Freitag, 30. August 2019

Ich kann immer noch einer gefesselten Maus in den Bauch treten

Die Antwort eines Kollegen auf die Frage, wie es um seine körperliche Fitness steht. Ich muss zugeben, dass ich selbst auch nicht so viel leistungsfähiger bin. Für mich war vor allem der Schulsport immer der Horror. Trotzdem versuche ich mittlerweile, körperlich wieder fitter zu werden. Man wird ja nicht jünger. Und man kann nicht den ganzen Tag nur Filme schauen.

Ja, richtig, ich möchte meine Serie von Klischees und Filmfehlern endlich wieder fortsetzen! Ich habe mich inzwischen lange genug darüber ausgelassen, was mir so unter den Nägeln brennt. Allmählich sollte der Spaß wieder mehr im Vordergrund stehen. Deswegen hier weitere Beobachtungen, die ich im Laufe der Zeit so gesammelt habe.

Weitere wichtige Punkte, die bei Filmen nicht zu kurz kommen dürfen

1. Ich habe ja schon einmal dargelegt, dass Leute, die vor dem Bösen fliehen, meist noch vorher die Katze retten müssen. Manche wiederum suchen noch schnell was, bevor sie loslaufen - sonst haben sie ja einen viel zu großen Vorsprung! Offenbar haben diese Personen niemals die obligatorische Brandschutzübung hinter sich gebracht, wo einem genau davon abgeraten wird.

2. Wenn es draußen dunkel und windig ist, müssen sofort alle Fenster aufgerissen werden. Wenn es regnet, muss es gleichzeitig immer blitzen und donnern. Außerdem ist der Regen immer stark und schwer - und wenn eine Person aus dem Regen ins Haus kommt, ist sie in Sekundenschnelle wieder trocken. Überhaupt ist Regen ein wichtiges dramaturgisches Element - bei Beerdigungen muss es auch immer regnen, und nachts sind die Straßen prinzipiell immer nass, besonders, wenn eine Verfolgungsjagd mit dem Auto ansteht. Wäre sonst ja auch langweilig. Besonders in Horrorfilmen und ihren Untergenres ist nachts immer Vollmond, und bei Familienfilmen ist zu Weihnachten immer dichtes Schneegestöber - obwohl ich persönlich auch als kleines Kind nur höchst selten weiße Weihnachten erlebt habe.

3. Apropos Verfolgungsjagden mit dem Auto: Autoreifen müssen immer quietschen, auch auf Schotter oder Sand. Ein Auto, das ein Hindernis rammt, muss sich überschlagen, außerdem überstehen Autos unbeschadet erstaunlich weite Sprünge. Erwischt man einen Hydranten, entsteht immer eine Wasserfontäne. Außerdem haben die Fahrer wohl nie gelernt, dass man sich anschnallen muss, trotzdem bleiben sie immer fest im Fahrersitz und überstehen auch Unfälle ohne gröbere Verletzungen. Wenn ein Auto brennend liegenbleibt, explodiert es immer - häufig sogar, nachdem es ins Wasser gefallen ist. Auch von Rückspiegeln scheinen diese Leute nie etwas gehört zu haben - oder warum müssen sie sich immer umdrehen, um zu sehen, ob der Verfolger noch hinter ihnen ist? Dieser kann übrigens die letzte Rostschüssel haben - er bleibt dem Verfolgten stets dicht auf den Fersen, selbst wenn dieser einen neuwertigen Sportwagen fährt.

4. Die Bösen im Film sind immer genau erkennbar: Seit Rauchen als Coolness-Faktor allmählich aus der Mode gekommen ist, rauchen fast ausschließlich die Bösewichte. Von den Guten unterscheiden sie sich außerdem meist dadurch, dass die schwarze Kleidung bevorzugen, in amerikanischen Filmen oft auch schwarze Hüte. Charakterlich sind sie immer das genaue Gegenteil des Helden. Außerdem neigen sie dazu, alle Brandschutzvorschriften zu ignorieren. Gerne tragen sie auch dunkle Sonnenbrillen, wobei sie dazu neigen, die Brillen ihrer Opfer absichtlich zu zertreten. Wenn ein Böser sein Opfer am Ende gestellt hat, muss er ewig lang reden, damit der Gute ihn am Ende doch noch zur Strecke bringen kann. Da der Böse am Ende sowieso stirbt, wird er auch nie für seine Taten zur Verantwortung gezogen.

5. Der beliebte österreichische Schauspieler Otto Schenk hat in seinem Bühnenmonolog Die Sternstunde des Josef Bieder die Bemerkung fallen lassen, dass, wenn ein Akteur im ersten Akt hustet, man ihn spätestens im dritten Akt los ist. Ähnlich verhält es sich auch in Filmen - Husten ist immer der Vorbote einer tödlichen Krankheit.

6. Untypisch für eine Frau, bin ich übrigens eine große Western-Liebhaberin. Am liebsten mag ich die 70er-Jahre-Italo-Western von Sergio Leone - nicht zuletzt wegen der tollen Soundtracks von Ennio Morricone. Auffällig in vielen Western ist, dass es nur in den Hüten Einschusslöcher gibt. Trommelrevolver scheinen nie nachgeladen werden zu müssen, nur für den entscheidenden Schuss ist keine Patrone da. Der Westernheld trifft prinzipiell immer, selbst von einem galoppierenden Pferd.

7. Nicht nur in Western, sondern vor allem in Krimis und Actionfilmen muss immer kräftig geknallt werden. Dabei gilt: Für die Guten sind Treppengeländer immer ein passendes Versteck, da die Kugeln einfach daran abprallen. Die Bösen allerdings werden immer getroffen. Diese schießen ständig, treffen aber nie, während die Guten mit nur wenigen Schüssen mehrere Böse erwischen - und das, obwohl sie meist weitaus weniger gut ausgestattet sind als die Bösen. Auffallend ist, dass Schusswaffen nach Gebrauch oft einfach weggeworfen werden. Komisch, wenn man bedenkt, was so ein Ding kostet. Wenn ein Guter tödlich getroffen wird, muss er erst ein paar Schritte taumeln, möglicherweise noch einmal schießen und ein paar bedeutungsschwangere letzte Worte sagen, bevor er umfällt. Der Held wird natürlich nie getroffen - und wenn er einmal einen Schuss ins Herz erleidet, rettet ihn meist ein Anhänger mit dem Bildnis seiner Geliebten, den die Kugel trifft.

8. Zeitbomben müssen bei ihrer Aktivierung immer ein tickendes Geräusch von sich geben. Außerdem haben sie stets eine Digitalanzeige, die zeigt, wie viele Sekunden noch bleiben, nicht zu vergessen die Drähte in verschiedenen Farben und die blinkenden Lichter. Natürlich darf so eine Bombe erst eine Sekunde vor ihrer Explosion entschärft werden. Selbstverständlich holt der Held keine Spezialeinheit, sondern entschärft die Bombe selbst - zwar weiß er selten, welchem Draht er zuerst durchtrennen muss, entscheidet sich aber intuitiv für den richtigen. Countdowns - natürlich auch die von Zeitbomben - dauern immer länger, als die Anzeige behauptet, und natürlich genauso lange, wie der Held braucht, um die Bombe zu entschärfen. Sollte trotz allem eine Bombe mal explodieren, schafft er es natürlich immer, sich mit einem gewagten Sprung zu retten. Und die männlichsten aller männlichen Männer, von denen ich schon berichtet habe, sind viel zu cool, um sich umzudrehen, nachdem sie ein Haus zur Explosion gebracht haben; sie halten höchstens die Fernbedienung lässig in die Luft.

9. Frauen tragen immer High Heels, in denen sie selbstverständlich problemlos laufen können, ohne jemals mit den dünnen Absätzen zu stolpern oder hängen zu bleiben, beispielsweise in einem Kanalgitter. In Hollywood stöhnen auch nur sie beim Sex, und ihr Lippenstift verwischt nie - nur beim Küssen hinterlässt er verräterische Spuren. Im übrigen sind in Filmen, die in den Bergen spielen, kletternde Frauen immer in Lebensgefahr - normalerweise müssen sie in der Berghütte sitzen und mit bangem Blick Wetterverschlechterungen beobachten.

10. Da ich neulich über Empathie geschrieben habe: Viele Horrorfilm-Fans bleiben ungerührt, wenn in einem Film Menschen sterben, bangen aber darum, dass der Hund überlebt. In Katastrophenfilmen überleben Hunde und Kinder immer - Kinder bringen sich stets selbst in brenzlige Situationen und werden dann vom Helden gerettet.

11. In Slasher-Filmen, einer Unterkategorie des Horrorfilms, dadurch gekennzeichnet, dass die Protagonisten Teenager sind, gibt es immer einen sympathischen Sonny-Boy, einen möchtegern-coolen Checker, eine Streberin, eine Schlampe, einen Kiffer und einen Schwarzen. Die Streberin steht auf den Checker, ohne zu bemerken, dass der Sonny-Boy auf sie steht. Der Checker ist mit der Schlampe zusammen, erwischt sie aber mit dem Schwarzen. Als der Killer oder das Monster da ist, stirbt zuerst der Schwarze. Dann stirbt die Schlampe, nachdem sie sich mit dem Checker versöhnt hat und die beiden gerade beim Bumsen sind; natürlich ist sie dabei leicht oder auch gar nicht bekleidet. Dazwischen entdeckt die Streberin ganz plötzlich ihre ausgeflippte Seite und raucht zusammen mit dem Kiffer einen Joint. Dann stirbt der Kiffer, während er gerade etwas selten Dämliches macht. Der Checker entdeckt plötzlich seine altruistische Seite und stirbt, rettet aber dabei das Leben des Sonny-Boys und der Streberin. Sonny-Boy und Streberin überleben und sind am Ende ein glückliches Paar.

12. Wenn Eltern mit den Zukunftsplänen des Nachwuchses nicht einverstanden sind, muss dieser dem Erziehungsberechtigten immer den bedeutungsschwangeren Satz "Du hattest nie Träume, oder?" vor den Latz knallen. Zu Beginn eines Films, in dem Zombies, Monster oder gefährliche Tiere vorkommen, muss das erste Opfer immer sagen: "Das Viech hat mich gebissen!" Häufig beginnt eine Actionszene mit den panischen Worten "Ich weiß nicht, was es ist, aber es kommt direkt auf uns zu!" Wenn der extrem coole Held eine blutende Fleischwunde hat, sagt er selbstverständlich "Ach, das ist nur ein Kratzer!"

So. liebe Leute, ich hoffe, ihr lest dieses bescheuerte Zeug mit genauso viel Spaß, wie es mir gemacht hat, es zu schreiben! Sicherlich werdet ihr das eine oder andere auch schon beobachtet haben. Ich verfüge immer noch über einige Themen, die ich mal bearbeiten möchte - lustige und auch ernste. Vielleicht kommt auch wieder spontan was Neues, wie meist, wenn ich wieder mal das Bedürfnis habe, in die Tasten zu hauen. Bon voyage!

vousvoyez

Mittwoch, 28. August 2019

Ich glaube an Thor, denn er hat versprochen, alle Riesen zu töten; siehst du irgendwelche Riesen?

Zugegeben, ich habe gehört, dass dieser Satz angeblich aus einem Buch stammen soll. Konnte aber bisher nichts dazu finden. Wenn ich weiß, wer diesen Satz wirklich geschrieben hat, werde ich seinen/ihren Namen dazuschreiben. Ich will ja keinen Stress haben wegen Copyright und so.

Ich habe diesen Satz von einem ehemaligen Arbeitskollegen aufgeschnappt, der auf ironische Art und Weise darlegen wollte, warum es gescheiter ist, an Thor zu glauben als an den christlichen Gott. Mir fällt da nur der Witz ein mit den zwei Männern im Zug, wo der eine eine Banane aus der Tasche holt, sie schält, salzt und aus dem Fenster wirft. Das wiederholt er mehrere Male, bis sein Gegenüber ihn fragt, warum er das tut. Daraufhin er: "Um die Löwen zu vertreiben!" Worauf der andere einwendet, dass es hier doch überhaupt keine Löwen gäbe. Die Antwort: "Sehen Sie? Es wirkt schon!"

Das Argument gegen den christlichen Gott ist ja sehr oft, dass dieser auf der Erde unermessliches Leid zulässt. Durchaus etwas, das es wert ist, zu diskutieren. Zu Beginn dieses Monats gab es ja wieder mal zwei Amokläufe in den USA - einen in El Paso, Texas und einen in Dayton, Ohio. Und natürlich ist klar, dass dies zum Teil auch daran liegt, dass Amerika ein massives Problem mit Schusswaffen hat; andererseits haben diese Ereignisse jedoch wohl auch mit dem politischen Hass zu tun, der vor allem im Internet wütet und überall auf der Welt die Gesellschaft spaltet. Und daran hat der amerikanische Präsident, der ja seine Weisheiten gerne auf Twitter verbreitet, sicher einen nicht unwesentlichen Anteil.
Aber all das war nach den Attentaten erstmal nicht so relevant wie die Frage, ob Videospiele schuld an den Amokläufen gewesen seien. Eine uralte Diskussion, in der die Meinungen weit auseinander gehen. Deswegen will ich sie heute einmal anreißen - und mit einem Thema verknüpfen, dem ich mich schon lange mal widmen wollte, nämlich der ideologischen Interpretation.

