Mittwoch, 10. Mai 2023

Die Impfung gegen Contergan ging auch völlig gegen den Baum, aber das interessiert niemanden mehr!

Foto von Brayan Becerra auf Unsplash
Ironischerweise war es gerade der Contergan-Skandal, der zu einer Verschärfung des Arzneimittelgesetztes und der Zulassung von Medikamenten führte. Trotzdem wurde und wird der Contergan-Skandal gerne herangezogen, sobald es um die vermeintliche Gefährlichkeit der Covid-Impfung geht. Nun wissen wir, dass Contergan keine Krankheit war, gegen die geimpft wurde, sondern ein Beruhigungsmittel, welches oral verabreicht wurde - und zwar an schwangere Frauen, was zu gehäuftem Auftreten von Fehlbildungen der Kinder führte. Gleichzeitig ist uns natürlich bekannt, dass wir alle schon seit mehr als zweieinhalb Jahren tot sein müssten, wären tatsächlich alle Verschwörungsmythen rund um die pöhse Impfung wahr geworden, wie von selbst ernannten "Querdenkern" bis heute behauptet wird. Das Schräge an der ganzen Geschichte ist ja, dass sich im Prinzip keiner mehr für das Corona-Thema interessiert - warum auch, es kommt ja in unserem Alltag mittlerweile fast gar nicht mehr vor. Trotzdem gibt es immer noch Leute, die nach wie vor versuchen, die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit wieder auf die Pandemie zu lenken - immer wieder mal wird vehement gefordert, dass sich diese bei ihnen entschuldigen und sie als Helden anerkennen sollte. Und natürlich passt diesen Spaßvögeln die Meldung der WHO nicht, laut derer die Impfung mehr als einer Million Menschen allein in Europa das Leben gerettet hätte.

Nun ist es, wie gesagt, mittlerweile so, dass die meisten von uns schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt sind. Und wer nicht gerade unter den Folgen der Inflation stöhnt oder sich aus Protest gegen das fehlende Interesse am Klimawandel auf die Straße klebt, denkt bereits schon wieder an den nächsten Sommerurlaub. Und da mir gerade der Sinn nach etwas Lustigem steht, möchte ich euch heute ein paar Hotels vorstellen, die euch so richtig das Gruseln lehren können.

Wie ich in anderen Artikeln schon erläutert habe (was allerdings natürlich keine neue Erkenntnis ist), sind Burgen und Schlösser natürlich die am besten geeigneten Orte, um verflucht zu sein. Und so kursieren auch um Schloss Dragsholm auf der dänischen Insel Seeland solche Sagen und Legenden. Die ehemalige Adelersborg war einst Sitz der Bischöfe von Roskilde, ehe sie nach der Reformation in den Besitz der dänischen Könige überging. Sie war die stärkste Festung des Landes und während der Grafenfehde 1534 - 1536 die einzige Burg, welche Eroberungsversuchen standhielt. Erst im Krieg gegen Schweden wurde sie von den schwedischen Truppen eingenommen und 1660 gesprengt. Die Ruine ging letztendlich in den Besitz des späteren Amtmanns von Roskilde Frederik Christian von Adeler über, der sie zu dem heute bestehenden barocken Schloss umbauen ließ - einige Elemente der mittelalterlichen Burg blieben allerdings bis heute erhalten. Nach dem Aussterben des Adeler-Geschlechts 1932 fiel Dragsholm an den dänischen Staat und wird seit 1937 als Hotel genutzt.

Aber zu einem anständigen Schloss gehören natürlich auch anständige Geister. Und obgleich die helle Fassade des Schlosses inmitten des weitläufigen Parks freundlich und einladend wirkt, sollen hier drei Gespenster ihr Unwesen treiben - darunter selbstverständlich auch die obligatorische Weiße Frau. Diese soll einst die Tochter des Burgherrn gewesen sein und eine heimliche Liebschaft zu einem jungen Mann bürgerlicher Herkunft gepflegt haben. Als der Vater schließlich davon erfuhr, soll er das Mädchen bei lebendigem Leib einmauern lassen haben, so dass sie qualvoll verhungerte und verdurstete. Seit dem soll sie, wohl auf der Suche nach ihrem Liebsten, als Weiße Frau im Schloss herumgeistern. Anscheinend hat diese tragische Geschichte jedoch wohl einen wahren Kern: In den 1930er Jahren, als moderne sanitäre Anlagen eingebaut wurden, entdeckte man in einer der Mauern ein Skelett, das in ein weißes Kleid gehüllt war. Doch auch der Graf von Bothwell, der 1578 in eine der Gefängniszellen des Schlosses gesperrt worden war, soll immer noch als Geist anwesend sein. Er hatte fünf Jahre in seiner Zelle verbracht, kurz vor seinem Tod soll ihn der Wahnsinn ereilt haben. Seither soll sein Geist jede Nacht mit der Kutsche in den Hof des Schlosses einfahren - so manche Leute wollen den Hufschlag der Pferde und das Rattern des Wagens gehört haben. Im Gegensatz dazu gilt die graue Dame als guter Geist - diese soll einst Dienstmädchen auf dem Schloss gewesen und dort von schrecklichen Zahnschmerzen geheilt worden sein. Aus Dankbarkeit soll sie geschworen haben, regelmäßig auf dem Schloss nach dem Rechten zu sehen - ein Versprechen, das sie offensichtlich auch über den Tod hinaus gehalten hat. Ja, Zahnschmerzen sind was ganz Grässliches - und wäre sie zu meinem Zahnarzt gegangen, wäre ihr einiges erspart geblieben. Leider war der damals noch nicht geboren.

Ein weiterer Ort, der zu Gespenstergeschichten inspiriert, sind die nebeligen Höhen der Genting Highlands in der malayischen Provinz Pahang. Hier blickt man aus den Fenstern eines Hochhauses praktisch ins Nichts, und hier findet man auch zwei legendäre Gruselhotels. Das eine wirkt von außen eigentlich alles andere als gruselig - die beiden 28 Stock hohen Türme fallen durch ihre fröhlich-bunten Fassaden auf. Das First World Hotel hält momentan den Weltrekord für die meisten Zimmer, das unter dem Hotel befindliche Einkaufszentrum First World Plaza kann unter anderem mit Läden, Restaurants, einem Kino, einer Bowlingbahn und einem Odditorium aufwarten, gleich nebenan gibt es ein Casino. Und doch kursieren Gerüchte über Geistererscheinungen im und rund um das Hotelgebäude - so soll es im 21. Stock spuken, weshalb der Fahrstuhl des Hotels diesen regelmäßig zu überspringen scheint. Man erzählt sich, dass Klienten, die ihr gesamtes Geld im Casino verloren haben, sich aus einem der Fenster des Hotels gestürzt haben sollen, und so manche Gäste, die in bestimmten Zimmern übernachtet haben, behaupteten, sich krank zu fühlen - bis sie das Zimmer verließen.

Im Gegensatz zu diesem Etablissement wirkt das Amber Court bereits von außen wie der Schauplatz eines Horrorfilms - und tatsächlich war es das auch, denn 2017 wurde hier der chinesische Horrorfilm Haunted Hotel gedreht. Die beiden von Rotalgen bedeckten Türme wirken von außen komplett verlassen - trotzdem kann man hier ganz normal Zimmer buchen. Der 92 m hohe Komplex entstand zur Zeit des Kreditbooms in den 1990er Jahren als Tagungs- und Erholungszentrum von Unternehmen, sollte aber auch Familienurlauben offen stehen. Durch die Asienkrise der späten Neunziger konnten einige der Eigentümer jedoch nicht mehr für Service und Instandhaltung aufkommen - das feucht-tropische Klima tat sein übriges, und allmählich nahmen die beiden Türme zunehmend ein verwahrlostes Aussehen an. Im Jahr 2012 wurden die Fassaden renoviert, dies verbesserte die Lage jedoch nur kurzzeitig. Trotzdem wurde 2020 ein weiterer Versuch gestartet - ob dieser schon erste Erfolge verzeichnet hat, konnte ich allerdings noch nicht herausfinden. Die Zimmer auf der Buchungs-Website sehen zwar ganz ordentlich aus, aber das war in dem Galileo-Beitrag von 2020, der mich auf dieses Hotel aufmerksam gemacht hat, ebenfalls der Fall - die Bewertungen kann man jedenfalls eher als durchwachsen bezeichnen. Viele der Apartments sind außerdem an Gastarbeiter vermietet, die in der Gegend auf dem Bau arbeiten. Und im Internet kursieren Geschichten über Gespenster im Hotel, einem Mann ohne Gesicht, Kinderstimmen und Wolfsgeheul in den leeren Gängen und ein abgesperrtes Zimmer im 13. Stock, das verflucht sein soll.

Als Inspiration für einen Film diente auch das Stanley Hotel im Städtchen Estes Park, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rocky Mountain National Park befindet und dessen Altstadt mit authentischem Wildwest-Feeling lockt. Das 1909 im gregorianischen Stil erbaute Hotel wirkt von außen nahezu idyllisch und gar nicht so, wie man sich ein verfluchtes Hotel vorstellt, doch im Jahr 1973 war dort ganz zufällig ein junger Schriftsteller zu Gast, der sich von diesem Aufenthalt zu einem seiner berühmtesten Romane inspirieren ließ. Stephen King war damals Gastprofessor für kreatives Schreiben an der University of Colorado in Boulder; an einem Abend Ende Oktober, als er mit dem Auto unterwegs war, legte er einen unfreiwilligen Zwischenstopp in Estes Park ein, da die starken Schneefälle das Befahren des Highways unmöglich machten. So fuhr er den Serpentinenweg hinauf zu dem damals ziemlich heruntergekommenen Berghotel und bat um ein Zimmer für die Nacht. Wegen der fehlenden Heizung blieb das Hotel vor 1982 den Winter über geschlossen, so dass King der letzte Gast der Saison war. Schon die Fahrt zu dem Gebäude, aber auch das, was er in Zimmer 217 erlebte - worüber er übrigens bis heute nicht spricht -, inspirierten ihn zu seinem 1977 erschienenen Roman The Shining.

Das Stanley Hotel stand hier natürlich Pate für das Overlook Hotel, den Schauplatz des Romans - auch hier verbirgt das Zimmer 217 ein unbekanntes Grauen: Schon zu Beginn der Geschichte wird der kleine Danny davor gewarnt, es zu betreten, und als er es trotzdem tut, wird er vom Geist einer Frau, die sich dort suizidiert hat, beinahe erwürgt. Die Geschichte handelt von einer Familie, die den Winter in der Abgeschiedenheit des eingeschneiten Hotels verbringen soll - Jack Torrace will hier seine Alkoholprobleme in den Griff bekommen und seine Ehe retten, doch im Laufe der Geschichte ergreift es immer mehr Besitz von ihm. Jack wir zunehmend manischer und aggressiver und schließlich zu einer tödlichen Gefahr für seine Familie - besonders für seinen fünfjährigen Sohn. Der Roman wurde 1980 von Stanley Kubrick verfilmt, mit Jack Nicholson, Shelley Duvall und Danny Lloyd in den Hauptrollen. Doch obgleich ich persönlich diesen Film nach wie vor für eine der besten King-Verfilmungen überhaupt halte, war der Autor selbst damit überhaupt nicht zufrieden, da Kubrick sich seiner Meinung nach zu wenig an die Romanvorlage hielt, und ließ diese daher 1997 noch einmal unter der Regie von Mick Garris als TV-Zweiteiler verfilmen. Viele Szenen der Neuverfilmung, vor allem die Außenaufnahmen, wurden tatsächlich im Stanley Hotel gedreht - die Qualität der neuen Version kam an Kubricks Werk jedoch nicht heran.

