Donnerstag, 16. Juli 2020

Ich kann hellsehen - im Dunkeln sehe ich allerdings nichts

(c) vousvoyez
Und wie ihr ja alle wisst, ist Hellsehen eine Fertigkeit, von der ich nicht so recht überzeugt bin - da es bis jetzt keine stichhaltigen Beweise gibt, dass so etwas überhaupt funktioniert. Ich fürchte, wir werden damit leben müssen, dass wir nur in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft sehen können. Auch wenn das vielleicht nicht ganz so spannend ist. Aber so ist halt das Leben. Und so kann ich leider ebenso wenig voraussehen, wie die derzeitige Situation ausgehen wird - also, falls ihr auf meine hellseherischen Fähigkeiten gehofft habt, muss ich euch leider enttäuschen. Aus, finito, vorbei, hier gibt's nichts zu sehen!

Fest steht allerdings, wie ihr natürlich auch durch diesen Blog erfahren habt, dass Krisenzeiten wie diese eine Menge Geschwurbel hervorbringen - was wahrscheinlich auch daran liegt, dass unsere moderne Gesellschaft für Krisen nicht wirklich gewappnet ist. Seit April wird ständig der Weltuntergang prophezeit, oder zumindest der Übergang in eine neue Weltordnung, aber die lassen sich ganz schön Zeit damit. Allmählich werde ich schon ein bisschen fuchsig, immerhin will ich wissen, ob ich dieses Jahr noch auf Urlaub fahren kann oder nicht, also jetzt beeilt euch endlich mal!

Aber wie ihr wisst, bin ich sowieso von diesen bösen Systemmedien ferngesteuert - ich glaube nicht, dass ich als Österreicherin besser bin als jeder Afrikaner, Araber, Türke, Amerikaner, Franzose oder was auch immer. Und ich bin auch eine von denen, die behaupten, dass der Klimawandel menschengemacht ist - weil die Beweislast halt schlicht und einfach erdrückend ist. Wie manche von euch wissen, habe ich mich in diesem Blog schon mehrmals zu Greta Thunberg und Fridays for Future geäußert. Und ich bleibe dabei: Ich finde es gut, dass die junge Generation um eine lebenswerte Zukunft kämpft. Doch auch unter jungen Leuten gibt es nicht nur solche, denen die Zukunft unseres Planeten am Herzen liegt - es gibt auch die andere Seite: die junge Fraktion der Neuen Rechten. Und auch in Bezug auf diese herrscht Redebedarf - deswegen will ich euch zwei Prachtexemplare der rechtsgestrickten Influencer-Szene vorstellen. Beide sind jung, und beide werden sie von einem Netzwerk aus rechten Institutionen, Autoren, YouTubern und Bloggern unterstützt, die mit ihrer Hilfe ein junges Publikum erreichen und so eine eigene Medienöffentlichkeit generieren will.

Niklas Lotz, der sich auf seinem Kanal "Neverforgetniki" nennt, ist zwanzig Jahre jung und wirkt wie der Inbegriff des Lieblingsschwiegersohns. Oder wie ein Mitglied einer gecasteten Boygroup. Jedenfalls hat er nichts mit jenen Neonazis von früher gemein, die einst mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln Krawall gemacht haben. Und selbstverständlich ist er auch überhaupt nicht rechts oder gar rechtsextrem - er bevorzugt für sich Attribute wie "konservativ" oder "bürgerlich". Das klingt nicht ganz so garstig, denn er ist ja selbstverständlich kein Nazi, aber ...

... aber bezeichnenderweise sind seine Themen sehr ähnlich wie die der Rechtspopulisten, nämlich, dass es viel zu viele Ausländer gibt, dass die die Deutschen verdrängen und alle böse und überhaupt an allem, was sich zum Negativen entwickelt, schuld sind. Ebenso böse sind auch die Grünen, die SPD, die EU, Klimaschützer und Seenotretter, ab und zu auch mal die CDU. Nur eine Partei wird nie kritisiert, nämlich die AfD, und von Martin Sellner, dem Sprecher der Identitären in Österreich, die schon mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt kamen und die vom DÖW (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes) als "rechtsextrem" (hört, hört!) eingestuft werden, wird Herr Lotz als "genialer junger Nachwuchs-Blogger" bezeichnet. Aber natürlich sagt er nur seine Meinung - und die wird man ja wohl noch sagen dürfen! Auch, wenn es nur darum geht, die üblichen Feindbilder zu bemühen, um so eine Atmosphäre der Angst zu schaffen und Hass gegen Personen zu schüren, die nicht ins rechte Weltbild passen - auch wenn der junge Mann selbstverständlich überhaupt nicht rechts ist, aber...

... aber das mit dem Klimawandel stimmt ja gar nicht, die Flüchtlinge sind alle böse und außerdem findet der Rassismus nicht etwa gegen Ausländer bzw. People of Colour statt, sondern natürlich nur gegen die Deutschen! Aber wenn man sich kritisch gegen Migranten oder gegen die Fridays-for-Future-Bewegung äußert, dann wird man gleich ins rechte Eck gestellt! Man reiche mir ein Taschentuch. Und natürlich wird auch all das, was der junge Herr in seinen Videos so aufdeckt, in den deutschen Medien wohlweislich verschwiegen - weil die ja alle total linksgrünversifft sind. Und die Schuld liegt selbstverständlich immer bei den anderen, speziell denen, die nicht deutsch sind. Deswegen ist das, was er betreibt, keineswegs Hetze, sondern "ausgeglichener Journalismus". Dass Niklas Lotz über keinerlei journalistische Erfahrung verfügt, ist da erst mal nicht so wichtig - ebenso wenig wie die Tatsache, dass er selbst sich an den etablierten Medien, die er ja so vehement ablehnt, bedient, sofern seine Meinung zufällig mit ihrer Berichterstattung übereinstimmt - auch wenn er die Tatsachen dann gerne verdreht. Auch, dass es sehr viele kritische Videos von ihm gegen links gibt, aber kein einziges gegen rechts, spielt keine Rolle - und auch nicht, dass seine Videos im Ganzen eher ziemlich billig gemacht sind. Auch die übliche Arroganz, die dieser Bursche an den Tag legt, wenn er behauptet, dass er im Besitz der einzig wahren Wahrheit sei, fällt kaum ins Gewicht. Trotz alldem hat er genügend Reichweite, und dass er sich nicht offen zur rechten Szene bekennt, ist natürlich reines Kalkül - denn auf diese Weise kann er mittels eines relativ harmlosen Images seine Propaganda verbreiten und dabei vor allem junge, beeinflussbare Menschen erreichen. Und natürlich sind die üblichen Verdächtigen auch mächtig stolz auf das Traumkind aller Rechtsverdrehten und schreiben in ihren Kommentaren unter seinen Videos, was für ein leuchtendes Beispiel er doch dafür ist, dass die heutige Jugend doch noch nicht ganz verloren ist. Und um das Maß noch vollzumachen, hat Neverforgetniki zusammen mit Heiko Schrang, einem anderen rechtsgestrickten Influencer, ein Buch veröffentlicht, das ebenfalls rechtes Gedankengut beinhaltet und im Bereich "Politikwissenschaft" ein Bestseller ist - wobei ich mich frage, warum ein dermaßen propagandistisches Werk, das von Personen verfasst wurde, die den Klimawandel leugnen und die Evolutionstheorie nicht verstehen, sich "wissenschaftlich" schimpfen darf. Ich hätte es ja eher in die Kategorie "Witzbücher" verortet, aber da ich ja nur allzu perfekt in Niklas Lotzs Feindbild passe, fragt mich natürlich keiner. Ich wiederum finde es durchaus beunruhigend, dass ein so junger Mensch sich dermaßen gegen jeden gesellschaftlichen Fortschritt zur Wehr setzt.

Ebenso beunruhigend finde ich Neverforgetnikis weibliches Pendant Naomi Seibt, die natürlich auch überhaupt nicht rechts ist, sondern sich als "libertär" und "anti-globalistisch" bezeichnet, und sie ist auch keine "Klima-Leugnerin", sondern versteht sich als "Klima-Skeptikerin" oder, noch "seriöser", als "Klima-Realistin". Viele Medien bezeichnen sie bereits als "Anti-Greta", was sie natürlich überhaupt nicht gern hört. Die Neunzehnjährige betreibt seit Mai letzten Jahres einen eigenen YouTube-Kanal, in dem sie in deutscher und englischer Sprache ihre Inhalte verbreitet und gerne damit prahlt, was für eine mutige Rebellin sie doch ist, die Autoritäten immer schon hinterfragt hat - lustigerweise ist die Tochter der AfD-nahen Rechtsanwältin Karoline Seibt, die sich häufig darüber beschwert, dass so viele Kinder politisch instrumentalisiert sind, allerdings selbst Mitglied der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative für Deutschland. Außerdem behauptet sie auch gerne, dass ihre Meinung, die sie völlig ungehindert im Internet verbreitet, unterdrückt werde, und diffamiert jeden, der ihr widerspricht, als "Mitläufer". Kurios, dass gerade so viele, die sich als "konservativ" bezeichnen, ganz offensichtlich glauben, Meinungsfreiheit hieße, alle seien zu uneingeschränkter Zustimmung verpflichtet - und dass ihre geliebte AfD nicht gerade bekannt dafür ist, dass sie anderen Meinungen gegenüber besonders aufgeschlossen wäre. Abgesehen davon scheint dem jungen Fräulein entgangen zu sein, dass sie selbst zu der von ihr beklagten Spaltung der Gesellschaft beiträgt, wenn sie andere Meinungen als ihre eigene herabwürdigt. Im Lichte dessen ist auch ihre Forderung nach einer "direkteren Demokratie" nicht ganz nachvollziehbar - wie soll das denn funktionieren, wenn die Mehrheit der Gesellschaft ohnehin nur aus dummen Mitläufern besteht? Aber ihre Narrative treffen eben genau den Nerv der Neuen Rechten, und entsprechend sind auch ihre Themen - außer Klimawandel und der "Meinungsdiktatur" die angebliche Gefahr der "Überfremdung" sowie die "Staatsmedien", wie sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nennt, und dass Feminismus, Abtreibung und Seenotrettung selbstverständlich ganz böse sind. Außerdem sind natürlich Angela Merkel und "die Antifa" an allem schuld. Laut Recherche der Investigativ-Plattform Correctiv wurde sie bereits 2017 von David Berger unterstützt, dem Betreiber des rechten Blogs Philosophia Perennis. Den zur weiß-nationalistischen Alt-Right-Szene gezählten Internet-Aktivisten Stefan Molyneux bezeichnet sie als "Inspiration", und nur wenige Tage nach dem letztjährigen Attentat auf die Synagoge in Halle bediente sie das uralte Stereotyp des vom Juden unterdrückten "gewöhnlichen Deutschen".

Laut Recherchen von Correctiv, der ZDF-Sendung Frontal21 und der Washington Post wird sie nicht nur von rechten Institutionen wie der Identitären Bewegung hofiert, sondern auch vom Heartland Institute unterstützt, einer "US-amerikanischen konservativen und libertären Denkfabrik mit Sitz in Chicago", deren Interesse an ihren Videos darin besteht, Klimaschutzmaßnahmen zu verhindern. Die Institution gibt sich zwar als wissenschaftlich aus, verbreitet jedoch gezielt Desinformation. So behauptete sie beispielsweise, der Konsum von Tabak sowie das Insektizid DDT seien ungefährlich und saurer Regen eine Lüge, leugnet vehement den menschengemachten Klimawandel, redet aktuell wissenschaftliche Erkenntnisse bezüglich der Covid-19-Pandemie klein und wird von der Tabak-, Kohle- und Erdölindustrie finanziert. Ja, und um ihre verqueren, pseudowissenschaftlichen Thesen zu verbreiten, bedienen sie sich der Reichweite junger Influencer vom rechten Rand. So ist es wohl auch ihr Verdienst, dass Naomi Seibt mittlerweile auch in rechten englischsprachigen TV-Sendern wie Sky News Australia und One American News Network angekommen ist. Außerdem beruft sie sich auch gerne auf den nicht weniger pseudowissenschaftlichen Verein Europäisches Institut für Klima & Energie e. V. (EIKE e. V.), der wissenschaftliche Erkenntnisse über den menschengemachten Klimawandel ebenfalls ablehnt.

