Mittwoch, 16. Dezember 2020

Zum Hofer geht man nur einkaufen

(c) vousvoyez
Und dass wir bereits bei dieser Weisheit angekommen sind, zeigt, dass das Jahr 2020 zumindest schreibtechnisch eine äußerst produktive Zeit für mich war - klar, was soll man auch sonst tun, wenn man alle paar Wochen gezwungen ist, die Füße stillzuhalten. Die vorliegende Weisheit war eine der vielen, vielen Sätze, die mir im Zuge des Ibiza-Skandals vor gut anderthalb Jahren untergekommen sind. In diesen seligen Tagen gab es so viele großartige Sätze und Weisheiten, dass ich mit dem Mitschreiben gar nicht mehr hinterherkam. Der Titel dieses Artikels bezieht sich auf Norbert Hofer, Bundesparteiobmann der FPÖ, der bereits kurz nach Veröffentlichung des Videos als Nachfolger des in Ungnade gefallenen Heinz-Christian Strache gehandelt wurde - eine Überlegung, die eine Facebook- oder Twitter-Userin (so genau weiß ich es nicht mehr) zu der Bemerkung veranlasste, dass der Hofer lediglich zum Einkaufen da sei. Gemeint war hier natürlich die Supermarktkette Hofer, die Teil der deutschen Unternehmensgruppe Aldi Süd ist. Als Kind fand ich es übrigens tatsächlich irritierend, dass das Hofer-Logo eher einem A als einem H gleicht - bis ich mitbekam, dass Aldi dasselbe Logo hat. Übrigens gibt es den Hofer mit Aldi-Logo auch in Slowenien.

Nun, ich bleibe dabei, dass ich froh bin, dass wir die FPÖ-Kasperln los sind - auch wenn ich die Art und Weise, wie aktuell bei uns mit der Corona-Pandemie umgegangen wird, als hoch problematisch ansehe. Allerdings kann ich auch nichts anderes tun als einen kühlen Kopf zu bewahren und meine sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken - und mich mit den schönen Dingen des Lebens beschäftigen. Deshalb möchte ich heute meine Recherchen zu den Disney-Filmen fortsetzen.

The Many Adventures of Winnie The Pooh (dt. Die vielen Abenteuer von Winnie Puuh) von Wolfgang Reithermann und John Lounsbery erschien im Jahre 1977 und ist der letzte, an dem Walt Disney persönlich indirekt noch beteiligt war. Im Wesentlichen ist er eine Zusammenstellung dreier Kurzfilme, die früher im Kino erschienen waren - Winnie Pooh And The Honey Tree von 1966, Winnie Pooh And The Blustery Day von 1968 und Winnie Pooh And Tigger, Too! von 1974 - und basiert auf den Winnie-The-Pooh-Büchern des englischen Schriftstellers Alan Alexander Milne: Winnie-the-Pooh (Pu der Bär) aus dem Jahr 1926 und The House at Pooh Corner von 1928. Die Markenrechte wurden 1961 an die Walt Disney Company verkauft, die mit ihrer Adaption ein Frenchise aufbaute.

Die Winnie-the-Pooh-Geschichten sind alle von den Stofftieren von Milnes 1920 geborenem Sohn Christopher Robin inspiriert - der als einzige menschliche Figur ebenfalls in den Büchern vorkommt. Milnes Frau Daphne de Sélincourt hatte sich eigentlich eine Tochter gewünscht, und tatsächlich wurde Christopher Robin als kleines Kind auch häufig mädchenhaft gekleidet und frisiert. Milne selbst wiederum, schwer traumatisiert von seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg, hatte eigentlich gar keine Kinder gewollt. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte der Junge daher in der Obhut seiner Nanny, die Eltern bekam er kaum zu Gesicht. Wie viele Kinder, die an Einsamkeit gewöhnt sind, flüchtete sich Christopher Robin häufig in eine Phantasiewelt, in der vor allem seine Stofftiere eine Rolle spielten, allen voran ein bei Harrods erstandener Teddybär der Marke Alpha Farnell, den er zu seinem ersten Geburtstag bekommen hatte und der zunächst den Namen "Edward Bear" trug, später dann aber nach dem Vorbild der Schwarzbärin Winniepeg aus dem Londoner Zoo in "Winnie-the-Pooh" umbenannt wurde. Als Christopher Robin fünf Jahre alt war, kaufte sein Vater ein Landhaus bei Hartfield in Sussex; das nahe gelegene Naturschutzgebiet Ashdown Forest inspirierte den Jungen zum Hundert-Morgen-Wald, dem Wohnort von Pu dem Bären. Die Geschichten erregten die Aufmerksamkeit seines Vaters, der anfing, sie aufzuschreiben und als Buch zu veröffentlichen. Dieses machte den kleinen Christopher Robin über Nacht berühmt, was dessen Vater eine Heidenangst einjagte. Christopher Robin war anfangs noch erfreut über so viel Aufmerksamkeit - dies änderte sich jedoch, als er mit zehn Jahren in ein Jungeninternat geschickt wurde, wo seine Klassenkameraden ihn verspotteten und demütigten. Auch die Beziehung zu seinem Vater litt unter seinem Status als Kinderbuchfigur - später warf er ihm vor, seinen Wunsch nach Ruhm auf seinem Rücken ausgetragen zu haben. Nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Abschluss in Englischer Literatur auf dem College in Cambridge distanzierte er sich von seinen Eltern, heiratete und zog in den Südwesten Englands. Aber auch sein Vater verlor mehr als nur seinen Sohn: Nach dem Erfolg von Winnie-the-Pooh schaffte er es nicht mehr, mit anderen literarischen Formen von der Öffentlichkeit akzeptiert zu werden. Erst im fortgeschrittenen Alter schaffte es Christopher Robin, sich mit seiner Vergangenheit zu versöhnen.

Die Figur des Bären erschien erstmals 1924 in dem Gedicht Teddy Bear, in dem der Bär noch seinen alten Namen Edward trägt. Außerdem wurde durch das zweite Buch das Spiel "Pooh Sticks" populär - die Spieler werfen Stöcke von einer Brücke und beobachten, wessen Stock früher auf der anderen Seite der Brücke wieder herauskommt. Im Gegensatz zur Disney-Version gibt es in Pu baut ein Haus außerdem immer wieder Hinweise darauf, dass Christopher Robin älter wird - im letzten Kapitel verabschiedet er sich von den Bewohnern des Hundert-Morgen-Waldes, und sein Eintritt ins Internat wird angedeutet. Neben den beiden Romanen gibt es außerdem zwei Gedichtbände, die seit 1999 gemeinsam veröffentlicht werden. Ich persönlich lernte die Geschichte als Hörspiel kennen, das heutige Bild der Winnie-Pooh-Geschichte ist allerdings tatsächlich eher von der Disney-Adaption geprägt. Die originalen Stofftiere Christopher Robin Milnes sind in der New York Public Library ausgestellt. In den letzten ein, zwei Jahrzehnten ist Winnie-the-Pooh außerdem eine beliebte Projektionsfläche für Hobbypsychologen. Man behauptet nämlich, Christopher Robin habe mit den Figuren unterschiedliche Aspekte einer gestörten Persönlichkeit zum Ausdruck gebracht. Wahlweise behauptet man auch gern, jeder einzelne Charakter stehe für eine Droge, aber das ist wohl eher scherzhaft gemeint. Es gibt sogar schon einen eigenen Namen für das Phänomen der Ferndiagnose anhand des Vergleichs mit Winnie-Pooh-Charakteren: Die Pooh-Pathologie. Ich persönlich halte diese eher für problematisch, da sie ein kompliziertes Themenfeld vereinfacht und verniedlicht - und ernsthafte Erkrankungen verharmlost. 

Ebenfalls im Jahre 1977 erschien The Rescuers (dt.: Bernard und Bianca - Die Mäusepolizei) unter Wolfgang Reithermans Regie; 1990 folgte die Fortsetzung The Rescuers Down Under (dt.: Bernard und Bianca im Känguruland) unter der Regie von Hendel Butoy und Mike Gabriel. Der erste Bernard-und-Bianca-Film erhielt 1978 einen Oscar in der Kategorie "Bester Song" für Someone's Waiting For You und war vor allem im deutschsprachigen Raum einer der erfolgreichsten Disney-Kinofilme. Der zweite Film hingegen, obwohl technisch aufwändig gemacht, blieb an den Kinokassen weit unter den Erwartungen. Die Filme basieren auf der Miss-Bianca-Kinderbuchserie der englischen Schriftstellerin Margery Sharp, Geschichten über eine abenteuerlustige Mäusedame - speziell auf dem ersten Band The Rescurers (dt.: Miss Bianca und ihre Freunde) aus dem Jahr 1959, der sich in dem ersten Film wiederfindet. Der zweite übernimmt allerdings nur noch die beiden Hauptcharaktere aus den Büchern.

In beiden Filmen geht es um die Rettung eines Kindes durch die humorvolle, abenteuerlustige Bianca und den abergläubischen, aber in brenzligen Situationen zuverlässigen Bernard, der in Miss Bianca verliebt ist. Bianca ist ungarische Botschafterin der Rettungshilfsvereinigung, die im Keller der Vereinten Nationen in New York untergebracht ist und von dort aus gute Taten vollbringt; der schüchterne New Yorker Bernard arbeitet dort als Hausmeister. Im ersten Film werden sie beauftragt, das Waisenmädchen Penny zu retten, das von der habgierigen Madame Medusa in die Teufelssümpfe in Louisiana entführt worden ist und dort in einem auf Grund gelaufenen Raddampfer festgehalten wird, um in einer Piratenhöhle nach einem riesigen Diamanten zu suchen. Unterstützt werden sie dabei vom Albatros Orville sowie von den Sumpfbewohnern, die Madame Medusa ebenfalls loswerden wollen. Beim Lesen einer Filmkritik vor ein paar Jahren fiel mir auf, wie sehr sich die Zeiten und das Bewusstsein inzwischen geändert haben, denn darin wurde sich so sehr darüber aufgeregt, dass Libellchen, der "Motor" des Blattes, das als Boot für die Mäuse fungiert, mit Alkohol "gestärkt" wird, dass der Rest des Films daneben praktisch unterging. Am Ende des Films werden Bernard und Bianca ein Paar - und sind es im zweiten Film immer noch, wo es darum geht, Cody zu retten, der im australischen Outback von dem Wilderer Percival C. McLeach entführt worden ist, der von dem Jungen die Information über den Ort erpressen will, wo das goldgefiederte Adlerweibchen Marahute, mit dem Cody befreundet ist, ihre Eier versteckt hat. Dabei erhalten sie Hilfe von Wilbur, dem Bruder Orvilles aus dem ersten Film, sowie der Springmaus Jake, die unverhohlenes Interesse an Bianca zeigt und sicher nicht zufällig eine gewisse Ähnlichkeit mit Mick aus Crocodile Dundee hat. In beiden Filmen können die Kinder natürlich gerettet werden - und am Ende des zweiten Films hält Bernard um Biancas Hand an. Bernard und Bianca - Die Mäusepolizei wartet mit einer verfeinerten Kopiertechnik auf, die die Konturen weicher erscheinen lässt - ich persönlich finde ihn ein kleines bisschen besser als den zweiten Film, vor allem aber habe ich immer das Bild der sich abschminkenden Madame Medusa vor Augen, wenn ich künstliche Wimpern sehe. Außerdem wurden 1999 3,4 Millionen Exemplare der VHS-Version des Films zurückgerufen, weil sich in zwei Hintergrundbildern bei der Postproduktion das Bild einer nackten Frau eingeschlichen hat - was man allerdings nur erkennen kann, wenn man sehr, sehr, sehr aufmerksam ist und den Film in Zeitlupe abspielt. Trotzdem wird es bis heute häufig als Beispiel für die moralische Verkommenheit dieser in ihrer Gesamtheit vollkommen asexuellen Filme angeführt.