Das echte Zimmer 217 ist seit Errichtung des Hotels die beste Suite im Haus und das ganze Jahr über ausgebucht. Seit Veröffentlichung von The Shining zieht es Horrorfans aus aller Welt hierher, gruselige Geschichten inklusive - so behauptete ein Gast, dass mitten in er Nacht von einer unsichtbaren Person das Bett neu bezogen worden sei, während er darin lag. Ein älteres Ehepaar wollte eine Frau gesehen haben, die quer durchs Zimmer gerannt und dann im Abfluss der Badewanne verschwunden sein soll. Im Jahr 1994 übernachtete Jim Carrey im Rahmen der Dreharbeiten zu Dumm und Dümmer in dem Zimmer - eines Nachts stürmte er halb bekleidet hinunter zur Rezeption und verlangte sofort ein anderes Zimmer, doch wie King, so hat auch er nie verraten, was ihm in 217 widerfahren ist. Doch nicht nur in diesem Raum, auch in anderen Teilen des Hauses soll es spuken - besonders im historischen Ballsaal, wo Gäste und Küchenpersonal regelmäßig Musik, Gelächter und das Klirren von Gläsern gehört haben wollen, obwohl niemand mehr darin war. Ein anderer Geist soll ständig irgendwelche Wertgegenstände klauen, die allerdings Monate später im Hotel wieder auftauchen - und auf einem der Hotelkanäle läuft Shining in der Version von Kubrick in Endlosschleife.

Weiter südlich, genauer gesagt in San Diego im Süden Kaliforniens, liegt ein weiteres Luxushotel, das manchen von uns durch den einen oder anderen Film bekannt sein dürfte: Das Hotel del Coronado, eines der wenigen typischen Strandhotels im viktorianischen Stil, das in seiner ursprünglichen Form erhalten blieb, und außerdem das älteste und höchste Holzgebäude Kaliforniens. 1888 von James Reid erbaut, steht es unter Denkmalschutz und wurde 1977 als National Historic Landmark anerkannt. Zur Zeit seiner Fertigstellung war es das größte Urlaubshotel der Welt und das erste, welches bereits beim Bau mit elektrischem Licht ausgestattet wurde - die Installation soll sogar noch von Thomas Edison persönlich begutachtet worden sein. Neben zahlreichen US-Präsidenten von Benjamin Harrison bis Barack Obama war es auch gut besucht von Hollywood-Größen der Stummfilmzeit, darunter Charlie Chaplin, Rudolph Valentino und Tom Mix; außerdem wird behauptet, dass Edward VIII., damals noch Prince of Wales, sich hier zum ersten Mal mit Wallis Simpson getroffen haben soll. Außerdem wurden hier einige Filme gedreht - ich kenne es beispielsweise aus einem meiner Lieblingsfilme, Billy Wilders Komödienklassiker Some Like It Hot (dt. Manche mögen's heiß) von 1959 mit Tony Curtis, Jack Lemmon und Marilyn Monroe, auch wenn es dort Seminole Ritz heißt und sich in Miami befindet -, aber es war auch Schauplatz von Richard Rushs Action-Komödie The stunt Man (dt. Der lange Tod des Stuntman Cameron) mit Peter O'Toole und Steve Railsback und ist auch in einigen anderen Filmen zu sehen, etwa in Rod Daniels K-9 (dt. Mein Partner mit der kalten Schnauze) von 1989 mit James Belushi.

Der Grund, warum es auf dieser Liste gelandet ist, ist jedoch vor allem die rätselhafte Geschichte jener jungen Frau, die an einem Novembermorgen im Jahre 1892 tot auf der Treppe zum Strand gefunden wurde. Sie hatte eine Kugel im Kopf, aber keine Papiere bei sich, der Legende nach checkte sie an Thanksgiving allein und ohne Gepäck im Hotel ein - eine hübsche Mittzwanzigerin, welche sich als Lottie A. Bernard aus Detroit ausgab. In alten Zeitungsartikeln werden Gäste zitiert, welche behaupteten, sie sei verwirrt auf dem Gelände herumgeirrt, doch auch nach ihrem Tod tauchte keiner auf, der sie identifizieren konnte oder ihrer Beerdigung beiwohnte. Der Gerichtsmediziner diagnostizierte Suizid, die Polizei war auf der Suche nach ihrer wahren Identität. Heute glauben viele, es könnte sich bei ihr um Kate Morgan gehandelt haben, eine verheiratete 24jährige aus Iowa, welche zuletzt als Hausmädchen in Los Angeles gearbeitet hatte - auch wenn es Zweifel gibt, dass es sich bei der unbekannten Toten tatsächlich um diese Kate Morgan gehandelt haben soll. Aber natürlich war dadurch die Phantasie der Leute angeregt, und so werden bis heute wilde Geschichten um diesen Todesfall gesponnen - immerhin war es damals noch sehr ungewöhnlich, dass eine Frau allein verreist. Die Geliebte eines Seefahrers oder des Hotelmanagers soll sie gewesen sein; sie habe an einer unheilbaren Krankheit gelitten oder sei sogar schwanger gewesen; sie sei von ihrem Ehemann ermordet worden oder von der Frau ihres Geliebten. Geschichten gibt es genug - welche wahr ist, werden wir aber wohl nie erfahren.

Als wäre das nicht genug, wird jedoch heute noch behauptet, die Frau geistere in dem riesigen Hotelgebäude herum. Einige verlangen, in jenem Zimmer zu residieren, das sie damals bewohnte und das zu der Zeit die Nummer 304 trug - allerdings hat es jetzt eine andere Nummer, die geheim gehalten wird, damit nicht ständig irgendwelche Geistersucher dort herumgeistern (originelles Wortspiel, nicht wahr?). Doch auch an anderen Orten im Hotel soll es spuken - Leute berichten von Klopfgeräuschen, Stimmen, umfallenden Gegenständen, umherhuschenden Schatten. Manchmal sollen sich auch die schweren Kronleuchter bewegen oder das Licht flackern. Für viele dieser "Phänomene" scheint es jedoch eine langweilig logische Erklärung zu geben - das Hotel ist nämlich voll mit Geheimtüren und Geheimgängen, auch, um prominente Gäste und Würdenträger fernab neugieriger blicke in ihre Zimmer zu geleiten. Könnte das vielleicht - ganz abgesehen von den alten Stromleitungen - der Grund für die Geräusche und die flackernden Lichter sein?

Das letzte Hotel, von dem ich heute erzählen will, befindet sich in der Nähe der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Hier locken die spektakulären Tequendama-Wasserfälle Jahr für Jahr etliche Touristen an. In dieser Gegend kann man auch das Museum für Biodiversität und Kultur besichtigen, welches in einem riesigen, schlossähnlichen Komplex untergebracht ist. Das an einer steilen Klippe gelegene majestätische Gebäude mit seinen riesigen Fensterfronten, welche den Blick auf eine malerische Naturkulisse eröffnen, war jedoch nicht immer ein Museum - über sechzig Jahre lang war es eine der besten Hoteladressen in ganz Kolumbien.

Schon in den 1920er Jahren waren die Wasserfälle bei Touristen sehr beliebt gewesen, und so baute der kolumbianische Architekt Carlos Arturo Tapias 1923 direkt gegenüber sein Privatdomizil, das schon bald ein beliebter Treffpunkt der High Society wurde, welche hier hinter verschlossenen Türen ausschweifende Partys feierte. So kam Tapias 1928 auf die Idee, sein Zuhause in ein Luxushotel umzuwandeln, welches ein bombastischer Erfolg wurde, ein Symbol der Freude und Eleganz der Goldenen Zwanziger Jahre. Doch obwohl es über sechzig Jahre lang eine begehrte Adresse war, gab es bereits gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts immer wieder Gerüchte, dass der Ort, an dem das Hotel del Salto erbaut worden war, verhext sei - und Anfang der 1990er schloss es ziemlich überstürzt seine Pforten. Dies heizte natürlich die Gerüchteküche noch mehr an, und in einigen Zeitungen wurde behauptet, dass es in dem Hotel Gespenster gäbe, die die Touristen in die Flucht geschlagen hätten. Tatsächlich sollen sich hier etliche Menschen über die Klippen in den Tod gestürzt haben, inspiriert von einer indigenen Legende, der zufolge Ureinwohner auf der Flucht vor den spanischen Eroberern von den Felsen gesprungen seien, woraufhin sie sich in Adler verwandelt hätten. Dumme Aktionen scheint es also auch schon vor Beginn der Selfie-Kultur gegeben haben. Offizielle Statistiken über die Suizide gibt es jedoch nicht, aber dafür zahlreiche Geschichten und Legenden, deren Wahrheitsgehalt nicht immer ermittelbar ist - so glauben etliche Leute, dass auch heute die Geister der dort Verstorbenen diesen Ort immer noch heimsuchen.

Nachdem das Hotel geschlossen worden war, verfiel es immer mehr, wodurch es mehr und mehr dem Geisterhaus glich, das es angeblich sein sollte. Das spukhafte Aussehen des verfallenden Hauses lockte ebenfalls Touristen an, und so mancher wagte sich in das verlassene Gebäude und hinaus auf die Aussichtsplattform, um von dort aus den Wasserfall zu bewundern. Manche von ihnen behaupteten anschließend, Silhouetten gesehen oder unheimliche Stimmen gehört zu haben. Im Jahr 2011 jedoch beschloss das Kolumbianische Institut für Naturwissenschaften gemeinsam mit der Ecological Farm Foundation von Porvenir, aus dem Horror-Hotel ein Museum zu machen. Und so wurde das Gebäude renoviert und erstrahlt heute im neuen Glanz, auch wenn es ein wenig von seinem Schrecken bewahrt hat - denn die Straße, die zu dem Museum führt, ist berüchtigt für unberechenbare Erdrutsche, so dass davor gewarnt wird, sich nach Einbruch der Dunkelheit noch dort herumzutreiben.

Die Ursache der Schließung des Hotels ist allerdings wohl weitaus profaner und trauriger, als es die vielen Geistergeschichten vermuten lassen: Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Río Bogotá, der die Wasserfälle speist, mehr und mehr zu einem der verseuchtesten Flüsse der Welt - Industrie- und Haushaltsabfälle sowie Fäkalien aus der Hauptstadt und Umgebung landen bis heute ungefiltert in dem Gewässer, jährlich sind es mehr als 300 Millionen Tonnen. Der daraus resultierende Gestank ist wohl der wahre Grund dafür, dass die Leute nicht mehr im Casa del Salto wohnen wollten. Bis heute ist der Gestank des Wassers allerdings ein Problem, auf das im Internet immer wieder hingewiesen wird.