Nun, die Frage, ob Videospiele schuld an Amokläufen sind, ist, wie zuvor schon erwähnt, schon lange nicht mehr neu. Und wenn nicht die Videospiele schuld sind, sind es die Horrorfilme oder Heavy Metal. Natürlich nicht das extrem lockere Waffengesetz, das es Privatpersonen erlaubt, automatische Schusswaffen zu besitzen. Deswegen ist der Lösungsansatz gegen Amokläufe an Schulen ja auch äußerst bescheuert vernünftig: Waffen müssen natürlich mit noch mehr Waffen bekämpft werden! Das heißt, statt den Schülern die Waffen wegzunehmen, sollte man besser die Lehrer bewaffnen! Halleluja, wie schön muss doch so ein Leben sein, wenn man mit einem gewaltigen Brett vorm Kopf außergewöhnlicher Intelligenz gesegnet ist! Und natürlich ist diese Debatte absolut keine Strategie, um von wirklich wichtigen Problemen abzulenken. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Nun, ich kenne keine Amokläufer. Aber ich kenne etliche Leute, die in ihrer Jugend Videospiele gespielt haben - und oft auch Gewaltspiele. Meist auch noch in einem Alter, in dem diese Spiele für sie nicht geeignet waren. Trotzdem sind all diese Kinder von damals verantwortungsbewusste, friedliche Erwachsene geworden. Einzelfälle? Oder liegt es vielleicht nicht doch eher daran, dass all diese Kinder von damals ein liebevolles Elternhaus, ganz allgemein ein stabiles soziales Umfeld sowie eine relativ gute Schulbildung genossen haben? Die wissenschaftliche Debatte über den Zusammenhang von Amokläufen und Videospielen ist zwar durchaus gegeben, es gibt da aber einige Widersprüche und Unklarheiten, wenn es um die Kommunikation mit der Öffentlichkeit geht. Sehr aufschlussreich ist hierzu das Video des YouTube-Kanals mailab. Vieles auf YouTube ist Mist, aber deswegen auch nicht alles.

Wer diesen Blog kennt, weiß auch, dass ich ein Faible für Horrorfilme habe und dass ich diese schon konsumiert habe, als ich eigentlich noch nicht alt genug dafür war. Trotzdem würde mich jemand, der mich persönlich kennt, wohl kaum als gewalttätigen oder auch nur aggressiven Menschen beschreiben. Und wer einmal auf einem Metal-Konzert war, kann bestätigen, dass diese oft weitaus friedlicher ablaufen als so manche Schlagerparty und dass Metal-Fans in der Regel sehr liebenswerte und aufgeschlossene Menschen sind, wenn man es selbst ist und Menschen nicht nur nach Äußerlichkeiten beurteilt. Zumal, man mag es nicht glauben, auch ich Gefallen an Songs von Bands wie AC/DC, Black Sabbath und Judas Priest finden kann. Wer behauptet, Videospiele sind schuld an Amokläufen, der behauptet auch, wer Super Mario spielt, wird Installateur, wer Autorennspiele spielt, ist ein Raser auf der Straße und wer Tetris spielt, wird viereckig.

Ideologische Interpretation ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Aber in heutigen Zeiten müssen nicht nur die vergleichsweise noch jungen Medien Videospiel, Fernsehen und Film daran glauben; die ideologische Debatte macht auch nicht davor halt, auch klassische Künstler der früheren Vergangenheit mit Schmutz zu bewerfen. Vor einer Woche machte das junge feministische Künstlerkollektiv Frankfurter Hauptschule mit einer Aktion auf sich aufmerksam, die wieder mal eine altbekannte Debatte auslöste: Was darf Kunst?

Prinzipiell finde ich es auch als großer Fan von Goethes Dichtkunst keineswegs verwerflich, auch vermeintlich unantastbare große Geister der Kunst- und Literaturgeschichte wie ihn zu hinterfragen. Mir fällt da die Autobiographie des deutschen Graphikers und Bassisten Klaus Voormann, Warum spielst du Imagine nicht auf dem weißen Klavier, John?, ein, der darin die lange geltende Hierarchie innerhalb der Musikgenres anprangerte, die sich erst heute etwas aufweicht und bei der am unteren Ende Schlager und Unterhaltungsmusik, am oberen Ende wiederum die unantastbare Ernste Musik oder Klassik steht. Aber mit dem Wechsel der Generationen ist diese Sichtweise tatsächlich nicht mehr ganz so verbreitet wie früher, hat es doch Bob Dylan, der Jahrzehnte in der Schublade der Unterhaltungs- und Popmusik verweilen musste, durch den Literaturnobelpreis in die oberste Riege der ernst zu nehmenden Künstler geschafft.

Das Ding mit der Aktion der Frankfurter Hauptschule ist halt: Wenn man Goethe kritisieren will, sollte man zunächst mehr liefern können als persönliche Interpretation, die so gedreht wurde, dass sie einem wunderbar in den Kram passt - nicht jeder sieht in Heidenröslein die Verharmlosung einer Vergewaltigung. Und man sollte seine Aktion wenigstens so gestalten, dass diese betreffend des Niveaus dem großen Dichter einigermaßen gerecht wird. Sprich, ein wenig mehr Originalität zeigen, anstatt zu einer Vertonung von Heidenröslein Klopapier auf Goethes Gartenhaus zu werfen. Aber nun ja, im Prinzip haben die jungen Leute das, was sie wollten, nämlich Aufmerksamkeit. Hoffen wir, dass sie mit der Zeit ein wenig intelligenter und auch origineller werden. Ich habe bis Mitte Zwanzig auch hin und wieder seltsame, nicht sehr intelligente Aktionen geliefert.

Besonders beliebt ist ideologische Interpretation ja vor allem bei Medien für Kinder. So verführt Harry Potter angeblich zum Satanismus, während Dornröschen, wie in einem anderen Artikel schon erwähnt, sexuelle Belästigung darstellt. Ganz allgemein geraten besonders Kinderfilme und -serien häufig ob ihres angeblich schädlichen Einflusses auf ihre jungen Rezipienten gerne unter Beschuss. Und daran sind meine speziellen Freunde, die Schwurbler, oft nicht unbeteiligt. So läuft schon seit längerer Zeit die Debatte, dass Disney-Zeichentrickfilme angeblich durch unterschwellige Sex-Botschaften zu unzüchtigem Verhalten aufrufen sollen. Botschaften, die keiner sieht, der nicht mit der Nase drauf gestoßen wird - und einen gewaltigen Dachschaden hat. Nun wissen wir ja, dass Sexualität laut christlichen Fundamentalisten und Aktivisten für Kinder noch weitaus schädlicher ist als explizite Gewalt. Aber nicht nur das - auch die alten Kinderserien, die wir so liebten, haben angeblich einen negativen Einfluss auf Kinder. So zeichne die beliebte Zeichentrickserie Lucky Luke ein sexistisches Frauenbild. Nun ja, wer die Comicserie Lucky Luke kennt, könnte nun auch einwenden, dass diese alte Western-Serien parodiert - die bekanntermaßen kein sehr modernes Frauenbild transportieren. Auch wenn sich nicht leugnen lässt, dass weibliche Darsteller in Kinderfilmen und -serien oft nur Nebenrollen besetzen. Ich habe dazu schon einmal etwas geschrieben. Und als wäre das noch nicht genug, wird auch darüber diskutiert, ob man Kinder Filme wie Die Unendliche Geschichte, die wir früher ganz selbstverständlich konsumierten, die aber den Tod von Figuren zeigten, überhaupt noch sehen lassen dürfte.

Nun, ich bin kein großer Fan der "Früher-war-alles-besser"-Ideologie. Dennoch muss ich zugeben, dass mir die alten Kinderserien und -filme in der Regel besser gefallen als die neuen. Das liegt möglicherweise auch daran, dass ich die alten Filme und Serien mehr mit meiner Kindheit verbinde und dass ich heute nicht mehr zur Zielgruppe gehöre. Schon als Kind hörte ich oft von den Erwachsenen, dass die neuen Kinderfilme und -serien alle "Dreck" seien und die alten angeblich viel besser. Gefallen hat mir der "Dreck" trotzdem - als Kind hat man noch keine so hohe Affinität zur Vergangenheit. Dennoch muss ich gestehen, dass ich die Tendenz, alte Serien und Filme als 3D-Remakes wieder auszustrahlen, eher erschreckend finde - so wie ganz allgemein den Hang zu Remakes in der heutigen Zeit, auch wenn ich mir bewusst bin, dass Remakes kein neues Phänomen sind. Aber zurzeit finde ich halt, dass hier massiv übertrieben wird.

Generell beobachte ich, dass dem Rezipienten - besonders im Kindesalter - weitaus weniger zugetraut wird, als er zu leisten imstande ist. Und dass wir in unserem ewachsenen Hang zur Interpretation, gerade wenn es um Medien für Kinder geht, mitunter übertreiben. Aber nicht zuletzt auch, dass Zusammenhänge - wie im Fall der Videospiele - allzu oft zu sehr vereinfacht werden. In Erinnerung an meine eigene Kindheit und Jugend bin ich der Ansicht, dass es für einen jungen Menschen im Prinzip hauptsächlich zwei Faktoren gibt, die seine Entwicklung prägen und entscheidend dafür sind, wie er die Welt später betrachtet: Das Elternhaus und das soziale Umfeld. Alles andere ist mehr oder weniger Auslegungssache.

vousvoyez

Dienstag, 27. August 2019

Wenn Jambo "Hallo" heißt, heißt dann Coco Jambo "Hallo, ihr Nüsse"?

(c) vousvoyez
Eine schwierige, aber durchaus nicht uninteressante Frage - zumindest bietet sich diese an, wenn man das Swahili-Wort "Jambo" in anderer Form nicht kennt. Ich habe mal gehört, dass Swahili einmal als Amtssprache der Afrikanischen Union hätte eingeführt werden sollen - ähnlich, wie man Esperanto als übergeordnete Weltsprache etablieren wollte. Der Unterschied ist halt, dass Esperanto eine Plansprache ist, also eine, die sich nicht evolutionär entwickelte, sondern aufgrund der Ghetto-Strukturen in der polnischen Stadt Bjelostock im späten 19. Jahrhundert von einer Einzelperson entwickelt wurde, während Kiswahili die Muttersprache einer ethnischen Gruppe in Ostafrika, eben dem Bantuvolk der Swahili, ist und bis heute die dort am weitesten verbreitete Verkehrssprache.

Wir wissen ja, dass die Zukunft unserer Erde im Moment mehr als ungewiss ist - und das bekommen besonders tropische Regionen, eben auch Afrika, vermehrt zu spüren. Wobei wir Afrika ja schon ziemlich lange sozusagen als Müllhalde benutzen - ich will hier jetzt nicht über die Kollektivschuld aller Europäer sprechen, Verantwortung tragen beide Seiten. Das Problem ist halt, dass besonders wir hier in Europa die Konsequenzen nicht sehen wollen. Ich habe in Isabel Allendes historischem Roman Geisterhaus gelesen, dass nach dem Militärputsch in Santiago, der Hauptstadt Chiles, die Bettler hinter Werbeplakaten versteckt wurden, damit die besser betuchte Bevölkerung die Illusion bekam, alles sei in bester Ordnung. So ähnlich kommt es mir auch heute manchmal vor - man kehrt den Schmutz unter den Teppich, um nicht zu zeigen, dass wir uns einem Abgrund nähern. Und Besorgnis erregend ist in diesem Rahmen natürlich auch, dass der Amazonas-Regenwald in Brand steht. Und deswegen möchte ich heute einmal über Empathie sprechen.

Empathie - die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle nachzuvollziehen - wird ja als eine der großen Tugenden der Menschheit begriffen. Was ja an sich auch nicht falsch ist. Das Problem dabei ist halt, dass Empathie nichts Rationales ist. Wir kennen das ja aus dem Alltag - wenn ein Prominenter stirbt, trauern auch Menschen, die diese Person als solche gar nicht kannten. Auf der Welt sterben täglich viele Menschen unter oftmals sehr grausamen Bedingungen. Das meiste wird aber im Alltag gar nicht erst erwähnt. Was natürlich auch verständlich ist - ich kann deswegen auch nicht tagaus, tagein im Bett liegen und weinen, weil es nichts ändert und weil ich meine eigene Situation dadurch nur sinnlos verschlimmern würde. Trotzdem bin ich mir dessen bewusst, dass unsere Welt mitunter auch ein Ort der Trauer und des Schreckens ist. Ich würde es gerne ändern und kann es nicht. Und ja, oft geht es mir deswegen auch nicht gut. Und um nicht an all dem zugrunde zu gehen, blende ich vieles aus. Das ist nicht schön, aber notwendig, weil ich nur so überlebe. Und viele von uns sind sich auch dessen bewusst, dass persönliches Leid nicht dadurch gelindert wird, indem man den Leidenden darauf hinweist, dass es anderen Menschen noch schlechter geht. Nun gut.

Die absurde Seite von Empathie wurde mir in letzter Zeit wieder vor Augen geführt, als die ersten Nachrichten über den Brand im Amazonas-Regenwald eintrafen. Das geschah ziemlich spät, weil ja zuvor Heidi Klum geheiratet hat, was ja so extrem wichtig ist, dass man rund um die Uhr darüber informiert werden muss. Und es hat anfangs auch irgendwie niemanden so richtig interessiert. Und die ersten Meldungen waren natürlich wieder der übliche mediale Dünnpfiff - der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro wetterte, dass angeblich irgendwelche Umwelt-NGOs den Regenwald angezündet haben sollen, während in den sozialen Netzwerken wieder mal Greta Thunberg als Sündenbock herhalten durfte. Den größten Aufschrei riefen aber die Photoshop-Bilder angeblich brennender Tiere hervor, die aktuell überall geteilt werden. Ein höchst erstaunliches Phänomen selektiver Wahrnehmung ist für mich ja auch, dass gerade Leute, die Seiten wie mimikama abonniert haben und sich kollektiv über rechtspopulistische Fake-Bilder empören, die dazu dienen, Linke, Ausländer und die Jugendlichen der Fridays-for-Future-Bewegung in den Dreck zu ziehen, plötzlich überhaupt kein Problem mehr damit haben, wenn überall im Netz ungekennzeichnete Fake-Bilder auftauchen, die angeblich aktuell im Amazonas-Regenwald aufgenommen wurden, weil der Zweck ja die Mittel heiligt. Obwohl man sich also moralisch über eine gewisse Menschengruppe stellt, ist man bereit, deren Methoden für seine eigenen Zwecke anzuwenden. Wem das nicht zu denken gibt, der sollte meiner Ansicht nach seine moralischen Prinzipien nochmals überdenken.