The Fox And The Hound (dt.: Cap und Capper) wurde im Jahr 1981 veröffentlicht; Regie führten Ted Berman, Richard Rich und Art Stevens. Er basiert auf dem Jugendroman Fuchsspur: Geschichte einer Feindschaft (dt.: The Fox And The Hound) des amerikanischen Autors Daniel P. Mannix aus dem Jahr 1967, der außerdem als Journalist, Fotograf, Filmemacher, Filmstatist, Bühnenmagier und Tiertrainer arbeitete - er reiste mit seiner Frau um die Welt und zog mit ihr exotische Tiere auf. Aus seinem Roman über die Feindschaft zwischen dem Fuchs Todd (dt. Cap) und dem Hund Copper (dt. Capper) wird im Disney-Film jedoch die Geschichte einer Freundschaft, die sich über äußere Bedingungen hinwegsetzt. Es ist ein eher konventionell gestalteter Film, von der Dynamik her ruhig und natuverbunden, der relativ unaufgeregt die wertvolle Botschaft eines verständnisvollen Miteinanders transportiert. In der Originalfassung werden die beiden erwachsenen Hauptcharaktere von Mickey Rooney und Kurt Russell gesprochen. In der deutschen Videoveröffentlichung von 1995 wurde der Name der Füchsin Vixie in Trixie umgeändert, da man fürchtete, dass es sonst unerwünschte Assoziationen gäbe (ihr dürft gerne raten, welche) - der eigentliche Name ist von vixen, dem englischen Wort für "Füchsin", abgeleitet. Todd ist übrigens das altenglische Wort für Fuchs - ich finde es ein wenig schade, dass die Namen in der deutschen Übersetzung geändert wurden.

Die Aussage der Romanvorlage ist komplett gegensätzlich zu der des Films - aus einem Buch, das einerseits die Entwicklung eines Fuchses und eines "Schweißhundes" (Bluthundes) dokumentiert, andererseits das Eingreifen des Menschen in den Kreislauf der Natur auf dramatische Art und Weise ins Bewusstsein ruft, wird bei Disney ein familienfreundlicher Tierfilm, der dazu ermutigt, die eigenen Grenzen in Frage zu stellen. In beiden Geschichten geht es um einen Fuchs, der von Menschen großgezogen wird und die Gefahr, die von ihnen und den Jagdhunden ausgeht, nie richtig begreifen lernt. Doch während der Werdegang von Todd und Copper im Buch relativ unabhängig voneinander erzählt wird, treffen sie im Film bereits als Jungtiere aufeinander und werden Freunde, nicht ahnend, dass Copper zur Jagd, unter anderem auch auf Füchse, ausgebildet werden soll. Wie im Roman, so wird auch im Film der alte Jagdhund Chief von einem Zug angefahren, doch während dies bei Disney der Punkt ist, in der die freundschaftlichen Gefühle Coppers in wütenden Hass umschlagen, lässt ihn das im Roman relativ unberührt; seine Feindschaft zu Todd rührt eher aus der Loyalität zu seinem Herrchen. Das Original endet offenbar dramatisch - wie, kann ich allerdings leider nicht sagen, da das Buch schwer zu bekommen ist und ich deshalb noch keine Möglichkeit hatte, es zur Gänze zu lesen.

Da über die Miss-Bianca-Bücher nicht viele Informationen zu finden waren (dass ich über Fuchsspur ein wenig genauer berichten konnte, war ein Glücksfall - ein anderer Blog, den ich unten verlinken werde), habe ich mir diesmal wieder drei Filme vorgenommen. Ich hoffe, ich kann damit dazu beitragen, euch die aktuell nicht einfache Zeit ein wenig zu verkürzen. Da uns noch ganze zwei Wochen bleiben, bis dieses schwierige Jahr endlich vorüber ist, bin ich zuversichtlich, dass wir uns noch einmal lesen. Bis dahin bon voyage!

vousvoyez


https://buchperlenblog.com/

Montag, 14. Dezember 2020

Verharmlosung ist kein Gabaliersdelikt

Eine Weisheit, die im Mai letzten Jahres sehr aktuell war - genauer gesagt am 1. Mai. Damals kam es zu einem Skandal, oder sagen wir besser Skandälchen, weil eine von der SPÖ gebuchte Band bei der Kundgebung in meiner Stadt entgegen der vorher getroffenen Vereinbarung ein Lied von Andreas Gabalier gespielt hat. SPÖ-Landrätin Doris Kampus ging daraufhin auf die Bühne und erinnerte an die Abmachung - Grund dafür war das antiquierte Frauenbild, das der Möchtegern-Lederhosen-Rebell propagiert und das nicht zu den Werten der Partei passt. Ein paar Tage später veröffentlichte Gabalier auf Facebook ein Video, in dem er von "Zensur" und "Faschismus" sprach - denn wie wir wissen, nagt der arme Mann ja am Hungertuch, weil keiner seine tolle Musik hören will. Ich oute mich mal wieder - ich bin auch Faschistin. Denn ich finde Gabaliers Musik einfach nur schrecklich und hätte sie auf einer von mir organisierten Party auch nicht geduldet. Versteht mich nicht falsch - ich bin mir durchaus bewusst, dass mir nicht jede Musik gefallen kann. Und selbstverständlich darf Gabalier fern meiner Gegenwart singen, was, wie und so viel er möchte. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir seine reaktionäre Haltung genauso wenig gefällt wie seine Musik. Und, dass er sich bei jeder Gelegenheit künstlich in die Opferrolle manövrieren muss. Zumal Musiker in faschistischen Regimes wohl weitaus mehr zu befürchten haben, als dass bei einer einzigen Veranstaltung ihre Musik nicht gespielt wird.

Nun, ich wage mal zu behaupten, dass dieser Vorfall lediglich Herrn Gabaliers Ego vorübergehend ganz leicht angekratzt hat. Nach wie vor hat er seine Fangemeinde, und nach wie vor darf er uns mit seinen wunderbaren musikalischen Ergüssen beglücken. Wie schon gesagt - wenn der Herr irgendwo singt, wo ich ihn nicht hören muss, ist mir das auch egal. Ich widme mich stattdessen lieber Musik, die mir mehr Freude macht - beispielsweise der von Pink Floyd.

Wie die Beatles, so waren auch Pink Floyd bekanntlich eine sehr erfolgreiche und auch innovative Rockband aus England - genauer gesagt aus Cambridge. (Übrigens haben sie eine Zeitlang tatsächlich in den Londoner Abbey-Road-Studios aufgenommen, in denen auch die Beatles an ihrer Musik gearbeitet haben.) Ihre Bandbreite reichte von Psychedelic bzw. Space Rock in der Frühphase bis hin zu Progressive- bzw. Artrock, ihre Texte setzten sich häufig kritisch mit sozialen und politischen Themen auseinander. Ihr wohl ehrgeizigstes Projekt war das 1979 veröffentlichte Konzeptalbum The Wall, das die Entfremdung eines Rockstars thematisiert und 1982 von Alan Parker mit Bob Geldof in der Hauptrolle verfilmt wurde. Das bekannteste Lied dieses Albums ist wohl der zweite Teil der Song-Trilogie Another Brick In The Wall, den wohl auch viele kennen, die mit Pink Floyd ansonsten nicht viel anfangen können. Und zu diesem Lied gibt es eine Geschichte, die ich euch heute gerne erzählen möchte.

An den Aufnahmen zu dem Album The Wall war unter anderem der aus Deutschland stammende Tontechniker Peter Fischer beteiligt - über den ich jedoch außerhalb jener Geschichte nichts gefunden habe. Dieser war eines Nachts alleine im Studio, um die Aufnahme fertigzustellen; am nächsten Morgen war er nicht mehr auffindbar, aber als die Band und andere Studio-Mitarbeiter sich die fertige Aufnahme anhörten, soll ihnen eine Veränderung in dem Text aufgefallen sein, der von dem Kinderchor gesungen wird - nämlich die deutschen Worte "hol ihn, hol ihn unters Dach". Einige Tage später wurde Peter Fischer gefunden - er hatte sich auf dem Dachboden des Studios erhängt. Später erfuhr man, dass er in einem Waisenhaus aufgewachsen war, in dem er des Öfteren schwer misshandelt und auf dem Dachboden eingesperrt worden war. Es gibt noch eine weitere Geschichte, in der behauptet wird, dass Fischer und ein anderer Techniker Mitglieder einer satanischen Sekte gewesen sein sollen, dass aber Fischer sich kurz vor der Arbeit an dem Album von dieser losgesagt hat. In einem Racheakt mischte der andere Tontechniker die Passage "hol ihn, hol ihn unters Dach" in das Album, woraufhin Fischer, sobald er den Befehl hörte, diesen automatisch ausführte und sich auf dem Dachboden erhängte. 

Wieder eine andere Geschichte erzählt, dass einer der Produzenten des Albums ein Deutscher namens Helmut Schlosser gewesen sein soll, der zuvor als Rektor in einem Jungeninternat gearbeitet hat. Angeblich lockte er damals häufig Jungen auf den Dachboden, um sie dort zu vergewaltigen, was unter den Schülern ein offenes Geheimnis war, aber man konnte ihm nie etwas nachweisen, und irgendwann wurde er dann als Musikproduzent erfolgreich. Als er nun an dem Album The Wall arbeitete, wurde er eines Tages erhängt auf dem Dachboden des Studios aufgefunden - die Platte war bereits fertig abgemischt, beinhaltete aber eine Passage, von der Pink Floyd sich nicht erinnern konnte, sie aufgenommen zu haben, nämlich den deutschen Satz "hol ihn, hol ihn unters Dach". Man vermutete, dass sich ehemalige Schüler auf diese Weise gerächt haben sollen.

Was mag dahinter stecken? Und welche dieser Geschichten ist wahr und welche nicht? Ist überhaupt irgendeine von ihnen wahr? Schauen wir uns das doch einmal genauer an:

Wie schon erwähnt, hat der Song Another Brick In The Wall eigentlich drei Teile. Diese stellen drei Lebensphasen von Pink, der zentralen Figur dieses Albums, dar. Der zweite Teil handelt vom Aufbegehren der Jugend gegen eine repressive, gefühlskalte Erwachsenenwelt; darin verarbeitet der Bassist Roger Waters seine Erfahrungen während seiner Schulzeit im England der 1950er Jahre, als man versuchte, den Willen der Schüler mit Gewalt zu brechen und sie so zu funktionierenden Mitgliedern der Gesellschaft zu machen - wie es auch in John Lennons Working Class Hero so eindringlich ausgedrückt wird: "They hurt you at home and they hit you at school, they hate you if you're clever and they despise the fool 'till you're so fucking crazy you can follow their rules." ("Sie verletzen dich zu Hause und sie schlagen dich in der Schule, sie hassen dich, wenn du intelligent bist, und sie verachten den Narren - bis du so scheißverrückt bist, dass du ihre Regeln befolgen kannst.") Im Wesentlichen besteht der Text von Another Brick In The Wall nur aus sechs sich wiederholenden Zeilen, die zuerst von der Band, dann von einem Kinderchor - genauer gesagt von Schülern der Londoner Islington Green School, die sich in der Nähe des Tonstudios befand - gesungen werden. Ich finde, dass vor allem die Filmsequenz einem auch ohne die Legende des erhängten Mitarbeiters schon eine Gänsehaut bescheren kann: In einer Schule, die eher an eine Fabrik erinnert, wird den Kindern jegliche Individualität genommen; sie marschieren in einen Tunnel, aus dem sie mit uniformen Masken wieder herauskommen, marschieren blind hintereinander her und betreten ein Förderband, das sie in den Trichter eines Fleischwolfs führt, wo sie zu einer gleichförmigen Masse aus Fleisch verarbeitet werden. Die anschließend stattfindende Revolution kippt jedoch vom Sinnhaften ins Sinnbefreite - die Message ist letztendlich, dass Bildung zwar notwendig ist, dass sie aber nur funktionieren kann, wenn sie die Individualität des zu Bildenden anerkennt, und dass das Aufbegehren gegen repressive Verhältnisse auch ins blind Zerstörerische umschlagen kann.

Das alles erklärt aber nicht, wie auf einmal der Satz "hol ihn hol ihn unters Dach" in die Aufnahme kommt. Nun, ich habe mir den Song noch einmal angehört - und tatsächlich konnte ich, nachdem ich die Geschichte das erste Mal gehört habe, statt "all in all it's just a[nother brick in the wall]" ("alles in allem ist es nur ein weiterer Stein in der Mauer") eben jenen deutschen Satz hören. Die Sache ist allerdings die: Ich habe ihn erst gehört, nachdem ich auf ihn gewartet habe. Und die Erklärung dafür ist simpel: Es gibt keinen deutschen Satz in diesem Text. Die Kinder singen unverkennbar Englisch in typischer Cockney-Manier, weshalb die Worte für ein auf die deutsche Sprache ausgerichtetes Gehör ein wenig undeutlich klingen. Überlegen wir nur: Wie soll ein Tontechniker in eine englische Aufnahme, gesungen von Kindern, die womöglich gar kein Deutsch können, auf einmal über Nacht einen deutschen Satz schmuggeln?