Das ist eine Auswahl jener Gruselhotels, die ich beim Recherchieren gefunden habe - die Liste ist aber noch länger, vielleicht kommt also noch ein zweiter Teil. Es tut mir Leid, dass ich im Moment nicht so aktiv bin - ich hatte in letzter Zeit, wie schon öfter gesagt, viel um die Ohren und gönne mir momentan eine kleine Verschnaufpause. Da ich aber viel Zeit mit Lesen und Mystery-Podcasts verbringe, habe ich schon wieder einige neue Ideen, die ich demnächst in meinen Blog einbringen könnte. Bis dahin danke ich euch für eure Aufmerksamkeit - bon voyage!

vousvoyez

Mittwoch, 1. März 2023

Die meisten Unfälle entstehen in Haushalten und die meisten Haushalte entstehen durch Unfälle

Foto von Maan Limburg auf Unsplash
Wobei es natürlich nicht ratsam ist, Menschen als "Unfall" zu bezeichnen - das sollte man spätestens nach einer alten Simpsons-Folge begriffen haben. Es ist aber generell eine Frage des Anstands - und Anstand scheint in der heutigen Zeit für viele ein Fremdwort geworden zu sein. Ich arbeite aktuell eigentlich an einem ganz anderen Artikel - aber mir brennt schon seit längerer Zeit etwas unter den Nägeln, das unbedingt einmal raus muss. Es kann sein, dass der eine oder andere wieder mal mit seinen verfaulten Blutorangen bereit steht, aber damit muss ich halt leben. Bevor ihr aber zum Wurf ausholt, lest euch diesen Artikel bitte bis zum Ende durch - und zwar mit Hirn, wie meine Biologielehrerin immer gesagt hat, als ich noch Schülerin war. Und ich möchte euch auch darum bitten, die Begriffe, mit denen ihr so gern um euch werft - white fragility, Happyland etc. - stecken zu lassen: Ich kenne sie alle, und ich kann sie inzwischen nicht mehr hören und lesen. Was schade ist, denn eigentlich liegt all dem eine sehr wichtige Botschaft zugrunde - nachzulesen in Tupoka Ogettes Exit Racism: Ich habe das Buch gelesen, ich finde es gut, ich kann es auch nur wärmstens weiterempfehlen, aber es ist eine Einladung, sich in andere hineinzufühlen und keine Aufforderung zur Selbstgeißelung.
Wir leben momentan in interessanten, ich würde sagen ungünstigen Zeiten: Seit einem Jahr tobt ein Krieg, der uns wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch schwächt; wir haben gerade eine Pandemie erlebt, die unser Leben stark beeinträchtigt hat; ständig werden uns leider gar nicht so unrealistische Horrorszenarien prophezeit, welche der menschengemachte Klimawandel verursachen könnte, wenn wir nicht endlich mal klimaschutztechnisch in die Gänge kommen; Fluchtbewegungen aus unterprivilegierten Teilen der Erde reißen nicht ab, und das Zusammenleben gestaltet sich nicht immer einfach; der Rechtsruck in den westlich-demokratischen Ländern setzt auch noch die stabilsten Demokratien unter Druck; die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, weil kapitalistische Staatssysteme lieber einen Großteil der Bevölkerung verarmen lassen, bevor sie aufhören, die Reichsten noch reicher zu machen; und als ob das nicht genug wäre, gibt es von innen und außen Leute, die mit Vergnügen und leider auch Erfolg am gesellschaftlichen Gefüge rütteln, um uns zu destabilisieren und zu entzweien und auf diese Weise Macht zu generieren. All das setzt natürlich jedem Einzelnen von uns zu, und viele von uns verfallen in eine Art stumpfe Lethargie, weil sie das alles überfordert - ich teilweise auch, obwohl individuelle Belastungen mir aktuell mehr zu schaffen machen als allgemeine Herausforderungen. Aber auch ich kenne das Gefühl, dass doch eh alles sinnlos ist - und muss mir selbst immer wieder sagen, dass auch Rom nicht an einem Tag erbaut wurde.

Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die noch den Willen haben, zu kämpfen - die an eine bessere Zukunft glauben und alles daransetzen, diese auch zu erreichen. Das sind die Menschen, die ich gerne auch unterstützen möchte. Das Problem ist - viele verrennen sich in ihrer Leidenschaft in Verhaltensmuster, die ebenso toxisch sind wie das, was sie bekämpfen sollen. Und leider trauen sich immer weniger Menschen, als Korrektiv zu wirken.

Erst mal zu mir: Ich bin 39 Jahre alt, weiblich, Cis (also nicht Trans), heterosexuell, ethnisch weiß, geboren, aufgewachsen und wohnhaft in Österreich, autochthon in dritter Generation - oder in zweiter, wenn man denn so will -, in durchaus privilegierten Verhältnissen aufgewachsen, wenn auch durch meine diversen psychischen Erkrankungen ein eher bescheidenes Leben führend. Ich habe mich, seit ich im Besitz eines politischen Bewusstseins bin, immer klar gegen rechts positioniert und glaube bis heute daran, dass die Abwertung von Menschen aufgrund bestimmter Identitätsmerkmale grundfalsch ist. Andererseits lebe ich auch gerne in einer Demokratie, selbst wenn ich mir bewusst bin, dass das nicht immer bequem ist - denn ein demokratisches Bewusstsein bedeutet, sich immer wieder aufs Neue mit seinen eigenen Werten und jenen der Gesellschaft, in der man lebt, auseinanderzusetzen. Es bedeutet, unterschiedliche Meinungen zuzulassen und Kompromisse zu schließen. Es bedeutet, auch mal zurückstecken zu müssen, dafür aber vom eigenen sozialen Gefüge zu profitieren. Es bedeutet Diversität - und Debattenkultur. Und leider ist Letzteres immer mehr ins Hintertreffen geraten.

Meine persönliche Geschichte hat, wie viele von euch wissen, auch eine ganz andere Seite - ich lebe seit nunmehr 15 Jahren in einer Beziehung mit einem Mann, der ganz andere Hintergründe hat als ich. Er ist das, was man heutzutage als BPoC bezeichnet - also Black and People of Color. Er ist in der Demokratischen Republik Kongo geboren, vom 3. bis zum 12. Lebensjahr in Angola, danach in Österreich aufgewachsen. Aus einem unbegleiteten minderjährigen Asylwerber mit kongolesischer Staatsbürgerschaft wurde im Jahr 2003 ein österreichischer Staatsbürger - mit allen Rechten und Pflichten, die dieser Status mit sich bringt. Aber unsere Gesellschaft ist bekanntlich in mancher Hinsicht ein bisschen zu langsam, um es vorsichtig auszudrücken - trotz seiner großen Loyalität einem Land gegenüber, das es ihm ermöglicht hat, ohne die tägliche Konfrontation mit Angst und Tod zu leben, wird er wohl nie im gleichen Maße als "Unsriger" angesehen werden wie ich. In unserem Privatleben ist die Hautfarbe nie Thema - die Welt da draußen ist aber deutlich anders gestrickt. Ich habe mich bereits als Teenager mit der Problematik von Rassismus auseinandergesetzt, mich immer dagegen positioniert, die Demütigungen ertragen, die damit einhergehen, mich laufend sensibilisiert und meinem Partner als Stütze gedient. Trotzdem muss ich mich heute von Menschen, die teilweise fast schon meine Kinder sein könnten, die an den Speckgürteln aufgewachsen sind und nie erlebt haben, was es heißt, von Diskriminierung betroffen zu sein, als Rassistin beschimpfen lassen, weil ich nicht bereit bin, jeden Unsinn aus der linken Bubble kritiklos abzusegnen.

Erst mal müssen wir feststellen, dass es kein Individuum und keine Gesellschaft ohne Vorurteile gibt - es geht nicht darum, über alles erhaben zu sein, sondern es geht darum, wie man den eigenen Vorurteilen begegnet. Was wir dringend ablegen müssen, ist der Glaube, dass bestimmte Menschengruppen über alle Fehler erhaben seien. Was ich aktuell beobachte, ist, dass Anti-Rassismus für viele zu so einer Art Religion geworden ist - wer mit weißer Hautfarbe geboren wurde, trägt so etwas wie eine "Erbsünde" mit sich und ist daher immer Täter. Wer nicht weiß ist, ist hingegen immer Opfer und darf auf keinen Fall auch nur irgendeiner Kritik ausgesetzt werden. Weiße, die mit dieser Sicht nicht einverstanden sind, sind immer böse Rassisten; PoC, die anders denken, haben den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft internalisiert, weshalb ihre Sicht der Dinge nicht zählt. Mit anderen Worten: Wer unsere Meinung nicht eins zu eins nachplappert, gehört zu den Bösen. Das ist nicht nur mangelnder Respekt gegenüber jenen mit abweichenden Ansichten - es ist mangelnder Respekt gegenüber der demokratischen Gesellschaft. Und leider wird das in den Medien schon seit Jahren so vorgelebt - man schreit sich gegenseitig nieder, lässt den anderen nicht ausreden und trägt so zu einer Verhärtung von Extrempositionen bei, während gemäßigtere Stimmen zunehmend mundtot gemacht werden. Das bemerkt man vor allem in Fernseh-Talkshows und auf Internetplattformen wie Twitter, wo die Debatten in der Tat nur noch kräftezehrend sind.

Das Problem dabei ist, dass wir dadurch genau das tun, was wir eigentlich hinter uns lassen wollen: nämlich die Bewertung anderer aufgrund ihrer Identität. Und genauso, wie unsereiner sich nicht ständig für sein Weißsein entschuldigen will - ein Umstand, über den wir bekanntermaßen auch keinen Einfluss hatten -, wollen sich auch nicht alle Angehörigen marginalisierter Gruppen ständig in die Opferrolle drängen lassen. Vor allem aber werden Debatten heutzutage oft sehr stark emotionalisiert - was das Problem mit sich bringt, dass die Gefühlsebene dadurch meist höher bewertet wird als die Sachebene. Häufig wird beispielsweise nur die Perspektive Betroffener als legitim dargestellt - ohne zu berücksichtigen, dass auch Betroffene keine homogene Gruppierung sind, was mit sich bringt, dass die Gefühle einzelner betroffener Personen sehr stark divergieren können. Anstatt dies jedoch anzuerkennen, neigen wir dazu, uns selbst Sprechverbote aufzuerlegen, aus Angst, dass wir die zarten Gefühle irgendeiner Person, die einer marginalisierten Gruppe angehört, ankratzen könnten. Anstatt diese Menschen also zu stärken, schwächen wir uns selbst - und stärken gleichzeitig die Gegenposition. Das ist deshalb so problematisch, weil wir damit dieser das Feld überlassen - woraus wiederum resultiert, dass Personen mit auch nur geringfügig abweichender Meinung sofort in die Gegenposition gedrängt werden. Du bist also der Meinung, dass wir nicht alle BPoC pauschal heilig sprechen sollten? Aha, du bist also ein Rassist! Du hast es gewagt, mit weißer Hautfarbe geboren zu werden, bist aber nicht bereit, dich deswegen selbst permanent unter Generalverdacht zu stellen? White fragility! Setz dich gefälligst mal mit deinem Weißsein auseinander, Nazi! Kommt euch das nicht auch ein wenig übertrieben vor?

Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass wir mit einem solchen Verhalten jeden Versuch einer vernünftigen Debatte torpedieren. Aus diesem Grund habe ich leider oft den Eindruck, dass Leute, die auf eine solch plumpe Art und Weise argumentieren, eigentlich gar nicht ernsthaft an Lösungen interessiert sind, sondern eigentlich nur Recht haben wollen. Denn dies zementiert die alten Vorurteile mehr, als dass es sie abbaut. Kein Mensch will ständig angegangen werden, kein Mensch will immer das Gefühl haben, dass er eh nur alles falsch machen kann. Ich habe schon öfter eine Frage in den Raum gestellt, die zugegebenermaßen etwas provokant rüberkommt, die ich hier jedoch noch einmal wiederholen möchte: Soll eine Person, die weiß aussieht, die aber ein Elternteil aus Sub-Sahara-Afrika hat (ja, sowas gibt's), in Zukunft eine Art Ahnenpass mit sich führen, wenn sie Dreadlocks tragen will, um nicht der kulturellen Aneignung bezichtigt zu werden? Ist das die Art von Anti-Rassismus, wie wir sie anstreben? Bisher hat diese Frage in den sozialen Netzwerken nur zu Lachsmileys geführt - auch die Tatsache, dass ich darauf nur selten eine vernünftige Antwort bekomme, lässt mich daran zweifeln, dass gewisse Leute, die sich Anti-Rassismus auf die Fahnen geschrieben haben, wirklich an Lösungen interessiert sind.

