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Hallo, schön dass du hergefunden hast! Ich lade dich ein auf eine Reise. Eine Reise in die Welt pointierter Aussagen des alltäglichen Wahnsinns. Und durch die komplizierten Windungen meiner Gedanken dazu. Das Ziel kann ich nicht benennen; ich glaube, es ist für jeden anders. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!
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Mittwoch, 11. August 2021
Die verordnete Ausgangssperre hat auch etwas Gutes: Endlich finden die vor vielen Jahren getrennten Sockenpaare wieder zueinander
Donnerstag, 29. Juli 2021
Warum regt sich die BILD-Zeitung über Nazi-Witze auf, wo sie doch der lebende Nazi-Witz ist?
Top-Eierer Numero 30: "Querdenker" in überfluteten Gebieten
Ich habe ja vor nicht allzu langer Zeit die Hoffnung geäußert, dass Leerdenker und Konsorten jetzt, wo das öffentliche Leben allmählich wieder stattfindet, endlich nicht mehr so viel Aufmerksamkeit generieren. Teilweise hat es ja tatsächlich so ausgesehen - mittlerweile ist ja bekanntlich nur noch der harte Kern übriggeblieben. Das Problem ist allerdings, dass der es in sich hat - die Befürchtung hatte ich ja ebenfalls, aber ich hatte nicht vermutet, dass es so schnell einen Anlass für sie geben wird, um Morgenluft zu wittern. Denn bekanntlich wurden Teile meines Nachbarlandes vor wenigen Tagen von einer verheerenden Hochwasserkatastrophe heimgesucht - und ich muss sagen, ich finde es wirklich bewundernswert, zu sehen, wie hoch die Hilfsbereitschaft innerhalb des Landes ist und wie gut organisiert die Einsatzkräfte hier anpacken. Entsprechend hat es mich am meisten schockiert, wie beschissen sich diejenigen, die angeblich für "unsere Freiheit" kämpfen, aktuell aufführen. Da verbreiten ein Michael Wendler und ein Attila Hildmann ihre Schwurbelgeschichten über eine vom Staat inszenierte Flutkatastrophe; da wird mit gefälschten Einsatzfahrzeugen durch die Katastrophengebiete gefahren und per Lautsprecher völlig grundlos herumgelogen, dass Polizei- und Rettungskräfte vorhätten, die Leute dort im Stich zu lassen; da werden via Social Media Einsatzkräfte verspottet, verhöhnt und sogar bedroht, ganz zu schweigen davon, dass diese Leute, die noch nie in ihrem Leben bei irgendwelchen Hilfseinsätzen dabei waren, erfahreneren Personen permanent erklären wollen, wie sie ihren Job zu machen hätten; die Polizei, die eigentlich damit beschäftigt ist, die verschiedenen Einsätze zu koordinieren, muss sich auch noch auf Social Media rechtfertigen und den Leuten versichern, dass sie keineswegs vorhätten, Betroffenen die benötigte Hilfe vorzuenthalten; da werden Zufahrtswege zu den Katastrophengebieten von sensationsgeilen Gaffern und selbsternannten "Rebellen" blockiert, da werden ehrenamtliche Hilfskräfte bedrängt, belästigt, beschimpft und sogar mit Müll beworfen; da werden Häuser in den überfluteten Gebieten besetzt, etwa eine zerstörte Grundschule, die als "Querdenker"-Leitstelle aufgebaut werden sollte, um von dort aus eigene Aktionen zu koordinieren und nebenbei noch Kindern und Jugendlichen die eigene Ideologie einzutrichtern (zum Glück konnten Polizei und Jugendamt diese Aktion stoppen); da lässt sich ein Bodo Schiffmann wieder mal Geld "schenken" mit der Behauptung, jeder einzelne Cent komme den Flutopfern zugute, nur um daran Bedingungen wie das Ende der Sanktionen für Impf- und Maskengegner und freie Hand für Rechtsradikale zu knüpfen. Liebe Top-Eierer Numero 30: Manchmal frage ich mich ernsthaft, was eigentlich in euren Köpfen vorgeht. Könnt ihr nicht einmal in eurem Leben einfach nur Gutes tun, ohne dabei nur an euch selbst zu denken und daran, auf Biegen und Brechen eure Agenda durchzudrücken?