Interessant ist, dass Naomi Seibt, die sich so vehement gegen den wissenschaftlichen Konsens bezüglich des Klimawandels sträubt, zweimal in dem bekannten Schüler- und Jugendwettbewerb Jugend forscht den ersten Platz erreichte - einmal in Physik und einmal in Chemie -, und dass sie ihr Abitur bereits im Alter von sechzehn Jahren mit dem Notendurchschnitt 1,0 ablegte. Tatsächlich kann sie sehr gut mit gescheiten Begriffen um sich werfen - konkrete Beispiele nennt sie jedoch nicht, die meisten ihrer Argumente halten einer näheren Überprüfung nicht stand und sie macht nicht den Eindruck, als wenn sie sich mit den Themen, über die sie spricht, wirklich befasst hätte. Dass eine junge Frau, die ganz augenscheinlich sehr gut mit wissenschaftlichem Denken und Arbeiten vertraut ist, sich an die Desinformations-Kampagne von Thinktanks wie dem Heartland Institute verkauft, ist mehr als nur bitter - es ist schlicht und einfach billig. Ich kann mir ihre Handlungsweise, wenn sie nicht ein paar kräftige Schläge auf den Kopf bekommen hat, nur so erklären, dass das für sie die einfachste Möglichkeit ist, schnell und einfach ihre Geltungssucht zu befriedigen - selbst wenn sie dafür potenziell über Leichen gehen muss. Und dass sie noch jung ist, ist kein Argument - mit fast zwanzig Jahren ist man kein Kind mehr.

An dieser Stelle muss ich allerdings noch etwas loswerden: Mir ist aufgefallen, mit welcher Vehemenz gegen sexistische oder gar gewalttätige Kommentare über Greta Thunberg vorgegangen wird - und das ist auch wichtig und richtig. Umso schockierender finde ich es jedoch, dass aus demselben Lager mitunter die gleichen Kommentare über Naomi Seibt kommen. Ist das, was diese junge Frau so von sich gibt, falsch und provozierend? Ja! Ist es angebracht, ihr zu widersprechen und sie zu kritisieren? Verdammt noch mal, ja! Dürfen wir uns deswegen auf dasselbe Niveau begeben wie diejenigen, die gegen Greta Thunberg hetzen? Und da muss ich klar und deutlich sagen: NEIN! Ich weiß, dass besonders Diskussionen auf Social Media häufig sehr emotional geführt werden und man sich häufig zu unbedachten Äußerungen hinreißen lässt. Aber Leute: Denkt doch um Himmels willen ein bisschen mehr darüber nach, was ihr schreibt! Wenn ihr jetzt anfangt, euch ebenfalls wie die Wildsäue aufzuführen, werdet ihr selbst zu dem, was ihr hasst. Bitte versucht, sachlich zu bleiben, Argumente zu finden und euch nicht zu solchen Entgleisungen hinreißen zu lassen! Das ist es doch nicht wert!

Es gibt natürlich noch viele andere rechte Influencer, über die es wert wäre, zu berichten - ich habe mir allerdings ganz bewusst die beiden herausgepickt, die explizit ein junges Publikum ansprechen wollen, um zu zeigen, dass auch die nächste Generation vor Einflüssen, die ich persönlich für gefährlich halte, nicht gefeit ist. Ich möchte hoffen, dass dies nicht irgendwann dazu führt, dass sich die Geschichte wiederholt - zumal mir, nachdem ich mich mit diesem Thema auseinandergesetzt habe, aktuell vom YouTube-Algorithmus schon Videos der beiden genannten Personen vorgeschlagen werden. Wir leben momentan in unsicheren Zeiten, und wir wollen hoffen, dass wir nicht nur körperlich heil aus der Situation wieder rauskommen. Aber versucht trotzdem, positiv zu denken und euch nicht unterkriegen zu lassen! Ob wir es schaffen, kann ich noch nicht sagen, aber dass wir es schaffen können, dessen bin ich mir sicher! Bon voyage!

vousvoyez

Montag, 13. Juli 2020

36 + 0 = 360


(c) vousvoyez
Auch diese Weisheit stammt aus jener Zeit, als ich mich via YouTube königlich über die Flacherdler amüsiert habe. Leider kann ich nicht mehr sagen, wer genau diese überaus geniale Rechnung aufgestellt hat und zu welchem Zweck, weil ich dafür erst die betreffenden Videos durchforsten müsste, und das dauert mir momentan - pardon - doch etwas zu lange. Ein ehemaliger Schulkollege hat mich übrigens darauf aufmerksam gemacht, dass die Rechnung richtig sein könnte, wenn man die 0 als Variable nehmen würde - leider hat das Flacherdler-Rechengenie die Gleichung jedoch genauso gemeint, wie sie hier steht. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob dieser Jemand überhaupt wusste, was eine Variable ist. Da bin selbst ich mit meiner Dyskalkulie ratlos.


Noch ratloser bin ich, wenn ich erkenne, dass es tatsächlich Leute gibt, die solchen Müll glauben. Aber seit wir mit der Corona-Pandemie leben, wundert mich ehrlich gesagt gar nichts mehr. Und mitunter ertappe ich mich tatsächlich dabei, dass ich mich nach jenen seligen Zeiten zurücksehne, als die flache Erde und Echsenmenschen noch zum Standard des Verschwörungsschwurbels gehörten. Wobei der ja nie ganz harmlos war - es gab nur ganz offensichtlich weniger Leute, die dafür empfänglich waren.

Geschichten, die trotz ihres nicht sehr hohen Maßes an Glaubwürdigkeit dennoch von genug Personen geglaubt werden, gehören mit Sicherheit zu den Dingen, die es schon so lange gibt wie die Menschen selbst. Wie ihr wisst, liebe ich die absurdesten Auswüchse dieser Phantasiegespinste ja heiß - und bin auch immer noch sehr fasziniert davon, welch seltsame Blüten die Möglichkeiten des Vernetzt-Seins, wie wir sie heute haben, mitunter treiben. Und das in jeder Altersgruppe!

Ein paar von euch erinnern sich vielleicht noch daran, dass ich ab und zu über Internet-Phänomene berichtet habe, die vor allem die jüngsten Nutzer betreffen. Hauptsächlich deshalb, weil es mich immer wieder fasziniert, wie schnell gewisse Trends auftauchen und wieder verschwinden, dass es aber gleichzeitig auch Dinge gibt, die nie alt werden - so habe ich bereits über Challenges berichtet und über Kettenbriefe, die immer wiederkehren, wenn auch mit unterschiedlichen Namen und Inhalten. Gleichzeitig gibt es aber auch Phänomene, die nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit geraten - ein solches war diese Momo-Geschichte, die sich, selbst wenn nach wie vor in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen davor gewarnt wird, ganz offensichtlich schon ziemlich totgelaufen hat. Aber wie es halt so ist, bin ich kürzlich auf neue seltsame Trends gestoßen. Und weil ich gerade Lust zum Schreiben habe (und mit dem, was ich eigentlich schreiben will, gerade nicht vorankomme), erzähle ich euch mal ein bisschen davon.

Ich habe ja in einem der oben verlinkten Artikel bereits über die Blue-Whale-Challenge geschrieben - jenes Spiel aus dem russischen sozialen Netzwerk VKontakte, das viele Jugendliche in den Selbstmord getrieben haben soll. Ich habe jetzt allerdings wieder erfahren, dass es weder für Selbstmorde in Verbindung mit dieser Challenge noch für die ursprüngliche Challenge selbst stichhaltige Beweise gibt - Näheres erfahrt ihr hier. Übrigens ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass auch Medien, die als "seriös" gelten, nicht immer die Wahrheit sagen. Das einzige, was man weiß, ist, dass es zahlreiche Nachahmer gegeben hat. Mittlerweile soll es auch schon Challenges mit ähnlichem Prinzip geben - beispielsweise heißt es, dass es vor zwei Jahren diese schon erwähnte Momo-Challenge gegeben hätte, die ungefähr gleich ablief. Für die angeblichen Opfer dieser Challenge gab es allerdings noch weniger Beweise als für die der Blue-Whale-Challenge. Jetzt gibt es wieder sehr viel Theater um eine solche Challenge, die in Verbindung steht mit einem Profil, das vor nicht allzu langer Zeit auf Twitter erstellt wurde und das den Namen "Jonathan Galindo" trägt.

Das Profilbild dieses Jonathan Galindo ist ein Mann mit einer Maske, die ein bisschen an Goofy erinnert. Dieses Profil soll mehrere Leute auf Social Media angeschrieben und vor allem Kinder und Jugendliche gefragt haben, ob sie eine Challenge machen wollten, und einige haben angeblich auch schon mitgemacht. Dies ging so lange, bis das Profil von Twitter auf Grund von Beschwerden gelöscht wurde. Mittlerweile sind jedoch auf unterschiedlichen sozialen Netzwerken unzählige Profile zu finden, die sich "Jonathan Galindo" nennen und auch dieses seltsame Profilbild haben - wie wir es schon bei Momo gekannt haben. Ich habe übrigens aus Neugierde mal versucht, die alten Momo-Profile auf Instagram ausfindig zu machen - wie zu erwarten, war aber kein einziges mehr zu finden. Ich nehme an, das wird auch bei den Jonathan-Galindo-Profilen irgendwann der Fall sein. Angeblich schreiben diese also irgendwelche Leute an, um sie zu fragen, ob sie eine Challenge mitmachen wollen - bei der es sich um die berühmt-berüchtigte Blue-Whale-Challenge handeln soll, für die diese Profile als Kuratoren fungieren. Jedenfalls kursieren aktuell immer wieder Warnungen vor diesen Profilen, in denen behauptet wird, dass deren Inhaber, wenn man auf ihre Nachrichten antworte, die IP-Adresse zurückverfolgen, einen zu Hause besuchen und womöglich auch umbringen werde.

Nun, dass ein mutmaßlicher Jonathan Galindo allein aufgrund einer unverfänglichen Unterhaltung deine Adresse herausfindet und dich zu Hause aufsucht, ist eher unwahrscheinlich. Allerdings sollen diese Profile verschiedene Links schicken, auf die man klicken soll und mittels derer es auch möglich sein soll, die Wohnadresse herauszufinden. So wie man es häufig auf Social-Media-Plattformen sieht, wo durch irgendwelche Hoaxes persönliche Daten von Leuten ergaunert werden. Angeblich soll es schon vorgekommen sein, dass diese Profile besonders in Vietnam jenen, mit denen sie schrieben, Fotos von den Schildern der Straße, in denen sie wohnten, geschickt haben. Ob das zutrifft, kann ich allerdings nicht sagen - soweit ich informiert bin, bekommt man über die IP-Adresse lange nicht so viele Informationen heraus, wie so manche glauben (meist nicht viel mehr als den Namen des Internetproviders sowie ganz grob auch die Gegend, aus der man kommt). Allerdings kommt an dieser Stelle mal die Preisfrage: Ist es ratsam, dem dubiosen Profil eines völlig Unbekannten zu antworten, wenn er euch zu einer Challenge einlädt? Wer die richtige Antwort weiß, gewinnt ein Joghurt für zwei Personen, das ich vorher aufgegessen habe. Haha!

Was das Aussehen dieses Jonathan Galindo angeht, so ist mittlerweile bekannt, dass dieses von einem Cosplayer auf Twitter stammt, der so ein Kostüm vor etlichen Jahren kreiert hat - ähnlich, wie diese Momo von vor zwei Jahren in Wirklichkeit eine Skulptur aus einem japanischen Museum gewesen ist. Er hat auch schon eine Stellungnahme herausgegeben, in der er klar macht, dass seine Fotos für diese Jonathan-Galindo-Profile zweckentfremdet wurden. Die Challenges wiederum sind offensichtlich mehr oder weniger die gleichen, die man schon von der Blue-Whale-Challenge kennt - auch wenn es ein paar Abweichungen gibt. So hat so eine Blue-Whale-Challenge noch ziemlich harmlos angefangen und wurde dann immer schlimmer, bis sie am Ende in den Selbstmord gipfelte. Einige Jonathan-Galindo-Profile sollen aber direkt zu den gefährlichen Challenges übergegangen sein - manche Teilnehmer wurden angeblich direkt aufgefordert, sich umzubringen. Das Ganze klingt erst mal äußerst beängstigend, allerdings muss ich dazu sagen, dass ich nicht einen einzigen Beweis dafür gefunden habe, dass diese Challenge tatsächlich Opfer gefordert hat - wir sollten also nicht in Panik ausbrechen.