Die Erklärung ist wieder einmal langweilig einleuchtend: Was für das Sehen gilt, trifft auch auf das Hören zu - wenn man etwas hören will, dann hört man es auch. Ein paar von euch sind bestimmt schon auf jene YouTube-Videos gestoßen, in denen es um solche Songverhörer geht - da wird auf einmal aus "I've got the power" von SNAP! der deutsche Name "Agathe Bauer" oder aus "all the leafs are brown" in California Dreaming "Anneliese Braun", Eros Ramazotti singt "lauter Doofe, niemand gescheit", obwohl es eigentlich "Laura dov'è, mi manca sai" heißt, und das bekannte Lied des kamerunischen Pop-Duos Wes, das doch eigentlich in Duala gesungen wird, beginnt mit "Hol mal die Zange" - aber eigentlich singen sie natürlich "Sôh ndêri nsang hé". Anneliese scheint übrigens recht beliebt zu sein - denn das New-Age-Musikprojekt Enigma setzte ihr 1990 in dem Song Sadeness Part I mit dem Satz "Oh Anneliese, popel nicht" ebenfalls ein Denkmal - aber natürlich lautet der lateinische Text "cum angelis et pueris". In einem anderen Artikel habe ich, glaube ich, schon von einem Freund erzählt, der als Fünfjähriger immer "Austria fett" sang, worauf ich diese beiden Worte immer hörte, sobald im Autoradio jener Song von John Lennon zu hören war, wo es im Refrain heißt: "All we are saying [is give peace a chance]". Natürlich sind solche Verhörer besonders häufig, wenn man die gesungene Sprache nicht oder nur unzureichend beherrscht - das Ohr macht aus fremden Klängen schlicht und einfach vertraute. Verhörer können jedoch auch bei deutschen Songs vorkommen - ein bekanntes Beispiel ist etwa ein Satz aus dem Song Pflaster der deutschen Gruppe Ich & Ich, der da lauten soll: "Es tobt der Hamster vor meinem Fenster". In Wirklichkeit heißt es natürlich "es tobt der Hass da vor meinem Fenster". Upsi! Manchmal versteht man auch gar nichts - wie bei dem Song Freestyler von den Boomfunk MCs aus dem Jahr 1999, wo viele nur kryptische Worte verstehen, die nach "waka maka fon" klingen - obwohl es in Wirklichkeit ["Straight from the top of my dome, as I rock, rock, rock, rock,] rock the microphone" heißt. Der Schriftsteller und Journalist Axel Hacke hat solchen Verhörern sogar schon ganze drei Bücher gewidmet: Der weiße Neger Wumbaba ist ein Verhörer aus Matthias Claudius' Gedicht Abendlied: "[...und aus den Wiesen steiget] der weiße Nebel wunderbar." Überflüssig zu erwähnen, dass ich das Lachen herunterbeißen musste, als ich in einer Vorlesung ebendieses Gedicht laut vorlesen sollte.

Wie ihr seht, hab ich wieder einmal eine spannende, mysteriöse Geschichte ein bisschen zu logisch erklärt. Das tut mir leid - wird wieder vorkommen! Ich hoffe, ihr seid dann alle wieder mit dabei. Bis dahin bleibt schön brav - und vor allem gesund!

vousvoyez

Dienstag, 8. Dezember 2020

Wer behauptet, der Nationalsozialismus sei links gewesen, sucht wohl auch im Baumarkt nach Hammerhaien

Und derselbe glaubt natürlich auch, dass die Demokratische Republik Kongo demokratisch ist, dass die FPÖ irgendwas mit Freiheit zu tun hat und Zitronenfalter Zitronen falten. Mit anderen Worten: Es ist nicht überall das drin, was draufsteht. Und der Nationalsozialismus hat trotz des Wortes "Sozialismus" eine äußerst ausgrenzende, hierarchische Ideologie, und das ist nun mal das hervorstechende Gedankengut der extremen Rechten. Es sagt übrigens auch keiner, dass die Linke überhaupt gar nie Fehler gemacht hat oder macht - der Stalinismus und der Terrorismus der RAF sind da nur zwei Beispiele, die mir da so ganz spontan einfallen. Aber lasst uns doch bitte aufhören, ständig nach Ausreden zu suchen, um sich nicht mit der eigenen Gesinnung auseinandersetzen zu müssen!

Das gehört zu den Themen, über die zu schreiben ich schon lange, sehr lange nachsinne. Allerdings habe ich da, wie man so schön sagt, den roten Faden noch nicht gefunden - und irgendwas raushauen mag ich jetzt auch nicht. Aber es gibt ja auch genügend andere Themen, über die ich sprechen kann. Deswegen dachte ich mir, machen wir jetzt mal was total cresi Unkonventionelles und diesen Artikel mit einem äußerst aussagekräftigen Titel zu einem reinen Plauder-Werk. Wow, ich habe ja schon fast Angst vor meiner eigenen Verrücktheit, ihr nicht auch? Aus irgendeinem Grund muss ich gerade an die Serie Malcolm mittendrin denken, als Vater Hal seinen Söhnen lauthals verkündet, ihre Mutter habe eine ganz unglaublich verrückte Idee - und diese verrückte Idee besteht dann darin, Eiscreme "vom guten Porzellan" zu essen. Ist das nicht irre?

Nun, wie wir ja alle wissen, steht inzwischen Weihnachten vor der Tür - und was sich keiner von uns je gedacht hätte: Es wird kein Weihnachten, wie wir es bisher kannten. Der deutsche Ministerpräsident Armin Laschet nannte es gar das "härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgeneration je erlebt hat". Nun, das mag vielleicht auf diejenigen zutreffen, die Weihnachten auf der Intensivstation verbringen müssen - ja, für die ist es eine richtig harte Zeit. Aber was die Mehrheit der wohlstandsverwahrlosten Deutschen und auch Österreicher anbelangt, so frage ich mich langsam, was wir machen, wenn uns mal eine viel unmittelbarere Gefahr für Leib und Leben bedroht - stellt euch mal vor, ihr dürft nicht mehr "Christstollen" sagen, weil ihr sonst von Godzilla gefressen werdet! Schreit ihr dann auch "Zensur" und lasst euch dann freiwillig auffressen, um zu zeigen, dass ihr euch nicht in eurer Freiheit einschränken lassen wollt? Und denkt ihr jetzt, ich drehe nun endgültig am Rad? Nun, zumindest habe ich meine Hose noch nicht verkehrt an, und ich weiß, dass ich nicht Napoleon bin. Nur falls ihr fragt.

Ja, Weihnachten - jenes große Ereignis im Jahr, das einem Monat voller Gejammer und Gestöhne folgt. Denn wie wir wissen, ist die Adventszeit keineswegs so besinnlich, wie sie sein sollte - jeder ist gestresst, jeder will vor dem Jahreswechsel noch so viel wie möglich erledigt haben, jeder beteiligt sich an der großen Konsum-Orgie, zu der dieses Fest schon seit längerer Zeit degradiert wurde. Vor allem aber habe ich bis zum letzten Jahr ständig Leute gehört, die darüber gejammert haben, dass sie über Weihnachten so viele Verwandte sehen müssen, die sie eigentlich gar nicht sehen wollen und dass das Fest sicherlich ganz furchtbar wird, so wie in jedem Jahr. Viele haben mir sogar einigermaßen glaubhaft versichert, ihnen wäre es lieber, man würde Weihnachten gleich ganz ausfallen lassen - ist ja eh nur verlogen und braucht kein Mensch. Das Lustige daran ist aber, dass es in diesem Jahr plötzlich umgekehrt ist - auf einmal gibt man zu bedenken, dass es total wichtig sei, dass man den Weihnachtsabend mit möglichst vielen Verwandten verbringt und dass das möglicherweise die letzten Weihnachten von Oma und Opa seien, die müsse man unbedingt miteinander verbringen, weil man sonst wieder zu viele Ausreden hat, warum man die alten Zauseln nicht einfach mal an einem ganz normalen Tag im Altersheim besucht - und aktuell unter gewissen Hygiene-Auflagen, natürlich. Ganz ehrlich - wie viele von euch feiern Weihnachten unter normalen Umständen denn tatsächlich mit über zehn Personen? Im übrigen fürchte ich, dass uns die geplanten Lockerungen über die Feiertage im nächsten Jahr fürchterlich auf den Kopf fallen könnten - aber das ist eine andere Geschichte.

Ja, diese Adventszeit ist so ohne Krampuslauf und Glühweinstand auf jeden Fall um einiges anders als in all den Jahren davor. Aber zumindest das Fernsehen bemüht sich darum, uns nach wie vor mittels Filmen, Serien und Werbespots die heile Welt vorzuspielen. Nun - das ist nicht unbedingt was Neues, das war schon in all den Jahren zuvor schon. Der Unterschied ist aber wohl, dass es uns heuer ganz besonders auffällt. Ich denke, dass wir gerade in diesem Jahr daraufgekommen sind, wie sehr uns die Konsum- und Wohlstandsgesellschaft eigentlich "verzogen" hat. Unser gestörtes soziales Zusammenleben hat dazu geführt, dass viele sich in Ersatzdrogen wie Arbeit, Geld und Konsum geflüchtet haben - auf diese Weise haben wir uns eine Gesellschaft aus rücksichtslosen Egoisten geschaffen, die ihre eigenen, persönlichen Bedürfnisse für das Wichtigste auf der ganzen Welt halten. Von solchen Menschen Solidarität zu erwarten, ist leider utopisch, denn sie haben sie nie gelernt. Dass eine immer höhere Anzahl Einzelner aggressiver wird, ist nicht erst seit Corona so - wir sind eine gelangweilte, übersättigte Gesellschaft, die sich in ihrem übersteigerten Narzissmus suhlt, wenn sie einmal nicht kriegt, was sie will. Traurig aber wahr.

Und trotzdem gibt es Dinge, die in diesem Jahr genauso sind wie immer - beispielsweise die Weihnachtsfilme, die auch heuer nicht fehlen dürfen. Sobald ich mitbekommen, wie Deutsche sich über die Filme unterhalten, die man in diesem Jahr unbedingt wieder sehen muss, merke ich, dass ich in einem anderen Land lebe. Denn in Österreich gibt es vor allem zwei Filme, die in keinem Jahr fehlen dürfen: Single Bells und die Fortsetzung O Palmenbaum. Filme, wie sie österreichischer nicht sein können: tiefschwarzer, bitterböser Humor und das genaue Gegenteil von den üblichen Weihnachtsfilmen, in denen am Ende immer alles gut wird, selbst wenn es sich um ein Dickens-Märchen handelt (wobei Letztere ja auch immer gut ausgehen, oder hab ich da was übersehen?). Und so schauen sich unsere lieben Nachbarn in der Vorweihnachtszeit einen osteuropäischen Siebziger-Jahre-Märchenfilm namens Drei Haselnüsse für Aschenbrödel an, während wir uns einen Film zu Gemüte führen, in dem die Mutter eine Gans zubereitet, die sie vorher aus dem Biomüll gefischt hat, ein kleines Mädchen im Weihnachtszimmer auf den Boden kotzt, nachdem ihre Oma sie mit Eierlikör abgefüllt hat, ein Teenager seiner Mutter erläutert, dass auch der Weihnachtskarpfen ein Recht auf Leben hat und am Ende der verkrüppelte Christbaum in Flammen steht. Fröhliche Weihnachten!