Was ich aber ebenfalls bemerkenswert finde: Solange nur die Luftbilder brennender Bäume zu sehen sind, berührt uns das nicht wirklich - Waldbrände sind ja per se nichts Ungewöhnliches, vor allem in den Sommermonaten. Sobald aber niedliche Tiere zu sehen sind, die vermeintlich zu Schaden kommen, sind alle auf einmal ganz erschrocken. Klar - natürlich kommen bei diesem Waldbrand auch sehr viele Menschen und Tiere zu Schaden und nein, dass diese Bilder Fake sind, ändert nichts daran. Diese Geschichte zeigt jedoch meiner Beobachtung nach, wie selektiv unsere Empathie eigentlich ist - Einzelschicksale berühren weit mehr als eine kollektive Katastrophe, kleine Kinder und süße Tiere rühren unser Herz viel mehr als erwachsene Personen, Pflanzen oder Tiere, die vielleicht nicht so süß sind. Bezeichnend finde ich in diesem Lichte auch der Umgang mit den Katastrophen, die sich schon seit längerer Zeit im Mittelmeer abspielen - zwischen 2014 und 2019 ertranken bisher schätzungsweise 17.900 Menschen im Mittelmeer. Empathische Reaktionen gab es jedoch erst, als im Netz das Foto eines ertrunkenen Kindes am Strand von Lampedusa auftauchte. Und mittlerweile scheint ja selbst das vergessen. Aber das ist eine andere Geschichte. Andererseits wird Empathie auch häufig dafür benutzt, um unlautere Verhaltensweisen zu rechtfertigen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Pfandflaschen sammelnden Rentner in Deutschland, die früher niemanden interessiert haben, die aber jetzt häufig als Argument benutzt werden, warum man Ausländern nicht helfen und sich nicht um die Umwelt sorgen soll. Kürzlich bekam ich einen Artikel zu Gesicht, in dem klimafreundliche Energie kritisiert wurde mit dem Argument, dass für die für Elektroautos so wichtigen Lithium-Batterien Bergarbeiter im Kongo sterben. Nun ja - einer der besten Freunde meines Partners ist Kongolese, mein Partner selbst ist dort geboren, und auch wenn das nicht so wäre, wie könnte mir das egal sein? Das Ding ist halt - auch für weitaus weniger klimafreundliche Produkte werden Menschen ausgebeutet, nicht nur im Kongo, aber auch dort. Das weiß man schon seit Jahrzehnten - interessiert hat es nur keinen. Erst jetzt, wo es um Klimafreundlichkeit geht, wird das angeprangert.

Nicht, dass wir uns jetzt falsch verstehen: Ich bin sicherlich keine von denen, die einem Menschen, der sich für Tiere einsetzt, Sätze wie "Und was ist mit den Menschen?" vor den Latz knallt. Falls ich das noch nicht erwähnt habe. Im Grunde genommen nützt ein weniger exzessiver Konsum von Tierfleisch den Menschen genauso viel wie den Tieren selbst, zumal das Futter für Massenbetriebe ja hauptsächlich aus Ländern kommt, wo Menschen verhungern. Vor sehr vielen Jahren, als es langsam zu den Menschen durchdrang, dass auch Personen, die nicht in der unmittelbaren Umgebung wohnen, möglicherweise Empathie verdient haben, kam man auf die Idee, dass auch Wesen einer anderen Spezies Gefühle haben, die man berücksichtigen sollte. Außer, man war ein Fan von René Descartes, der dereinst behauptete, Tiere seien Maschinen - früher hat mich diese These sauer gemacht, aber allmählich komme ich auf die Idee, dass dies mit der Industrialisierung zu tun haben könnte, wo Menschen ja teilweise auch schon als "Maschinen" begriffen wurden, die mit Hilfe medizinischer Versorgung "repariert" werden könnten und die durch Erziehung zum "Funktionieren" gebracht werden müssten. Es gibt nur zwei Dinge, die ich dabei echt scheiße finde: Erstens, dass so manche Tierfreunde einen regelrechten Hass gegen die gesamte Menschheit zu hegen beginnen - zugegeben, es ist nicht schwer, Menschen zu hassen, wenn wir sehen, was wir uns gegenseitig und anderen Lebewesen antun, aber was können hungernde Kinder dafür, dass viele von uns sich augenscheinlich Hunde züchten müssen, die nicht richtig atmen können? Und warum fällt man auf Wahlversprechen rein, die so augenscheinlich nicht dem Wohl der Tiere, sondern zum Schaden von Menschen, die zufällig anders aussehen als wir, gereichen? Zweitens, dass man seine Empathie so sehr an den Niedlichkeitsfaktor hängt.

Klar, Kinder sind in der Regel süßer als Erwachsene. Aber soll ein Teenager aus dem Sudan weniger Rechte haben als der Adoptivsohn von Madonna, nur weil er nicht so süß ist? Und ist der Brand des Amazonas-Regenwaldes tatsächlich weniger Besorgnis erregend, wenn dabei keine süßen Tiere zu Schaden kommen? Ernsthaft?

Tatsache ist, es brennt nicht nur der Regenwald - wir alle sind gefordert, unsere Denk- und Lebensweise gründlich zu hinterfragen. Und zwar jetzt!

vousvoyez

Sonntag, 28. Juli 2019

Wir machen eh fast nix schwarz

Mit diesen Worten hat meine Großmutter der Polizei einst versichert, dass ihre geschäftlichen Transaktionen immer komplett legal ablaufen. Mein Vater hat es jedoch geschafft, zu versichern, dass seine alte Mutter nicht mehr alle Tassen im Schrank hat - mit etwa fünfzig Jahren galt man in den sechziger Jahren eben noch als "alt". Ganz im Gegensatz zu heute, wo man in diesem Alter so aussieht wie damals die Dreißigjährigen.

Viele alte Leute suchen die Gesellschaft ja bei Haustieren, wobei Hunde da zu den beliebtesten gehören. Was mich zu dem Thema bringt, dem ich mich heute widmen will. Vor ein paar Tagen bin ich wieder mal auf einen Artikel gestoßen, der für einen kollektiven Aufreger gesorgt hat - der Artikel einer gewissen Katharina Schwirkus im der Zeitung Neues Deutschland mit dem Titel Lasst uns die Köter abschaffen. Ja, ich gebe zu - schon der Titel ist ziemlich provokant. Und im ersten Moment ist es auch der Artikel selbst - darin geht es darum, dass Hunde und auch Katzen in der Großstadt nichts verloren hätten; zum einen verschmutzen besonders Hunde die Gehwege, zum anderen sind sie schlecht für das Klima: weil sie Fleisch fressen (besonders die Vierbeiner wohlhabender Halter, die natürlich nicht mit Fleischresten abgespeist werden und dementsprechend auch eine höhere Lebenserwartung haben); weil der Hundekot mit klimaschädlichen "Gackerl-Sackerln" aus Plastik entfernt wird, deren Spender in jedem Park zu finden sind; weil der Kot von Hunden und Katzen nur schlecht abbaubar ist; weil Katzen durch ihren natürlichen Jagdtrieb einen Gefahr für Kleintiere darstellen.

Ja, ich weiß - auch ich habe mich im ersten Moment von der allgemeinen Empörung mitreißen lassen und mir direkt einmal gedacht, warum lastet man die Klimaprobleme den Haustieren an, wenn doch der Mensch - was ja auch keiner bestreitet, der noch alle Tassen im Schrank ist - schuld an der ganzen Misere ist? Erschwerend kommt dabei hinzu, dass auf Facebook und WhatsApp nicht der ganze Artikel geteilt wird, sondern ein Sharepic mit einigen Absätzen daraus sowie einem Foto und dem Namen der Autorin, mit der Überschrift "Unglaublich" - Quelle des Sharepics unbekannt. Zudem gehört Neues Deutschland zu 50 % der deutschen Partei "Die Linke" - und da ist natürlich klar, in welche Richtung der Shitstorm dann geht. Wie jeder sich wohl auch denken kann, der meinen Artikel über tierliebe Rechtsgestrickte gelesen hat.

Gerade in den westlichen Industrienationen - namentlich Deutschland, aber auch Österreich - wird Tierliebe großgeschrieben. Man braucht eigentlich nur den Fernseher einzuschalten - Tiere in Hülle und Fülle, wobei natürlich die Hunderln und Katzerln ganz vorn dabei sind. Und wenn man sich das deutschsprachige Internet zu Gemüte führt, sind Fotos und Videos von süßen Katzenbabys in der Rankingliste ganz weit vorn. Ich gebe zu - auch mir schmilzt das Herz beim Anblick niedlicher Tierbabys. Aber man sollte halt auch ein bisschen klaren Kopf bewahren.

Vielleicht mache ich mich jetzt ein wenig unbeliebt, wenn ich das so sage, aber ich finde, wenn der Artikel auch stark überzogen ist - und das sicher mit voller Absicht -, so enthält er vielleicht doch ein Körnchen Wahrheit. Wartet, nicht weglaufen, lasst es mich erst mal erklären, bevor ihr mich mit Tomaten und Hundekot bewerft!
Ich finde nicht, dass Tierhaltung - speziell in der Großstadt - immer so sinnvoll ist. Und ich finde auch nicht, dass jeder Tierhalter tatsächlich auch ein Tier haben sollte. Und wer nur ein kleines bisschen über den Satz "Tiere sind süß" hinausdenken kann, sollte diese Seite jetzt nicht schießen und denken, "die Wahnsinnige hat sie doch nicht alle beieinander, ich geh lieber Katzenvideos anschauen".

Ich denke nicht, dass jeder automatisch ein Tierfreund ist, nur weil er ein Tier zu Hause hat. Schauen wir uns nur einmal die überfüllten Tierheime an. Wieso sind die denn so voll? Nun ja - ich würde mal behaupten, viele Tiere, die hier landen, tun es deshalb, weil sich jemand ein süßes Hunderl oder Katzerl angeschafft hat, mit dem er dann letztendlich überfordert war. Speziell zu Weihnachten will man seinen Sprösslingen eine Freude machen, und für viele steht ein Haustier ganz oben auf der Wunschliste. Ich gebe zu - für mich war das als Kind genauso. Mir wurde immer gesagt, es wäre nicht möglich, mir ein Haustier zu schenken, weil mein Vater und meine Schwester allergisch auf Tierhaare waren. Klar ist das ein Argument - ich weiß aber inzwischen, dass das nicht der einzige Grund war. Zum einen leben Hunde und Katzen nun mal nicht so lang wie Menschen, und der Verlust des geliebten Vierbeiners ist natürlich schmerzhaft. Zum anderen aber - und das ist ja ein entscheidender Punkt - bringt so ein Tier natürlich nicht nur Spaß und Freude, sondern auch Arbeit und Verantwortung. Und das ist halt gerade bei kleineren Kindern so ein Ding - man wünscht sich ein Tier, weil es süß ist und weil andere Kinder im Fernsehen mit ihren Tieren immer so tolle Abenteuer erleben. Dann aber stellt man fest, dass man mit einem Hund bei jedem Wetter aus dem Haus gehen muss, dass man regelmäßig das Katzenklo reinigen muss, dass süße Tierbabys nicht immer klein bleiben, dass man als Tierhalter nicht ganz so sorglos in den Urlaub fahren kann. Und irgendwann verliert man das Interesse - und wenn man dann keine Eltern hat, die einem ins Gewissen reden oder die Pflege des Tieres selbst übernehmen, landen diese im Tierheim, werden an Straßenrändern ausgesetzt, im schlimmsten Fall landen sie im Müll oder werden getötet. Das ist ein Problem, von dem bestimmt jeder schon gehört hat. Ich habe in Amerika eine Familie erlebt, die sich einen Cockerspaniel-Welpen geholt hat - als sich dann herausstellte, dass dieser sich mit dem anderen Hund, der schon dort lebte, nicht vertrug, wurde er einfach in den Wintergarten gesperrt und dort sich selbst überlassen.

Darüber hinaus geht auch die Anschaffung des Tieres nicht immer ganz korrekt vonstatten - ich spreche jetzt nicht nur von Jungtieren aus Osteuropa, die natürlich auch erwähnt werden müssen, oder illegal eingeführten Exoten. Jeder, der sich ernsthaft mit dem Tierschutz auseinandersetzt, spricht sich ganz klar gegen die Zucht von Rassehunden und -katzen aus. Ich habe bei der Debatte um Rassismus ernsthaft schon das Argument gehört, die "Mischung" verschiedener menschlicher Ethnien sei deshalb unzulässig, weil Tierzüchter ja auch darauf achten, dass ihre Tiere reinrassig bleiben.
Ernsthaft? Das soll ein Argument dafür sein, alle Grenzen bis auf den letzten Spalt dichtzumachen und ausländisch aussehende Personen möglichst rauszuschmeißen? So, und was, denkt man jetzt, hat es zu bedeuten, wenn Hunde nicht mehr richtig atmen können, weil man ihnen die Nasen so flach gezüchtet hat; wenn Perserkatzen taub werden, weil man sie unbedingt weiß und blauäugig haben will; wenn gerade reinrassige Tiere anfälliger für Krankheiten sind als Mischlinge? Ist das tatsächlich ein Indiz dafür, dass die Reinerhaltung der Rasse ach so "natürlich", "gottgewollt" oder "normal" ist? Echt jetzt?

Es gibt leider immer noch zu viele Leute, die sich ein Tier anschaffen, weil sie es süß oder auch cool finden, oder weil es gerade Mode ist. Ich habe schon viele gesehen, die sich so genannte "Listenhunde", im Volksmund auch Kampfhunde genannt, angeschafft haben, weil sie ganz offensichtlich ein gewisses Image verkörpern wollen - aber nicht, weil sie im Umgang mit diesen Tieren so besonders erfahren wären. Und das ist das eigentliche Problem - nicht der Kampfhund an sich. Ebenso, wie es bei Tieren geschieht, die man aus einer Mode heraus zu sich geholt hat.