Das nächste Phänomen, das mir untergekommen ist, wurde wiederum bereits von mimikama behandelt - und zwar geht es um die Talking-Angela-App. Talking Angela ist eine Chatbot-App für Kinder, die es schon einige Jahre gibt und die eine weiße Katze mit blauen Augen darstellt, eine künstliche Intelligenz, mit der die Kinder sich unterhalten können. Es gab zuvor schon eine ähnliche App, ebenfalls mit einer Katze, die Talking Tom hieß, und sie funktionierte mehr oder weniger gleich, sprich, Talking Angela ist im Prinzip nur eine verbesserte Version - und im Gegensatz zu Talking Tom gibt es jetzt auch eine Chat-Funktion, über die man sich mit dieser Katze unterhalten kann. Es ist also nichts anderes als eine lustige Spielerei, wie man viele im App-Store findet - und doch kursieren alle möglichen gruseligen Geschichten über sie. Und diese sind auch keineswegs neu - schon 2012, als die erste Version von Talking Angela verfügbar war, kursierten wilde Gerüchte. Denn diese App muss natürlich Zugriff auf das Mikrophon und die Kamera des Handys haben - immerhin soll man ja mit der Figur reden können, und diese soll auch in der Lage sein, die Mimik des Benutzers zu imitieren bzw. zu interpretieren. Dazu kommt noch, dass die App vergleichsweise gut gemacht ist - die Chats mit der Figur wirken offensichtlich so echt, dass manche Eltern anfangs gar nicht glauben konnten, dass es sich hier um eine KI handelt. Dies veranlasste viele zu der Befürchtung, die App könnte von Pädophilen genutzt werden, um ihre Kinder auszuspionieren oder gar mit ihnen zu interagieren. Allerdings muss man dazu sagen, dass viele Chatbots heutzutage schon so gut gemacht sind, dass man häufig kaum noch bemerkt, dass man es hier nicht mit einem echten Menschen zu tun hat - viele Firmen nutzen solche Bots beispielsweise schon für den Online-Support. Abgesehen davon kann man auch darauf hinweisen, dass ja auch viele Erwachsene eine Alexa in der Wohnung haben oder die Siri-App nutzen, die ebenfalls Zugriff auf Handy und Kamera haben.

Die Befürchtungen um Talking Angela tauchten immer wieder mal auf, aber in letzter Zeit häufen sich wieder Meldungen um die angebliche Gefährlichkeit dieser App. So ruft es bei so manchen Eltern Skepsis hervor, dass die Katze manchmal Fragen stellt, die persönliche Informationen erfordern - was natürlich bei manchen wieder den Verdacht erregt, es könnte ein Pädophiler dahinterstecken. Ein neuer Mythos hat jedoch mit den Augen der Figur zu tun - denn in diesen könnte man angeblich die Person sehen, von der man beobachtet werde. Das könnte nun ein Hacker sein oder gar ein Pädophiler oder Serienkiller. Tatsächlich kann man in den Augen der Katze auch Umrisse erkennen - wohl die gegenüberliegende Seite des Pariser Cafés, in dem sie in der App sitzt. Aber um da menschliche Umrisse zu sehen, braucht man, wie ich finde, schon einiges an Phantasie. Ich denke eher, dass Leute diese Umrisse sehen, weil sie sie sehen wollen - wenn man gezielt nach etwas sucht, kann jede Unregelmäßigkeit, jeder Pixelfehler als Indiz dafür fungieren, dass man es auch gefunden hat. Die Geschichte hat sich inzwischen schon so weit verbreitet, dass sogar schon Nachrichtenportale davon berichten - aber keines konnte auch nur einen stichhaltigen Beweis liefern, dass diese App tatsächlich von einem Pädophilen genutzt wird. Diese Berichte basieren einzig und allein auf Kettenbriefen, die auf Plattformen wie Facebook und Twitter geteilt werden und wo vor dieser App gewarnt wird - es wird sogar berichtet, dass schon Menschen durch diese App ums Leben gekommen sein sollen. Und wie nicht anders zu erwarten, gibt es natürlich auch schon die ersten Trash-YouTuber, die auf diesen Hype anspringen und so tun, als würden sie von der App beobachtet - oder dass irgendwas Gruseliges passiert, wenn die App um drei Uhr nachts genutzt wird (warum eigentlich immer um drei Uhr nachts?). Im Prinzip ist das jedoch wohl nur einer von vielen dieser Mythen, die es schon seit Ewigkeiten gibt und wo Dinge hinzugedichtet werden, die es gar nicht gibt. Ich schätze mal, wenn sich diese Gerüchte tatsächlich irgendwann einmal bestätigt hätten, wäre diese App inzwischen gar nicht mehr verfügbar.

Wie wir wohl alle erkannt haben, spielen beide Gerüchte besonders mit den Ängsten von Eltern - in dem einen Fall geht es um junge Menschen, in deren Leben sich gerade sehr viel verändert und die daher besonders leicht angreifbar sind. In dem anderen wiederum wird eine Angst getriggert, die besonders in der heutigen Zeit gerne geschürt wird, wenn es um Kinder geht, nämlich die Angst davor, dass das eigene Kind missbraucht werden könnte. In beiden Fällen ist das natürlich alles andere als lustig, aber die Schlaueren unter euch haben mit Sicherheit schon verstanden, dass es im Internet halt viele Leute gibt, die sich einen Spaß daraus machen, andere in Angst und Schrecken zu versetzen, und deswegen solche Geschichten verbreiten oder Kinder zu gefährlichen Challenges verführen. Im Fall mit der Challenge gibt es im Prinzip nur eines, was man tun kann, nämlich, die Finger von den Jonathan-Galindo-Profilen zu lassen und auf eventuelle Kontaktversuche nicht zu reagieren. Was die Talking-Angela-App betrifft, so müssen Eltern selbst entscheiden, ob sie ihr Kind damit spielen lassen oder nicht - dass es allerdings dabei von einem Pädophilen ausspioniert und in der Folge vielleicht sogar entführt wird, ist doch recht unwahrscheinlich. Lasst euch von solchen Geschichten nicht die gute Laune verderben - vollkommen risikofrei wird das Leben leider nicht sein, und alles, was man tun kann, ist, sein Kind zu instruieren und ihm zu zeigen, wie es sich in einer gefährlichen Situation verhalten kann. Und was eventuelle Suizidgedanken betrifft, so gibt es Notrufdienste, die man zu Rate ziehen kann. Das wichtigste ist, kühlen Kopf zu bewahren - so kann man sich am effizientesten vor eventueller Panikmache schützen. Deswegen - bleibt aufmerksam und lasst euch vor allen Dingen nicht irre machen!

vousvoyez

Mittwoch, 8. Juli 2020

Wenn "Africa" von Toto kein guter Song wäre, hätten sie doch nicht einen ganzen Kontinent danach benannt

Wobei ich behaupten möchte, dass der Kontinent schon ein wenig länger existiert als dieser Song - der übrigens auf die nicht enden wollenden Hungerkatastrophen in Afrika aufmerksam machen wollte, wie es in den 1980ern viele getan haben. Leider hat sich seit damals nicht allzu viel verändert - da haben auch die größten Rockkonzerte der Geschichte nichts ausrichten können.Vielleicht schreibe ich noch mal was zum Kolonialismus, wenn ich weiß, wie ich das anstellen kann. Wir werden sehen. Was ich aber heute schon mit Sicherheit sagen kann, ist, dass Kunst allein die Welt nicht verändern kann. Leider.

Dafür liefert sie uns aber einen sehr guten Einblick in vergangene Zeiten und untergegangene Kulturen. Und ab und an gibt sie uns auch das eine oder andere Rätsel auf - und von so einem Rätsel möchte ich heute gern einmal sprechen . Es ist eines, das immer wieder mal in aller Munde ist und an dem sich schon seit einiger Zeit sehr viele die Zähne ausgebissen haben - nämlich das Buch, das niemand lesen kann. Genauer genommen ist es ein sogenannter Codex, also mehrere Seiten zusammengehefteten Pergaments - bekannt sind weder Autor noch Titel. Es handelt sich um das sogenannte Voynich-Manuskript, benannt nach dem Büchersammler und Antiquar Wilfrid Michael Voynich, der es 1912 vermutlich in einem Jesuitenkolleg in der Nähe von Rom erwarb. Es enthält Illustrationen, aus denen man Zusammenhänge aus Bereichen wie Kräuterkunde, Astronomie, Anatomie und Kosmologie vermutet, sowie einen Text, den bisher noch keiner eindeutig entschlüsseln konnte, obgleich die größten Kryptologen - unter ihnen auch diejenigen, die den Enigma-Code der Nazis knacken konnten - sich schon daran versucht hatten. Es gibt auch kein anderes Manuskript, das vergleichbare Zeichen und/oder Zeichnungen aufweist. Im Internet findet man natürlich laufend Meldungen von Personen, die behaupten, das Manuskript entschlüsselt zu haben - meist natürlich Privatpersonen, die ähnlich wie die altbekannten Schwurbelkönige und Innen von sich behaupten, klüger und kompetenter zu sein als jeder Experte. Keiner der vielen Ansätze, die bisher vorgelegt wurden, konnte jedoch einer fachlichen Analyse standhalten.

Bei einer Analyse im Jahr 1962 kam man aufgrund von Material und Schreib- bzw. Zeichenstil zu dem Schluss, dass das Manuskript etwa um 1500 entstanden sein muss; andere legten den Zeitraum aufgrund von Hinweisen in den Zeichnungen auf ca. 1420 bis 1520 fest. 2009 wurde an Instituten in Chicago und Arizona anhand einzelner Proben eine Radiokarbonanalyse vorgenommen, die ergab, dass das Pergament mit ziemlicher Sicherheit etwa zwischen 1404 und 1438 hergestellt wurde - außerdem stellte man fest, dass die Tinte nicht wesentlich später aufgetragen wurde. Somit ist das Voynich-Manuskript mit hoher Wahrscheinlichkeit im Spätmittelalter entstanden. Anhand von Hinweisen in den Zeichnungen wird außerdem darauf geschlossen, dass es wohl aus Oberitalien stammt.

Aufgrund eines Eintrags auf der ersten Seite des Manuskripts geht man davon aus, dass einst der böhmische Mediziner, Pharmazeut und Chemiker Jakub Horčický z Tepence im Besitz dieser Schrift war oder sie zumindest analysiert habe; laut eines in dem Manuskript gefundenen Briefes gehörte es damals aber Rudolf II. von Habsburg, der es einem unbekannten Händler abgekauft habe. Der nächste bekannte Besitzer war der böhmische Gelehrte und Alchemist Georg Baresch, der den Text dem jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kircher zur Analyse vorlegte, welcher in dem Ruf stand, die Hieroglyphenschrift der alten Ägypter entschlüsselt zu haben (was sich jedoch später als Irrtum herausstellte). Von Baresch ging es in den Besitz des Mediziners und Naturwissenschaftlers Johannes Marcus Marci über, der ebenfalls Kircher um Hilfe bei der Entschlüsselung gebeten haben soll. Es wird vermutet, dass es nach Kirchers Tod zusammen mit dessen Nachlass an das Collegium Romanum, die heutige Päpstliche Universität Gregoriana, ging. Nach der Annexion des Kirchenstaates durch die Truppen Viktor Emanuels II. ging es als Teil von Kirchers Nachlass in Besitz des damaligen Ordensgenerals Pierre Jean Beckx über, damit es nicht konfisziert werden konnte, ehe es in die Bücherbestände des Nobile Collegio Mondragone in der Villa Mondragone bei Frascati überging, wo Voynich es wahrscheinlich erwarb. Nach seinem Tod 1930 erbten es seine Frau und seine Sekretärin, nach dem Tod der Frau stiftete die Sekretärin es 1969 schließlich der Yale-Universität, wo es bis heute Bestandteil der Beinecke Rare Book & Manuscript Library ist.

Voynich selbst nahm als Entstehungszeit des Manuskripts ein weitaus früheres Datum an, versuchte sich jedoch selbst nicht an der Entschlüsselung des Textes, sondern schickte etliche Kopien an verschiedene Experten. William Romaine Newbold, Dozent für Philosophie an der University of Pennssylvania in Philadelphia, entwickelte die Hypothese, dass der eigentliche Inhalt des Textes in mikroskopisch kleinen Unregelmäßigkeiten der Zeichen verborgen sei, doch seine Veröffentlichung erster gedruckter Reproduktionen stellte diese bereits in Frage. Nach dessen Tod im Jahre 1931 bewies der Kryptoanalytiker und Professor für englische Sprache an der University of Chicago John Matthews Manly jedoch, dass die von Newbold beschriebene Mikroschrift gar nicht existierte und die vermeintlichen Kürzel nur Unregelmäßigkeiten waren, wie sie beim Auftragen und Abblättern der Tinte entstehen. Der Botaniker Hugh O'Neill versuchte, die abgebildeten Pflanzen auf ein paar fotokopierten Seiten des Manuskripts zu identifizieren, was bei mittelalterlichen Abbildungen meist schwierig, bei diesem hier jedoch so gut wie unmöglich war. Er glaubte allerdings, zwei Pflanzen zu erkennen, die in der Alten Welt vor Columbus gar nicht heimisch waren, was bedeuten musste, dass das Manuskript nicht vor 1493 verfasst worden sein konnte.