Top-Eierer Numero 31: Leute, die sich permanent wie die Wildsäue aufführen
Dass Leute auf Social Media mitunter ihre gute Kinderstube zu vergessen scheinen, wissen wir ja bereits. Seit einiger Zeit habe ich jedoch auch den Eindruck, dass Menschen auch in der realen Welt nicht sehr viel von Manieren zu halten scheinen. Sie geben zwar weniger Hasskommentare von sich, aber wenn ich mir ansehe, was sonst so immer mehr Akzeptanz zu finden scheint, überlege ich häufig, ob es heutzutage denn wirklich so out ist, ein gewisses Maß an ordentlicher Kinderstube an den Tag zu legen. Klar - wenn man jung ist, fällt einem das noch nicht so auf. Da hält man sich meist noch für den Nabel der Welt und glaubt, alles besser zu wissen - wobei ich sagen muss, zumindest bei der jüngeren Generation scheint schlechtes Benehmen so allmählich aus der Mode zu kommen. Zumindest kommen mir die meisten, denen ich begegne, weitaus erträglicher vor als Ältere - auch wenn es natürlich auch andere gibt. Vielleicht liegt es ja daran, dass vor allem meine Generation und die davor bisweilen mit Stolz eine recht beachtliche Wohlstandsverwahrlosung zutage trägt - immerhin haben wir lange genug von den Auswüchsen der Spaßgesellschaft profitiert. Möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass wir, wie schon häufiger angemerkt, unser Privatleben ständig öffentlich zur Schau stellen - und deswegen so tun, als wäre die gesamte Welt unser eigenes Wohnzimmer. Es könnte auch nur meine persönliche Empfindung sein, da ich Außenreize krankheitsbedingt intensiver wahrnehme als die meisten anderen Menschen. Auch da bringt die Maskenpflicht Vorteile - man sieht zumindest in den Öffis keine Nasenbohrer mehr, und keine Leute, die sich beim Gähnen nicht die Hand vor den Mund halten können. Ein Trend, der mich jedoch aktuell innerlich häufig auf die Palme bringt, ist der, dass anscheinend überall gegessen werden muss. Ich erlebe das vor allem häufig, wenn ich von der Arbeit nach Hause fahre - Leute, die auf dem Sitzplatz ihr Kebab auspacken oder sich gummiartige Pommes unter die Maske schieben. Leute, die geräuschvoll den letzten Rest ihres Softdrinks durch den Pappstrohhalm saugen und zufrieden schmatzend ihren Burger kauen. Kleinkinder, die zerkaute Chicken McNuggets auf ihr T-Shirt spucken und mit ihren soßebeschmierten Fingern alles in ihrer Umgebung antatschen. Busse, in denen es wie bei McDonald's riecht - oder wie in der Dönerbude. Sitzplätze, von denen man erst mal die zerknüllten Verpackungsreste der Mahlzeit des Vorgängers räumen muss, nur um dann festzustellen, dass sich die restliche Burgersauce und das nicht ausgetrunkene Fanta über die ohnehin schon versifften Polster verteilt haben. Und ich denke sehnsüchtig an meine Kindheit zurück, als man in Bussen und Straßenbahnen noch nicht mal ein Eis essen durfte! Und frage mich, ob ich spießig geworden bin, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich meinen Kopf angewidert zur Seite drehe, weil der Typ an dem Tisch gegenüber nicht einmal imstande ist, ein Stück Kuchen zu verzehren, ohne mir dabei einen herrlichen Ausblick auf seine den süßen Teig zermahlenden Mundwerkzeuge zu geben. Na gut, dann bin ich eben spießig, denke ich trotzig, nachdem ich an einer engen Wegstelle andere Leute vorbeigelassen habe und wieder mal feststellen musste, dass diese sich nicht mal ein "Danke" abringen können. "Früher war alles besser", heult ein kleiner, trotziger Kobold in mir, während ein junger Mann in Jogginghosen und weißen Turnschuhen die Straßenbahn betritt, während er das auf laut gestellte Smartphone wie ein Butterbrot schräg vor seinen Mund hält und uns alle an seinem ungeheuer spannenden Gespräch teilhaben lässt. "Da hat man wenigstens nur EINEN Teil des Gesprächs mithören können!" Wenn solche Leute doch wenigstens einen besseren Musikgeschmack hätten, denke ich bei mir, während ich mich an der abendlichen Straßenbahnhaltestelle innerlich vor Schmerzen krümme, weil die beiden kaum Zwanzigjährigen neben mir meinen, sie müssten die ganze Umgebung mit ihrem in Autotune erstickenden Deutschrap voller Reimkatastrophen zwangsbeschallen. Liebe Top-Eierer Numero 31: Könntet ihr bitte, bitte auch einmal in Erwägung ziehen, dass ihr nicht allein auf der Welt seid?
