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Dienstag, 14. Dezember 2021

Wenn alle Stricke reißen, ist man zu fett für die Schaukel

© vousvoyez
Dieser Satz stammt von dem Kabarettisten und Stimmenimitator Alex Kristan, während er Frank Stronach parodierte - in diesem Zusammenhang fiel übrigens auch die Bemerkung "I can't get no desinfection", welche auf den Mangel an Schutzausrüstung zu beginn der Corona-Krise anspielte. Und dass heutzutage nicht mehr Ö3 den schnellsten Verkehrsservice hat, sondern Tinder. Eine App, die ich nie benutzt habe und wohl auch nie benutzen werde - tatsächlich habe ich keine einzige meiner Liebschaften je online kennengelernt. Denn obwohl ich durchaus Paare kenne, die sich so getroffen haben und bei denen es schon lange funktioniert, bin ich da wohl ein bisschen zu misstrauisch. Wobei ich natürlich auch nicht weiß, wie das aussähe, würde ich meinen Partner verlieren - was ich natürlich nicht hoffe.

Im letzten Artikel habe ich euch ja darauf hingewiesen, dass ich aus der Steinzeit komme - genauer gesagt aus der digitalen Steinzeit. Wobei der erste Vorläufer des Computers - die Analytical Engine - bereits aus dem 19. Jahrhundert stammt, während der des Internets, das Arpanet, bereits im Jahre 1969 erstmals angewendet wurde. Die kommerzielle Nutzung des Internets begann in den 1990er Jahren, ich persönlich kam jedoch erst im Gymnasium wirklich damit in Berührung. Und ich staune noch bis heute, wie schnell und nachhaltig sich unser Alltag dadurch verändert hat - so sehr, dass ich den Unterschied deutlich erkenne, wenn ich mich beispielsweise mit einer Person unterhalte, die nur etwa zehn Jahre jünger ist als ich. Ich vergleiche das gerne mit jener Generation, die zum ersten Mal mit dem Fernseher in Berührung kam: Wie man bei uns größtenteils das erste Mal in Bildungseinrichtungen anfing, das Internet zu nutzen, gingen in den 1950er Jahren die meisten Leute zum Nachbarn oder ins nächste Gasthaus, um sich eine ganz bestimmte Sendung im Fernsehen anzusehen. Entsprechend kann man das Gefühl, zum ersten Mal vernetzt zu sein, ebenso wenig erklären, wie uns die Jugend der 1950er Jahre begreiflich machen kann, wie es ist, wenn man zum ersten Mal vor einem Fernsehbildschirm sitzt. Und irgendwie war sie auch recht spannend, die Zeit, als sich das alles entwickelt und verändert hat. Diese Jahre waren geprägt von einer Mischung aus Nostalgie und Zukunftsoptimismus, bis der 11. September 2001 diese Naivität erstmals bröckeln ließ. Und nachdem wir ein paar Jahre lang unsere Jugend in vollen Zügen genossen hatten, mussten wir allmählich feststellen, dass die Zeiten nicht unbedingt besser werden - und dass die ältere Generation das immer noch nicht kapiert zu haben schien.

Eines der ersten digitalen Phänomene war ja dieses Baby, das zu dem Intro des 1970er-Songs Hooked on A Feeling von Blue Swede (diesen Song muss man als Tarantino-Fan einfach kennen) getanzt hat - ich sah es, wie viele andere auch, das erste Mal in der Serie Ally McBeal, wo es als Halluzination die gnadenlos tickende biologische Uhr einer Frau symbolisiert. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Testbeispiel für eine Animationssoftware, das für Werbe- und Demonstrationsvideos ausgewählt wurde und sich Ende der 1990er Jahre auf allen möglichen Websites verbreitete. Durch die Verwendung in Ally McBeal wurde es schließlich allen ein Begriff. Das war nicht lange, bevor ein simples Spiel, das eigentlich als Werbegag für die Whisky-Marke Johnny Walker gedacht war, die Bürocomputer eroberte. Ich spreche natürlich von der virtuellen Moorhuhnjagd, die damals mehr oder weniger in aller Munde war. Ursprünglich wurde es in ausgewählten Kneipen auf jeweils zwei Laptops zur Verfügung gestellt; von dort aus muss es irgendjemand es kopiert und ins Internet gestellt haben, jedenfalls verbreitete es sich im Jahr 2000 via E-Mail wie ein Lauffeuer und ist somit eines der ersten Beispiele für virales Marketing, immerhin war es ja immer noch ein Werbetool. Es hieß sogar, dass das Hühnchen mit den doofen Augen ganze Großraumbüros lahmgelegt hätte und so für Umsatzeinbußen verantwortlich sei. Grund für den Erfolg war aber wohl vor allem die simple Handhabung: Es ging in dem Spiel mehr oder weniger nur darum, so viele Moorhühner wie möglich abzuschießen. Da die Viecher eher langsam flogen, war das auch nicht allzu schwer, und im Nachhinein gesehen muss ich auch sagen, es sah wirklich lustig aus, wie sie mit ihren großen, runden Augen treudoof glotzend durch die schottischen Highlands flogen und nur darauf warteten, abgeknallt zu werden. Damals ging mir die Debatte eher auf die Nerven, und mit sechzehn Jahren waren Büros für mich noch so etwas wie ein fremder Planet. Außerdem habe ich dieses englisch-deutsch gemischte Eurodance-Trashlied Gimme Moorhuhn von Wigald Boning gehasst! Die weiteren Spiele sind gänzlich an mir vorbeigegangen, obwohl danach noch einige Sequels auf den Markt gehauen wurden. Ich erinnere mich nur an ein paar kurze, schlecht gezeichnete und kolossal unlustige Moorhuhn-Clips, die eine Zeitlang während der Werbepausen im deutschen Fernsehen gezeigt wurden.

Zur Moorhuhn-Zeit waren Handys noch weit davon entfernt, internetfähig zu sein. Eines kristallisierte sich jedoch bereits sehr schnell heraus: Sobald das Mobiltelefon zum Massenprodukt wurde, war auch der Wunsch da, sich von der Masse abzuheben. Denn wer will schon wie alle anderen sein (*zwinker*)? Mein erstes Handy, das Nokia 3210, war beispielsweise das erste mit austauschbaren Abdeckschalen, die das äußere Erscheinungsbild des Geräts individualisierten. Und natürlich mussten auch die Klingeltöne und Hintergrundbilder so unverkennbar wie möglich sein - wobei sich dadurch, dass Handys bald über Farbdisplays, Videofunktion sowie polyphone Klangdateien verfügten, ungeahnte Möglichkeiten auftaten. Und auf einmal witterte man mit den Klingeltönen das große Geschäft - was die Ära des Jamba-Sparabos einläutete (ich frage mich bis heute, was das mit Sparen zu tun haben soll). Und jener Werbespots, die bestimmt direkt aus der Hölle kamen und die über kurz oder lang auch zur Zerstörung von Musiksendern wie MTV und Viva beitrugen. Auf einmal wurde man dort ständig mit tanzenden lila Nilpferden, ekelhaft niedlichen gelben Küken, singenden Dinosauriern, Fröschen mit Penis (Penis, hihihihihi!) und diversen anderen 3D-animierten Tieren belästigt, dazu nervige Melodien sowie eine kreischige Männerstimme, die dir ins Ohr brüllt: "SCHICKE JETZT FROSCH 1 AN FÜNFMAL DIE DREI!!!" Und natürlich durften zu Weihnachten auch die beiden Tassen nicht fehlen, die sich gegenseitig beschimpften. Waren die nicht niedlich? NEIN, WAREN SIE NICHT! *heul* Ganz im Gegenteil: Diese in Dauerschleife laufenden Videos von niedlichen Kuschelhäschen, fetten Teufeln, die im Eis einbrechen und Maulwürfen, die dich lieben, obwohl du scheiße bist, machten auf Dauer aggressiv - ebenso wie sich ständig wiederholenden Ansagen: "JAMBA SUCHT DEN KLINGELTONSTAR! HEUTE AM START: SWEETY, DAS KÜKEN!" Raaaaaaaaah!

Was sich heutzutage wohl kaum noch jemand vorstellen kann: Hinter all diesen harmlosen Videos und lustigen Klingeltönen verbarg sich eine Abofalle, die am Ende des Monats die Telefonrechnung schon mal empfindlich in die Höhe treiben konnte. Noch dazu bestand die Zielgruppe durch die Präsenz der Dauerschleife-Werbespots auf den Musiksendern größtenteils aus jenen Menschen, die am leichtesten zu beeinflussen sind: Teenagern. Erschwerend kam noch hinzu, dass unter den voreingestellten Klingeltönen der Handys kaum etwas Vernünftiges zu finden war - ich habe sogar Lieder mit der Diktierfunktion aufgenommen und dann als Klingelton installiert, weil mir das, was auf den Handys zu finden war, häufig den letzten Nerv raubte. Und weil ich eben kein Teenager mehr war, der automatisch das tut, was ihm im Fernsehen gesagt wird. Aber so schnell, wie der Klingelton-Hype gekommen war, verschwand er auch wieder in der Versenkung - das Aufkommen der Handys mit USB-Kabel und schließlich der Smartphones mit direktem Internetzugang machte die teuren Abos endgültig obsolet. Aber natürlich war Jamba nicht bereit, so schnell aufzugeben - in den 2010ern stieg man auf so etwas wie Liebestest-Apps um, die allerdings kaum noch jemanden interessierten. Lustigerweise existiert die Jamba-Website immer noch - sie sieht aus, als wäre das Jahr 2005 nie zu Ende gegangen, und bietet immer noch diese Abos an! Für die anscheinend auch immer noch Leute bezahlen! Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hat dieses unsägliche Crazy-Frog-Video mit der Beverly-Hills-Cop-Titelmelodie im Hintergrund mehr als eine Milliarde Aufrufe!

Tatsächlich war dieses komische Viech, das eigentlich gar kein Frosch ist - was man mit ein bisschen Kenntnis von Zoologie eigentlich auch selbst herausfinden könnte, denn Frösche haben keinen Penis - seinerzeit der Star der Jamba-Hölle, und das, obwohl anscheinend alle ihn leidenschaftlich gehasst haben. Und ja, auch ich kann nicht begreifen, was an diesem breitmäuligen Vieh mit seinem nervigen "Ding-ding" eigentlich so ansprechend sein soll. Jedenfalls geht die ganze Geschichte des Crazy Frog auf die Aufnahme eines sechzehnjährigen Schweden zurück, der die Geräusche seines Mopeds imitierte. Über einen seiner Freunde fand sie ihren Weg ins damals noch junge Internet, von wo aus sie für eine schwedische Fernsehsendung entdeckt und auf diversen Spaß-Websites hochgeladen wurde. Irgendwann geriet sie in Vergessenheit - bis sie 2003 von dem schwedischen Animator Erik Wernquist wiederentdeckt wurde. Dieser konstruierte für ein Bewerbungsvideo rund um das Geräusch eine Animation, welche er als "The Annoying Thing" bezeichnete - entsprechend der stimmlichen Wiedergabe des Zweitaktmotors eines Mopeds war auch das Gefährt der Figur, die er da kreierte, unsichtbar, während sie selbst Motorradhelm, Windschutzbrille und Lederjacke trägt (ihr Geschlechtsteil sollte später zensiert werden). Er bekam den Job, und nachdem er etwa ein Jahr lang bei Kaktus Film gearbeitet hatte, wurden externe Firmen auf die Animation aufmerksam - eine davon war Jamba. Diese machte die Figur, die den Namen "Crazy Frog" erhielt, zu einem ihrer populärsten Charaktere und bewarb mit ihr den Klingelton Axel F, jenes Instrumentalstück, das durch die Filmreihe Beverly Hills Cop bekannt geworden war. Ich hoffe nur, dass der arme Eddie Murphy nie davon erfahren hat. Jamba scheffelte Millionen mit diesem fürchterlichen Clip - die eigentlichen Schöpfer hinter dem nervigen Nicht-Frosch erhielten nur einen Bruchteil der Einnahmen. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hat das Vieh auch noch Coldplay von der Spitze der Charts verdrängt! Insgesamt konnte man diesen einen Soundclip von 1997 zu sage und schreibe drei (!!!) CDs verwursten!

Die ständige Präsenz dieser fürchterlichen Animation sorgte jedoch dafür, dass die Leute sie bald zu hassen begannen - natürlich, denn kein normaler Mensch könnte über längere Zeit diese nervige Stimme hören, ohne psychische Schäden davonzutragen. Und du wirst sie auch nicht mehr los - ich werde nach Beendigung dieses Artikels einen halben Tag Barbie Girl hören müssen, um diesen fürchterlichen Eigentlich-nicht-Frosch aus dem Kopf zu bekommen. Entsprechend verkauften sich die Singles auch von Mal zu Mal schlechter, und zum Glück wurde weder aus der geplanten Serie noch aus dem Film etwas - dafür bekam der Crazy Frog ein eigenes Videospiel für PlayStation. Tragisch endete die Geschichte auch für Erik Wernquist, der bis heute sichtlich bestürzt darüber ist, dass es der Crazy Frog sein soll, den er einst der Welt als geistiges Vermächtnis hinterlassen wird. Umso seltsamer, dass dieser fürchterliche Nicht-Frosch mit seinem Axel-F-Clip im Jahre 2018 ein unverhofftes Revival erlebte - das Video klickte sich auf YouTube so gut wie sonst kaum eines, was dazu führte, dass in jüngster Zeit wieder neue Crazy-Frog-Clips produziert wurden. Wobei man sagen muss, dass viele absurd hohe View-Zahlen bestimmter YouTube-Videos wohl dadurch zustande kommen, dass manche Eltern ihre Sprösslinge gerne mal vor YouTube Kids parken - und diese nicht wissen, wie man einzelne Clips überspringt, weshalb sie oft einfach durchlaufen. Nicht die beste Idee, wenn ihr mich fragt, aber als Nicht-Mutter habe ich da nicht mitzureden. Ebenso seltsam finde ich die Wahl des Songs für den neuen Crazy-Frog-Clip, der sich stilistisch genauso nach 2000er-Clubsound anhört wie seine Vorgänger: It's Tricky von Run DMC, einer der wegweisenden Rap-Combos aus den 1980er Jahren. Mit anderen Worten - der Song passt nicht. Null. Und Run DMC haben das auch nicht verdient - deren Musik mag ich nämlich eigentlich ganz gerne.