Der erste ausgewiesene Kryptologe, der sich mit dem Voynich-Manuskript befasste, war William Friedman, Gründer des Signals Intelligence Service, einem Vorläufer der NSA, unter dessen Leitung während des Zweiten Weltkriegs der japanische PURPLE-Code geknackt wurde. Zusammen mit je einer Arbeitsgruppe versuchte er, das Manuskript erst mittels Lochkarten und dann mit Hilfe des RCA-301-Computers zu entschlüsseln - beide Versuche konnten jedoch nicht zu Ende geführt werden. In den 1970er Jahren veröffentlichte Robert S. Brumbaugh, Professor für Philosophie des Mittelalters an der Yale University, eine Reihe von Artikeln, die sich auf die These stützten, dass das Manuskript mittels eines Zifferncodes verschlüsselt sei - diese konnte sich jedoch nicht halten, da sie zu einer sehr subjektiven Dekodierung führte. Der Sprachwissenchaftler Prescott Currier, der sich seit 1935 mit Kryptologie befasste, war der erste, der feststellte, dass das Manuskript von mehr als nur einem Schreiber geschrieben worden sein musste - inzwischen werden sogar vier vermutet. Die Mathematikerin und Kryptoanalytikerin Mary D'Imperio, die zeitweise in der Beratung der NSA tätig war, organisierte das erste wissenschaftliche Symposium zu diesem Thema und veröffentlichte die Ergebnisse unter dem Titel The Voynich Manuscript: An Elegant Enigma, die heute noch als beste Überblicks-Arbeit geschätzt wird. In den 1990er Jahren kam die These auf, dass es sich bei dem Text um einen cleveren Scherz gehandelt haben musste und er in Wirklichkeit gar keinen Sinn habe. In den frühen 2000ern glaubten zwei amerikanische Botaniker außerdem, dass das Manuskript Pflanzen mittelamerikanischer Herkunft darstelle und möglicherweise in einer mittelamerikanischen Sprache verfasst worden sein könnte, die wahrscheinlich heute nicht mehr gesprochen wird. Greg Kondrak, Professor für Computerlinguistik an der University of Alberta, wandte erstmals künstliche Intelligenz zur Entschlüsselung des Voynich-Manuskripts an - dem Ergebnis zufolge sei es in Anagrammen mit fehlenden Vokalen auf Hebräisch verfasst worden, eine These, von der Experten für mittelalterliche Manuskripte jedoch nicht überzeugt waren.

2019 behauptete Gerard Cheshire, Research Assistant an der Universität Bristol, das Voynich-Manuskript sei in proto-romanischer Sprache geschrieben worden, einer linguistisch konstruierten Zwischenstufe aus Vulgärlatein und den Vorläufern der heutigen romanischen Sprachen, und ein Handbuch zum spätmittelalterlichen höfischen Leben sei, das zwischen 1445 und 1448 von einer dominikanischen Nonne auf der Insel Castello Aragonese bei Ischia verfasst wurde. Der spätmittelalterliche Ursprung macht es jedoch nicht sehr wahrscheinlich, dass er in einer Sprachvariante konstruiert worden war, die in der Spätantike üblich und weitgehend in der Neuzeit analysiert worden war. Zudem genügten Cheshires etymologische Methoden keinen wissenschaftlichen Ansprüchen, da er beliebig moderne ost- und westromanische Sprachen sowie klassisches Latein heranzog. Im Juni 2020 publizierte der deutsche Philologe und Ägyptologe Rainer Hannig die Interpretation, dass es sich bei der zugrunde liegenden Sprache im Voynich-Manuskript um spätmittelalterliches Hebräisch handeln könnte - einer der ersten Übersetzungsversuche liefert eine Krankengeschichte.

Wie ihr also anhand dieser unvollständigen Beispiele sehen könnt, gibt es sehr viele verschiedene Ansätze zur Analyse des geheimnisvollen Schriftstücks aus dem Mittelalter. Eine Hypothese, die ich außerdem gehört habe, ist, dass niemand anderer als Michel de Nostredame, der uns heute unter dem Namen Nostradamus bekannt ist, der Verfasser des Manuskripts gewesen sein könnte. Gerechtfertigt wird sie damit, dass Nostradamus etwa zu der Zeit lebte und wirkte, in der das Manuskript verfasst worden sein soll, und dass er bekanntlich nicht nur als Apotheker und Mediziner, sondern auch als Astrologe arbeitete - immerhin gibt es bis heute Leute, die seine nebulösen prophetischen Gedichte für verschlüsselte Prophezeiungen halten, die sich tatsächlich bewahrheitet haben sollen. Ich erinnere mich, dass auch in meiner Schulzeit das Gerücht umging, er habe die beiden Weltkriege und den Kalten Krieg "vorausgesagt", bis ich feststellen musste, dass seine vermeintlichen Weissagungen aus einem kryptischen Text bestehen, den man mit sehr viel Phantasie so hinbiegen kann, dass daraus eine "Vorhersage" entsteht - dies funktioniert allerdings nur rückwirkend. Nostradamus erstellte unter anderem das Horoskop für Rudolf II. und hätte mit seinen "Vorhersagen" wohl heute noch sehr viel Geld verdient. Außerdem versuchte er sich auch als Kryptologe, wollte unter anderem die schon erwähnten Hieroglyphen entziffern, und zeigte auch Interesse an Anatomie, Geburt, Pflanzenheilkunde und Astronomie.

Die These, das Manuskript sei nur ein genialer Scherz, ist nicht völlig abwegig, allerdings auch nicht sehr wahrscheinlich - erstens weist es doch einen beträchtlichen Arbeitsaufwand auf, der bestimmt mehrere Jahre in Anspruch nahm (zumal handschriftlich), zweitens waren sowohl das qualitativ hochwertige Pergament als auch die mehrfarbige Tinte zur damaligen Zeit doch relativ kostspielig. Es ist einfach schwer zu glauben, dass man so viel Zeit, Geld und Energie in einen bloßen Scherz investiert haben soll. Und natürlich, wo es ungelöste Rätsel gibt, sind auch diejenigen, die offenbar zu viel Phantasie haben, nicht weit - so gibt es beispielsweise Thesen, dass das Manuskript von Zeitreisenden verfasst worden sei, die in einer noch nicht existenten Sprache geschrieben und noch nicht existente Dinge gezeichnet hätten. Da stellt sich jedoch die Frage, warum diese ausgerechnet mit mittelalterlicher Tinte auf einem mittelalterlichen Pergament geschrieben und Zeichnungen angefertigt haben sollen, deren Stil unverkennbar dem Spätmittelalter zuzuordnen ist. Und wie immer, wenn es um Rätsel geht, die nicht so einfach gelöst werden können, sind die Außerirdischen nicht weit - und so kursiert auch die These, das Manuskript könnte von Aliens verfasst worden sein, die die Gepflogenheiten der Erde studierten und sich in ihrer Sprache Notizen machten, die sie dann vergaßen. Hier stellt sich jedoch ebenfalls die Frage, warum eine außerirdische Spezies ihre Aufzeichnungen auf höchst irdischem Papier mit irdischer Tinte verfasst haben soll, mit Zeichnungen in einem ebenso irdischen und zudem noch mittelalterlichen Stil. Zudem frage ich mich, warum man der Menschheit immer so wenig zutraut, dass man praktisch alles, was man nicht bis ins kleinste Detail analysieren kann - denken wir an die Pyramiden, die laut einiger Leute auch von Aliens hergestellt worden sein sollen - irgendwelchen Außerirdischen zuschreiben muss.

Was mich betrifft - ich denke nicht, dass ich befugt bin, mich zu irgendwelchen Spekulationen hinreißen zu lassen. Ich muss aber zugeben, dass ich solch ungelöste Rätsel immer recht reizvoll finde. Und auch mich juckt die Neugier, irgendwann einmal zu erfahren, was wirklich hinter diesem geheimnisvollen Manuskript steckt - auch wenn ich mir, wie schon gesagt, sicher bin, dass es nichts mit irgendwelchen Zeitreisenden oder Außerirdischen zu tun hat. Die letzten Forschungsergebnisse klingen vielversprechend, aber auch sie garantieren noch keine baldige Lösung des Rätsels. Und mitunter ist es für mich auch recht beruhigend, dass es immer noch so viel auf dieser Welt gibt, was man entdecken und analysieren kann. Ich verlinke euch unten noch eine PDF-Datei, die das gesamte Voynich-Manuskript zur Ansicht enthält - vielleicht habt ihr ja selbst ein bisschen Lust, Kryptologe zu spielen. Und wer weiß - möglicherweise stelle ich auch die Weichen für die endgültige Auflösung eines uralten Rätsels (auch wenn ich das für höchst unrealistisch halte). Bon voyage!

vousvoyez

Donnerstag, 2. Juli 2020

Schauspieler ist die eigentliche Berufung aller italienischen Fußballer

(c) vousvoyez
Was wohl jeder bestätigen kann, der sich einmal die Schwalbenkönige auf dem Fußballfeld angesehen hat. Wobei ich gestehen muss, dass ich kein besonders großer Fußballfan bin. Das überlasse ich meinem Liebsten - auch wenn dieser mitunter kaum ansprechbar ist, wenn die falsche Mannschaft gewonnen hat.

Was für ihn der Fußball, sind für mich bekanntlich Bücher und Filme. Sofern ihr euch erinnern könnt, habe ich mich ja kürzlich den Märchen-Vorlagen von Disney-Filmen gewidmet und mich dabei auf die Grimm-Märchen fokussiert. Wie ihr vielleicht noch wisst, sind es im Ganzen vier Filme, die auf der Vorlage der Märchen der Gebrüder Grimm basieren. Andere Disney-Filme haben ihren Ursprung in der Kinderliteratur, manche von ihnen basieren aber auch auf Mythen und Legenden. Der dänische Märchen-Autor Hans-Christian Andersen hingegen stand insgesamt nur zweimal Pate für Filme von Disney. Und unter anderem möchte ich auch auf diese eingehen.

Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören die Andersen-Märchen, die mir meine Großmutter aus einem alten Buch vorlas, das bereits aus ihrer eigenen Kindheit stammte und keinen Einband mehr hatte. Es tut mir heute noch leid, dass ich dieses Buch verloren habe. Gedruckt war es in der alten Fraktur-Schrift, die vor dem Zweiten Weltkrieg noch üblich war - mit diesem Buch lernte ich sie zu lesen. Andersens bekannteste literarische Werke sind den Kunstmärchen des Biedermeier zuzurechnen - der übrige Teil seines schriftstellerischen Œuvre ist eher unbekannt. Ich liebte Das Feuerzeug, Der standhafte Zinnsoldat und Die Stopfnadel, aber auch Das hässliche Entlein. Eines der längsten und ausgefeiltesten Märchen von Andersen aber ist Die Schneekönigin - jenes las mir meine Großmutter über mehrere Tage verteilt vor.

Der erste Disney-Film, der auf einem Andersen-Märchen basiert, ist Arielle, die Meerjungfrau von John Musker und Ron Clements aus dem Jahr 1989. Die literarische Vorlage heißt Die kleine Seejungfrau und hat seine Wurzeln in der Sage der Undine. Das mythische Wesen der Undine ist ein weiblicher, jungfräulicher Wassergeist und taucht als solches erstmals in einem Gedicht aus dem 14. Jahrhundert auf. Laut Paracelsus handelt es sich um ein Elementarwesen, also ein Wesen, das einem der vier Elemente zugeordnet wird, in diesem Fall eben dem Wasser. Undinen sollen größtenteils in Waldseen und Wasserfällen zu finden sein, ihr Gesang ist manchmal über dem Wasser zu hören. Eine Seele bekommt sie erst, wenn sie sich mit einem Menschen vermählt; untreuen Ehemännern bringt sie den Tod. Vergleichbare Wasserwesen gibt es auch in der griechischen Mythologie, aber auch in anderen Sagenkreisen und literarischen Texten - ich denke da beispielsweise an die Loreley aus Clemens Brentanos Ballade. In der slawischen Mythologie gibt es außerdem die Figur der Rusalka.