Top-Eierer Numero 32: "... als ich in deinem Alter war ..."
Ich bin ja mittlerweile schon in einem Alter, in dem es niemanden mehr wundert, wenn ich mich nach meinem jüngeren, unbeschwerteren Ich zurücksehne. Dennoch kann ich nicht oft genug betonen, dass es auch Vorteile bringt, wenn man so langsam, aber sicher auf die Vierzig zugeht. Zum Beispiel gibt es weniger Menschen, die mir permanent vorhalten, was ich noch nicht kann, obwohl ich alt genug dafür wäre, und dass sie oder andere das in meinem Alter - oder sogar jünger! - schon viel besser gekonnt hätten bzw. können. Ich weiß nicht, woher die Überzeugung kommt, dass man ab einem gewissen Alter dieses und jenes automatisch zu können oder zu sein hat. Einerseits wird ständig darauf herumgeritten, dass jeder einzigartig sei, andererseits bekommt Mutti die Krise, wenn ihr hochbegabtes Indigo-Regenbogen-Wunderkind irgendwas noch nicht ganz so gut kann wie die meisten seiner Altersgenossen, und übersieht dabei möglicherweise Dinge, die es den anderen vielleicht schon voraus hat. Und das weiß ich, weil von mir mitunter Sachen erwartet wurden, die mir nie jemand erklärt hat - einfach nur, weil ich in einem Alter war, in dem man das nach allgemeiner Erwartung zu können hatte. Ich denke mir das auch in der aktuellen Bildungssituation: Menschen werden heutzutage älter als je zuvor - warum also müssen Kinder und Jugendliche auf Biegen und Brechen möglichst schnell durch die Schullaufbahn gehetzt werden, anstatt dass man ihnen möglicherweise noch ein Jahr mehr Zeit gibt, um das Versäumte aufzuholen? Denn ob ihr es glaubt oder nicht: Ich habe das Gymnasium zwar in Mindestzeit abgeschlossen, aber danach fragt einen kein Mensch mehr, nachdem man die Matura erfolgreich absolviert hat. Ich kenne so viele, die sogar zweimal sitzengeblieben sind und trotzdem in ihrem Beruf glänzen. Im Prinzip fängt es schon an, sobald der Sprössling auf der Welt ist: Eltern können sich stundenlang darin übertrumpfen, zu berichten, was ihr kleines Wunder schon kann, während sie andere abkanzeln, weil deren Nachkomme möglicherweise noch nicht ganz so weit ist. Im schlimmsten Fall erwarten sie von ihren Kindern dann Fähigkeiten, die sie in ihrem Alter noch gar nicht haben können, um mit den anderen stolzen Muttis auch ja mithalten zu können. Sobald man dann älter geworden ist, erklären einem dann Erwachsene, wie unzulänglich man doch ist: "Als ich in deinem Alter war, bin ich barfuß durch den Schnee in die Schule gegangen!" - "Der Max ist zwei Jahre jünger als du und kann schon ohne Stützräder Fahrrad fahren!" - "Die Veronika musste in deinem Alter nicht mehr dazu aufgefordert werden, ihre Schuhe wegzuräumen!" Andererseits kommt dann aber immer, wenn man jammert "Die anderen dürfen aber auch ...", der allseits bekannte Satz: "Du bist aber nicht die anderen!" Dieses Paradoxon begegnet einem, sobald man erwachsen ist, vornehmlich in der Berufswelt: Man hat gerade eine Ausbildung abgeschlossen und brennt auf einen Job - nur um dann zu erfahren, dass man mit seinen zweiundzwanzig Lenzen bereits drei Abschlüsse, zehn Jahre Berufserfahrung und fünf Auslandsaufenthalte absolviert haben sollte. Und währenddessen schreibt die Kronen Zeitung, dass die faule Jugend von heute nicht mehr arbeiten will. Liebe Top-Eierer Numero 32: Wart ihr in eurer Jugend wirklich schon perfekt, oder sind euch nur die Argumente ausgegangen?
