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Freitag, 17. August 2018

Wie der liebe Gott die Männer erschaffen hat, hat er sich nix dabei gedacht

Laut Bibel hat Gott ja zuerst den Mann erschaffen und dann die Frau. Ich denke ja, er war mit dem ersten Entwurf, dem Mann, nicht so recht zufrieden, und hat sich bei der Frau deswegen mehr Mühe gegeben. Meine Großtante wiederum behauptete, er hätte damals, als er den Mann erschuf, gerade einen schlechten Tag gehabt - und wohl deswegen nicht richtig aufgepasst.

Trotzdem wurde vor allem im Mittelalter die Frau als die Wurzel alles Bösen begriffen - was man darauf zurückführte, dass zu Anbeginn der Menschheit eine Nackerte einen Apfel gestohlen hat. Schriften, die die Hexenverbrennungen rechtfertigten, gingen sogar so weit, die Frau als Wesen zwischen Tier und Mensch einzuordnen. Wobei man auch darüber streiten kann, inwieweit ein Tier weniger wert sein soll als ein Mensch. Ich denke ja, der Mensch hat sich im Laufe der Geschichte ziemlich überbewertet. Aber das soll heute nicht das Thema sein.

Nein, heute möchte ich euch eine kleine Geschichte erzählen und auch ein wenig das ganze Drumherum auflösen. Die Geschichte ist schon älter, aber ich habe erst vor ein paar Tagen davon gehört. Vielleicht kennt sie der eine oder andere sogar - zumindest zum Teil, denn ihre Basis ist eine wahre Begebenheit.

Zu Beginn des Kalten Krieges starteten USA und UdSSR den so genannten "Wettlauf ins All". Daneben gab es jedoch noch andere Wettbewerbe zwischen den beiden Großmächten, und einer davon war die Eroberung der Tiefe - denn obgleich die damaligen Tiefenbohrungen hauptsächlich zu Forschungszwecken stattfanden, versuchten die USA und die Sowjetunion unaufhörlich, einander zu übertreffen, wenn es darum ging, das tiefste Loch zu bohren.

Am 24. Mai 1970 begann man mit der seit 1967 vorbereiteten geologischen Bohrung auf der russischen Halbinsel Kola in der Nähe der Stadt Murmansk. Anfangs wurde hierfür ein herkömmlicher Bohrturm namens Uralmasch-4E verwendet, dieser wurde jedoch 1975 durch den eigens entwickelten Uralmasch-15000 ersetzt, der in etwa die Höhe eines zwanzigstöckigen Hauses hatte. Am 6. Juni 1979 brach das Bohrloch den bisherigen Rekord des tiefsten Bohrlochs "Bertha Rogers" in Washita County/Oklahoma, das eine Tiefe von 9.583 m erreicht hatte. Doch damit gab man sich nicht zufrieden - man wollte in eine Tiefe bis zu 15.000 m vordringen.

Im Jahr 1989 erreichte die Bohrung eine Tiefe von 12.262 m. Dort herrschten nicht, wie angenommen, 100 °C, sondern 180 °C, wodurch das Vorankommen immer schwerer wurde. 1992 wurden die Bohrarbeiten endgültig eingestellt. Einige Forscher blieben noch vor Ort, um seismische und erdmagnetische Messungen durchzuführen, aber schließlich gingen auch sie, und das Loch wurde mit einer Metallkappe für immer verschlossen. Jahrelang lag die Bohrstation verlassen in der menschenleeren Einöde und wirkte, als hätte man sie überstürzt verlassen. 2009 wurde ein Viertel des Turms abgetragen, der Rest wurde einfach seinem Schicksal überlassen, und es sieht aus, als habe man den Ort überstürzt verlassen. Wie ich gehört habe, steht der Turm heute allerdings auch nicht mehr. Ich konnte darüber jedoch kaum was in Erfahrung bringen.

Auf dem Weg in Richtung Erdkern wurden einige erstaunliche Entdeckungen gemacht. So entdeckte man eine Substanz, die fast identisch mit Mondstein war, außerdem Kupfer, Nickel und Gold, 2 Milliarden Jahre alte Fossilien sowie in 6,7 m Tiefe mikroskopisch kleine Einzeller. Außerdem stieß man in großen Tiefen auf Wasser, bei dem es sich um so genanntes Kristallwasser aus dem Inneren der Mineralien handeln soll. Ich finde diese Entdeckungen fast ebenso faszinierend wie die eigentliche Geschichte, aber darum soll es jetzt nicht gehen. Also weiter.

Offiziell wurde erklärt, dass die Bohrungen wegen der großen Hitze im Erdinneren eingestellt werden mussten, da sich das Gestein bei diesen Temperaturen wie eine formbare Masse verhält. Zudem wuchs der Unmut der Regierung darüber, dass die Bohrung kaum noch Rohstofffunde abwarf. Dass die Anlagen so lange verlassen da lagen, erklärte man damit, dass nicht einmal für ihren Abriss Geld dagewesen sein soll. Aber es gibt noch eine andere Geschichte, die von vielen ins Reich der Legenden verwiesen wird, aber andere sind bis heute felsenfest davon überzeugt, dass sie wahr ist.

In einer Tiefe von 14.000 km sackte der Bohrer auf einmal ab, und der Bohrkopf drehte durch, was darauf hinwies, dass er auf einen Hohlraum gestoßen war. Die Temperatur stieg auf 1.100 °C an, und aus dem Bohrloch strömte eine gewaltige Gaswolke. Daraufhin ließ man Messgeräte herab sowie ein hitzeresistentes Mikrophon, das die seismischen Aktivitäten aufzeichnen sollte. Die seltsamen Geräusche, die über dieses Mikrophon nach oben drangen, hielten sie zunächst für Störgeräusche, also wurde alles noch einmal überprüft, das Gerät neu eingestellt und erneut herabgelassen. Was man hörte, waren menschliche Stimmen, Millionen durchdringender Schreie aus Schmerz und Verzweiflung.

Man hatte natürlich keinen Zweifel daran, was die Verantwortlichen da entdeckt hatten: Sie waren bis in die Hölle vorgedrungen! Ein Jahr später geriet eine weitere Geschichte in Umlauf. In der Nacht nach den Tonaufzeichnungen war eine Säule aus phosphoreszierendem Gas aus dem Bohrloch geschossen, und aus den Wolkenmassen tauchte eine strahlende Gestalt mit Fledermausflügeln auf; am Himmel aber erschienen die Worte "Ich habe erobert". Die Forscher waren von der sowjetischen Regierung mit Morddrohungen und Schweigegeldern allerdings vorläufig ruhig gestellt worden. Dennoch geriet eine Kopie der Bandaufnahme bereits kurz nach diesem Ereignis an die Öffentlichkeit. Einer der verantwortlichen Mitarbeiter, Dr. Dimitri Azzacove, erklärte nicht lange nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: "Als Kommunist glaube ich nicht an Gott, aber als Wissenschaftler glaube ich jetzt an die Hölle!"

Die Geschichte mit der Gestalt mit Fledermausflügeln wurde ziemlich schnell widerlegt. Ein Pastor aus Kalifornien hörte über das Trinity Broadcasting Network, kurz TBN, das größte religiöse Fernsehnetzwerk der USA, von der Geschichte der angeblichen Schreie aus der Hölle. Tags darauf bekam er Besuch von einem Lehrer aus Norwegen, der mit ihm studiert hatte. Die beiden beschlossen, die Leichtgläubigkeit der Menschen auf die Probe zu stellen, und so fertigte er eine Falschübersetzung eines norwegischen Artikels an, in der er die Geschichte der Gestalt erzählte und dass die Anwesenden von der sowjetischen Regierung ruhig gestellt wurden. Doch trotz gegenteiliger Beweise halten viele diese Geschichte nach wie vor für echt.

Es gibt inzwischen Wissenschaftler, die überzeugt sind, dass die vermeintlichen Schreie durch Wahnvorstellungen zustande kamen, die durch die Gase zu erklären sind, die aus der Tiefe drangen. Die Geräusche selbst sind durch den Überdruck zu erklären, mit denen diese Gase aus dem Bohrloch austraten – oder auch durch die Erdbewegung, wenn das Gestein aufeinander drückt, ähnlich wie bei den „Singenden Dünen“ in der Wüste. Die angeblichen Originalbänder sind bis heute im Internet im Umlauf - allerdings gibt es keinerlei Beweise, dass sie tatsächlich von diesen Tonbandaufnahmen stammen - tatsächlich sollen sie ein variierter und mit Effekten unterlegter Remix des Soundtracks aus Mario Bavas Horrorfilm Baron Blood von 1972 sein.

Die Vorstellungen einer jenseitigen Unterwelt sind fast so alt wie die Menschheit selbst. Auch die alten Ägypter, Römer und Griechen glaubten an ein Jenseits, das den christlichen Höllenvorstellungen nicht unähnlich ist. Selbst die östlichen Religionen glauben an eine Art Hölle, ganz zu schweigen von den Juden und den Muslimen. Die Hölle war auch in der Kunst zu allen Zeiten ein wichtiges Motiv, man denke nur an den Garten der Lüste von Hieronymus Bosch. Am meisten geprägt hat unser Bild von der Hölle aber wohl Dante Alighieris Göttliche Komödie aus dem 14. Jahrhundert, in deren erstem Teil "Inferno" er die Qualen des Höllenschlunds mit nahezu sadistischer Genauigkeit beschreibt.

Natürlich ist die Vorstellung einer drohenden ewigen Verdammnis durch die Hölle das beste Mittel, um Leuten Angst zu machen und sie zu beherrschen. Als einfacher Mensch kann ich die Frage, ob es Gott, Paradies und Hölle gibt, nicht beantworten, und das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich nehme mir aber heraus, zu behaupten, egal was die Russen damals gefunden haben, die Hölle war es mit Sicherheit nicht. Es gibt keinen einzigen Beweis dafür, dass man tatsächlich die Hölle angebohrt hat, und die Echtheit der Tonbänder wird angezweifelt. Zwar behaupten diejenigen, die damals vor Ort waren, nach wie vor, sie hätten damals die Hölle entdeckt, aber wer weiß, was sie da tatsächlich entdeckt haben. Ich habe schon einmal erwähnt, dass spannend-mysteriöse Geschichten oft enttäuschend unmysteriöse Erklärungen nach sich ziehen. Und ich fürchte, so ist es auch mit dieser Geschichte. Natürlich gibt es auch Personen, die sich davon in ihrem Glauben nicht abhalten lassen. In YouTube-Kommentaren gab es Leute, die meinten, Adolf Hitlers Stimme herausgehört zu haben; andere wiederum behaupteten, man könne den Satz "allahu akbar" hören. Mit Phantasie geht eben alles.