Sowohl der Disney-Film als auch das Märchen erzählen von der jüngsten Tochter des Meerkönigs, die Sehnsucht nach der Welt der Menschen hat - während sie im Märchen keinen Namen hat, wird sie im Film Arielle genannt. Und natürlich kommen die musikalische Krabbe Sebastian und der Doktorfisch Fabius in Andersens Märchen auch nicht vor. Im Buch erfährt die Meerjungfrau nicht über ihre Sammlung menschlicher Artefakte von deren Welt, sondern von Erzählungen ihrer Großmutter. Das Märchen folgt der Undinen-Legende insofern, als Meerjungfrauen nur durch die Liebe eines Menschen eine Seele erhalten. Und so erhält sie auch im Buch Beine von der Meerhexe - wenn der Prinz, den sie vor dem Ertrinken gerettet hat, sich jedoch bis zum nächsten Sonnenaufgang nicht in sie verliebt, wird sie zu Schaum auf dem Meer werden. Doch der Prinz wird im Märchen unmittelbar nach seiner Rettung durch die Meerjungfrau von einem Mädchen gefunden, das er für seine Retterin hält und in die er also verliebt ist, so dass er keine Gefühle für die wahre Retterin entwickelt, die, genau wie im Film, ihre Stimme gegen ein Paar Beine ausgetauscht hat. Das andere Mädchen stellt sich als die Prinzessin des benachbarten Königreichs heraus; der Prinz heiratet sie, und der Meerjungfrau wird von ihren Schwestern geraten, ihn in der Hochzeitsnacht zu töten, um ihr Leben zu retten. Sie kann es jedoch nicht tun - stattdessen stürzt sie sich ins Meer und löst sich in Schaum auf, stirbt jedoch nicht, sondern wird eine der Töchter der Luft, die wie die Meerjungfrauen keine Seele haben, diese aber durch gute Taten erlangen können. Dagegen steht das Ende des Disney-Filmes natürlich ganz in der Tradition seiner Vorgänger - Arielles Vater sieht ein, dass seine Tochter den Prinzen liebt, verwandelt sie in einen Menschen, und sie heiratet ihn.

Der zweite Disney-Film, der, wenn auch sehr lose, auf Motiven eines Andersen-Märchens basiert, ist Die Eiskönigin - Völlig unverfroren von Chris Buck und Jennifer Lee aus dem Jahr 2013. Vorlage dafür liefert das zuvor angesprochene Märchen Die Schneekönigin - der Film hat mit dem ursprünglichen Märchen jedoch nicht allzu viel zu tun. Für die Computeranimation wurden die gleichen Mitarbeiter wie bei Rapunzel eingesetzt, so dass der Stil ebenfalls an die Rokoko-Malerei erinnern soll. Aus der kalten, herzlosen Schneekönigin des Märchens wird jedoch eine missverstandene, verletzliche junge Frau, und auch die restliche Geschichte ist komplett anders als die Vorlage. Das Märchen beginnt mit einem Spiegel, den der Teufel erzeugt hat und der alles Schöne hässlich macht. Eines Tages zerbricht er, und seine Splitter bringen viel Leid unter die Menschen. Eine dieser Scherben dringt ins Herz des Waisenjungen Kay, das daraufhin zu Eis gefriert, eine andere ins Auge, woraufhin er alles Schöne hässlich sieht. Daraufhin verändert sich seine Persönlichkeit und ändert sein Verhalten ins Destruktive, bis er eines Tages im Winter mit seinem Schlitten von der Kutsche der Schneekönigin in deren Eispalast entführt wird. Gerda, seine Freundin aus der Nachbarschaft, zieht aus, um ihn zu suchen; nachdem sie im prächtigen Sommergarten einer guten Zauberfee gelandet ist und ihre Absicht vorübergehend vergisst, kommt sie in ein königliches Schloss, wo der Prinz und die Prinzessin von ihrer Geschichte so berührt sind, dass sie sie mit Winterkleidung ausstatten und ihr eine Kutsche mit Bediensteten zur Verfügung stellen. Diese wird jedoch von Räubern überfallen, und nachdem sie als einzige überlebt hat, will die Räubermutter sie braten und verspeisen. Ihre wilde Tochter findet jedoch Gefallen an dem Mädchen und rettet ihr das Leben; auch sie ist berührt von ihrer Geschichte und schenkt ihr ihr liebstes Rentier. Mit Hilfe zweier weiser Frauen schafft es Gerda in den Palast der Schneekönigin, in dessen Thronsaal Kay versucht, aus Eisplatten das Wort "Ewigkeit" zu bilden, da die Schneekönigin ihm die Freiheit versprochen hat, sollte er es schaffen - aber der Splitter in seinem Auge hindert ihn daran. Als Gerda ihn so auffindet und er sie nicht erkennt, beginnt sie zu weinen; ihre Tränen schmelzen das zu Eis gefrorene Herz und bringen ihn ebenfalls zum Weinen, woraufhin der zweite Splitter aus seinem Auge gespült wird. Die Eisplatten bilden von selbst das Wort "Ewigkeit", so dass sie nach Hause zurückkehren können; dort angekommen, sind sie beide erwachsen.

Es gibt jedoch auch andere Märchen, die als Vorlage für die Disney-Filme gedient haben. Eines davon ist Die Schöne und das Biest von Gary Trousdale und Kirk Wise aus dem Jahr 1991. Ursprünglich ein französisches Volksmärchen, erschien die erste schriftliche Fassung, aufbereitet von Gabrielle-Suzanne de Villneuve, unter dem Titel La Belle et la Bête im La jeune américaine, et les contes marines im Jahre 1740. Diese wiederum griff auf Motive aus den Märchensammlungen des Italieners Giovanni Francesco Straparola zurück. Bekannter ist jedoch die gekürzte Version von Jeanne-Marie Leprice de Beaumont, die 1756 im Magasin des enfants, ou dialogues entre une sage gouvernante et plusieurs de ses élèves veröffentlicht wurde. Dieses wurde im selben Jahr unter dem Titel Magazin für Kinder zu richtiger Bildung ihres Verstandes und Herzens für die deutsche Jugend übersetzt; die Geschichte erschien unter dem Titel Die Schöne, und das Thier. Ein Mährchen. Auch ich kenne das Märchen aus Beaumonts Fassung und besitze die Übersetzung davon als Buch. Das Märchen enthält Motive aus Apuleius' Erzählung Amor und Psyche aus dem 2. Jahrhundert - der Liebesgott Amor verliebt sich in die schöne Psyche und macht sie zu seiner Braut, will sich ihr jedoch nicht zeigen, woraufhin ihre eifersüchtigen Schwestern Zweifel säen. Diese Geschichte geht jedoch nicht gut aus - nachdem Psyche ihren Bräutigam entgegen seinem Wunsch doch angesehen hat, verlässt er sie für immer. Auch das Motiv der Tochter, die sich an Stelle ihres Vaters opfert, kommt in älteren Geschichten vor, beispielsweise im Alten Testament in der Geschichte von Jephtha, der Gott seine Tochter opfern muss, oder in dem Grimm-Märchen Das singende, springende Löweneckerchen. In der griechischen Sage von Idomeneus ist es dessen Sohn Idamantes, der dem Meeresgott Poseidon geopfert werden soll als Gegenleistung für eine sichere Heimkehr. Auch das Motiv des Prinzen, der in eine wenig ansehnliche Gestalt verwandelt und von einem Mädchen erlöst wird, begegnet uns öfter, denken wir nur beispielsweise an den Froschkönig, ebenso wie der Kontrast zwischen der schönen, fleißigen, gutherzigen Jüngsten und den hässlichen, neidischen, bösen Schwestern, etwa in Aschenputtel.

Diese Schwestern kommen jedoch im Disney-Film bekanntlich gar nicht vor. In Villneuves Version hingegen hat die Schöne (im Disney-Film Belle genannt) sechs ältere Brüder und fünf ältere Schwestern - bei Beaumont sind es allerdings nur noch drei Brüder und zwei Schwestern. Wie schon erwähnt, ist die Schöne freundlich und bescheiden, während ihre Schwestern weitaus selbstsüchtiger sind. So wünschen sie sich, als ihr Vater auf Reisen geht, Schmuck und schöne Kleider, während die Schöne lediglich eine Rose möchte. Auf dem Rückweg verirrt sich der Vater in einem Wald und gelangt in ein prächtiges Schloss, das menschenleer ist - dennoch wird er reichlich bewirtet, wenn auch nicht, wie im Film, von lebenden Alltagsgegenständen. Er bleibt über Nacht, und als er am nächsten Morgen aufbrechen will, entdeckt er einen schönen Rosengarten. Er erinnert sich an den Wunsch der Schönen und pflückt eine der Rosen, doch dann erscheint ein abscheuliches Biest, das ihn beschuldigt, ihn bestohlen zu haben, weshalb er sterben müsse. Der Vater, der im Märchen nicht Erfinder, sondern Kaufmann ist, bittet um sein Leben und erzählt, dass er die Rose seiner Tochter mitbringen wollte. Daraufhin lässt das Biest ihn ziehen, trägt ihm jedoch auf, entweder selbst zurückzukehren oder eine seiner Töchter zu schicken. Zu Hause angekommen, erklärt sich die Schöne bereit, ihn zu dem Schloss zu begleiten, das der Vater jedoch ohne sie wieder verlassen muss. Die Schöne glaubt, dass sie sterben muss, doch stattdessen führt sie im Schloss ein angenehmes Leben und freundet sich auch mit dem Biest an, erwidert seine Liebe aber zunächst nicht. In ihren Träumen erscheint ihr das Biest in Gestalt eines schönen Prinzen, doch sie glaubt, dass das Biest den Prinzen gefangen halte. Als sie Heimweh bekommt, erlaubt ihr das Biest, ihre Familie für zwei Monate zu besuchen; wenn sie aber nicht rechtzeitig zu ihm zurückkehre, müsste es sterben. Aber die Schwestern sind eifersüchtig auf das luxuriöse Leben der Schönen und halten sie extra lange auf, so dass sie erst zurückkehrt, als sie träumt, dass das Biest im Sterben liegt. Sie kann es retten, wird sich dabei ihrer Liebe bewusst und willigt ein, das Biest zu heiraten, das sich nach der Hochzeitsnacht in den Prinzen aus ihrem Traum verwandelt. In Beaumonts Version ist das das glückliche Ende, während in Villeneuves Version noch die Mutter des Prinzen vorkommt, die mit der Heirat nicht einverstanden ist, da die Schöne nur eine Kaufmannstochter ist. Eine gute Fee erklärt ihr jedoch, dass die Schöne in Wirklichkeit die Tochter eines Königs und einer Fee sei - außerdem wird noch die Vorgeschichte erzählt, die unter anderem erklärt, wie der Prinz in ein Biest verwandelt wird.

Doch nicht nur europäische Märchen finden Eingang ins Disney-Universum - im Jahr 1992 wurde unter dem Titel Aladdin ein orientalisches Märchen unter der Regie von John Muser und Ron Clements verfilmt. Es stammt aus der morgenländischen Märchensammlung Tausendundeine Nacht und trägt im Original den Titel Aladin und die Wunderlampe. Der Ursprung von Tausendundeine Nacht liegt vermutlich in Indien; wahrscheinlich in der Spätantike wurde es ins Mittelpersische übertragen und um persische Erzählungen erweitert, aber auch Motive aus der griechischen Sagenwelt fanden darin Eingang. Etwa im 8. Jahrhundert wurde es ins Arabische übersetzt und um Formeln und Zitate aus dem Islam erweitert. Im Laufe der Zeit kamen noch weitere Erzählungen hinzu, Aladin und die Wunderlampe stammt wahrscheinlich aus China und wurde erst im 18. Jahrhundert durch einen französischen Übersetzer beigefügt und die Handlung nach Syrien verlegt. Die Geschichte ist schnell erzählt: Der junge Aladin wird von einem Zauberer beauftragt, eine Öllampe in einer magischen Höhle zu finden; da dieser ihn jedoch zu betrügen versucht, behält er die Lampe für sich und findet heraus, dass in ihr ein Dschinn steckt, ein Geist, der dazu verpflichtet ist, dem Besitzer der Lampe jeden Wunsch zu erfüllen. Mit seiner Hilfe wird Aladin reich und mächtig und heiratet die schöne Tochter des Sultan. Der Disney-Film lehnt sich sehr an den Spielfilm The Thief of Bagdad (Der Dieb von Bagdad) aus dem Jahr 1940 an, die Zeichner orientierten sich beim Erscheinungsbild der Hauptfigur an dem damals noch jungen Tom Cruise, während der Dschinni im englischen Original von Robin Williams synchronisiert wird. Obgleich der Bezug zum arabischen Kulturkreis oftmals betont wird, basieren die Motive im Film größtenteils auf der indischen Kultur. Nach Protesten der arabischstämmigen Bevölkerung wurden einige Zeilen des Anfangsliedes Arabische Nächte in Folge umgeschrieben. Obwohl nach wie vor handgezeichnet, wurde der Film um einige Computergrafiken erweitert und ist technisch einer der innovativsten Disney-Filme. Außerdem legte er, wie ich finde, den Grundstein für die weniger romantisch-verklärten, dafür aber dynamisch-witzigen Filme von Pixar.