Top-Eierer Numero 33: Klo-Rowdys
Letzte Woche habe ich mit einer Freundin ein Café besucht, dessen Toilette eine höchst interessante Waschgelegenheit hatte: Ein rundes schwarzes Becken, über dem mehrere Düsen, ähnlich einer Dusche, angebracht waren. Zwei ältere Damen, die zur gleichen Zeit wie ich ein dringendes Bedürfnis verspürt hatten, zeigten mir, welchen Knopf ich betätigen musste, damit Wasser in das Becken lief und ich mir die Hände waschen konnte. Als ich fertig war, fotografierten sie sich gegenseitig begeistert beim Händewaschen. Vor vielen Jahren, ich war etwa sechzehn oder siebzehn, erzählte mir eine andere Freundin in der Schlange vor einer Café-Toilette, dass sie jene Plexiglas-Klobrillen fürchte, in die Stacheldraht eingelassen war. Ich hatte einmal so eine in einem Landgasthaus gesehen und mich fürchterlich erschrocken; in einem In-Lokal in Graz gab es ebenfalls eine Plexiglas-Klobrille, in der jedoch kein Stacheldraht, sondern kleine Rosen eingelassen waren. Und als ich mit meinen Eltern kurz nach der Jahrtausendwende nach Bregenz fuhr und wir dort das Kunsthaus besichtigten, war meine Mutter ganz begeistert von den Sanitärräumen - dass diese ebenfalls ein spezielles Design haben, war damals neu. Ja, Toiletten - jene höchst privaten Räumlichkeiten, die in der Regel eher stiefmütterlich behandelt werden! Jeder braucht sie, aber keiner schenkt ihnen besonders viel Beachtung. Und mitunter ist auch Achtsamkeit ein Fremdwort für jene, die sie benutzen. Denn wer kennt es nicht: Man verspürt ein dringendes Bedürfnis, und da es sich besonders für eine Frau nicht schickt, sich unter freiem Himmel zu entleeren, sucht man die nächste öffentliche Toilette auf. Ich habe es übrigens als Kind als die größte Ungerechtigkeit empfunden, dass man sich als Mädchen beim Pinkeln immer halb ausziehen und unbequem hocken muss, während Jungs ganz bequem ihre Hose aufmachen und alles im Stehen erledigen können, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls kann ich eines verraten: Klo-Rowdys sind offenbar gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt. Zumindest, soweit ich das beurteilen kann, da ich naturgemäß nur selten auf Herrentoiletten gehe. Dies bemerkt man vor allem auf öffentlichen Bedürfnisanstalten. Denn obwohl sie zumindest hier in Europa ebenso ein gängiges "Accessoire" ist wie Zahnpasta oder Serviette, scheinen viel zu viele Leute noch nie etwas von einer Klobürste gehört zu haben. Jedenfalls drängt sich mir dieser Gedanke häufig auf, wenn ich bemerke, wie manche Toilettenschüsseln aussehen. Klar - wenn ich erkenne, dass eine Kloschüssel so aussieht, und ich die Möglichkeit habe, die Kabine zu wechseln, dann mache ich das auch. Und da ist es mir auch egal, wenn Leute mich komisch ansehen - ich entferne meine Hinterlassenschaften sowohl auf der eigenen als auch auf fremden Toiletten, also kann ich das durchaus auch von anderen erwarten. Ich habe keinerlei Interesse an der Verdauung unbekannter Personen und will auch nicht, dass Fremde über meine Bescheid wissen. Und wenn wir schon dabei sind: Um sich den Hintern abzuputzen, braucht man keine dreißig Meter Klopapier, Binden und Tampons gehören in den Abfalleimer und nicht daneben, ebenso wie Spritzen in die dafür vorgesehenen Boxen gehören und nicht auf den Boden, da sich Menschen im blödesten Fall dran verletzen können. Liebe Top-Eierer Numero 33: Bitte versucht wenigstens, euch wie zivilisierte Menschen aufzuführen!