Die Sache ist folgende: Ich stehe schon seit einigen Jahren dafür ein, dass wir uns mit Kolonialismus und dem dadurch systemisch gewachsenen Rassismus genauso kritisch auseinandersetzen müssen, wie wir es bereits mit der Shoah tun. Ich habe bereits mit mehreren Personen debattiert, welche die Verbrechen der Kolonialzeit auf genau die gleiche Art und Weise verharmlosen oder gar leugnen, wie andere es mit dem Holocaust tun. Dazu ist es aber notwendig, uns mit schriftlichen Zeugnissen und Begrifflichkeiten kritisch auseinanderzusetzen - das funktioniert aber nicht, wenn wir das alles unter den Teppich kehren und so tun, als wäre es nie passiert. Wir müssen die Dinge im kritischen Kontext beim Namen nennen, um sie einordnen zu können. Und zum Thema Retraumatisierung kann ich nur sagen: Ich musste mich als Teenager im Geschichtsunterricht ebenfalls mit Ideologien auseinandersetzen, die mir als Frau praktisch das Menschsein abgesprochen haben - da hat auch keiner danach gefragt, ob meine Seele Schaden dadurch erleiden könnte. Trotzdem war es wichtig, diese Dinge aufzuarbeiten, um zu erkennen, wie man Diskriminierung wirksam entgegentreten kann. Die Welt ist nun mal kein safe space - und darauf sollte man so gut wie möglich vorbereitet sein. Und die einzige Möglichkeit, Diskriminierung entgegenzutreten, ist, miteinander ins Gespräch zu gehen - und zwar so ehrlich und respektvoll wie möglich. Und dieser Respekt muss von beiden Seiten ausgehen - weil vernünftige Debatten nur möglich sind, wenn sich keiner in die Ecke gedrängt fühlt. Das ist der Grund, warum ich mich weigere, bei diesen Identitätsspielchen mitzuspielen - weil wir dringend wieder lernen müssen, Widersprüche auszuhalten. Das einzige, was tatsächlich gegeben sein muss, ist Respekt - unabhängig von Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, sexueller Identität etc. pp. Und soweit ich sehe, bin ich nicht die einzige, die diese Position betritt.

vousvoyez

Dienstag, 21. Februar 2023

Geisterspiele sind wie Pornos im Radio

Foto von Adrian "Rosco" Stef auf Unsplash

Nun - die Zeiten von Lockdowns und Geisterspielen sind zum Glück vorbei, und so habe ich mir auch eine kleine Schreibpause gegönnt. Tatsächlich ist inzwischen so viel passiert, dass ich theoretisch haufenweise neue Artikel hätte schreiben können: Wer hat jetzt mit Böllern geschossen, Hans und Ingrid oder Mohammed und Ali? Ist man nach dem Abriss von Lützerath auf Gold gestoßen oder wagt es die junge Generation immer noch, eine Zukunft zu wollen? War Waldhäusls Ausrutscher gegen Jugendliche mit Migrationshintergrund vielleicht doch nur den vergessenen Tabletten geschuldet? Ist Dieter Bohlen einmal zu oft gegen Katja Krasavices Plastikbusen gelaufen? Darf man in der Nähe eines Museums noch Paradeissuppe oder Erdäpfelpüree essen? Und warum habe ich jetzt plötzlich Appetit auf Pannonische Paradeissuppe? All diese Fragen quälen uns jetzt seit nunmehr fast zwei Monaten, und ehrlich gesagt fehlt mir aktuell die Zeit und Lust, darauf einzugehen - es gibt andere, die das weitaus gründlicher aufgearbeitet haben als ich. Ein Thema gibt es jedoch, das ich trotzdem noch besprechen muss - passend zu meinem Artikel über Frauen vom Dezember letzten Jahres.

Wie für Frauen, so gibt es auch für Männer in den bereits erwähnten Teenie-Filmen meiner Jugend die üblichen Klischee-Figuren. Generell werden männlichen Charakteren zwar weitaus mehr Facetten zugestanden als weiblichen - sie werden aber Männern im realen Leben meist ebenso wenig gerecht wie die anderen den Frauen. Ich möchte mich hier aber vor allem auf zwei konzentrieren - nämlich auf der einen Seite den Checker und auf der anderen den Nice Guy. Der Checker sieht gut aus und ist sportlich - häufig ist er der Star irgendeiner Schulmannschaft, beispielsweise der Quarterback im Footballteam. Er ist sich seiner Attraktivität bewusst und gibt sich daher gern arrogant und selbstverliebt. Die Mädels reißen sich um ihn, obwohl er sie wie Dreck behandelt - meist umgibt er sich mit jenen gemeinen Tussis, die ich in meinem anderen Artikel schon erwähnt habe. Auf der anderen Seite ist da der nice guy, heute teilweise auch als Pick-me-Boy bezeichnet - und es ist kein Zufall, dass dieser Name an das bereits angesprochene Pick-me-Girl erinnert. Die beiden haben nämlich eines gemeinsam: Sie müssen bei jeder Gelegenheit herausstreichen, dass sie anders sind als die anderen. Denn der Nice Guy ist nett! Was? Moment ...

Irgendwie ist es auffällig, dass jemand gerade durch etwas ausgezeichnet wird, das eigentlich selbstverständlich sein sollte - und dass in den Filmen und Serien mit den Nice Guys nie in Frage gestellt wird, warum es einen Extra-Applaus verdienen soll, Frauen Anstand und Respekt entgegenzubringen. Dies suggeriert im Prinzip nur, dass es normal ist, scheiße zu Frauen zu sein - ja, dass sie es sogar wollen, schließlich landet der Nice Guy ja bevorzugt in der "Friendzone". Auf diese Weise wird gerne ausgeklammert, dass auch der Nice Guy eigentlich nur das eine will - denn er glaubt, ein Anrecht auf die Liebe einer Frau zu haben, indem er nett zu ihr ist, und wundert sich hinterher, dass man Liebe nicht erzwingen kann.

Das Problem ist, dass wir es gewöhnt sind, Pop- und Filmkultur ins echte Leben zu projizieren: Denn selbstverständlich teilt sich die männliche (hetero-normative) Weltbevölkerung keineswegs so plakativ in nette Kerle und Arschlöcher auf, wie uns diese suggeriert. Und so vergisst man gerne, dass Filme und Serien häufig gegen das verstoßen, was im echten Leben zu den Regeln des Anstands gehört - und so bekommt der Nice Guy am Ende der romantischen Komödie selbstverständlich doch seine Traumfrau, weil er von Anfang an der Richtige war und nicht aufgegeben hat. Und ja - natürlich muss man in Liebe auch Zeit und Mühe investieren, aber im echten Leben verliebt sich eine Frau nicht ganz plötzlich in den Typen, der ihr ständig hinterherläuft, obwohl sie ihm schon klargemacht hat, dass sie nichts von ihm will. Im Film mag das vielleicht romantisch sein - ich kann aber aus eigener Erfahrung sagen, dass das im echten Leben eher beängstigend ist. Hinzu kommt, dass dieses problematische Verhalten oft nicht ernst genommen wird, wenn die Person nicht dem Bild des üblichen Machos entspricht. Das bedeutet übrigens nicht, dass uns solche Filme und Serien nicht weiterhin gefallen dürfen - solange wir uns darüber im Klaren sind, dass sie nichts mit der Realität zu tun haben, ist alles gut.

Halten wir also fest - der Nice Guy ist in Wirklichkeit gar nicht so nice, wie er dargestellt wird. Wäre er das nämlich, dann würde er akzeptieren, dass Frauen autonome Wesen sind, die sich ihre Partner selbst aussuchen. Stattdessen hält er an einem antiquierten Frauenbild fest, laut dem wir alle zu dumm sind, um zu erkennen, was gut für uns ist - aber der Nice Guy, der weiß das, und deshalb muss er uns vor uns selbst schützen! Komisch nur, dass er, sobald er mit Zurückweisung konfrontiert wird, häufig zu genau dem Typ Mann wird, vor dem er die Frau doch so fürsorglich schützen will!

Aus dem Charakter des Nice Guy, der nie zum Zug kommt, obwohl er doch immer so nett ist, erwächst im echten Leben daher häufig etwas viel Gefährlicheres - wenn er nämlich nicht irgendwann auf die Idee kommt, sich selbst zu hinterfragen, ist er möglicherweise irgendwann einmal überzeugt davon, dass selbstverständlich nur die Frauen daran schuld sind, dass seine sexuellen Bedürfnisse nicht erfüllt werden, und dass sie daher schlecht behandelt werden müssen. Und leider wächst die Anzahl solcher enttäuschten Gestalten im Netz immer mehr. Ich habe mich ja schon vor Jahren mal so am Rande mit dem Thema Incels beschäftigt - heterosexuelle Männer mit einem sehr hegemonialen Geschlechterbild, die ihr Recht auf Sex für naturgegeben halten, sich aber gleichzeitig als Verlierer der heutigen Gesellschaft sehen. Ihrer Meinung nach ist der Feminismus schuld, dass sie keinen Sex bekommen, weil dieser die Frauen zu anspruchsvoll gemacht habe - deshalb hätten nur noch attraktive, erfolgreiche Männer eine Chance. Und so treffen sich die Zukurzgekommenen in Internet-Foren, um ihrem Hass und ihren Gewaltphantasien zu frönen und sich in ihr Selbstmitleid reinzusteigern. Häufig sind Männer aus der Szene auch anfällig für rechtsnationale Bewegungen, die bekanntlich ebenfalls ein sehr antiquiertes Männer- und Frauenbild vertreten. Interessant ist auch, dass die Herren, obwohl sie sich ständig über die Oberflächlichkeit der Frauen beschweren, selbst auch nicht besser sind: Sie wünschen sich junge, attraktive Frauen und zögern auch nicht, über das Äußere derer herzuziehen, die ihnen nicht passen.

Diese Form der Misogynie hat einen ganzen Berufszweig hervorgebracht - nämlich der des Coaches für Männer, ein Trend, der seit einigen Jahren um sich greift. Meist entschließen sich Influencer, die anfangen, irrelevant zu werden, irgendwann einmal dazu, "Coach" zu werden, um ihre Karriere zu retten und in Dubai auf dicke Hose machen zu können. Sie versprechen dir, mit einfachen Methoden sehr schnell sehr reich zu werden - die einzigen, die davon profitieren, sind jedoch in Wirklichkeit nur sie selbst. In dieser Welt sind Frauen lediglich ein Accessoire, das genauso käuflich ist wie der Ferrari. Und so finden auch Pick-up-Artists hier großen Anklang - Coaches, die Flirttipps zu ihrem Business gemacht haben. Sie definieren, wie eine Frau zu sein hat, nämlich jung, attraktiv und unterwürfig. Und so werden längst überholte, rein binäre Geschlechterrollen in die Gegenwart geholt - jene, in der "Männer noch Männer" sind, die bejubelt werden, wenn sie viele Sexualpartnerinnen hatten, während Frauen, die dasselbe tun, alle "Schlampen" sind; in dem nur das eigene Vergnügen zählt und alles erlaubt ist, um es zu bekommen. Mit so einem Frauenbild gehen übrigens auch häufig Klassismus und Homophobie einher - denn ein Mann ist selbst schuld, wenn er keinen finanziellen Erfolg hat und Homosexuelle sind keine "echten Männer" und eine Bedrohung für die Männlichkeit. Darüber hinaus hat der Mann ständig den Macho raushängen zu lassen, denn ansonsten wird die Frau ihn eines Tages verlassen, weil er ihr nicht mehr männlich genug ist - denn in Wirklichkeit will sie ständig mit Verboten und besitzergreifendem Verhalten kontrolliert werden. Dass sie sich herausnehmen dürften, eine eigene Meinung zu haben, haben ihnen ja nur die bösen Kampflesben eingeredet. Man sieht ja, was dabei herausgekommen ist: Gender-Gaga, alle Männer werden schwul und am Ende nehmen ihnen die Ausländer auch noch die Frauen weg! Und dabei müssten sie doch nur mal von einem richtigen Mann durchgenudelt werden - dann würden ihnen die Zicken rasch wieder vergehen!

Ihr seht schon - solche "Coaches" sind in Wirklichkeit nicht daran interessiert, echte Hilfe zu leisten für Männer, die vielleicht nicht so selbstbewusst und entschlossen sind und möglicherweise tatsächlich schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht haben. Es geht ihnen lediglich darum, sich selbst aufzuwerten, indem sie andere herabsetzen. Es kommt nicht von ungefähr, dass viele von ihnen vor allem sehr junge, unerfahrene Frauen in ihrem Beuteschema bevorzugen - denn die sind leichter zu manipulieren. Und so befolgen etliche enttäuschte junge Männer deren Tipps und wundern sich, dass sie damit keinen Erfolg haben.