Zur gleichen Zeit wie die Jamba-Klingeltöne eroberte auch ein weiteres Phänomen, verbunden mit einem weiteren schrecklichen Ohrwurm, das Internet: Schnappi, das kleine Krokodil. Ja, auch dieses Grauen wird von mir heute wieder gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt! Obwohl es sich ja eigentlich, im Gegensatz zu den fürchterlichen Abzocker-Melodien, lediglich um ein harmloses Kinderlied, gesungen von einer Neunjährigen, handelt. Genauer gesagt heißt die Sängerin Joy Gruttmann und ist die Nichte von Iris Gruttmann, Autorin, Komponistin und Musikproduzentin, die unter anderem Lieder für die beliebte Sendung mit der Maus schrieb. Joy sang in ihrem Kinderchor, und im Alter von fünf Jahren wünschte sie sich von ihrer Tante ein Lied ganz für sich alleine. Also schrieb Iris Gruttmann den von Rosita Blissenbach stammenden Text um und komponierte dazu eine Melodie. Das Lied erschien zunächst 2001 auf einer Musikkassette mit Kinderliedern, zwei Jahre später wurde es auf dem Sampler Großes und Kleines mit der Maus veröffentlicht. Von dort aus hat es 2004 wohl irgendeine Person auf eine MP3-Datei konvertiert und im Internet verbreitet - und erreichte innerhalb kürzester Zeit, ähnlich wie Crazy Frog und Moorhuhn, über diverse Foren und Tauschbörsen eine riesige Reichweite, bis es sogar im Radiosender SWR3 gespielt wurde. Es folgte eine CD, die sich massenhaft verkaufte - im Januar 2005 erreichte sie Platz 1 der deutschen Single-Charts und hielt sich da zehn Wochen. Für die Musiksender wurde es außerdem mit einem Zeichentrickvideo kombiniert - und war nicht nur im deutschsprachigen Raum erfolgreich: Unter anderem wurde das Lied ins Englische, Französische, Tschechische, Litauische und Japanische übersetzt. Bereits damals wurde befürchtet, dass der illegale Download urheberrechtlich geschützter musikalischer Werke zu Umsatzeinbußen im Tonträger-Geschäft führen könnten - bei Schnappi schien es jedoch umgekehrt zu sein. Joys zweite Single, Ein Lama aus Yokohama, lief übrigens auch einmal bei Libro in Dauerschleife, als ich gerade irgendwas gesucht habe, während ich irgendein anderes Lied von ihr frisch operiert im Krankenbett hören musste - wie ihr euch also vorstellen könnt, habe ich kein Interesse an weiteren Kostproben ihres musikalischen Talents. Aber zumindest versichert sie, dass sie keines dieser Kinder war, die von ihren Eltern gegen ihren Willen auf die Bühne gezerrt werden. Natürlich gab es von dem Lied auch zahlreiche Parodien, von denen nicht alle besonders schmeichelhaft waren - am bekanntesten ist mit Sicherheit Schri-Schra-Schrödi aus der Gerd-Show. Die Hauptschuld daran, dass das Lied irgendwann in Ungnade fiel, liegt aber sicherlich bei Jamba, die es ebenfalls für ihre Klingeltöne okkupiert haben. Und trotz allen Grolls tut es mir unheimlich leid, dass das Mädchen nach ihrem Erfolg in der Schule gemobbt wurde - anscheinend hatte sie aber genügend Rückhalt in der Familie, jedenfalls wirkt sie heute wie eine relativ gefestigte junge Frau. Von einer weiteren Karriere im Showbusiness träumt sie allerdings nicht - was wahrscheinlich ebenfalls ihr Glück ist, denn einen solchen Erfolg zu wiederholen, ist fast unmöglich.

Und jetzt will ich euch mal was verraten: Eigentlich wollte ich heute etwas Lustiges machen, weil die Themen in letzter Zeit so ernst gewesen sind. Stattdessen habe ich uns jetzt alle re-traumatisiert - es tut mir schrecklich leid! Ich fürchte, wir werden eine Selbsthilfegruppe gründen müssen, um all diese furchtbaren Erfahrungen adäquat verarbeiten zu können. Um den Schaden in Grenzen zu halten, werde ich euch aber zumindest die nervigen Lieder nicht verlinken - sondern im schlimmsten Fall nur die nicht so nervigen Originale. Und ich hoffe, dass ihr mir trotzdem treu bleibt und auch das nächste Mal wieder mit dabei seid! Bon voyage!

vousvoyez

Dienstag, 26. Oktober 2021

Fridays for Future war mir lieber als Saturdays for Tin Foil Hats

©vousvoyez
Proteste gegen die Maßnahmen gab es ja eigentlich schon ziemlich schnell nach Beginn des ersten Lockdowns. Richtig groß wurden Bewegungen wie "Querdenken" allerdings um den Sommer 2020 - der Höhepunkt der Proteste waren sowohl der versuchte "Sturm" auf den Reichstag in Berlin Ende August dieses Jahres und die #allesdichtmachen-Aktion auf YouTube im April dieses Jahres. Aktuell scheint jedoch in der Querdenker-Bubble Katerstimmung angesagt - die Pandemie ist aktuell hauptsächlich ein Problem für Ungeimpfte; innerhalb der Bewegung herrscht Streit und man beschuldigt sich gegenseitig; viele derer, die sich von ihren unkritischen Anhängern großzügig mit finanziellen Schenkungen versorgen ließen, haben sich ins Ausland abgesetzt, während andere immer verzweifelter um noch mehr Geld betteln; und einigen scheint langsam zu dämmern, dass sie sich die längste Zeit haben verarschen lassen. Natürlich beweisen nur die wenigsten die Größe, dies auch zuzugeben: Meistens sind die anderen schuld, weil sie dumm sind und nicht "aufwachen" wollen, weil sie "es" nicht kapiert hätten und ihnen nicht zuhören wollen. Man könnte schon fast Mitleid mit ihnen haben, wenn das nicht größtenteils Menschen wären, die erwachsen genug sein sollten, um zu wissen, dass das eigene Handeln auch Konsequenzen hat - und dass es nicht zielführend ist, all diejenigen, die man eigentlich überzeugen will, gleich einmal für dumm zu erklären. Zu erkennen, dass man die ganze Zeit den falschen Leuten hinterhergelaufen ist und das auch zuzugeben, erfordert halt nun mal Charakter - aber wer dies schafft, das muss ich auch dazu sagen, verdient tatsächlich Hochachtung.

Ich denke, spätestens seit den Lockdowns sollte auch der/die/das Langsamste begriffen haben, dass mit Social Media die Grenzen zwischen der analogen und der digitalen Welt zunehmend weniger definiert sind. Im Prinzip sollte dies bereits seit Beginn des Arabischen Frühlings Ende 2010 erkennbar sein - aber vor allem die ältere Generation scheint die politische und gesellschaftliche Macht des Internets noch viel zu lange unterschätzt zu haben. Entsprechend ist die digitale Welt, wenn auch kein rechtsfreier, anonymer Raum, immer noch eine mit viel zu wenig und zudem häufig noch ziemlich willkürlichen Regeln. Dies fördert natürlich toxisches Verhalten - beispielsweise die Hasskultur. Und die Tendenz, nicht nur alles zu kritisieren (was ja durchaus wünschenswert ist), sondern auch der Meinung zu sein, der eigene Standpunkt sei der einzig richtige. Vor allem aber auch den Mechanismus, sich selbst zu erhöhen, indem man auf andere herabblickt. Natürlich ist nicht das Internet schuld, dass es solche Verhaltensweisen überhaupt gibt - Fernsehsendungen wie Frauentausch oder die Nachmittags-Talkshows aus den Neunzigern erfüllten schon zuvor diesen Zweck. Es ist die Art und Weise, wie unser Kapitalismus schon seit Jahrzehnten funktioniert - mein Auto ist größer als deines, meine Kleidung sieht besser aus als deine, mein Leben ist toller als deines. Im Prinzip gibt es das wohl schon, seit es Menschen gibt - häufig reicht schon das Aussehen, um sich selbst zu überhöhen und andere zu erniedrigen, denken wir nur an Rassismus. Warum aber tun wir das? Nun, die Antwort ist eigentlich ganz einfach - wir wollen unsere eigenen Fehler verschleiern, indem wir auf den anderen zeigen und sagen: "Ich bin vielleicht nicht perfekt, aber der da ist noch viel schlimmer!" Klar - das lernen wir ja schon im Kindergarten. Und diese Mechanismen greifen auch schon lange in sozialen Netzwerken - und machen mitunter einem Menschen das Leben zur Hölle. Andererseits gibt es dann aber auch wieder welche, die sich durchaus bewusst sind, dass man auch von negativer Aufmerksamkeit profitieren kann - und dies auch forcieren. Und es gibt den Drachenlord - den meistgehassten YouTuber im deutschsprachigen Raum. Der letzte Woche zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Die Hoffnung, dass die Geschichte damit zu Ende ist, hat sich bisher allerdings nicht erfüllt - denn der Prozess soll noch einmal aufgerollt werden. Aber wer ist der Drachenlord eigentlich, und warum ist um ihn so ein Hype entstanden?

Rainer Winkler erstellte im Jahr 2011 seinen eigenen YouTube-Kanal und veröffentlichte dort eigens produzierte Videos in der Hoffnung, zu Geld und Ruhm zu gelangen - an sich nichts Besonderes, das haben viele schon vor ihm gemacht. Auch die Videos waren nicht so besonders - es ging hauptsächlich um Metal und Videospiele, bisweilen plauderte der "Drachenlord", wie er sich nennt, auch über sein Privatleben, den Tod seines Vaters und das problematische Verhältnis zum Rest der Familie sowie Mobbing in der Schule. Nach wie vor lebt er alleine in seinem Elternhaus, das mittlerweile ziemlich heruntergekommen ist, in einem kleinen Nest in Mittelfranken, nach dem Besuch einer Förderschule hat er kaum berufliche Perspektiven. Eigentlich die typische gescheiterte Existenz. Auch seine äußere Erscheinung wirkt nicht besonders ansprechend - er ist stark übergewichtig, wirkt meistens nicht sehr gepflegt und trägt am liebsten Metal-Shirts. In Kombination mit seinem breiten fränkischen Dialekt und der Tatsache, dass er offensichtlich psychisch und kognitiv beeinträchtigt ist und wohl auch keine konstruktive Unterstützung hat, ist er so natürlich die ideale Zielscheibe von Spott und Hohn. Und das erhielt er auch ziemlich bald - irgendwann riefen seine Videos Kritiker auf den Plan, die ihrer Ablehnung in den Kommentaren Ausdruck verliehen. Rainer Winkler a. k. a. der Drachenlord ließ sich nur allzu leicht von ihnen provozieren, und so versammelte er bald eine Gemeinschaft von "Hatern", oder "Haidern", wie sie sich mit fränkischem Akzent gerne nennen, auf seinem Kanal. Sie machten sich über sein Aussehen, seine Art zu sprechen, seine mangelnden intellektuellen Fähigkeiten lustig. Er zahlte mit gleicher Münze zurück, ließ immer wieder unüberlegte, bisweilen provokante Aussagen fallen - so beantwortete er etwas zu offenherzig Fragen über sein Intimleben, äußerte sich gerne sexistisch, rassistisch und antisemitisch, bezeichnete den Holocaust als "nice" und verglich im letzten Jahr seine Situation mit jener der Opfer des Amoklaufs in Wien. Die Kommentare unter seinen Videos wurden immer abfälliger, beidseitig sank das Niveau immer tiefer unter die Gürtellinie, und am Ende war nicht mehr auszumachen, wer hier eigentlich agiert und wer reagiert. Das Spiel ging einfach immer weiter - und dauert bis heute immer noch fort, mal mehr, mal weniger.

