst auch feststellen musste - ganz offensichtlich kein Wert gelegt wird.

Ein Jahr zuvor wurde eine Episode ausgestrahlt, in der Homer Simpson und sein Nachbar Ned Flanders zusammen Las Vegas besuchen, wo sie auf die Zauberkünstler Gunter und Ernst treffen - die Zeichentrick-Version der damals berühmten Magier und Dompteure Siegfried und Roy, die tatsächlich aus Deutschland stammten und vor allem durch den Einsatz weißer Tiger und Löwen in ihren Shows berühmt wurden. Auch Gunter und Ernst haben einen weißen Tiger bei sich - der in dieser Episode einen der beiden Magier angreift. Tatsächlich wurde der Magier Roy, der im Mai letzten Jahres einer Covid-19-Erkrankung erlag, im Jahr 2003 bei einer Show von dem weißen Tiger Mantacore angegriffen und schwer verletzt. Was das betrifft - ich bin nicht die einzige, die der Meinung ist, dass wilde Tiere, insbesondere Raubtiere, in Las Vegas nichts verloren haben. Der Angriff von Mantacore war nicht der erste Vorfall, bei dem ein Raubtier seinen Dompteur angegriffen hat - das Risiko gehört zu diesem Beruf leider dazu. Was man zumindest sagen kann, ist, dass dem Tier ganz offensichtlich keine Schuld gegeben wurde und es elf Jahre später eines natürlichen Todes sterben durfte. Was zeigt, dass ein Umdenken sehr wohl möglich ist - Jahrzehnte vorher hätte man nämlich dem Tier die Schuld gegeben und es getötet.

Es gibt auch alle möglichen technische Innovationen, die bei den Simpsons vorkommen, Jahre bevor sie tatsächlich auf dem Markt landen. So erfindet Homers Halbbruder Herbert in einer Folge von 1992 ein Gerät, mit dessen Hilfe man die Laute von Babys in gesprochene Sprache "übersetzen" kann - dieser Baby-Dolmetscher verhilft Herbert wieder zu dem Reichtum, den er zuvor durch Homers Schuld verloren hat. 2009 kam tatsächlich ein Baby-Übersetzer auf den Markt - den Cry Translator, der damals als ein Gerät, das an ein Babyphon erinnerte, später auch in Form einer App erhältlich war. Ein Gadget, das das eigene Einfühlungsvermögen überflüssig machen sollte - und in seiner Ausführung sowieso eher fragwürdig war. Entsprechend war dem Unternehmen wohl auch nicht der erhoffte Erfolg beschieden - zumindest ist die Website der Firma heute nicht mehr erreichbar. Abgesehen davon scheint auch niemand wirklich daran geglaubt zu haben, weshalb das Ding wohl eher als lustiges Spielzeug gewertet werden kann denn als eine ernstzunehmende Arbeitserleichterung.
In einer Episode aus dem Jahr 1995 wird Lisa die Zukunft vorausgesagt - damals das Jahr 2010. Diese Folge enthält ebenfalls Dinge, die es später tatsächlich geben sollte - etwa eine Armbanduhr, mit der man wie mit einem Handy kommunizieren kann oder auch die Möglichkeit, via Bildschirm in Echtzeit zu telefonieren. Ich muss euch enttäuschen - auch das zeugt nicht von hellseherischen Fähigkeiten. Jene technische Innovation, die heute als "Smartwatch" bekannt ist, kam schon vorher in mehreren Filmen und Serien vor - in der Serie Knight Rider aus den 1980ern kommunizierte etwa Michael Knight alias David Hasselhoff über eine Art Armbanduhr mit seinem sprechenden, selbst fahrenden Auto K.I.T.T., und Beispiele für Videotelefonie kamen schon in den frühen James-Bond-Filmen aus den 1960er Jahren vor.

Wie ihr seht, werden nicht nur bei den Simpsons, sondern auch in anderen Serien oder auch Filmen manche Ideen und Ereignisse vorweggenommen. Bei den Simpsons summiert sich das allerdings, was vor allem daran liegt, dass bisher keine Serie so langlebig war wie diese. Es gibt technologische, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklungen, die man mit ausreichend Intelligenz schon Jahre oder gar Jahrzehnte vorausahnen kann - und wenn eine Serie so lange läuft, ist es nicht ungewöhnlich, dass sich manche Prognosen mitunter tatsächlich erfüllen. Oder wie Simpsons-Drehbuchautor Al Jean es formulierte: "Wenn du genug Vorhersagen machst, stellen sich 10 % als wahr heraus." Es ist eben so, wie wir es häufig beobachten und ich in meinem Blog auch schon gezeigt habe: Die Rezipienten interpretieren in ein Werk häufig weit mehr hinein als dessen Schöpfer, und ihre Vergleiche wirken bei näherer Betrachtung oftmals an den Haaren herbeigezogen. Und am Ende stellt sich heraus, dass alles viel simpler - und leider auch langweiliger - ist. Abgesehen davon hatten die Simpsons in ihrer langen Laufbahn nicht ausschließlich Treffer, wenn es um das Vorausahnen der Zukunft ging - Hologramm-TV, Dolmetscher für Hunde oder fliegende Autos gibt es bis heute nicht. Ganz abgesehen davon, dass ich schon anhand der ersten Beispiele erklärt habe, dass viele "Vorhersagen" auch manipuliert sind, indem man Videos und Screenshots so bearbeitet hat, dass sie auf bestimmte Ereignisse zutreffen. Ansonsten haben die Autoren der Serie, was nicht unüblich ist, wohl die Gabe, das Weltgeschehen zu interpretieren und daraus ihre Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel: Ich habe bereits im März vermutet, dass Donald Trump in diesem Jahr nicht mehr Präsident sein wird. Das habe ich allerdings nicht meinen hellseherischen Fähigkeiten zu verdanken, sondern dem Umstand, dass ich wusste, wie es um das amerikanische Gesundheitssystem bestellt ist. Also genauso nichts Besonderes. Schade - sonst wäre ich bereits reich.

Ja, leider, ich kann euch auch nicht vorhersagen, was dieses gerade erst angebrochene Jahr uns bringen wird. Aber auch wenn man sich noch lange nicht in Sicherheit wiegen kann - und ein Jahreswechsel, wie schon gesagt, in erster Linie eine Änderung des Datums ist - sollten wir doch nicht so schnell den Mut verlieren. Wir dürfen nicht vergessen - schlimmer geht immer! Und solange das öffentliche Leben noch nicht in vollem Umfang wieder aufgenommen werden kann, müssen wir eben versuchen, die Zeit anderweitig zu nutzen. Bon voyage!

vousvoyez

Dienstag, 5. Januar 2021

Du sollst dich zu Hause ganz wie im Krankenhaus fühlen

(c) vousvoyez
Ich gebe es offen zu - ich habe keine Ahnung mehr, in welchem Zusammenhang dieser Satz gefallen ist. Es ist also die rätselhafteste aller Weisheiten, an denen ich je gesessen bin, seit ich diesen Blog eröffnet habe. Und ja, ich bin gesessen, denn ich bin auch Österreicherin, und in der Sprache meines Landes, auch wenn sie Deutsch ist, ist dieser Satz genauso korrekt wie das standarddeutsche "ich habe gesessen". Tricky, nicht wahr?

Tja, das neue Jahr hat angefangen, das zwar bis jetzt nicht besser ist als das Jahr davor, aber es sind ja bisher nur vier Tage, und man wird ja wohl noch mal hoffen dürfen, nicht wahr? Jedenfalls ist mir aufgefallen, dass ich schon seit fast einem halben Jahr meine Eierer-Liste nicht mehr fortgesetzt habe, und dass sich gerade wieder mal das Datum geändert hat, ist doch ein guter Zeitpunkt, da mal wieder anzusetzen, findet ihr nicht? Und keine Sorge, auch diesmal wird das Thema mit dem großen C nicht den ganzen Artikel beherrschen - immerhin habe ich mich schon oft genug damit beschäftigt, nicht wahr? Also ...

Top-Eierer Numero 18: ... und jetzt wird alles anders!