Ein sehr prominentes Beispiel eines solchen "Coaches" ist der Fall Andrew Tate, der im letzten Jahr zum wohl meistgehassten Mann im Internet wurde. Der ehemalige Kickbox-Champion war allerdings schon länger als Provokateur bekannt: Im Jahr 2015 wurde er bereits zweimal wegen Verdachts auf Körperverletzung und Vergewaltigung festgenommen, aus unerfindlichen Gründen kam es jedoch nie zu einer Anzeige. Im Jahr darauf war er Kandidat im britischen Big Brother, wurde aber nach fünf Tagen hinausgeworfen, nachdem ein Video an die Öffentlichkeit geriet, in dem er eine Frau mit einem Gürtel verdrosch. Anschließend begann er eine steile Karriere als Influencer, der auf  YouTube, Twitch, Twitter, Instagram und Tik Tok Follower in Millionenhöhe generierte. Hier verbreitete er seine misogynen Ansichten, umgab sich mit Luxusartikeln und erzählte ständig, wie geil er nicht war. Außerdem äußerte er sich laufend homophob und rassistisch, erklärte Depressionen für "nicht real" und bewegte sich gern in rechtsextremen und verschwörungsideologischen Kreisen, auf deren alternativen Plattformen er seine Reichweite noch erhöhen konnte. An seiner Fangemeinde, die hauptsächlich aus jungen, abgehängten Männern bestand, verdiente er sich eine goldene Nase - und zwar mit Hilfe seiner sogenannten Hustlers University, einer Plattform, über die er kostenpflichtige Kurse anbot, die ihnen versprachen, so reich zu werden wie er.  Zusätzlich erhielten Teilnehmer Prämien für das Anwerben von Neukunden - das bekannte Schneeballsystem, welches letztendlich nur einem etwas nützte, nämlich Tate selbst.

Mit der Zeit wurde es Tate jedoch allmählich zu ungemütlich in Großbritannien - die verlangten doch tatsächlich von ihm, dass er sich wie alle anderen auch an Gesetze zu halten habe! Und so zog er 2017, im selben Jahr, als auch sein Twitter-Account gesperrt wurde, zusammen mit seinem Bruder Tristan nach Rumänien, wo die Strafverfolgung für Sexualdelikte weitaus weniger konsequent ist als in Großbritannien und den USA - mittlerweile ist bekannt, dass er den Großteil seines Vermögens aus Steuerflucht, Casinos, Betrug, Zuhälterei und Menschenhandel generierte. Im April letzten Jahres wurde Tristan Tates Villa wegen Verdachts auf Entführung und Gefangenhaltung durchsucht, im Laufe der nächsten Monate wurden die Ermittlungen gegen die Tate-Brüder durch den Verdacht auf Menschenhandel ausgeweitet. Andrew Tate indessen zeigte weder Angst noch Reue - nachdem Elon Musk Twitter gekauft und einige fragwürdige Accounts, darunter auch den von Tate, freigeschaltet habe, begann dieser, vor Greta Thunberg, die ihn offenbar ein besonderer Dorn im Auge war, mit seinen vielen umweltschädlichen Autos anzugeben. Nach einem gut gezielten Konter ihrerseits, der mittlerweile Legendenstatus erreicht hat, meldete er sich mit einem Video zurück, das ihn in holzvertäfelter Umgebung zeigte, eine Zigarre schmauchend und über die junge Schwedin herziehend. Gleich darauf werden ihm zwei Pizza-Schachteln aus garantiert nicht recyceltem Karton überreicht - auf dem nicht nur der Name, sondern auch der QR-Code der Pizzeria stand. Kurz darauf wurden Andrew und Tristan Tate festgenommen. Ob Gretas gut gezielter Tweet für die Inhaftierung der beiden gesorgt hat, kann man nicht wirklich bestätigen - die Tate-Brüder hielten sich bereits seit fünf Jahren in Rumänien auf, und man hätte sie mit Sicherheit schon längst aufspüren und verhaften können -, aber dieser Zufall ist doch bemerkenswert. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Tate seine moralische Verkommenheit nicht nur durch seine Taten bewiesen hat, sondern auch dadurch, dass er vor er Kamera damit angab. Das Problem dabei ist, dass er viele leichtgläubige Fans damit generierte, die sich möglicherweise davon beeinflussen lassen.

Warum aber kommt jemand wie Andrew Tate in einer Gesellschaft wie der unseren in so eine Position? Nun, selbstverständlich ist jeder, der so einem Typen nachrennt, selbst für sein Handeln verantwortlich, aber eines kommt in der Debatte immer zu kurz: Nämlich, dass in einer zunehmend feministischer werdenden Gesellschaft auch der Mann sich neu definieren muss. Ich entstamme einer Generation, in der geschlechtsspezifische Erziehung noch sehr stereotyp ablief: Während Mädchen lieb und nett sein mussten, brachte man Jungen bei, hart, durchsetzungsfähig und erfolgreich zu sein - und keine Gefühle zu zeigen. Sex wird als Attribut des Erfolges gewertet, Unsicherheit mit Hohn bestraft, das Annehmen von Hilfe als Schwäche ausgelegt. Wen wundert es also, dass die Suizidrate bei Männern höher ist als bei Frauen, ebenso wie die Suchtrate, dass diese aber trotzdem seltener psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Dass Frauen, denen sexuelle Gewalt widerfährt, eine gewisse Mitschuld geben will, ist nicht nur frauen-, sondern auch männerfeindlich - denn Männer werden so zu unkontrollierbaren Treibwesen degradiert, die sofort ausflippen, wenn sie eine Frau im kurzen Rock sehen. Männer, die Andrew Tate und Konsorten nachlaufen, verstehen nicht, dass ihr Verhalten fremdbestimmt ist - denn diese zementieren genau das Männerbild, das sie so unter Druck setzt.

Was häufig ausgeblendet wird, ist, dass durchaus auch Männer Opfer von psychischer und physischer Gewalt sein können - und selbst wenn dies weniger häufig passiert als bei Frauen, so ist es doch notwendig, darüber zu sprechen. Und zwar gerade deswegen, weil sie dies viel seltener äußern - denn als Mann hat man kein Opfer zu sein, und einem Mann, der so etwas behauptet, glaubt man nicht, vor allem, wenn die Täterin eine Frau ist. Auch Männer unterliegen einem ungesunden Schönheitsideal, das nur wenig mit der Realität zu tun hat, und auch sie scheinen in ständiger Konkurrenz untereinander zu stehen. Gerade deswegen dürfen wir Vorbilder von Andrew Tate nicht unterschätzen: Denn sie verteidigen ein patriarchal-kapitalistisches System, das für Männer und für Frauen gleichermaßen ungesund ist. Gerade deswegen dürfen wir nicht vergessen, dass gesellschaftlicher Wandel nur gemeinsam gelingen kann. Auch in diesem Artikel sind viele negative Worte über Männer gefallen. Wir dürfen aber nicht vergessen: Es sind bei weitem nicht alle Männer Tyrannen oder Perverse, und wir tun uns keinen Gefallen damit, wenn wir die Hälfte der Weltbevölkerung zu potenziellen Tätern machen. Mit diesen bedeutungsschwangeren Worten schließe ich meinen ersten Artikel im neuen Jahr und hoffe, dass wir uns bald wieder lesen. Bon voyage!

vousvoyez

Andrew Tate:

https://www.youtube.com/watch?v=msMwGhxhtY8&ab_channel=Prinz

https://www.youtube.com/watch?v=o5Hruh624oE&ab_channel=Prinz

https://www.youtube.com/watch?v=0nVRbgZnUPY&ab_channel=HeyWolfi

https://www.youtube.com/watch?v=CL24eARfGe4&ab_channel=JONAS

https://www.volksverpetzer.de/faktencheck/greta-thunberg-festnahme-andrew-tate/

Männer:

https://www.youtube.com/watch?v=gMVHnbGl99w&ab_channel=DerDunkleParabelritter

Nice Guy:

https://www.youtube.com/watch?v=icmEb8HsgC0&ab_channel=SPACEFROGS

https://www.youtube.com/watch?v=WZ4GfWwHp_w&ab_channel=BRUSTRAUS

Sonntag, 25. Dezember 2022

Wenn ich die Biotonne mit oe24 auskleide, ist der Müll beleidigt

Photo by Krisztian Matyas on Unsplash

Damals, als ich diesen Gedanken hatte, hatte es kurz zuvor in Wien einen Amoklauf gegeben - und die Berichterstattung der Fellner-Medien war unangemessen as fuck. Ich war nur froh, dass weder Freunden noch Familienmitgliedern, die dort leben, etwas passiert ist. Und ich sorge mich wirklich um die Zukunft - aber gerade deshalb muss ich mich und uns auch mal ein bisschen Spaß gönnen. Und da das Jahr ja fast zu Ende ist, schadet es nicht, auch einmal was Lustiges zu machen Und dafür habe ich genau das Richtige gefunden: das museum of failure.

Wir sind ja praktisch alle in der kunterbunten Konsumwelt aufgewachsen; jeder kennt Produkte, die es schon seit Ewigkeiten gibt und die immer gleich aussehen, ohne dass man wirklich darüber nachdenkt. Und dann gibt es wieder die, die ihr Aussehen im Laufe der Jahre verändern - und man ist ganz entzückt, wenn man mal wieder das Design aus der eigenen Kindheit oder gar der Ursprungszeit zu Gesicht bekommt. Dann gibt es solche, die irgendwann vom Markt genommen werden und die man vermisst - oder auch nicht. Denn auch der innovativste Hersteller kann einmal danebengreifen - und bringt etwas auf den Markt, das niemand haben will. Aber gerade aus diesem Grund ist die Geschichte der Flops eine eigene Serie wert. Denn wie wir sehen, ist schon die Liste der Flops bei Coca Cola und Pepsi ganz schön lang.

Der Softdrink-Gigant Coca Cola ist aus unserem Leben mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Als Kinder hielten wir Cola alle für das beste Getränk der Welt - obwohl oder gerade weil unsere Eltern es gar nicht gerne sahen, wenn wir dieses ungesunde, künstlich aromatisierte, zucker- und koffeinhaltige Kohlensäureerzeugnis zu uns nahmen. Wenn es etwa nach mir gegangen wäre - ich hätte den ganzen Tag nur Cola trinken können. Wahrscheinlich war ich aber auch nur deswegen so wild drauf, weil meine Eltern stets darauf achteten, dass ich nicht zu viel davon bekam. Heute trinke ich es nur noch selten - mit den zuckerfreien Varianten kann ich mich nach wie vor nicht anfreunden - selbst Coke Zero hat, wie ich finde, keineswegs diesen "echten Geschmack", der in den ersten Werbespots immer angepriesen worden war. Bevor ich mir das antue, trinke ich lieber gar kein Cola - zumal es viele Getränke gibt, die mir inzwischen besser schmecken und es darüber hinaus eh ungesund ist. Ganz abgesehen davon, dass Coca Cola, wie viele große Firmen, ohnehin viel zu viel Dreck am Stecken hat - aber das ist eine andere Geschichte. Ich verlinke euch unten ein paar Videos dazu.