Wobei natürlich sowohl in Österreich als auch in Deutschland die amerikanischen Weihnachtsfilme sich schon seit mindestens zwei Generationen größter Beliebtheit erfreuen. Ich erinnere da nur an Kevin - Allein zu Haus und Kevin - Allein in New York, zwei Filme, die den armen Macaulay Culkin als kleinen Jungen weltberühmt machten und uns sowohl bei unseren Nachbarn als auch in unserem eigenen Land viel zu viele Kevins bescherten. Woran ich mich aber noch aus meiner Kindheit erinnere, ist, dass diese Filme und Serien mich immer verwirrt haben - und zwar wegen des Weihnachtsmanns. Denn zu uns in Österreich kommt natürlich nicht der Weihnachtsmann, sondern das Christkind. Wobei die Kinder meiner Schwester, als sie noch kleiner waren, an beide geglaubt haben, da sie einen Teil ihrer Kindheit in Berlin verbracht haben. Der größte Unterschied zwischen Christkind und Weihnachtsmann ist natürlich: Wir alle wissen, wie der Weihnachtsmann aussieht, da er zur Weihnachtszeit in Werbespots, Filmen und Serien omnipräsent ist. Wie das Christkind aussieht, bleibt allerdings der individuellen Phantasie überlassen. Mich hat es verwirrt, als man mir im Kindergarten sagte, das Christkind sei eigentlich das Jesuskind - denn das Jesuskind ist doch ein Baby, und ein Baby kann keine Geschenke bringen! In meiner Vorstellung war das Christkind ein blondes, geschlechtsloses Kind von etwa zehn Jahren in einem weißen Nachthemd. Andere wiederum streiten sich gern darum, ob das Christkind ein Junge oder ein Mädchen ist. Heutzutage wird der Weihnachtsmann auch in Österreich immer beliebter, aber in der Regel sträuben sich vor allem die Eltern bis heute dagegen, ihren Kindern vom Weihnachtsmann als vom Christkind zu erzählen, was ich auch nachvollziehen kann - man gibt eben am liebsten weiter, was man aus der eigenen Kindheit kennt.

Ähnlich verhält es sich auch mit Krampus und Nikolaus - in Österreich aus irgendeinem Grund auch "Nikolo" genannt. Der Nikolaus ist so ziemlich im gesamten deutschsprachigen Raum zugegen, während der Krampus, soweit ich das mitbekommen habe, eher auf den Ostalpenraum beschränkt ist. Der Krampus gehört zu den vielen Relikten aus vorchristlicher Zeit, die inzwischen Eingang in unsere christlichen Rituale gefunden haben - wobei man bei uns in der Steiermark auch gerne "Kramperl" oder auch "Bartl" sagt. Wobei die traditionellen Krampusläufe in diesem Jahr natürlich weitgehend ausgefallen sind - ein Grund für so manche, zu argwöhnen, dass uns mit der aktuellen Pandemie in Wirklichkeit nur die Kultur gestohlen werden soll. Wobei ich dieses Jahr erfreulich wenig Gejammer um Klapperkläuse und Wintermärkte gehört habe - hoffen wir, das setzt sich im nächsten Jahr fort. Früher waren Krampusläufe für viele Mitwirkende die willkommene Gelegenheit, sich mit möglichst viel Alkoholischem zuzuschütten und hinterher harmlose Passanten zu verprügeln - ein "Brauch", der aus dem Salzkammergut übernommen wurde, der aber zum Glück schon seit Jahren verboten ist, denn ich muss zugeben, dass das auch für mich ein Grund war, am 5. Dezember die Innenstadt zu meiden. Der Krampus ähnelt in seinem Aussehen mehr oder weniger dem Teufel, weshalb ich als Kind immer geglaubt habe, die beiden seien identisch. Außerdem erinnert er auch an die sogenannten "Schiachperchten", die im alpenländischen Raum in den Raunächten laufen - und die im übrigen dafür verantwortlich sind, dass man bei uns eine hässliche Frau gern auch als "Perchtn" bezeichnet, obwohl es parallel zu den Schiach- auch die Schönperchten gibt, die im Gegensatz zu diesen bei Tag unterwegs sind. Soweit ich weiß, wird der Nikolaus im nord- und westdeutschen Raum von Knecht Ruprecht begleitet, ein Name, den in amerikanischen Filmen und Serien gerne einmal der Helfer des Weihnachtsmanns verpasst kriegt, was aber nicht korrekt ist - genauso wenig, wie es korrekt ist, den Weihnachtsmann als "Nikolaus" zu bezeichnen, weil die Figur eben eine gänzlich andere ist. Was mich betrifft - mir wurde oft gedroht, dass, wenn ich nicht brav sei, nicht nur der Nikolaus, sondern auch der Krampus zu mir käme, was aber  nie passiert ist. Unvergesslich ist mir aber der letzte Nikolausabend, den ich feierte - ich war damals etwa neun oder zehn und bei einer befreundeten Familie zu Gast, in der der jüngste Sohn, damals höchstens drei Jahre alt (und inzwischen selbst Vater), frech auftrumpfte und erklärte, dass er dem "Scheißer" von Krampus eine reinhauen würde. Als sein älterer Bruder zusammen mit einem Freund als Krampus verkleidet unten vorbeiging, war er allerdings nicht mehr so mutig.

Zu Weihnachten ist natürlich auch das Essen ein beliebtes Gesprächsthema - seien es die Weihnachtskekse, Christstollen oder auch, was es am Weihnachtsabend zu essen gibt. In meiner Familie gibt es zur Weihnachtszeit allerdings keinen Christstollen, sondern eine Nusspotize. Dabei handelt es sich um einen steirischen Hefekuchen, in Kärnten unter dem Namen "Reinling" bekannt, bei dem eine Füllung aus Hasel- oder Walnüssen in den Germteig gerollt wird. Daher kommt auch der Name - povitica oder potica ist slowenisch und heißt soviel wie "einwickeln" bzw. "einrollen". Unvergesslich Eingang in unsere Familiengeschichte fand die weihnachtliche Nusspotize durch meine Großmutter mütterlicherseits, die bei uns allen den Eindruck hinterließ, es gäbe auf der Welt nichts Schwierigeres, als eine Nusspotize zu backen. Schon im Frühling, wenn die Nussbäume blühten, stöhnte sie: "Wenn ich mir die anschaue, tut mir jetzt schon das Kreuz weh!" Im Sommer, wenn sich auf den Ästen langsam die Früchte bildeten, jammerte sie dann: "I seh scho, des wird a Nussjahr!" Und richtig wurden dann im Herbst die Nüsse gesammelt und gemahlen - auch wenn es bereits damals gemahlene Nüsse in jedem Supermarkt zu kaufen gab. Gegen Weihnachten fing Großmama dann an, sich zu beschweren, wie viele Leute wieder eine Nusspotize von ihr haben wollten - in Wirklichkeit wäre keiner beleidigt gewesen, wenn sie keine Nusspotize gebacken hätte, aber dann hätte sie ja einen Grund weniger gehabt, sich zu beklagen, und dann hätte sie uns auch nicht ermahnen können, nicht in der Küche herumzulaufen, weil sonst der Teig zusammenfällt. Meine Mutter erzählte mir, dass sie tatsächlich immer dachte, das Backen einer Nusspotize sei eine außergewöhnliche Herausforderung - bis Großmama das Rezept an meine Schwester weitergab und diese die Nusspotize auch für meine Mutter entmystifizierte.

Das traditionelle Weihnachtsessen besteht bei uns in der Steiermark meist aus einem Gänsebraten oder auch Karpfen. In vielen Regionen Deutschlands ist es anscheinend sehr verbreitet, Am Weihnachtsabend Würstchen mit Kartoffelsalat zu servieren, während in der Schweiz Raclette offenbar ganz oben auf der Liste der beliebten Weihnachtsessen steht. Was mich betrifft, so bin ich kein großer Fan von Karpfen, obwohl ich Fisch eigentlich liebe - aber ich finde, Karpfen schmeckt immer ein bisschen so, als würde man in den Grund vom Neusiedlersee hineinbeißen. Was Gans betrifft, so habe ich diese noch nie gegessen - nur Gänseleberpastete, und die brauche ich auch nicht unbedingt. Einmal hat meine Mutter am zweiten oder dritten Weihnachtsfeiertag Ente zubereitet, ich meine mich aber zu erinnern, dass ich davon auch nicht so begeistert war. Entenbrust aß ich früher gerne bei meinem Lieblingschinesen in der Innenstadt, den es allerdings schon lange nicht mehr gibt. Bei uns gab es am Weihnachtsabend immer ein Fondue, bestehend aus einer Fleischsuppe mit Stückchen aus Schweine-, Rind- und Hühnerfleisch, die manche von uns mit Champignons aufwerteten und die mit den selbst gemachten Mayonnaisen meines Vaters in vier verschiedenen Geschmacksrichtungen (normal, Ketchup, Knoblauch, Kräuter) verzehrt wurden, für die er allerdings kein spezielles Rezept hatte und die ich deswegen leider nie wieder essen werde. Vor dem Fondue gab es außerdem kalte Vorspeisen, etwa mit Räucherlachs, "falschem" Kaviar, Shrimps, Pasteten und allen möglichen anderen Sachen, die man unterm Jahr nicht oft bekommt. Heute feiern wir meist bei meiner Schwester, und da gibt es hauptsächlich kalte Platte - da die Vorbereitungen ohnehin stressig sind, muss man sich nicht mehr antun als unbedingt nötig, nicht wahr?

In meiner Kindheit durfte selbstverständlich der auch Weihnachtsbaum, hierzulande auch Christbaum genannt, nicht fehlen. Sobald ich alt genug war, um nicht mehr ans Christkind zu glauben, wies meine Mutter meinen Vater an, niemals ohne mich auf den Weihnachtsbaummarkt zu gehen - denn ihrer Aussage nach würde er sonst "irgendeinen Besen" kaufen. Bis ich sechzehn war, wohnten wir in einer Altbauwohnung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Decken, die über vier Meter hoch waren. Jedes Jahr sagte meine Mutter: "Diesmal kaufen wir aber keinen so hohen Baum", und jedes Jahr reichte er bis zur Decke. Das bedeutete, dass jeden Tag mein nicht sehr sportlicher Bruder auf einer langen Leiter herumturnen und unter der Decke, wo sich die Hitze staute, den Schmuck auf die höchsten Äste hängen musste. Sehr beliebt waren bei uns die Rum-Kokos-Kugeln, die jedes Jahr in andersfarbiges Seidenpapier gewickelt wurden und dem Baum sein charakteristisches Aussehen verliehen. Ich mochte sie allerdings weniger gern - meine Lieblingssüßigkeiten vom Baum waren immer die Schokoschirmchen der Firma Küfferle, wobei ich allerdings nicht die einzige war. Ein großer Nachteil bei einem so hohen Baum war allerdings, dass nach Weihnachten immer viel zu viele Zuckerl übrigblieben - die dann in einen Schirmständer gepackt wurden, und jedes Mal, wenn man etwas Süßes haben wollte, hieß es: "Iss erst einmal das weg, was wir zu Hause haben", - obwohl man das Zeug schon langsam nicht mehr sehen konnte.

Nun - wie ich in diesem Jahr Weihnachten feiern werde, kann ich noch nicht sagen. Um ehrlich zu sein, ist es mir auch nicht so wichtig. Alles, was ich weiß, ist, dass sich zu Silvester mit Sicherheit nicht allzu viel verändern wird. Denn in jungen Jahren war es für mich unvorstellbar, an diesem Tag nicht auf irgendeiner Party zu sein - aber so richtig Freude daran hatte ich nie, und seit Jahren bin ich froh, dass ich diesen Tag mit meinem Partner zu Hause verbringen kann, und das völlig ohne schlechtes Gewissen. Ich schätze mal, dass wir uns in diesem Jahr noch einmal sehen bzw. lesen werden, deswegen hebe ich mir eventuelle Weihnachts- und Neujahrswünsche mal vorsorglich für später auf. Sollte ich vor Jänner nicht mehr zum Schreiben kommen, haben wir halt Pech gehabt, nicht wahr? Hihihi! Zum Abschluss noch den Satz einer Freundin, der sich auf mein heutiges Foto bezieht: "I mecht wissen, wer des erfunden hat, dass trockene Orangen schön san!"

vousvoyez

Mittwoch, 2. Dezember 2020

Jeder Mensch hat das Recht auf seinen röhrenden Hirsch

(c) vousvoyez

Das spätromantische Motiv des röhrenden Hirsches ist heutzutage ja bekanntlich der Inbegriff von Kitsch und Spießigkeit - besonders, wenn es in gediegenem Rahmen ans Kopfende des Bettes gehängt wird. Da gehört es wohl auch hin, denn immerhin wird hier ja das Balzritual eines Tieres dargestellt - passenderweise auch ein recht patriarchales. Passionierte Maler röhrender Hirsche wie Christian KrönerGuido von Maffei und Moritz Müller malten diese am liebsten in Seitenansicht und mit einer Hauchfahne vor dem Maul. Etwa ab den 1960ern kam der röhrende Hirsch allerdings allmählich aus der Mode - und nachdem er bereits seit Jahrzehnten vielfach kopiert in den hintersten Winkeln der Antiquitätengeschäfte versauert, nimmt heutzutage keiner mehr sein Recht auf ihn in Anspruch. Ein Jammer! Wobei der arme Hirsch vor dem Zweiten Weltkrieg schon nicht so häufig hinters Bett gehängt wurde wie etwa der Elfenreigen oder Josef Untersbergers Christus am Ölberg. So kann's gehen!