So meine Lieben, jetzt habe ich mich endlich wieder mal über die unangenehmsten Zeitgenossen ausgelassen - das tat richtig gut! Jetzt kann ich froh-vergnügt ins Wochenende starten, und ihr habt einen neuen Artikel, an dem ihr euch ergötzen könnt. Ich wünsche euch alles Gute und dass wir uns das nächste Mal wieder lesen! Bon voyage!
vousvoyez
Freitag, 23. Juli 2021
Manche Leute suchen ihre innere Mitte, ich habe meine äußere noch nie gesehen
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Dienstag, 20. Juli 2021
Ich war so oft mit meiner Jogginghose joggen, wie ich mit meiner Küchenrolle durch die Küche gerollt bin
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| © vousvoyez |
Und wie die Mode, so ändern sich auch die Zeiten. Was ich aktuell als recht positiv empfinde, ist, dass die Leute froh sind, wieder rausgehen zu dürfen, und sich weniger über Kleinigkeiten beschweren. Zumindest im realen Leben draußen - das ich momentan auch immer mehr in vollen Zügen genieße. Auch wenn ich zugeben muss, dass es mir anfangs noch schwer fiel - man glaubt gar nicht, wie sehr man sich an gewisse Umstände gewöhnt. Was Social Media betrifft, so wird hier immer noch gejammert, was das Zeug hält - und immer noch gibt es sie, die Leute, die hinter allem die große Verschwörung wittern. Wobei der eine oder andere, der zu Hochzeiten der Pandemie von der Leichtgläubigkeit anderer verschont blieb, seine Felle davonschwimmen sieht. Aber immer noch, wenn man in die Kommentarspalten auf Facebook, Twitter & Co. blickt, entdeckt man Leute, die sich über die "Mainstreammedien" aufregen und eifrig bemüht sind, "alternative Fakten" unters Volk zu bringen.
Einer der meist gelesenen Artikel auf meinem Blog ist ja jener, in dem ich anhand einer kleinen Anekdote reflektiere, wie schwierig der kritische Umgang mit Medien wirklich ist. Zumal auch die staatlichen Medien stets kritisch betrachtet werden sollten. Besonders bei uns in Österreich ist das ziemlich offensichtlich, da die steuerfinanzierten Boulevardmedien, die sich in der Hand einiger weniger Multimillionäre befinden, die Medienlandschaft dominieren, während Medienschaffende besonders in letzter Zeit immer stärker von der Kurz-Regierung unter Druck gesetzt werden. Wenn man sich dagegen den Falter betrachtet, deren Redakteure sich bis heute nicht haben einschüchtern lassen, kommt man sich vor wie bei Asterix. Wobei mich in dieser Hinsicht auch die News positiv überrascht hat. Ich persönlich ergänze die Informationen aus Zeitung und Nachrichten ganz gern mit diversen Blogs und Twitter-Profilen ausgewählter Journalisten und Innen und mit den Artikeln ehrenamtlich arbeitender Faktenchecker-Seiten. Bei der Flut von Informationen, die heutzutage auf uns einstürmen, und all dem, was Presse und Rundfunk nicht erwähnen, reichen die regulären Medien nun mal einfach nicht aus. Nun ist dieses Hangeln durch den Mediendschungel, wie ich es praktiziere, mit Sicherheit nicht einfach, und ich bin da auch absolut nicht perfekt, aber im Großen und Ganzen fahre ich doch recht gut damit. Zumindest besser als diejenigen, die auf unvollständige Berichterstattung aus Deutschland und Österreich reagieren, indem sie einfach alles unterschiedslos ablehnen, was sie als "Mainstream" klassifizieren, und sich stattdessen auf "alternative" Medien verlassen, denen völlig unkritisch geglaubt wird. Solche Leute sind anfällig für jene, die sich als "Querdenker" und "Regierungskritiker" inszenieren - Leute wie Ken Jebsen, Heiko Schrang, Eva Herman, Boris Reitschuster, Oliver Janich & Co.