Wer kennt es nicht - wenn eine gewisse Tierart gerade in einem beliebten Film oder einer Fernsehserie zu sehen ist, wollen viele gleich einmal so ein Tier haben. Und informieren sich gar nicht, ob dieses Tier überhaupt für sie geeignet ist. Aktuell ist ja die Serie Game of Thrones sehr beliebt. Ich gebe zu, ich kenne mich in der Serie überhaupt nicht aus; ich glaube, ich habe schon erwähnt, dass mich Fernsehserien momentan überhaupt nicht interessieren. Diese Meinung teilen aber nicht allzu viele.
In dieser Serie spielen die Schattenwölfe eine ganz wichtige Rolle - eine amerikanische Wolfsart, die offenbar seit etwa 300.000 Jahren ausgestorben ist. In der Serie werden sie von Hunden dargestellt, die Wölfen sehr ähnlich sehen, sowie einem Polarwolf. Auf dem Bildschirm werden sie digital bearbeitet, um den Tieren aus der Buchvorlage zu ähneln, und als loyale Begleiter und Beschützer der menschlichen Darsteller gezeigt. Natürlich hegen viele Fans der Serie den Wunsch, selbst so einen Schattenwolf zu besitzen - und holen sich Sibirische Huskys nach Hause, die diesen sehr ähnlich sehen. Doch Huskys sind in ihrer Haltung sehr anspruchsvoll, da sie sehr viel Auslauf und geistige Beschäftigung brauchen. In der Folge verhalten sich die Tiere natürlich nicht so wie vom Halter erwünscht, dieser ist überfordert und hat nur den einen Wunsch, den Hund möglichst schnell wieder loszuwerden.

Und das ist nur eines von vielen Beispielen. Besonders in britischen Werbespots tauchen oft Hunde mit extrem kurzen Schnauzen wie etwa der Mops oder die Französische Bulldogge auf - die sehr oft an chronischen Atemwegserkrankungen oder auch Augen- und Hautproblemen leiden. Jemand, der schon einmal zugehört hat, wie so ein Mops atmet, kann doch nicht ernsthaft glauben, das sei ganz normal und natürlich. Ich erinnere mich auch noch daran, als die Fernsehserie Kommissar Rex populär wurde - plötzlich wollte jeder einen deutschen Schäferhund haben, eine Rasse, die zuvor nicht allzu viel Beachtung fand, wenn man mal davon absieht, dass sie für viele Deutsche der Gegenstand des Nationalstolzes sind.

Modische Impulskäufe betreffen aber nicht nur Hunde - ich erinnere mich an die Zeit, als die Buchreihe Harry Potter populär wurde und wenig später auch noch die Verfilmungen. Eines der wichtigsten Tiere in diesen Büchern ist natürlich die Eule, die von Zauberern zur Postbeförderung verwendet wird und sich in den Geschichten klarerweise auch nicht so verhält, wie Eulen es normalerweise tun. Die Folge der Popularität dieser Bücher und Filme war natürlich, dass viele Fans sich Eulen als Haustiere wünschten - was keine gute Idee ist, da Eulen alles andere als geeignete Haustiere sind. Und welcher Mensch, der noch alle beieinander hat, kann schon ernsthaft glauben, dass eine Eule sich in einem Käfig in einer Stadtwohnung wohlfühlen könnte?

Natürlich gibt es in der Tierhaltung auch viele positive Beispiele. Auch ich kenne viele, sehr viele Tierhalter, die ihre Tiere gut behandeln, für die ein Haustier nicht nur ein hübsches Accessoire ist und die sich auch aktiv für die verantwortungsvolle Tierhaltung einsetzen. Von diesen Leuten ist in dem Artikel nicht die Rede. Natürlich ist schon allein der Begriff "Köter" eine Provokation - man muss aber dazu sagen, dass es sich bei besagtem Artikel klar gekennzeichnet um einen Kommentar handelt, also lediglich um die Meinung der Autorin. Und ich denke, dass sie bewusst provozieren wollte - damit so mancher sein Verhältnis zu Haustieren noch einmal überdenkt.

vousvoyez

https://www.mimikama.at/allgemein/faktencheck-koeter/

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1123036.haustiere-das-klima-geht-nicht-vor-die-hunde.html

https://www.nationalgeographic.de/tiere/2019/05/schattenwolf-flut-im-tierheim-viele-got-fans-mit-huskys-ueberfordert

Samstag, 29. Juni 2019

Die Eiserne Jungfrau ist deswegen so rostig, weil sie so selten benutzt wird

Nun ja, mittelalterliche Folter und Hinrichtung ist in unserer Gesellschaft halt nicht mehr gern gesehen - zum Glück, kann man dazu natürlich sagen. Trotzdem ist die Faszination der eisernen Jungfrau bis heute ungebrochen. Vor fast zwei Jahren war ich das letzte Mal in der Südoststeiermark - dort gibt es eine fast 900 Jahre alte Burg, die Riegersburg, in deren mittlerweile modernisiertem "Hexenmuseum", das die Hexenprozesse der frühen Neuzeit behandelt, auch das Prachtexemplar einer solchen Eisernen Jungfrau ausgestellt wurde - ein eiserner Hohlkörper in Frauengestalt, dessen Innenraum mit spitzen Nägeln beschlagen ist. Doch ob eiserne Jungfrauen tatsächlich für Folterungen und Hinrichtungen eingesetzt wurden, weiß man bis heute nicht - schriftliche Belege hierfür gibt es nicht, auch wenn zahlreiche Folterprotokolle überliefert wurden (was logisch ist, denn die Folter wurde und wird ja bekanntlich zur Beweisgewinnung durchgeführt). Einem Bericht zufolge war etwa die Eiserne Jungfrau von Nürnberg ursprünglich ein sogenannter "Schandmantel", ein hölzerner oder metallener Hohlkörper, dessen Träger beschimpft, geohrfeigt und mit Unrat beworfen werden durfte. Im 19. Jahrhundert wurde das Innere des Schandmantels mit Bajonettspitzen aus den Befreiungskriegen ausgestattet und das Exponat anschließend im Museum ausgestellt, um die Sensationslust des Publikums zu stillen. Und offensichtlich war sie da nicht die einzige. Eines steht jedoch fest: Die Eiserne Jungfrau ist in meiner Wahrnehmung geschrumpft - wohl auch, weil ich inzwischen größer geworden bin. Und die Aufdeckung des Mythos behalten wir bitte schön für uns - immerhin ist die Eiserne Jungfrau das Schmuckstück des Hexenmuseums. Auch wenn sie allmählich immer rostiger wird - eben weil sie so selten benutzt wird.

Wie gesagt, mittelalterliche Folter ist zumindest in unseren Breiten heute obsolet geworden - was aber nicht bedeutet, dass es bei uns überhaupt keine Folter mehr gibt. In meinen Augen sind auch Vornamen mitunter Folter - auch wenn das Empfinden von Namen als schön oder hässlich natürlich subjektiv und das Vergeben derselben heutzutage mitunter nicht mehr ganz so einfach ist. Denn einfache, normale Namen, die auch allgemein als "schön" empfunden werden, wie etwa Alexander, Maximilian, Anna oder Lena, sind bereits tausendfach vergeben. Manche können sich wohl nicht zwischen den Lieblingsnamen entscheiden oder wollen dem Namen des Sprösslings eine individuellere Note geben und greifen daher zu Doppelnamen. Ob man jedoch der kleinen Ann-Sophie oder dem kleinen Jan-Lucas damit einen Gefallen tut, ist natürlich fraglich - leben wir doch in einem Land der Bürokratie, in der Bindestrich-Doppelnamen immer ausgeschrieben werden müssen, egal ob der Träger des Namens damit glücklich ist oder nicht. Schwierig wird es dann, wenn die Vorliebe für Bindestrich-Namen die Verfechter(innen) von Kevinismus und Chantalismus befällt - für manche gehört beides zusammen, weshalb der Start ins Leben für Jeremy-Pascal und Marie-Chantal wohl noch ein wenig komplizierter ist.

Ach ja, der Kevinismus - ein Phänomen unserer Zeit, das häufig mit bildungsfernen Bevölkerungsschichten in Verbindung gebracht wird, sind doch kevinistische bzw. chantalistische Vornamen in Reality-Soap-Formaten à la RTL besonders beliebt. In Wirklichkeit kommen sie jedoch in allen Gesellschaftsschichten vor - und es ist auch keineswegs ein neues Phänomen. Früher war die Vergabe exotischer (meist französischer) Vornamen eher in "besser gestellten" Familien Usus - die konnten sie aber zumeist auch aussprechen. Blöd nur, wenn das die weniger gebildeten Mitmenschen nicht konnten. Nach der Hochzeit des Schahs von Persien mit der deutsch-persischen Soraya Esfandiary Bakhtiary, die nach der Scheidung dieser Ehe als Filmschauspielerin Karriere machte, war auch der Vorname Soraya im deutschsprachigen Raum sehr beliebt. Zu Beginn der 1990er Jahre tauchte dann der Vorname Kevin gehäuft auf - in Österreich wird die Beliebtheit dieses Namens eher ländlichen Regionen zugeschrieben, in Deutschland den neuen Bundesländern, allgemein aber eher den "bildungsfernen Schichten". Aussagekräftige Statistiken gibt es hierzu jedoch nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass die Beliebtheit dieses Namens durch die Filme Kevin - Allein zu Haus und Kevin - Allein in New York mit Kinderstar Macaulay Culkin in der Hauptrolle ausgelöst wurde. Oder auch durch den Schauspieler Kevin Costner. Jedenfalls stieg von da an die Tendenz, Kinder nach amerikanischen Schauspielern und Popstars zu benennen. Mittlerweile schließen jedoch die ersten Kevins, Justins, Jessicas und Phoebes die Universität ab, was die Behauptung, alle Träger dieser Namen seien dumm, natürlich widerlegt.

Eine parallel damit einhergehende Mode sind auch französische Vornamen - wobei Namen wie Pascal, Marcel, Nicole oder Nathalie zumindest noch in den deutschsprachigen Raum integriert werden können, da die Aussprache nicht schwierig ist. Happiger wird es allerdings, wenn Eltern Namen vergeben, die sie selbst nicht aussprechen können - Pech für Schakkeline oder Tschaklin (Jacqueline), Frankoise (Françoise), Mauris (Maurice), Pirschelbär (Pierre-Gilbert) oder Üffes (Yves). Parallel dazu bestehen viele Eltern mit vorwiegend deutschen bzw. österreichischen, bestimmt aber nicht englischen Wurzeln darauf, dass die eigentlich hebräischen oder griechischen Vornamen ihrer Kinder englisch ausgesprochen werden müssen. So wird aus Jason "Tschäsn", aus David "Däwid", aus Simon "Saimen" und aus Jonathan "Tschonäsän". Und hinterher dann oft noch ein deutsch-österreichisches Meier oder Müller. Letztens habe ich mit Schrecken mitbekommen, dass ein junger Erwachsener den Namen des Sohnes des biblischen Propheten Abraham, der beinahe Gott geopfert worden wäre, als "Eisäck" aussprach.

Neben Kevinismus und Chantalismus ist mittlerweile allerdings auch der sogenannte "Emilismus" oder Retronomizismus auf dem Vormarsch - die Neigung mancher Eltern, allerdings aus eher gebildeterem Milieu, den Kindern in der Absicht der Individualisierung altmodisch klingende Vornamen oftmals germanischen Ursprungs zu geben, die häufig aus literarischen Vorlagen oder von den Großeltern stammen. So sind Emil, Lorenz, Luise und Josefine schon seit längerem wieder im Kommen. Was möglicherweise viele auch nicht wissen: Die beliebten Kindernamen Ronja und Maja sind ebenfalls von Schriftstellern erfunden - der eine von Astrid Lindgren (Ronja Räubertochter), der andere von Waldemar Bonsels (Biene Maja). Die Neigung, den eigenen Kindern diese Namen zu geben, kommt aber wohl von eher von den Adaptionen fürs Fernsehen. Auch erwähnenswert ist die in den 1970er Jahren aufgekommene Neigung, die eigenen Kinder "nach Ikea-Regalen" (Zitat Uncyclopedia) zu benennen und sie bei nordeuropäische Namen zu nennen, ein Phänomen, das in Deutschland allerdings verbreiteter ist als in Österreich - besonders in nördlichen Regionen sind die Svens, Oles, Sörens, Freyas, Friggas und Saskias sehr häufig anzutreffen. Zurzeit auch sehr in Mode ist es, bei als normal empfundenen Namen einzelne Buchstaben wegzulassen; so entstehen etwa Namen wie Mia (Maria) oder Anja (Tanja).

So, und jetzt will ich einmal was klarstellen: Kein Träger all dieser Namen soll sich deswegen persönlich angesprochen fühlen. Natürlich konnte ich mir einen gewissen Sarkasmus nicht verkneifen, auch wenn ich versucht habe, möglichst wertfrei zu bleiben. Aber eines sollte wohl klar sein - Vorurteile entstehen in den Köpfen anderer und nicht durch die Schuld ihrer Opfer. Und wie schon angedeutet, sagt der (ohnehin von den Eltern gegebene) Vorname nichts über die Intelligenz oder den menschlichen Wert seines Trägers aus. Im übrigen gibt es unter den oben angeführten Namen auch welche, die mir durchaus gefallen - auch wenn ich sie in unseren Breiten nicht immer für angebracht halte. Und man darf auch nicht vergessen, dass es im deutschsprachigen Raum auch Personen mit Wurzeln aus dem Ausland gibt - diese tragen dann oft halt auch andere Vornamen. Die Behauptung, der Name "Mohammed" sei in Deutschland zurzeit der am häufigsten vorkommende bei Babys, kann ich allerdings entkräften - wer mir nicht glaubt, kann ausnahmsweise Dr. Google zu Rate ziehen und isch erkundigen, welche Namen in Deutschland und Österreich derzeit am beliebtesten sind. Darüber hinaus werde ich auch selten müde, darauf hinzuweisen, dass Sprache einem stetigen Wandel unterworfen ist - allein unser Dialekt geht auf italienische, slawische, ungarische und auch jiddische Einflüsse zurück.