Ich finde es ja immer recht schräg, dass Leute immer glauben, alles wird anders, nur weil sich das Datum ändert. Ich habe bereits so viele Jahreswechsel miterlebt, und meine Lieben, ich muss euch eines sagen: Ich habe noch nie, wirklich NOCH NIE erlebt, dass sich meine Probleme auf einmal in Luft aufgelöst haben, nur weil wir nicht mehr 2020, sondern 2021 schreiben. Und ich muss euch wieder enttäuschen: Die Gesundheitskrise und alles, was damit zusammenhängt, ist nicht auf einmal vorbei, nur weil wir jetzt eine andere Jahreszahl haben. Aber sind wir uns doch ehrlich: So war es doch immer schon, nicht wahr? Jedes Mal, wenn das Jahr zu Ende war, sind die Leute kollektiv ausgeflippt. Und ich muss zugeben, ja, auch ich hatte mal eine Zeit, als ich glaubte, wenn ich zu Silvester nicht auf irgendeiner Party bin, dann mache ich etwas falsch. Häufig hat das allerdings dazu geführt, dass ich auf einer ganz miesen Party war, auf der ich nur durchgehalten habe, weil ich nicht die Langweilerin sein und um Mitternacht zu Hause sitzen wollte. Nun, die letzten Jahre sitze ich mit meinem Freund zu Hause, mache, was auch immer man mit seinem Partner so macht, und - es ist okay! Die Welt geht nicht unter, das neue Jahr kommt trotzdem, und ich habe nicht den Stress, auf irgendeiner Party sein und irgendwelche Leute aushalten zu müssen, die ich eigentlich gar nicht sehen will. Und ich habe es auch mehr oder weniger aufgegeben, zu denken, dass am 1. 1. auf einmal alles anders wird - denn ich bin ja immer noch dieselbe wie am 31. 12., und selbst wenn ich ein paar Tage später ein Jahr älter werde, verwandle ich mich deswegen doch nicht in Susi Sagsnicht oder Amalie Abergeh oder sonst irgendeine andere Person. Am schlimmsten war dieser Hype um den Jahrtausendwechsel herum - ich meine, klar, es ist natürlich ein großes Ereignis, wenn sich einmal in tausend Jahren ALLE VIER Ziffern im Datum ändern, aber muss man sich deshalb so in einen Wahn hineinsteigern? Was ich nicht alles gehört habe damals, vom Zusammenbruch der Elektronik über die Landung von Außerirdischen bis hin zum Weltuntergang - und jetzt ratet mal, was dann passiert ist! Genau - nichts! Null! Niente! Nada! Nothing! Rien! E loco te! Neujahr ist gekommen, und es dauerte nicht lange, bis der Skiurlaub vorbei war und ich wieder in die Schule musste. Liebe Top-Eierer Numero 18: Bleibt doch einmal locker!

Top-Eierer Numero 19: Ich bin ja so schiach!

"Schiach" ist in Österreich ein Synonym für hässlich oder gemein. Wobei ich finde, dass "schiach" ein viel stärkeres Wort ist als das standarddeutsche "hässlich". Ich möchte an dieser Stelle übrigens auf Severin Groebners wunderbares Buch Servus Piefke! verweisen - darin gibt es ein ganzes Kapitel über die Schiachheit. Wie dem auch sei, jedenfalls ist Top-Eierer Numero 19 in der Regel weiblich und meistens so zwischen vierzehn und Mitte Zwanzig. Es sind also junge Mädchen, die sich bei jeder Gelegenheit darüber beklagen, wie hässlich sie sind - heutzutage haben wir ja auch noch Social Media, da posten sie dann auch noch Fotos von sich, unter denen sie sich darüber beklagen, wie hässlich sie heute doch sind. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht extra Fotos von mir auf Facebook oder Instragram stelle, auf denen ich mich hässlich finde, trifft das allerdings meistens auch gar nicht zu. Und da liegt der Hund begraben: Diese Mädchen sagen nicht, dass sie hässlich sind, weil sie sich hässlich finden, sondern, damit alle Welt (vor allem die männliche) ihnen ununterbrochen versichert, wie schön und hübsch sie doch ist. Und so finden sich unter den "hässlichen" Fotos auf Instagram auch immer zahlreiche Kommentare, wo sich Freundinnen und Freunde ganz schockiert darüber geben, dass dieses wunderhübsche Mädchen von sich selbst behauptet, hässlich zu sein. Und dabei weiß sie doch ganz genau, dass sie nicht hässlich ist - aber trotzdem macht sie aller Welt das Gegenteil weis, damit ihr nur auch ja alle sagen, wie toll sie ist. Ähnlich verhält es sich auch bei so manchen jungen Damen, die superschlank sind, sich aber ununterbrochen darüber beschweren, wie fett sie doch seien. Versteht mich nicht falsch: Ich weiß genau, dass Menschen, die an Anorexia nervosa erkrankt sind, gleichzeitig an einer Körperschemastörung leiden, die ihnen vorgaukelt, sie seien zu dick, obwohl sie in Wirklichkeit nur noch Haut und Knochen sind. Aber von solchen Menschen rede ich gar nicht. Diese Mädchen sind möglicherweise ein wenig verunsichert, aber mit Sicherheit nicht krank - trotzdem müssen sie bei jeder Gelegenheit betonen, dass sie zu fett sind. Und zwar deshalb, damit irgendjemand ihnen sagt: "Ich weiß gar nicht, was du hast - du bist doch eh voll dünn." Liebe Top-Eierer Numero 19: Ist es nicht besser, wenn ihr euch nach einer Therapie umseht, wenn ihr überall und jederzeit so viel Bestätigung braucht?

Top-Eierer Numero 20: Ich habe mehr zu tun als alle anderen auf der Welt!

Diese Eierer sind eigentlich der Grund dafür, warum ich diese Liste erstellt habe. Ich habe nämlich kürzlich einen Comic von erzählmirnix gesehen, der genau von einem solchen Exemplar handelte - einer Person, die, nachdem sie erfährt, dass ihr Gegenüber sich seine Pullover selbst strickt, ewig und drei Tage darüber lamentiert, dass sie für so ein Hobby ja überhaupt keine Zeit hätte, weil sie ja den ganzen Tag so wahnsinnig viel zu tun hätte, dass sie die Leute beneide, die für so etwas Zeit hätten und dass das für sie ohnehin reine Zeitverschwendung wäre. Mir ist dann sofort die deutsche Kinderbuchautorin Lise Gast eingefallen, die in achtzig Jahren etwa 120 Bücher geschrieben und auch übersetzt hat, außerdem war sie als Kolumnistin tätig. Zusätzlich hat sie, nachdem sie ihren Ehemann im Krieg verlor, alleine acht Kinder, zwei Pflegekinder und zwei Enkelkinder großgezogen und außerdem einen Ponyhof betrieben. Mit anderen Worten - die Frau hat in ihrem Leben mehr gearbeitet als so manch anderer. Trotzdem gab es immer wieder Leute, die ihr unterstellten, sie würde den ganzen Tag quasi Urlaub machen - das waren wahrscheinlich dieselben, die den Spruch "Das Leben ist kein Ponyhof" in die Welt gesetzt haben. Einmal schrieb sie über diejenigen, die glauben, ein Dichter müsse nur darauf warten, dass ihn die Muse küsst - solche Leute fragte sie gerne, warum sie denn nicht selbst Schriftsteller wären. Woraufhin diese erwiderten, sie hätten überhaupt keine Zeit dazu, weil sie ja so extrem viel zu tun hätten. Nun, wenn ich so was höre, ist mein erster Gedanke immer: Was kann ich dafür, dass du so viel zu tun hast? Und in mir keimt der Verdacht auf, dass diese Leute mir in Wirklichkeit ein schlechtes Gewissen manchen wollen, weil ich im Gegensatz zu ihnen auf der faulen Haut liege. Dann frage ich mich auch häufig, woher sich so jemand, wenn er doch so wahnsinnig viel zu tun hat, eigentlich die Zeit nimmt, lang und breit darüber zu lamentieren, wie viel er doch zu tun hätte. Und ich würde ihn gerne fragen: "Wenn du doch so viel zu tun hast, warum tust du es dann nicht, anstatt darüber zu jammern?" Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass das Problem darin liegt, dass diese Person einfach nicht fähig ist, ihr Leben richtig zu organisieren - denn ich kenne tatsächlich Leute, die sehr viel zu tun haben und trotzdem noch einem Hobby nachgehen. Vor allem deshalb, weil sie dieses Hobby brauchen - denn wer den ganzen Tag voll beschäftigt ist, braucht auch eine Tätigkeit, die ihm Freude macht und bei der er sich entspannen kann. Und auch ich übe meine Hobbys hauptsächlich aus diesem Grund aus und nicht, weil ich sonst nichts zu tun habe. Liebe Top-Eierer Numero 20: Macht euch doch das Leben nicht so wahnsinnig schwer!

Top-Eierer Numero 21: Warteschleifen

Ich weiß, dass das keine Personen sind, aber wer kennt es nicht: Du rufst bei irgendeiner Behörde an oder beim Arzt, und eine Stimme vom Automaten bittet dich um Geduld. Und dann kommt irgendeine nervige Melodie, die du dir dann ewig lang anhören kannst und die dich in den Wahnsinn treibt. Versteht mich nicht falsch: Ich weiß durchaus, dass es passieren kann, dass alle Leitungen besetzt sind. Und dass man dann eben warten muss. Und ich kann das auch akzeptieren. Aber warum muss man deshalb so fürchterlich nervige Melodien abspielen? Zu welchem Zweck? Ist das eine Verschwörung aller Ärzte und Behörden dieser Welt, seine Anrufer in den Wahnsinn zu treiben? Nervige Warteschleifen stehen auf meiner schwarzen Liste ganz weit oben, direkt unter dem Bahnschranken Richtung Straßenbahn und Heidi Klum! Das geht so weit, dass ich mir in meiner kranken Phantasie bisweilen vorstelle, dass auch Gott, würde man ihn denn anrufen, auch eine Warteschleife hätte, auf der immer wieder dasselbe Kirchenlied abgespielt wird. Und der Teufel hat wahrscheinlich irgendein Metal-Stück. Welche Warteschleife der Tod hat, weiß ich allerdings nicht.