Im Jahr 2014 beging Rainer Winkler schließlich einen fatalen Fehler: Er gab seinen "Hatern" seine Wohnadresse bekannt, nachdem seine Schwester von einem anonymen Anrufer belästigt worden war, und forderte sie auf, zu ihm zu kommen. Auf diese Weise gelangte die Hasswelle gegen ihn von der digitalen in die analoge Welt: Bis heute fahren täglich Leute aus dem gesamten deutschsprachigen Raum in das Vierzig-Seelen-Dorf, um den Drachenlord zu drangsalieren. Für sie ist es eine Art Spiel, und tatsächlich bezeichnen sie ihre Methode, den Mann so lange zur Weißglut zu treiben, bis er sein Haus verlässt, als "Drachengame". Schon bald beeinträchtigte ihre ständige Anwesenheit jedoch nicht nur den Drachenlord selbst, sondern auch die anderen Leute in der Gegend massiv. Mehrmals täglich wird die Polizei gerufen, die Dorfbewohner kommen seit mittlerweile acht Jahren nicht mehr zur Ruhe, Sachbeschädigungen sind an der Tagesordnung. Im Jahr 2016 stand einer der "Hater" vor Gericht, nachdem er permanent unerwünschte Bestellungen an Winklers Adresse schickte und in seinem Namen Notrufe tätigte, so dass bisweilen ein Großaufgebot an Einsatzkräften ausrückte - auch andere "Anti-Fans" kassierten Anzeigen und Strafen. Es wurden permanent Verfügungen ausgesprochen, um die "Hater" von dem Dorf fernzuhalten, aber diese werden bis heute immer wieder umgangen. Im August 2018 organisierten sich Hunderte von "Hatern" trotz Versammlungsverbots zu einer regelrechten Hass-Demo vor seiner "Drachenschanze", wie sein Haus genannt wird - teilweise waren sie sogar aus dem Ausland angereist. Manche "Hater" haben inzwischen ganze Websites und Kanäle online gestellt, die sich nur damit beschäftigen, den Drachenlord zu demütigen. Für einige von ihnen scheint diese Art von Mobbing gegen eine einzelne Person zu ihrem Lebensinhalt geworden zu sein.

Im Jahr 2019 wurde Rainer Winkler zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, nachdem er einen seiner ungebetenen Besucher mit Pfefferspray attackiert hatte. Letzte Woche dann waren es zwei Jahre Haft ohne Bewährung - wegen Beleidigung, Körperverletzung und Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen, nachdem er Polizisten beschimpft, mit einem Backstein nach einem seiner "Hater" geworfen und einen anderen mit einer Taschenlampe verletzt hatte. In ganz Deutschland und auch hier in Österreich berichten Medien über den Prozess - auf diese Weise wurde ich darauf aufmerksam und beschloss, mir den Sachverhalt einmal genauer anzusehen. Mir fiel auf, dass der Prozess offenbar großen Andrang fand - die "Hater" versammelten sich vor dem Gerichtsgebäude, ein paar von ihnen waren auch im Gerichtssaal zugegen, allerdings mit dem Verbot, dazwischenzurufen oder zu filmen. Rainer Winkler zeigte sich geständig, kündigte an, sein Haus zu verkaufen und wegzuziehen - außerdem wollte er seine Online-Aktivitäten deutlich reduzieren. Nun, zumindest Letzteres hielt er nicht einmal 24 Stunden durch - kaum kehrte er in seine "Drachenschanze" zurück, begann er schon wieder zu streamen, und auch seine Aussagen lassen Zweifel an seiner vor Gericht gezeigten Reue aufkommen. Nun soll der Fall wieder aufgerollt werden - was einerseits bedeutet, dass das "Drachengame" immer noch nicht zu Ende ist, andererseits, dass seine Haftstrafe im schlimmsten Fall noch verlängert werden könnte, denn der Staatsanwaltschaft sind zwei Jahre nicht lang genug.

Nun sind die Meinungen, was diese Geschichte angeht, natürlich ziemlich gespalten - die einen finden es empörend, dass hier wieder mal ein Mobbing-Opfer bestraft wird, während die Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden; die anderen argumentieren, dass er ja schließlich selber schuld an der Misere sei und deswegen auch kein Mitleid verdient hätte. Nun, Rainer Winkler hat mehrere Straftaten begangen und war zudem noch vorbestraft - das Urteil musste hier also gesprochen werden. Trotzdem verdient er meiner Ansicht nach auch Mitgefühl - auch wenn seine vom Gericht bescheinigte psychische Erkrankung in Kombination mit Intelligenzminderung offenbar nicht ausreicht, um hier von verminderter Schuldfähigkeit ausgehen zu können. Generell finde ich allerdings, dass keine der beiden Parteien sich der Verantwortung entziehen kann. Und ich bin mir natürlich bewusst, dass ich mit meinem Artikel dem Thema eine Relevanz verschaffe, die es eigentlich nicht verdient hat - sofern man bei einem so reichweitenschwachen Blog überhaupt von Relevanz sprechen kann. Das Ding ist halt nur - das Phänomen "Drachenlord" beschäftigt nicht zum ersten Mal die Internet-Community. Und ich bin weder ein Fan noch ein Hater - bisher habe ich mich in dieser Sache wohlweislich zurückgehalten und sie so gut wie möglich ignoriert. Aber inzwischen ist das Thema schon so groß, dass man es einfach nicht mehr ignorieren kann, und deswegen möchte ich mich dazu äußern.

Eines muss klar sein: Rainer Winkler spielt, wie schon gesagt, in dieser Angelegenheit keineswegs eine passive Rolle: Er reagiert auf jede Kritik und ist dabei nicht zimperlich. Er hat seine Adresse aus freien Stücken preisgegeben und ist mehrmals durch sehr provokante Äußerungen aufgefallen. Sein Verhalten verrät keinerlei Unrechtsbewusstsein, und er scheint auch nicht zu begreifen oder begreifen zu wollen, dass er durchaus Hilfe nötig hätte, jedenfalls hat er alle Angebote in der Richtung bisher ausgeschlagen. Obwohl klar ist, dass er und seine Nachbarn keine Ruhe haben werden, solange er im Internet so präsent ist, und obwohl ihm das schon häufig nahegelegt wurde, macht er keine Anstalten, seine Videos und Streams zu reduzieren oder gar einzustellen - im Gegenteil, das erste, was er macht, sobald die Verhandlung vorbei ist, sind weitere Streams. Und sein Erscheinungsbild bei der Verhandlung - löchriges Bandshirt, Jogginghose, ausgetretene Turnschuhe und ungepflegte Frisur - habe ich auch nicht so richtig verstanden, immerhin bot er auf diese Weise ja noch mehr Angriffsfläche. Manchmal könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, dass ihm diese Art der Aufmerksamkeit gefällt, wie bei einem Kind, das seine Eltern nur durch Fehlverhalten auf sich aufmerksam machen kann. Oder er kapiert es einfach wirklich nicht und hat auch niemanden, der ihm das begreiflich machen kann.

Aber ebenso wenig, wie Herr Winkler gezwungen wird, seine Videos zu machen und sich provokant zu äußern, werden auch seine "Hater" gezwungen, zu ihm zu fahren und ihn zu belästigen. Ich habe im Zuge meiner Recherche einige Twitter-Profile dieser "Hater" ausfindig gemacht, aber wirklich plausibel erklären konnte keiner, was er in diesem kleinen Nest vor dem Haus eines wildfremden Menschen überhaupt zu suchen hat. Viele begnügen sich damit, jede Kritik abzuschmettern mit dem Hinweis, dass man ja keine Ahnung von dem "Game" hätte und worum es überhaupt geht - wer sich also nicht zehn Jahre lang mit jedem Schnipsel aus dem Leben des Drachenlord beschäftigt hat, darf dazu gar keine Meinung haben. Interessant! Andere wiederum rechtfertigen ihre dortige Anwesenheit mit "Zivilcourage" - immerhin sind seine häufig feindseligen Aussagen ja trotz allem nicht wegzuerklären. Echt jetzt? Ich frage mich, ob diese Leute ihre "Argumente" tatsächlich selbst glauben: Wenn es wirklich nur darum geht, gegen Sexismus oder Holocaust-Verharmlosung vorzugehen, warum sucht man dann ausgerechnet eine labile Person auf, die ohnehin keiner ernst nimmt, anstatt sich mit jenen anzulegen, die bereits seit mehreren Jahren zündeln, ganz bewusst Menschen aufhetzen und die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschieben? Oder ist man dafür möglicherweise zu feige und schießt sich deswegen lieber auf jemanden ein, der mit seinem Aussehen, seinem Verhalten und seinen Lebensumständen ohnehin schon ein leichtes Opfer ist? Es geht ganz augenscheinlich nicht um "Zivilcourage" - es geht einzig und allein darum, den Mann bis aufs Äußerste zu reizen. Oder was hat das Werfen von Feuerwerkskörpern oder das Auftauchen vor dem Haus mit Masken, die das Gesicht von Winklers verstorbenem Vater zeigen, mit Kritik an seinen Provokationen zu tun? Ganz ehrlich: Wer würde nicht irgendwann einmal ausrasten, wenn jahrelang Tag und Nacht irgendwelche Fremden um dein Grundstück herumtigern und ständig darauf aus sind, dich zu provozieren und dir irgendeine lustige Reaktion zu entlocken, über die sie sich dann auslassen können? Abgesehen davon sind ja auch so manche der "Hater" keineswegs solche, die sich im Kampf gegen Rechts besonders hervorgetan haben - viele kokettieren sogar selbst mit rechtsradikalem Gedankengut, wie etwa jener Typ, der zusammen mit seinen Freunden dem Drachenlord per Livestream einen üblen Streich gespielt hat, und ich habe auch so einige Tweets entdeckt, in der "Hater" ihren Phantasien, was sie mit der "geilen Richterin" alles anstellen würden, freien Lauf ließen.

Ich will damit nicht relativieren, dass der Typ allen Anschein nach absolut kein Unrechtsbewusstsein hat, jegliche Hilfe ausschlägt und keinerlei Interesse zeigt, diese Farce zu beenden. Und mir ist vollkommen bewusst, dass sich an der Situation wahrscheinlich nie etwas ändern wird, solange Herr Winkler nicht bereit ist, sich helfen zu lassen. Andererseits generiert er mit seinen "Hatern" nicht nur Aufmerksamkeit, sondern verdient auch Geld an ihnen - sei es, dass sie seine Videos schauen und ihm damit Reichweite verschaffen, sei es, dass andere ihm aus Mitleid ein paar Spenden zukommen lassen. Und ich frage mich ehrlich gesagt auch, was daran so geil ist, sich permanent von einem Menschen, den man als intellektuell unterlegen ansieht, durch Videos triggern zu lassen, die zu schauen einer niemand zwingt, um dann kilometerweit in sein Heimatdorf zu fahren und dort Terror zu machen. Irgendwie scheinen Drachenlord und "Hater" eine merkwürdige Symbiose zu leben - und die Situation ist auch denkbar verfahren. Denn die Frage ist natürlich, wie Herrn Winklers Leben nach YouTube weitergehen soll - er ist im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt wie ein bunter Hund und auch nicht leicht zu übersehen, was natürlich bedeutet, dass sein zweifelhafter Ruf ihm überallhin folgen wird. Andererseits ist natürlich die Frage, was es abseits von den Videos überhaupt für Perspektiven gibt - denn abgesehen von der fehlenden Ausbildung ist natürlich die Frage, ob irgendein Arbeitgeber bereit ist, jemandem eine Chance zu geben, der so viel negative Aufmerksamkeit generiert hat. Gleichzeitig können wir bei seinen "Hatern" ja auch das beobachten, was wir schon von dem allseits beliebten Trash-TV kennen - sie schauen sich Drachenlord-Videos an und fühlen sich ihm überlegen, sowohl intellektuell als auch moralisch. Durch das Betrachten der Videos werten sie sich also selbst auf - und machen die Person, der sie zusehen, gleichzeitig durch ihre Abwertung zu einem Objekt. Auf diese Weise versuchen sie sich und anderen auch einzureden, dass das in Ordnung ist, was sie tun - immerhin reagieren sie ja nur auf seine Aussagen.

Die Drachenlord-Geschichte ist das beste Beispiel für das, was Nick Srincek bereits Anfang des letzten Jahrzehnts als "Plattformkapitalismus" bezeichnet hat: Die eigentliche Kontrolle übernimmt hier in Wirklichkeit weder der Drachenlord noch die Hater - sondern die Plattformen YouTube und Twitch selbst bestimmen die Spielregeln. Es gab ja vor zwanzig Jahren mal eine Geschichte, die ein klein wenig an diese hier erinnert: In der Gerichtsshow Richterin Barbara Salesch, die zu Anfang noch echte Fälle verhandelte, amüsierte die Hausfrau Regina Zindler mit ihrem skurrilen Nachbarschaftsstreit und dem sächsischen Dialekt den Fernsehmoderator Stefan Raab so sehr, dass er in seiner Sendung TV Total ein selbst komponiertes Lied vorstellte, in dem er die von Zindler ausgesprochenen Worte "Maschendrahtzaun" und "Knallerbsenstrauch" einbaute. Ich muss dazu sagen, ich habe zu jener Zeit, als das Lied bekannt war, mal irgendetwas bei Libro gesucht, während dieses Lied in Dauerschleife aus den Lautsprechern dröhnte, und das hat mich so irre gemacht, dass Maschen-Draht-Zaun in meiner Liste der meistgehassten Lieder ziemlich weit oben steht, aber das nur nebenbei. Jedenfalls zogen auch Zindler und ihr Nachbar damals massenhaft Schaulustige an, an vorderster Front dabei waren die Boulevard-Medien, die die Grundstücke buchstäblich Tag und Nacht belagerten. Der Unterschied war allerdings, dass in dem Dorf wieder Ruhe einkehrte, sobald die Fernsehteams abgezogen waren - eine solche Kontrollinstanz gibt es im digitalen Zeitalter jedoch nicht mehr. Und diese Dezentralisierung bewirkt, dass die Geschichte, die durch eine Ansammlung an Zufällen entstand, immer weitergeht - und ich ein bisschen die Befürchtung habe, dass das Ganze irgendwann einmal in einer Katastrophe endet, weil keiner wirklich gewillt ist, aufzuhören. Und weil eben die Akteure hier in Wirklichkeit nur Teil einer Dynamik sind, die in Wirklichkeit von den Internetplattformen vorgegeben werden: weil nämlich sie die Struktur festlegen, in der all dies seinen Lauf nimmt, und weil sie auch diejenigen sind, die von all dem am meisten profitieren.