Das war's dann wieder, meine Lieben, ich hoffe, ich habe euch ein wenig unterhalten und nicht zu sehr Angst gemacht, hihi! Bis zum nächsten Mal!

vousvoyez

Weiterführende Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kola-Bohrung
https://www.focus.de/wissen/schreie-aus-der-tiefe-sowjets-bohrten-1970-tiefstes-loch-der-erde-noch-heute-erzaehlen-sie-gruselgeschichten_id_8656472.html
https://www.epochtimes.de/genial/wissen-genial/tiefste-bohrung-der-welt-schaurige-geraeusche-aus-der-tiefe-bevor-loch-fuer-immer-geschlossen-wurde-a2198148.html
https://www.lamundus.de/als-die-sowjets-die-holle-anbohrten-die-kola-bohrung/
https://www.youtube.com/watch?v=VWo6kTsoiv4

Mittwoch, 11. August 2021

Die verordnete Ausgangssperre hat auch etwas Gutes: Endlich finden die vor vielen Jahren getrennten Sockenpaare wieder zueinander

© vousvoyez
Ja, ihr habt richtig gesehen: Wir kommen nun zu jenen Weisheiten, die entstanden, als das Coronavirus in unser aller Leben einschlug wie eine Bombe. Und obwohl es noch kaum anderthalb Jahre her ist, fühlt es sich für mich schon so irreal an, als hätte ich es gar nicht selbst erlebt, sondern vor längerer Zeit mal ein Buch gelesen oder einen Film gesehen. Und doch wirkt diese Pandemie bis heute nach, auch wenn die Impfung das Leben für manche von uns doch schon sehr erleichtert hat.

Wer meinen Blog schon länger kennt, weiß natürlich, dass ich die Lockdown-Zeit sehr viel auch zum Schreiben genutzt habe - und dass ich mich auch mit einigen Verschwörungserzählungen befasst habe. Heute möchte ich allerdings noch einmal auf einen Artikel aus Vor-Corona-Zeiten zurückgreifen, da es zu dessen Inhalt sehr viele Anknüpfungspunkte zu Verschwörungsmythen aus jüngster Zeit gibt: Ich möchte noch einmal über Satanismus sprechen bzw. über das, was in Fachkreisen gerne als Satanic Panic bezeichnet wird. Da habe ich nämlich inzwischen so einiges herausgefunden - und zwar tatsächlich so viel, dass ich zwei Teile daraus machen möchte, weil ein einziger beim besten Willen zu lang ist. Im ersten Teil möchte ich ein wenig auf die historischen Hintergründe sowie auf popkulturelle Referenzen eingehen, im zweiten spreche ich dann darüber, was daran wohl eher Verschwörungsmythos ist und vor allem warum.

Bevor ich aber anfange, möchte ich eines noch einmal klarstellen, weil dies ja häufig als Gegenargument herangezogen wird: Ich weiß, dass Kindesmissbrauch existiert, ich kenne selbst Personen, die davon betroffen waren, und es liegt keineswegs in meinem Ermessen, dies klein zu reden; ich weiß auch, dass es organisierte Kriminalität und auch organisierten Kindesmissbrauch gibt; ich will weder die Traumata von Missbrauchsopfern in Frage stellen, noch will ich in irgendeiner Form tatsächlich existierende Missbrauchsfälle in Abrede stellen; ebenso will ich diejenigen, die als Betroffene angeführt werden, keineswegs der Lüge bezichtigen, noch stelle ich in Abrede, dass sie tatsächlich traumatische Erfahrungen hinter sich haben. Dies möchte ich vor allem deswegen erwähnt haben, weil ich weiß, dass gerade das Kinderthema sehr starke Emotionen auslöst - Kinder sind Schutzbefohlene, was bedeutet, dass häufig nur der Verdacht einer potenziellen Gefahr für Kinder dem rationalen Denken abträglich sein kann. Und dass man, wenn man an einer Geschichte zweifelt, bisweilen in den Verdacht gerät, alles anzuzweifeln, was nur irgendwie mit dem Thema zu tun hat - oder gar Teil der Verschwörung zu sein. Ich möchte allerdings noch einmal klarmachen, dass dies absolut nicht hilfreich ist - erfundene Missbrauchsfälle unreflektiert zu glauben und Zweifler zu diskreditieren, hilft tatsächlichen Opfern nicht. Im Gegenteil, es macht sie unglaubwürdig - und überdies läuft man dabei Gefahr, Personen zu Unrecht zu beschuldigen, ganz abgesehen davon, dass man Menschen die therapeutische Hilfe verweigert, die sie eigentlich brauchen. Aber dazu kommen wir noch.

Vor etwas mehr als anderthalb Jahren habe ich über ein Buch geschrieben, das ich vor längerer Zeit einmal gelesen habe und an das ich mich wieder erinnerte, als ich ein Video des YouTube-Kanals SkepticPunk gesehen habe. Ich weiß inzwischen auch, welches Buch es war - gleichzeitig habe ich es aber mit einem weiteren Buch verwechselt, das in denselben Kanon gehört. Das Buch, das ich damals beschrieben habe und das von einer Frau handelt, die seit frühester Kindheit Opfer ritueller Gewalt gewesen sein soll, heißt Vater unser in der Hölle und wurde 2008 veröffentlicht - die Autorin heißt Ulla Fröhling. Was natürlich heißt, dass ich schon älter als fünfzehn oder sechzehn war, als ich es in die Finger bekam - ja, auch als junge Erwachsene war ich nicht immer so abgeklärt und skeptisch, wie ich gerne gewesen wäre. Das Buch, das ich als Jugendliche gelesen und irgendwann einmal ausgemustert habe, heißt Vier Jahre Hölle und zurück; als Autor ist ein gewisser "Lukas" angegeben. Es ist der angeblich authentische Bericht eines Teenagers, der vier Jahre lang in einer mächtigen Satanssekte gewesen sein will. Nun muss man wissen, dass Satanismus in meiner Jugend zu den großen Gefahren gezählt wurde, denen Heranwachsende neben Drogen, AIDS und Rechtsradikalismus ausgesetzt waren. In Deutschland war das Thema anscheinend noch präsenter als hier in Österreich - jedenfalls habe ich erfahren, dass Vier Jahre Hölle und zurück dort häufig im Religionsunterricht besprochen wurde (und teilweise noch wird), als warnendes Beispiel vor verkehrten Kreuzen, Pentagrammen, schwarz gekleideten Leuten und Heavy Metal. In einem weiteren Artikel habe ich ja bereits von jener Dokumentation berichtet, die in unserer Schule sehr beliebt war und in der behauptet wurde, dass Jugendliche, die Metal hören und bestimmte Platten rückwärts spielen, Satanisten werden. Seit mehreren Jahrzehnten wird Satanismus von vielen Leuten als weltumspannender Geheimbund beschrieben, der böse Rituale feiert, in denen unfassbare Grausamkeiten stattfinden - ein Geheimbund, in den unzählige Leute involviert sein sollen, in oberer Instanz sogar Ärzte, Industrielle, Staatsanwälte, Polizeibeamte in hohen Positionen und so weiter. So viele, dass es bis heute unmöglich sei, stichhaltige Beweise für die Existenz dieser Geheimbünde ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Und so bleibt als einziger Beweis das Wort der vermeintlichen Opfer. Na, klingelt's schon bei euch? Nun gut, aber was hat es damit eigentlich auf sich?

Erst mal ist es wichtig, festzuhalten, dass "Satanismus" kein homogenes Konstrukt ist wie etwa Scientology, die Zeugen Jehovas oder die Church of the Lamb of God, um nur ein paar zu nennen. Soll heißen, "den Satanismus" als strukturierte, sektenhafte Organisation gibt es nicht - es gibt vereinzelte, kleinere Gruppierungen, die mal mehr, mal weniger gefährlich sind und die miteinander oft nichts oder nur wenig zu tun haben. Nun wissen wir ja, dass die Figur des Satan keine Erfindung des Christentums ist: Die Dualität von Gut und Böse findet sich auch schon in älteren Religionen - und somit auch die Figur des Teufels als Antagonist. In der englischsprachigen Literatur des 17. Jahrhunderts wiederum, allen voran in John Miltons Dichtung Paradise Lost, tritt Satan als rebellische Figur auf, die dem Menschen das Göttliche in sich selbst bewusst machen soll. Auch in Charles Baudelaires Gedichtband Les Fleurs du Mal, in Marquis de Sades Hauptwerk Les 120 Journées de Sodome ou l'École du Libertinage sowie in Lord Byrons Drama Cain finden sich diese Ideen unter anderem wieder. Im 19. Jahrhundert finden sich hier etwa E. T. A. Hoffmanns phantastischer Roman Die Elixiere des Teufels und Giosuè Carduccis Inno a Satana, während in Hermann Hesses Roman Demian von 1919 von einer Fusion von Gott und Teufel die Rede ist.

Die ersten Ansätze einer satanistischen Vereinigung kann man in den Hellfire Clubs im England des 18. Jahrhunderts verorten, und auch einige okkulte Bewegungen des 19. Jahrhunderts hatten satanistische Tendenzen. Als Begründer des modernen Satanismus gilt der britische Schriftsteller und Okkultist Aleister Crowley, dem es allerdings nicht um die Anbetung eines Satan als Gegenspieler Gottes ging, sondern um die Abkehr von gesellschaftlichen Konventionen und christlichen Werten sowie die Vergöttlichung des Menschen, einschließlich seiner negativen Seiten. Er propagierte die absolute Selbstverwirklichung und die Herrschaft des Starken über den Schwachen, wobei mit Hilfe von okkulten Ritualen die totale Autonomie des Menschen erreicht werden soll. Zu einem eigenständigen antichristlichen Religionssystem wurde Satanismus erst in den 1960er Jahren erhoben, als Anton Szandor LaVey die Church of Satan gründete - nach eigenen Angaben in der Walpurgisnacht des Jahres 1966. Diese Form des Satanismus wird jedoch weniger als tatsächliche Religion denn als Philosophie verstanden - Satan steht hier für die dunklen Aspekte des menschlichen Daseins, allen voran den Sexual- und Selbsterhaltungstrieb. LaVey verfasste mehrere Texte, unter anderem die Satanische Bibel, und führte im Keller seines Stadthauses in San Francisco, gekleidet in ein Faschingskostüm, das mich entfernt an den Kinderfilm So ein Satansbraten erinnert, Schwarze Messen durch, bei denen allerdings keine Babys geopfert oder Menschenfleisch gegessen wurde. Sein Zugang zu dem ganzen Satans-Ding war eher ein rebellisch-parodistischer - es ging ihm um Protest gegen die Verlogenheit von Kirche und Gesellschaft sowie um die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, wie es damals halt so üblich war. Die Anhänger der Church of Satan distanzieren sich übrigens auch heute noch von jeglichen Straftaten - der moderne Satanismus versteht sich eher als atheistische Philosophie, seine Anhänger sind ganz offensichtlich weitaus langweiliger, als die öffentliche Meinung es oft wahrhaben will. Mir ist offen gestanden auch nicht so klar, warum man sich auf einen Satan berufen muss, wenn man sich doch von jeder Gottesvorstellung lossagen will, aber jeder wie er glaubt. Bis heute wird übrigens gerne auf die gruselig aussehenden PR-Fotografien von LaVey zurückgegriffen, wenn irgendwo von Satanismus die Rede ist - oder was man sich halt darunter vorstellt. Auch der in den 1970er Jahren gegründete Order of Nine Angels bezeichnete sich zwar als satanistisch, meinte damit aber ebenfalls keine Verehrung Satans im eigentlichen Sinn - im Gegensatz zu LaVeys Hedonismus liegt ihr Schwerpunkt auf der Entwicklung des Individuums durch gefährliche Situationen, ihr Fokus liegt auf Selbstbeherrschung, Selbstüberwindung und kosmische Weisheit, seine Auslegung ist sozialdarwinistisch. Außerdem bekennen sich seine Anhänger zum Nationalsozialismus, zu ihrer Symbolik gehören die Hakenkreuzflagge, die Anbetung Hitlers und die Leugnung des Holocaust. Aber bei aller Abscheu, die man dieser Gruppierung entgegenbringen kann, beinhalten auch deren Rituale keine Menschenopfer und ähnliche Scherze.