Top-Eierer Numero 22: Leute, die im Kino laut mitsprechen

Aktuell kommt man ja eher nicht ins Kino - und ich muss gestehen, dass ich auch schon lange nicht mehr dort war. Aber es gab mal eine Zeit, als ich oft und für mein Leben gern hingegangen bin. Ich kann durchaus nachvollziehen, warum Woody Allen in seiner Jugend einen Großteil seiner Freizeit (und unerlaubterweise auch viel von seiner Schulzeit) dort verbracht hat: Man hat das Gefühl, durch das Tor der Leinwand eine andere Welt zu betreten. Sehr empfehlen kann ich in diesem Zusammenhang übrigens Allens Film The Purple Rose of Cairo aus dem Jahr 1985, die Geschichte einer Frau, die ständig ins Kino geht, um ihrem tristen Leben zu entfliehen, bis eine Figur von der Leinwand steigt, weil sie sich in sie verliebt hat. Und ja, ich weiß, dass Woody Allen mittlerweile umstritten ist, aber ganz ehrlich: Wenn wir nicht lernen, den Künstler von seinem Werk zu trennen, geraten wir ständig in die Bredouille, weil wir uns ständig fragen müssen, ob der Künstler sein ganzes Leben lang absolut respektierlich war, bevor wir sein Werk genießen. Ich weiß, das ist nicht einfach - aber ich kann's nun mal nicht ändern. Jedenfalls gibt es ein Exemplar der Spezies homo sapiens sapiens, die einem so einen Kinobesuch ganz schön vergällen kann, und das sind diejenigen, die das Geschehen auf der Leinwand permanent kommentieren müssen! Pausenlos hört man sie quatschen: "Ah! Und was macht er jetzt? ... Und warum macht er das? ... Ah, das hab ich mir gedacht, dass das passiert! ... Glaubst du, es passiert das?" Den ganzen Film über wird man permanent auf unangenehme Weise daran erinnert, dass es eine Welt jenseits des Films gibt - und das ist doch nicht der Grund, weshalb man ins Kino geht! Liebe Top-Eierer Numero 22: Keinen interessiert, was ihr sagt, also lasst es bitte bleiben!

Top-Eierer Numero 23: Patrioten

Ich sage es gerne, und ich sage es auch jetzt: Ich mag das Land, in dem ich geboren bin und über dessen Staatsbürgerschaft ich verfüge. Ich habe mehr Rechte als in vielen anderen Ländern dieser Welt, ich kann in Frieden leben und mich verhältnismäßig frei entfalten. Ich mag Österreich, und ich bin auch gerne Europäerin - aber ich glaube an ein modernes, aufgeschlossenes, freies, humanitäres Österreich bzw. Europa. Und ich muss leider sagen, dass mich vor allem die EU angesichts der Situation der Menschen im Flüchtlingslager Moria bitter enttäuscht hat - ebenso wie unsere Regierung, denen es leider wichtiger ist, vor den Rechten gut dazustehen, als dass Menschen ein Dach überm Kopf und was zu essen haben. Leider entwickeln wir uns allmählich zurück zu einer Gesellschaft, hinter der ich nicht stehen kann - eine ausgrenzende, engstirnige, rückschrittliche Gesellschaft, deren Möglichkeiten nur jenen offen stehen, die den Verantwortlichen nach dem Mund reden - und natürlich jenen, die nicht das Pech hatten, unter den falschen Umständen geboren worden zu sein. Eine Gesellschaft, die nur für Patrioten und Nationalisten offen steht. Und es tut mir leid - beides kann ich absolut nicht nachvollziehen. Ja, ich gratuliere dir, dass du in Österreich geboren bist! Starke Leistung, das macht dir so schnell keiner nach! Hier ist dein Pokal! Ganz ehrlich - für mich ist Patriotismus bzw. Nationalismus der letzte Ausweg all derer, die im Leben sonst nichts auf die Reihe bringen. Denn stolz sein kann man, so finde ich jedenfalls, auf Dinge, die man geleistet hat - nicht aber auf Gegebenheiten, auf die man keinen Einfluss hat. Und nein, ich glaube nicht, dass wir uns unser Schicksal irgendwie unbewusst selbst aussuchen - wer so etwas behauptet, sucht nur nach einer Ausrede, warum es okay sein soll, ein egoistisches Arschloch zu sein. Liebe Top-Eierer Numero 23: Besinnt euch auf das, was ihr könnt, und nicht auf das, was euch in die Wiege gelegt wurde!

Top-Eierer Numero 24: Gaffer

Und nein, diese Eierer gehen mir nicht lediglich auf die Nerven: Ich hasse und verachte sie zutiefst. Denn was für ein Arschloch muss man sein, dass einem vor lauter Sensationsgeilheit auf alles andere scheißt? Und leider ist es genau diese Sensationsgeilheit, die die Boulevard-Drecksblätter noch befeuern: Indem Falschinformation gestreut und die Persönlichkeitsrechte von Opfern mit Füßen getreten werden, appelliert man an den niedrigsten Instinkten seiner Leser. Und genau das ist der Grund, warum ich auch die Boulevard-Presse zutiefst verachte. Denn die Gaffer-Mentalität ist für mich der gesellschaftliche Bodensatz: Anstatt sich zu fragen, ob man in einer Notsituation etwas Konstruktives beitragen kann, wird sich am Leid anderer aufgegeilt. Und als ob das noch nicht genug wäre, behindert man auch noch diejenigen, die helfen können und auch wollen - und macht vielleicht gleichzeitig auch noch ein paar Bilder, die man dann im Internet veröffentlichen kann, damit Leute, die genau solche Arschlöcher sind wie du, sich ebenfalls daran aufgeilen kann. Nicht liebe Top-Eierer Numero 24: Wenn ihr nichts Hilfreiches zu einer Situation beitragen könnt, dann schleicht euch gefälligst! Und macht jenen Platz, die im Gegensatz zu euch in der Lage sind, die Situation zu verbessern und jenen zu helfen, die ihr nur begaffen könnt! Und nutzt das Smartphone in eurer Hand, wenn überhaupt, nicht dazu, Fotos und Videos zu machen: Nutzt es, um die Notrufnummer zu wählen! Denn dann hättet ihr tatsächlich mal zur Abwechslung was Hilfreiches beigetragen! Und es tut mir auch nicht leid, dass ich euch nicht mit der angemessenen Höflichkeit begegnen kann - denn nichts ist im Leben umsonst, auch das nicht!

Ah, das tut gut, wenn man gleich am Beginn eines Jahres - vor allem, wenn es verspricht, schwierig zu werden - einmal ganz viel Dampf ablassen kann! Und ich kann euch versprechen - es werden auch wieder Disney-Filme, Mythen und Legenden, Gedankenspiele und alles mögliche andere, was mir so einfällt, auf diesem Blog zu lesen sein. Und lasst uns trotz allem versuchen, positiv zu bleiben - weil Jammern nichts bringt. Und lasst uns das Beste aus der Situation machen - und gleichzeitig hoffen, dass wir uns alle gesund und lebendig wiedersehen! Bon voyage!

vousvoyez

Dienstag, 29. Dezember 2020

Ich fühle mich - wie alle Verrückten - kerngesund!

(c) vousvoyez
Ein Satz, der wohl auf viele von uns zutrifft - der aber laut Aussage einer mir bekannten Person von einem ihrer Professoren getätigt worden sein soll. Nun ist es ja nichts Neues, dass "Verrückte" sich für "normal" halten und umgekehrt. Im Großen und Ganzen haben wir uns wohl alle schon einmal gefragt, ob wir verrückt sind oder die Welt - oder gar beide. Besonders in jungen Jahren, wenn man sozusagen auf der Suche nach sich selbst ist, stellt man sich diese Frage wohl sehr oft - zumindest bei mir war das so. Heute erkläre ich häufig so ernsthaft, wie es mir nur möglich ist, dass ich immer schon wusste, dass ich einen Vogel habe - aber seit es offiziell ist, geniere ich mich nicht mehr dafür. Und sind wir uns ehrlich - so ein kleines bisschen einen Hau hat doch jeder von uns, oder nicht?

Manche halten wohl meine Faszination für urbane Legenden für verrückt - zumal ich ja nicht wirklich daran glaube. Aber ich finde es immer wieder interessant, wie viele davon im Umlauf sind - und wie viele immer noch geglaubt werden, obwohl sie eindeutig widerlegt sind. Und was für Geschichten aus ganz simplen Sachverhalten entstehen können Vor allem aber habe ich bei meiner letzten Recherche ein paar sehr vielversprechende Quellen gefunden. Und nachdem ich kürzlich erst wieder von einer urbanen Legende gehört habe, möchte ich euch diese heute erzählen.