Sowohl YouTube und Twitch als auch Facebook, Twitter und Telegram generieren ihren Profit hauptsächlich aus destruktiven Verhaltensmustern - Wolfgang M. Schmitt geht sogar so weit, das mit der Rüstungsindustrie zu vergleichen. Das klingt vielleicht weit hergeholt, aber erinnern wir uns doch nur daran, wie viel destruktive Energie diese Plattformen schon freigesetzt haben und wie häufig schon tatsächlich Leute zur Waffe gegriffen haben, nachdem sie auf einschlägigen Seiten radikalisiert wurden. Und auch das "Drachengame" funktioniert ähnlich: Die "Hater" rechtfertigen ihr Verhalten damit, dass Herrn Winklers Aussagen absolut inakzeptabel sind; dieser wiederum rechtfertigt diese damit, dass er seit Jahren so extrem belästigt wird. Erinnern wir uns doch nur daran, wie Aussagen durch die Zündelei der Rädelsführer von Querdenken & Co. immer radikaler wurden, und wie die Ermordung an einem jungen Studenten, der sich im Prinzip nur was dazuverdienen wollte, damit gerechtfertigt worden ist, dass er etwas gefordert hatte, was für die coolen Rebellen ein Ding der Unmöglichkeit ist, nämlich ein paar Minuten lang eine Maske zu tragen. Erinnern wir uns daran, dass ein paar Einschränkungen schon ausreichten, um Leute dazu zu bringen, auf die Straße zu gehen und die Hinrichtung von Politikern und Wissenschaftlern zu fordern. Wenn ich mir all diese Ereignisse betrachte, wird mir eines klar: Wir müssen dringend eine Lösung finden, wie wir in Zukunft mit dem Internet umgehen - und vor allem, wie wir mit Menschen ohne Medienkompetenz umgehen. Menschen, die sich auf einschlägigen Websites radikalisieren - und gescheiterte Existenzen wie den Drachenlord, die mit den Möglichkeiten des Internets nicht verantwortungsvoll umgehen können. Ich habe es schon einmal geschrieben, ich wiederhole es noch einmal, und dass die sudanesische Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga dies ebenfalls zur Sprache brachte, zeigt mir, dass ich richtig liege: Es ist höchste Zeit für eine neue Aufklärung. Und diese muss auch unseren Umgang mit den digitalen Medien mit einschließen. Juste du courage!

vousvoyez

Dienstag, 17. August 2021

Wenn die Supermarktnatur sich erholt, kehren auch bedrohte Warenarten in ihren natürlichen Lebensraum zurück

vongestern.com
Und die nächste patentierte Corona-Weisheit: Ein Kommentar zu den Hamsterkäufen. Wobei das große Rätsel, warum man bei einer bevorstehenden Apokalypse ausgerechnet zuerst an Klopapier denkt, bis heute nicht gelöst ist. Aber okay - man hat ja bereits am Montag danach gesehen, dass diese Massenpanik völlig umsonst war. So wie viele andere Massenpaniken auch - etwa diejenige, über die ich in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. Den ich hiermit fortsetzen will; damit ihr aber richtig mitkommt, möchte ich euch empfehlen, ihn erst mal zu lesen, sofern ihr es noch nicht getan habt. Nicht, dass mir hinterher noch Klagen kommen! Und ihr euch dann beschwert: "Das haben wir aber noch nicht besprochen!" No way!

Wie ich zuvor erwähnt habe, war das Satans-Thema in meiner Jugend so unfassbar präsent, dass es sogar die Redakteure und Leser der Bravo beschäftigte - im vorigen Artikel habe ich euch eine Foto-Love-Story verlinkt, die es in sich hat. Die Autoren haben so richtig tief in die Klischeekiste gegriffen - von schwarzer Kleidung über Kapuzengestalten, Ouija-Bretter, verkehrten Kreuzen, Pentagrammen, Gedankenkontrolle und Weihwasser wurde wirklich alles, was für naive Gemüter zu einem gepflegten Satanismus gehört, wild durcheinandergeworfen. Mein Vater hätte gesagt, wie sich der kleine Maxi das eben so vorstellt. Und hier wird bereits ersichtlich, worüber ich bereits geschrieben habe: Horrorfilme à la Rosemary's Baby und Das Omen waren bereits 1994 so sehr ins kollektive Gedächtnis eingegangen, dass kein Satanismus ohne Versatzstücke aus diesen Werken mehr auskam. Das erklärt übrigens auch, warum die Berichte von "Überlebenden" sich so sehr ähneln. Ich habe mir übrigens hierzu noch mal jene Doku angeschaut, die von Kriminalpsychologin Lydia Benecke so heftig kritisiert wird (und die ich euch unten noch einmal verlink habe): Die Diagnose der Dame, von der diese Doku handelt - nämlich die dissoziative Identitätsstörung - kam zustande, nachdem ihre Therapeutin ein Buch darüber gelesen hatte.

Natürlich sind Verschwörungsmythen in Verbindung mit Satanismus aber kein neues Phänomen - man denke etwa an die Hexenverbrennungen der frühen Neuzeit: Da wurde den Delinquenten schließlich auch vorgeworfen, den Teufel beschworen, vielleicht sogar sexuellen Kontakt mit ihm gehabt zu haben. Im 19. Jahrhundert setzte außerdem ein Franzose namens Léo Taxil das Gerücht in die Welt, dass die Freimaurer in Wirklichkeit Satanisten seien, deren oberster Chef in Kontakt mit Satan persönlich stünde, und dass sie in ihren Logentempeln sexualmagische Orgien und Schwarze Messen feierten. In Wirklichkeit wollte Taxil nur finanziellen Nutzen aus dem Misstrauen der katholischen Kirche gegenüber den Freimaurern ziehen, nachdem der Bund ihn ausgeschlossen hatte. Der Schwindel wurde 1896 aufgedeckt, Taxil gab ihn auch selbst zu, aber Mythen sind mitunter zäh - und bis heute gibt es Leute, die an das Märchen eines satanistischen, pädokriminellen Freimaurerordens glauben. Was nicht überrascht, wenn man bedenkt, dass es ebenso immer noch Leute gibt, die an die längst widerlegte Pizzagate-Affäre glauben. Und genauso hartnäckig hält sich bei manchen von ihnen auch die "Satanic Panic" - auch wenn man sich inzwischen vom Begriff "Satanismus" ein wenig distanziert hat. Heute spricht man eher von "Kulten" - die Inhalte sind allerdings identisch. Was sich etwa auch in jener oben erwähnten Dokumentation Wir sind die Nicki(s) zeigt - die letztes Jahr von der eigentlich seriösen ze.tt herausgegeben worden war: Die Protagonistin ist nämlich niemand anders als diejenige, deren Geschichte bereits zwanzig Jahre zuvor in der ARD-Dokumentation Höllenleben erzählt worden war (die ich euch ebenfalls unten verlinkt habe). Ja, auch seriöse Medien sagen nicht immer die Wahrheit - deswegen ist Gegenlesen auch so wichtig. Aber was soll man sagen - die Dokumentation stammt von zwei jungen Journalistinnen, die diese mit Sicherheit nicht in böser Absicht herausgegeben haben. Und was die Protagonistin angeht - ich bin mir sicher, dass sie nicht lügt. Ich bin überzeugt davon, dass sie das, was sie da erzählt, wirklich glaubt. Auch ihrer Therapeutin Michaela Huber, die sich inzwischen schon zu einer Koryphäe in Sachen ritueller Gewalt entwickelt hat, unterstelle ich keine Lügen - ich finde halt, dass sie nicht wirklich professionell arbeitet, und das ist richtig schade, weil ihre sympathische Art für die Patientinnen mit Sicherheit sehr wohltuend ist. Leider habe ich durch einige Quellen erfahren, dass Frau Huber auch mit Kritik sehr unprofessionell umgeht. Ich finde es außerdem ärgerlich, dass diese Doku so schlecht recherchiert ist - es wird hier leider enorm viel ausgeklammert. Aber mal zum Anfang.

Ich habe mir, um für diese beiden Artikel zu recherchieren, einiges durchgelesen und mir auch ein paar sehr spannende Vorträge angehört - entsprechend habe ich auch etliche Links, die ich an euch weitergeben kann (und die ich vorwiegend unten verlinken werde). Am Interessantesten war für mich ein Interview mit einem Kriminalbeamten, der genau erklärt hat, warum solche Geschichten eher unglaubwürdig sind (zu sehen im Video der SkepKon 2018). Ich persönlich habe unterschiedliche Motive, sie nicht zu glauben: Erstens ähnelt mir das Ganze viel zu sehr den alten Geschichten von der sogenannten Ritualmordlegende, nur dass die Juden und Hexen in dem Fall durch die Satanisten ersetzt wurden - in vielen Fällen wird das alles auch einfach in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt -, zweitens ist es vollkommen unrealistisch, dass eine Verschwörung in einem solchen Ausmaß über mehr ein halbes Jahrhundert hinweg geheim bleiben kann und dass alles, was man bis heute hat, die Aussagen angeblich Betroffener ist. Wie bei allen Verschwörungserzählungen gibt es allerdings ein Problem: Es ist schwer, dagegen zu argumentieren, denn erstens sind da eben eine Menge Emotionen im Spiel, zweitens kannst du das Gegenteil nicht beweisen, drittens bist du, wenn du Zweifel hegst, schnell mal der/die/das Böse - oder gar Teil der Verschwörung -, weil du ja schließlich die Aussage der armen Menschen in Zweifel ziehst, die so viel Furchtbares erlebt haben. Aber ich sage mir immer, wenn du nur eine Person zum Nachdenken anregst, hast du mehr erreicht als mit Schweigen.

Die Satanic bzw. Moral Panic, von der ich hier spreche, nahm ihren Anfang im Jahre 1980, als das Buch Michelle Remembers veröffentlicht wurde, der vermeintlich authentische Bericht einer Frau, die angeblich in einer Satanssekte aufgewachsen ist und dort auch Missbrauch erlebt hat. Michelle Smith schrieb das Buch zusammen mit ihrem Therapeuten und späteren Ehemann Lawrence Pazder, einem kanadischen Psychiater, der zuvor Missionar in Afrika gewesen war und dessen Geschichten über die dortigen religiösen Rituale wohl Michelles Phantasie angeregt hatten - jedenfalls fing sie irgendwann an, von satanischen Ritualen aus ihrer Kindheit zu erzählen. Michelle Remembers legte den Grundstein für all das, was später rund um dieses Narrativ aufgebaut werden sollte, und erhob Pazder in den USA und Kanada zum führenden Experten für Satanismus und rituellen Missbrauch - auch wenn schon kurz nach der Publikation erste Zweifel aufkamen, da nichts, was in dem Buch drin stand, bewiesen werden konnte - eher im Gegenteil. Sogar Pazder selbst gab Jahre später zu, dass sich all das möglicherweise nur in Michelles Kopf abgespielt haben könnte.

Zu der Zeit, als Michelle Remembers veröffentlicht wurde, wurden in den USA gerade neue Gesetze verabschiedet, die dazu verpflichteten, den Verdacht auf Missbrauch Schutzbefohlener behördlich zu melden. Tatsächlich wurden in den nächsten Jahren Fälle von angeblichem oder tatsächlichem Kindesmissbrauch immer häufiger mit satanischen Ritualen in Verbindung gebracht. Am bekanntesten ist mit Sicherheit der Fall der McMartin-Vorschule in Manhattan Beach, Kalifornien, gegen dessen Leitung von einigen Eltern der Vorwurf von Kindesmissbrauchs in satanischen Ritualen eingebracht wurde. Es war der längste und teuerste Strafprozess in der Geschichte der USA, aber am Ende konnten die Behauptungen widerlegt und die Angeklagten freigesprochen werden. Viele der Befragungen konnten als fehlerhaft und suggestiv entlarvt werden, etwa die Anwendung anatomisch korrekter Puppen, infolge derer bei allen Kindern sexueller Missbrauch diagnostiziert wurde; die widerlegte Behauptung, unter dem Schulgelände habe sich ein Tunnelsystem befunden, durch das die Kinder zu den Ritualorten gebracht worden sein sollen, weckt unangenehme Assoziationen mit QAnon, und das ist auch kein Zufall, denn diese Bewegung griff viele Mythen der damaligen Zeit wieder auf. Während des Prozesses gegen die McMartin-Schule gab es übrigens mehrere kalifornische Kindergärten, die sich ähnliche Vorwürfe gefallen lassen mussten.