Ganz allgemein war das Satans-Thema in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch immer wieder Teil der Popkultur. Bekannt ist etwa der Rolling-Stones-Song Sympathy for the Devil, der von dem 1966 veröffentlichten Roman Der Meister und Margarita des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow inspiriert ist, welcher sich satirisch gegen die bürokratisch-atheistische Ideologie des sowjetischen Regimes richtete und der den Teufel als Erlöserfigur darstellt. Häufig in diesem Zusammenhang erwähnt wird auch Rosemary's Baby, Roman Polanskis meisterhafte Verfilmung von Ira Levins gleichnamigem Roman aus dem Jahre 1968. Dieser Film handelt von einem jungen Ehepaar mit Kinderwunsch, das in ein Haus in New York zieht, welches bereits seit Generationen einen satanistischen Kult beherbergt, dem auch ihre Nachbarn angehören. Die junge Ehefrau Rosemary ahnt nichts davon, als sie und ihr Mann Guy sich mit den beiden anfreunden - Guy schließt sich dem Kult an und erklärt sich bereit, Rosemary vom Teufel schwängern zu lassen, wenn dafür seine Karriere als Schauspieler endlich in Schwung kommt. Natürlich ist die Satansgeschichte hier nur symbolisch - der Film thematisiert eigentlich den Generationenkonflikt der damaligen Zeit und die Rolle der Frau in dieser Gesellschaft -, aber auch hier ist teilweise schon jene Symbolik vertreten, die heute ins kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Sehr großen Einfluss auf unsere Vorstellungen von Satanskulten hatte auch Richard Donners Film Das Omen von 1976, in dem ein totes Baby gegen den Sohn des Satans ausgetauscht wird, der gezeugt wurde, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Doch auch William Peter Blattys Psychoschocker Der Exorzist von 1973, Brian de Palmas Stephen-King-Verfilmung Carrie von 1976, Neil Jordans Romanverfilmung Interview mit einem Vampir von 1994, Stanley Kubricks letzter Film Eyes Wide Shut von 1999 sowie Die neun Pforten von 1999, ebenfalls von Polanski, werden häufig mit unserer Vorstellung von Satanismus in Verbindung gebracht, auch wenn sie nicht direkt von einem Satanskult handeln.

Das, was als "Satanic Panic" bekannt war, begann um 1980 in den USA und schwappte in den 1990er Jahren in den deutschsprachigen Raum über. Die Rede ist von einem weltumspannenden Satanskult, dessen Mitglieder rituellen Missbrauch an Kindern betreiben würden. Diese Massenhysterie wurde von einer breiten Koalition aus christlichen Fundamentalisten, Feministinnen, Ärzten, Polizisten und Sozialarbeitern getragen und wirkt bis in die heutige Zeit nach, auch wenn sie zumindest in den USA dazwischen an Bedeutung verlor. In meiner Jugend war sie jedoch, wie schon gesagt, im deutschsprachigen Raum äußerst präsent - so sehr, dass sogar eine Bravo-Foto-Love-Story sich mit dieser Thematik befasste. Als Gefahrenquellen galten vor allem Rollenspiele, Heavy Metal und Rückwärtsbotschaften auf Schallplatten, auch wenn diese allmählich von der CD ersetzt wurden. Rückwärtsbotschaften wurden schon in den 1970er Jahren gerne mit dem Satanismus verknüpft - etwa durch Jimmy Page, dem Begründer der Rockband Led Zeppelin, der so fasziniert von Aleister Crowley war, dass er sogar dessen Haus in Schottland bewohnte; Crowley propagierte unter anderem die Notwendigkeit des Rückwärtssprechens, welches in der allgemeinen Vorstellung bis heute als Teil des Satanskultes gesehen wird, und Page setzte ihm in dem Song Stairway To Heaven ein Denkmal, indem er in den Song die Rückwärtsbotschaft "So here's my sweet Satan" integrierte. Auch die Thrash-Metal-Band Slayer wurde von der Allgemeinheit gerne mal mit Satanismus in Verbindung gebracht - um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Rockband Tool nahm die Angst vor satanischen Rückwärtsbotschaften übrigens aufs Korn, indem ihr Song Intension rückwärts gespielt mit tugendhaften Sätzen wie "Hör auf deine Mutter, dein Vater hat recht, arbeite hart, bleib in der Schule" aufwarten konnte. Ich muss allerdings zugeben, dass die meisten dieser "satanischen" Botschaften sich für mich nur mit sehr viel Phantasie erschließen. Ein etwas aktuelleres Beispiel für die Beschäftigung mit der Satanssymbolik ist wohl All the good Girls go to Hell von Billie Eilish aus dem Jahr 2019, ein Song, der einen Dialog zwischen Gott und Teufel thematisiert, die sich über die Sinnhaftigkeit des Erhalts der menschlichen Rasse unterhalten, der schließlich gerade im Begriff ist, seine eigene Lebensgrundlage zu zerstören.

Wie ihr also seht, ist Satanismus weniger ein einzelner Kult als ein Sammelbegriff für verschiedene lose Gruppierungen, die sich mit satanischen Inhalten beschäftigen. Die Gründe, warum ein Mensch Interesse an Satanismus entwickelt, sind ebenso vielfältig - ich habe selbst schon Leute kennen gelernt, die sich gern schwarz kleideten und eine Vorliebe für umgedrehte Kreuze und Totenköpfe entwickelten, die aber eigentlich sehr verträgliche, empathische Menschen waren und niemandem je etwas zuleide getan haben. Gerade auf Jugendliche kann Satanismus anziehend wirken, da es ihnen eine Möglichkeit eröffnet, mit der Angst der Erwachsenen zu spielen - sie lesen LaVeys Satanische Bibel und Crowleys Liber Al vel legis, diskutieren virtuell oder analog mit Gleichgesinnten über deren Inhalte und treffen sich auf Friedhöfen, um "Schwarze Messen" zu improvisieren. Natürlich gibt es da mitunter auch destruktive Tendenzen wie Vandalismus, das Töten von Kleintieren oder selbstverletzendes Verhalten, aber in der Regel bleibt es bei dem Kokettieren mit dunkler Ästhetik, wie es etwa in der Gothic-Kultur praktiziert wird - diese wurde zwar auch häufig mit Satanismus in Zusammenhang gebracht, ihr Erscheinungsbild ist jedoch eher ein Ausdruck von Melancholie und Introvertiertheit. Einzelne Fälle jugendsatanistischen Vandalismus werden jedoch gerne von den Medien hochgepusht, weshalb man satanistische Tendenzen von Jugendlichen meist mit Friedhofsschändungen in Verbindung bringt, auch wenn er häufig eher als Ausdruck von Protest und Selbstfindung verstanden werden kann. Der bekannteste Extremfall ist wohl der Mord an einem fünfzehnjährigen Schüler durch den zwei Jahre älteren Hendrik Möbus, Gründer der Black-Metal-Band Absurd, die satanistische und rechtsextreme Tendenzen aufwies. Es gibt aber auch Erwachsene, die Satanskulten anhängen, die sich hauptsächlich auf die Pervertierung des christlichen Ritus konzentrieren. Am bekanntesten ist wohl die Thelema Society aus Niedersachsen, deren Begründer Michael D. Eschner sich für die Reinkarnation von Aleister Crowley hält, nicht nur wegen der Rituale, die auch Ekeltrainings wie den Verzehr von Exkrementen beinhalten, sondern auch, weil Eschner mehrmals wegen sexueller Nötigung verurteilt wurde. Ein weiterer bekannter Kriminalfall in Verbindung mit Satanismus ist der Mord des Ehepaares Daniel und Manuela Ruda an einem Kollegen mit 66 Messerstichen im nordrhein-westfälischen Witten im Jahr 2001, der die Schwarze Szene eine Zeitlang in Verruf brachte.

Wie ihr also seht, gibt es durchaus Fälle, in denen eine zu starke Hinwendung zu Satan durchaus zu Gewalt oder gar Mord führen kann. Doch all das sind keine Beweise, die eine Massenhysterie wie die "Satanic Panic" rechtfertigen - zumal die Beschuldigten häufig nicht einmal was mit Satanismus am Hut hatten. Deswegen will ich mich in meinem nächsten Artikel etwas konkreter dem Verschwörungsmythos selbst widmen. Ich werde mich bemühen, ihn so schnell wie möglich und trotzdem in aller Sorgfalt fertigzustellen, bis dahin wünsche ich euch eine schöne Zeit und passt auf, dass euch kein Typ im Faschingskostüm über den Weg läuft. Bon voyage!

vousvoyez


Dienstag, 25. August 2020

Die Verpackungsindustrie packt die Sachen so ein, als ob sie nie wieder ausgepackt werden müssten


(c) vousvoyez

Und ich muss zugeben, dass ich mich, auch wenn ich mit Aufreißfäden umgehen kann, selbst auch schon über so manche besonders, ähem, unzerstörbare Verpackung geärgert habe. Na ja, egal.

Ich erlebe in letzter Zeit oft Leute, die sich via Internet Sachen bestellen, die sie als Kinder unbedingt haben wollten. Das finde ich auch okay - ich bin nur halt nicht so. Ich habe als Kind nichts Wichtiges entbehrt, und die Sachen, die ich wollte und nicht bekommen habe, wurden irgendwann einmal uninteressant. Meine Eltern waren wohl auch klug genug, um das zu wissen - zumal es den Grundsatz "Was alle haben, muss ich auch haben" für sie sowieso nicht gab. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal zu meinem Vater sagte: "Der Florian hat so einen schönen Autobahnteppich!" Die Antwort meines Vaters war: "Schön, dann kannst du ja immer zum Florian gehen und dort damit spielen!" Er hat sich davon überhaupt nicht beeindrucken lassen. Heute hab ich kein Bedürfnis mehr nach einem Autobahnteppich - ich würde mir damit vorkommen wie in der Spielecke eines Wartezimmers. Aber da ich immer noch Dinge aus meiner Kindheit und Jugend auf meiner Liste habe, möchte ich diese heute mal fortsetzen. Also, wie man bei uns in Österreich sagt: Gehen wir's an!

1. Die Slinkies und die "magische Treppe"

Wer kennt sie nicht, die Schraubenfedern, die eigentlich komplett sinnlos sind, aber trotzdem irrsinnig lustig. Das Ding kommt immer wieder in Mode - wobei das Parade-Kunststück natürlich darin besteht, das Slinky die Treppe runtersteigen zu lassen. Während die Erwachsenen eher die Metallspirale favorisieren, sind Kinder vor allem von der bunten Kunststoff-Version begeistert. Ich selbst hatte kein Slinky, aber meine Cousins von nebenan hatten mehrere in bunten Regenbogenfarben. Dafür hatten sie keine Treppe in der Wohnung und ich schon - eine Win-Win-Situation, sozusagen. Obwohl die Erwachsenen es gar nicht gerne sahen, wenn wir auf der Treppe spielten, aber das hielt uns nicht davon ab. Unser Lieblingsspiel hieß übrigens "der entscheidendste Schnitt von allen", das eigentlich ein Batman-und-Robin-Spiel war: Wir teilten uns auf in Gute und Böse, die Guten wurden mit Wollfäden aus dem Handarbeitskoffer an die Treppe gefesselt, die Bösen hängten meinen roten Hüpfball vom obersten Treppenabsatz. Sobald einer der Bösen die Schnur durchschnitt, an der der Ball hing, mussten die Guten die Wollfäden zerreißen und zur Seite springen, ehe sie vom Hüpfball, der in unserer Phantasie ein Felsbrocken war, erwischt wurden. Ich wollte am liebsten Catwoman spielen, aber meine Cousins bettelten immer, dass ich Batgirl sein sollte. Meine Schwester redet immer noch davon, dass ich immer jammerte: "Ich will aber nicht immer das Batgirl sein!" Aber die Slinkies ließen wir auch gerne hüpfen - obwohl das natürlich ein gewisses Geschick erforderte. Slinky wurde übrigens 1945 von einem Ingenieur in Philadelphia erfunden, als er Federn entwickelte, die empfindliche Instrumente stabilisieren sollten - dabei stieß er eine um, die daraufhin die Treppe hinunterhüpfte. So wurde das beliebte Spielzeug geboren.