Und nachdem ich euch jetzt unbeabsichtigt zweimal mit den intellektuell Benachteiligten unserer Gesellschaft gequält habe, möchte ich jetzt wieder mal auf Vergnüglicheres zurückkommen und meine Recherchen über Disney-Filme fortsetzen. Wobei ich mich heute zweien widmen will, die mich durch meine eigene Kindheit begleitet haben und sich um zwei mittelalterlichen Sagengestalten drehen, deren Legenden die europäische Literatur mitgeprägt haben. Zufällig führte bei beiden auch Wolfgang Reithermann Regie.

Der erste Film, mit dem ich mich heute befassen will, ist The Sword In The Stone (dt. Die Hexe und der Zauberer) aus dem Jahr 1963. Seine literarische Vorlage stammt von dem britischen Autor T. H. White und heißt The Once And Future King (dt. Der König auf Camelot) - die Disney-Version behandelt allerdings nur den ersten der insgesamt fünf Bände dieses Klassikers der Fantasy-Literatur. Die Romanreihe umfasst die Lebensgeschichte des englischen Sagenkönigs Arthur (auch Artus) genannt von der Kindheit bis zum Tod - wobei der erste Band seine Jugendjahre bis zu seiner Berufung zum König umfasst. Im Film ist Arthur ein zwölfjähriger Junge, der vom Ritter Sir Hector zusammen mit dessen leiblichem Sohn Kay großgezogen und abwertend "Floh" genannt wird. Er ahnt nichts von seinem Schicksal - ganz im Gegensatz zum Zauberer Merlin, der Jahrhunderte voraus in die Zukunft sehen kann und deshalb die Bestimmung des Buben bereits kennt. Er wird sein Mentor, was sich vor allem darin äußert, dass er ihn in verschiedene Tiere verwandelt, um ihn über die Geheimnisse und Tücken des Lebens aufgeklärt. In einen Vogel verwandelt, landet Floh auf der Flucht vor einem Habicht schließlich im haus der bösen Hexe Mim, die ihre Zauberkunst für wesentlich stärker hält als die Merlins, ihm allerdings im anschließenden Zauberturnier unterliegt. Floh wird schließlich Knappe seines Ziehbruders Kay, der in London an einem Turnier um die Krone von England teilnimmt. Dort entdeckt er das Schwert in dem Stein, von dem am Beginn des Films die Rede ist und von dem die Legende besagt, dass derjenige, der imstande ist, es aus dem Stein zu ziehen, der rechtmäßige König von England ist. Nichtsahnend zieht Floh das Schwert heraus, nachdem er das von Kay vergessen hat, und findet sich plötzlich auf den Königsthron wieder. Nachdem er sich der Aufgabe anfangs nicht gewachsen fühlt, überzeugt ihn Merlin schließlich, sie anzunehmen.

Über die Hintergründe der Geschichte wird im Film keine Auskunft gegeben: Der Sage nach ist Arthur der Sohn des alten Königs Uther Pendragon ist, der im ständigen Krieg gegen die Schotten, Iren und Sachsen sein Leben verlor. Um das Leben seines Sohnes, des rechtmäßigen Erben, zu retten, wird Arthur von Merlin selbst in die Obhut des Ritters Hector gegeben, und Merlin war es auch, der das Schwert Excalibur, dessen Name im Film ebenfalls nicht genannt wird, geschmiedet und in den Stein getrieben hat, aus dem es nur der wahre König Englands wieder herausziehen kann. Dass all das im Film ausgelassen wird, spielt jedoch keine Rolle, da man der Geschichte auch so ganz gut folgen kann - das gab mir Jahre später im Englischunterricht sogar die Motivation, noch mehr über diesen Sagenkreis zu erfahren. Im Vergleich zu den meisten Disney-Filmen war Die Hexe und der Zauberer nicht ganz so erfolgreich, ich finde online auch nur wenig gute Kritiken, allerdings denke ich persönlich, dass er in puncto Charakterentwicklung und Lernmöglichkeiten den kommerziell erfolgreicheren Filmen in nichts nachsteht. Vor allem von der Hexe Mim sind in meiner Familie so tolle Sprüche überliefert wie "Ich hasse die Sonne!" und "Hab ich was gesagt von keinen lila Drachen?" Die Hexe und der Zauberer war übrigens auch der letzte Kinofilm, der noch zu Disneys Lebzeiten veröffentlicht wurde.

Wie schon erwähnt, behandelt der Film die Artuslegende, die ab dem 12. Jahrhundert fester Bestandteil der höfischen Literatur war. Sie ist übrigens auch eng mit dem Sagenkreis um den Zauberer Merlin, den Heiligen Gral und die Wilde Jagd verbunden. Der historische Kern der Artuslegende wird in der Zeit der Völkerwanderung um 500 n. Chr. verortet - ein historischer König Artus/Arthur ist allerdings nicht belegt. Heute wird vermutet, dass die Geschichte sich aus mündlichen Überlieferungen entwickelt hat, die von Briten, die vor den Angelsachsen aufs europäische Festland geflüchtet waren, in die französische Bretagne gebracht wurde. Von dort aus verbreitete sich die Legende über die Normannen über fast ganz Europa bis hinauf nach Skandinavien. Ich selbst habe mich im Studium ebenfalls mit Versatzstücken der Artuslegende befasst, die Eingang in die mittelalterliche Literatur des deutschsprachigen Raums fanden - etwa mit dem mittelhochdeutschen Versroman Parzival des Dichters Wolfram von Eschenbach. Dazu muss man vor allem wissen, dass vor dem 18. Jahrhundert noch kein Verständnis des "geistigen Eigentums" existierte - Dichter hatten nicht die Aufgabe, eigene Geschichten zu erfinden, sondern, bereits bekannte Geschichten neu zu interpretieren, wobei es zum guten Ton gehörte, sich möglichst großzügig anderer Quellen zu bedienen. So sehr, dass viele von ihnen die Quellen sogar erfanden, um selbst erfundene Zugaben mit reinzuschmuggeln. Auf diese Weise wurden Legenden nicht nur tradiert, sondern im Laufe der Zeit auch ausgeschmückt, bis sie schließlich mit der Ursprungsgeschichte wenig bis gar nichts mehr zu tun hatten. Das gibt es heute zwar auch noch, wird aber wesentlich transparenter gehandhabt, als es damals der Fall war - was natürlich auch daran liegt, dass wir, im Gegensatz zu damals, eine durch und durch alphabetisierte Gesellschaft sind. So verfuhr man auch mit der Artuslegende, die, in spätantiker Zeit angesiedelt, größtenteils nach mittelalterlichen Wertmaßstäben des Christentums und Feudaladels erzählt wurde und auch keltische und orientalische Elemente in sich aufnahm; mit der Legende um den Heiligen Gral fanden auch Versatzstücke der christlichen Liturgie und des Reliquienkultes darin Eingang, und auch die vom anglo-normannischen Dichter Wace erstmals eingeführte Tafelrunde wurde fester Bestandteil der Geschichte.

Die erste schriftlich überlieferte vollständige Artusgeschichte befindet sich in der Historia Regnum Britanniae (Geschichte der Könige Britanniens) von Geoffrey of Monmouth aus der Zeit um 1135. Die Legende verbreitete sich zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert ausgehend von Frankreich, und spätestens in der Barockzeit schien sie zur Allgemeinbildung gesellschaftlich Bessergestellter zu gehören. Vor allem die spätmittelalterliche Hanse scheint eine Hochburg der Artus-Verehrung gewesen zu sein - im 15. Jahrhundert bauten Händler sogar einen Artushof in Danzig (heute Polen). Auch in Tirol sind noch zahlreiche mittelalterliche Wandmalereien mit Artus-Motiven erhalten, etwa in der Burg Runkelstein in der Nähe von Bozen, Südtirol. Andere Herrscher schmückten sich ebenfalls gerne mit den Mythen um König Arthur, um sich selbst populärer zu machen - so wurde von Richard Löwenherz behauptet, er sei im Besitz des Schwertes Excalibur gewesen.

Womit wir schon beim nächsten Film wären, über den ich heute sprechen will, und die Legende, auf die er sich bezieht. Es handelt sich um Robin Hood aus dem Jahr 1973, der über Jahre hinweg mein Lieblingsfilm war. Robin Hood ist bekanntermaßen ein englischer Volksheld, der zentraler Held vieler spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Balladenzyklen, dessen Geschichte natürlich auch schon oft verfilmt wurde - ich erinnere mich beispielsweise an den (aus heutiger Sicht ziemlich blöden) Film Robin Hood - König der Vagabunden von 1938 mit Erol Flynn in der Hauptrolle, der allerdings viele spätere Werke geprägt hat; an Kevin Reynolds' actionreiches Spektakel Robin Hood - König der Diebe von 1991 mit Kevin Costner in der Hauptrolle, den ich mir damals natürlich nicht anschauen durfte; und an Mel Brooks' alberne Parodie Robin Hood - Helden in Strumpfhosen, der unverkennbar an Reynolds' Film angelehnt ist. Außerdem möchte ich den Film Robin and the 7 Hoods (dt. Sieben gegen Chicago) nicht unerwähnt lassen, eine leider nicht sehr bekannte Gangster-Komödie aus dem Jahre 1964, in der die Robin-Hood-Geschichte durch Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis Jr. und Bing Crosby persifliert wird - in Erinnerung blieb mir vor allem jene Szene, in der ein Tanzlokal kurzerhand zu einer Kirche umfunktioniert wird und all die Schluckspechte auf einmal angesichts ihrer Alkoholsucht Abbitte leisten. Die erste Robin-Hood-Geschichte, die ich allerdings kannte, war eben jener Film von Disney.

Das Besondere an diesem Film ist, dass hier die Charaktere durch anthropomorphe Tiere dargestellt werden - Robin Hood und Maid Marian sind Füchse, Little John ist ein Bär, Bruder Tuck ein Dachs, Alan A'Dale ein Hahn, König Richard und Prinz John sind Löwen, der Sheriff von Nottingham ist ein Wolf und so weiter. Die Handlung ist im Wesentlichen gleich wie in den meisten anderen moderneren Nacherzählungen dieses Stoffes: Richard Löwenherz, König von England, befindet sich auf einem Kreuzzug im Heiligen Land, woraufhin sich sein Bruder John des Throns bemächtigt und die Bevölkerung unterjocht, um sich durch horrende Steuern selbst zu bereichern. Robin Hood und seine Gefolgsleute sind König Richard jedoch treu geblieben und lassen keine Gelegenheit aus, die Reichen zu berauben, um deren Vermögen an die Armen zu verteilen. Um diesen endlich zur Strecke zu bringen, provoziert Prinz John seinen Ehrgeiz, indem er ein Bogenturnier veranstaltet und als ersten Preis einen Kuss von Maid Marian in Aussicht stellt, für die Robin Hood immer schon eine Zuneigung hatte. So kommt Robin als Storch verkleidet zu dem Turnier und wird von Prinz John enttarnt, kann aber der Hinrichtung mit Hilfe seiner Freunde entkommen. In der Folge werden die Steuern so sehr erhöht, dass sich die arme Landbevölkerung kaum noch ernähren kann; wer die Steuer nicht entrichten kann, wird verhaftet. Erneut versucht Prinz John, seinen Widersacher zur Strecke zu bringen, indem er die Hinrichtung des ebenfalls inhaftierten Bruder Tuck plant, damit Robin Hood zu seiner Rettung eilt. Zusammen mit Little John befreit dieser ihn und die anderen Gefangenen und teilt die aus Prinz Johns Schlafkammer gestohlenen Geldsäcke unter ihnen, wobei er nur mit knapper Not den Schergen Prinz Johns entgeht. Am Ende kommt König Richard zurück, kommandiert seinen Bruder und dessen Anhänger zu Strafarbeiten im Steinbruch ab, und Robin Hood heiratet seine Maid Marian.