1987 erregte ein Fernsehspecial des amerikanischen Journalisten Geraldo Riviera Aufsehen; es handelte von angeblichen Geheimkulten und manifestierte den Mythos eines weltumspannenden, geheimen Netzwerks aus Satanisten, das Jugendliche mittels Rollenspielen wie Dungeon's & Dragons oder auch Heavy-Metal-Musik und dem Fernsehen verführte und in dem Frauen vorsätzlich geschwängert würden, um deren Babys nach der Geburt zu opfern. Einer der Gäste war Lauren Stratford, eine weitere "Überlebende" satanischer Kulte, die ihre Geschichte in dem 1988 veröffentlichten Bestseller Satan's Underground niederschrieb. Stratford hieß eigentlich Laurel Rose Willson und war Musikerin. Schon zuvor war bekannt gewesen, dass sie unter psychischen Problemen litt und dass sie zu falschen Missbrauchsbeschuldigungen neigte. Ende der 1990er Jahre, als der Satanismus-Hype sich bereits wieder gelegt hatte, trat sie noch einmal in die Öffentlichkeit - diesmal nannte sie sich Laura Grabowski und behauptete, eine Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zu sein. Ihr könnt euch also schon denken, wie glaubwürdig diese Dame tatsächlich ist.

Die erstarkende Macht christlicher Fundamentalisten gab dem Verschwörungsmythos ordentlich Auftrieb, die Beteiligung von Psychotherapeuten sorgte für einen professionellen Anstrich. Und so fand die Satanic Panic ihren Weg nach Kanada, Großbritannien, Australien, Neuseeland, die Niederlande und Skandinavien bis in den deutschsprachigen Raum. Im Laufe der 1990er Jahre veränderte sich die öffentliche Wahrnehmung in den USA jedoch - der verlorene McMartin-Prozess warf erste Zweifel auf, und auch in psychologischen Fachkreisen machte sich allmählich Skepsis breit. Eine Vielzahl erfolgreicher Klagen gegen Psychiater tat ihr übriges, und in den frühen 2000ern glaubten nur noch wenige an satanisch-rituellen Missbrauch. All das kehrte erst Ende letzten Jahrzehnts mit der Machtübernahme Donald Trumps und dem Erstarken von QAnon wieder zurück - auch wenn nicht mehr explizit über Satanismus gesprochen wird und sich der Fokus von den Kindertagesstätten hin zu demokratischen Politikern und Hollywood-Schauspielern verschoben hat.

Umso unverständlicher, dass im deutschsprachigen Raum bis heute teilweise noch so getan wird, als habe es all die Widerlegungen und Prozesse in den USA nie gegeben - wie eben auch in der von mir schon erwähnten ze:tt-Doku. Bis heute werden Bücher wie Vier Jahre Hölle und zurück, das übrigens sogar auf Wikipedia als unglaubwürdig enttarnt wird, als Tatsachenberichte angesehen, und der aufsehenerregende Dokumentarfilm Höllenleben von 2001, der übrigens dieselbe Protagonistin hat wie die ze.tt-Dokumentation, wird immer noch gerne als seriöse Quelle herangezogen. Aber was behaupten die Opfer eigentlich und warum wird das angezweifelt?

Nun - fast alle Personen, die sich für Opfer rituellen Missbrauchs handeln, sind Frauen; sie behaupten häufig, in einer satanischen Sekte aufgewachsen zu sein, Familienmitglieder und Freunde der Familie seien Teil dieses Kults. Dieser soll an besonderen Orten zu satanischen Festtagen magische Rituale durchführen, angeführt von einem Satanspriester in einem schwarzen Kapuzengewand. Die Opfer würden dabei gezwungen, sexuelle Handlungen zu vollziehen, der Verstümmelung von Tieren beizuwohnen oder dieses selbst auszuführen, menschliches Fleisch zu essen oder menschliches Blut, Extremente oder Sperma zu trinken. Ganz allgemein ist oft davon die Rede, dass bei diesen Ritualen Tiere oder sogar Menschen geopfert würden; manche behaupten sogar, absichtlich geschwängert worden zu sein, damit das daraus entstandene Baby gleich nach der Geburt geopfert werden könnte. Die Sekten seien hierarchisch organisiert; auf höchster Ebene befänden sich häufig hochrangige Mitglieder der Gesellschaft, etwa hohe Polizeibeamte, Staatsanwälte, Ärzte oder Industrielle. Deswegen wird auch so oft auf die Frage, warum denn bisher noch niemand einen solchen Kult aufgedeckt hat, damit argumentiert, dass all jene Institutionen, die dies könnten, von Satanisten unterwandert seien - häufig werden auch all diejenigen, die den Wahrheitsgehalt dieser Geschichten anzweifeln, sofort der Mittäterschaft verdächtigt.

Doch das Problem liegt hier nicht nur in der angeblich so breit gestreuten Mittäterschaft, sondern auch in der Zuschreibung übermenschlicher Fähigkeiten sowohl an die Täter als auch an die Opfer. Ein Begriff, der hier eine wesentliche Rolle spielt, ist, dass diejenigen, die sich für Opfer satanisch-rituellen Missbrauchs halten, sich als "multiple Persönlichkeiten" bezeichnen - sie behaupten, viele Persönlichkeiten in sich vereinen, die häufig völlig konträr zueinander stehen sollen. Nun muss man dazu sagen, dass es das Krankheitsbild Dissoziative Identitätsstörung (DIS) tatsächlich gibt - hierbei übernehmen unterschiedliche Identitätszustände abwechselnd die Kontrolle über das Denken, Fühlen und Handeln des Patienten, der nicht in der Lage ist, all diese Zustände in seine Gesamtpersönlichkeit zu integrieren. Tatsächlich wird auch vermutet, dass diese Störung auf extreme traumatische Erlebnisse in der frühen Kindheit zurückzuführen ist - insgesamt ist diese Erkrankung wohl eher selten. Manche Experten behaupten sogar, sie entstehe erst innerhalb einer Therapie - näheres findet ihr in den unten angeführten Links der Sekteninfo NRW. Therapeuten, die auf angeblichen rituellen Missbrauch spezialisiert sind, behaupten häufig, Multiple könnten mit ihren Energien elektronische Geräte beeinflussen, was so weit gehen kann, dass jede Fehlfunktion eines solchen Geräts auf die Fähigkeiten dieser zurückgeführt wird. Die "Innenpersonen" sollen neben unterschiedlichen Talenten, Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen oft auch unterschiedliche Augenfarben, Sehstärken und Schuhgrößen besitzen; man behauptet, dass einzelne "Innenpersonen" Erkrankungen wie Krebs oder Asthma hätten, die bei anderen nicht aufträten; dass Verletzungen verschwänden, wenn die verletzte Person nach "innen" gehe; das Drogen und Medikamente nur bei einer "Innenperson" wirkten, bei den anderen aber nicht. Dies ist schon deshalb eher unglaubwürdig, weil sich diese "Innenpersonen" ja immer noch denselben Körper teilen - trotzdem gibt es nicht nur Patienten, sondern auch Therapeuten, die diese Behauptungen aufstellen und auch glauben.

Eine weitere Behauptung, die in diesem Zusammenhang sehr beliebt ist, umfasst den Begriff der mind control - angeblich könnten die Täter solche Dissoziationen willkürlich hervorrufen, wodurch es diesen möglich sei, ihr Opfer wie einen Roboter zu "programmieren" und zu "steuern". Dies geschehe durch antrainierte Reize, sogenannte "Trigger", die meist in Codewörtern bestehen, die sofort das gewünschte Verhalten hervorriefen Häufig wird angenommen, dass multiple Patientinnen sich immer noch in der Gewalt ihrer Peiniger befänden, die sie mit Hilfe solcher "Programmierungen" zur weiteren Teilnahme an satanischen Ritualen, zur Prostitution oder sogar zum Mord anstiften würden, möglicherweise auch zum Suizid aus mangelnder Loyalität. Diese Behauptungen haben allerdings einen großen Fehler: Bisher sind all jene, die diese Thesen befürworten, einen wissenschaftlichen Beweis schuldig geblieben, dass es überhaupt möglich ist, einen Menschen oder ein Tier auf diese Art und Weise zu steuern - im Gegenteil weisen die Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften darauf hin, dass ein so hohes Maß an Fremdkontrolle eher nicht möglich ist. Das bekannteste Forschungsprogramm in dieser Richtung ist übrigens MKUltra, ein während des Kalten Krieges von der CIA durchgeführtes Verfahren, in dem Menschen ohne ihr Wissen unter halluzuinogene Drogen gesetzt wurden, um zu testen, ob man an ihnen Bewusstseinskontrolle ausüben könnte - die Ergebnisse waren ernüchternd, viele Probanden bezahlten ihre Teilnahme mit ihrer psychischen und physischen Gesundheit, teilweise sogar mit ihrem Leben. Und denken wir doch mal logisch - wenn es wirklich möglich wäre, eine Person auf solche Art zu kontrollieren, warum ist noch keine Diktatur je darauf gekommen, diese Methode anzuwenden?

Warum aber sind die mutmaßlichen Opfer so überzeugt von ihrer Geschichte? Nun - hier kommt die Forschung zu falschen Erinnerungen ins Spiel, die in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht hat. Diese wird unter jenen, die an rituellen Missbrauch glauben, jedoch diskreditiert - angeblich handle es sich dabei um Vereinigungen von Tätern, denen es lediglich darum gehe, den Opfern ihre Glaubwürdigkeit zu nehmen. Was uns bei Verschwörungsgläubigen so häufig begegnet: Die Welt wird eingeteilt in Freund und Feind, und jeder, der widerspricht, wird sofort der "bösen" Seite zugerechnet. Und dabei sind falsche Erinnerungen bereits ziemlich gut nachgewiesen - das menschliche Gedächtnis ist keine Festplatte, die Erinnerungen speichert und nach Belieben wieder abspielt. Erinnerungen können sehr leicht verfälscht und manipuliert werden - was uns schlüssig erscheint, halten wir für wahr, auch wenn es das nicht ist. Im Zusammenhang mit psychischen Problemen ist der Glaube an verfälschte Erinnerungen zum einen mit dem Wunsch verknüpft, zu verstehen, warum man erkrankt ist, zum anderen mit der Hoffnung, endlich wieder Kontrolle über seine Probleme zu erlangen. Einige Patientinnen haben sich bereits vor Beginn ihrer Therapie über Bücher, Dokumentationen, das Internet oder Selbsthilfegruppen zu dem Thema informiert und sehen dies als schlüssige Erklärung für ihre Beeinträchtigung. Auf diese Weise finden sie möglicherweise auch den passenden Therapeuten, der ihre eigene These stützt und ihre Überzeugungen festigt. Ich möchte außerdem auf einen Artikel der Sekteninfo NRW hinweisen, der von einer Patientin handelt, die von einer Therapeutin in ein solches Narrativ gedrängt wurde - der ist ebenfalls unten verlinkt.

Nun - ich habe ja bereits in meinem Artikel über den Mandela-Effekt auf das Phänomen der falschen Erinnerung hingewiesen. Gerade deswegen möchte ich Betroffenen auch keine Lügen unterstellen - sie empfinden ihre Erinnerungen als real. Fakt ist jedoch, dass anekdotische Evidenz das einzige ist, was von all diesen spektakulären Fällen übrig bleibt. Hinzu kommt noch, dass die Patientinnen natürlich alle nicht gerade mit einem besonders starken Selbstwertgefühl ausgestattet sind - dies kann durch die Exklusivität, "Überlebende" eines Kultes zu sein, zumindest kurzfristig angehoben werden. Zudem kommt, dass zumindest ein großer Teil der Patientinnen wohl wirklich Opfer sexuellen Missbrauchs war, möglicherweise fand dieser in der eigenen Familie statt - es ist aber natürlich einfacher, zu glauben, der Vater sei unter Einfluss eines ominösen Kultes gestanden, immerhin erschüttert so ein Missbrauch ja erheblich das Vertrauensverhältnis. Hinzu kommt, dass Leute, die an diese Dinge glauben, auch gerne emotionalen Druck ausüben - beispielsweise unterstellen sie häufig, dass man Gewalt, Missbrauch oder organisierte Kriminalität leugnet, oder sie deuten die Taten Einzelner wie Fritzl oder Dutroux gerne in rituellen Missbrauch um. Und das ist es, was den Diskurs zerstört und die Sache in eine Richtung lenkt, die unübersehbar schwurbelig ist - weshalb ich auch angefangen habe, daran zu zweifeln.

Nun gut, ich bin froh, dass ich diese Geschichte endlich mal aufgearbeitet habe - es war mir auch eine persönliche Angelegenheit, da ich erstens sowohl von den Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland als auch von der Zeit eigentlich sehr viel halte, und da ich zweitens zu jener Generation gehöre, die in ihrer Jugend vergleichsweise häufig mit Satanic Panic konfrontiert worden ist. Es soll eine kleine Erinnerung daran sein, dass wir niemals aufhören sollten, zu zweifeln und nachzufragen, egal wie seriös uns Quellen auch erscheinen mögen. Und da das Thema jetzt doch ein bisschen schwer verdaulich war, habe ich euch ein Bild aus der Dr.-Sommer-Rubrik der Bravo angefügt, plus einen Link zu einer sehr amüsanten Website. Also bis zum nächsten Mal und bon voyage!

vousvoyez

Mittwoch, 11. August 2021

Die verordnete Ausgangssperre hat auch etwas Gutes: Endlich finden die vor vielen Jahren getrennten Sockenpaare wieder zueinander

© vousvoyez
Ja, ihr habt richtig gesehen: Wir kommen nun zu jenen Weisheiten, die entstanden, als das Coronavirus in unser aller Leben einschlug wie eine Bombe. Und obwohl es noch kaum anderthalb Jahre her ist, fühlt es sich für mich schon so irreal an, als hätte ich es gar nicht selbst erlebt, sondern vor längerer Zeit mal ein Buch gelesen oder einen Film gesehen. Und doch wirkt diese Pandemie bis heute nach, auch wenn die Impfung das Leben für manche von uns doch schon sehr erleichtert hat.