Coca Cola wurde erstmals 1886 in Atlanta hergestellt und ursprünglich als Arzneimittel gegen Kopfschmerzen gläserweise verkauft. 1892 wurde die Coca Cola Company gegründet; das Unternehmen expandierte schnell und hatte sich bereits in den 1920er Jahren im Alltag der Amerikaner etabliert - gegen Ende des Jahrzehnts setzte es seinen Siegeszug in Europa fort und eroberte schließlich die Welt. Tatsächlich ist Coca-Cola bis heute in praktisch allen Gegenden der Welt das meistverkaufte Cola, auch wenn es natürlich inzwischen unzählige Varianten anderer Firmen gibt. Ernsthafte Konkurrenz gibt es jedoch nur mit einem Unternehmen, nämlich PepsiCo, Inc. Auch Pepsi-Cola, das 1893 in New Bern, North Carolina entwickelt wurde, wurde ursprünglich als Medizinprodukt verkauft - gegen Verdauungsstörungen. Anfangs noch wenig erfolgreich, etablierte es sich jedoch in den 1930er Jahren als Billigvariante von Coca-Cola. Ende der 1950er Jahre begann man, Pepsi mit bekannten Gesichtern als Werbeträger zu vermarkten - der erste Star, der für Pepsi warb, war die Hollywood-Schauspielerin Joan Crawford - und es als Getränk für die Jugend zu vermarkten: Die Werbekampagne "Pepsi Generation" war eine der erfolgreichsten aller Zeiten und wurde Jahrzehnte später noch von Ikonen wie Michael Jackson oder Britney Spears angepriesen.

Der sogenannte "Cola-Krieg", wie der offene Konkurrenzkampf zwischen Coca Cola und Pepsi gemeinhin genannt wird, begann in den 1970er Jahren, als werbewirksame Blindverkostungen den besseren Geschmack von Pepsi gegenüber Coke bestätigten. Natürlich wissen wir um die fehlende Seriosität von Umfragen und dergleichen, die zugunsten der Firma ausfallen, die diese in Auftrag gibt, aber das spielte in diesem Zusammenhang keine Rolle - es kam gut an und machte Coca Cola ernsthaft seine Vormachtstellung auf dem Softdrink-Markt streitig. Der Höhepunkt des "Cola-Krieges" aber manifestierte sich Mitte der 1980er Jahre, als Coca Cola den folgenschweren Fehler beging, seine Rezeptur zu ändern, die seit 99 Jahren gleich geblieben war.

Pepsi sprach nach wie vor gezielt die Jugend an, was sich auch in seinem Logo widerspiegelte, das sich, im Gegensatz zu dem immer gleichen Coca-Cola-Schriftzug, stets der jeweiligen Zeit anpasste. Um sein Image ebenfalls zu verjüngen, beschloss Coca Cola, seinem Getränk einen neuen, mehr an Pepsi angelehnten Geschmack zu verpassen - und so pries der damals noch sehr beliebte Bill Cosby ab dem 23. April 1985 in allen amerikanischen Fernsehsendern New Coke an, während die Produktion von Coca-Cola mit der alten Rezeptur eingestellt wurde. Und die Leute hassten es - mehr als 400.000 Beschwerdebriefe langten beim Firmensitz in Atlanta ein; Menschen gingen auf die Straße und schütteten das neue Cola demonstrativ in den Gully. Manche begannen sogar, Cola mit dem alten Geschmack zu hamstern, öffentliche New-Coke-Werbung wurde von Buhrufen begleitet - kurzum, es war ein Riesenskandal, den PepsiCo übrigens aufgriff, indem es sich in mehreren Werbespots darüber lustig machte. Die Vereinigung der Old Cola Drinkers of America verteilten Buttons und Poster gegen das neue Getränk und starteten eine Petition, in der sie den neuen Geschmack zurückforderten - notfalls auch mit rechtlichen Schritten. Coca Cola machte dem Drama ein Ende, indem es im Juli 1985 den alten Geschmack wieder einführte. Die neue Rezeptur wurde fortan unter dem Namen Coke II verkauft, während das alte Cola unter Coca Cola Classic lief. 2002 wurde Coke II dann vom Markt genommen, 2009 beim Original der Zusatz Classic wieder weggelassen. Alles, was heute noch an den Skandal von damals erinnert, ist der Hinweis The Original Taste auf Dosen und Flaschen. Im Jahr 2019 jedoch feierte Coke II ein vorübergehendes Comeback anlässlich der Netflix-Serie Stranger Things, die die Geschichte in einer Folge aufgriff - damals produzierte Coca Cola aus Jux 500.000 Dosen mit der Coke-II-Rezeptur. Was davon geblieben ist, ist die endgültige Etablierung des Kultstatus von Coca Cola - böse Zungen behaupten sogar, die Firma habe den Skandal selbst herbeigeführt.

Doch die Geschichte um Coke II war nicht der einzige Flop der Coca Cola Company, und selbstverständlich hat auch PepsiCo nicht nur Erfolge zu verzeichnen. So wurde 2006 ein Getränk namens Coca Cola BlāK eingeführt - ein Erfrischungsgetränk mit Kaffeegeschmack. Es war in den USA und Kanada, außerdem in einigen europäischen Ländern wie Frankreich, Tschechien, Polen, der Slowakei und Litauen erhältlich. In den USA und Kanada wurde es in Glas-, in Europa in Aluminiumflaschen verkauft - Zielgruppe sollten vor allem junge Erwachsene sein (immerhin war der Gilmore-Girls-Komplex damals schon weit verbreitet). Es hielt sich jedoch nur zwei Jahre auf dem Markt, denn die Kunden mochten es nicht. Während es in Frankreich und Kanada mit Rohrzucker gesüßt wurde, wurde in den USA nach kurzer Zeit eine Mischung aus Maissirup, Aspartam und Acesulfam-Kalium verwendet, weshalb der Geschmack hier noch schlechter bewertet wurde. Trotz des Misserfolgs jedoch gab Coca-Cola seine Versuche, ins Kaffeegeschäft einzusteigen, nicht auf - 2010 brachte der lateinamerikanische Coca-Cola-Abfüller Coca Cola FEMSA in Mexiko Kaffeeautomaten unter dem Namen "Blak" auf den Markt, und seit 2019 plant Coca Cola die Einführung weiterer Kaffeeprodukte ins Sortiment.

Aber auch Pepsi scheiterte bei dem Versuch, einen Muntermacher zu kreieren - allerdings schon 1989. Damals, vor dem Siegeszug von Starbucks und Coffee to go, war das Trinken von Kaffee oder Tee längst nicht so trendy wie heute - in manchen Teilen der Welt gehörte es einfach dazu, ohne deswegen gleich Trend zu sein, in anderen eben nicht. Und so gab es einige junge Erwachsene, die morgens statt den üblichen Heißgetränken lieber Cola tranken. An diese Zielgruppe richtete sich Pepsi mit der Entwicklung von Pepsi A.M., das schmeckte wie normales Pepsi, aber doppelt soviel Koffein enthielt. Ein Jahr später wurde es jedoch wieder eingestellt - der Markt für Frühstückslimonade war wohl doch nicht so groß. Vielleicht war aber auch das Marketing nicht gut genug. Manchmal klappt es eben nicht.

In Japan gab es Ende letzten Jahrzehnts einen merkwürdigen Trend - plötzlich kamen allerlei Getränke in Clear-Variante auf den Markt, das heißt, kalorienfrei und durchsichtig wie Wasser. Es gab Clear Drinks mit Kaffee-, Bier-, Tee-, oder Colageschmack, die vor allem auf dem Arbeitsplatz gern konsumiert wurden - wahrscheinlich, weil man gesundheitsbewusster wirkt, wenn man ein farbloses Getränk neben sich stehen hat, sich aber nicht jeder mit Wasser oder Mineralwasser ohne Geschmack anfreunden kann. Allerdings ist farbloses Cola keine Erfindung der Japaner.

Bei Clear Cola handelt es sich eigentlich um ganz normales Cola, jedoch ohne Zuckercouleur, jener Lebensmittelfarbe, welcher dem Getränk seine charakteristische braune Farbe verleiht. Die erste Clear-Cola-Variante wurde Ende der 1940er Jahre von Coca Cola hergestellt, und zwar für den sowjetischen Marschall Georgi Schukow. Dieser leitete damals die sowjetische Militäradministration im besetzten Deutschland und kam durch Dwight D. Eisenhower, zu dieser Zeit Oberkommandeur der Alliierten Streitkräfte, mit Coca Cola in Kontakt. Da US-Produkte in der Sowjetunion damals als Symbole des amerikanischen Imperialismus galten, wollte Schukow sich jedoch nicht von Stalin mit einem Cola in der Hand erwischen lassen, und bat den Konzern daher, speziell für ihn eine farblose Variante zu entwickeln, um das Getränk ein wenig mehr wie Wodka aussehen zu lassen. So wurden an den Marschall tatsächlich mindestens fünfzig Kisten farbloses Cola geschickt - mit weißem Flaschendeckel und einem roten Stern als Logo.

In den späten 1980ern bis in die frühen 2000er hinein waren durchsichtige Produkte sehr beliebt - dieser Trend wurde "Clear Craze" genannt. Er begann mit Limonaden und Kosmetika, deren Farblosigkeit Reinheit, also Zusatzstofffreiheit, suggerieren sollte, und setzte sich fort bei elektronischen Geräten, die in durchsichtigem Gehäuse erhältlich waren, so dass man das Innenleben sehen konnte. Wobei es Letztere bereits in den späten 1930er Jahren gab, nachdem das Plexiglas erfunden war - allerdings eher als Schauobjekte. Mitte der 1980er Jahre jedoch entwickelten mehrere Hersteller transparente Telefone, häufig mit blinkenden Neonlichtern, die das Klingeln des Telefons begleiteten. Kurz darauf wurden auch die Armbanduhren durchsichtig, so dass man auf der Rückseite das Uhrwerk sehen konnte - beliebt waren vor allem die der Marke Swatch: Ich hatte damals selbst so eine. Tatsächlich war damals nahezu alles in der durchsichtigen Variante erhältlich - farblos oder farbig, klar oder matt. Es gab durchsichtige Taschenrechner und Gameboys, Discmen und Kameras, Nintendos und PlayStations, Tamagotchis und Fernseher. Ich erinnere mich noch, dass auch die Kompaktkassetten plötzlich fast alle durchsichtig und farblos waren - und 1998 erregte der Apple iMac G3 mit seinem durchsichtigen Gehäuse, erhältlich in Blau, Grün, Rot, Orange und Violett, für Aufsehen. Ende der Nullerjahre jedoch verschwand dieser Trend, wie er gekommen war, und die meisten elektronischen Geräte waren nunmehr in eleganten Schwarz-, Weiß- und Grautönen erhältlich - was auch in der heutigen Zeit immer noch Standard ist, auch wenn Laptops und Smartphones gerne zusätzlich mit Stickers und bunten Hüllen aufgemotzt werden. Aber im Großen und Ganzen ist das goldene Gehäuse meines Smartphones schon fast eine Farbexplosion in der Masse der schwarzen, grauen und weißen Geräte, die sonst in meiner Wohnung zu finden sind. Da die Y2K-Nostalgie allerdings schon wieder im Kommen ist, ist auch ein Clear-Craze-Revival nicht ausgeschlossen.

Der Clear Craze machte selbstverständlich auch vor den Cola-Marken nicht halt - und so kam 1992 Crystal Pepsi auf den Markt. Ähnlich wie das weiße Cola handelte es sich hierbei um weitgehend normal schmeckendes Pepsi, trendkonform farblos und durchsichtig, aber koffeinfrei, welches vor allem gesundheitsbewusste Kunden ansprechen sollte - selbst wenn es nicht weniger Kalorien enthielt als die schwarzbraune Variante. Anfangs sprach das Produkt noch die Neugierde der Leute an, aber allmählich nutzte sich das ab, und sehr schnell schon blieb Crystal Pepsi in den Regalen stehen. Der Grund war, dass die Leute im Allgemeinen eher unsicher reagierten auf ein Getränk, das wie Mineralwasser aussieht, aber wie Cola schmeckt. Dies liegt daran, dass die visuellen und sensorischen Informationen nicht zueinander passen und daher für Irritation sorgen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum Experimente mit Lebensmittelfarbe in der Regel nicht so gut ankommen. 1993 brachte Coca Cola dann ein Konkurrenzprodukt heraus - eine durchsichtige Variante des Diät-Softdrinks Tab, welche das Kalorienbewusstsein des Clear Craze betonen sollte. 1994 wurden beide Produkte wieder vom Markt genommen - obwohl es von Crystal Pepsi immer mal wieder kurzzeitige Neuauflagen gab. Der große Renner wurde Clear Cola aber nie - zumindest in unseren Breiten.