Abgesehen davon, dass die oben angeführten Beispiele nichts, aber auch gar nichts sind gegen den Wahn vieler Prominenter, bei der Vergabe der Namen ihrer Kinder möglichst "kreativ" zu sein. Und um ehrlich zu sein, fehlt mir da - im Gegensatz zu vielen Ausrutschern der "Normalos" jegliches Verständnis. Denn welcher Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, kommt ernsthaft auf die Idee, seine Kinder nach Obst (Apple, Peaches), Jeansmarken (Denim, Diezel), Tieren (Bunny, Bear), Orten (Brooklyn, Paris, Egypt), Schulfächern (Science), Berufen (Pilot, Inspector) oder Gegenständen (Satchel) zu benennen? David Bowie war zumindest human genug, daran zu denken, dass sein Sohn Zowie eines Tages erwachsen sein wird, und gab ihm zusätzlich den Namen Duncan.

Im Lichte dessen bin ich offen gestanden recht froh, dass mein eigener Name zumindest noch als "normal" eingestuft wird - weder besonders exotisch noch wirklich häufig. Das ist doch auch was!

vousvoyez

Freitag, 21. Juni 2019

Ich bin traurig, weil ich nicht mehr mit der Burka in die Sauna gehen kann

(c) vousvoyez
Ja, die Unmöglichkeit, mit Burka in die Sauna zu gehen, ist tatsächlich ein sehr gravierendes Problem, das unbedingt angesprochen gehört. Wie ihr wahrscheinlich schon festgestellt habt, kommt diese Weisheit aus derselben Zeit wie die vorangegangene - damals wurde zusätzlich zum allgemeinen Verhüllungsverbot ja auch über Burkini-Verbot in Schwimmbädern diskutiert, das inzwischen aufgehoben werden soll. Denn wenn man nicht alles verbietet, dann werden wir in Bälde vom Islam überrollt werden, und dann müssen wir Frauen in Zukunft alle Burkas tragen und dürfen das Haus nicht mehr verlassen - so zumindest die Logik der Rechtspopulisten, die gleichzeitig gar nicht so begeistert davon sind, dass Frauen heutzutage so selbstständig und selbstbewusst sind. Diese Argumentation erinnert an die Sprüche, mit denen wir alle aufgewachsen sind und die ich insgeheim als "Kindheitsmythen" bezeichne.

Ein klassischer "Kindheitsmythos" ist die Geschichte von Weihnachtsmann und Osterhase - wobei bei uns in Österreich ja nicht der Weihnachtsmann, sondern das Christkind kommt. Das darf man ja nicht unerwähnt lassen! Hier ist die Konsequenz ganz einfach: Wenn du nicht brav bist, bringt der Osterhase bzw. das Christkind/der Weihnachtsmann keine Geschenke. Bei uns zu Hause wurde immer ein bis zwei Tage vor dem 24. Dezember das Wohnzimmer zugesperrt, und man erzählte mir, das Christkind sei dabei, alles für die Bescherung vorzubereiten. Ich dürfe bis zum großen Moment nicht durchs Schlüsselloch schauen, weil das Christkind sonst alle Geschenke und den Baum wieder mitnimmt. In Deutschland und Österreich kommt Anfang Dezember auch noch zusätzlich der Nikolaus, der im Ostalpenraum vom Krampus begleitet wird. Auch diese Kausalität ist schnell erzählt: Wenn du brav bist, bekommst du Geschenke vom Nikolaus; wenn du schlimm bist, nimmt dich der Krampus mit. Wohin er die vielen schlimmen Kinder bringt, war allerdings nie ganz klar - manche behaupteten, in die Hölle, da der Krampus vom Aussehen her oft wie der Satan dargestellt wird. Ich habe als kleines Kind tatsächlich geglaubt, der Krampus sei gleichzeitig der Teufel. Als ich klein war, kam schwarze Pädagogik allerdings langsam aus der Mode, und die Strafe fürs Schlimmsein beschränkte sich darauf, dass der Nikolaus bei seinem jährlichen Besuch aus einem großen Buch sowohl die guten Taten als auch die Verfehlungen eines Kindes vorlas. Was ich persönlich schon peinlich genug fand - aber immer noch besser, als wenn der Krampus mitgekommen wäre. Was den betraf, so beschränkte sich meine Mutter auf Drohungen - indem sie mir erklärte, wenn ich nicht brav sei, käme nicht nur der Nikolaus, sondern auch der Krampus. Passiert ist das allerdings nie - außer in der Pfadfindergruppe, aber da war ich schon fast acht und wusste, dass die beiden Krampusse in Wirklichkeit verkleidete Pfadfinderführer waren. Außerdem gibt es ja auch noch die Zahnmaus, in manchen Familien auch die Zahnfee - da geht es aber nur darum, dass man seine ausgefallenen Milchzähne gegen kleine Geschenke eintauscht.

Und es gibt Mythen, die auf bestimmte Situationen bezogen sind - manche verschwinden mit der Zeit, andere entwickeln sich neu. Wie der Krampus, so sind auch andere Gestalten, die früher durch Kinderphantasien geisterten, Produkte der schwarzen Pädagogik. Vielleicht schreibe ich zu dieser noch mal etwas - wir werden sehen. Wir kennen ja alle das alte Kinderlied vom Bi-Ba-Butzemann aus der Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn, die im frühen 19. Jahrhundert von Achim von Arnim und Clemens Brentano herausgegeben wurde. In diesem Lied wird er allerdings als harmlose Figur dargestellt, die den Kindern Äpfel bringt - ursprünglich aber war der Butzemann ein böser Dämon, mit dem Kindern gedroht wurde, die nicht brav sein wollten, ähnlich wie der "schwarze Mann", der nicht, wie heute behauptet, dazu gedacht war, um Kindern vor Afrikanern Angst zu machen; den schwarzen Mann gab es schon im Mittelalter, als die meisten Menschen in Europa noch gar nicht wussten, dass es auch dunkelhäutige Menschen gibt. Mir war er nur von dem beliebten Kinderlied "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?", in manchen Regionen auch "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?", bekannt; ich habe mir da auch nie einen Afrikaner vorgestellt. Auch der Sandmann war ursprünglich nicht das niedliche Sandmännchen aus der deutschen Kindersendung; in E. T. A. Hoffmanns Novelle Der Sandmann wird erzählt, dass er den Kindern Sand in die Augen streut, bis diese herausspringen, dann packt er sie in seinen Sack und fliegt damit zur Mondsichel, wo sich sein Nest befindet, und verfüttert sie an seine Kinder, die in der Erzählung scharfe, krumme Schnäbel haben. Die gruselige Sandmann-Geschichte ist in der Novelle der schauerliche Gegensatz zu der netten Kindergeschichte vom Sandmann, der den Kindern Sand in die Augen streut, damit sie einschlafen, und dessen Rückstände man sich morgens aus den Augen reibt. Die ältere Version des bösen Sandmannes wurde übrigens im frühen 19. Jahrhundert durch Hans-Christian Andersen abgemildert. In Österreich gab es außerdem noch das Pechmandl, das den Kindern mit ein wenig Zirbenpech die Augen verschließt.

Außerdem gibt es noch zahlreiche "Wenn-Dann"-Geschichten, die man uns Kindern aufgetischt hat und von denen manche die Generationen überdauert haben. Andere sind inzwischen nur noch Erinnerung - meine Mutter hat mir beispielsweise erzählt, dass man sie als Kind davor gewarnt hat, Kirschkerne zu essen, da diese im Blinddarm stecken blieben und dieser dann herausoperiert werden müssten. Der Kabarettist Lukas Resitarits erzählte einmal, er habe sich den Blinddarm immer als eine Art Sack vorgestellt, in dem sich die Kirschkerne dann sammeln würden, bis der Arzt ihn herausholte und ausleerte - dieser Mythos war also ziemlich weit verbreitet und kam auch in der Verfilmung des Erich-Kästner-Kinderromans Pünktchen und Anton von 1953 vor. Eine weitere Drohung war: "Wenn du schielst, bleiben die Augen stecken!" Ich glaubte als Kind tatsächlich, dass Kinder, die eine Fehlstellung der Augen aufwiesen, zu viel geschielt hätten, weshalb ihre Augen steckengeblieben sind. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich heute nicht schielen kann - manche sind ja Meister im Augenverdrehen. Auch die Behauptung, vom vielen Fernsehen bekomme man viereckige Augen, habe ich geglaubt, obwohl ich nie jemanden gesehen habe, dem das passiert ist - außer, man zählt diejenigen mit, die heute Brillenträger sind, aber bekanntlich gibt es ja auch runde Brillenfassungen, und ich habe mir das auch nicht so vorgestellt. Außerdem wurde uns immer erzählt, dass man "Magenverpickung" (österreichisch für einen verklebten Magen) bekommt, wenn man den Kaugummi schluckt, was ich als Kind mit größter Freude getan habe. Was im Falle so einer "Magenverpickung" passiert, habe ich allerdings nie erfahren - ich habe mir lediglich eine Art Hohlraum im Bauch vorgestellt, dessen Wände mit Kaugummi vollgeklebt sind, ähnlich wie die Unterseite von Schulbänken.

Der Fortschritt der Zeit warf also auch schon im späten 20. Jahrhundert einige bisher nie dagewesene Probleme auf - beispielsweise sind die kulinarischen Vorlieben von Kindern nicht immer gesund. In meiner Kindheit war Coca-Cola ein sehr beliebtes Getränk, das die meisten von uns jedoch nur zu besonderen Anlässen trinken durften. Ich durfte Abends eine Zeit lang kein Cola trinken, weil meine Mutter Angst hatte, dass ich dann nicht schlafen konnte - andere erzählten mir jedoch, dass man ihnen sagte, sie bekämen schwarze Füße oder Läuse im Bauch, wenn sie zu viel Cola tränken. Ich glaube, zumindest die schwarzen Füße hätten mir Eindruck gemacht.

Kinder haben bisweilen auch ein paar unappetitliche Vorlieben - manche betreiben diese bis ins Erwachsenenalter hinein. So bohren viele von ihnen gerne in der Nase. Ich wurde ja lediglich darauf hingewiesen, ich solle das nur tun, wenn ich unbeobachtet wäre - beispielsweise auf der Toilette. Andere erzählten mir jedoch, man habe ihnen gesagt, beim Nasenbohren breche der Finger ab - bei uns hieß es nur "Wenn du im Hirn bist, schick mir eine Ansichtskarte!" Für den österreichischen Kabarettisten Josef Hader die Inspiration für einen fiktiven Ausflug ins eigene Hirn. Manchen erzählte man allerdings auch, sie zögen durch das Popeln das eigene Hirn mit raus.

Nicht jedes Kind mag Obst und Gemüse - bei mir war zumindest Gemüse nie ein Problem. Im Herbst war die Zeit, als die Äpfel reif wurden, die man dank des globalen Handels mittlerweile das ganze Jahr über bekommt; im Sommer waren Wassermelonen aus den südeuropäischen Regionen außerdem eine beliebte Erfrischungsquelle, besonders wenn man in Griechenland oder Spanien Urlaub machte. Heute werden diese Melonen ja größtenteils ohne Kerne gezüchtet - was ich persönlich ein bisschen schade finde. Bei Wassermelonen gibt es drei Fraktionen - die, die vorher die Kerne mit dem Messer rausholen; die, die die Kerne ausspucken; und die, die die Kerne mitessen. Letztere Gruppe ist eher selten, ich gehörte aber schon von klein auf dazu. Auch vom Apfel aß ich die Kerne gern - das mache ich auch heute noch. In meiner Familie war das auch nie ein Problem, aber von anderen erfuhr ich, dass man ihnen erzählte, wenn sie die Kerne von Äpfeln oder Melonen äßen, wüchse ihnen im Bauch ein Apfel- bzw. Melonenbaum. Wobei Melonen Kürbisgewächse sind und eigentlich gar nicht auf Bäumen wachsen - also wieder Fake-News! Außerdem wurden wir davor gewarnt, nach dem Genuss von Kirschen und Äpfeln Wasser zu trinken, weil man dann Bauchschmerzen bekäme - ich habe es immer getan und mir ist das nie passiert. Aber ich muss dazu sagen, dass ich immer schon einen relativ guten Magen hatte.

Ein Kinderbuch, das nachhaltigen Einfluss auf ganze Generationen von Kindern hatte, war Carlo Collodis Pinocchio aus dem späten 19. Jahrhundert, auch wenn die vielen unterschiedlichen Verfilmungen heutzutage wohl bekannter sind als das Original - die Geschichte der Holzpuppe, die lernen soll, sich den Erwachsenen gefällig zu verhalten, um am Ende ein richtiger Junge zu werden. Das wohl markanteste Motiv in diesem Buch ist, dass Pinocchios Nase immer länger wird, wenn er lügt - was viele Eltern dazu veranlasst hat, ihren Sprösslingen zu erklären, dass sie vom Lügen eine lange Nase bekämen. Mein Partner hat das mit seinem Sohn auch so gemacht. Noch heute wird "Pinocchio" gerne als Synonym für einen leicht durchschaubaren Lügner verwendet - namentlich für Politiker.
Außerdem achteten wir peinlich genau darauf, nicht unmittelbar nach dem Essen schwimmen zu gehen, weil uns die Erwachsenen davor warnten, dass wir dann zu schwer wären und das Risiko, zu ertrinken, erhöht sei. Bis heute warnen Kinderärzte davor, kürzer als eine halbe Stunde nach dem Essen mit dem Schwimmen zu warten, da es dadurch zu Kreislaufproblemen kommen könnte. Wissenschaftlich belegt ist diese Behauptung jedoch nicht. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich sie bis heute ernst nehme - man kann ja nie wissen (hihi). Übrigens war Schwimmen schon als Kind mein Lieblingssport, und ich blieb meist im Wasser, bis meine Eltern mir sagten, wenn ich nicht rauskäme, würden mir irgendwann Schwimmhäute zwischen den Fingern wachsen.