Wer meinen Blog schon länger kennt, weiß natürlich, dass ich die Lockdown-Zeit sehr viel auch zum Schreiben genutzt habe - und dass ich mich auch mit einigen Verschwörungserzählungen befasst habe. Heute möchte ich allerdings noch einmal auf einen Artikel aus Vor-Corona-Zeiten zurückgreifen, da es zu dessen Inhalt sehr viele Anknüpfungspunkte zu Verschwörungsmythen aus jüngster Zeit gibt: Ich möchte noch einmal über Satanismus sprechen bzw. über das, was in Fachkreisen gerne als Satanic Panic bezeichnet wird. Da habe ich nämlich inzwischen so einiges herausgefunden - und zwar tatsächlich so viel, dass ich zwei Teile daraus machen möchte, weil ein einziger beim besten Willen zu lang ist. Im ersten Teil möchte ich ein wenig auf die historischen Hintergründe sowie auf popkulturelle Referenzen eingehen, im zweiten spreche ich dann darüber, was daran wohl eher Verschwörungsmythos ist und vor allem warum.

Bevor ich aber anfange, möchte ich eines noch einmal klarstellen, weil dies ja häufig als Gegenargument herangezogen wird: Ich weiß, dass Kindesmissbrauch existiert, ich kenne selbst Personen, die davon betroffen waren, und es liegt keineswegs in meinem Ermessen, dies klein zu reden; ich weiß auch, dass es organisierte Kriminalität und auch organisierten Kindesmissbrauch gibt; ich will weder die Traumata von Missbrauchsopfern in Frage stellen, noch will ich in irgendeiner Form tatsächlich existierende Missbrauchsfälle in Abrede stellen; ebenso will ich diejenigen, die als Betroffene angeführt werden, keineswegs der Lüge bezichtigen, noch stelle ich in Abrede, dass sie tatsächlich traumatische Erfahrungen hinter sich haben. Dies möchte ich vor allem deswegen erwähnt haben, weil ich weiß, dass gerade das Kinderthema sehr starke Emotionen auslöst - Kinder sind Schutzbefohlene, was bedeutet, dass häufig nur der Verdacht einer potenziellen Gefahr für Kinder dem rationalen Denken abträglich sein kann. Und dass man, wenn man an einer Geschichte zweifelt, bisweilen in den Verdacht gerät, alles anzuzweifeln, was nur irgendwie mit dem Thema zu tun hat - oder gar Teil der Verschwörung zu sein. Ich möchte allerdings noch einmal klarmachen, dass dies absolut nicht hilfreich ist - erfundene Missbrauchsfälle unreflektiert zu glauben und Zweifler zu diskreditieren, hilft tatsächlichen Opfern nicht. Im Gegenteil, es macht sie unglaubwürdig - und überdies läuft man dabei Gefahr, Personen zu Unrecht zu beschuldigen, ganz abgesehen davon, dass man Menschen die therapeutische Hilfe verweigert, die sie eigentlich brauchen. Aber dazu kommen wir noch.

Vor etwas mehr als anderthalb Jahren habe ich über ein Buch geschrieben, das ich vor längerer Zeit einmal gelesen habe und an das ich mich wieder erinnerte, als ich ein Video des YouTube-Kanals SkepticPunk gesehen habe. Ich weiß inzwischen auch, welches Buch es war - gleichzeitig habe ich es aber mit einem weiteren Buch verwechselt, das in denselben Kanon gehört. Das Buch, das ich damals beschrieben habe und das von einer Frau handelt, die seit frühester Kindheit Opfer ritueller Gewalt gewesen sein soll, heißt Vater unser in der Hölle und wurde 2008 veröffentlicht - die Autorin heißt Ulla Fröhling. Was natürlich heißt, dass ich schon älter als fünfzehn oder sechzehn war, als ich es in die Finger bekam - ja, auch als junge Erwachsene war ich nicht immer so abgeklärt und skeptisch, wie ich gerne gewesen wäre. Das Buch, das ich als Jugendliche gelesen und irgendwann einmal ausgemustert habe, heißt Vier Jahre Hölle und zurück; als Autor ist ein gewisser "Lukas" angegeben. Es ist der angeblich authentische Bericht eines Teenagers, der vier Jahre lang in einer mächtigen Satanssekte gewesen sein will. Nun muss man wissen, dass Satanismus in meiner Jugend zu den großen Gefahren gezählt wurde, denen Heranwachsende neben Drogen, AIDS und Rechtsradikalismus ausgesetzt waren. In Deutschland war das Thema anscheinend noch präsenter als hier in Österreich - jedenfalls habe ich erfahren, dass Vier Jahre Hölle und zurück dort häufig im Religionsunterricht besprochen wurde (und teilweise noch wird), als warnendes Beispiel vor verkehrten Kreuzen, Pentagrammen, schwarz gekleideten Leuten und Heavy Metal. In einem weiteren Artikel habe ich ja bereits von jener Dokumentation berichtet, die in unserer Schule sehr beliebt war und in der behauptet wurde, dass Jugendliche, die Metal hören und bestimmte Platten rückwärts spielen, Satanisten werden. Seit mehreren Jahrzehnten wird Satanismus von vielen Leuten als weltumspannender Geheimbund beschrieben, der böse Rituale feiert, in denen unfassbare Grausamkeiten stattfinden - ein Geheimbund, in den unzählige Leute involviert sein sollen, in oberer Instanz sogar Ärzte, Industrielle, Staatsanwälte, Polizeibeamte in hohen Positionen und so weiter. So viele, dass es bis heute unmöglich sei, stichhaltige Beweise für die Existenz dieser Geheimbünde ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Und so bleibt als einziger Beweis das Wort der vermeintlichen Opfer. Na, klingelt's schon bei euch? Nun gut, aber was hat es damit eigentlich auf sich?

Erst mal ist es wichtig, festzuhalten, dass "Satanismus" kein homogenes Konstrukt ist wie etwa Scientology, die Zeugen Jehovas oder die Church of the Lamb of God, um nur ein paar zu nennen. Soll heißen, "den Satanismus" als strukturierte, sektenhafte Organisation gibt es nicht - es gibt vereinzelte, kleinere Gruppierungen, die mal mehr, mal weniger gefährlich sind und die miteinander oft nichts oder nur wenig zu tun haben. Nun wissen wir ja, dass die Figur des Satan keine Erfindung des Christentums ist: Die Dualität von Gut und Böse findet sich auch schon in älteren Religionen - und somit auch die Figur des Teufels als Antagonist. In der englischsprachigen Literatur des 17. Jahrhunderts wiederum, allen voran in John Miltons Dichtung Paradise Lost, tritt Satan als rebellische Figur auf, die dem Menschen das Göttliche in sich selbst bewusst machen soll. Auch in Charles Baudelaires Gedichtband Les Fleurs du Mal, in Marquis de Sades Hauptwerk Les 120 Journées de Sodome ou l'École du Libertinage sowie in Lord Byrons Drama Cain finden sich diese Ideen unter anderem wieder. Im 19. Jahrhundert finden sich hier etwa E. T. A. Hoffmanns phantastischer Roman Die Elixiere des Teufels und Giosuè Carduccis Inno a Satana, während in Hermann Hesses Roman Demian von 1919 von einer Fusion von Gott und Teufel die Rede ist.

Die ersten Ansätze einer satanistischen Vereinigung kann man in den Hellfire Clubs im England des 18. Jahrhunderts verorten, und auch einige okkulte Bewegungen des 19. Jahrhunderts hatten satanistische Tendenzen. Als Begründer des modernen Satanismus gilt der britische Schriftsteller und Okkultist Aleister Crowley, dem es allerdings nicht um die Anbetung eines Satan als Gegenspieler Gottes ging, sondern um die Abkehr von gesellschaftlichen Konventionen und christlichen Werten sowie die Vergöttlichung des Menschen, einschließlich seiner negativen Seiten. Er propagierte die absolute Selbstverwirklichung und die Herrschaft des Starken über den Schwachen, wobei mit Hilfe von okkulten Ritualen die totale Autonomie des Menschen erreicht werden soll. Zu einem eigenständigen antichristlichen Religionssystem wurde Satanismus erst in den 1960er Jahren erhoben, als Anton Szandor LaVey die Church of Satan gründete - nach eigenen Angaben in der Walpurgisnacht des Jahres 1966. Diese Form des Satanismus wird jedoch weniger als tatsächliche Religion denn als Philosophie verstanden - Satan steht hier für die dunklen Aspekte des menschlichen Daseins, allen voran den Sexual- und Selbsterhaltungstrieb. LaVey verfasste mehrere Texte, unter anderem die Satanische Bibel, und führte im Keller seines Stadthauses in San Francisco, gekleidet in ein Faschingskostüm, das mich entfernt an den Kinderfilm So ein Satansbraten erinnert, Schwarze Messen durch, bei denen allerdings keine Babys geopfert oder Menschenfleisch gegessen wurde. Sein Zugang zu dem ganzen Satans-Ding war eher ein rebellisch-parodistischer - es ging ihm um Protest gegen die Verlogenheit von Kirche und Gesellschaft sowie um die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, wie es damals halt so üblich war. Die Anhänger der Church of Satan distanzieren sich übrigens auch heute noch von jeglichen Straftaten - der moderne Satanismus versteht sich eher als atheistische Philosophie, seine Anhänger sind ganz offensichtlich weitaus langweiliger, als die öffentliche Meinung es oft wahrhaben will. Mir ist offen gestanden auch nicht so klar, warum man sich auf einen Satan berufen muss, wenn man sich doch von jeder Gottesvorstellung lossagen will, aber jeder wie er glaubt. Bis heute wird übrigens gerne auf die gruselig aussehenden PR-Fotografien von LaVey zurückgegriffen, wenn irgendwo von Satanismus die Rede ist - oder was man sich halt darunter vorstellt. Auch der in den 1970er Jahren gegründete Order of Nine Angels bezeichnete sich zwar als satanistisch, meinte damit aber ebenfalls keine Verehrung Satans im eigentlichen Sinn - im Gegensatz zu LaVeys Hedonismus liegt ihr Schwerpunkt auf der Entwicklung des Individuums durch gefährliche Situationen, ihr Fokus liegt auf Selbstbeherrschung, Selbstüberwindung und kosmische Weisheit, seine Auslegung ist sozialdarwinistisch. Außerdem bekennen sich seine Anhänger zum Nationalsozialismus, zu ihrer Symbolik gehören die Hakenkreuzflagge, die Anbetung Hitlers und die Leugnung des Holocaust. Aber bei aller Abscheu, die man dieser Gruppierung entgegenbringen kann, beinhalten auch deren Rituale keine Menschenopfer und ähnliche Scherze.

Ganz allgemein war das Satans-Thema in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch immer wieder Teil der Popkultur. Bekannt ist etwa der Rolling-Stones-Song Sympathy for the Devil, der von dem 1966 veröffentlichten Roman Der Meister und Margarita des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow inspiriert ist, welcher sich satirisch gegen die bürokratisch-atheistische Ideologie des sowjetischen Regimes richtete und der den Teufel als Erlöserfigur darstellt. Häufig in diesem Zusammenhang erwähnt wird auch Rosemary's Baby, Roman Polanskis meisterhafte Verfilmung von Ira Levins gleichnamigem Roman aus dem Jahre 1968. Dieser Film handelt von einem jungen Ehepaar mit Kinderwunsch, das in ein Haus in New York zieht, welches bereits seit Generationen einen satanistischen Kult beherbergt, dem auch ihre Nachbarn angehören. Die junge Ehefrau Rosemary ahnt nichts davon, als sie und ihr Mann Guy sich mit den beiden anfreunden - Guy schließt sich dem Kult an und erklärt sich bereit, Rosemary vom Teufel schwängern zu lassen, wenn dafür seine Karriere als Schauspieler endlich in Schwung kommt. Natürlich ist die Satansgeschichte hier nur symbolisch - der Film thematisiert eigentlich den Generationenkonflikt der damaligen Zeit und die Rolle der Frau in dieser Gesellschaft -, aber auch hier ist teilweise schon jene Symbolik vertreten, die heute ins kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Sehr großen Einfluss auf unsere Vorstellungen von Satanskulten hatte auch Richard Donners Film Das Omen von 1976, in dem ein totes Baby gegen den Sohn des Satans ausgetauscht wird, der gezeugt wurde, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Doch auch William Peter Blattys Psychoschocker Der Exorzist von 1973, Brian de Palmas Stephen-King-Verfilmung Carrie von 1976, Neil Jordans Romanverfilmung Interview mit einem Vampir von 1994, Stanley Kubricks letzter Film Eyes Wide Shut von 1999 sowie Die neun Pforten von 1999, ebenfalls von Polanski, werden häufig mit unserer Vorstellung von Satanismus in Verbindung gebracht, auch wenn sie nicht direkt von einem Satanskult handeln.