Ein Element, das all diesen Leuten gemein und bei näherer Betrachtung auch sehr auffällig ist, sind die Quellen, auf die sie sich beziehen. Da kommt nämlich eine sehr häufig vor, eine auf den ersten Blick ziemlich unauffällige Seite namens RT DE bzw. RT Deutsch. Wenn man sich diese genauer ansieht, springt einem jedoch allmählich ins Auge, dass hier vor allem mit spaltenden Themen und reißerischen Überschriften gearbeitet wird und dass diejenigen, die dort schreiben, eine auffällige Tendenz haben, mit Kampfbegriffen um sich zu werfen. Wer diese Seite teilt, versichert gleichzeitig, dass hier Informationen zu finden seien, die uns die "Mainstreammedien" vorenthalten. Dies behauptet die Seite auch höchstselbst; sie bezeichnet sich als "fehlender Part der deutschsprachigen Medienlandschaft" und nimmt für sich selbst in Anspruch, "Medienmanipulationen" aufzuzeigen. Aber was ist das überhaupt für eine Seite?
RT DE ist der deutschsprachige Ableger des russischen Staatssenders Russia Today - ein russisches Auslandsmedium, gegründet als ursprünglich englischsprachiger Nachrichtensender im Jahr 2005 in Moskau. Ursprünglich sollte es darum gehen, sich der Kritik an Putin im Ausland entgegenzustellen, indem er als Opfer westlicher Propaganda dargestellt wird. Dass die Kritik an Putin auch im Inland immer lauter wird und die russische Bevölkerung den Medien im Land selbst nicht mehr traut, ist da erst mal nicht so wichtig. RT Deutsch bzw. RT DE gibt es seit 2014 - bestehend aus einem YouTube-Kanal und einem Internetportal. Nun ist es ja an sich nichts Schlimmes, wenn ein ausländisches bzw. russisches Medium eine Außensicht der Dinge präsentiert - das kann ganz im Gegenteil sogar recht wertvoll sein. Das Problem ist jedoch, dass es sich bei RT DE um kein unabhängiges russisches Medium handelt, sondern um ein von der russischen Regierung finanziertes. Wobei man natürlich nicht sagen kann, dass alles durch die Bank gelogen ist - wie bei dieser Art von Propaganda üblich, versteckt sich unter all den obskuren Beiträgen auch die eine oder andere echte Nachricht oder Analyse. Aber im Großen und Ganzen beweist der Kreml, dass er seit Ende des Kalten Krieges nichts verlernt hat, im Gegenteil: Nach wie vor baut er auf seine Strategie, die uns schon vom KGB bekannt ist, nämlich bestehende Spannungen und kleine Unsicherheiten in anderen Ländern auszunutzen, um seine Propaganda unters Volk zu bringen. So war es auch damals, als RT Deutsch an den Start ging: Die Ukraine-Krise rief auch in deutschsprachigen Ländern vermehrt die Angst vor einem Krieg in Europa hervor, weshalb vor allem in Deutschland und Österreich vermehrt Mahnwachen für den Frieden stattfanden, welche im Laufe der Zeit jedoch immer mehr von Rechtsgestrickten und Verschwörungsideologen okkupiert wurden. Im Grunde genommen war es ähnlich wie bei den Corona-Demos, außer dass die Themen weit unzusammenhängender und undurchsichtiger waren; aber schon damals fiel auf, dass es keine klare Abgrenzung zu Leuten gab, die offen den Nationalsozialismus verherrlichten und Schnittstellen mit der damals erstarkenden Pegida sowie deutschen und österreichischen Staatsverweigerern aufwiesen - zumal viele das Rechts-Links-Schema ohnehin ablehnten. Ein denkbar fruchtbarer Boden für ein russisches Propagandamedium, umso mehr, als im Ukraine-Konflikt oftmals Partei für Russland ergriffen und lautstark nach "Alternativen" zur "gleichgeschalteten Presse" verlangt wurde.