2. Schnuller

Meine Mutter mochte keine Schnuller, deswegen hatte ich als Baby keinen - stattdessen habe ich am Daumen gelutscht. Meine Großmutter hatte mehrere Wilhelm-Busch-Alben, die wir immer zusammen lasen - in einem kam die Geschichte Der Schnuller vor, die von einem Baby namens Willi handelt, dessen Schnuller ihm von zwei jungen Hunden und einer Wespe streitig gemacht wird. Allerdings handelte es sich nicht um einen modernen Gummischnuller, sondern um einen Lutschbeutel, wie er im 19. Jahrhundert vielerorts noch üblich war - ein zusammengeschnürtes Leinentuch, das mit einer süßen Masse aus Brot, Zwieback, Mehl und einem Brei aus Äpfeln und Karotten, manchmal auch Mohn gefüllt wurde. Ab und zu wurden die Beutel in Branntwein getaucht - wohl, um das Kind zu beruhigen. Durch die mangelnde Hygiene in vielen Haushalten war der Schnuller damals jedoch noch umstrittener als heute. In den 1990ern war der Schnuller allerdings weitaus mehr als nur ein Mittel, um Babys zu beruhigen - eine Zeit lang war es aus unerfindlichen Gründen auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Mode, sich durchsichtige Plastikschnuller in allen erdenklichen Größen und Leuchtfarben an einer Schnur um den Hals zu hängen. Und nicht nur das - es gab auch Schnuller als Ohrringe, auf Armbändern und als Ringe, und es gab Schnuller, die statt eines Gummisaugers einen Zutz aus einem Material wie Fruchtbonbon hatten. Da war man dann acht, zwölf oder gar fünfzehn Jahre alt, und auf einmal lutschte man wieder am Schnuller! Nun ja, der Trend verschwand zumindest so schnell, wie er gekommen war.

3. Mode

Obwohl ich nie eine war, die sich zwanghaft nach der letzten Mode kleiden musste, erkenne auch ich sie als Momentaufnahme einer stets im Wandel befindlichen Zeit. Und so habe auch ich im Laufe meines Lebens schon Modewellen kommen und gehen gesehen. Wobei ja aktuell die Mode meiner eigenen Jugend so langsam wieder schick wird - eine Entwicklung, die ich, offen gestanden, mit gemischten Gefühlen betrachte. Ich war schon nicht begeistert über die Rückkehr der Karottenhosen aus den 1980ern, ein Schnitt, den ich absolut schrecklich finde - jetzt sieht man schon wieder diese Plateau-Turnschuhe Marke Buffalo auf den Straßen, die ich schon in den Neunzigern absolut schrecklich fand!
Wie ich schon häufig erzählt habe, gingen die Vorstellungen meiner Mutter von dem, was schön ist, und meine eigenen häufig weit auseinander. So mochte ich keine niedlichen Kleider anziehen; wenn meine Mutter mir eine Spange ins Haar steckte, riss ich sie unter wütendem Protest runter, ebenso verfuhr ich, wenn sie mir ein Kopftuch umband, was damals bei Mädchen und Frauen noch nicht mit "Islamisierung" verbunden wurde. Ich erinnere mich noch daran, als mir die Friseurin, als ich etwa zwölf war, unbedingt einen Haarreifen aufsetzen wollte - nachdem mein Protest nichts nützte, schüttelte ich so heftig den Kopf, dass sie aufgeben musste. Als ich bei einem Jungen aus meiner Kindergartengruppe Turnschuhe von Converse sah und auch welche haben wollte, sagte meine Mutter: "Solche Tennisschuhe kaufe ich dir nicht!" Etwa sechs oder sieben Jahre später hat sie mir dann doch gekauft, nachdem sie eingesehen hatte, dass das gemessen an der Schuhmode der damaligen Zeit noch das kleinste Übel war. In der Volksschulzeit waren etwa Turnschuhe mit Klettverschluss extrem wichtig, und am Beginn der Pubertät trug ich stolz meine schwarzen Basketballschuhe von Nike. Als ich älter wurde, waren neben den Converse-Schuhen auch Schnürstiefel von Dr. Martens extrem wichtig - die ich im Prinzip auch heute noch liebe, das Problem ist nur, dass sie, obwohl sie nach wie vor unglaublich teuer sind, qualitativ deutlich nachgelassen haben. Geliebt habe ich auch die Adidas-Schuhe des Modells Superstar, die neben ihres unverswechselbaren Aussehens auch noch enorm strapazierfähig waren - meine ersten trug ich sage und schreibe fünf Jahre lang. Wenn es nach meiner Mutter gegangen wäre, hätte ich allerdings wohl ausschließlich Lackschühchen tragen müssen.
In meiner Kindheit war außerdem die Dauerwelle für Frauen ein Muss; in den Neunzigern sah man dann in der Bravo oder im Fernsehen ständig junge Mädels mit aufgezwirbelten Haaren oder Krepp-Strähnchen. Beliebt war es auch, die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammenzubinden, dabei aber links und rechts neben der Stirn je ein Strähnchen herunterhängen zu lassen. Außerdem musste sich jeder Jugendliche mindestens einmal im Leben die Haare in einer möglichst unmöglichen Farbe gefärbt haben. Ich hatte als Kind kurze Haare, die immer länger wurden, je älter ich wurde. Mit vierzehn hatte ich dann kinnlange Haare mit Ponyfransen - Prinz Eisenherz lässt grüßen. Dann ließ ich sie mir abschneiden zu einer Frisur, die ich absolut furchtbar finde, wenn ich mir die alten Fotos so ansehe. Seit ich etwa siebzehn bin, trage ich sie im wesentlichen so wie noch heute - lang und mit Mittelscheitel, ab und zu zusammengebunden oder mit Spangen aus dem Gesicht gehalten. Wobei ich sie in den letzten Jahren kaum je mal anders getragen habe als offen - ich mag es eben möglichst unkompliziert, weil es für mich nichts Langweiligeres gibt, als stundenlang an seinen Haaren herumzufummeln. Dafür kehrte ich mit fünfzehn von meinem ersten England-Aufenthalt mit knallrotem Haar zurück.
Was mir von den Achtzigern am stärksten in Erinnerung geblieben sind, sind weiße Tennissocken bei Jungs und Schulterpolster bei Frauen. Ich sehe heute noch vor mir, wie meine Mutter sich morgens im Bad die Schulterpolster in den Pullover stopfte. Unvergesslich auch die Ray-Ban-Sonnenbrillen im Pilotenstyle, ohne die kein cooler Typ damals auskam und die heute wieder in Mode sind - ich hatte selbst mal eine, ehe ich vor meiner Kurzsichtigkeit kapitulieren musste. In den Neunzigern waren dann Mikro-Sonnenbrillen mit getönten Gläsern der heißeste Scheiß. Eine Zeit lang trug ich auch eine Sonnenbrille mit kreisrunden Gläsern, obwohl mir das überhaupt nicht steht - mein damaliger Freund hat immer gemeckert, dass ich damit wie die Micky Maus aussehe.
Bemerkenswert sind auch die Kosmetik-Trends: In den Neunzigern trug man beispielsweise gern neonfarbenes Make-Up, was ich allerdings nie getan habe. Ich hatte jedoch eine Phase, in der ich mir gemäß dem damaligen Trend Glitzer auf die Wangen tupfte. Um 2000 war es außerdem total in, sich die Augenbrauen zu einem schmalen Streifen zu zupfen - was ich allerdings wirklich nie gemacht habe, da ich immer stolz auf die kräftigen Augenbrauen war, die mir mein Vater vererbt hat. Und das ist mir bis heute geblieben.
Was ich immer geliebt habe und bis heute liebe, sind Jeans - obwohl ich zugeben muss, dass mir der immer noch trendende Skinny-Schnitt fürchterlich zum Hals raushängt, weil er nur den wenigsten wirklich steht. Ich hoffe, dass das endlich bald vorbei ist. Jedenfalls wollte ich als kleines Kind am liebsten Jeans tragen, auch wenn ich so oft wie möglich niedliche Kleidchen anziehen sollte (ja, ich weiß, ich meckere oft darüber, aber das hat mich wirklich traumatisiert). In meiner Jugend trugen vor allem die Jungs ihre Jeans mindestens drei Nummern zu groß; sie wurden gerade so von den Hüftknochen an ihrem Platz gehalten, während die Unterhose auch was von der Welt sehen wollte und der Schritt bis zu den Knien hing. Vor allem aber war die Qualität mit der heutigen nicht zu vergleichen - während Jeans damals Jahrzehnte überdauerten, kann man heute froh sein, wenn man nach einem Jahr keine neue braucht. Obwohl es durch die damalige Grunge-Mode auch schon damals viele Teenager gab, deren Jeans vor allem an den Knien zerrissen waren. Der Unterschied: Heute bekommt man die Jeans schon zerrissen zu kaufen, damals musste man mit Messer und Schere noch nachhelfen. Zu Beginn der 2000er gab es dann ein Revival der Schlaghosen - die mussten aber möglichst tief auf den Hüften sitzen, damit String-Tanga und Arschgeweih schön zur Geltung kamen. Eines steht jedenfalls fest - Mode ist zu allen Zeiten ein Kapitel für sich.

4. Dinosaurier

Um Anfang bis Mitte der 1990er Jahre brach das Dinosaurier-Fieber aus. Die Ursache für das plötzliche Interesse an den Urzeit-Giganten war vor allem ein Film - Jurassic Park von Stephen Spielberg aus dem Jahr 1993, der vor allem technisch ein Meilenstein war. Ich war damals furchtbar enttäuscht, dass ich den Film nicht sehen durfte, weil ich zu jung dafür war - im Gegensatz zu zwei Freunden, die jünger waren als ich. Als ich ihn dann ein paar Jahre später trotzdem sah, musste ich jedoch feststellen, dass er trotz aller technischer Innovation nicht wirklich was Besonderes war. Ich hab dann die Fortsetzung The Lost World: Jurassic Park im Kino gesehen - die war allerdings so schlecht, dass ich mich kaum noch an etwas daraus erinnern kann. Weitaus mehr berührte mich der Zeichentrickfilm The Land Before Time (In einem Land vor unserer Zeit) von Don Bluth - die Geschichte des kleinen Brontosauriers Littlefoot, dessen Mutter von einem Tyrannosaurus rex getötet wird, woraufhin er sich mit ein paar anderen Dinosaurierkindern, die bei einem Erdbeben von ihren Eltern getrennt worden waren, auf den Weg in das sagenumwobene "Große Tal" macht, in das sich alle Dinosaurier vor der sich ausbreitenden Dürre geflüchtet haben. Jedenfalls hatte ich im Grundschulalter eine ausgesprochene Dinosaurier-Phase - ich las ein Dinosaurier-Magazin, von dem jede Ausgabe ein Stück von einem T-Rex-Modell enthielt, besaß mehrere Bücher über die prähistorische Tierwelt sowie eine Sammlung von Plastik-Dinosauriern in allen Größen. Zur Zeit des Jurassic-Park-Hypes gab es außerdem Dino-Eier aus Plastik zu kaufen, die ein Säckchen mit viel zu harten, geschmacklosen Bonbons sowie eine kleine Dino-Spielfigur enthielten - ich kaufte sie hauptsächlich wegen der Figuren.