Diese Legende ist jüngeren Datums und hängt mit einem sehr tragischen und auch grausamen Fall zusammen, der sich im Jahr 2004 in einer japanischen Grundschule abgespielt hat. Damals, genauer gesagt am 1. Juni, wurde ein zwölfjähriges Mädchen in einer Schule in Sasebo, einer Stadt, die zur Präfektur Nagasaki gehört, von einer Mitschülerin umgebracht. Die Elfjährige attackierte ihr Opfer mit einem Teppichmesser, schlitzte ihm die Kehle und die Arme auf. Nicht lange nach der Tat kursierte das Foto der Tatverdächtigen im Internet; es zeigt ein völlig normal wirkendes asiatisches Mädchen vor einem Schulgebäude in einem lilafarbenen Pullover der University of Nevada, weshalb sie bald unter dem Namen "Nevada-tan" im Internet bekannt wurde - wobei "tan" eine Variation der japanischen Verniedlichungsform "chan" ist -, da nach japanischem Recht die Namen minderjähriger Täter nicht veröffentlicht werden dürfen. Das Mädchen tauchte schon bald als typischer Manga-Cartoon auf - ein Kind in einem blutbefleckten Nevada-Pullover mit einem Messer in der Hand -, aber auch auf Cosplay-Veranstaltungen und Comic Cons, es gab sogar eine Band, die sich nach ihr benannte (die heute allerdings Panik heißt), und so wurde sie zu einer Art Internet-Berühmtheit, vor allem eben aufgrund ihres für eine Mörderin ungewöhnlich jungen Alters. Nach der Tat wurde die Schülerin in einem Jugendheim in Nagasaki untergebracht, von wo aus sie im September 2004 in eine Strafanstalt für jugendliche Mädchen in der Präfektur Tochigi überstellt wurde, der einzigen in ganz Japan, in der es möglich ist, Insassinnen in Isolationshaft zu nehmen. Dort blieb sie bis zu ihrer Entlassung im Jahr 2013. Was aber war geschehen, dass eine Elfjährige ein anderes Kind mit einem Teppichmesser umbrachte? Hier kommt nämlich die urbane Legende der sogenannten Red Rooms ins Spiel.

Dieses Mädchen soll nämlich häufig im Internet gewesen sein und dort auch eine eigene Website betrieben haben. In der Kommentarfunktion dieser Website soll ihr Opfer sie denn auch beleidigt haben, weshalb es an jenem 1. Juni zum Streit zwischen den beiden Mädchen mit letztendlich tödlichem Ausgang gekommen sein soll. Nun - Streitigkeiten und Zickenkriege sind unter frühpubertären Mädchen bekanntlich nichts Ungewöhnliches. Trotzdem würden wohl nur sehr, sehr wenige auf die Idee kommen, deswegen gleich einen Mord zu begehen - zumal ich nicht denke, dass dies ein Mord im Affekt gewesen sein kann, denn wie viele elfjährige Schulmädchen laufen regelmäßig mit einem Teppichmesser durch die Gegend? Aber wie so häufig, wenn ein junger Mensch die Hemmschwelle überschreitet und ein anderes Leben beendet, so ist natürlich nie das soziale Umfeld dafür verantwortlich, sondern selbstverständlich ausschließlich der Medienkonsum. *sarcasm* Und so soll es auch in diesem Fall gewesen sein - denn jene Elfjährige, die als Nevada-tan bekannt wurde, soll sich regelmäßig in sogenannten Red Rooms aufgehalten haben. Nun, was sind Red Rooms? Als "Red Rooms" bezeichnet man Internetseiten mit interaktiven Live-Streams, die übertragen sollen, wie echte Menschen gefoltert und misshandelt, manchmal sogar getötet werden - man kann dabei zuschauen oder sich sogar über Live-Chats aktiv einbringen, indem man beispielsweise vorschlägt, was mit dem Opfer als nächstes passieren soll. Heute findet man solche Seiten nur noch in den Untiefen des legendären Darknet, aber damals sollen sie in Asien auch über normale Suchmaschinen wie Google auffindbar gewesen sein. Vor etwa einem Jahr gab es auch Gerüchte, dass der eine oder andere Red Room über normale Browser zu finden sein soll.

Ich weiß nicht, wie gut ihr euch daran erinnern könnt, aber es ist noch nicht allzu lange her - höchstens vier, fünf Jahre -, da waren das Deep Web und das Darknet in aller Munde. Vor allem das Darknet bietet immer wieder Stoff für düstere Legenden - denn durch die Anonymität soll hier praktisch alles möglich sein, von illegalem Datenaustausch über Waffen- und Drogenhandel bis hin zu Kinderpornographie. Hier erhält man Zugang über alle anonymen Netzwerke und kann diese aufsuchen, ohne selbst identifiziert zu werden - dies funktioniert aber nur mittels spezieller Browser. Bei all den Gruselgeschichten wird allerdings gerne übersehen, dass das Darknet sehr wohl auch seine nützlichen bzw. nicht-grausamen Seiten hat - denn in Ländern wie China, Nordkorea, Syrien oder dem Irak ist es essenziell für eine unabhängige Berichterstattung und überwachungsfreie Kommunikation und in diesem Rahmen besonders für Journalisten sehr nützlich. Darüber hinaus wird es gerne von Whistleblowern sowie Menschenrechtsorganisationen genutzt, ebenso von Privatpersonen, die nicht wollen, dass ihre Nutzerprofile zu Werbezwecken missbraucht werden. Es ist also ein bisschen banaler, als gerne getan wird - aber auch wenn das Surfen im Darknet grundsätzlich nicht illegal ist, erleichtert es durch die Anonymität doch illegale Handlungen. Entsprechend ist es naheliegend, dass Red Rooms, wenn überhaupt, nur im Darknet existieren können. Und doch gab es offenbar auch solche Live-Streams, die im Surface Web, also dem allgemein zugänglichen Web, zu finden waren - etwa einen mit dem Namen A.L.I.C.IA., auf dem allerdings nicht wirklich was zu sehen war, oder einen, auf dem angeblich ein ISIS-Mitglied gefangen gehalten und gefoltert wurde, aber auch auf diesem war eigentlich nichts Ungewöhnliches zu sehen. Es liegt also nahe, dass zumindest diese beiden Red Rooms gar nicht echt gewesen sind.

Wenn man das Internet durchforstet, findet man selbstverständlich zahlreiche Zeugenaussagen, die darauf schwören, dass es diese Red Rooms wirklich gibt - auch wenn sie selbst im Darknet noch schwer zu finden seien. Beweise gibt es dafür allerdings keine. Nun, ich hab mir mal erklären lassen, wie diese Tor-Browser, über die man ins Darknet gelangt, überhaupt funktionieren - und diese nutzen die sogenannte Onion-Routing-Methode, die die Anonymität überhaupt erst gewährleistet. Diese beeinträchtigt die Geschwindigkeit dieser Browser allerdings erheblich, was gleichzeitig natürlich auch das Streaming erschwert - dafür müsste man auf Flash Video zurückgreifen, was wiederum der Anonymität abträglich wäre. Und wer einen echten Mord live miterleben will, ist mit Sicherheit nicht so scharf drauf, seine Identität preiszugeben - jedenfalls wage ich das mal zu behaupten. Was allerdings nicht bedeutet, dass es diese Websites nicht wirklich gibt; man kann sie offenbar tatsächlich finden, allerdings wird man dort höchstwahrscheinlich nicht das sehen, was man zu sehen erwartet. Es handelt sich nämlich ziemlich sicher um Abzocker-Seiten, die deine Neugierde und Sensationsgeilheit (oder was auch immer dich dazu treibt, zuzusehen, wie andere Menschen gequält oder gar getötet werden) ausnutzen, um dir eine Menge Geld abzuknöpfen. Ich würde also an eurer Stelle auf alle Fälle die Finger davon lassen.

In diesem Zusammenhang gibt es übrigens noch die Legende eines Ortes im Internet, der noch viel darker als das Darknet sein soll - nämlich Marianas Web, benannt nach dem Marianengraben, der tiefsten Stelle im Ozean, das lediglich über einen verschlüsselten Code erreichbar sei. Diesen könne jedoch nur ein Quantencomputer entschlüsseln, die bekanntlich noch nicht für den kommerziellen Erwerb freigegeben sind - das heißt also, no chance for you, baby! Und das ist natürlich jammerschade, denn Marianas Web soll angeblich die größten Geheimnisse der Menschheit enthalten - also etwa geheime Papiere des Vatikan, Informationen über Außerirdische und Reptiloide sowie die versunkene Stadt Atlantis oder auch Antworten auf die großen Fragen der Menschheit (woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir nachher essen). Sprich - die Lösungen auf all die Fragen, die die Menschen in all den Jahrtausenden nicht beantworten konnten, sollen jetzt auf einmal an irgendeinem Ort im Internet, der praktisch für niemanden erreichbar ist, ebenso verfügbar sein wie die Auflösung auf der Rückseite eines Rätselheftes. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber in meinem Kopf läutet da ziemlich laut die Bullshit-Glocke.