Doch russische Propaganda funktionierte nicht nur im deutschsprachigen Raum - in den USA spielte sie vor allem während des US-Wahlkampfes 2016 eine weitaus größere Rolle. So sehr, dass sie die Wahlen nachweislich beeinflusst hat - wofür nicht nur Russia Today selbst verantwortlich war, sondern unter anderem auch die Internet Research Agency (IRA), eine Trollfabrik mit Sitz in St. Petersburg, in der Tag und Nacht nichts anderes getan wird, als mittels Fake-Accounts Propaganda und Desinformation zu verbreiten. Eine der nachhaltigsten Strategien war die anonyme Überantwortung der E-Mails John Podestas, des Wahlkampfmanagers von Hillary Clinton, an eine Pizzeria in Washington D. C. an WikiLeaks, wo sie auch veröffentlicht wurden. Nutzer der Plattform 4chan bastelten daraus eine haarsträubende Geschichte über einen Kinderpornoring, der seinen Sitz im Keller der Pizzeria haben sollte. Über 4chan und reddit gelangte die Geschichte zu Twitter und Facebook, bis sie schließlich Alex Jones erreichte, über den ich bereits berichtet habe - das ist der mit den schwulen Fröschen. Dieser erzählte die Geschichte ungeprüft brühwarm weiter, woraufhin es zu dem von mir schon erwähnten bewaffneten Angriff auf die Pizzeria kam, in dessen Verlauf festgestellt wurde, dass die Pizzeria gar kein Kellergeschoß hatte. Trotzdem stoße ich bis heute immer noch auf Social-Media-User, die an diese Geschichte glauben.
Was RT DE betrifft, so wurden schon kurze Zeit nach dem Start Falschmeldungen sowie Fälschungen von Bild- und Tonmaterial nachgewiesen. Wegen der einseitigen Berichterstattungen kündigten auch ziemlich schnell mehrere Mitarbeiter - darunter die ehemalige RT-Reporterin Lea Frings, die in einem Interview erklärte, dass man einige der dort enthaltenen Berichte nicht als Journalismus ansehen kann, etwa die über den Ukraine-Konflikt, wo Verfehlungen von russischer Seite einfach weggelassen wurden. Darüber hinaus kommen auch auffällig viele Rechtskonservative zu Wort, zitiert werden Leute wie etwa Anni Sasek, die Ehefrau des christlich-fundamentalistischen Sektenführers Ivo Sasek, der den mit Scientology vernetzten Internetsender Klagemauer-TV betreibt; Christoph Hörstel von der rechtspopulistischen Kleinpartei Deutsche Mitte; der umstrittene Börsenspekulant und Hedgefondsmanager Florian Homm; der österreichische Identitäre Martin Sellner, dessen Gruppierung vom Verfassungsschutz beobachtet wird; den Betreiber des Schwurbel-Blogs Free21. Die Quellen von RT DE sehen nicht anders aus: das Contra Magazin, eine Online-Zeitung der Neuen Rechten; Swiss Policy Research, ein anonym betriebener Blog aus der Schweiz, der von Verschwörungsgläubigen ebenfalls gerne benutzt wird; die ebenfalls anonym betriebene Propagandaschau, die einzelne Verfehlungen nutzen, um Pauschalisierung und Hetze gegen professionelle Journalisten zu betreiben; der anonym betriebene englischsprachige Blog Zero Hedge, der sich hauptsächlich auf Wirtschaft und Finanzen fokussiert und im Verdacht steht, dafür bezahlt zu werden, Unternehmen zu diffamieren und nachhaltig zu schädigen; das französischsprachige Medium FranceSoir, das vor allem gerne Irreführungen bezüglich der Covid-Pandemie verbreitet. Und das ist nur ein kleiner Auszug der Personen und Institutionen, mit denen RT DE verbandelt ist.