Ich muss sagen, genauso spannend, wie die ursprünglichen Geschichten zu erörtern, ist es auch, herauszufinden, aus wie viel unterschiedlichen Ecken Disney sich bei der Erschaffung seiner Meisterwerke bedient hat. So stammt Bambi aus Österreich, Pinocchio aus Italien, Das Dschungelbuch aus Indien und Peter Pan aus England. Deswegen habe ich auch weiterhin große Lust, mich mit den Ursprungsgeschichten zu befassen - auch wenn ich nicht alle im Original gelesen habe, aber gerade das macht es auch für mich spannend. Ich werde mich bei nächster Gelegenheit wieder mit dem Thema auseinandersetzen - bis dahin bon voyage und vergesst nicht, euch an die Abstandsregel zu halten!

vousvoyez

Montag, 29. Juni 2020

Wenn die Erde flach wäre, hätten Katzen schon alles über den Rand gestoßen

Man merkt, das meine momentanen Weisheiten aus der Zeit stammen, als ich anfing, mich etwas intensiver mit Verschwörungsschwurblern aufgeweckten Wahrheitsfindern zu befassen. Das ist jetzt schon fast zwei Jahre her, und ich muss gestehen - auch wenn ich keine bin, die unbedingt die Vergangenheit zurückhaben will, sehne ich mich angesichts dessen, was mir aktuell begegnet, häufig nach der Zeit der Flacherdler und schwulen Frösche zurück.

Auf der anderen Seite gibt es auch wieder Trends, von denen ich wünschte, sie wären endlich ausgestorben, aber leider sind sie es nicht. Zu diesen zählen die Challenges - denn von denen gibt es leider bis heute immer wieder neue. Zu Beginn der Pandemie gab es ja diese dumme Influencer-Barbie, die nichts Besseres zu tun hatte, als einen Toilettensitz abzulecken, was dann natürlich ein paar Volltrottel nachgemacht haben - wenn es kein Toilettensitz war, waren es die Haltegriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine andere Tussi, die sich wohl für besonders witzig hielt, bastelte sich aus den zu diesem Zeitpunkt nicht leicht zu bekommenden Einweg-Gesichtsmasken einen, ähm, "originellen" Büstenhalter. Mindestens eine dieser Intelligenzbestien brachte diese besonders coole Aktion bereits ins Krankenhaus.

Mein Leben läuft jetzt seit kaum einem Monat wieder halbwegs "normal", und schon flattert uns der nächste unglaublich witzige Trend ins Haus - die Kulikitaka-Challenge. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe Gruppentänze immer schon verabscheut. Oder sagte ich das schon? Na, egal, jedenfalls ist es momentan Trend, Tanzvideos von Jugendlichen zu Toño Rosarios (in meinen Augen bescheuertem) Song Kulikitaka auf TikTok zu posten, was ja an sich noch völlig okay ist. Was allerdings überhaupt nicht okay ist - einigen scheint das bloße Tanzen dann doch zu langweilig geworden zu sein, und was kann man da Tolles tun, um ein bisschen Pep in die Videos zu bringen, hm? Richtig - Tiere erschrecken! Ihr habt richtig gelesen - die Ersteller der Videos sind dazu übergegangen, mit den ruckartigen Tanzbewegungen Tiere zu verängstigen. Waren es anfangs noch die eigenen Hunde und Katzen, geht man nun immer öfter dazu über, Kühe in Panik zu versetzen. Ich verstehe ja ehrlich gesagt überhaupt nicht, warum manche Leute inzwischen schon praktisch ein Leumundszeugnis brauchen, um auf eine Alm gelassen werden zu können - selbst ich als Stadtkind weiß schon, seit ich denken kann, dass man in der Nähe von Tieren, die zwar meist friedlich, aber dennoch deutlich größer und stärker sind als man selbst und die einen mit einem Stoß schwer verletzen könnten, vorsichtig zu sein hat. Dass man auf einer Weide voller Kühe nicht einfach herumtrampelt und sich aufführt, wie es einem beliebt. In den letzten Jahren höre ich aber immer wieder, dass es Leute gibt - erwachsene Leute! - die das offensichtlich überhaupt nicht begreifen. Und jetzt versetzt man diese Tiere auch noch mutwillig in Panik, nur damit andere denken, man wäre witzig oder cool. Ganz abgesehen davon, dass es ein ziemlicher Arschloch-Move ist, Tiere zu erschrecken und sich darüber lustig zu machen, ist das auch noch richtig gefährlich - für einen selbst, für die Tiere und auch für andere Menschen.

Nun sind Jugendtrends ja keineswegs etwas absolut Neues - wie wir wissen, bringt jede Zeit neue kulturelle Aktivitäten und Stile der jüngeren Generation hervor. Wir hatten unsere, unsere Eltern und Großeltern hatten ihre, und die Jugend von heute hat eben auch ihre eigenen, die zum Glück nicht alle so extrem bescheuert sind wie die Challenges. Nicht nur das - Jugendkultur fing nicht erst Mitte des vorigen Jahrhunderts an. Ich bin mir sicher, dass sich die jüngere Generation schon seit Anbeginn der Zivilisation stilistisch und weltanschaulich immer wieder von der älteren abgrenzte. Und das muss auch so sein - weil wir uns sonst nie weiterentwickelt hätten. Schon der griechische Philosoph Sokrates ließ es sich nicht nehmen, die Respektlosigkeit der Jugend zu beklagen und dass man sich früher als junger Mensch noch zu benehmen wusste - umso paradoxer, dass ausgerechnet er wegen angeblich verderblichen Einflusses auf die Jugend mit dem Schierlingsbecher hingerichtet wurde. Aber auch aus schriftlichen Quellen aus dem mittelalterlichen Byzantinischen Reich geht hervor, dass zumindest die männliche Jugend bereits damals eigene Subkulturen bildete. Ein weiteres Beispiel für frühe Jugendkulturen war die "Jeunesse dorée" ("vergoldete Jugend") des gehobenen Bürgertums, die sich im Laufe der Französischen Revolution von der Politik distanzierte und dem Vergnügen sowie der Entwicklung neuer Moden hingab und dabei viel Verachtung seitens der älteren Generation erfuhr. Ab dem frühen 19. Jahrhundert revoltierten viele Studentenverbindungen - Burschenschaften, Sängerschaften und Turnerschaften -, deren Tradition teilweise bis ins Mittelalter zurückreichte, gegen die reaktionäre Politik der Restauration, was zur bürgerlich-liberalen Märzrevolution 1848/49 führte. Bekanntlich sind viele dieser Verbindungen inzwischen aber eher rechtslastig.

Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandten sich im deutschsprachigen Raum viele Jugendliche aus dem bürgerlichen Milieu von der fortschreitenden Industrialisierung ab. Die zunehmende Verstädterung weckte in ihnen eine Sehnsucht nach Natur und Gemeinschaft. So entstanden zur damaligen Zeit viele Wanderbewegungen, die erste war der in Steglitz gegründete Wandervogel, innerhalb derer man sich in Kleingruppen aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen organisierte und seine Freizeit hauptsächlich mit Wanderungen draußen in der Natur verbrachte. Anfangs noch unpolitisch, wandten sich viele dieser Bewegungen nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend rechts-nationalistischen Idealen zu, ein Trend, der von den Nationalsozialisten erkannt und für seine Zwecke genutzt wurde. Ab 1933 wurden sämtliche Jugendvereinigungen verboten - junge Leute wurden nun in der Hitlerjugend und im Bund deutscher Mädel zusammengefasst. Ich hatte vor ein paar Monaten mal eine Auseinandersetzung mit Leuten, die behaupteten, die Jugend hätte dort Respekt vor den Eltern gelernt. Das ist romantisch-verklärter Schwachsinn - die jungen Leute wurden aus dem Einflussbereich der älteren Generation entfernt, für Hitlers Ideologie instrumentalisiert und zu Kanonenfutter für den bereits geplanten Zweiten Weltkrieg ausgebildet. Wer diese Indoktrination für "romantisch" hält, der sollte ganz dringend einen Arzt aufsuchen. Oder einen Geschichtslehrer.

Natürlich liefen aber nicht alle Jugendlichen dieser Ideologie blind hinterher. Viele erkannten im Laufe der Zeit, dass der Drill in der Hitlerjugend nicht mehr allzu viel mit der Freiheit zu tun hatte, die sie sich erträumt hatten. Vor allem der Beginn des Krieges desillusionierte viele einstmals brave Jünger des Nationalsozialismus, und so manche von ihnen wurden zu erbitterten Widerständlern. Auch die bekannten Geschwister Scholl, die sich später der studentischen Münchener Widerstandsbewegung Weiße Rose anschlossen und wegen widerständischer Aktivitäten auf dem Schafott hingerichtet wurden, waren ursprünglich in der HJ bzw. im BDM - so manche sehen das als Indiz, warum diese es nicht verdient hätten, als Helden gefeiert zu werden. Ich antworte darauf allerdings, dass Jugendliche erstens damals keine Wahl hatten, als sich diesen Bewegungen anzuschließen und dass es zweitens Respekt verdient, zu erkennen, dass man bisher falschen Idealen nachgelaufen ist, und sich diesen auch noch so mutig entgegenzustellen. Neben der Weißen Rose gab es aber auch die sozialistischen Edelweißpiraten, die sich hauptsächlich auf den Kölner Raum konzentrierten und sich ebenfalls aktiv dem Regime widersetzten. In deutschen Großstädten wie Frankfurt, Berlin und Hamburg, aber auch in Wien entstand die damals oppositionelle Swing-Jugend, die sich am amerikanisch-englischen Lebensstil orientierte und sich vor allem durch die Swing-Musik von der Hitlerjugend abgrenzte. Ab 1937 war das Spielen von Swing-Musik in Tanzlokalen verboten; dass jedoch alle Gaststätten dazu verpflichtet wurden, Schilder mit der Aufschrift Swing tanzen verboten aufzuhängen, ist allerdings ein Marketing-Gag aus den 1970er Jahren - nach Kriegsbeginn waren Tanzveranstaltungen sowieso generell verboten.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg standen einige junge Literaten des anglo-amerikanischen Sprachraums für das Lebensgefühl einer neuen Zeit - sie reisten mit wenig bis gar keinem Geld übers Land und hörten Bebop und Modern Jazz. Die so genannte Beat Generation ist uns vor allem durch Schriftsteller wie Jack Kerouac, William S. Burroughs und Allen Ginsbergh in Erinnerung geblieben. Als ich etwa fünfzehn war, waren es diese Bücher, die mich zum Träumen anregten. Ab Mitte der 1950er Jahre läutete der Rock'n'Roll, der sich Ende der 1940er Jahre in den USA aus dem schwarzen Rhythm'n'Blues entwickelt hatte und 1955 durch den Film Blackboard Jungle (Saat der Gewalt) allmählich auch die europäische Jugend in seinen Bann zog, eine neue Ära ein. Die ältere Generation, die gerade einen Krieg hinter sich gebracht hatte und für die schon die Sissi-Trilogie knallharte Action war, schätzte diese neuen Töne gar nicht - sie hielten sie für viel zu laut und zu aggressiv, was uns in der heutigen Zeit, in der die wilden Zeiten des Punk und Heavy Metal bereits ein alter Hut sind, natürlich lächerlich vorkommt. Sie wussten eben noch nicht, was auf sie zukam.