Wie ihr seht, ist die Bandbreite der Internet-Märchen ganz wirklich wahren Geschichten aus dem Internet nach wie vor unerschöpflich. Deshalb werden wir alle in Zukunft noch sehr viel davon haben. Und zumindest solange der Lockdown anhält, werdet ihr sicher noch sehr viel von mir haben. Wenn ich mir meinen Blog so durchsehe, so stelle ich fest, dass dieses selten beschissene Jahr zumindest etwas Positives hat - in all der Zeit, in der ich schon blogge, war ich noch nie so produktiv wie 2020. Ich habe in diesem Jahr tatsächlich mehr geschrieben als in all den drei vorangegangenen Jahren zusammengenommen. Und kann es irgendwie immer noch nicht so richtig glauben. Trotzdem hoffe ich - wie alle anderen auch - auf einen positiveren Verlauf des nächsten Jahres. Deswegen: Bon voyage!

vousvoyez

Montag, 28. Dezember 2020

Die Venga Boys haben #ibizagate inszeniert, um wieder in die Charts zu kommen

(c)vousvoyez
Nun - aus welcher Zeit diese Weisheit stammt, muss ich euch mit Sicherheit nicht mehr lang und breit erklären. Und so abstrus dieser Gedanke auch ist, so ist er doch naheliegender, als er auf den ersten Blick erscheint, denn im Spätfrühling bzw. Frühsommer letzten Jahres feierte Going To Ibiza ein unverhofftes Comeback in die österreichischen Charts - und avancierte von einem eher unterdurchschnittlichen Eurodance-Machwerk für Partylöwen, Innen und allen dazwischen zu einem "Protestsong" für all diejenigen, die von Schwarz-Blau bzw. Türkis-Blau die Nase voll hatten. Und somit auch für mich. Auch wenn ich wohl nie freiwillig die Venga Boys hören werde - sieht man mal von jenem Tag ab, als der türkisblaue Spuk völlig unverhofft zu Ende ging.

Nun, diese Tage sind schon lange vorbei, Blau musste inzwischen Grün weichen, aber so viel besser ist unser Leben deswegen nicht geworden - eher das Gegenteil, auch wenn die Regierung daran zur Abwechslung mal nicht schuld ist. Ein sehr schwieriges Jahr geht gerade zu Ende, und wir alle haben nur den einen Wunsch, nämlich, dass das nächste uns Erleichterung verschafft - auch wenn die Meinungen darüber, wie das erreicht werden soll, mitunter weit auseinandergehen. Viele sperren sich noch dagegen, sich impfen zu lassen, aber ich bin echt neugierig, wie lange das dauert - vor allem bei jenen, die sich nur deshalb als die großen Rebellen aufspielen, weil das momentan bequemer ist, als sich der Realität zu stellen. Aber darüber möchte ich gar nicht sprechen - ich möchte mich einer Phrase widmen, mit der ich mich an dieser Stelle schon auseinandergesetzt habe, der aber im Jahr 2020 eine besondere Bedeutung zukam. Ich möchte wieder über Cancel Culture sprechen.

Nun habe ich ja bekanntlich (und oben verlinkt) schon einen anderen Artikel verfasst, in dem ich mich damit auseinandergesetzt habe. Und nein, ich nehme kein einziges Wort davon zurück. Allerdings ändert das nichts daran, dass "cancel culture" sich im Laufe von 2020 zu einem weiteren Unwort entwickelt hat, das sofort zur Anwendung kommt, sobald von unliebsamer Seite Kritik geübt wird - und zwar ist es besonders beliebt bei Rechtsgestrickten oder auch bei Personen des öffentlichen Lebens, die in ihren Aussagen durchaus als fragwürdig bezeichnet werden können, etwa dem Entertainer Dieter Nuhr oder auch Julian Reichelt, seines Zeichens Chefredakteur der BILD-Zeitung. Gemeint ist damit in diesem Zusammenhang, dass die linksgrünversifften Gutmenschen die Meinungsfreiheit abschaffen und ihr eine politisch korrekte "Meinungsdiktatur" entgegensetzen wollen, in der man überhaupt nichts mehr sagen darf. Schluchz! Und nein, meine Lieben, das ist nicht dasselbe wie das Bestreben, diskriminierende Fehltritte der Vergangenheit totschweigen zu wollen. Denn der Unterschied ist: Wer sich heute diskriminierend äußert, tut dies zumindest größtenteils in vollem Bewusstsein dessen - und wer sich grundsätzlich weigert, Kritik anzunehmen, der sollte sich überlegen, ob er überhaupt dazu geeignet ist, Person des öffentlichen Lebens zu sein. Denn egal was du tust, es wird immer irgendjemanden geben, dem es nicht passt - noch mehr, wenn viele Leute dich kennen.

Nun scheint es ja heutzutage in jenen Kreisen, die sich am lautesten und ausdauerndsten über cancel culture aufregen, en vogue zu sein, Witze zu reißen, die nur so strotzen vor Menschenverachtung, um dann hinterher zu erklären, das sei "schwarzer Humor". Bei so manchem Zeitgenossen, der ansonsten durchaus als intelligent und eloquent zu bezeichnen ist, scheint das so weit zu gehen, dass dessen geistiges Niveau unter den Meeresspiegel sinkt, sobald er bzw. sie versucht, witzig zu sein. Das liegt wohl vor allem daran, dass diese Leute sich einbilden, dass jeder, der nicht dasselbe witzig findet wie sie selbst, deswegen automatisch spießig oder gar prüde ist - im Gegensatz dazu kann man sich selbst dann besonders modern, aufgeschlossen, edgy, innovativ, vielleicht sogar avantgardistisch vorkommen. Lustigerweise sind das häufig dann auch diejenigen, für die es zwar voll okay ist, sich über Klischees, die sie selbst nicht betreffen, lustig zu machen, weil das ja "schwarzer Humor" ist, die allerdings sofort zu heulen anfangen, sobald diese sie selbst betreffen. Denn der privilegierte, ignorante, heterosexuelle Weiße soll selbstverständlich immer differenziert betrachtet werden, während eine Frau sich gefälligst nicht so anstellen soll, wenn man sie zum hundertsten Mal auf ihren Körper reduziert, und ein Schwarzer gefälligst zu lachen hat, wenn er den tausendsten bescheuerten Witz über sein angeblich übergroßes "bestes Stück" zu hören bekommt.

Und wenn dann der eine oder andere Betroffene - oder auch jene, die Diskriminierung einfach nicht gut finden - Kritik übt, dann wird sehr schnell einmal von cancel culture gesprochen. Und häufig auch dramatisiert: So gab es diesen Sommer eine Riesendebatte um cancel culture, nachdem die Kabarettistin, Poetry-Slammerin und inzwischen auch Autorin Lisa Eckhart vom Harbour Front Literaturfestival in Hamburg ausgeladen wurde, nachdem der "Schwarze Block" angeblich mit Gewalt gedroht habe, sollte sie dort tatsächlich auftreten (nach einem gewaltigen Aufschrei wurde die Ausladung allerdings wieder zurückgezogen). Ich muss zugeben, anfangs habe ich das auch geglaubt - und egal ob mir ein Künstler bzw. eine Künstlerin gefällt oder nicht, das geht für mich überhaupt nicht klar. Selbstverständlich ist Kritik erlaubt und auch wünschenswert, aber dann bitte auf sachlicher Ebene. Im übrigen finde ich es auch nicht in Ordnung, dass man Frau Eckhart so schnell ausgeladen hat. Ich gebe offen zu, ich mag ihre "Kunst" überhaupt nicht - sie ist für mich das beste Beispiel jener, die außer Provokation, wenn auch gewandet in vermeintlicher Eloquenz, nichts zu bieten haben und dazu tendieren, jeden geistigen Müll als "schwarzen Humor" zu bezeichnen. Nicht alles, was provokativ ist, ist deswegen automatisch gut. Allerdings finde ich auch - wenn man jemanden einlädt, dann sollte man auch dazu stehen, und wenn man sich nicht über eine Person informieren kann, bevor man sie einlädt, dann muss man die Konsequenzen eben tragen. Aber auch das hat nichts mit cancel culture zu tun - wer eine Veranstaltung ausrichtet, entscheidet selbst, wen er ein- oder auslädt. Das kann man gut finden oder auch nicht - es ist eben so. Und Frau Eckhart scheint das auch nicht geschadet zu haben - ganz im Gegenteil, denn durch diese false-flag-Aktion konnte sie sehr viele Leute auf ihre Seite ziehen, die unter normalen Umständen gar nichts mit ihr anfangen könnten, weil sie als "Opfer einer eingeschränkten Kunstfreiheit" gehandelt wird.