Wie schon öfter angemerkt, hatte ich als Kind mit dem Essen von Gemüse kein Problem - beispielsweise habe ich immer fleißig Karotten gegessen. Immerhin sei das ja gut für die Augen, wie es hieß. Trotzdem bin ich heute Brillenträgerin. So kann's gehen! Ein Klassiker der Kindheitsmythen ist außerdem die Warnung "Wenn du deinen Teller nicht leer isst, kommt morgen schlechtes Wetter!" Nun ja - heute haben wir Klimaerwärmung und dicke Kinder. Dieser Spruch kommt wohl aus der Nachkriegszeit, als man sich nicht immer darauf verlassen konnte, dass die Kinder auch satt würden - in einer Zeit in einem Land, in dem es eher zu viel als zu wenig zu essen gibt, ist das aber wohl eher kontraproduktiv, denn wer als Kind kein Sättigungsgefühl entwickelt, neigt eher zu Gewichtsproblemen.

Ein wichtiger Punkt in der Kindererziehung ist natürlich auch die sexuelle Aufklärung. In der heutigen Zeit übernimmt das bereits die Volksschule - in meiner Schulzeit begann der Sexualkunde-Unterricht erst im ersten Gymnasial- oder Hauptschuljahr, aber die meisten von uns wussten schon vorher Bescheid. Ein Klassiker der Kindheitsmythen ist natürlich die Geschichte vom Storch, der die kleinen Kinder bringt. Die kannte ich aus dem Disney-Film Dumbo, aber ich wusste schon mit etwa drei Jahren, dass Babys aus dem Bauch der Mutter herauskommen. Wie sie da reinkommen, erfuhr ich allerdings erst später. Ein beliebter Zeitvertreib in der Pubertät, teilweise sogar schon in der Kindheit, ist natürlich die Masturbation. Heute eine anerkannte Methode, die eigene Sexualität zu erkunden, war sie früher geächtet und verpönt - besonders Jungen erzählte man, Onanieren mache blind, oder davon wüchsen Haare auf den Handflächen. Besonders Letzteres entbehrt jeder Logik, wenn man bedenkt, dass nicht einmal Pelztiere Haare auf den Fußsohlen haben.

Als ich etwa im Volksschulalter war, entwickelte ich eine Vorliebe für dicke Bücher. Unter anderem erbte ich eine Sammlung deutscher Balladen. Eine dieser Balladen, die mich am meisten faszinierten, war Die wandelnde Glocke von Johann Wolfgang von Goethe. Darin geht es um ein Kind, das am Sonntag nicht in die Kirche gehen will und deshalb von einer riesigen Kirchenglocke verfolgt wird, bis es endlich tut, was man von einem artigen Kind verlangt. Besonders die Zeichnung von der Glocke, die das Kind verfolgt, machte mir Eindruck - große Glocken sind ja tatsächlich sehr eindrucksvolle Gebilde. Letztens habe ich in meiner Stadt wieder einmal den berühmten Glockenturm besichtigt - die Glocke dort ist die drittgrößte unseres Bundeslandes, und obgleich sie in meiner Wahrnehmung mittlerweile geschrumpft ist (wohl auch, weil ich gewachsen bin), muss ich bei ihrem Anblick immer noch an die wandelnde Glocke denken.

Im Gegensatz zu mir essen die meisten Kinder nicht allzu gern Spinat - wobei sich mir manchmal der Gedanke aufdrängt, das liegt eher an den Kochkünsten der Mutter als am Spinat selbst. Ich denke, ich habe schon einmal davon erzählt, dass es in der Nachkriegszeit fälschlicherweise hieß, Spinat enthalte besonders viel Eisen, weshalb so viel wie möglich in die Kinder reingequält werden müsste. Dieser Mythos entstand allerdings bereits vor dem Zweiten Weltkrieg; um den Kindern den Spinat schmackhaft zu machen, war dieser in der 1933 erstmals ausgestrahlten Zeichentrickserie Popeye ein tragendes Element. Der Popeye-Comic existierte schon seit 1919 - bei der Verfilmung wurde die außergewöhnliche Stärke des Seemannes Popeye dem Dosenspinat zugeschrieben, nach dessen Verzehr seine Muskeln stets auf das Doppelte anschwollen. Auf diese Weise gelang es, den Eltern das passende Werkzeug in die Hand zu geben - diese erzählten ihren Kindern nämlich fortan, dass das Essen von Spinat sie stark mache.

In manchen Haushalten wurde davor gewarnt, sein Essen in der Toilette zu entsorgen - angeblich würden sonst Ratten aus dem Klo kommen. In manchen deutschsprachigen Regionen wurden die Kinder außerdem dazu angehalten, bei Dunkelheit zu Hause zu sein, weil sie sonst der Nachtkrapp holen würde, ein vogelartiges Wesen, das einen dann auffressen würde. Im Burgenland gibt es allerdings auch die Geschichte des guten Nachtkrapps, eine Art Rabe, der die Kinder zudeckt und sanft in den Schlaf wiegt. Anderen wurde auch einfach erzählt, dass sie dann die Ratten beißen würden. Es gab eine Zeit, da behauptete man, dass die Kinder andernfalls von den "Zigeunern", wie die Roma und Sinti früher abwertend genannt wurden, geholt würden. Der Stiefvater meiner Mutter behauptete sein Leben lang, ihm sei das tatsächlich einmal passiert. Anderen Kindern drohte man damit, sie an die "Zigeuner" abzugeben, wenn sie nicht brav seien.
Früher wurde ein bestimmtes Verhalten außerdem bei Jungen geduldet, bei Mädchen aber nicht. Meine Mutter erzählte mir, dass man Mädchen verbot, sich auf der Straße umzudrehen. Außerdem war Mädchen das Pfeifen nicht erlaubt - von jemand anderem hörte ich, dass man sagte, wenn ein Mädchen pfeift, weinen die Engel im Himmel. Singen und Pfeifen beim Essen war wiederum für beide Geschlechter verboten - eine Deutsche hat mir erzählt, ihre Eltern haben behauptet, wer beim Essen singt, bekommt einen besoffenen Mann.

In Österreich und Deutschland werden Kinder zumeist im 6. Lebensjahr eingeschult. Ein Satz vor dem ersten Schultag ist uns wohl allen im Gedächtnis geblieben: "Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!" Vielleicht war das mit ein Grund, warum ich mich auf die Schule nicht so richtig freuen konnte. Der Komiker Michael Mittermeier schreibt in seinem Buch Die Welt für Anfänger, er hätte immer versucht, sich diesen Ernst vorzustellen. Als wir dann älter wurden und zu rauchen anfingen, wurde uns erzählt, vom Rauchen bekäme man kurze Beine - ich habe trotzdem geraucht und bin 1.73 cm groß geworden. Also wieder Fake News! Damals gab's auch den dummen Spruch "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" - der in Walter Wippersbergs Buch Konstantin wird berühmt allerdings abgewandelt wurde zu "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans immer noch".
Sehr unangenehm ist ja bekanntlich auch der Schluckauf - laut Asterix und die Normannen im europäischen Norden, wo man angeblich die Angst nicht kennt, eine schier unheilbare Krankheit. Bei uns heißt es, wenn du Schluckauf hast, denkt jemand an dich. Und wenn das Essen versalzen ist, ist der Koch verliebt.

Ich habe herausgefunden, dass viele dieser "Mythen" in praktisch allen Regionen der Welt gleich sind. Andere wiederum variieren je nach Land. In Westafrika erzählte man mir, dass man den Kindern sagte, wenn sie nicht genug äßen, seien sie zu leicht, und dann käme ein großer Vogel und nähme sie mit. Natürlich werden wir irgendwann einmal erwachsen und wissen, dass das alles gelogen ist. Häufig lacht man darüber - und manchmal wird man auch zum Atheisten. Ihr kennt bestimmt auch noch andere Mythen aus eurer Kindheit, die ich hier nicht angeführt habe. Fallen euch welche ein? Viel Spaß beim Gedankenspiel!

vousvoyez

Samstag, 15. Juni 2019

Wenn das allgemeine Verhüllungsverbot gilt, darf die Polizei dann überhaupt noch verdeckt ermitteln?

Wir erinnern uns: Vor fast zwei Jahren, kurz vor den Nationalratswahlen, wurde eine Verordnung erlassen, nach der man sich in Österreich nicht mehr öffentlich das Gesicht bedecken durfte - bis auf Ausnahmefälle, etwa bei extremer Kälte. Das Ziel war klar: Muslimischen Frauen sollte das Tragen von Burka und Niqab nicht mehr erlaubt sein. Demzufolge wurde dieser Erlass im Volksmund auch "Burkaverbot" genannt. Ich muss dazu sagen, in meiner Wohngegend gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund - und natürlich auch viele Muslime. Ich sehe häufig Frauen mit Kopftuch - aber nur selten mal einen Niqab, bei dem nur die Augen sichtbar sind, und nicht einmal eine Burka. Und das war auch schon vor dem allgemeinen Verhüllungsverbot so. Es wundert also nicht, dass die Folgen dieses Gesetzes hauptsächlich Leute trafen, die sich etwa den Schal zu tief ins Gesicht gezogen haben oder Staubmasken trugen, und weniger echte Burka-Trägerinnen. Was jetzt nicht heißt, dass ich für die Burka wäre - ich finde nur, das Gesetz dagegen war einfach unsinnig. Zumal es heute kein Thema mehr ist. Und es soll auch nicht Thema dieses Artikels sein.

Wie wir ja wissen, ist die Regierung bei uns in Österreich inzwischen Geschichte - zumindest vorläufig. In den Wochen nach der Ibiza-Affäre habe ich die Debatte sehr aufmerksam verfolgt - und auch nicht vor den Kommentarspalten von Tageszeitungen und Fernsehsendern nicht zurückgeschreckt. Da gab es immer noch ausreichend FPÖ-Fans, die diese Geschichte überhaupt nicht zu beeindrucken schien. Was besonders auffällig war - viele von denen, die am lautesten "jetzt erst recht" skandierten und die meisten blauen Herzen teilten, outeten sich in ihren Profilen als ausnehmend tierlieb. Einige hatten als Profilbild nicht ihr eigenes Konterfei, sondern das des Hundes oder der Katze, und in ihrer Chronik riefen sie unermüdlich zum Schutz und Respekt von Tieren auf.

Man möchte meinen, dass Tierliebe eher eine Sache des linken Sektors sein sollte. Wer allerdings aufmerksam die sozialen Netzwerke verfolgt, bemerkt sehr schnell, dass dem nicht so ist. Unter denjenigen, die Fotos von Flüchtlingsbooten im Mittelmeer mit "absaufen" kommentieren und sich am meisten darüber aufregen, dass Asylwerber in Österreich eine Lehre machen dürfen oder mehr als 1.50 € pro Stunde für gemeinnützige Arbeit bekommen sollen, sind auffallend viele, die nicht zögern, den herzlosen Umgang der Menschen mit ihren tierischen Mitgeschöpfen anzuprangern und beim Anblick eines verletzten Katzenbabys in mitfühlende Tränen auszubrechen.

Dass gerade Tierfreunde so oft Fans von Rechtsparteien sind, liegt wohl daran, dass sich diese sehr geschickt an jene verkaufen können. Vor vier Jahren rechtfertigten auffällig viele ihre Sympathie für die FPÖ damit, dass diese das Schächten von Tieren verbieten wolle - ein Brauch, der bei Juden und Muslimen praktiziert wird. In welcher Weise dies Massentierhaltung und unethische Praktiken auf Schlachthöfen rechtfertigen soll, ist mir zwar schleierhaft, aber gut. Mir war schnell klar, dass es nicht um Tierschutz ging, sondern lediglich darum, Feindbilder zu schaffen und Stimmen zu generieren - denn keiner sprach davon, seinen Fleischkonsum zugunsten besserer Lebensbedingungen von Schlachtvieh zu reduzieren. Auffällig ist auch, dass FPÖ-Politiker gerne mit Tieren fotografieren lassen - H. C. Strache war da besonders fleißig, und seine liebe Ehefrau ist ja auch bekannt für ihre Herz erwärmende Tierliebe. Fest steht - Rechtspopulisten setzen sich weitaus medienwirksamer für Tiere ein als alle anderen Parteien. Und kassieren entsprechend natürlich auch mehr tierliebe Stimmen. Auf diesen Zug sind auch Rechtsparteien in anderen Ländern, beispielsweise bei unseren deutschen Nachbarn, bereits aufgesprungen: Auch die NPD spricht sich immer wieder für Tier- und Umweltschutz aus, und die AfD setzt sich jetzt auf einmal gegen das Shreddern von niedlichen Küken ein (was ihnen bisher komplett egal war). Der Sinn dieser Aktionen und Äußerungen ist leicht durchschaubar: Einerseits passen Tierliebe und Misanthropie gut zusammen, andererseits nährt man damit dem Gedanken: "Wer tierlieb ist, kann kein schlechter Mensch sein."

Diese Haltung ist keineswegs neu - wir wissen, dass Adolf Hitler vegetarisch lebte und ein großer Hundefreund war, und dereinst verbot auch er Schächtungen unter dem Deckmantel des Tierschutzes, während es in Wirklichkeit nur darum ging, Juden als grausam darzustellen und ihre Religionsfreiheit einzuschränken. Medizinische Versuche an Tieren waren verboten - während sie gleichzeitig an Menschen praktiziert wurden. Im Rechtsextremismus wird häufig die "Natur" als unhinterfragbare Instanz hochgehalten - zumindest das, was Vertreter rechten Gedankenguts unter Natur verstehen. Während man die Zivilisation und Kultur als "Werteverfall" kennzeichnet, soll das Tier als Vorbild für den Menschen dienen - eine Art braun gefärbte Back-to-Nature-Ideologie.