5. Lavalampe

Meine Mathe-Nachhilfelehrerin hatte in ihrer Wohnung eine Lavalampe stehen, deren wabernde Flüssigkeit im Inneren mich damals restlos faszinierte. Nachdem die Dinger in den 1970ern in vielen Wohnungen zu finden waren, erlebten sie in den 1990ern ein Revival. Der Effekt der aufsteigenden Blasen in dem Gefäß der Lavalampe kommt dadurch zustande, dass sich daran zwei ineinander nicht lösliche Stoffe befinden (ein wasserlöslicher und ein nicht wasserlöslicher), die bei Erwärmung flüssig werden, sich dabei aber unterschiedlich stark ausdehnen. Meist ist es ein Wachs oder Öl in Kombination mit Isopropanol oder Ethylenglycol, das mit einem Farbstoff versetzt ist. Der Inhalt wird durch eine Glühlampe erwärmt und beleuchtet, die unter dem Gefäß angebracht ist - der Stoff mit der größeren Wärmeausdehnung steigt in Blasen auf, die wieder absinken, sobald sie den oberen Bereich des Gefäßes erreicht haben, der kühler ist. Die erste Lavalampe tauchte nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Pub in England auf - die Idee wurde von einem in Singapur geborenen Engländer namens Edward Craven Walker aufgegriffen, für dessen Produkt sich jedoch niemand zu interessieren schien, ehe es 1965 von zwei Unternehmern aus Chicago auf einer Produktmesse in Hamburg entdeckt wurde. Sie gaben dem Gegenstand den Namen "Lavalampe" und die Lampe zu einem Kultobjekt. In den 1980ern kam sie zunehmend aus der Mode, aber Anfang der 1990er entdeckte eine neue Generation sie auf Flohmärkten für sich, so dass sie bald wieder neu hergestellt wurde und eine neue Blütezeit erlebte. Ich hätte damals gerne eine gehabt, aber es war dasselbe wie mit dem leuchtenden Globus - ich bekam sie nie. Weshalb ich selbstverständlich schwer gestört bin.

6. Telefon

Phantastisch finde ich auch, wie sich allein das Telefon in meinen 36 Lebensjahren verändert hat - als ich klein war, hieß "mobil telefonieren" größtenteils noch, dass das Kabel vom Festnetz-Telefon lang genug war, dass man telefonierend den Raum wechseln konnte. Handys waren nahezu unbezahlbar und überdies so schwer, dass man jemanden damit erschlagen hätte können, für Fotos und Videos gab es eigene Geräte, Botschaften schrieb man auf Papier und das Internet war Zukunftsmusik. Als ich im Gymnasium war, sagten die Lehrer immer: "Lernt kopfrechnen, ihr werdet nicht immer einen Taschenrechner dabei haben!" Denen haben wir es aber gezeigt!
In meiner Kindheit waren die meisten Haushalte noch mit dem guten alten Wählscheiben-Telefon ausgestattet, während die drei Geräte bei uns daheim schon mit einem stylishen Tastenfeld aufwarten konnte. Und das war schon purer Luxus, denn die meisten Haushalte hatten nur ein Telefon! Und nicht nur das - als meine Mutter noch ein Kind war, musste man sich die Telefonleitung auch noch mit anderen Haushalten teilen! Das heißt, wenn der Nachbar telefonierte, musstest du warten, bis er fertig war. Abgesehen davon waren Telefongespräche im Vergleich zu heute auch lächerlich teuer - vor allem, wenn man ins Ausland oder gar nach Übersee telefonieren wollte! Ich erinnere mich, wie mühsam es noch vor etwa fünfzehn Jahren war, mit jemandem zu sprechen, der etwa in Afrika war! Hölle Hölle Hölle!
Ende der Achtziger hatte mein Vater einen Ford Scorpio mit Autotelefon, was damals noch was ganz Luxuriöses war. In den 1990er Jahren dann tauchten immer mehr Handys im Alltag auf. Lange Zeit waren die Dinger aber außer bei Geschäftsleuten hauptsächlich bei Angebern üblich, die zusätzlich noch mit fetten Autos und Markenkleidung zeigen wollten, dass sie was Besseres waren. Ende des Jahrzehnts wurden dann Handys auch für den Durchschnittsmenschen erschwinglich, und nachdem man zuvor über Handybesitzer gemeckert hatte, besaß man nun selbst eins. Und nachdem Jugendliche immer bessere Spielkonsolen ihr eigen nennen konnten, fanden sie auf einmal Spaß daran, Snake zu spielen - ein Spiel in Schwarz-Weiß, das wie zu Zeiten des Videospiels Pong im Prinzip nur aus einem Punkt und einem Strich bestand. Mein erstes Handy bekam ich mit sechzehn - ein Nokia 3210, das damit beworben wurde, dass man das Cover wechseln konnte. Zur damaligen Zeit war es noch wichtig, dass das Telefon möglichst klein und handlich wurde. Bald jedoch kamen schon die ersten Handys mit farbigem Bildschirm auf dem Markt - dem folgten integrierte Foto- und Videokameras, bald gab es auch eine Internet-Funktion, die jedoch so teuer war, dass kaum jemand sie nutzte. Als die Jugend immer häufiger mit Handys ausgestattet war, gehörte das Schreiben von SMS immer mehr zum guten Ton. Davor gab es Pager, die jedoch in Österreich kaum zu sehen waren. Das Schreiben von SMS etablierte eine Kurzschrift, da einem nur eine begrenzte Anzahl von Zeichen zur Verfügung stand und man überdies noch auf einer Zahlentastatur das richtige finden musste. Mitte der Nullerjahre waren dann Klapphandys besonders schick, und 2008 revolutionierte das erste iPhone den Handymarkt. Seitdem werden die Geräte wieder größer, dafür aber immer flacher. Eines ist aber gewiss: Kaum jemand kann sich heute noch vorstellen, was es heißt, nur auf ein nicht-mobiles Gerät zugreifen zu müssen und zu hoffen, dass die Person, die man erreichen will, sich in der Nähe befindet.

7. Computer

Überhaupt hat sich gerade in Sachen Computertechnik in den Jahren, die ich schon auf der Welt bin, irrsinnig viel getan. Zumal sich diese Technologie irrsinnig schnell entwickelte - schneller, als viele von uns es sich wohl träumen hätten können. Und dabei ist das Konzept des Computers bereits älter, als die meisten von uns sich wohl gedacht haben - denn der Abakus, die erste mechanische Rechenhilfe, entstand um etwa 1100 v. Chr. im indochinesischen Raum. Basierend auf John Napiers Logarithmentafel baute Wilhelm Schickard die erste Vier-Spezies-Maschine, eine mechanische Rechenmaschine, die heute als Beginn der Computer-Ära gesehen wird. Mit dem binären Zahlensystem (Dualsystem) schuf Gottfried Wilhelm Leibniz in der Folge die Grundlage für die Digitalrechner und die digitale Revolution. Ab dem 18. Jahrhundert wurden zunehmend Lochkartensysteme zur Datenverarbeitung verwendet, ehe diese ab den 1960er Jahren zunehmend durch magnetische Datenträger ersetzt wurden. In den 1970er Jahren wurden Computer durch die Erfindung des Mikroprozessors schließlich immer kleiner, leistungsfähiger und preisgünstiger. Meine frühe Kindheit war die Blütezeit der Heimcomputer, die zum ersten Mal breitere Bevölkerungsschichten mit Computern in Kontakt brachte, nachdem diese nur wenige Jahre zuvor nur für Fachpersonal zugänglich gewesen waren. Und so bekam auch der jüngere meiner beiden Brüder mit etwa vierzehn Jahren seinen ersten Computer geschenkt - gegen den Widerstand meiner Mutter, die keinen Sinn darin sah, doch sie hatte Unrecht, denn heute verdient er seinen Lebensunterhalt in der IT-Branche. Etwa parallel dazu verlief die Entwicklung von Spielkonsolen und Computerspielen, über die ich an anderer Stelle bereits berichtet habe.
Auch ich kam irgendwann in die Phase, in der ich mir einen Computer wünschte, nachdem ich über ein Jahr lang die mechanische Schreibmaschine meines Großvaters benutzt hatte, und wieder war meine Mutter dagegen. Trotzdem fand, als ich zwölf Jahre alt war, der erste Computer seit dem Auszug meiner Brüder Eingang in unseren Haushalt - ein gebrauchter Laptop mit dem damals bereits veralteten Windows-3.0-Betriebssystem und Schwarzweiß-Display, aber das spielte für mich keine Rolle. Auch wenn der zugehörige Nadeldrucker, den ich bis in die Uni-Zeit verwenden musste, für mich das nervigste Gerät auf Gottes Erden ist. Er ist einfach viel zu groß, viel zu laut, braucht viel zu lange, hat ein viel zu hässliches Schriftbild und ist nur mit komischem Papier kompatibel. Den Laptop nutzte ich gute zwei Jahre lang und machte dort in der Folge auch meine ersten "Gehversuche" im Internet, ehe ich einen - ebenfalls gebrauchten - Stand-PC bekam, der nicht im Schlafzimmer meiner Eltern stand, sondern in meinem eigenen und den ich daher mit niemandem mehr teilen musste. Wie schon angedeutet, wurden wir in der Schule jedoch nicht allzu optimal auf das sich bereits damals überdeutlich angekündigte Digital-Zeitalter vorbereitet - Informatik war ein Jahr lang Pflichtfach, und das für zwei Wochenstunden, in denen wir hauptsächlich ein bisschen mit Word und Excel auf PCs ohne Internet herumstümperten. Sachen, die ich tatsächlich brauchen kann, habe ich da eher selten gelernt. Trotzdem war die Schule der erste Ort, in der man normalerweise mit dem Internet in Berührung kam, denn damals war ein Internetanschluss in einem normalen Haushalt noch keine Selbstverständlichkeit. Das Internet lief damals noch über die Telefonleitung, via Modem musste man sich einwählen, und exzessives Surfen wie heutzutage war sowieso nicht vorstellbar, weil es dafür zu teuer war. Auch ich nutzte das Internet anfangs hauptsächlich in der Schule und dann an der Uni. Hier fand ich auch erstmals Zugang zu Social Media - mein erster Account war auf studiVZ, bis irgendwann einer nach dem anderen (auch ich) zu Facebook abwanderte. Heute sind Computer aus unserem alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken - und trotzdem gibt es noch Leute, die diese nutzen, um zu erklären, dass sie nicht an die Wissenschaft glauben.