Aber Frau Eckhart macht ja nur Satire, sagst du, und hält anderen Leuten damit den Spiegel vor! Nun - das hat allerdings auch nur dann einen Wert, wenn man sich selbst im Spiegel erkennt. Solche Argumente kommen aber hauptsächlich von jenen, die glauben, es gehe um die anderen und nicht um sie selbst. Häufig vergleicht man das auch mit Helmut Qualtingers Monolog Der Herr Karl, nach dessen Uraufführung im ORF die Telefone heiß liefen durch jene, die sich ertappt fühlten. Aber genau das ist eben der Unterschied zu Frau Eckhart - der Herr Karl präsentiert sich als der durchschnittliche Kleinbürger, der sein Fähnchen immer nach dem günstigsten Wind dreht und stets mit jenen mitläuft, die gerade den Ton angeben, ohne diese Haltung je in Frage zu stellen. Das war zu einer Zeit, als der Österreicher sich gerne als unschuldiges Opfer des nationalsozialistischen Deutschland sah - der Monolog des Herrn Karl gehörte zu den ersten künstlerischen Werken, die aufzeigten, wie verlogen diese Haltung in Wirklichkeit war (und bis heute ist). Insofern haben wir unseren geliebten Nachbarn so einiges voraus - heutzutage hört auch so mancher Deutscher gar nicht gern, dass seine Vorfahren in Wirklichkeit keine armen Opfer gewesen sein sollen. Das Geniale am Herrn Karl ist vor allem jener Mechanismus, den ich auch schon bei Otto, der Film angesprochen habe - der Herr Karl präsentiert sich nicht als brüllender, gewalttätiger Nazi, sondern als sympathischer, charmanter, etwas naiv wirkender Allerweltsmensch, sozusagen als der nette Nachbar, den man vor einer Urlaubsreise darum bitten würde, die Blumen zu gießen und den Wellensittich zu füttern (siehe dazu auch Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen von Hannah Arendt). Diese Kombination war es letztendlich auch, die hierzulande für eine gewaltige Welle der Empörung gesorgt hat - der Vergleich mit den getroffenen Hunden liegt hier natürlich nahe.

Was Frau Eckhart betrifft, so bedient diese sich auf betont künstlich-theatralische Weise der billigsten Klischees - wobei hier der schlechten Gegenwart eine vermeintlich bessere Vergangenheit gegenüber gestellt und sich so ans Publikum angebiedert wird. Wer sich im Spiegel erkennt bzw. erkennen will, lacht über die eigenen Fehler - vorgeführt werden ihm aber lediglich die Fehler der anderen, und über die zu lachen ist ja bekanntlich nicht schwer. Schon als Kind wurde mir beigebracht, dass eine humorvolle Person sich selbst immer mit einbezieht und dass ein guter Satiriker den Spiegel auch nutzt, um selbst hineinzuschauen - und das sehe ich bei einer Frau Eckhart nun einmal nicht. Im Gegenteil - sie beruft sich auf eine "Kunstfigur", von welcher sowohl sie selbst als auch der Zuschauer immer ganz bequem weit entfernt sind. So kann sie sich auch selbst relativ einfach jeglicher Debatte entziehen - bis sie eben gezwungen ist, doch mal Stellung zu beziehen, etwa dann, wenn die AfD sie vor ihren Karren spannen will. Und diejenigen, die sich für besonders progressiv halten, offenbaren in Wirklichkeit genau das Gegenteil - nämlich Borniertheit und Kleingeistigkeit. Aber vielleicht irre ich mich auch - nichts liegt mir ferner als Unfehlbarkeit, und wer eine andere Meinung hat, darf sie selbstverständlich auch haben. Um ehrlich zu sein, hoffe ich auch ein bisschen, dass ich mich irre. Aber nur ein ganz kleines bisschen!

Selbstverständlich wird die so bezeichnete cancel culture nun auch häufig dazu verwendet, das Ende der Demokratie heraufzubeschwören - denn immerhin wird hier eine ihrer heiligen Kühe, nämlich die Kunstfreiheit, angegriffen. Dabei übersieht man jedoch eines: Gerade die Diskussion über einen Künstler und dessen Werk sowie die Entscheidung, ob man dieses konsumieren will oder soll, ist alles andere als undemokratisch. Reichweite ist kein Naturgesetz, das einem automatisch zugestanden werden muss - vielmehr hängt es immer von den Entscheidungen des Einzelnen ab. Ich hätte mit Sicherheit eine viel größere Reichweite, würde ich mich nicht standhaft weigern, diesen Blog hier zu monetarisieren - aber das ist eine bewusste Entscheidung, die ich ändern kann oder auch nicht. Ich kann mich nicht beschweren, dass diese Zeilen von eher wenigen Leuten gelesen werden, wenn ich nichts tue, um dies zu ändern. Aber wisst ihr was - es hat auch Vorteile, nicht populär zu sein. Denn im Gegensatz zu anderen muss ich mich nur sehr selten mit dem Bodensatz der Online-Community auseinandersetzen. Und darüber bin ich, ehrlich gesagt, nicht wirklich beleidigt - zumal der Anteil meiner Leser sich im letzten Jahr deutlich erhöht hat. Im Gegenzug entscheide ich allerdings auch selbst darüber, was ich konsumiere und was nicht, was ich gut finde und was nicht, kurz - ich nehme meine Stellung als mündiger Bürger wahr, indem ich die Inhalte, die ich konsumiere, ebenso hinterfrage und mir gleichzeitig auch dessen bewusst bin, dass ich als Einzelperson sehr wohl einen Einfluss auf deren Reichweite habe, und sei er auch noch so klein. Gleichzeitig kann ich auch nicht davon ausgehen, dass mein persönlicher Geschmack für andere immer auch Relevanz hat - was für mich eher unwichtig ist, kann für andere durchaus wichtig, vielleicht sogar verletzend sein und umgekehrt. Und ein Witz ist ja auch im jeweiligen Kontext zu betrachten - so kann ich über die Frauenwitze meines Bruders durchaus lachen, weil ich ihn kenne und weiß, dass er nicht der Ansicht ist, dass Frauen außerhalb der Küche nichts verloren haben, und dies auch schon durch Taten bewiesen hat.

Nun muss ich zugeben, dass ich kein großer Freund von Boykottaufrufen bin - wie ich in meinem oben verlinkten Artikel auch anklingen ließ. Der Grund ist, dass diejenigen, die diese Waffe nutzen, sich häufig nicht bewusst sind, wie mächtig sie eigentlich ist - und dass sie sich leicht gegen die Falschen richten lässt. Dies lässt sich auch bezüglich der Art von cancel culture beobachten, über die ich damals gesprochen habe - sobald jemand sich auch nur einen Fehltritt erlaubt, wird häufig gar nicht mehr auf den Kontext geschaut, sondern sofort ein vollständiger Boykott gefordert. Aber nicht jede Kritik an einem Künstler bzw. dessen Werk ist gleich ein Boykottaufruf - und überdies haben auch nicht unbedingt ausschließlich "Linke" und "Gutmenschen" bezüglich dessen besonders oft Aufmerksamkeit erlangt. Systematische Hetzjagden gab es allerdings sehr häufig gerade von rechtsextremer Seite - und da reichten oftmals Kleinigkeiten zur Eskalation, die sich nicht in Aufrufen, gewisse Inhalte nicht mehr zu konsumieren, erschöpften, sondern häufig in Gewaltphantasien, sexueller Belästigung oder sogar Morddrohungen gipfelten.

Nun sind Scheindebatten, die durch den Begriff cancel culture angerichtet wurden, alles andere als hilfreich - im Gegenteil, sie spielen nur denjenigen in die Hände, die sich dadurch in ihrem Weltbild einer "linken Meinungsdiktatur" bestätigt fühlen. Auf diese Weise können diese nämlich von ihrem eigenen Bestreben ablenken, jede kritische Stimme durch falsche, überzogene Vorwürfe systematisch aus der Öffentlichkeit zu mobben. Was ich mir für die Zukunft wünsche, ist, dass wir wieder lernen, unser Gegenüber nach den Inhalten zu bewerten, die es transportiert, anstatt uns auf Oberflächlichkeiten zu beschränken - und vor allem, dass wir wieder anfangen, einigermaßen gesittet zu kommunizieren und nicht alles auf radikalisierte Narrative zu reduzieren. Kunst lebt von offenem Diskurs und nicht von kritikloser Anbetung - ansonsten hätte es diesbezüglich nie eine Entwicklung gegeben. Ich kann nicht sagen, ob wir uns in diesem Jahr noch einmal lesen, aber eines ist klar - ich komme wieder, keine Frage!

vousvoyez

Montag, 21. Dezember 2020

Gib den Leuten die Chance, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln, denn das können sie am besten

(c) vousvoyez
Ein Satz, der sich im vergangenen Jahr auf zwei FPÖ-Politiker bezog - der in diesem Jahr aber für sehr viele erschreckend aktuell ist. Besonders, wenn man sich ansieht, wie groß die Menge an Leuten ist, die gerade in Corona-Hotspots ihre kostbare Freiheit auf Kosten anderer verteidigen - ist es Zufall, dass die Ansteckungszahlen gerade in jenen Regionen explodieren, in denen fleißig demonstriert wurde? Aber okay - dieses Thema habe ich, glaube ich, schon zur Genüge ausgereizt. Ich möchte heute lieber über etwas anderes schreiben.

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, dem wird sicher schon aufgefallen sein, dass ich mich immer wieder mal mit modernen Mythen und urbanen Legenden befasst habe - nachdem ich kürzlich wieder mal ein bisschen nachjustiert habe, ist mir aufgefallen, dass diese Website voll davon ist. Nun, ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder von uns zumindest eine dieser kleinen Horrorgeschichten kennt, die auch ganz wirklich echt wahr sind! Hat mir der Hund vom Kollegen vom Schwippschwager meiner Urstrumpftante dritten Grades gesagt! Also muss es auch stimmen! Und deswegen habe ich mir wieder einmal ein paar von diesen "netten" kleinen Geschichten angeschaut.