Dem Beispiel rechter Politiker folgen viele ihrer Anhänger - mit übertriebenem Einsatz für den Schutz und die Rechte von Tieren stellen sie sich als besonders empathisch hin, während sie ihre seelischen Abgründe an Ausländern ausleben. Die Intention der Rechtsparteien trägt Früchte - mit tierfreundlichen Parolen kommt man eben (noch) weiter als mit offen rassistischen, und das wird ausgenutzt. Umso ironischer, dass die FPÖ in letzter Zeit gerade viele Stimmen von Tierfreunden in den Sand gesetzt hat - indem sie sich gegen ein Verbot des Shredderns von Küken und der Haltung von Schweinen auf Vollspaltböden entschieden.

Und jetzt möchte ich einmal eines klarstellen: Ich habe vollsten Respekt vor Leuten, die sich für Tiere einsetzen und sogar bereit sind, dafür auf Annehmlichkeiten zu verzichten. Und ich kenne selbst einige, die sich trotzdem gegen Menschenhass aussprechen. Pauschalisieren ist nie gut. Ganz allgemein möchte ich nur sagen: Ehe man sich für eine Partei entscheidet, sollte man sie als Ganzes betrachten und nicht nur auf ein paar einfache Parolen anspringen. Und man sollte sich immer die Frage stellen: Geht es wirklich um meine Anliegen oder geht es nur um Stimmenfang?

vousvoyez

Freitag, 14. Juni 2019

Meiner Großmutter ist es sicher langweilig im Himmel, weil sie dort niemanden zum Katholizismus bekehren kann

Meine Großmutter war eine kleine, zierliche Frau mit messerscharfem Verstand, die vor nichts und niemandem Angst zu haben schien. Sie war die sprichwörtliche starke Frau hinter ihrem erfolgreichen Mann - wobei sie sich mit der Hintergrund-Position nicht begnügte - und mit vielen Talenten gesegnet. Doch obgleich die Familie, aus der sie stammte, wohl kaum aus konventionell zu bezeichnen ist, war der Katholizismus für sie quasi das Wichtigste auf der Welt. Man kann sagen - sie war verantwortlich dafür, dass ich einen Teil meiner Kindheit in eiskalten Kirchen bei langweiligen Predigten verbrachte. Und doch hat sie im Laufe ihres langen Lebens - sie starb mit 98 Jahren - eine Menge dazugelernt. So war sie am Ende ihres Lebens eine leidenschaftliche Verfechterin für das Ende des Zölibats, und obgleich sie versuchte, eine hundertjährige Protestantin zum Katholizismus zu bekehren, schien sie sich auch sehr zum Islam hingezogen zu fühlen. Im Prinzip ist sie trotz oder vielleicht auch wegen ihrer Religiosität eines der schon erwähnten Beispiele für all die starken, intelligenten Frauen in meiner Familie.

Tja, momentan ist ja die Zeit der Ersatzreligionen - zumindest seit der Jugendrevolte der 1960er Jahre, aber heutzutage wird es immer mehr, zumal man ja durch das Internet auch leichter Zugang zu unterschiedlichen Weltanschauungen hat. Was Vor- und Nachteile bringt. Zeitweise sind es ja, wie ich schon angemerkt habe, gerade ganz alltägliche Dinge, die zu einer Religion werden können - Ernährung, Kindererziehung, Tierhaltung oder Sport.
Zurzeit kursiert im Netz das Foto einer Schaufensterpuppe aus einem Nike-Store in der Oxford Street in London. Das Besondere an dieser Puppe - sie ist dick. Womit sie natürlich neben den dünnen, athletisch gebauten Modellen, die vorführen, wie Größe XS aussieht, heraussticht. Neben der Plus-Size-Puppe sind auch Modelle mit Handicap ausgestellt - der Hersteller erklärt, dass damit Diversität im Sport gezeigt werden soll, der ja nicht nur von schlanken, athletischen, gesunden Menschen ausgeübt werden darf oder soll.

Jetzt hat die britische Journalistin Tanya Gold, die für die Zeitung The Telegraph schreibt, aber wohl was dagegen. Ich konnte den Original-Artikel leider nicht lesen, da ich keine Lust habe, den Telegraph nur wegen eines einzigen Artikels kostenpflichtig zu abonnieren. Auf Twitter schreibt sie, dass diese Puppe ein "schrecklicher Zynismus" seitens der Hersteller sei - eine Person dieser Gewichtsklasse könne gar nicht laufen, sie sei wahrscheinlich auf dem besten Weg zu Diabetes und einer Hüftprothese. Sie erklärt, dass man durch mollige Puppen suggeriere, Übergewicht sei okay - mit einem Wort, man verbreite eine "gefährliche Lüge". Natürlich gehen die Wogen jetzt hoch - vor allem Frauen, die selbst Übergewicht haben, fühlen sich angegriffen.

Nun ja - dass eine zu starke Abweichung von der Norm, ob im oberen oder unteren Bereich, nicht gesund ist, wissen wir ja alle. Ebenso, wie wir wissen, dass Übergewicht in den satten Industrienationen immer mehr zum Problem wird. Als ich 17 Jahre alt war, war ich für zwei Wochen in Florida. Einer der auffälligsten Eindrücke, wenn man damals als Europäer in den USA war, waren die vielen extrem übergewichtigen Menschen - Erwachsene und Kinder. Eine meiner "Weisheiten" war ja der selbst erfundene Amerikaner-Witz, der eigentlich gar nicht witzig war und der das Übergewichts-Problem der amerikanischen Bevölkerung aufs Korn nahm. Besonders in Fast-Food-Restaurants hatten überdurchschnittlich viele Menschen - oft Kinder oder Jugendliche - extremes Übergewicht, in einem Ausmaß, wie man es damals in Europa noch gar nicht kannte.

Heute ist das anders geworden - auch hier in Europa gibt es immer mehr übergewichtige Menschen. Und ja, auch ich kenne dieses Problem. Auf der anderen Seite wird besonders uns Frauen schon seit Jahrzehnten eingeredet, wir müssten unbedingt schlank sein - um jeden Preis. Mit Dicksein geht häufig das Vorurteil einher, man sei faul, undiszipliniert und gierig. Schon in meiner Jugend dachte man bei Modenschauen oft an Brot für die Welt angesichts der dürren Gestalten, die da über den Laufsteg wankten. Bis heute fällt mir immer die Simpsons-Folge ein, in der ein Magermodel mit riesigen Augenringen über den Laufsteg geht und unsichtbar wird, als es sich zur Seite dreht. Oder Michael Mittermeier und sein erstes Programm Zapped, in dem er unter anderen über die berühmten Werbespots der Calvin-Klein-Parfumreihe Obsession spricht und erklärt, er denke beim Anblick der jungen Kate Moss eher an Brot für die Welt. In Zeiten von Photoshop wird auf Fotos auch noch oft nachgeholfen, damit ja keine "Problemzonen" sichtbar sind, und auch bei Germany's Next Topmodel ist Normal- oder gar Übergewicht eher weniger angesagt. Und natürlich gibt es da auch oberflächliche Internet-Formate wie Instagram, auf denen Influencer(innen) ihr vermeintlich perfektes Leben und auch ihre perfekten Körper zur Schau stellen. Was besonders sehr junge Frauen und Mädchen dazu veranlasst, zu hungern oder sich nach dem Essen zu übergeben - was im schlimmsten Fall zum Tod führt.
Auf der einen Seite wird besonders in den USA die Body-Positivity-Bewegung vorangetrieben, die besonders Frauen dazu veranlassen soll, sich so wohlzufühlen, wie sie sind - egal ob dick oder dünn. Andererseits gibt es da auch den Fitness-Hype, der viele in die Fitnessstudios treibt, um den schlanken, durchtrainierten Körper zu erhalten, der heutzutage so begehrt ist. Dort unterhält man sich dann, wie viele Kilometer man heute schon auf dem Fahrrad zurückgelegt hat, bei welchem Marathon man nächste Woche wieder mitläuft und wie sportlich man beim letzten Urlaub doch unterwegs war.

Nun ja. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen - wer in puncto Gewicht bzw. Figur etwas zu weit von der Norm abweicht, wird gerne kommentiert. Im Fall von Übergewicht wird einem besonders gerne nahegelegt, Sport zu machen. Was ja an sich vernünftig ist - der menschliche Körper ist nicht dazu da, immer nur im Büro zu sitzen oder auf der Couch vor dem Fernseher zu liegen. Und jeder weiß, dass zu einer gesunden Gewichtsreduktion ausreichend Bewegung einfach dazugehört. Es ist halt nur so - für Sport braucht man auch adäquate Kleidung. Das heißt, Kleidung, die nicht zu schlabberig, aber auch nicht zu beengend ist. Und ab einer gewissen Körperfülle ist es nicht mehr so einfach, etwas zu finden, das nicht zwickt, rutscht oder flattert. Dazu kommt auch noch, dass man nicht wirklich eine Vorstellung davon hat, wie man mit dieser Kleidung aussieht, weil die Puppen und Models, die sie vorführen, natürlich immer superschlank sind. In diesem Lichte sind Mrs. Golds Worte schon sehr fragwürdig - ganz abgesehen von der Behauptung, Dicke könnten nicht laufen. Was soll das aussagen - dass Dicke keinen Sport machen dürfen, während man ihnen doch ständig damit in den Ohren liegt, dass sie genau das tun sollen?

Sicher ist es nicht sehr zielführend, wenn man jetzt anfängt, so zu tun, als sei es wünschenswert, zu dick zu sein. Übergewicht ist ungesund und kann krank machen - das wissen wir alle. In dieser Hinsicht hat Frau Gold schon nicht unrecht; anstatt Schaufensterpuppen einfach etwas realistischer zu gestalten, schwankt man zwischen zwei Extremen, nämlich zu dünn oder zu dick. Wobei ich mich auch frage, warum sie kein Wort über die Size-Zero-Puppen zu verlieren scheint. Aber die dicke Puppe hat möglicherweise auch eine positive Wirkung auf Übergewichtige, die gerne Sport machen würden, sich aber nicht trauen, weil sie sich für ihren Körper schämen und ihn deswegen nicht zeigen wollen.

Wie zuvor schon erwähnt - heutzutage begegnet man Menschen, die zu dick oder zu dünn sind, gerne mit Vorurteilen. Sehr Dicke sind faul und verfressen, sehr Dünne sind zickig und essen nichts. Tatsache ist - egal wie ein Mensch aussieht, man kann von außen nicht beurteilen, warum er oder sie diesen und jenen Körper hat. Es gibt Menschen, die von klein auf mit Übergewicht zu kämpfen hatten, es gibt welche, die durch Medikamente oder gesundheitliche Probleme zu dick sind, und es gibt andere, die nicht zunehmen, obwohl sie ausreichend essen, oder die einfach nicht so viel essen können. Es gibt Menschen, die vom Körperbau her kräftiger sind und andere, sie eher zierlich sind. Die einen können auch mit noch so viel Hungern keine Modelmaße erreichen, die anderen werden nie besonders dick werden. Es gibt Menschen, die sehen am schönsten aus, wenn sie etwas mehr auf den Rippen haben, und andere, die sehen besser aus, wenn sie schlanker sind. Was wir brauchen, ist Vielfalt und keine Welt, in der alle total gleich aussehen. Nach dem Ideal von heute müssten alle Frauen dünn, blond, hellhäutig und langbeinig sein, mit kleiner Nase und langen Haaren. Wollen wir das wirklich? Zumal auch nicht alle Männer den gleichen Geschmack haben - und sich dieser mit dem Älterwerden auch ändern kann. Das gilt ja auch für Frauen - wenn man jung ist, sind die Kriterien eher oberflächlich, aber mit der Zeit passen sich die optischen Wünsche immer mehr den charakterlichen an, und vieles ist nicht mehr so wichtig. Wenn ich mir heute Dating-Shows ansehe, antworten Frauen auf die Frage, wie der Traummann aussehe, fast immer zuerst mit "Er soll größer sein als ich." Was im Gegensatz zu Mittermeier steht, der in seinem Programm Back to Life verwundert war, dass für Frauen der Humor eines Mannes am wichtigsten zu sein scheint, und die Frage in den Raum stellt, ob das Aussehen wirklich so egal ist, wie manche behaupten. Nun gut.

Dünne Menschen bemängeln oft, dass man mit ihrer äußerlichen Erscheinung weit weniger sensibel umgeht als mit der von Dicken. Ich kann das schon verstehen - es ist in keinem Fall besonders erhebend, wenn jeder seinen Senf dazugeben muss. Andererseits neigen die Leute aber eher dazu, zu glauben, nur Dicke müssten ihren Körper verstecken - ich habe eher selten gehört, dass jemand gesagt hat: "Sie sollte nicht so kurze Sachen tragen - da sieht man ja jeden Knochen!" Kritik an Übergewichtigen ist durchaus weniger offen als Kritik an Untergewichtigen - angenehm ist aber beides nicht. Wie schon gesagt - keiner weiß allein vom Hinsehen, warum eine Person dick oder dünn ist. Trotzdem ist man mit seiner Meinung zum Körpergewicht eines anderen oft sehr vorschnell - auch wenn man es im Grunde genommen nur gut meint. Aber häufig greift da auch der Dunning-Kruger-Effekt - selbst wenn das Aussehen einer Krankheit verschuldet ist. Zumindest, wenn sie psychisch ist. Wer von psychischen Erkrankungen keine Ahnung hat, stellt sich das Leben häufig sehr einfach vor - Depressive müssen einfach nur mehr lachen; Leute, die SVV betreiben, müssen einfach nur damit aufhören; Süchtige müssen einfach aufhören, ihre Suchtmittel zu konsumieren; Fettsüchtige müssen einfach nur weniger essen; Bulimiker müssen einfach nur aufhören zu kotzen; Magersüchtige müssen einfach nur anfangen zu essen. Ich möchte nur anmerken - wenn es so einfach wäre, dann gäbe es keine psychischen Erkrankungen. Denn dann könnte man einfach das tun, was ich zuvor angeführt habe, und schon wäre man wieder gesund. Das ist ungefähr so, als würde man jemandem, der Krebs hat, raten, er solle einfach aufhören, krank zu sein.