Das, was als "Satanic Panic" bekannt war, begann um 1980 in den USA und schwappte in den 1990er Jahren in den deutschsprachigen Raum über. Die Rede ist von einem weltumspannenden Satanskult, dessen Mitglieder rituellen Missbrauch an Kindern betreiben würden. Diese Massenhysterie wurde von einer breiten Koalition aus christlichen Fundamentalisten, Feministinnen, Ärzten, Polizisten und Sozialarbeitern getragen und wirkt bis in die heutige Zeit nach, auch wenn sie zumindest in den USA dazwischen an Bedeutung verlor. In meiner Jugend war sie jedoch, wie schon gesagt, im deutschsprachigen Raum äußerst präsent - so sehr, dass sogar eine Bravo-Foto-Love-Story sich mit dieser Thematik befasste. Als Gefahrenquellen galten vor allem Rollenspiele, Heavy Metal und Rückwärtsbotschaften auf Schallplatten, auch wenn diese allmählich von der CD ersetzt wurden. Rückwärtsbotschaften wurden schon in den 1970er Jahren gerne mit dem Satanismus verknüpft - etwa durch Jimmy Page, dem Begründer der Rockband Led Zeppelin, der so fasziniert von Aleister Crowley war, dass er sogar dessen Haus in Schottland bewohnte; Crowley propagierte unter anderem die Notwendigkeit des Rückwärtssprechens, welches in der allgemeinen Vorstellung bis heute als Teil des Satanskultes gesehen wird, und Page setzte ihm in dem Song Stairway To Heaven ein Denkmal, indem er in den Song die Rückwärtsbotschaft "So here's my sweet Satan" integrierte. Auch die Thrash-Metal-Band Slayer wurde von der Allgemeinheit gerne mal mit Satanismus in Verbindung gebracht - um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Rockband Tool nahm die Angst vor satanischen Rückwärtsbotschaften übrigens aufs Korn, indem ihr Song Intension rückwärts gespielt mit tugendhaften Sätzen wie "Hör auf deine Mutter, dein Vater hat recht, arbeite hart, bleib in der Schule" aufwarten konnte. Ich muss allerdings zugeben, dass die meisten dieser "satanischen" Botschaften sich für mich nur mit sehr viel Phantasie erschließen. Ein etwas aktuelleres Beispiel für die Beschäftigung mit der Satanssymbolik ist wohl All the good Girls go to Hell von Billie Eilish aus dem Jahr 2019, ein Song, der einen Dialog zwischen Gott und Teufel thematisiert, die sich über die Sinnhaftigkeit des Erhalts der menschlichen Rasse unterhalten, der schließlich gerade im Begriff ist, seine eigene Lebensgrundlage zu zerstören.

Wie ihr also seht, ist Satanismus weniger ein einzelner Kult als ein Sammelbegriff für verschiedene lose Gruppierungen, die sich mit satanischen Inhalten beschäftigen. Die Gründe, warum ein Mensch Interesse an Satanismus entwickelt, sind ebenso vielfältig - ich habe selbst schon Leute kennen gelernt, die sich gern schwarz kleideten und eine Vorliebe für umgedrehte Kreuze und Totenköpfe entwickelten, die aber eigentlich sehr verträgliche, empathische Menschen waren und niemandem je etwas zuleide getan haben. Gerade auf Jugendliche kann Satanismus anziehend wirken, da es ihnen eine Möglichkeit eröffnet, mit der Angst der Erwachsenen zu spielen - sie lesen LaVeys Satanische Bibel und Crowleys Liber Al vel legis, diskutieren virtuell oder analog mit Gleichgesinnten über deren Inhalte und treffen sich auf Friedhöfen, um "Schwarze Messen" zu improvisieren. Natürlich gibt es da mitunter auch destruktive Tendenzen wie Vandalismus, das Töten von Kleintieren oder selbstverletzendes Verhalten, aber in der Regel bleibt es bei dem Kokettieren mit dunkler Ästhetik, wie es etwa in der Gothic-Kultur praktiziert wird - diese wurde zwar auch häufig mit Satanismus in Zusammenhang gebracht, ihr Erscheinungsbild ist jedoch eher ein Ausdruck von Melancholie und Introvertiertheit. Einzelne Fälle jugendsatanistischen Vandalismus werden jedoch gerne von den Medien hochgepusht, weshalb man satanistische Tendenzen von Jugendlichen meist mit Friedhofsschändungen in Verbindung bringt, auch wenn er häufig eher als Ausdruck von Protest und Selbstfindung verstanden werden kann. Der bekannteste Extremfall ist wohl der Mord an einem fünfzehnjährigen Schüler durch den zwei Jahre älteren Hendrik Möbus, Gründer der Black-Metal-Band Absurd, die satanistische und rechtsextreme Tendenzen aufwies. Es gibt aber auch Erwachsene, die Satanskulten anhängen, die sich hauptsächlich auf die Pervertierung des christlichen Ritus konzentrieren. Am bekanntesten ist wohl die Thelema Society aus Niedersachsen, deren Begründer Michael D. Eschner sich für die Reinkarnation von Aleister Crowley hält, nicht nur wegen der Rituale, die auch Ekeltrainings wie den Verzehr von Exkrementen beinhalten, sondern auch, weil Eschner mehrmals wegen sexueller Nötigung verurteilt wurde. Ein weiterer bekannter Kriminalfall in Verbindung mit Satanismus ist der Mord des Ehepaares Daniel und Manuela Ruda an einem Kollegen mit 66 Messerstichen im nordrhein-westfälischen Witten im Jahr 2001, der die Schwarze Szene eine Zeitlang in Verruf brachte.

Wie ihr also seht, gibt es durchaus Fälle, in denen eine zu starke Hinwendung zu Satan durchaus zu Gewalt oder gar Mord führen kann. Doch all das sind keine Beweise, die eine Massenhysterie wie die "Satanic Panic" rechtfertigen - zumal die Beschuldigten häufig nicht einmal was mit Satanismus am Hut hatten. Deswegen will ich mich in meinem nächsten Artikel etwas konkreter dem Verschwörungsmythos selbst widmen. Ich werde mich bemühen, ihn so schnell wie möglich und trotzdem in aller Sorgfalt fertigzustellen, bis dahin wünsche ich euch eine schöne Zeit und passt auf, dass euch kein Typ im Faschingskostüm über den Weg läuft. Bon voyage!

vousvoyez


Dienstag, 4. Mai 2021

Warum wird eigentlich noch Weihnachten gefeiert, wenn doch jeden Tag jemand geboren wird, der/die sich später für Gottes Sohn/Tochter hält?

©vousvoyez
Leute, die sich selbst für den Messias halten, gibt es ja nicht erst seit gestern - kein Wunder, immerhin verspricht uns das letzte Kapitel der Bibel, die Offenbarung des Johannes, die Wiederkehr Jesu, der einst kommen soll, um sein Werk zu vollenden. Und auch die anderen beiden abrahamitischen Religionen, also das Judentum und der Islam, warten auf den Erlöser, der die Guten belohnen und die Bösen bestrafen wird. Kein Wunder also, dass es immer wieder mal jemanden gibt, der fest davon überzeugt ist, dass er selbst dieser Erlöser ist.

Aber heute soll es hier nicht um den Messias gehen - ich möchte über etwas anderes sprechen: Da mein Post über gruselige Orte in Österreich so gut angekommen ist, möchte ich heute mal, wie schon versprochen, über gruselige Orte weltweit sprechen. Denn obwohl ich nur mal kurz schauen wollte, was es denn da so alles gibt, bin ich schon auf so viel gestoßen, dass ich es gar nicht mehr erwarten kann, davon zu erzählen. Und da ich zwangsläufig eine Auswahl treffen musste, habe ich mich dazu entschieden, für den Anfang mal einen gruseligen Ort von jedem Kontinent auszuwählen. Also los.

Ich habe euch ja im bereits erwähnten Artikel erklärt, dass die Handlung einer der ältesten Vampirgeschichten in der Steiermark gespielt hat - und dass Bram Stoker, den diese Novelle sehr beeinflusst hat, diese Gegend ursprünglich ebenfalls für seinen Roman Dracula ausgewählt hatte, sich dann aber für Transsylvanien bzw. Siebenbürgen im heutigen Rumänien entschied. Immerhin war Graf Dracula von einer historischen Figur inspiriert - nämlich von dem walachischen Fürsten Vlad III. Drăculea, der vor allem wegen seiner vermeintlichen Lust an der Grausamkeit berühmt wurde. Tatsächlich gab es in Westeuropa schon im 19. Jahrhundert unzählige Horrorgeschichten, die behaupteten, er habe bis zu 100.000 Menschen, vom Säugling bis zum Greis, mit Vergnügen und auf vielfältigste Weise gefoltert und getötet, wobei er die Pfählung bevorzugte (und deshalb den Beinamen "der Pfähler" erhielt). Sowohl die Zahl seiner Opfer als auch viele der Geschichten kann man wohl als maßlos übertrieben bezeichnen, aber ich denke, es ist verständlich, warum Stoker sich gerade diesen Mann als Inspiration ausgesucht hat. Doch nicht nur den Grafen, auch das Schloss, in dem er wohnte, soll es wirklich gegeben haben bzw. noch geben. Dabei soll es sich nämlich um das Schloss Bran handeln, das auch die Törzburg genannt wird, im 13. Jahrhundert vom Deutschritterorden erbaut wurde und auf einem Felsen zwischen Siebenbürgen und der Walachei zu finden ist, der "Dietrichstein" genannt wird. Seit der Regierungszeit Ceauşescus dient die Burg als Museum, das jährlich bis zu 600.000 Besucher anlockt. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde sie an die Nachfahren der Familie Habsburg zurückgegeben und steht heute unter Denkmalschutz. Wer auf die Idee kam, die Burg als "Dracula-Schloss" zu vermarkten, kann ich euch nicht sagen - sie ähnelt dessen Beschreibung im Roman nur sehr entfernt, und Draculas historisches Vorbild hat sie wohl nie in seinem Leben betreten. Trotzdem wird bis heute steif und fest behauptet, man könne nachts die Seelen und Geister derer umherwandern sehen, die dem blutrünstigen Fürsten zum Opfer gefallen sein sollen.

Wenn wir unseren Blick noch weiter nach Osten lenken, dann kommen wir in einen weitläufigen, dichten Wald in der japanischen Präfektur Yamanashi - ich spreche natürlich vom Aokigahara-Wald, auch Aokigahara-jukai (Aokigahara-Baummeer) oder Fuji no jukai (Fuji-Baummeer genannt). Dieser ist Teil des Fuji-Hakone-Izu-Nationalparks und beherbergt viele seltene Tier- und Pflanzenarten. In der westlichen Öffentlichkeit hat dieser Wald einen traurigen Ruhm erlangt, da es hier viele Leichenfunde gab von Menschen, die sich an jenem Ort versteckt und Suizid begangen haben - weshalb man sich häufig erzählt, der Wald sei verflucht und beherberge Geister. Schon allein deswegen ist er häufig Schauplatz von Horrorliteratur, -filmen und -videospielen. Dass so viele Menschen ausgerechnet hier Suizid begehen, soll auf zwei Romane des japanischen Schriftstellers Matsumoto Seichō aus den 1950er und 1960er Jahren zurückgehen, in denen sich Menschen im Aokigahara umgebracht haben. Urbane Legenden über den Wald gab es jedoch vorher auch schon - im 18. und 19. Jahrhundert sollen verarmte Familien während Hungersnöten kleine Kinder und pflegebedürftige Senioren hier ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen haben, und die Zeitung berichtete ebenfalls von Suiziden im Aokigahara. Inzwischen sind am Eingang des Waldes sogar Schilder mit Hinweisen auf die Angebote der Telefonseelsorge sowie Gebeten und Mahnrufen aufgestellt, und seit den 1970er Jahren durchstreifen auch regelmäßig Mitarbeiter der Feuerwehr und Polizei sowie Waldarbeiter und Freiwillige regelmäßig den Wald, in der Hoffnung, jemanden retten zu können - auch wenn sie häufig nur noch die Toten bergen können. Kein Wunder also, dass viele glauben, der Wald sei von Geistern und Dämonen bevölkert. Viele wollen etwa gruselige Wesen gesehen oder einen markerschütternden Schrei gehört haben - andere behaupten, dass die Geister der Verstorbenen, die in diesem Wald umgehen, normale Besucher dazu bringen wollen, sich ebenfalls umzubringen. Außerdem geht das Gerücht, dass Handynetze, GPS-Daten und Kompasse hier nicht funktionieren, weshalb bestimmte Stellen mit Plastikbändern, Schleifen oder Schnüren gekennzeichnet sind, was Naturschützern allerdings gar nicht gefällt - denn sie sehen diese zusammen mit zurückgelassenen Gegenständen, die angeblich "verflucht" sind, verantwortlich für eine zunehmende Vermüllung des Waldes. Denn natürlich hat die Möglichkeit, im Aokigahara eine echte Leiche zu finden, besonders in den Jahren vor der Pandemie dazu geführt, dass neben den Naturfreunden zunehmend auch sogenannte "Nervenkitzel"-Touristen hierher gekommen sind. Im Jahr 2017 provozierte ein US-amerikanischer Trash-YouTube-Star einen Riesenskandal, als er zusammen mit Freunden in den Aokigahara ging, auf der Suche nach einer Leiche in abgesperrte Bereiche vordrang, sich, als er tatsächlich einen Toten gefunden hatte, lachend und herumalbernd mit diesem filmen ließ und das Video anschließend auf YouTube hochlud (natürlich verschwand es jedoch ziemlich schnell wieder von der Plattform). Hinterher behauptete er, es sei ihm nicht um Aufmerksamkeit gegangen, sondern darum, auf ein ernstes Thema aufmerksam zu machen - geglaubt hat ihm natürlich niemand, und da ich es auch nicht tue, verzichte ich hier bewusst darauf, seinen Namen zu nennen. Wer die Geschichte kennt, wird es ohnehin wissen, und die anderen brauchen es nicht zu erfahren.