Auf die Idee gekommen bin ich, als ich herausgefunden habe, wie das Märchen entstand, dass es in China angeblich normal sei, menschliche Babys zu essen. Nun - wir wissen, dass die Essgewohnheiten in Asien für westliches Verständnis oft mehr als befremdlich sind. Aktuell stehen ja gerade diese hart in der Kritik, nachdem im letzten Jahr eine etwas, ähm, ungewöhnliche Mahlzeit zu einer weltweiten Pandemie geführt hat. Aber wie auch immer man dazu stehen mag - ich kann euch versichern, es ist dort trotzdem nicht normal, Babys zu essen. Das ganze Gerücht entstand durch eine Kunstaktion. Wir wissen ja, dass die chinesische Zensurpolitik extrem restriktiv ist - was sicherlich mit ein Grund ist, warum zeitgenössische Aktionskunst dort häufig sehr extremistisch ist. Einer der kontroversesten chinesischen Künstler ist aber wohl der in Chengdu geborene Zhu Yu, der schon häufig mit sehr drastischen Aktionen aufgefallen ist. Weltberühmt wurde er jedoch mit einem Projekt, das er Eating People nannte: Er ließ sich dabei fotografieren, wie er abgetriebene menschliche Föten auf unterschiedliche Weise zubereitete und verzehrte - Föten, die er illegal aus medizinischen Einrichtungen besorgt haben will. Ob das tatsächlich stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Laut eigener Aussage wollte er damit die überkommene Ethik seines Landes herausfordern, in dem Kannibalismus zwar genauso verpönt wie im Westen, aber gesetzlich nicht ausdrücklich verboten sei - während im Gegensatz dazu die meisten nichts dabei finden, Tiere zu verspeisen. Die Bilder sind bis heute ohne Probleme im Internet zu finden - ich habe mir die Suche danach geschenkt, bin beim Googeln des Künstlers aber leider trotzdem drauf gestoßen (auch wenn ich ganz schnell weggeklickt habe). Im November 2000 sollte die Fotoserie bei einer Underground-Show mit dem Titel Fuck Off im Rahmen der 3. Biennale in Shanghai vorgestellt werden - die Bilder wurden jedoch am Abend vor der Eröffnung der Ausstellung aufgrund von Massenprotesten wieder abgehängt. Im Mai 2001 verbot das Kulturministerium in Peking die Verwendung tierischer und menschlicher Körperteile in der Kunst. 2003 wurde die Aktion durch eine BBC-Dokumentation auch in Europa bekannt. Das Thema wurde allerdings schon früher aufgegriffen und verbreitet: Die malaysische Boulevard-Zeitung Perdana Sari veröffentlichte ein Foto aus dieser Aktion und behauptete, dieses sei in einem Restaurant in Taiwan aufgenommen worden, wo den Gästen auf Wunsch menschliche Föten serviert würden. Wer sich diese Fotos antun will, kann es gerne tun, aber wenn ihr hinterher Probleme mit dem Essen habt, beschwert euch bitte nicht bei mir!

Nicht alle urbanen Legenden sind so grausam, aber tatsächlich sind alle in irgendeiner Form eklig oder gruselig. Als ich ein Teenager war, erzählte man sich untereinander, dass man nach Bob Marleys Tod in seinen Dreadlocks mehrere Insektenarten gefunden haben soll. Die Gerüchte von Rastafrisuren, in denen ganze Nester von Insekteneiern und -larven gefunden worden sein sollen, hielten sich hartnäckig. Was Bob Marley betrifft, so wusste ich schon, nachdem ich die Biographie von Timothy White gelesen habe, dass die Geschichte erfunden ist - der Reggae-Musiker starb im Alter von 36 Jahren an Krebs und verbrachte die letzten Lebenswochen in einer Spezialklinik in Bayern, wo er unter anderem einer Chemotherapie unterzogen wurde, bei der er seine berühmte Löwenmähne verlor. Der Begriff "Dreadlocks" stammt aus der Rastafari-Kultur, die sich in den 1930er Jahren in Jamaika bildete. Diese religiöse Gemeinschaft, die aus den Nachfahren afrikanischer Sklaven besteht, lässt sich die Haare lang wachsen und verfilzen, um sich von westlichen Schönheitsidealen abzugrenzen. Doch erfunden haben sie diese Frisur nicht - schon in antiken Kulturen ließen sich Menschen, die keine Bürsten und Kämme kannten, die Haare wachsen und verfilzen. Auch heute gibt es weltweit indigene Völker, die ihre Haare so tragen - und nicht nur bei den Rastafaris, auch in vielen anderen Religionen haben Dreadlocks eine spirituelle Bedeutung, etwa bei indischen Sikhs oder den muslimischen Derwischen. In westlichen Industrieländern tragen vor allem jüngere Leute gern Dreadlocks, entweder als Ausdruck einer alternativen Lebensweise oder aus rein modischen Gründen. Für viele Schwarze sind sie Ausdruck der Zugehörigkeit zur Community, weshalb vor allem Afro-Amerikaner es gar nicht gern sehen, wenn Weiße Dreadlocks tragen - viele sind der Ansicht, diese würden ihre Kultur imitieren, ohne sie wirklich verstehen oder anerkennen zu wollen. Da Rastafaris aus rituellen Gründen Cannabis konsumieren, werden Dreadlocks in unseren Breiten auch gern mit Drogenkonsum in Verbindung gebracht - aber selbstverständlich hat das eine mit dem anderen nicht zwingend etwas zu tun. Und was die Hygiene betrifft - natürlich bedürfen Dreadlocks ab einer gewissen Länge einer intensiveren Pflege als unverfilzte Haare. Dass Leute, die Dreadlocks tragen, automatisch keinen Wert auf Hygiene legen, dass Dreadlocks schimmeln, faulen oder eine Einladung für Ungeziefer sind, ist allerdings ein Gerücht. Ich bin mit einem Mann zusammen, der schon häufiger Dreadlocks getragen hat, da er eine Haarstruktur hat, die automatisch zu den bekannten Strähnen verfilzt - seine Haare waren allerdings nie weniger gepflegt als die anderer Menschen, die keine Dreadlocks tragen.

Eine urbane Legende, die in den USA schon lange bekannt und mit einer Mutprobe verknüpft ist, die aber auch hier schon längst sozusagen zur Allgemeinbildung gehört, ist natürlich die von "Bloody Mary". Das Bloody-Mary-Spiel ist vor allem auf Partys sehr beliebt, um sich gegenseitig seinen Mut zu beweisen. Es gibt unzählige Varianten dies Spiels und natürlich auch ebenso viele Behauptungen darüber, was passieren soll, nachdem man das Ritual durchgeführt hat - genauso, wie auch die Geschichten selbst vielfältig sind. Meist geht es darum, sich mit einer brennenden Kerze vor den Spiegel eines dunklen Badezimmers zu stellen und dreimal "Bloody Mary" zu sagen. Überhaupt ist das Bad der beliebteste Raum, wenn es darum geht, dieses Ritual durchzuführen - wohl, weil Bäder immer über einen Spiegel verfügen, dafür aber häufig kein Fenster haben, weshalb man sie am einfachsten abdunkeln kann. Manchmal wird davon gesprochen, dass man das Ritual allein durchführen muss, manchmal von mehreren Personen, die beteiligt sein sollen; auch die Anzahl der "Bloody-Mary"-Rufe können variieren, manchmal muss man auch Sprüche aufsagen wie "Ich glaube an Bloody Mary", "Ich stahl dein Baby, Bloody Mary" oder "Ich habe dein Baby getötet, Mary Worth". Hin und wieder muss man auch mit roter Farbe oder Lippenstift etwas auf den Spiegel malen, etwa eine Treppe oder die Zahl 666. Hat man das befolgt, soll Bloody Mary erscheinen - entweder im Spiegel oder auch hinter einem oder in der Badewanne. In den meisten Geschichten wird von einer dunkelhaarigen Frau erzählt, deren Gesicht vernarbt oder verstümmelt sein soll, mit leerem Blick oder auch leeren, blutigen Augenhöhlen; manche berichten auch von einer blutbedeckten Gestalt oder einem Gesicht, das zur Hälfte eine schöne Frau, zur anderen Hälfte ein Totenschädel sein soll. Was mit dem Beschwörer passieren soll, darüber ist man sich ebenso wenig einig: Entweder es erscheinen Kratzspuren überall am Körper, oder Bloody Mary taucht auf und macht die Person verrückt, die sie gerufen hat, oder sie kratzt ihr die Augen aus, reißt ihr das Gesicht ab, zieht sie in den Spiegel hinein, schneidet ihr die Kehle durch, ertränkt sie in der mit ihrem Blut gefüllten Badewanne, bringt die Person und alle ihre Freunde um oder zwingt sie dazu, alle ihre Freunde und sich selbst umzubringen. Manchmal sieht man auch nur gruselige Sachen im Spiegel, oder die Wände fangen an zu bluten oder die Badewanne füllt sich mit Blut statt mit Wasser, wenn die Person sie benutzen will. Kurzum, Bloody Mary ist ein wirklich entzückendes Herzchen und ein Gewinn für jede Kinderparty. Aber wo kommt sie eigentlich her?