8. Fernsehen

Wenn wir über die Vergangenheit reden, dürfen wir natürlich auch das Fernsehen nicht vergessen - auch wenn dieses angesichts der Streaming-Dienste und Internet-Portale allmählich aus der Mode kommt. Und das, obwohl es uns schon seit den 1950er Jahren begleitet. Ich vergleiche die Diskrepanz zwischen der heutigen Jugend und unserer eigenen gerne mit der zwischen uns und der Kinder und Jugendlichen der fünfziger Jahre. In meiner Kindheit und frühen Jugend nutzte man Festnetztelefone, und das Internet war ein Luxusgut. In der Kindheit meiner Eltern besaß in jedem Stadtviertel oder Dorf nur ein Haushalt ein Fernsehgerät. Das österreichische Fernsehen sendete erst ab 1956 regelmäßig und nur zwölf Stunden täglich. Wenn jemand einen Fernseher besaß, sah man ihn dazu verpflichtet, die gesamte Nachbarschaft einzuladen, sobald eine bestimmte Sendung lief. Eine der ältesten Sendungen, die es bis heute gibt, ist die Zeit im Bild, das Pendant zur deutschen Tagesschau. Ab 1961 hatte der ORF zwei Programme, und das waren die, die ich als Kind auch gesehen habe - denn nur wenige besaßen damals eine Satellitenschüssel oder Kabelanschluss. Schon 1974 gab es Vorschläge zur Einführung von Privatfernsehen in Österreich, die jedoch nicht umgesetzt wurden. Meine ersten Fernseh-Erinnerungen fallen in die Zeit von Generalintendant Taddäus Podgorski, unter dessen Leitung Sendungen wie Bundesland heute, Wurlitzer, D.O.R.F. und X-Large (Letztere war der Beginn von Arabella Kiesbauers Fernsehkarriere) ausgestrahlt wurden, außerdem auch die Sendung Heimat, fremde Heimat für die kroatischen und slowenischen Volksgruppen in Österreich. Eine meiner liebsten Sendereihen war und ist Universum, die ich schon als Kind geliebt habe und die anspruchsvolle Naturdokumentationen zeigt. Sprich: Der ORF zeige damals durchaus eine recht akzeptable Mischung an anspruchsvoller und leichterer Unterhaltung. Und es gab noch einen Sendeschluss, ehe Gerhard Zeiler 1994 zum Generalintendanten ernannt wurde und das 24-Stunden-Programm einführte. Mit dem EU-Beitritt Österreichs verlor der ORF seine Monopol-Stellung im Land, leider wurden jedoch auch viele Qualitätssendungen nach und nach eingestellt. Am meisten ärgerte mich das Ende der Sendung Kunst-Stücke im Jahr 2004, die immer Raum für die Arbeiten österreichischer Avantgarde- und Experimentalfilmmacher geboten hatte und darüber hinaus ein eigenes Comedy-Format betreute, das für viele Newcomer ein Sprungbrett war. Im Jahr 2003 ging mit ATV der erste österreichische Privatsender auf Sendung, dessen Qualität jedoch eher mit dem des deutschen RTL vergleichbar ist.
Bemerkenswert ist auch die Revolution der Fernsehgeräte, die ich hautnah miterlebte: Hatten in meiner Kindheit und Jugend noch Röhrenfernseher das Monopol, so erfreuten sich etwa ab der Jahrtausendwende Plasma-Fernseher mit flachem Bildschirm, von den Landsleuten meines Partners als "Gilette" bezeichnet, immer größerer Beliebtheit. Ich hielt jahrelang an meinem kleinen Röhrenfernseher fest, obwohl das viele nicht verstanden - aber im Gegensatz zu vielen anderen Geräten hielt er wirklich Jahrzehnte lang. Lustig finde ich auch, dass das Gejammer der älteren Generation sich immer ähnelt - zuerst hieß es, die Jugend gehe nicht mehr raus, weil sie nur noch vor dem Fernseher hänge; dann hieß es, die Jugend gehe nicht mehr raus, weil sie sich nur noch für ihre Spielkonsolen interessiere; heute behauptet man, die Jugend gehe nicht mehr raus, weil sie nur noch am Smartphone herumtippe.

9. Bücher

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Büchermensch bin - ich kann gar nicht genug Bücher um mich herum haben, und häufig bin ich da für Vernunft auch nicht mehr zugänglich. Obwohl ich in den letzten Jahren einige Bücher entsorgt habe, weil ich da wirklich nicht mehr reinschaue. Und nur wenige Bücher aus meiner Kindheit diese kontinuierlichen Sauber-Aktionen überlebt haben. Ich habe ja bereits vom Struwwelpeter erzählt, der im deutschsprachigen Raum wohl die meisten Kinder geprägt hat. Daneben kam ich durch meine Großmutter, die mehrere Alben hatte, auch schon früh mit Wilhelm Busch in Berührung, allen voran seine wohl bekannteste Bildergeschichte Max und Moritz, dessen Sprüche ("Aber wehe, wehe, wehe!/ Wenn ich auf das Ende sehe!") inzwischen in den allgemeinen Sprachschatz eingegangen sind. Bekanntlich ist dies die Geschichte zweier Buben, die den Bewohnern ihres Dorfes wilde Streiche spielen, ehe sie erwischt, zu Korn zerschrotet und von Enten aufgefressen werden. Natürlich waren Bilderbücher in der Zeit, in der ich noch nicht lesen konnte, wichtig - ich liebte damals die Bücher des amerikanischen Autors und Illustrators Richard Scarry, dessen Zeichnungen in den allermeisten Fällen vermenschlichte Tiere darstellen - die Absicht dahinter war, dass die Bücher, da durch die Tierfiguren die ethnische Zugehörigkeit wegfiel, einem breiteren Publikum zugänglich waren. Andererseits führte dies manchmal auch zu grotesken Situationen, beispielsweise die Darstellung eines Schweins,das als Metzer Würste und Speck verkauft. Mir fiel das als kleines Kind nicht so auf - ich mochte die Bücher, weil ich Tiere mochte. Und da ich den Namen des Autors kannte, mir dafür aber die Bärin "Fräulein Zuckertortel" im Gedächtnis geblieben war, hießen die Bücher bei mir ebenfalls alle "Zuckertortel". In Erinnerung blieb mir vor allem der Wurm Egon, der in praktisch allen Büchern mit dabei ist und eine blaue Hose mit nur einem Bein, einen einzelnen Schuh, ein grünes Oberteil ohne Ärmel und einen Tirolerhut trägt. Sehr geprägt hat michZuckertortel". In Erinnerung blieb mir vor allem der Wurm Egon, der in praktisch allen Büchern mit dabei ist und eine blaue Hose mit nur einem Bein, einen einzelnen Schuh, ein grünes Oberteil ohne Ärmel und einen Tirolerhut trägt. Sehr geprägt hat michZuckertortel". In Erinnerung blieb mir vor allem der Wurm Egon, der in praktisch allen Büchern mit dabei ist und eine blaue Hose mit nur einem Bein, einen einzelnen Schuh, ein grünes Oberteil ohne Ärmel und einen Tirolerhut trägt. Sehr geprägt hat michDie Sternenmühle, ein illustriertes Buch der österreichischen Lyrikerin Christine Busta. Die von Busta geschriebenen Gedichte sind wunderbar kindgerecht, dafür in ihrem Reimschema jedoch erstaunlich komplex. Die von Johannes Grüger gezeichneten Illustrationen ergänzen sie auf so wunderbare Weise, dass ich noch heute das Bild des Mondmannes im Kopf habe, der mit der Laterne durch die Nacht geht, während die beiden Kinder ihn durch das Fenster beobachten. Außerdem kannte ich die Bücher von Mira Lobe wie Bärli hupf!, Die Geggis, Bimbuli, Die Omama im Apfelbaum und Lollo. Letzteres mochte ich besonders gern, weil die Zeichnungen, die nur aus den Farben Schwarz, Weiß und Rot bestanden, einen besonderen Reiz für mich hatten. Es ist die Geschichte einer schwarzen Puppe, die sich mit ihrem Schicksal, auf dem Müll gelandet zu sein, nicht abfinden will - zusammen mit einem einbeinigen Puppenjungen gründet sie ein Krankenhaus für ausrangiertes Spielzeug und schließlich eine Schachtelstadt und setzt damit bereits im Jahre 1985 ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft. Außerdem gab es noch Ottfried Preußler, dessen Kinderromane wie Der Räuber Hotzenplotz, Das kleine Gespenst, Die kleine Hexe und Der kleine Wassermann Kult-Status erreichten. Ich habe ebenfalls bereits von meiner Prägung durch die Andersen-Märchen erzählt. Als ich ins Grundschul-Alter kam, wurden die Kinderbücher von Erich Kästner interessant, außerdem die Blitz-Reihe von Walter Farley, die Kinderbücher von Roald Dahl und Astrid Lindgren, die Alice-Bücher von Lewis Carroll, Christine Nöstlinger und viele, viele mehr. Als Teenager las ich gern die Bücher des Schweizer Autors Werner J. Egli und Jugendbuch-Klassiker wie Die Welle. Als ich etwa zwölf oder dreizehn war, begann ich auch, vermehrt Kurzgeschichten für Erwachsene zu lesen. Irgendwann dann entdeckte ich John Steinbeck, Jack Kerouac und Hermann Hesse - so nahm die Geschichte ihren Lauf. Vielleicht nähere ich mich dem Thema noch einmal an - wir werden sehen.

10. Bärenwald

Als ich klein war, hatte ich Spielzeug von einer Serie, deren Produktion leider irgendwann eingestellt wurde, was ich bis heute sehr schade finde. Das Spielzeug bestand aus Figuren, die ich viel lieber mochte als etwa Barbie-Puppen - etwa handgroße Tierfiguren aus Kunststoff mit einem samtigen Bezug, beweglichen Gliedern und mit Kleidung, die meist aus "Familien" bestanden, also Vater, Mutter und meist zwei Kindern, manchmal auch Großeltern. Leider habe ich die Figuren als Teenager alle verschenkt. Ich hatte vor allem Bären, aber auch Mäuse, Schweine, Krokodile, Nashörner, Hühner, Hasen und Schafe. Die Figuren stammten von der Firma Simba und hießen Bear Family, auf Deutsch Bärenwald. Leider wurde dieses liebenswerte Spielzeug irgendwann nicht mehr hergestellt, so dass ich mich mit dem begnügen musste, was ich hatte. Ich bastelte aber allen möglichen Krimskrams aus Bau-Spielzeug und Karton für meine Tiere, Jahre nachdem es sie nicht mehr auf dem Markt gab.