In dem Film werden einige Szenen aus älteren Werken - etwa aus dem Dschungelbuch und Aristocats - wiederverwertet, außerdem hat Little John sowohl im Englischen (Phil Harris) als auch im Deutschen (Edgar Ott) den gleichen Synchronsprecher wie Baloo der Bär. Ebenfalls erwähnenswert ist die akzentfreie Synchronstimme von Prinz John sowohl im englischen Original als auch in der deutschen Fassung, die von Peter Ustinov gesprochen wird, während Alan A'Dale im Englischen von dem Countrysänger Roger Miller, im Deutschen von dem Liedermacher Reinhard Mey gesprochen wird. Hervorzuheben ist vor allem der Humor, der von allen Altersklassen verstanden wird - trotzdem wird das Elend der Unterdrückten nicht ausgespart und auf kindgerechte Weise erklärt.

Wie auch bei König Arthur, so ist auch ein historischer Robin Hood nicht belegt - die Figur veränderte sich im Laufe der Zeit stark. Ursprünglich ein gefährlicher Wegelagerer einfacher Herkunft, der habgierige Geistliche und Adelige beraubt und sich dabei mittelalterlich-grausamer Praktiken bedient, entwickelte er sich im Laufe der Zeit zu einem enteigneten angelsächsischen Adeligen und in der Folge zu einem Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit - ein Motiv, das etwa im 16. und 17. Jahrhundert aufkam. Auch der Ort seines Wirkens variiert zwischen Sherwood Forest (Nottinghamshire) und Barnsdale Forest (South Yorkshire), ehe er auf Sherwood Forest festgelegt wurde. Der Name Robin Hood taucht erstmals in sechs verschiedenen Quellen aus dem 13. Jahrhundert auf - damals galt er in England allerdings als Synonym für "Gesetzesbrecher", weshalb man annimmt, dass die mündliche Überlieferung bereits damals schon über längere Zeit im Volk verbreitet war. In der schottischen Geschichtsschreibung finden sich auch Parallelen zwischen Robin Hood und dem schottischen Freiheitskämpfer William Wallace. Der erste, der die Geschichte von Robin Hood in die Zeit der Gefangenschaft des englischen Königs Richard Löwenherz durch Heinrich VI. 1192 - 1194 verlegte, war der schottische Renaissance-Schriftsteller, Theologe und Philosoph John Major, der auch das heute vorherrschende positive Bild des human agierenden Räuberhauptmanns prägte, dessen Gesetzesbrüche einzig dem Wohl der Bedürftigen dienten. Im Großen und Ganzen tauchen viele Eigenschaften, die den populären Robin Hood bis heute prägen, jedoch schon in den spätmittelalterlichen Balladen auf: Er lebt mit seinen Gefährten als Geächteter im Wald, widersetzt sich dem repressiven Jagdverbot in den königlichen Forsten, ist der Feind der als korrupt beschriebenen weltlichen und geistlichen Oberschicht, aus der seine bevorzugten Opfer stammen, ein ausgezeichneter Kämpfer und Bogenschütze, der als tollkühn, listig und lebensfroh, aber auch als fromm beschrieben. Einfache Leute behandelt er stets freundlich, auch wenn in den frühen Werken von der Verteilung der Beute an die arme Bevölkerung noch nicht die Rede ist.

Das Bild Robin Hoods als Sozialrevolutionär prägten vor allem die erstmals 1425 in Exeter bezeugten Robin-Hood-Spiele, die bis in die frühe Neuzeit Bestandteil des englischen Maifestes waren, in deren Rahmen vielerorts von als Robin Hood und seine Gefährten verkleidete Schauspieler Wohltätigkeitssammlungen durchführten. Zu diesen Spielen gehörte auch eine Art volkstümliches Tanztheater, bei dem etwa der Charakter der Maid Marian eingeführt wurde, wohl nach dem Vorbild der französischen Hirtenromanze Jeu de Robin et Marion von Adam de la Halle aus dem Jahre 1283. In der elisabethanischen Ära wird Robin Hood in den Dramen The Downfall and Death of Robert, Earl of Huntington (1601) von Anthony Munday und Henry Chettle zu dem im Titel genannten Grafen, während Marian mit Matilda, der Tochter des anglonormannischen Adligen Robert Fitzwalter, gleichgesetzt wird. Ende des 18. Jahrhunderts verfasste der Antiquar Joseph Ritson eine Anthologie der ihm bekannten Balladen, die vor allem Walter Scotts Roman Ivanhoe von 1819 nachhaltig beeinflusste, in dem Robin Hood zwar nur eine Nebenrolle einnimmt, mit dem aber ein Bild von ihm geschaffen wird, an dem sich viele spätere Autoren bis heute orientieren.

Wie ihr augenscheinlich mitbekommen habt, liegen mir diese beiden Filme sehr am Herzen - vor allem aber bieten sie viel Stoff zum Aufarbeiten, so dass ich tatsächlich wieder mal Mühe hatte, mich so kurz wie möglich zu fassen. Natürlich gibt es auch weiterhin noch Stoff für Fortsetzungen, ich werde auch sicherlich noch genügend andere literarische und filmische Quellen aus meiner Kindheit finden, denen ich mich zu gegebener Zeit widmen kann. Bis dahin bon voyage!

vousvoyez

Dienstag, 24. November 2020

Gell, Mami, über die dicke Frau reden wir erst, wenn wir zu Hause sind

(c) vousvoyez

Nein, bei der dicken Frau handelt es sich nicht um mich - das Zitat stammt aus einer Zeit, in der ich mit Sicherheit nicht dick war und das mir zufällig im Gedächtnis geblieben ist, weil ich die Offenheit von Kindern mitunter recht amüsant finde, auch wenn Erwachsene dabei gerne die Hände über dem Kopf zusammenschlagen vor Entsetzen. Mit Sicherheit hat Mami ihrer wundervollen, bezaubernden Maus zuvor erklärt, dass man in Gesellschaft nicht alles hinausschreit, was einem so einfällt und über gewisse Dinge lieber unter Ausschluss der Öffentlichkeit spricht - ein wohlmeinender Versuch, der ganz offensichtlich leider nach hinten losging. Tja, Pech gehabt, Mutti!

Zumindest aber muss man dieser Mutter zugute halten, dass sie verstanden hat, was gutes Benehmen ist, und dass sie versucht hat, dies ihrer Tochter auch beizubringen. Dass dabei mitunter auch ein paar Pannen passieren, ist normal. Wir wissen ja, dass auch Rom nicht an einem Tag erbaut wurde, nicht wahr? Leider hören und sehen wir aktuell viel zu häufig Leute, denen das offensichtlich nicht beigebracht wurde. Ja, ich muss leider aus aktuellem Anlass noch einmal auf das leidige Querdenker-Thema zurückkommen. Und zwar deshalb, weil Sonntagmorgen eine junge Deutsche das Internet wieder einmal in Aufruhr versetzt hat (Video).

Ich denke, die Geschichte ist den meisten von euch bekannt, da sie seit Sonntag oft genug wiederholt wird (und ich das Video verlinkt habe); der Vollständigkeit halber gebe ich sie aber dennoch kurz noch einmal wieder: Am Sonntagmorgen tauchte auf Twitter das Video einer jungen blonden Frau auf der Bühne einer "Querdenker"-Demo in Hannover auf, die sich als "Jana aus Kassel" vorstellte. Rhetorisch mehr schlecht als recht, begann sie, ihre Rede von einem Schummelzettel abzulesen - sie erklärte, dass sie sich wie Sophie Scholl fühle, weil sie auf Demos geht, Reden hält, Flyer verteilt und seit kurzem sogar Versammlungen anmeldet. Und weil sie 22 Jahre alt ist, so wie einst Sophie Scholl, als sie der verqueren Ideologie des Nationalsozialismus zum Opfer fiel (Sophie Scholl wurde knapp drei Monate vor ihrem 22. Geburtstag hingerichtet, aber so genau braucht man es als mutige Rebellin ja nicht zu nehmen). Außerdem betont sie, dass sie niemals damit aufhören wird, sich für Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit einzusetzen. Dann jedoch wurde es einem der Ordner ganz offensichtlich zu viel - er streckte ihr seine orangefarbene Warnweste hin und verkündete, dass er seinen Job niederlegen werde, weil er so einen Schwachsinn nicht unterstützen wolle. Daraufhin wird er von mehreren Seiten bedrängt, aber er lässt sich nicht beirren, und trotz der schlechten Tonqualität sind Worte wie "hängengeblieben" und "mehr als peinlich" zu hören. Während er von der Polizei zur Seite geschoben wird, dreht Jana sich um und bricht in Tränen aus. Als ein älterer Mann ihr tröstend die Arme um die Schultern legen will, wirft sie den Zettel mit ihrer Rede sowie das Mikrofon dramatisch zu Boden und stürmt von der kleinen Bühne. Buchstäblich über Nacht wird sie zur Berühmtheit - nur mit Sicherheit nicht so, wie sie es gerne gehabt hätte.

Denn es hat ja einen Grund, dass Jana diesen Vergleich zieht: Sie will eine Heldin sein, eine, die bewundert und verehrt wird - nicht eine, die Spott und Hohn erntet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das auf den anderen Demos, die sie besucht hat, auch der Fall war - also, dass sie bejubelt und beklatscht wurde. Deshalb hat sie wohl auch nicht mit Gegenwind geredet - ihr Verhalten war nicht das eines reifen, verantwortungsbewussten Menschen, der mit Kritik umgehen kann, sondern das eines trotzigen Kinders, dem noch nie jemand widersprochen hat. Und gelernt hat sie daraus anscheinend auch nichts - ein paar Minuten später kehrte sie auf dieselbe Bühne zurück, blubberte, dass sie "schockiert" gewesen sei, dass sie von einem "Passanten" "beleidigt" wurde und verzapfte denselben Unsinn noch einmal. Ganz offensichtlich hat sie keinen Bock gehabt, darüber nachzudenken, was da gerade passiert ist. Sonst wäre sie nämlich von selbst drauf gekommen, dass sie es lieber ganz gelassen hätte. (Video)

Halten wir nochmal fest: Jana fühlt sich wie Sophie Scholl - und zwar deswegen, weil sie auf einer behördlich genehmigten Demonstration, geschützt von Polizisten und Sicherheitskräften, alles hinausposaunt, was ihr gerade so einfällt. Wer denkt da nicht an Sophie Scholl? Für alle, die mit dem Vergleich immer noch nichts anfangen können, hier eine kleine Geschichts-Nachhilfestunde (es sind ja etliche von euch doch schon eine Weile aus der Schule draußen):
Die 1921 in Forchtenberg geborene Sophie Scholl war eines von fünf Kindern einer Familie, die eher liberal eingestellt war. Dennoch glaubte sie bei Hitlers Machtübernahme wie viele andere junge Leute noch an das Gemeinschaftsideal des Nationalsozialismus und trat mit dreizehn Jahren dem Bund deutscher Mädel (BDM) ein, wo sie sich auch positiv hervortat. Nach zwei Jahren wandten sie und ihr Bruder Hans sich jedoch von den nationalsozialistischen Jugendorganisationen ab. Sie schloss das Abitur ab, absolvierte ein vierwöchiges Praktikum in einem Kindersanatorium, leistete in einem Kinderhort in Blumberg ihren Kriegshilfsdienst ab, der für alle Studierwilligen obligatorisch war, und studierte ab Mai Philosophie und Biologie in München. Über ihren Bruder Hans, der in München Medizin studierte, lernte sie die studentische Widerstandsbewegung Weiße Rose kennen, die sie in ihrer Ablehnung des herrschenden NS-Regimes bestätigte und zu klaren Entscheidungen gegen Hitlers Diktatur aufrief. Sophie verteilte Flugblätter und war später auch an deren Herstellung beteiligt. Bei einer dieser Flugblatt-Aktionen wurden sie und ihr Bruder zusammen mit einem Freund erwischt und dem Rektorat übergeben, das sie an die Gestapo auslieferte. Sie wurden inhaftiert, verhört, verurteilt und am 22. Februar 1943 unter der Guillotine hingerichtet. Während des Verhörs standen sie vor der Wahl, mit den Nazis zu kooperieren, um ihr Leben zu retten, aber sie weigerten sich und gingen lieber in den Tod. Dass die Geschwister Scholl also als Nationalhelden verehrt werden, ist verständlich.