Den Lederjacken und pomadisierten Haaren folgten im Laufe der 1960er Jahre erst die Beatles und die Rolling Stones, von denen jeder auf seine Weise die Musik revolutionierte, und gegen Ende des Jahrzehnts schließlich die bunte, auffällige Kleidung, der klimpernde Schmuck, die langen Haare und struppigen Bärte der Hippies. Diese Bewegung nahm im größtenteils studentischen Umfeld der USA ihren Anfang und verbreitete sich allmählich auch in anderen Teilen der Welt - man nahm alle möglichen Drogen, liebte die Natur, fuhr in bunt bemalten VW-Bussen durch die Weltgeschichte, predigte Liebe und Frieden und frönte der sexuellen Befreiung, und das alles zu den Klängen von Scott McKenzie, Frank Zappa, Jimi Hendrix, den Doors, Creedence Clearwater Revival, Janis Joplin, Jefferson Airplane und wie sie alle hießen. Es war die Zeit der ersten großen Open-Air-Konzerte, und Festivals wie das Monterey Pop Festival, das tragische Altamont Free Concert und natürlich das Woodstock Festival gingen in die Geschichte ein. In der Zeit um 1968 entwickelten sich außerdem zunehmend linksorientierte politische Bewegungen, die vor allem von Studenten geprägt waren. Diese waren dann irgendwann nicht mehr ganz so friedlich - aus der ursprünglich friedlichen Bürgerrechtsbewegung der USA gingen beispielsweise die Black Panther hervor, während sich aus der deutschen Studentenbewegung die Rote Armee Fraktion (RAF) entwickelte. Und wir dürfen auch nicht die mörderische Manson-Familie vergessen, die so viele Menschenleben auf dem Gewissen hat.

Nachdem der schillernde Glamrock den alternativen Hippies in den frühen 1970ern eine Absage erteilt hatte, entstand Mitte dieses Jahrzehnts in New York City eine Bewegung aus Studenten und jungen Arbeitern, deren Ziel hauptsächlich die Provokation war - nämlich der Punk, der später nach England kam und in der Folge auch nahezu die ganze Welt eroberte. In Deutschland nahm er erst Fahrt auf, als er im englischsprachigen Raum schon fast wieder out war, und stellte zusammen mit dem New Wave die Weichen für die Neue Deutsche Welle. Auffällig für Punks war natürlich in erster Linie ihr Erscheinungsbild - zerrissene Kleidung, Nieten, Buttons, Aufnäher, Armeestiefel und Alltagsgegenstände wie Sicherheitsnadeln. Am markantesten waren aber natürlich die Haare, die anfangs extrem kurz getragen wurden, ehe sie bunt gefärbt und mit viel Gel in Kombination mit rasierten Stellen zu allen möglichen gewagten Frisuren gestylt wurden, deren bekannteste natürlich bis heute der Irokese ist. Zu den ersten Punks dieser Bewegung gehörten die New York Dolls, die Ramones, The Clash und die Sex Pistols - im deutschsprachigen Raum sind bis heute vor allem die Ärzte, die Toten Hosen und die Böhsen Onkels bekannt, wobei man deren Musikstil inzwischen schon lange nicht mehr ausschließlich dem Punk zuordnen kann.

Ausgehend von den späten 70ern wurde die Jugendkultur in den 1980ern und 1990ern weitaus heterogener. Damals formierte sich beispielsweise die Schwarze Szene (Gothic, Dark Wave etc.); außerdem gab es die Popper, die sich von den anderen durch teure Markenkleidung und eine gewaltige Föhnwelle unterschieden; oder die Metal-Szene, die ursprünglich als Jugendkultur begann, heute jedoch alle erdenklichen Altersgruppen umfasst. Ich erinnere mich an eine Zeit im letzten Jahrzehnt, als Teenager gerne in T-Shirts mit Logos von Punk- und Metal-Bands herumliefen, deren Musik sie überhaupt nicht kannten. Am schrecklichsten fand ich ein weißes Ramones-T-Shirt mit Glitzersteinchen, das ich einmal an einem Mädchen sah. Den Gegenpol zum Starkult der Rock-Szene bildeten die Clubs, in denen Techno und House gespielt wurde und wo das gemeinsame ekstatische Musikerlebnis im Vordergrund stand. Ich konnte damit eher wenig anfangen, lernte aber auch diese Musikrichtung allmählich zu schätzen - zumindest die weniger nervige Variante. Hingezogen fühlte ich mich eher zu den "Slackers" der Indie-Bewegung, die ihre frühe Ausdrucksform im Grunge fand, heute aber eher noch dem Namen nach "independent" ist. In Nordeuropa und den USA waren eine Zeit lang außerdem die Straight Edgers sehr aktiv, die sich aus dem Punk entwickelt hatten, aber jegliche Drogen, Alkohol und Tabak ablehnten - manche ernährten sich sogar streng vegan. Die radikalsten unter ihnen waren die Hardliners, die gegen alles kämpften, was nicht ihrer Ideologie entsprach, seien es Abtreibungen, Homosexualität oder Gewalt gegen Tiere. Sie überlebte sich hauptsächlich deshalb, weil die anderen Straight Edgers nicht mit den Hardliners in einen Topf geworfen werden wollten.

Eine Jugendkultur, die sich, wenn auch sehr verändert, bis in die heutige Zeit gehalten hat, ist die Hip-Hop-Szene. Diese machte vor allem die Street fashion populär, die anfangs noch sehr von der Black-Pride-Bewegung geprägt war und später zunehmend Einflüsse aus dem Gangsta-Milieu übernahm. In meiner Jugend gehörten dazu die extrem tief sitzenden Baggy Pants, Kapuzenpullover, Baseballcaps und Bandanas sowie Markenturnschuhe. Später zeugten riesige Markenlogos und auffälliger Gold- und Platinschmuck vom finanziellen Aufstieg der Rap-Stars. In den frühen 2000ern präsentierten viele von ihnen auf MTV stolz ihren Reichtum, immer in derselben Reihenfolge: fettes Auto, riesige Villa, gewaltiger Swimmingpool, ein Bett für etwa zehn Personen sowie ein begehbarer Schrank voller Sneaker-Einzelstücke. Heute ist der Bekleidungsstil deutlich individueller, aber hochpreisige Marken müssen immer noch sein. Neben der Kleidung spielt natürlich auch die Rap-Musik eine wesentliche Rolle - der schnelle Sprechgesang hat seinen Ursprung bekanntlich in der afro-amerikanischen Kultur. In den frühen Achtzigern noch ein Nischenprodukt, etablierte sich Rap allmählich immer mehr innerhalb der populären Musikszene und wurde bald auch von weißen Interpreten übernommen. In den Neunzigern etablierte sich der Sprechgesang des Rap allmählich auch in anderen Musikrichtungen - eine Zeit lang verfügten praktisch alle Chart-Songs über Rap-Sequenzen, was ich, um ehrlich zu sein, manchmal auch eher nervig fand. In den 90ern etablierte sich auch der Deutschrap, der vor allem im letzten Jahrzehnt immer beliebter wurde. Eine wesentliche Rolle in der Hip-Hop-Kultur spielen außerdem auch Breakdance und Graffiti-Kunst. Ich habe mich als Jugendliche selbst auch auf dem Grundstück von Freunden an der Spraydose versucht - allerdings mit eher mäßigem Erfolg. Momentan bemerke ich, dass viele Rapper ihre Baseballcaps gegen Aluhüte eingetauscht zu haben scheinen - immerhin ist eines der Kennzeichen dieser Musikrichtung der Kampf gegen das Establishment. Grundsätzlich habe ich auch nichts dagegen - ich finde halt, wenn schon, dann sollte man diesen wenigstens mit Verstand führen.

Eine eher umstrittene Jugendkultur ist die Skinhead-Szene, gekennzeichnet durch sehr kurz geschnittene oder gar abrasierte Haare, Springerstiefel mit Stahlkappen sowie Bomber-, Harrington- oder Donkey-Jacken. Entgegen der landläufigen Meinung sind nicht alle dieser doch sehr heterogenen Szene Nazis - es gibt neben den bekannten rechtsradikalen Skins auch unpolitische oder gar linksradikale. Die ersten Skinheads traten Ende der 1960er Jahre auf, in den späten 1970ern bildete sich die rechtsradikale, fremdenfeindliche Szene heraus, die zum üblichen Outfit im Laufe der Zeit auch neonazistische Symbole hinzufügte. Besonders in den 1990ern waren Neonazi-Gruppierungen für viele Jugendliche eine Möglichkeit, gegen Eltern zu rebellieren, die sich von Rock'n'Roll, Hippies, Punks und Metal nicht mehr aus der Ruhe bringen ließen. Ich hatte damals den Eindruck, dass viele junge Nazi-Skinheads nicht die blasseste Ahnung von dem hatten, was sie da von sich gaben, und Rechtsrock hauptsächlich deshalb hörten, weil er die strengen Tabus bricht, die wir uns mit der Bewältigung des Nationalsozialismus nach und nach auferlegt haben. Ehrlich gesagt sehne ich mich heute manchmal ein bisschen nach jener Zeit, als man Neonazis an ihrer Kleidung und ihren zur Schau gestellten Symbolen noch sehr leicht erkennen konnte.

Als ich etwa Anfang bis Mitte zwanzig war, war der Emo-Stil bei Jugendlichen sehr angesagt. Sie trugen bevorzugt schwarz, manchmal auch zweifarbig gefärbte Haare, meist in einem asymmetrischen Pony, der ein Auge verdeckt, ansonsten mischten sie Elemente aus Punk, Grunge, Gothic, Rockabilly und der Skater-Kultur miteinander. Die schwarze Kleidungsfarbe wurde oft durch grelle Muster kontrastiert, außerdem machten sie die zuvor verpönten Röhrenhosen populär, die ich inzwischen nicht mehr sehen kann. Kennzeichnend waren auch niedliche Accessoires, Piercings und schwarz geschminkte Augen sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen. Ein beliebtes Accessoire ist auch die Rasierklinge, außerdem wird den Anhängern dieser Szene ein Hang zur Selbstverletzung nachgesagt, dies gilt aber mit Sicherheit nicht für alle. Im deutschsprachigen Raum etablierte sich der Emo-Style vor allem durch die deutsche Band Tokio Hotel. Abgesehen davon möchte ich auch die Gamer-Szene, die Surfer und Skater sowie die Cosplayer nicht unerwähnt lassen, die sich hauptsächlich durch ihre jeweiligen Interessen formieren. Aber auch die Fridays-For-Future-Bewegung, die sich vor zwei Jahren um die damals sechzehnjährige Greta Thunberg formierte und sich mit Mitteln des zivilen Ungehorsams für den Klimaschutz einsetzt, kann als Jugendkultur gesehen werden.

Was den Challenge-Trend betrifft, so hat dieser mit den Jugendkulturen wohl eher wenig zu tun. Ich bleibe da bei meiner Theorie, die ich an anderer Stelle schon einmal angesprochen habe - nämlich, dass diese das Ergebnis dessen sind, dass Kinder und Jugendliche in den USA heutzutage kaum noch Freiheiten haben. Mich hat es schockiert, zu hören, dass Kinder dort nicht frei wählen dürfen, was sie spielen wollen, dass Erwachsene aktiv in jeden Konflikt zwischen den Kindern eingreifen und dass es augenscheinlich Eltern gibt, die jeden Schritt ihres Kindes auf dem Handy beobachten. Da ist es kein Wunder, dass der eine oder andere Jugendliche auf blöde Ideen kommt. Ich finde diese Entwicklung allerdings höchst bedenklich, da aus solchen Kindern Leute werden, die Entscheidungen nicht mehr selbst treffen können. Gepaart mit einem miserablen Schulsystem ist dieser Trend für das Streben nach einer gesunden Demokratie höchst kontraproduktiv - denn wer nicht in der Lage ist, selbst zu entscheiden, verlangt nach einem starken Führer, und das Ergebnis sehen wir ja bereits heute. Deshalb mein Appell an alle: Geht ein bisschen gelassener mit den Ideen und Träumen der jungen Generation um. Lasst sie ihren Weg selbst finden und akzeptiert, dass sie vielleicht mit dem, was ihr an eurer eigenen Jugend so toll findet, nichts anfangen können. Lasst die Jugend ihre Erfahrungen selbst machen und greift nur dort ein, wo es unbedingt nötig ist - beispielsweise eben bei dummen Challenges oder destruktiven Ideologien. Und vor allem - bleibt im Dialog und versucht, eure Differenzen sachlich zu klären. Nur so können wir auf eine positive Zukunft hoffen.

vousvoyez

Samstag, 20. Juni 2020

Ich kann die Komplexität meiner Gedanken nur in Emojis ausdrücken

Das Problem gesammelter und wöchentlich veröffentlichter Weisheiten ist, dass man oft vergisst, wer der Urheber ist. So geht es mir auch mit dieser hier - ich meine aber, dass sie aus der einst so beliebten und bis zum Erbrechen wiederholten Fernsehserie How I Met Your Mother stammt. Emoticons bzw. Emojis haben die schriftliche Kommunikation bekanntlich revolutioniert - als die SMS aufkamen, wurden sie in der ASCII-Zeichenkombination verwendet, mit der Zeit hatten aber immer mehr digitale Plattformen eigene Emojis zur Verfügung, so dass man heute eher selten mit solchen Kombinationen :-) arbeitet, die man nur erkennen kann, wenn man den Kopf auf die linke Schulter legt. Im Großen und Ganzen sind sie aber aktuell die gängigste Möglichkeit, Botschaften zu kommunizieren, die über den schriftlichen Inhalt hinausgehen - bekanntlich ist es ja bei der schriftlichen Form des zwischenmenschlichen Austauschs kaum möglich, nonverbale Botschaften zu vermitteln.