11. Süßigkeiten

Zu einer glücklichen Kindheit gehören natürlich auch Süßigkeiten. Viele, viele Süßigkeiten. Auch wenn man nie so viele bekommt, wie man gerne hätte - immerhin würde man dann wahrscheinlich nur noch Süßigkeiten essen. Und die sind bekanntermaßen furchtbar ungesund und schlecht für die Zähne. Wobei sie uns nicht geschadet haben - da wir ansonsten mit gesundem Essen versorgt wurden und die Erwachsenen auch immer darauf schauten, dass wir es nicht übertrieben. Mir fallen da beispielsweise die Halsketten und Armbänder aus Traubenzucker-Dragees ein, die auf ein Gummiband gefädelt wurde. Da konnte man den Schmuck gleichzeitig tragen und essen - auch wenn man sich an den harten Dingern fast die Zähne ausgebissen hat. Aus dem gleichen Zucker waren auch die Lippenstifte aus Plastikhüllen mit tiefrosa Inhalt. Vergessen darf man auch das Eis nicht,nach dem wir im Sommer immer lange Zähne bekamen - bestimmten Eissorten trauere ich heute noch nach. Was in DeutschlandLagnese ist, ist in Österreich Eskimo - denn beide Marken gehören zu Unilever, haben ein ähnliches Logo, und auch das Eis von Eskimo wird größtenteils aus Deutschland importiert. Obwohl es die Klassiker - Jolly, Twinni, Brickerl, Nogger und Cornetto - nach wie vor noch gibt. Beliebt war außerdem das BumBum-Eis der Marke Schöller - ein Eislutscher aus Vanille und Erdbeere, mit einer festen roten Masse überzogen, die meine Mutter als "Plastik" bezeichnet hat, und einem Stiel aus Kaugummi, der so hart war, dass man sich fast die Zähne ausbiss. Trotzdem war man im siebten Himmel bei der seltenen Gelegenheit, ein BumBum zu bekommen! Ich habe es vor Jahren wieder mal probiert - das Eis war kleiner als in meiner Erinnerung (wohl, weil ich größer geworden bin) und schmeckte ekelhaft. Man kann sich halt auf seine Erinnerungen nicht immer verlassen! Dafür war Bubble Gum ebenfalls enorm wichtig, auch wenn ich Jahre gebraucht habe, um zu kapieren, wie man Kaugummiblasen erzeugt. In Erinnerung geblieben ist mir außer Hubba Bubba, von dem jahrelang ein Werbe-Aufkleber bei unserem Greißler am Eck zu sehen war, die Plastiktube Tubble Gum, aus der man den synthetisch-rosafarbenen Kaugummi direkt in den Mund quetschen konnte. Und natürlich durften Lutscher nicht fehlen - große runde Zuckerguss-Lutscher mit schönen Blumen- oder Fruchtmotiven, Kirsch-Lutscher mit Kaugummi darin, Cola-Lutscher mit Brause-Füllung, Traubenzucker-Lutscher, zungenförmige Lutscher mit Limo-Geschmack oder Chupa-Chups in jeder Geschmacksrichtung. In letzter Zeit ist auch immer wieder von dem doppelten Karamell-Schokoriegel Raider die Rede, der seit Anfang der 1990er Jahre Twix heißt - der von Mars Inc. hergestellte Schokoriegel hieß im deutschsprachigen Raum Raider, bis man sich entschloss, den Markennamen global zu vereinheitlichen. Nicht zu vergessen die Süßigkeiten von Manner, die, wie schon gesagt, viel beliebter sind als die weltweit bekannten Mozartkugeln. Zu diesen gehören auch Marken wie Casali, von der vor allem die flüssig gefüllten Rum-Kokos-Kugeln aus Schokolade sowie die Schoko-Bananen bekannt sind, Ildefonso mit der viereckigen Schicht-Bonbonniere sowie Neapel mit seinen Dragee-Keksi.

12. Wasserbomben
Der Hit jeden Sommers waren außerdem die dünnwandigen Ballons, die man mit Wasser füllen konnte. Sie waren leicht zu zerstören, aber dafür der Hit jeder Strandparty, denn andere damit zu bewerfen verursachte keine Schmerzen, aber man wurde ordentlich nass dabei - und das war besonders bei heißem Wetter kein Malheur. Wir hatten die Bomben immer in Grado - sie waren in Plastiksäckchen zu kaufen und wurden mit Wasser aus den alle paar Meter angebauten Süßwasserhähnen gefüllt. Es war einer der vielen, vielen Hypes, die im Sommer für Aufsehen sorgte.

Dies ist also vorläufig das Ende meiner Reise zu den Dingen meiner Kindheit - vielleicht erkennt ihr euch ja darin wieder. Inzwischen hat sich wieder vieles angesammelt, was ich bearbeiten kann - macht euch also in Zukunft auf etwas gefasst. Bon voyage!

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Dienstag, 14. Dezember 2021

Wenn alle Stricke reißen, ist man zu fett für die Schaukel

© vousvoyez
Dieser Satz stammt von dem Kabarettisten und Stimmenimitator Alex Kristan, während er Frank Stronach parodierte - in diesem Zusammenhang fiel übrigens auch die Bemerkung "I can't get no desinfection", welche auf den Mangel an Schutzausrüstung zu beginn der Corona-Krise anspielte. Und dass heutzutage nicht mehr Ö3 den schnellsten Verkehrsservice hat, sondern Tinder. Eine App, die ich nie benutzt habe und wohl auch nie benutzen werde - tatsächlich habe ich keine einzige meiner Liebschaften je online kennengelernt. Denn obwohl ich durchaus Paare kenne, die sich so getroffen haben und bei denen es schon lange funktioniert, bin ich da wohl ein bisschen zu misstrauisch. Wobei ich natürlich auch nicht weiß, wie das aussähe, würde ich meinen Partner verlieren - was ich natürlich nicht hoffe.

Im letzten Artikel habe ich euch ja darauf hingewiesen, dass ich aus der Steinzeit komme - genauer gesagt aus der digitalen Steinzeit. Wobei der erste Vorläufer des Computers - die Analytical Engine - bereits aus dem 19. Jahrhundert stammt, während der des Internets, das Arpanet, bereits im Jahre 1969 erstmals angewendet wurde. Die kommerzielle Nutzung des Internets begann in den 1990er Jahren, ich persönlich kam jedoch erst im Gymnasium wirklich damit in Berührung. Und ich staune noch bis heute, wie schnell und nachhaltig sich unser Alltag dadurch verändert hat - so sehr, dass ich den Unterschied deutlich erkenne, wenn ich mich beispielsweise mit einer Person unterhalte, die nur etwa zehn Jahre jünger ist als ich. Ich vergleiche das gerne mit jener Generation, die zum ersten Mal mit dem Fernseher in Berührung kam: Wie man bei uns größtenteils das erste Mal in Bildungseinrichtungen anfing, das Internet zu nutzen, gingen in den 1950er Jahren die meisten Leute zum Nachbarn oder ins nächste Gasthaus, um sich eine ganz bestimmte Sendung im Fernsehen anzusehen. Entsprechend kann man das Gefühl, zum ersten Mal vernetzt zu sein, ebenso wenig erklären, wie uns die Jugend der 1950er Jahre begreiflich machen kann, wie es ist, wenn man zum ersten Mal vor einem Fernsehbildschirm sitzt. Und irgendwie war sie auch recht spannend, die Zeit, als sich das alles entwickelt und verändert hat. Diese Jahre waren geprägt von einer Mischung aus Nostalgie und Zukunftsoptimismus, bis der 11. September 2001 diese Naivität erstmals bröckeln ließ. Und nachdem wir ein paar Jahre lang unsere Jugend in vollen Zügen genossen hatten, mussten wir allmählich feststellen, dass die Zeiten nicht unbedingt besser werden - und dass die ältere Generation das immer noch nicht kapiert zu haben schien.

Eines der ersten digitalen Phänomene war ja dieses Baby, das zu dem Intro des 1970er-Songs Hooked on A Feeling von Blue Swede (diesen Song muss man als Tarantino-Fan einfach kennen) getanzt hat - ich sah es, wie viele andere auch, das erste Mal in der Serie Ally McBeal, wo es als Halluzination die gnadenlos tickende biologische Uhr einer Frau symbolisiert. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Testbeispiel für eine Animationssoftware, das für Werbe- und Demonstrationsvideos ausgewählt wurde und sich Ende der 1990er Jahre auf allen möglichen Websites verbreitete. Durch die Verwendung in Ally McBeal wurde es schließlich allen ein Begriff. Das war nicht lange, bevor ein simples Spiel, das eigentlich als Werbegag für die Whisky-Marke Johnny Walker gedacht war, die Bürocomputer eroberte. Ich spreche natürlich von der virtuellen Moorhuhnjagd, die damals mehr oder weniger in aller Munde war. Ursprünglich wurde es in ausgewählten Kneipen auf jeweils zwei Laptops zur Verfügung gestellt; von dort aus muss es irgendjemand es kopiert und ins Internet gestellt haben, jedenfalls verbreitete es sich im Jahr 2000 via E-Mail wie ein Lauffeuer und ist somit eines der ersten Beispiele für virales Marketing, immerhin war es ja immer noch ein Werbetool. Es hieß sogar, dass das Hühnchen mit den doofen Augen ganze Großraumbüros lahmgelegt hätte und so für Umsatzeinbußen verantwortlich sei. Grund für den Erfolg war aber wohl vor allem die simple Handhabung: Es ging in dem Spiel mehr oder weniger nur darum, so viele Moorhühner wie möglich abzuschießen. Da die Viecher eher langsam flogen, war das auch nicht allzu schwer, und im Nachhinein gesehen muss ich auch sagen, es sah wirklich lustig aus, wie sie mit ihren großen, runden Augen treudoof glotzend durch die schottischen Highlands flogen und nur darauf warteten, abgeknallt zu werden. Damals ging mir die Debatte eher auf die Nerven, und mit sechzehn Jahren waren Büros für mich noch so etwas wie ein fremder Planet. Außerdem habe ich dieses englisch-deutsch gemischte Eurodance-Trashlied Gimme Moorhuhn von Wigald Boning gehasst! Die weiteren Spiele sind gänzlich an mir vorbeigegangen, obwohl danach noch einige Sequels auf den Markt gehauen wurden. Ich erinnere mich nur an ein paar kurze, schlecht gezeichnete und kolossal unlustige Moorhuhn-Clips, die eine Zeitlang während der Werbepausen im deutschen Fernsehen gezeigt wurden.

Zur Moorhuhn-Zeit waren Handys noch weit davon entfernt, internetfähig zu sein. Eines kristallisierte sich jedoch bereits sehr schnell heraus: Sobald das Mobiltelefon zum Massenprodukt wurde, war auch der Wunsch da, sich von der Masse abzuheben. Denn wer will schon wie alle anderen sein (*zwinker*)? Mein erstes Handy, das Nokia 3210, war beispielsweise das erste mit austauschbaren Abdeckschalen, die das äußere Erscheinungsbild des Geräts individualisierten. Und natürlich mussten auch die Klingeltöne und Hintergrundbilder so unverkennbar wie möglich sein - wobei sich dadurch, dass Handys bald über Farbdisplays, Videofunktion sowie polyphone Klangdateien verfügten, ungeahnte Möglichkeiten auftaten. Und auf einmal witterte man mit den Klingeltönen das große Geschäft - was die Ära des Jamba-Sparabos einläutete (ich frage mich bis heute, was das mit Sparen zu tun haben soll). Und jener Werbespots, die bestimmt direkt aus der Hölle kamen und die über kurz oder lang auch zur Zerstörung von Musiksendern wie MTV und Viva beitrugen. Auf einmal wurde man dort ständig mit tanzenden lila Nilpferden, ekelhaft niedlichen gelben Küken, singenden Dinosauriern, Fröschen mit Penis (Penis, hihihihihi!) und diversen anderen 3D-animierten Tieren belästigt, dazu nervige Melodien sowie eine kreischige Männerstimme, die dir ins Ohr brüllt: "SCHICKE JETZT FROSCH 1 AN FÜNFMAL DIE DREI!!!" Und natürlich durften zu Weihnachten auch die beiden Tassen nicht fehlen, die sich gegenseitig beschimpften. Waren die nicht niedlich? NEIN, WAREN SIE NICHT! *heul* Ganz im Gegenteil: Diese in Dauerschleife laufenden Videos von niedlichen Kuschelhäschen, fetten Teufeln, die im Eis einbrechen und Maulwürfen, die dich lieben, obwohl du scheiße bist, machten auf Dauer aggressiv - ebenso wie sich ständig wiederholenden Ansagen: "JAMBA SUCHT DEN KLINGELTONSTAR! HEUTE AM START: SWEETY, DAS KÜKEN!" Raaaaaaaaah!