Obwohl sie meist Bloody Mary genannt wird, ist sie unter verschiedenen Namen bekannt - Mary Worth, Mary Jane, Hell Mary, Mary Lou oder auch Bloody Bones, Black Agnes, Agnes und so weiter. Die häufigste Geschichte ist die einer Mary Worth, Mary Whales oder Mary Jane, die im 17. Jahrhundert in Massachusetts gelebt und ein entstelltes Gesicht gehabt haben soll, weshalb die Kinder sie verspottet und "Bloody Mary" genannt haben sollen. Irgendwann soll sie in Salem der Hexerei beschuldigt und hingerichtet worden sein, aber bis heute soll sie sich an Kindern dafür rächen, dass sie einst verspottet wurde. Anderorts erzählt man sich aber auch die Geschichte einer alten Kräuterhexe, die in einem Wald in Pennsylvania gelebt und kleine Mädchen entführt haben soll, um mit Hilfe ihres Blutes wieder jung und schön zu werden - bis sie von den Bewohnern eines nahen Dorfes, aus dem mehrere Mädchen verschwunden waren, auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Bevor sie starb, soll sie die Dorfbewohner verflucht haben - jeder, der vor einem Spiegel ihren Namen laut ausspreche, würde eines schrecklichen Todes sterben. Eine andere Legende erzählt von einer jungen Frau bzw. einem Mädchen namens Mary aus Jackson, Michigan, das einen Unfall hatte und für tot erklärt wurde, obwohl sie nur im Koma lag. Sie wurde begraben, aber die Mutter hörte nach der Beerdigung jede Nacht ihre Schreie aus dem Grab dringen. Als sie die anderen endlich überzeugen konnte, nachzusehen, fand man Kratzspuren an der Innenseite des Sarges und Blut an den Fingernägeln der Leiche. Seitdem soll sie jedem erscheinen oder gar jenen töten, der sie beschwört. Manche verbinden die Legende aber auch mit Maria I. Tudor, der Tochter von Heinrich VIII., dem Begründer der anglikanischen Kirche, der insgesamt sechsmal heiratete und seine unerwünschten Ehefrauen zum Teil mit recht grausamen Methoden wieder "loswurde". Diese ließ im 16. Jahrhundert fast dreihundert Protestanten hinrichten in dem Bestreben, den Katholizismus erneut als Staatsreligion zu etablieren. Eine andere Geschichte erzählt, dass sie, da sie mehrere Fehlgeburten erlebte, den Wunsch hegte, ihre toten Kinder irgendwann einmal wiederzusehen - weshalb man in den Spiegel "Bloody Mary, ich habe dein Kind" sprechen soll. Andere vermuten dahinter auch die von mir bereits erwähnte "Blutgräfin" Erzsébet Báthory, die jedoch allein wegen ihres Namens aus dem Schema herausfällt. Ihr seht also, es gibt viele unterschiedliche Varianten, und welche man nun glauben oder nicht glauben soll, kann man sich selbst aussuchen. Ich persönlich finde, dass dieser Variantenreichtum schon ausreicht, um den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte anzuzweifeln, aber wenn ihr mögt, könnt ihr euch mal über die Rituale schlau machen und das eine oder andere davon ausprobieren - aber bitte nur, wenn ihr wirklich starke Nerven habt! Für etwaige Geistererscheinungen übernehme ich keine Haftung. Da dieses Ritual vor allem bei jungen Mädchen sehr beliebt ist, wird übrigens vermutet, dass dieses auf Pubertäts- bzw. Menstruationsängste zurückgeführt werden könnte. Ob das stimmt, kann ich allerdings nicht beurteilen.

Zu den ebenfalls am weitesten verbreiteten modernen Sagen zählt auch jene des "Amokläufers", der seine Opfer mittels einer AIDS-Spritze mit dem HI-Virus infizieren soll. Immer wieder kursieren Kettenbriefe auf allen möglichen Social-Media-Plattformen, die von einer Person erzählen, die in Kinos oder Diskotheken in Süddeutschland oder Österreich ahnungslosen Menschen unbemerkt HIV-verseuchte Spitzennadeln in den Körper gestochen haben soll, manchmal mit der Aufschrift "Willkommen im Club". (Blieben die etwa unbemerkt im Körper stecken? Ihr seht schon, die Geschichte ist mehr als kryptisch.) Im Jahr 2002 gab es sogar eine Meldung von einem Vorfall in einer Diskothek in Linz - Näheres ist nicht bekannt. Manchmal wird auch von infizierten Spritzen erzählt, die in U-Bahnsitze oder Handschuhe gesteckt werden, oder von Fremden, die von Tür zu Tür gehen und jedem, der ihnen aufmacht, infektiöses Blut injizieren soll. Die Geschichte ist auf jeden Fall uralt und existiert wohl schon, seit das HI-Virus bekannt ist - ähnlich wie es in praktisch jeder österreichischen Stadt einen Kebabstand bzw. eine Pizzeria geben soll, in der schon mal jemand vom Küchenpersonal ins Essen ejakuliert haben soll. (In meiner Stadt war es ein Kebabstand - und ausgerechnet einer der saubersten.) Meist wird die Spritzen-Geschichte so interpretiert, dass derjenige, der die Leute sticht, mit seiner eigenen Infektion nicht fertig wird und sich an den Gesunden rächen will, indem er sie in seinen "Club" holt, also ebenfalls infiziert. Nun, wer diesen Blog schon länger verfolgt oder mich auf anderen Kanälen oder sogar persönlich kennt, hat sicher schon mitbekommen, dass ich in den Achtzigern geboren und somit in einer Zeit aufgewachsen bin, in der AIDS bereits ein weltweites Problem darstellte und somit in aller Munde war. Auch wir wurden etwa von Beginn unserer Geschlechtsreife an jedes Jahr mehrmals über das HI-Virus als mögliche Folge ungeschützten Geschlechtsverkehrs aufgeklärt. Aber auch wenn ich schon sehr früh eine ungefähre Vorstellung davon hatte, wie AIDS übertragen wird, kursierten doch alle möglichen Gerüchte bezüglich der Möglichkeiten, sich anzustecken. So wurde etwa behauptet, dass man von einem Münzspiel, das bei uns als "Abschießen" bekannt war, da dem Verlierer mit der Kante eines Zehn-Schilling-Stücks die Fingerknöchel blutig geschossen wurden, AIDS bekommen könnte - oder auch vom Küssen.

Nun, ich bin schon lange kein Teenager mehr, und im Zuge all der Aufklärungsgeschichten und nach nochmaligem Informieren auf Websites der AIDS-Hilfe kann ich nur sagen - ob von den Spritzen-Geschichten irgendeine wahr ist, kann ich zwar nicht beurteilen, aber es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass jemand mittels zufällig gestochener Spritzen mit dem HI-Virus infiziert wird. Klar ist das Risiko bei Junkies, sich durch gemeinsames Benutzen von Drogenspritzen zu infizieren, gegeben - aber Ansteckungen über Spritzen sind praktisch nur möglich, wenn direkt in die Vene gespritzt wird, was in einer Disco oder einem Kinosaal wohl kaum möglich ist, immerhin muss man die Vene erst einmal finden und dann auch treffen. Abgesehen davon ist so eine Nadelstichverletzung von ungeübten Händen doch recht schmerzhaft, weshalb sie wohl kaum unbemerkt bleiben würde. Darüber hinaus wissen wir ja, dass skandalöse Geschichten sozusagen die Essenz der Sensationsjournalismus sind, sprich, wenn auf diese Weise tatsächlich schon einmal eine HIV-Infektion stattgefunden hätte, dann können wir uns sicher sein, dass diese Geschichte sehr leicht und in mehrfacher Ausführung zu finden wäre. Wenn ich mich aber so durch Google scrolle, lese ich nur Dementi von Seiten wie mimikama oder eben der AIDS-Hilfe, gefolgt von ein paar reißerischen Meldungen dubioser Schwurbelseiten ganz wirklich echt wahren Geschichten hoch seriöser Seiten mit alternativen Fakten.

Das war eine Auswahl von ein paar modernen Märchen ganz wirklich wahren Geschichten, von denen ich teilweise schon als Jugendliche die eine oder andere Ausführung kannte (und auch glaubte, wie ich zu meiner großen Schande gestehen muss). Und da ihr wisst, dass ich an solchen urbanen Mythen aber so was von wahren Geschichten immer schon meine Freude hatte, könnt ihr sicher sein, dass es nicht die letzte gewesen sein wird. Einstweilen hoffe ich, dass wir die nächsten Tage und Wochen überstehen und dass das neue Jahr, auf das wir nun zusteuern, endlich ein wenig Erleichterung bringt. Ich schätze aber, da wir in Kürze den nächsten "harten" Lockdown vor uns haben, sehen bzw. lesen wir uns in diesem Jahr wahrscheinlich noch mal wieder. Bis dahin bon voyage!

vousvoyez