Was bleibt noch zu sagen? Nun - ich würde es durchaus nicht schlecht finden, wenn Models und Schaufensterpuppen etwas unterschiedlichere Figuren hätten. Wenn man den Menschen endlich mehr in seiner Vielfalt zeigen würde. Heutzutage gibt es so viele Models unterschiedlicher ethnischer Prägung - was ich toll finde. Wäre es nicht auch wünschenswert, wenn auf den Laufstegen nicht immer die gleiche, für die meisten Leute unrealistische Figur gezeigt würde? Ich erinnere mich daran, wie vor Jahren einmal Leggings für Männer gezeigt wurden. Ich muss sagen, attraktiv finde ich sowas nicht - aber in der Sendung, in der diese Hosen gezeigt wurden, sahen sie nicht so schlecht aus, wie man hätte meinen können. Allerdings waren die Männer, die sie vorführten, natürlich Models mit Idealmaßen. Bei einem durchschnittlichen Mann würden Leggings eher lächerlich aussehen - man braucht sich ja nur einen Durchschnittsmann in Radlerhosen ansehen. Ob Mode gut oder schlecht aussieht, hängt oft von der Person ab, die sie trägt - und da der Großteil der Menschheit keine Modelmaße hat, kann er sich wohl kaum mit denjenigen identifizieren, die die neueste Kollektion vorführen. Ganz allgemein würde ich es besser finden, wenn man einen Menschen dazu ermutigt, sich in dem Körper wohl zu fühlen, der ihm geschenkt wurde. Ich bin mit meinem Aussehen auch nicht vollauf zufrieden - da kann ich abnehmen, soviel ich will. Aber das ist eben menschlich - ich denke, es kommt vor allem darauf an, das Beste aus sich zu machen.

vousvoyez

https://www.stern.de/neon/wilde-welt/gesellschaft/nike-fuehrt-als-erster-hersteller-plus-size-schaufensterpuppen-ein-8750336.html

https://twitter.com/Telegraph/status/1137755030713458688

Donnerstag, 25. April 2019

Ein Einbrecher hätte bei mir nichts zu holen - der würde höchstens noch Geld dalassen

Aber bildet euch bloß nicht ein, dass ich euch deswegen verrate, ob und wie viel es bei mir tatsächlich zu holen gibt!

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft ja bekanntlich immer mehr auseinander. Und um diejenigen, die zu kurz kommen, davon abzulenken, wer dafür verantwortlich ist, zeigt man gerne mit dem Finger auf Schwächere - demzufolge ist auch der Rassismus wieder stark im Kommen. Umso bedauerlicher ist es, dass ich seit drei Tagen immer wieder mit einer Geschichte konfrontiert werde, die den Blick von den eigentlichen Problemen ablenkt - und zwar ausgehend von einer Person, die sich den Kampf gegen Rassismus auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Geschichte nahm ihren Ausgang in einer TV-Übertragung des About You Awards, einer Preisverleihung für Social-Media-Persönlichkeiten. Dazu muss ich sagen, ich gehöre zu all jenen, die mit "Influencern" eher weniger anfangen können. Natürlich gibt es nicht nur in der heutigen Zeit Personen, die berühmt sind, ohne tatsächlich etwas Besonderes geleistet zu haben. Der einzige Unterschied ist halt, dass es heutzutage durch die sozialen Netzwerke wohl einfacher ist, mit wenig Leistung viel Aufmerksamkeit zu erzielen. Was mich jetzt aber nicht sonderlich beunruhigt - für mich ist das nichts als ein blöder Trend wie viele andere auch. Kein Grund, sich darüber aufzuregen.
Unter den Juroren dieser Preisverleihung war auch eine gewisse Enissa Amani, eine aus der Türkei stammende Deutsche, von der ich bis dato noch nie etwas gehört hatte. Offensichtlich hat sie sich in jüngeren Kreisen als "Stand-up-Comedienne" einen Namen gemacht - auch in Sendungen wie NightWash, die ich eigentlich ganz gut finde. Ich muss gestehen, deutsche Comedy ist nicht so mein Ding, aber es gibt auch einige Ausnahmen - darunter nicht wenige Comedians mit Migrationshintergrund. Frau Amani hat mich jetzt, offen gestanden, nicht sehr vom Hocker gehauen. Gewiss, sie sieht gut aus und ist sich dessen auch bewusst - weshalb in den Kommentaren ihrer YouTube-Videos auch mehr Kommentare über ihre sekundären Geschlechtsmerkmale als über ihre Comedy-Darbietung zu finden sind. Was nicht heißt, dass sie nicht intelligent wäre oder nichts zu sagen hätte - ich finde sie halt nur einfach nicht sehr witzig. Und das hat weder damit zu tun, dass sie eine Frau ist, noch damit, dass sie Migrationshintergrund hat. Unglaublich, dass man das erst dazu sagen muss.

Zu der besagten Preisverleihung schrieb die Spiegel-Journalistin Anja Rützel eine Kolumne, die weit größere Wellen schlug als von ihr erwartet. Für das sinkende Niveau des Spiegel war der Artikel gar nicht so schlecht - jeder wurde gleichermaßen auf die Schaufel genommen, sie erwähnte die scheinheilige Vereinnahmung Greta Thunbergs seitens der "Influencer", die größtenteils per Flugzeug angereist waren, ebenso wie die Doppelmoral einer Heidi Klum, die ihre Zuschauer dazu aufforderte, aufzustehen und was Gutes zu tun, während sie selbst aktuell wieder einmal dabei ist, ein paar hoffnungsvolle junge Mädchen in die Schablone eines völlig unrealistischen Schönheitsideals zu pressen.

Der Kommentar über Enissa Amani bezog sich darauf, dass diese sich diskriminiert fühlte, weil man sie so oft als "Komikerin" bezeichnete, obwohl sie doch "Stand-Up-Comedienne" sei. Nun ist es mir unbegreiflich, was an einer englisch-französischen Wortneuschöpfung besser sein soll als an dem Begriff "Komiker" - und was an letzterem beleidigend sein soll. Wenn ich an deutsche Komiker denke, dann denke ich an Loriot, Hape Kerkeling, Otto Waalkes oder Karl Valentin - intelligente Persönlichkeiten mit geistreichen, zeitlosen Witzen. Aber nun ja, möglicherweise ist es tatsächlich falsch, eine Dame als "Komikerin" zu bezeichnen, der es an geistiger Reife fehlt. Egal. Jedenfalls "drohte" Amani damit, nach Nicaragua auszuwandern und dort Papayas zu züchten, sollte sie noch einmal als "Komikerin" bezeichnet werden. Anja Rützel meinte dazu: "...weshalb man sie wirklich auf keinen Fall mehr 'Komikerin' nennen sollte, denn spätestens nach dieser Rede kann einfach keiner wollen, dass wir diese Komikerin an die Fruchtproduktionsbranche verlieren." Amani behauptete später, ihr Publikum hätte das durchaus witzig gefunden - warum, kann ich allerdings nicht feststellen, zumal nicht wirklich klar wird, was das eigentlich für eine Aussage sein soll.

Jedenfalls fühlte sich Enissa Amani rassistisch beleidigt und verglich Rützel in den sozialen Netzwerken mit AfD-Politikern, die sie aus dem Land ekeln wollen. Nachdem sie zusätzlich noch Rützels Instagram-Account öffentlich gemacht hatte, sah die Journalistin sich nun einem Shitstorm durch Amani-Fans ausgesetzt, in dem sie als Nazi-Braut degradiert wurde - leider auch noch verschärft durch den Umstand, dass ein AfD-Politiker sich die Anklage gegen Rützel zu eigen gemacht hat, was allerdings nicht durch Rützel selbst initiiert wurde. Nicht nur das - auch Personen wie Ralph Ruthe und Alf Frommer, die aktiv gegen Rechtsradikalismus vorgehen, wurden auf einmal in die rechte Ecke gestellt, weil sie Frau Amani nicht recht gaben. Was man witzig finden könnte, wenn es nicht so traurig wäre. Und ein Umstand, der nicht gerade für das Medium "Twitter" spricht. So weit, so gut.

Die Frage ist nun natürlich: Wurde Enissa Amani in Anja Rützels Artikel tatsächlich Opfer von Rassismus? Dazu muss man zuallererst mal die Frage beantworten, was Rassismus überhaupt ist. Normalerweise bedeutet Rassismus, eine Person aufgrund ihrer ethnischen Herkunft herabzusetzen. In einem Artikel des Volksverpetzers, den ich eigentlich sehr schätze, wird bemängelt, dass nicht auf Frau Amanis Inhalte eingegangen wird, sondern viel zu sehr darauf, dass sie hübsch, weiblich und "ausländisch" sei. Nun, ich sehe nicht, dass in diesem Artikel ihr Aussehen, ihr Frausein oder ihr Migrationshintergrund thematisiert werden - stattdessen wird genau das getan, was die Volksverpetzer-Autorin fordert: Anja Rützel kritisiert den INHALT von Amanis Rede. Und das soll nun rassistisch sein - weil sie Amanis "Drohung" aufgenommen hat, das Land zu verlassen. Eine Erklärung, die eigentlich von Amani stammt - nicht von Rützel. Das ist Kindergarten in Social-Media-Manier: seinen Rückzug anzukündigen und darauf zu warten, dass alle einen zum Bleiben überreden wollen.

Ich weiß, ich bin gerade in Begriff, ein heißes Eisen anzufassen, aber man kann es eben nicht immer allen recht machen. In rechten Kreisen haben es Künstler mit Migrationshintergrund ohne Frage besonders schwer. Mir drängt sich allerdings der Gedanke auf, dass in anti-rassistischen Kreisen oft genau das Gegenteil passiert - nämlich, dass man es Menschen mit ausländischen Wurzeln ein wenig zu leicht macht. Zu meinem Bedauern habe ich immer wieder mal das Gefühl, dass der ein oder andere Künstler die ein oder andere Ehrung weniger seinem tatsächlichen Talent, sondern eher seinen ethnischen Wurzeln zu verdanken hat. Versteht mich nicht falsch - ich finde es toll und wünschenswert, dass unsere Kunstlandschaft "bunter" wird, und ich würde mir noch viel mehr tolle Künstler aus anderen Ländern und mit anderen Themen in unseren Breiten wünschen. Aber diese sollten, finde ich, auch ehrlich und fair bewertet werden - ohne dass man gleich als Rassist gilt, nur weil man einer afrikanischstämmigen Person einen gewissen Preis nicht zugesteht. Und dazu gehört auch Kritik - nicht jede Kritik ist Rassismus, nur weil der/die Kritisierte Migrationshintergrund hat. Ich sehe in diesem Verhalten ein ganz anderes Problem - wenn man sich nämlich zu sehr auf seinem Migranten-Status "ausruht", ist bald jede Kritik, ob konstruktiv oder nicht, Rassismus. Und damit lenkt man nicht nur von tatsächlichem Rassismus ab - man spielt auch genau denjenigen in die Hände, die sich angesichts der Migration benachteiligt fühlen.

Wie gesagt - ich halte Enissa Amani keineswegs für dumm. Und ja, es gibt viele Frauen, die sind sowohl schön als auch intelligent. Dass diese wegen ihres ansprechenden Äußeren oft nicht ernst genommen werden, ist hier nicht das Thema - vielleicht schreibe ich nochmal gesondert dazu. Bei dieser Geschichte hat sich Frau Amani jedoch nicht wie die Erwachsene verhalten, die sie eigentlich ist, sondern wie eine Zwölfjährige, die unbeaufsichtigt im Internet surft und herumpöbelt, ohne sich über die möglichen Folgen ihm Klaren zu sein. Wie in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung angemerkt, ist das Problem heutzutage, dass beleidigte Künstler einen Tross von Followern hinter sich haben, die ungebremst über die unliebsame Person herfallen, die es gewagt hat, ihr Idol zu kritisieren. Man kennt es noch von früher: Wer die Lieblings-Boygroup eines Mädchens im Teenager-Alter angreift, ist der Teufel persönlich. Der Unterschied ist nur, dass sich diese Mädchen damals nur in der Schule oder in der Leserbrief-Rubrik der Bravo verbal austoben konnten.

In einem ebenfalls sehr lesenswerten Artikel der Frankfurter Allgemeinen wird auf das hingewiesen, was ich zuvor erwähnt habe - nämlich, dass durch das Hickhack Amani vs. Rützel wichtigere Themen unter den Tisch fallen. Beispielsweise das Gedicht des Vizebürgermeisters von Braunau, in dem Einwanderer mit Ratten verglichen werden; außerhalb Österreichs findet dieser äußerst besorgniserregende Ausbruch von tatsächlichem Rassismus - Menschen werden aufgrund ihrer Herkunft herabgesetzt, indem man sie mit Ungeziefer vergleicht - kaum Beachtung. Aber, nun ja - Frau Amani hat erreicht, was sie wahrscheinlich bezwecken wollte - nämlich Aufmerksamkeit. So sehr, dass sogar andere Promis, die schon lange keine Beachtung mehr gefunden haben, ihre Chance wahrnehmen und sich zu dem Thema äußern. Und das, weil Frau Amani sich über etwas beschwerte, was für Personen mit Migrationshintergrund in unseren Breiten doch angeblich so wichtig ist - nämlich, so behandelt zu werden wie jene, die keine offensichtlichen ausländischen Wurzeln haben.

vousvoyez

https://www.zeit.de/kultur/2019-04/enissa-amani-influencerin-anja-ruetzel-kritik-deutschstunde