Womit wir weitergehen wollen in Richtung südliche Hemisphäre, und zwar an den östlichen Rand des Indischen Ozeans. Hier liegt die zum Staat Australien gehörende Insel Tasmanien, bekannt zum Beispiel für ihre niedlichen Beutelteufel, von denen ich in diesem Blog auch schon ein Foto für einen anderen Artikel verwendet habe. Ganz allgemein ist die Insel für ihre reichhaltige Tierwelt bekannt, wohingegen man mit den menschlichen Ureinwohnern zumindest in der Vergangenheit nicht ganz so sensibel umging, denn die Geschichte Tasmaniens wird leider überschattet durch einen grausamen Genozid. Aber nicht nur die spektakuläre Natur ist es, die von nah und fern Interesse weckt, sondern auch einer der unheimlichsten Orte australischen Staatsgebietes, nämlich das ehemalige Gefängnis in Port Arthur. Die Kleinstadt Port Arthur liegt auf der Halbinsel Peninsula und war ursprünglich eine Holzfällersiedlung, die etwa um 1830 errichtet wurde. Das Gefängnis galt als eines der sichersten seiner Zeit, da es von drei Seiten von der Tasmansee umgeben und nur durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Von 1833 bis 1853 wurden hier mehr als 12.500 Menschen gefangen gehalten, von Schwerverbrechern bis hin zu harmlosen Mundräubern, die Jüngsten waren neun Jahre alt. Die meisten Sträflinge wurden aus Großbritannien geschickt, wo die Gefängnisse überfüllt waren; außerdem kamen auch Häftlinge, die in anderen Strafanstalten auffällig geworden waren, hierher. Das Gebäude war, wie etwa auch das Pentonville-Gefängnis in London, nach dem Panoptikum-Modell gebaut, das die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch eine einzelne Person ermöglicht. Die Gefangenen, Erwachsene wie Kinder, mussten knochenharte Steinmetzarbeit leisten, ab 1848 wich die grausame physische Bestrafung, deren Werkzeuge noch heute dort ausgestellt sind, einem Konzept aus England, das auf psychische Gewalt setzte - die allerdings nicht weniger brutal war. Die Häftlinge wurden voneinander isoliert und verbrachten bis zu 23 Stunden in engen Einzelzellen, außerdem herrschte strenges Sprechverbot. Wenn die Gefangenen ihre Zellen verließen, trugen sie Masken, die ihnen die Sicht versperrten, schwere Straftäter wurden tagelang in stockdunkle Zellen gesperrt, unkooperative Inhaftierte mit Essensentzug bestraft, während andere mit größeren Mengen an Lebensmitteln, ja sogar Luxusgütern wie Tabak, Zucker und Tee belohnt wurden. Die Anlage beherbergt auch eine neogotische Kirche, die Convict Church, die jedoch nie geweiht wurde - angeblich, weil sie allen Religionen offen stehen sollte. Andere wollen es jedoch besser wissen: Ihnen zufolge hat einer der Häftlinge während der Arbeit am Fundament einen Mitinsassen ermordet. Generell überlebten die Gefangenen hier nicht lange - wer in der "Hölle auf Erden" starb, fand in einem anonymen Massengrab auf der nahe gelegenen Isle of Dead seine letzte Ruhe, die nur von einem einzigen Menschen bewohnt wurde - ein irischer Häftling namens Mark Jeffrey, der die Aufgabe hatte, die Toten zu bestatten. Trotz der aussichtslosen Lage gab es natürlich zahlreiche Fluchtversuche, die irgendwann durch das Anbinden von Hunden an der Brücke und Umzäunen des Brückenbereichs unterbunden wurde. Die Deportationen endeten 1853 - die Anlage wurde zur Psychiatrie umgebaut und 1877 aus Kostengründen geschlossen. 1996 wurde Port Arthur abermals Schauplatz eines grausamen Verbrechens - am 28. April tötete ein 28jähriger Amokläufer insgesamt 35 Menschen und verletzte 37 weitere schwer. Noch heute behaupten Menschen, die im nahe gelegenen Motel übernachtet haben, sie hätten auf dem Gelände Geister gesehen, das Zuschlagen von Türen gehört und das plötzliche Erscheinen und Verschwinden von Lichtern bemerkt. Bei so viel Leid und Tod, womit dieser Ort verbunden ist, ist es allerdings auch nicht weiter verwunderlich, dass Leute hier Gespenster vermuten.

Wenden wir unseren Blick also in nordwestliche Richtung, und zwar nach Brasilien, genauer gesagt in die Stadt Itaguaí, etwa eine Stunde von Rio de Janeiro entfernt. Hier befinden sich die traurigen Reste des verlassenen, unvollendeten Freizeitparks Albanoel, der von langsam verfallenden Weihnachtsmann-Figuren bevölkert ist. Die Wahl des Ortes für einen Weihnachtspark mag für uns Europäer, die wir die Weihnachtszeit mit Schnee und Eis in Verbindung bringen (auch wenn das Wetter meist nicht mitspielt) eher seltsam anmuten: unter einem Wasserfall am Rande eines tropischen Dschungels. Für das christlich geprägte Brasilien, in dem das ganze Jahr über sommerliche Hitze vorherrscht, ist dies hingegen nichts Ungewöhnliches. Der Park wurde 1998 von dem brasilianischen Politiker Albano Reis gegründet, der in seinem Heimatviertel Quintino in Rio de Janeiro als "Papai Noel de Quintino" bekannt war, da er jedes Jahr, als Weihnachtsmann verkleidet, Geschenke in den von ihm errichteten Kinderrehabilitations- und Sozialzentren verteilte. Da er selbst auf eine harte, entbehrungsreiche Kindheit zurückblickte, war sein Ziel, Kindern Freude zu schenken, und so schuf er im Jahr 1998 einen Freizeitpark mit freiem Eintritt, der sechs Jahre lang Besucher von nah und fern anzog - was Reis den Ruf eines "brasilianischen Walt Disney" einbrachte. Ursprünglich plante er für seinen Freizeitpark verschiedene Themengebiete wie eine Westernstadt und einen Wasserpark, aber lediglich der Weihnachtspark konnte vollendet und genutzt werden. Am 18. Dezember 2004 fand dieser Traum ein jähes Ende, denn an diesem Tag wurde Reis von einem Auto angefahren und getötet. Der Täter beging Fahrerflucht, und jahrelang vermutete man, Reis sei einem Mordkomplott zum Opfer gefallen, ehe er sich letztendlich stellte. Nach seinem Tod fehlte seinen Söhnen wohl das Geld, um den Park weiterhin zu betreiben oder gar die Pläne ihres Vaters zu verwirklichen; sie schlossen Albanoel und nahmen alles mit, was noch irgendwie von Wert war. Seit damals hat sich niemand mehr um das Areal gekümmert, und der Zahn der Zeit verwandelte die einst so freundlichen Weihnachtsmann-Figuren in Gestalten, die eines Horrorfilms würdig wären, ebenso wie die gigantischen Zuckerstangen und der Rentierschlitten, die hier noch zu entdecken sind. Und so hat sich der Gruselort in ein beliebtes Ausflugsziel für Abenteurer, "Dark Tourists" und Urban Explorer entwickelt; auf den verfallenden Geräten drehen heute Skateboarder ihre Runden, außerdem ist der stark heruntergekommene Park ein beliebtes Gelände für Airsoft-Spieler.

Auf dem Weg Richtung Norden kommen wir zu einem weiteren, noch bekannteren Freizeitpark, der allerdings nach wie vor existiert - ich spreche natürlich von Disney World in Florida, wo ich selbst auch schon einmal vor vielen Jahren (genauer gesagt zwanzig) gewesen bin. Doch dieser Park birgt ein dunkles Geheimnis, auch wenn ich damals noch keine Ahnung davon hatte - denn zu ihm gehört Discovery Island. Die 4,7 Hektar große Insel, die inmitten eines der vielen kleinen Seen liegt, die zu dem Areal gehören, wurde 1965 von Disney aufgekauft und 1974 als "Treasure Island" für das Publikum geöffnet. Exotische Pflanzen aus Asien und Südafrika verwandelten das Aussehen der Insel so, wie man sich die Heimat eines echten Piraten vorstellt. Nachdem Piraten allerdings bald aus der Mode kamen, wurde das Eiland in Discovery Island umbenannt und beherbergte nun einen Zoo mit exotischen Tieren, unter anderem eine Vielzahl an seltenen Vogelarten. Zu ihnen gehörte auch das letzte Exemplar der Schwarzen Strandammer, einer in den USA heimischen Sperlingsart, die im 20. Jahrhundert durch die Entwässerung von Sumpfgebieten und dem gedankenlosen Einsatz des Insektenschutzmittels DDT ausgerottet worden war; das Männchen trug den Namen "Orange Band" und war auf einem Auge blind. Sein Tod im Juni 1987 läutete den Anfang vom Ende des beliebten Inselparks ein. Kurz darauf kamen Gerüchte über Fälle von schwerer Tierquälerei auf Discovery Island in Umlauf, und tatsächlich förderte eine zweimonatige Untersuchung sechzehn solcher Fälle zutage - unter anderem hatten Mitarbeiter Nester leergeräumt, Geier-Jungen erschlagen und auf Falken geschossen. Disney musste insgesamt 95.000 Dollar Strafe zahlen, der Skandal und die schlechte Presse ließen das Interesse der Besucher für die Insel schwinden; Disney verlegte die meisten Tiere in einen anderen Tierpark, überließ die Insel den heimischen Vögeln, und 1999 wurde sie für Besucher geschlossen und gilt seither als verflucht. Der See soll von Alligatoren bevölkert, der Wasserspielpark von Bakterien verseucht sein. Doch obwohl seit Jahren niemand mehr die Insel betreten und sich die Natur den Raum langsam zurückerobert hat, brennt nachts hier immer noch Licht, und Leute, die sich heimlich auf die Insel geschlichen haben, erzählen, dass dort merkwürdige Geräusche und Vogelgeschrei zu hören seien. Das Rauschen der Bäume soll wie die Stimmen von Tieren klingen, und neben den verfallenen Vogelkäfigen sind auch immer noch Nester mit jungen Geiern zu sehen.

Reisen wir also weiter nach Osten, genauer gesagt in den westafrikanischen Staat Togo. Dort, in Akodésséwa, einem Vorort der togolesischen Hauptstadt Lomé, findet man den größten Voodo-Markt der Welt. Voodoo, eine synkretistische Glaubensrichtung, die von afrikanischen Sklaven auch auf den amerikanischen Kontinent transferiert wurde, gehört hauptsächlich zu den Traditionen der Bevölkerungsgruppe der Yoruba und wird heutzutage außer in Togo hauptsächlich noch in Benin, Ghana und Nigeria praktiziert, obwohl Anklänge daran auch in anderen afrikanischen Staaten zu finden sind. Heute haben sich in die alten Voodoo-Traditionen auch Elemente des christlichen und muslimischen Glaubens eingeschlichen, und selbstverständlich hat sich auch der amerikanische Voodoo, der hauptsächlich in Haiti und den Südstaaten der USA praktiziert wird, von seinen afrikanischen Wurzeln entfernt. Häufig wird Voodoo mit Menschenopfern in Verbindung gebracht, was hauptsächlich an den für europäisches Verständnis eher befremdlichen Totenkulten liegt, dies stimmt jedoch nicht - denn obwohl Priester und Gläubige ihre vermeintlichen Kräfte durchaus für Schadzauber einzusetzen suchen, so werden rituelle Schlachtungen doch ausschließlich an Tieren ausgeführt. Dennoch ist der Fetischmarkt in Togo zweifelsohne ein gruseliger Ort - hier werden Knochen, getrocknete Körperteile und Felle von Tieren verschiedenster Art feilgeboten, daneben auch andere Utensilien für Voodoo-Rituale, die hauptsächlich zur Heilung von Krankheiten eingesetzt werden, oder auch, um sich von Schadzaubern zu befreien. Mit anderen Worten: Die Gruselgeschichten rund um Voodoo sind weit weniger spektakulär, als die Geschichten, die über sie kursieren, uns glauben lassen. Dennoch lockt der Lomé Bazaar außerhalb von Pandemie-Zeiten nicht nur Einheimische an, sondern auch mehr und mehr Touristen.

Und einmal mehr konnte ich euch demonstrieren, wie viele gruselige Orte es auf dieser Welt gibt. Und es ist ja auch nicht verkehrt, sich damit zu befassen, wenn wir schon momentan nicht reisen dürfen, nicht wahr? Abermals konnte ich euch nur einen Ausschnitt dessen zeigen, was man auf unserem Planeten alles so findet, wenn man nur lange genug danach sucht. Was natürlich bedeutet, dass es auch auf diesem Gebiet noch häufiger ein "Wiederlesen" gibt - ob es nun mein Heimatland ist oder die große weite Welt.

vousvoyez