Doch der Clear Craze war nicht der einzige Hype, auf den die Cola-Konzerne vergeblich aufsprangen. Erinnert ihr euch beispielsweise noch an den Stevia-Hype zu Beginn der 2010er Jahre? Damals war der Süßstoff aus dem Extrakt der ursprünglich aus Paraguay stammenden Stevia-Pflanze der Hoffnungsträger schlechthin für Leute, die gerne süß aßen bzw. tranken, aber mit Gewichtsproblemen zu kämpfen hatten oder es zumindest glaubten. Und nun sollte es einen Süßstoff geben, mit dem man ohne schlechtes Gewissen schlemmen konnte, ohne zuzunehmen und ohne auf die üblichen künstlichen Süßungsmittel zurückzugreifen und der dazu noch gesund war? Das klang zu schön, um wahr zu sein. Und, na ja, das war es auch. Denn der Geschmack war enttäuschend - ich habe mir damals Stevia-Pastillen gekauft, um damit meinen Kaffee zu süßen, und - was soll ich sagen - es schmeckte scheiße, und ich war bei weitem nicht die Einzige, die von diesem unangenehmen Beigeschmack gar nicht begeistert war. Trotzdem wurde Stevia in vielen Produkten gerne genutzt, um sich ein "gesünderes" Image zu verpassen - und dazu gehörte auch Coca-Cola. Denn damals hatte das Zeitalter des Greenwashings schon volle Fahrt aufgenommen - das goldene McDonald's-M erstrahlte jetzt vor grünem Hintergrund, und auch in den Supermarktregalen sprangen einem massenhaft grüne Verpackungen ins Auge, die einen anschrien: "Ich bin GRÜÜÜÜÜHÜÜÜN! Das heißt, ich bin TOTAL GESUUUUUHUUUND und UMWELTFREEEEEUNDLICH! Kauf mich, sonst bist du BÖSE und wirst FETT!" Und so brachte auch Coca Cola 2013 in Argentinien und Chile ein Produkt mit grünem Etikett auf den Markt - nämlich Coca Cola Life. Und das war, ihr könnt es euch schon denken, mit Stevia gesüßt - und ab 2014 auch in der EU zu haben.

Denn auch Coca Cola spekulierte darauf, sich mit dem neuen Süßungsmittel ein gesünderes Image zu verpassen und entwickelte ein Cola, das nur zur Hälfte mit Zucker und zur anderen Hälfte mit Stevia gesüßt war. Und natürlich wurde es in grünen Dosen und in PET-Flaschen mit grünem Etikett verkauft - denn wir wissen: Alles, was grün ist, ist voll total gesund und umweltfreundlich und so. Und alles, was pflanzlich ist, sowieso - weil da ist ja keine pöhse Kemie drin und so. Nun - jedenfalls bei Coca-Cola hat das nicht gereicht. Ich hab die Stevia-Variante nie angerührt, denn ich hatte ziemlich schnell genug - ich hab später noch ein paar andere Produkte wie Joghurt probiert, aber die waren kaum besser als der selbst gesüßte Kaffee. Und anscheinend waren die meisten Leute der gleichen Meinung - Coca Cola Life verkaufte sich schlecht und verschwand 2017 aus den Läden. Es braucht eben mehr als nur ein grünes Etikett, um zu überzeugen.

Aber nicht nur bei den Getränken selbst griff die Coca Cola Company bisweilen in ... den Misthaufen, haha! Lange vor SodaStream & Co. brachte Coca Cola nämlich zusammen mit der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte & Co. den BreakMate heraus - einen Sodabrunnen, etwa so groß wie eine Mikrowelle, der es auch außerhalb von Restaurants ermöglichen sollte, an Softdrinks zu kommen. Das Gerät enthielt drei Kunststoffbehälter mit Sirup (Cola, Cola Light und Sprite) sowie einen CO₂-Tank, außerdem einen Anschluss für die Wasserleitung, ersatzweise auch ein Reservoir zur Aufbewahrung von Wasser. Im Wesentlichen war er eine frühe Version jener Selbstbedienungs-Sodabrunnen, die heute in vielen Schnellrestaurants zu finden sind. Die Idee hinter dem BreakMate war, Büroangestellten neben Kaffee den ganzen Tag über auch Softdrinks anbieten zu können - bereits zur damaligen Zeit war der Pro-Kopf-Verbrauch von gesüßten Getränken in den USA höher als der von Leitungswasser. Neben der Kaffeemaschine sollte er so zu einem landesweit festen Bestandteil kleinerer Büros werden. Das ist jedoch nicht passiert - die Geräte waren sehr wartungsintensiv, das Mischverhältnis von Soda und Sirup war oft uneinheitlich, und es kam nicht selten vor, dass sich die Aromen vermischten. Und so waren die Kosten für den BreakMate am Ende höher als die Einnahmen; 2007 stellte Coca Cola die Lieferung von Ersatzteilen ein, 2010 wurden auch die Siruptanks vom Markt genommen.

Wie ihr also seht, sind auch die Größten vor Fehltritten nicht gefeit. Und ich möchte mich bei jenen Lesern, die mir ins Ohr schreien wollen, dass ich zu oft den falschen Artikel verwendet habe, entschuldigen: Jedes Mal, wenn ich versuchte, "die Cola" zu schreiben, begann mein Vater in meinem Gedächtnis zu schimpfen: "Wir sind hier in Österreich und hier sagt man 'DAS Cola'!" In manchen Dingen werden wir uns wohl nie einig. Ich wünsche euch noch ein fröhliches Rest-Weihnachten, und vielleicht lesen wir uns in diesem Jahr noch mal wieder, auch wenn ich nichts versprechen kann. Bon voyage!

vousvoyez

Sonntag, 11. Dezember 2022

Skifahren ist das Über-das-Wasser-Gehen des kleinen Mannes

Photo by Jazmin Quaynor on Unsplash
Kaum zu glauben, dass es erst zwei Jahre her ist, dass Peter Klien, Moderator von Gute Nacht Österreich, mit diesem Satz auf die Absurdität der Ausnahmeregelungen für den Wintersport mitten im zweiten Lockdown aufmerksam machte. Gerade mal ein halbes Jahr fast ohne Corona-Maßnahmen, und die damalige Zeit kommt einem bereits sehr unwirklich vor - auch wenn die Infektionszahlen aktuell wieder steigen und ich dort, wo sich direkter Kontakt zu Fremden nicht vermeiden lässt, momentan wieder Maske trage. Jaja, ich bin halt ein unverbesserliches Schlafschaf! Und das Skifahren ist in Österreich so heilig, dass kein Virus und kein Klimawandel seine Bewohner davon abhalten kann - nur das liebe Geld, denn Skifahren ist durch die gestiegenen Preise mittlerweile ein Sport für finanziell Bessergestellte geworden. Aber wir haben ja Gott sei Dank noch den Tourismus, nicht wahr?

Im österreichischen Fernsehen sind Skirennen im Winter nach wie vor so allgegenwärtig wie die omnipräsente Werbung. Als Kind war man begeistert von der kunterbunten Welt der Fernsehwerbung - wobei es bei den meisten von uns ja bekanntlich nur die beiden Programme des ORF zu sehen gab. Als ich zum ersten Mal bei Freunden Satellitenfernsehen sah und entdeckte, dass es im deutschen Privatfernsehen weitaus mehr Werbung gab, die auf Kinder zugeschnitten war - nicht nur Süßigkeiten und Zahnpasta, sondern auch Spielzeug! -, war ich hin und weg. Das wollte ich auch! Und bin im Nachhinein doch froh, dass ich das nicht hatte.

Wie wir ja wissen, spielt Werbung ja mit Emotionen und folgt daher meist einem gewissen Schema - am häufigsten werden da positive Gefühle angesprochen, beispielsweise jetzt zur Weihnachtszeit. In letzter Zeit jedoch fällt auf, dass Firmen vor allem mit Skandalen Aufmerksamkeit erregen. Der Grund dafür liegt wohl daran, dass der Medienkonsument heutzutage sich wohl immer mehr an Extreme gewöhnt hat - es scheint, als sei dies das sicherste Mittel, um die Leute lange genug bei der Stange zu halten. Zusätzlich vermindern Plattformen wie Tik Tok, die hauptsächlich auf Kurzvideos aufgebaut sind, immer mehr die Aufmerksamkeitsspanne. Und da man allmählich das Gefühl hat, schon alles gesehen zu haben, versucht man natürlich auch in der Werbung, mit Extremen zu arbeiten. Und so sind wir vermehrt mit Schockwerbung konfrontiert, die im Gegensatz zur üblichen Werbung irritiert und auf diese Weise die Aufmerksamkeit erhöht.

Nun kennen wir Schockwerbung schon lange aus dem nicht-kommerziellen Kontext - etwa, um auf Missstände aufmerksam zu machen, wie beispielsweise die radikalen Bilder in den Videos von Greenpeace oder jener Werbespot für die Paralympics 2012, wo die Ursachen für die Behinderung der Athleten offen gezeigt wurden. Bisweilen sind auch kommerzielle Werbespots, die auf Schockwirkung zielen, zumindest noch logisch nachvollziehbar - etwa die Werbung des Energy-Drinks K-Fee: Eine friedliche Landschaft und dann eine schreiende Zombie-Gestalt, die plötzlich in die Szene hineinspringt, gefolgt von dem Satz "So wach warst du noch nie". Der Spot musste nach kurzer Zeit wieder aus dem Programm genommen worden, da Zuschauer sich beklagten - aber ich muss zugeben, auch wenn er nach mehrmaligem Anschauen immer noch wirkt, finde ich ihn doch irgendwie witzig. Ein weniger spektakuläres Beispiel ist der Werbespot für die Zahncreme Parodontax, der mit einem blutigen Zahnpastaklecks und einem ausgefallenen Zahn beginnt.

Ein gewisses Risiko ist bei Schockwirkung aber natürlich auch dabei - so manche Firmen haben auf diese Weise ihrem Image mehr geschadet als genützt. Im Jahr 2017 gab es in den USA vermehrt Demonstrationen, etwa gegen den vor einem Jahr vereidigten Präsidenten Donald Trump, gegen die Waffenlobby oder auch gegen rassistische polizeiliche Übergriffe. Zur damaligen Zeit drehte Pepsi einen Werbespot mit Kendall Jenner - darin beendet das Model den Kampf zwischen Polizisten und Demonstrationen mit einer Dose Pepsi-Cola. Bei den Konsumenten kam das jedoch gar nicht gut an - ein privilegiertes weißes It-Girl, das politische Konflikte mit aromatisiertem Zuckerwasser löst, war in dieser Situation denkbar unangebracht. Auch die deutsche Smoothie-Marke True Fruits geriet in den letzten Jahren immer wieder in die Kritik, weil sie ihre Produkte mit sexistischen und rassistischen Sprüchen bewarb.

Aber Provokation in der Werbung ist uns bereits länger bekannt - so verband das Modeunternehmen Benetton Ende des 20. Jahrhunderts mit seinen von Oliviero Toscani gestalteten Plakaten gewinnorientierte Werbung mit Gesellschaftskritik. Die Fotos zeigten ölverschmierte Vögel, eine Nonne, die einen Pfarrer küsste, kopulierende Pferde, einen Hintern mit dem Stempel HIV-positiv, bunte Kondome, die blutigen Uniformen gefallener Soldaten, Porträts zum Tode Verurteilter oder den schwer anorektischen, nackten Körper der Französin Isabelle Caro - und die Menschen liefen Sturm dagegen. Damit hatte die Werbekampagne ihr Ziel erreicht - sie brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein. Allerdings blieb auch nicht jede Grenzüberschreitung folgenlos - so bewarb die Automarke Toyota ihr Modell Matrix mit Drohanrufen und angsteinflößenden E-Mails, was letztendlich zu einer Klage führte.