Wenn wir uns das vor Augen halten, ist Janas Selbstinszenierung natürlich in erster Linie einfach nur lächerlich - ihr Problem ist nicht, dass vor ihrer Nase Leute deportiert und ermordet werden, sondern dass sie längere Zeit nicht shoppen, auf Reisen gehen oder Partys feiern kann und dass sie öffentliche Orte nicht ohne Mund-Nasen-Schutz betreten kann. Natürlich ist es gerade sehr bitter, dass junge Menschen, die neue Leute treffen und die Welt kennenlernen wollen, seit Monaten dazu verdammt sind, die Füße stillzuhalten. Partys sind nicht das Wichtigste auf der Welt, aber ich hätte das auch nicht lustig gefunden. Aber das ist eben nicht dasselbe, wie Todesängste ausstehen zu müssen, weil die eigene Meinung nicht dem herrschenden Konsens entspricht. Jana wird im Gegenteil noch von Gesetzeshütern geschützt, damit sie weiterhin ihren Müll verzapfen kann, ohne dafür belangt zu werden. Und es kommt noch verrückter: Aktuell ruft die Anti-Corona-Demo-Szene zu einem "Schweigemarsch" für Jana auf, um ihre Solidarität mit der jungen Frau auszudrücken, die gerade einen Shitstorm kassiert. Eigentlich dachte ich immer, Schweigemärsche wären Verstorbenen vorbehalten, aber manche sind sich offensichtlich für nichts zu blöd.

Nun wissen wir ja, dass Nazi-Vergleiche unter Maskengegnern und Konsorten aktuell sehr beliebt sind. Viele ziehen den Vergleich mit Sophie Scholl heran, andere vergleichen das aktuell angepasste deutsche Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933, und auf Demos werden gerne gelbe Davidssterne getragen, häufig mit der Aufschrift "ungeimpft", die jene Aufnäher nachahmen, welche zu tragen die Juden im Dritten Reich gezwungen waren, weil sich das Religionsbekenntnis bekanntlich nicht äußerlich bemerkbar macht. Und zur Erinnerung: Es ist noch nicht allzu lange her, dass ein elfjähriges Mädchen in Karlsruhe auf der Bühne stand und sich mit Anne Frank verglich, weil es seine Geburtstagsparty nicht wie gewohnt feiern konnte. Nazi-Vergleiche sind nun mal beliebte Totschlagargumente, weil es zu diesen eigentlich gar keine Steigerung mehr gibt - weil die Zeit zwischen 1933 und 1945 eine Zeit des industriellen Massenmordes ist, zu  dem es weder vorher noch nachher etwas Vergleichbares gab.

Dass man darüber diskutieren muss, ob diese Vergleiche zulässig sind, finde ich eigentlich schon unglaublich - so, als wären Lockdown und Maskenpflicht mit dem Mord an Millionen von Menschen vergleichbar, nur weil sie dem Regime nicht gepasst haben. So, als könnte man den Verzicht auf Partys, Friseurbesuche und Urlaube mit der Angst, verhaftet, verschleppt und ermordet zu werden, vergleichen. Und sie sind nicht nur unzulässig - sie sind schlicht und einfach ekelhaft, denn sie verspotten all jene, die unter dem NS-Regime zu leiden hatten oder durch dieses ihr Leben verloren. Darüber hinaus finden gerade diejenigen, die sich so gerne mit Nazi-Opfern vergleichen, die Ideologie der Täter eigentlich voll super - so wie unsere Jana, die bei einer früheren Rede ein Sweatshirt trug, auf dem das Zeichen des Rechts-Esoterikers Heiko Schrang abgebildet war, und die laut ihres (inzwischen gelöschten) Telegram-Kanals Teil der Bewegung "Studenten stehen auf" ist, die mit der Identitären Bewegung verbandelt ist - eine rechtsradikale Gruppierung, die zumindest bei uns in Österreich vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Laut älterer Reden, die natürlich auch im Netz zu finden sind, macht sie gerade eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und will im nächsten Jahr Psychologie studieren. Wobei ich mich frage, wie das funktionieren soll bei einer Person, die nicht einmal ein einigermaßen solides Grundwissen in Geschichte aufweisen kann und die ganz offensichtlich ein so eingeschränktes Empathiegefühl hat, dass ihr das eigene Vergnügen wichtiger ist als das Wohl anderer. Vor allem aber frage ich mich, ob sie in der Lage ist, sich die Option offenzuhalten, dass sie möglicherweise nicht recht haben könnte - eine Eigenschaft, die man zum Studieren unbedingt mitbringen sollte. Ich glaube es, ehrlich gesagt, nicht - nicht, wenn sie mit Leuten mitläuft, die vollkommen davon überzeug sind, im Besitz der einzig richtigen Wahrheit zu sein.

Es liegt auf der Hand, dass Janas unrühmlicher Auftritt inzwischen eine Steilvorlage für allerlei Witze und Memes ist. Das finde ich, offen gestanden, auch okay, solange es nicht unter die Gürtellinie geht - Drohungen und Beschimpfungen, das habe ich schon oft genug klar gemacht, gehen gar nicht und davon möchte ich auch nichts hören. Bei der jungen Frau aus Kassel handelt es sich nicht um ein kleines Mädchen, dessen Eltern ihm irgendeinen Blödsinn eingetrichtert haben, den es selbst noch gar nicht einschätzen kann. Sie ist in einem Alter, in dem manche schon für eine Familie verantwortlich sind - sprich, sie ist mit Sicherheit kein Kind mehr. Sie sollte wissen, dass alles, was man tut, Konsequenzen hat - vor allem aber, dass man nicht alles öffentlich rausposaunt, ohne vorher nachzudenken, wenn man sich keiner Kritik aussetzen will. Mein Mitleid hat sich spätestens in dem Moment verflüchtigt, als ich mitbekam, dass sie ein paar Minuten nach dieser Szene wieder die Bühne betrat und denselben Blödsinn von sich gab.

Vor allem aber ist ihr Fall nur einer von vielen - sie hat lediglich versinnbildlicht, auf welche Weise Corona-Verharmloser sich selbstgerecht zu mutigen Helden stilisieren, die sie gar nicht sind. Sophie Scholl ließ die Verhandlung, die über ihren Tod entschied, erhobenen Hauptes über sich ergehen - Jana aus Kassel fängt an zu heulen, wenn ihr jemand mal nicht recht gibt. Ich denke, stärker kann man diese Diskrepanz gar nicht darstellen. Diese Szene ist eine von vielen, die zeigen, dass diejenigen, die sich für "Querdenker" halten, immer mehr den Bezug zur Realität verlieren. Sie glauben, dass sie in einer Diktatur leben, während sie mehr Sonderrechte eingeräumt bekommen als die meisten anderen - denn während man in Deutschland, genauso wie bei uns, mit einer Geldstrafe rechnen kann, wenn man draußen zu viele Leute trifft, während Läden geschlossen bleiben und Veranstaltungen abgesagt werden mussten, tanzen solche Leute unbehelligt und maskenlos Polonaise in der Leipziger Innenstadt. Da kann ich schon ein bisschen nachvollziehen, dass sich andere verarscht fühlen - und die Motivation, sich an die Maßnahmen zu halten, in der Folge möglicherweise sinkt. Was mich persönlich betrifft, ich finde, bei Leuten, die öffentlich zur Hinrichtung von Ärzten und Politikern aufrufen, ist die Zeit der Samthandschuhe vorbei. Man muss ihnen deutlich machen, dass sie nicht alles tun können, was ihnen gerade einfällt, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Die laute Kritik, die aktuell überall zu hören und zu lesen ist, könnte möglicherweise anderen Janas die Lust nehmen, ebenfalls solch geschmacklose Vergleiche anzustellen. Vor allem aber darf man nicht vergessen - ein solcher Ruhm ist kurzlebig. Irgendwann ist die Blondine mit der Bildungslücke ohnehin wieder vergessen, weil eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Welche das ist? Wir werden sehen. Bon voyage!

vousvoyez

Freitag, 20. November 2020

Manche Menschen sind wie Lavalampen - es macht Spaß, sie zu beobachten, aber besonders hell sind sie nicht

(c) vousvoyez
Das Lustige ist, dass gerade vor kurzem ein FB-Freund genau denselben Satz gepostet hat - wo immer der Spruch also herkommt, er scheint ziemlich geläufig zu sein. Und das auch zu Recht, wie ich finde - denn es gibt tatsächlich Exemplare der Gattung homo sapiens sapiens, auf die genau das zutrifft. Und ich hätte als Teenager wirklich gerne eine Lavalampe gehabt - aber die Geschichte hab ich ja schon erzählt. Die menschlichen Lavalampen findet man ja überall - besonders aber im Internet und besonders in Zeiten wie diesen.
Ja, es ist mal wieder soweit, der zweite Lockdown hat begonnen, und ich melde mich nach einer kurzen Schreibpause wieder in alter Frische zurück. Wobei ich in diesem Jahr ja schon überaus produktiv war - mehr als in all der Zeit zuvor. Deswegen denke ich auch, dass ihr mir verzeiht, wenn ich gleich als erstes mal eine Art Auskotz-Post raushaue - es kommen in Kürze auch wieder andere Inhalte.

Aktuell muss man, wenn man so wie ich häufig online unterwegs ist, ja einiges an Ignoranz und auch Dummheit aushalten. Was ja an und für sich nichts Neues ist - es gibt halt nur momentan einige Themen, die dazu einladen, seinen unqualifizierten Senf dazuzugeben. Ob es sich nun um die aktuelle Gesundheitskrise handelt, um die Diskriminierung von Minderheiten oder auch um die kürzlich entschiedene Präsidentschaftswahl in den USA. Ich will jetzt auch nicht behaupten, dass meine Meinung immer die absolut richtige ist und dass ich ja ach so viel Ahnung von allem habe - aber ich tu wenigstens auch nicht so. Und ich plappere mit Sicherheit nicht alles nach, nur weil es nicht dem "Mainstream" widerspricht - auch wenn ich durchaus einsehe, dass etwas nicht automatisch richtig ist, nur weil es mit dem allgemeinen Konsens übereinstimmt. Was mich jedoch am meisten fasziniert, ist, auf welche Weise sich manche Leute Fakten einfach mal so zurechtbiegen, weil ihnen die Realität nicht passt. Das ist kein ausschließlich rechtes Phänomen - in letzter Zeit sind es aber hauptsächlich Leute vom rechten Rand, bei denen ich das beobachte. So war ich nicht die einzige, die nach den US-Wahlen ein Déjà-vu-Erlebnis hatte - vor vier Jahren musste die Bundespräsidentenwahl in Österreich wiederholt werden, weil der FPÖ das Ergebnis nicht gepasst hat. Mit dem Resultat, dass die zweite Wahl mehr oder weniger gleich ausgegangen ist wie die erste. Trotzdem waren viele FPÖ-Wähler auch nach dieser davon überzeugt, dass es dieses Ergebnis gar nicht hätte geben dürfen. Ähnlich verhält es sich jetzt auch bei der US-Wahl - nicht nur das, es gibt sogar Leute hier in Europa, die niemanden in den USA kennen, noch nie dort waren und trotzdem fest davon überzeugt sind, sie wüssten besser über dieses Land und seine Politik Bescheid als seine über 300 Millionen Einwohner - und natürlich auch darüber, wen die Amerikaner nun tatsächlich gewählt haben. Denn wenn mir persönlich das Ergebnis nicht passt, ja dann - dann muss es natürlich zwingend manipuliert sein!!!!!111 Und wenn einem jemand nicht passt, dann kann es ja gar nicht anders sein, als dass derjenige pädophil ist!