Emojis haben sich so sehr in der digitalen Kommunikation etabliert, dass vor drei Jahren sogar ein Animationsfilm in die Kinos kam, der von ihnen handelte. Wie ich schon häufiger ausgeführt habe, sind digitale Animationsfilme aktuell weitaus gefragter als die handgezeichneten. Wobei Disney jetzt zur Abwechslung mal nicht ein Remake nach dem anderen raushauen kann, weil die Filmindustrie aktuell mehr oder weniger stillgelegt ist - wer hätte das gedacht. Aber mit ihrer neuen Streaming-Plattform Disney + werden sie wohl genug Geld scheffeln, um auch diese Krise einigermaßen glimpflich zu überstehen. Ob ich mich darüber freuen kann, weiß ich nicht - wie ihr wisst, bin ich mit Disney-Filmen aufgewachsen, und es gibt sehr viele, die ich auch heute immer noch sehr gern sehe, aber wenn ich merke, wie dieser Multikonzern nahezu alles andere schluckt, bekomme ich, ehrlich gesagt, ein etwas mulmiges Gefühl. Trotzdem kommt bekanntlich schon seit mehr als achtzig Jahren kein Kind mehr an den Disney-Filmen vorbei. Wobei wir natürlich wissen, dass die abendfüllenden Disney-Filme auf ältere Vorlagen zurückgreifen und zum großen Teil auch stark verändert und teilweise auch entschärft wurden. Und dem will ich mich heute widmen.

Zu den Vorlagen, die für diese Filme verwendet werden, zählen etwa Klassiker der Kinderliteratur oder auch Märchen und Sagen. Und natürlich dürfen da die Märchen der Gebrüder Grimm nicht fehlen. Jacob und Wilhelm Grimm waren zwei deutsche Sprachwissenschaftler und Volkskundler, die im frühen 19. Jahrhundert nach alten Volksliedern für die Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn suchten, die von Achim von Arnim und Clemens Brentano herausgegeben wurde. Dabei trugen sie auch alte Volksmärchen, mündlich tradierte Erzählungen und literarische Exzerpte zusammen, aus denen in Folge die berühmten von ihnen selbst herausgegebenen Kinder- und Hausmärchen entstanden, die bis heute zum Kanon der Kinderliteratur zählen, auch wenn sie ursprünglich nicht speziell für Kinder gedacht waren. Was auch erklärt, warum so viele von ihnen so unglaublich brutal sind; zudem werden etwa das antiquierte Frauenbild und die antisemitischen Stereotype, die in vielen dieser Geschichten transportiert werden, heutzutage durchaus kritisch betrachtet. Abgesehen davon sind viele dieser Märchen den allermeisten Menschen zwar bekannt, allerdings eher selten in der Originalform. Die vier Grimm-Märchen, die von Disney verfilmt wurden, sind beispielsweise in dessen Version bekannter. Ich denke, viele werden sich wundern, wenn sie erfahren, wie sehr sie in der Zeichentrick-Variante verändert und sogar entschärft wurden.

Schon der älteste Disney-Langfilm, Schneewittchen und die sieben Zwerge aus dem Jahr 1937 unter der Regie von David D. Hand, geht auf ein Grimm-Märchen gleichen Namens zurück - wobei dieses in den Kinder- und Hausmärchen lediglich als Schneewittchen angeführt ist. Von diesem Märchen sind in unterschiedlichen Kulturen verschiedene ältere Varianten bekannt; der älteste schriftliche Beleg ist in der Sammlung des Schriftstellers, Philologen und Literaturkritikers Johann Karl August Musäus unter dem Titel Richilde zu finden. In der Erstausgabe der Grimm-Märchen trug das Märchen noch den Titel Schneeweißchen, der jedoch wahrscheinlich später geändert wurde, um ihn von der Geschichte Schneeweißchen und Rosenrot zu unterscheiden. Unter dem Titel Schneeweißchen findet sich die Geschichte auch in Ludwig Bechsteins Deutschem Märchenbuch wieder. Die Filmversion von Disney weicht in einigen Punkten von der Volksmärchen-Version ab - so bringt der Jäger der bösen Königin nicht das Herz eines Schweines, sondern Lunge und Leber eines Frischlings. Und diese bewahrt sie nicht in einer Schatulle auf, sondern lässt sie kochen und verspeist sie dann in dem Glauben, die äße die Innereien Schneewittchens. Überdies ist Kannibalismus ein beliebtes Motiv in den Grimm-Märchen. Außerdem wird Schneewittchen, als sie bei den Zwergen lebt, nicht nur einmal, sondern gleich dreimal von der bösen Königin aufgesucht in der Absicht, sie zu ermorden - beim ersten Mal stranguliert sie sie mit einem Gürtel, beim zweiten Mal steckt sie ihr einen vergifteten Kamm ins Haar, beim dritten Mal teilt sie sich mit ihr einen Apfel, wobei sie ihr die giftige Hälfte gibt und selbst die ungiftige verzehrt. Wobei die Disney-Version mit dem unheimlichen Wald und der gemeinen Königin, die sich in eine furchterregende Märchenhexe verwandelt, ebenfalls das eine oder andere Kind in Angst und Schrecken versetzen kann. Ich war zum Glück nicht mehr ganz so klein, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Zudem wird Schneewittchen am Ende nicht vom Prinzen wachgeküsst - ihr rutscht das vergiftete Apfelstück aus dem Hals, als die Zwerge, während sie ihren gläsernen Sarg transportieren, über eine Wurzel stolpern, woraufhin sie ins Leben zurückfindet.

Die zweite Adaption eines Grimm-Märchens ist Cinderella aus dem Jahr 1950 unter der Regie von Clyde Geronimi, Wilfried Jackson und Hamilton Luske. Sie geht auf das Märchen Aschenputtel zurück, von dem eine ältere Version auch in den Histoires ou Contes du temps passé (Geschichten oder Erzählungen aus alter Zeit), einer Märchensammlung des französischen Schriftstellers Charles Perrault, zu finden ist, unter dem Titel Aschenputtel oder Der gläserne Schuh (Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre). Eine neuere Version ist unter dem Titel Aschenbrödel bei Bechstein angeführt. Die Disney-Version ist näher an der Fassung von Perrault als an der der Gebrüder Grimm - beispielsweise verliert Cinderella nicht, wie im Grimm-Märchen, einen goldenen, sondern einen gläsernen Schuh, und sie schüttelt das schöne Kleid und die Schuhe nicht von einem kleinen Baum auf dem Grab ihrer Mutter, sondern erhält diese von einer guten Fee. Auch das Motiv des von Mäusen gezogenen Kürbis, der in eine von Pferden gezogene Kutsche verwandelt wird, stammt aus dem Perrault-Märchen. Aber auch von seiner Fassung gibt es Abweichungen - Cinderella tanzt nicht drei Abende hintereinander, sondern nur an einem Abend mit dem Prinzen, ehe sie den gläsernen Schuh verliert, der sie letztendlich identifiziert. Und die doch ziemlich verstörende Episode mit den beiden bösen Stiefschwestern, die sich Zehen bzw. die Ferse abschneiden, um in den Schuh zu passen, fehlt gänzlich - allerdings hat auch Bechstein sie bereits ausgelassen.

Das dritte von Disney verfilmte Grimm-Märchen ist Dornröschen aus dem Jahr 1959 von Clyde Gernomimi, Les Clark, Eric Larson und Wolfgang Reithermann. Allerdings ist auch dieser Film der Version von Perrault, Die schlafende Schöne im Walde (La Belle au Bois dormant) näher als der deutschen, weshalb die Prinzessin auch den Namen Aurora trägt. Das erkennt man auch am Soundtrack, der aus der Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Dornröschen besteht, dessen Handlung sich seinerseits an Perraults Version anlehnt. Ebenfalls bemerkenswert ist der für einen Disney-Film ungewöhnlich kantige Zeichenstil Eyvind Earles, der von der mittelalterlichen Architektur und Malerei inspiriert ist und sowohl Elemente der Gotik als auch der Renaissance enthält. Wie bei Perrault, so fehlt auch in diesem Film das Motiv der zwölf goldenen Teller, die daran schuld sind, dass nicht alle dreizehn Feen zu Dornröschens Taufe eingeladen werden. Auch die Freier, die in der Dornenhecke vor dem Schloss verbluten, kommen im Film nicht vor, auch wenn sie sowohl bei Perrault als auch bei den Gebrüdern Grimm erwähnt werden. Der zweite Teil der Perrault-Version kommt jedoch weder bei Grimm noch im Film vor - hier verheimlicht der Prinz nämlich die Hochzeit mit Dornröschen, und als er in den Krieg zieht, befiehlt seine Mutter, seine Ehefrau und die beiden Kinder, die sie inzwischen hat, töten und ihr als Mahlzeit anrichten zu lassen. Der Haushofmeister täuscht sie jedoch, und am Ende muss die böse Mutter sich selbst richten. Doch selbst Perraults Adaption ist schon erheblich geglättet - von der neapoletanischen Version Sonne, Mond und Thalia (Sole, Luna e Talia) aus Giambattista Basiles Sammlung Pentameron, in der die Prinzessin nicht wachgeküsst, sondern vergewaltigt wird, habe ich bereits an anderer Stelle berichtet.

Das vierte Grimm-Märchen wurde 2010 unter dem Namen Rapunzel - neu verföhnt von Disney adaptiert. Dieser Film orientiert sich optisch sehr am Stil der Rokoko-Malerei - die Vorlagen sind handgezeichnet, das Endergebnis präsentiert sich aber in zeitgemäßer 3D-Computeranimation. In dem Film fehlt die Episode, die der Titelfigur ihren Namen verleiht, nämlich den Heißhunger ihrer schwangeren Mutter auf Rapunzeln - hierbei ist wohl das gemeint, was gemeinhin als Feldsalat, bei uns in Österreich auch als Vogerlsalat bekannt ist -, die im Garten der Nachbarin, einer bösen Zauberin, wachsen. Außerdem hat Rapunzel ihr ungewöhnlich langes Haar nicht, wie im Film, durch einen Zaubertrank, den ihre Mutter in der Schwangerschaft eingenommen hat, sondern offenbar deswegen, weil es nie geschnitten wird. Auch das Motiv des In-den-Turm-Kletterns der bösen Zauberin und später des Prinzen an Rapunzels Haaren fehlt im Film, und auch sonst weicht er stark von der literarischen Vorlage ab. Wie Dornröschen, so hat auch Rapunzel eine ältere Version in Basiles Pentameron unter dem Titel Petrosinella. Hier wird die Titelfigur jedoch nicht nach dem Vogerlsalat, sondern nach der Petersilie benannt ("Petrosinella" bedeutet in etwa "Petersilchen"). Aber auch sie wird von einer bösen Hexe entführt und in einen Turm gesperrt, in den sie und später auch der Prinz nur hineinkommen kann, indem sie an Petrosinellas Haar hinaufklettern. Was muss das Mädel doch für eine robuste Kopfhaut gehabt haben, dass es dabei nicht skalpiert wurde!

Natürlich sind Grimm-Märchen, wie schon eingangs erwähnt, nicht die einzige Quelle für die beliebten Kinderfilme. So gibt es Verfilmungen beliebter Kinderbücher, wie etwa Pinocchio, Bambi oder Alice im Wunderland, Adaptionen von Sagen und Legenden wie Die Hexe und der Zauberer, Robin Hood und Hercules, und Arielle, die Meerjungfrau  und Die Eiskönigin sowie auch der Kurzfilm Das hässliche Entlein finden ihren Ursprung in den Märchen von Hans-Christian Andersen. Wobei den Andersen-Märchen in den Filmversionen einiges von ihrer Schwere und Melancholie genommen wurde. Ich denke, ich werde mich öfter mal auf die Spuren der Vorlagen der Disney-Filme begeben, denn ich finde es tatsächlich sehr spannend, und es macht Spaß, dafür Recherche zu betreiben. Inzwischen hoffe ich, dass ihr alle brav bleibt und gut auf euch aufpasst. Wir sehen uns bei der nächsten Gelegenheit wieder. Bon voyage!

vousvoyez