Was sich heutzutage wohl kaum noch jemand vorstellen kann: Hinter all diesen harmlosen Videos und lustigen Klingeltönen verbarg sich eine Abofalle, die am Ende des Monats die Telefonrechnung schon mal empfindlich in die Höhe treiben konnte. Noch dazu bestand die Zielgruppe durch die Präsenz der Dauerschleife-Werbespots auf den Musiksendern größtenteils aus jenen Menschen, die am leichtesten zu beeinflussen sind: Teenagern. Erschwerend kam noch hinzu, dass unter den voreingestellten Klingeltönen der Handys kaum etwas Vernünftiges zu finden war - ich habe sogar Lieder mit der Diktierfunktion aufgenommen und dann als Klingelton installiert, weil mir das, was auf den Handys zu finden war, häufig den letzten Nerv raubte. Und weil ich eben kein Teenager mehr war, der automatisch das tut, was ihm im Fernsehen gesagt wird. Aber so schnell, wie der Klingelton-Hype gekommen war, verschwand er auch wieder in der Versenkung - das Aufkommen der Handys mit USB-Kabel und schließlich der Smartphones mit direktem Internetzugang machte die teuren Abos endgültig obsolet. Aber natürlich war Jamba nicht bereit, so schnell aufzugeben - in den 2010ern stieg man auf so etwas wie Liebestest-Apps um, die allerdings kaum noch jemanden interessierten. Lustigerweise existiert die Jamba-Website immer noch - sie sieht aus, als wäre das Jahr 2005 nie zu Ende gegangen, und bietet immer noch diese Abos an! Für die anscheinend auch immer noch Leute bezahlen! Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hat dieses unsägliche Crazy-Frog-Video mit der Beverly-Hills-Cop-Titelmelodie im Hintergrund mehr als eine Milliarde Aufrufe!

Tatsächlich war dieses komische Viech, das eigentlich gar kein Frosch ist - was man mit ein bisschen Kenntnis von Zoologie eigentlich auch selbst herausfinden könnte, denn Frösche haben keinen Penis - seinerzeit der Star der Jamba-Hölle, und das, obwohl anscheinend alle ihn leidenschaftlich gehasst haben. Und ja, auch ich kann nicht begreifen, was an diesem breitmäuligen Vieh mit seinem nervigen "Ding-ding" eigentlich so ansprechend sein soll. Jedenfalls geht die ganze Geschichte des Crazy Frog auf die Aufnahme eines sechzehnjährigen Schweden zurück, der die Geräusche seines Mopeds imitierte. Über einen seiner Freunde fand sie ihren Weg ins damals noch junge Internet, von wo aus sie für eine schwedische Fernsehsendung entdeckt und auf diversen Spaß-Websites hochgeladen wurde. Irgendwann geriet sie in Vergessenheit - bis sie 2003 von dem schwedischen Animator Erik Wernquist wiederentdeckt wurde. Dieser konstruierte für ein Bewerbungsvideo rund um das Geräusch eine Animation, welche er als "The Annoying Thing" bezeichnete - entsprechend der stimmlichen Wiedergabe des Zweitaktmotors eines Mopeds war auch das Gefährt der Figur, die er da kreierte, unsichtbar, während sie selbst Motorradhelm, Windschutzbrille und Lederjacke trägt (ihr Geschlechtsteil sollte später zensiert werden). Er bekam den Job, und nachdem er etwa ein Jahr lang bei Kaktus Film gearbeitet hatte, wurden externe Firmen auf die Animation aufmerksam - eine davon war Jamba. Diese machte die Figur, die den Namen "Crazy Frog" erhielt, zu einem ihrer populärsten Charaktere und bewarb mit ihr den Klingelton Axel F, jenes Instrumentalstück, das durch die Filmreihe Beverly Hills Cop bekannt geworden war. Ich hoffe nur, dass der arme Eddie Murphy nie davon erfahren hat. Jamba scheffelte Millionen mit diesem fürchterlichen Clip - die eigentlichen Schöpfer hinter dem nervigen Nicht-Frosch erhielten nur einen Bruchteil der Einnahmen. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hat das Vieh auch noch Coldplay von der Spitze der Charts verdrängt! Insgesamt konnte man diesen einen Soundclip von 1997 zu sage und schreibe drei (!!!) CDs verwursten!

Die ständige Präsenz dieser fürchterlichen Animation sorgte jedoch dafür, dass die Leute sie bald zu hassen begannen - natürlich, denn kein normaler Mensch könnte über längere Zeit diese nervige Stimme hören, ohne psychische Schäden davonzutragen. Und du wirst sie auch nicht mehr los - ich werde nach Beendigung dieses Artikels einen halben Tag Barbie Girl hören müssen, um diesen fürchterlichen Eigentlich-nicht-Frosch aus dem Kopf zu bekommen. Entsprechend verkauften sich die Singles auch von Mal zu Mal schlechter, und zum Glück wurde weder aus der geplanten Serie noch aus dem Film etwas - dafür bekam der Crazy Frog ein eigenes Videospiel für PlayStation. Tragisch endete die Geschichte auch für Erik Wernquist, der bis heute sichtlich bestürzt darüber ist, dass es der Crazy Frog sein soll, den er einst der Welt als geistiges Vermächtnis hinterlassen wird. Umso seltsamer, dass dieser fürchterliche Nicht-Frosch mit seinem Axel-F-Clip im Jahre 2018 ein unverhofftes Revival erlebte - das Video klickte sich auf YouTube so gut wie sonst kaum eines, was dazu führte, dass in jüngster Zeit wieder neue Crazy-Frog-Clips produziert wurden. Wobei man sagen muss, dass viele absurd hohe View-Zahlen bestimmter YouTube-Videos wohl dadurch zustande kommen, dass manche Eltern ihre Sprösslinge gerne mal vor YouTube Kids parken - und diese nicht wissen, wie man einzelne Clips überspringt, weshalb sie oft einfach durchlaufen. Nicht die beste Idee, wenn ihr mich fragt, aber als Nicht-Mutter habe ich da nicht mitzureden. Ebenso seltsam finde ich die Wahl des Songs für den neuen Crazy-Frog-Clip, der sich stilistisch genauso nach 2000er-Clubsound anhört wie seine Vorgänger: It's Tricky von Run DMC, einer der wegweisenden Rap-Combos aus den 1980er Jahren. Mit anderen Worten - der Song passt nicht. Null. Und Run DMC haben das auch nicht verdient - deren Musik mag ich nämlich eigentlich ganz gerne.

Zur gleichen Zeit wie die Jamba-Klingeltöne eroberte auch ein weiteres Phänomen, verbunden mit einem weiteren schrecklichen Ohrwurm, das Internet: Schnappi, das kleine Krokodil. Ja, auch dieses Grauen wird von mir heute wieder gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt! Obwohl es sich ja eigentlich, im Gegensatz zu den fürchterlichen Abzocker-Melodien, lediglich um ein harmloses Kinderlied, gesungen von einer Neunjährigen, handelt. Genauer gesagt heißt die Sängerin Joy Gruttmann und ist die Nichte von Iris Gruttmann, Autorin, Komponistin und Musikproduzentin, die unter anderem Lieder für die beliebte Sendung mit der Maus schrieb. Joy sang in ihrem Kinderchor, und im Alter von fünf Jahren wünschte sie sich von ihrer Tante ein Lied ganz für sich alleine. Also schrieb Iris Gruttmann den von Rosita Blissenbach stammenden Text um und komponierte dazu eine Melodie. Das Lied erschien zunächst 2001 auf einer Musikkassette mit Kinderliedern, zwei Jahre später wurde es auf dem Sampler Großes und Kleines mit der Maus veröffentlicht. Von dort aus hat es 2004 wohl irgendeine Person auf eine MP3-Datei konvertiert und im Internet verbreitet - und erreichte innerhalb kürzester Zeit, ähnlich wie Crazy Frog und Moorhuhn, über diverse Foren und Tauschbörsen eine riesige Reichweite, bis es sogar im Radiosender SWR3 gespielt wurde. Es folgte eine CD, die sich massenhaft verkaufte - im Januar 2005 erreichte sie Platz 1 der deutschen Single-Charts und hielt sich da zehn Wochen. Für die Musiksender wurde es außerdem mit einem Zeichentrickvideo kombiniert - und war nicht nur im deutschsprachigen Raum erfolgreich: Unter anderem wurde das Lied ins Englische, Französische, Tschechische, Litauische und Japanische übersetzt. Bereits damals wurde befürchtet, dass der illegale Download urheberrechtlich geschützter musikalischer Werke zu Umsatzeinbußen im Tonträger-Geschäft führen könnten - bei Schnappi schien es jedoch umgekehrt zu sein. Joys zweite Single, Ein Lama aus Yokohama, lief übrigens auch einmal bei Libro in Dauerschleife, als ich gerade irgendwas gesucht habe, während ich irgendein anderes Lied von ihr frisch operiert im Krankenbett hören musste - wie ihr euch also vorstellen könnt, habe ich kein Interesse an weiteren Kostproben ihres musikalischen Talents. Aber zumindest versichert sie, dass sie keines dieser Kinder war, die von ihren Eltern gegen ihren Willen auf die Bühne gezerrt werden. Natürlich gab es von dem Lied auch zahlreiche Parodien, von denen nicht alle besonders schmeichelhaft waren - am bekanntesten ist mit Sicherheit Schri-Schra-Schrödi aus der Gerd-Show. Die Hauptschuld daran, dass das Lied irgendwann in Ungnade fiel, liegt aber sicherlich bei Jamba, die es ebenfalls für ihre Klingeltöne okkupiert haben. Und trotz allen Grolls tut es mir unheimlich leid, dass das Mädchen nach ihrem Erfolg in der Schule gemobbt wurde - anscheinend hatte sie aber genügend Rückhalt in der Familie, jedenfalls wirkt sie heute wie eine relativ gefestigte junge Frau. Von einer weiteren Karriere im Showbusiness träumt sie allerdings nicht - was wahrscheinlich ebenfalls ihr Glück ist, denn einen solchen Erfolg zu wiederholen, ist fast unmöglich.

Und jetzt will ich euch mal was verraten: Eigentlich wollte ich heute etwas Lustiges machen, weil die Themen in letzter Zeit so ernst gewesen sind. Stattdessen habe ich uns jetzt alle re-traumatisiert - es tut mir schrecklich leid! Ich fürchte, wir werden eine Selbsthilfegruppe gründen müssen, um all diese furchtbaren Erfahrungen adäquat verarbeiten zu können. Um den Schaden in Grenzen zu halten, werde ich euch aber zumindest die nervigen Lieder nicht verlinken - sondern im schlimmsten Fall nur die nicht so nervigen Originale. Und ich hoffe, dass ihr mir trotzdem treu bleibt und auch das nächste Mal wieder mit dabei seid! Bon voyage!

vousvoyez