Bereits vor der Wahl sind im Netz zahlreiche Videos und Fotos aufgetaucht, auf denen der demokratische Kandidat Joe Biden sich Frauen und Kindern auf unsittliche Art und Weise genähert haben soll. Die meisten dieser "Beweise" für Bidens angebliche pädophile Neigung wurden inzwischen vom Netz genommen - was natürlich für diejenigen, die daran glauben wollen, gleichzeitig auch ein Beweis ist, dass da irgendwas vertuscht werden soll. Nun, ich denke, ihr seid alle aufgeweckt genug, um zu wissen, wie leicht es in Zeiten von Photoshop & Co. ist, Videos zu schneiden und Fotos dergestalt zu manipulieren, dass es am Ende ungünstig für die Person ausfällt, die hier dargestellt wird oder werden soll. Ein paar dieser Fotos bzw. Videos zeigen nämlich nicht mal Biden, sondern lediglich jemanden, der ihm ein bisschen ähnlich sieht. Ganz abgesehen davon, dass Trumps Schoten ja bekanntlich auch nicht von schlechten Eltern waren. Ich kann jetzt nicht behaupten, dass ich einen doch verhältnismäßig konservativen Kandidaten wie Joe Biden für perfekt halte, um eine Weltmacht zu führen. Selbstverständlich bin ich mir darüber im Klaren, dass Biden diesen doch ziemlich eindeutigen Sieg nicht errungen hat, weil er Biden ist, sondern weil er nicht Trump ist - das ist in etwa so, als würde man bei uns den Bundeskanzler nur deshalb wählen, weil er nicht Hitler ist. Aber wenn man den alten Herrn schon kritisieren will, dann sollte man nicht auf Vorwürfe zurückgreifen, für die es keine haltbaren Beweise gibt. Ich bin bisweilen ohnehin ziemlich fassungslos, wie oft aktuell auf Rufmord zurückgegriffen wird, wenn des darum geht, dass man mit gewissen Personen nicht einverstanden ist. Vor allem aber finde ich diese inflationäre Instrumentalisierung von Kindern, wenn es darum geht, die eigene Meinung zu untermauern, doch recht bedenklich.

Nun ist es natürlich am einfachsten, jemanden in Misskredit zu bringen, indem man ihm unterstellt, er würde auf möglichst eklige Art und Weise die besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern missachten. Denn das dies ein schreckliches Verbrechen ist, darüber sind wir uns natürlich alle einig. Wobei ich euch davon abraten möchte, Pädophile mit Pädokriminellen in einen Topf zu werfen - denn dies ist nicht dasselbe. Nicht alle Pädophile leben ihre Neigung aus, und nicht alle, die Kinder missbrauchen, sind deshalb pädophil. Das ist deswegen so wichtig, weil die Gleichsetzung der sexuellen Neigung zu Kindern mit Pädokriminalität Pädophile häufig davon abhält, sich Hilfe zu suchen. Diese Strategie ist ja keineswegs was Neues - ich habe ja bereits im Frühjahr von der QAnon-Bewegung berichtet, die behauptet, Prominente hielten Kinder im Untergrund gefangen, um sie zu foltern und so Adrenochrom zu gewinnen, das sie als Verjüngungsmittel einsetzten, und Donald Trump würde diese befreien. Warum das Schwachsinn ist, habe ich ja bereits erklärt - ganz abgesehen davon, dass es komischerweise immer Trumps politische Gegner sind, denen so etwas unterstellt wird.

Leider ist der US-Wahlkampf bekanntlich nur einer von vielen Anlässen, um Kinder zu instrumentalisieren. Die vermeintliche Gefährdung von Kindern ist nun mal die beste Methode, um Themen zu emotionalisieren - ich habe dabei immer Helen Lovejoy aus der Serie Die Simpsons vor Augen, die bei jeder Gelegenheit ausruft: "Denkt an die Kinder!" So hetzt man gerne gegen die LGBTQ+-Community, indem man speziell homosexuelle Männer gerne mit Pädophilen gleichsetzt, obgleich Homosexualität lediglich die Neigung zum eigenen Geschlecht bezeichnet, welche zwischen mündigen Personen im gegenseitigen Einverständnis ausgelebt werden kann. Oder man erklärt, dass es "nicht natürlich" sei, wenn ein Kind von zwei Müttern oder zwei Vätern großgezogen würde, weil ein Kind das Recht auf Mama und Papa habe. Ich denke, ich muss den meisten nicht sagen, dass man nach dieser Logik auch Alleinerziehenden die Kinder wegnehmen müsste - oder sie zumindest dazu zwingen, sich einen gegengeschlechtlichen Partner zu suchen. Im übrigen ist die von Leuten, die so etwas behaupten, so sehr favorisierte Mama-Papa-Kind-Spießerfamilie keine Vorgabe der Natur, sondern ein verhältnismäßig neues Phänomen - unsere Vorfahren lebten in großen Clans und mit Sicherheit nicht streng monogam, so wie auch im Tierreich viele Jungtiere von großen Familienverbänden betreut werden, manchmal sogar (Gott behüte!) von homosexuellen Paaren. Gerne stellt man auch Einwanderer als Bedrohung für Kinder dar - sei es, dass man fürchtet, dass es bald keine blonden, blauäugigen "Arier"-Kinder mehr geben wird, sei es, dass die vielen Ausländerkinder das Niveau von öffentlichen Schulen angeblich herabsetzen, weil "die" ja alle kein Deutsch können, sei es, dass "unsere" Frauen und Mädchen alle von bösen Ausländern belästigt oder gar vergewaltigt werden (denn "unsere" Frauen dürfen ja selbstverständlich nur von reinrassigen Teutonen belästigt werden).

Ein weiteres Déjà-vu-Erlebnis bescherte mir ein Video des HNO-Arztes Bodo Schiffmann, der in die Kamera heulte, weil angeblich reihenweise Kinder an ihren Masken ersticken - dieselben Masken, die die Viren, die weitaus größer sind als Sauerstoffmoleküle, ungehindert durchlassen. Das erinnert natürlich an Xavier Naidoo, der ebenfalls ein Heul-Video raushaute über die nicht vorhandenen Kinder, die angeblich befreit werden. Die Sache ist nur - in zwei Fällen wurde der tragische Tod eines Kindes dazu benutzt, zu behaupten, dieses sei an der Maske gestorben (wobei eines zum Zeitpunkt des Todes nicht einmal eine Maske trug). Das ist natürlich besonders angenehm für die Eltern, die dann von irgendwelchen Querdenkern belästigt werden, während sie versuchen, eines der schlimmsten Dinge zu verarbeiten, die einem Menschen zustoßen können. Zusätzlich wurden dann auch noch ein paar andere Kinder dazuerfunden, um zu betonen, wie schrecklich es doch ist, dass die armen Kinder ein paar Stunden täglich ein Stück Stoff vor dem Mund tragen müssen. Dieselben Kinder, deren Gesundheit und sogar Leben durch dieses Stück Stoff ja ach so gefährdet ist, werden dann auf Demonstrationen als Schutzschilder benutzt, um die Polizei daran zu hindern, eine Versammlung aufzulösen, die gegen sämtliche Hygieneauflagen verstößt - ein Kampf, den man nur verlieren kann, wenn man auf der "falschen" Seite steht. Und sind nebenbei auch noch ohne jeglichen Schutz den Aerosolen der umstehenden Schreihälse ausgeliefert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass deren Eltern dieselben sind, die vor noch nicht allzu langer Zeit gegen die Schülerdemonstrationen zum Klimaschutz gewettert haben. Und dass viele von ihnen auch zu jenen gehören, die in jüngster Vergangenheit vor Schulen aufgetaucht sind und dort Kinder und Jugendliche belästigt haben. Ich muss ehrlich sagen, auch für mich als Nicht-Mutter hat die Vorstellung von Erwachsenen, die fremden Kindern vor Schulen auflauern, keinen sehr positiven Beigeschmack.

Dass Kinder auf Demonstrationen mitgeschleppt werden, häufig auch, um die Dringlichkeit des eigenen Anliegens zu betonen, ist ja nun keine Neuigkeit - das ist schon seit Jahrzehnten Usus und auch nicht ausschließlich auf dem Mist der Rechten gewachsen. Man erinnere sich nur an die Impfgegner-Demos vor dem ersten Lockdown - auch dorthin wurden häufig Kinder geschleppt, manchmal wurden ihnen auch Schilder oder Transparente in die Hand gedrückt, angeblich, um für ihren Schutz gegen die böse Impfung zu kämpfen. Auch heute will man die Kinder nicht durch, sondern vor Impfungen schützen, speziell vor dem Impfstoff gegen Covid-19, der noch gar nicht auf dem Markt ist und der, wenn es soweit ist, mit Sicherheit auch nicht sofort allen zur Verfügung stehen wird, aber was weiß ich schon. Für Aufsehen sorgte kürzlich der Auftritt eines elfjährigen Mädchens in Karlsruhe, das sich darüber beklagte, dass es seinen Geburtstag nicht wie gewohnt feiern durfte und sich dabei mit Anne Frank verglich, die damals auch immer leise sein musste, um von den Nachbarn nicht gehört zu werden. Es gibt halt nur einen klitzekleinen Unterschied - nachdem Anne Frank doch noch entdeckt wurde, ging sie bekanntlich elendiglich im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus zugrunde. Einzig und allein für das "Verbrechen", Jüdin zu sein. Dieses Kind hingegen riskiert im schlimmsten Fall eine Geldstrafe für die Eltern, aber mit Sicherheit nicht ihr Leben. Im Gegensatz zu anderen bin ich ziemlich sicher, dass man mit elf Jahren die Geschichte von Anne Frank schon kennen kann - ich war nicht so viel älter, als ich ihr Buch zum ersten Mal gelesen habe. Ich bin mir allerdings genauso sicher, dass die Idee, sich mit ihr zu vergleichen, nicht auf dem Mist dieses Mädchens gewachsen ist - es waren ihre Eltern, die sie auf die Bühne gestellt haben, und es waren mit Sicherheit auch ihre Eltern, die dachten, es käme sicher gut, wenn sie ihrer Tochter einredeten, sie sei wie Anne Frank. Ich finde in diesem Zusammenhang auch die Idee gar nicht so abwegig, dass sie ihre Tochter sozusagen zu einer zweiten Greta Thunberg machen wollten - vor allem Leute aus der rechten Ecke sind ja häufig der Ansicht, Greta sei von ihren Eltern instrumentalisiert worden, und ich kann mir durchaus vorstellen, dass den Eltern dieses Mädchens etwas Ähnliches im Sinn hatten.

Bei aller Wut und allem Groll muss man sich jedoch auch eines vor Augen halten: Das sind Leute, die genauso instrumentalisiert werden, wie sie ihre Kinder instrumentalisieren - und zwar von jenen, denen die Unzufriedenheit der Massen nur allzu gut in den Kram passt. Wir alle sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der es immer mehr nur darum geht, uns permanent unzufrieden zu halten - damit man uns in der Folge irgendwelchen Müll andrehen kann, der uns verspricht, uns wieder glücklich zu machen. Daraus resultiert, dass viele von uns glauben, ihr Selbstvertrauen nur aus der Bestätigung anderer ziehen zu können - weil sie nicht verstehen, dass sie sich auch dann selbst lieben dürfen, wenn ihnen nicht permanent jemand auf die Schulter klopft. Und wenn man Anerkennung nicht durch Leistung erlangen kann, rennt man eben jeder Opferlegende nach, die sich einem bietet, egal wie bescheuert sie ist. Menschen, die permanent auf Social Media posten müssen, dass alle böse sind, die nicht ihre Meinung teilen, und dass sie in ihrer Freiheit eingeschränkt werden, weil nicht alles nach ihrem Willen geht, erkennen nicht, dass sie in Wirklichkeit schon längst gefangen sind. Sie sind gefangen in ihrer eigenen kleinen, bornierten Wutbürger-Welt, die alles scheiße findet - solche Leute brauchen diese Wut, um überhaupt noch irgendwas fühlen zu können, und um Bestätigung von ihren Schwurbelfreunden zu kriegen, wenn sie das, was sie für die einzig richtige Wahrheit halten, per Social Media in den Äther blasen. Ja, ich muss zugeben, bei all dem Groll, den ich empfinde, finde ich diese Gestalten auf der anderen Seite auch wieder bedauernswert: Denn wie leer, wie traurig muss das Leben eines Menschen sein, der Begriffe wie "bunt" als Schimpfwort verwendet? Der sich weigert, zu erkennen, dass es sich lohnt, die alten, eingefahrenen Bahnen zu verlassen und neue Wege einzuschlagen? Der Angst davor hat, seine eingeschränkte Spießbürgerwelt zu verlassen und nachzusehen, ob es daneben nicht noch was anderes gibt? Der sich weigert, sich mit Leuten abzugeben, weil nicht so sind wie er selbst? Ich finde das trotz allem doch recht traurig. Deswegen bitte ich euch: Erweitert euren Horizont - und lasst für die eine oder andere Person ebenfalls auch noch ein wenig Mitgefühl über. Bis bald und bon voyage!

vousvoyez