Inzwischen ist es schon normal geworden, dass alle paar Monate ein Aufreger herrscht - und entsprechend häufen sich die Provokationen auch in der Werbung. Erst kürzlich sorgte etwa die Unterwäschekette Intimissimi für einen Aufschrei, als Heidi Klum mit ihrer Tochter Leni in sexy Unterwäsche posierte. Tatsächlich wirken die Bilder, auf denen sich Mutter und Tochter gemeinsam in Spitzendessous und High Heels sexy vor der Kamera räkeln, ziemlich befremdlich. Im Frühjahr diesen Jahres sorgte die deutsche Supermarktkette Edeka mit einem unangenehm anachronistischen Werbevideo für Empörung - ein Vater kriegt weder de Haushalt noch die Versorgung der Tochter richtig hin, und am Ende bedankt sich diese bei ihrer Mutter dafür, dass sie nicht dieser unfähige Mann ist. Tatsächlich ist ein solcher Spot, wie ich finde, für beide Geschlechter beleidigend - aber der Clip sorgte für Aufmerksamkeit. Die stilistischen Fehlgriffe der Modekette Zara waren in einigen Fällen ebenfalls eine Provokation - 2007 musste man eine Handtasche aus dem Sortiment nehmen, die mit bunten Hakenkreuzen verziert war, 2014 sorgte ein T-Shirt mit der Aufschrift White is the New Black für Ärger, und im selben Jahr brachte Zara ein gestreiftes langärmliges Shirt für Kleinkinder auf den Markt, auf dessen Brust ein sechszackiger gelber Stern aufgenäht war. Laut des Unternehmens sollte dieser einen Sheriff-Stern darstellen - tatsächlich erinnerte das Shirt als Ganzes aber eher der Kleidung jüdischer KZ-Häftlinge.

Die meisten seltsamen Anwandlungen hat aber wohl die spanisch-französische Luxusmarke Balenciaga - und das gilt nicht nur für das meist hässliche Design, das manchmal eigenartige Kreationen hervorbringt, etwa Crocs mit hohen Absätzen oder eine 2.000 Euro teure Tasche, die wie die blauen Shopper von IKEA aussieht. Bekanntlich musst du heutzutage reich sein, um arm aussehen zu dürfen - und das scheint sich Balenciaga zum Programm gemacht zu haben: Im Frühsommer diesen Jahres verkaufte die Modekette Turnschuhe, die so zerfetzt und verdreckt waren, dass sie buchstäblich nur noch Müll waren, um 1.450 Euro - wobei sie nur auf den Fotos so dreckig waren. Doch nicht nur die Outfits, auch die Werbekampagnen sorgten immer wieder für Aufreger. So veranstaltete Balenciaga im März dieses Jahres, kurz nach Beginn des Einmarsches von Putins Truppen in die Ukraine, eine Runway-Show, in der, laut Aussage des Unternehmens, auf das Leid der ukrainischen Flüchtlinge aufmerksam gemacht werden sollte - Models stapften, in sündteure Luxusmode gewandet, mit ebenso teuren ledernen Müllsäcken in der Hand, unter einer Art Glassturz durch einen künstlichen Schneesturm, so dass sich die Frage stellt, ob dies wirklich auf Leid aufmerksam macht oder ob dieses eher ausgenutzt wird, um Werbung für seine Produkte zu machen. Letzten Oktober gab es eine ähnliche Runway-Show, in der die Models in einer düsteren, apokalyptischen Szene durch Schlamm wateten - einige von ihnen trugen Rucksäcke, die wie hässliche Teddybären im BDSM-Outfit aussahen; auch diese Szenerie ließ an Krieg und Flucht denken und an Kinder, denen nur noch ein Kuscheltier geblieben ist. Kontroversen gab es jedoch auch firmenintern - etwa in der hauseigenen Model-Agentur, in der Mädchen während eines Castings in ein dunkles, kaltes Treppenhaus gesperrt wurden, während die Veranstalter zum Mittagessen gingen, oder durch den Vorwurf, die Marke klaue Kunst von PoC.

Für den größten Skandal sorgte jedoch ihre jüngste Werbekampagne, die in Kooperation mit dem Fotografen Gabriele Galimberti entstand. Dieser hatte eine Fotoserie namens Toy Stories kreiert, die aus Bildern von Kindern aus aller Welt bestand, die von ihren Spielsachen umgeben sind. Balenciaga bediente sich dieser an sich schönen Idee und machte etwas unangenehm Skurriles daraus: Die Fotos der Marke zeigten ebenfalls Kinder, doch statt des Spielzeugs sind sie von Luxusgegenständen von Balenciaga umgeben, die weder den Bedürfnissen noch den Interessen eines Kindes gerecht werden würden - was vor allem durch die in mehreren Fotos zu findenden Schuhe deutlich wird, die alle Erwachsenengröße haben. Den eigentlichen Skandal löste jedoch der Umstand aus, dass auf jedem Foto diese BDSM-Teddybären zu sehen waren. Kurz darauf veröffentlichte Balenciaga in Kombination mit Adidas ein Foto einer der für sie typischen Hourglass-Taschen mit den charakteristischen drei Streifen, die auf einem Tisch liegt, der von einem Durcheinander an Papieren und Kunstbüchern bedeckt ist. Zu den Papieren gehören auch Gerichtsdokumente, die für einen weiteren Aufschrei sorgte. Und die Kombination aus diesen beiden Werbekampagnen rief alte Freunde von uns auf den Plan.

Diese behaupten nämlich, dass die Gerichtsdokumente Kopien des Prozesses Ashcroft v. Free Spech enthielten, laut dem der Verbot von Kinderpornographie ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit sei. Dazu passen der Bildband des belgischen Künstlers Michaël Borremans, dessen 2018 vorgestellte Bilderserie Fire from the Sun figurative Kleinkindergestalten darstellt, die an Putten erinnern, aber in einem Szenario, das an okkulte Rituale erinnert, sowie der von Matthew Barneys Ausstellung The Cremaster Cycle, die mich an Hieronymus Bosch, aber auch an Luis Buñuel und Salvador Dalí erinnert und die sich in verstörender Bildsprache mit biologischer und psychologischer Formwerdung von Körpern beschäftigt, nur allzu gut. Ich denke, einige von euch ahnen, worauf ich hinauswill - Ritualmordlegende, Satanic Panic, QAnon etc. pp. Nun, die Gerichtsdokumente konnten schnell recherchiert werden - es handelt sich um den Prozess United States vs. Williams, im Zuge dessen ein Gesetz erlassen wurde, welches dezidiert das Anbieten von Kinderpornographie als strafbar erklärt. Balenciaga behauptet, dass diese gerade auf diesem Foto zu sehen seien, sei nur Zufall - aber wie wir wissen, glauben gewisse Leute nicht an Zufälle. Die Initialzündung lieferte Fox-News-Kommentator Tucker Carlson, der gerne mal Verschwörungserzählungen und russische Propaganda nachplappert und der behauptete, Balenciaga würde offen für Kinderpornographie werben. Natürlich war das für QAnons und ähnlich Verstrahlte die Aufforderung, nach versteckten "Hinweisen" auf den Fotos zu suchen, die diese Behauptung stützen. Und was haben wir gelernt? Richtig - wenn man etwas finden will, dann findet man es auch. Und so entdeckte man unter den Luxusgegenständen ein aufgerolltes Absperrband, auf dem die Buchstaben B-A-A-L zu erkennen sind - Baal ist ein Dämon der frühchristlichen Mythologie, dem man Kinderopfer dargebracht haben soll. Aber da hörte das Spiel noch nicht auf - wenn man das Wort Balenciaga mit einem weiteren a versieht, kommt "Baalenciaga" heraus. Gibt man das Wort "Baal enci aga" dann in den Google-Übersetzer ein, soll angeblich der aus dem Lateinischen übersetzte Satz "Baal ist der König" herauskommen. Nun - wenn ich denselben Satz in Übersetzungsprogramm eingebe, erkennt dieses die Sprache Nord-Sotho, eine Bantu-Sprache im südlichen Botswana, aber es übersetzt nur das Wort "Baal" in "Flügel". Gebe ich nur "enci aga" ein, übersetzt das Programm aus dem Spanischen, und heraus kommt "einschalten". Irgendwas kann da also nicht stimmen - zumal die Marke von einem Mann namens Cristóbal Balenciaga gegründet worden war. Ist der jetzt auch Satanist gewesen? Auch entdeckte man unter den Luxusgegenständen mehrere weiße Hasenfiguren, die sofort an die Aufforderung "follow the white rabbit" denken lassen, laut Wahnwichteln eine Extraeinladung für Adrenochrome konsumierende Eliten.

Und so sind QAnon-Gläubige überzeugt davon, dass Balenciaga ein Modehaus des Deep State sei, und einmal mehr wird der irrationale Glaube an Kinderhändler-Ringe innerhalb der Elite gefestigt. Natürlich entschuldigte sich Balenciaga, wobei sie die Schuld gänzlich auf Galimberti abwälzten, um schwere Image-Schäden zu vermeiden. Die Karriere und das Lebenswerk des Fotografen, der inzwischen Morddrohungen bekommt, sind dadurch allerdings unwiederbringlich zerstört, und da Balenciaga seine Bekanntheit vor allem all jenen verdankt, die auf die Empörungswellen aufgesprungen sind, wird es wohl auch in Zukunft nicht auf Skandale verzichten. Allerdings haben sie sich mit der Löschung der Kampagne keinen Gefallen getan - für Verschwörungsgläubige ist das nämlich der ultimative Beweis, dass sie tatsächlich Werbung für Kinderpornographie sei, wodurch der Verschwörungsmythos erst recht explodierte - unter anderem durch Kanye West, der diese Erzählungen bereitwillig aufgriff.

Und so hat Balenciaga unabsichtlich einen Kampf provoziert, den es nicht gewinnen kann - einerseits sprechen sie aufstrebende junge Menschen von der Straße an, die sich ihr Zeug natürlich nicht leisten können, andererseits sagen sie dem von den Eliten zementierten Status Quo den Kampf an. Die Folgen ihrer Kampagne sind nicht mehr aufzuhalten: Prominente stellen Videos online, in denen sie ihre Balenciaga-Produkte verbrennen, und der offensichtlichste Kritikpunkt, nämlich Kinder in einen BDSM-Kontext zu setzen, um überflüssiges Gelumpe zu bewerben, wird stärker skandalisiert als eigentlich nötig. Auch das prominente Aushängeschild der Marke, Kim Kardashian, hat sich inzwischen zurückgezogen, und die Influencerin Cathy Hummels kassierte kürzlich einen Shitstorm, weil sie in Köln im Balenciaga-Outfit zu sehen war. Wie es also aussieht, ist es aktuell gar nicht mehr so cool, diese Marke zu tragen.

Wie ihr also seht, kann man es sich heutzutage extrem schnell mit der Öffentlichkeit verscherzen. Und deshalb ist provokante Werbung immer eine Gratwanderung - und wenn man seine Bekanntheit hauptsächlich darauf aufbaut, ist es im Prinzip nur eine Frage der Zeit, bis man sich mal die Finger verbrennt. Vor allem, wenn man auf Geschmacklosigkeiten setzt, wie Kinder für die eigene Agenda in einen unpassenden Kontext zu transferieren - und somit sehr starke Emotionen anspricht, die bei vielen oft ins Irrationale abdriftet. Wir haben vor ein paar Tagen gesehen, wie gefährlich Radikalisierung durch Verschwörungsmythen werden kann - und ich erinnere daran, dass aus ursprünglich spinnerten Ideen etwas werden kann, das eigentlich niemals wollte und wo man sich hinterher fragt, wie so etwas passieren hatte können, wie die jüngsten Ereignisse zeigen.

Wie dem auch sei, ich wünsche euch bis zum nächsten Mal eine schöne Zeit und passt gut auf euch auf! Bon voyage!

vousvoyez