Aber selbstverständlich glauben viele, die RT DE lesen und verbreiten, an das Narrativ des unabhängigen Journalismus, und das ist auch kein Wunder, denn viele sehen ihre Meinung in den Artikeln dieses Mediums bestätigt. Allerdings finde ich, sollte man doch einen Blick auf Russland selbst werfen und wie es dort um die politischen Verhältnisse bestellt ist. Denn die Russische Föderation ist im Prinzip nichts anderes als eine autokratische Oligarchie, in deren Verfassung Presse- und Meinungsfreiheit zwar gegeben sind, aber in der Praxis sieht es ganz anders aus: Besonders im Internet ist die freie Rede massiv eingeschränkt, die Überwachung von Online-Aktivitäten greift massiv in die Privatsphäre der russischen Bürger ein, Kritiker an der Regierung werden gnadenlos verfolgt (Human Rights Watch). Der russische Staat ist seit Jahren bemüht, das Internet unter seine Kontrolle zu bringen, was bereits zur ungerechtfertigten strafrechtlichen Verfolgung von Menschen sowie zur Sperrung oder gar Abschaltung von Hunderten von Internetportalen geführt hat. Zudem haben die Behörden eine Reihe repressiver Gesetze durchgepeitscht, die den Zugang zu Informationen noch massiver einschränken und Nutzer überwachen. In der Rangliste der Pressefreiheit findet sich Russland auf Platz 150 - zum Vergleich: Österreich rangiert auf Platz 17, Deutschland sogar auf Platz 13. Schon kein geringer Unterschied, oder?
Entsprechend sollte auch schnell klar sein, dass RT DE alles andere im Sinn hat, als ausgewogene Berichterstattung. Stattdessen geht es um das Bestreben, Misstrauen zu wecken und das Vertrauen in den Journalismus im eigenen Land zu untergraben. Dabei nutzt die Plattform die Tendenz vieler aus, Inhalte zu teilen, ohne sich für deren Herkunft zu interessieren - Hauptsache, sie bestätigt das eigene Bauchgefühl. Und anscheinend hat sich auch ein Heiko Schrang, Oliver Janich oder eine Eva Hermann nie Gedanken darüber gemacht, wie häufig gerade RT DE ihrer Agenda entgegenkommt. Ganz offensichtlich hat Russland ein großes Interesse daran, das Vertrauen der Bevölkerung westlicher Demokratien in die eigenen Medien zu zerstören und im Gegenzug die Medien des russischen Staatsapparat zu konsumieren. Und möglicherweise soll dadurch eine Destabilisierung dieser Demokratien erreicht werden: Die Einmischung russischer Staatsmedien in die Belange der USA hat dazu geführt, dass US-Bürger im Januar dieses Jahres ihr eigenes Capitol stürmten. Ich möchte auch noch einmal an die Spaßvögel erinnern, die den Reichstag in Berlin stürmen wollten.
Dass diejenigen, die sich als "Querdenker" bezeichnen, sich von allen möglichen Interessensgruppen instrumentalisieren lassen, zeigt eigentlich, dass sie genau das Gegenteil dessen tun, was sie zu tun behaupten: nämlich kritisch zu sein und zu hinterfragen. Denn ist es nicht paradox, dass sie gerade jene Medien für so glaubwürdig befinden, die, vom russischen Staat finanziert, die Zeitungen, Fernsehsender und Internetportale des jeweiligen Landes, das sie ansprechen wollen, als "Staatsfunk" bezeichnen? Dass sie ihre eigene Berichterstattung als "unabhängig" darstellen, obwohl sie nachweislich vom Kreml finanziert werden? Dass sie anderen Medien vorwerfen, Dinge wegzulassen, wo sie doch selbst alles weglassen, was nicht in ihre Agenda passt? Was mich persönlich betrifft, ich kann mir nur an den Kopf greifen, wenn ich die Situation in Russland betrachte und mir gleichzeitig immer wieder Leute anhören muss, die sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühlen, während sie ihre Meinung ständig ungehindert zum Besten geben. Die Presse- und Meinungsfreiheit in unserem Land reicht immerhin aus, dass wir über die Verfehlungen unserer eigenen Regierung in vollem Umfang informiert werden können. Glaubt ihr ernsthaft, so wie die Dinge aktuell stehen, ein Putin müsste sich vor einem russischen Gericht für seine Verfehlungen verantworten? Denkt ihr, einem Journalisten wie Florian Klenk würde in Russland lediglich eine Geldstrafe drohen dafür, dass er den Staatschef kritisiert? Bildet ihr euch ein, man kann in Russland so frei Kritik am herrschenden System üben, wie es bei uns der Fall ist? Geht ihr wirklich davon aus, dass ihr in Russland ungestraft auf die Straße rennen und "Diktatur" brüllen dürftet? Stellt euch nur einmal vor, der ORF würde in Russland ein Auslandsmedium gründen, das Putin kritisiert - glaubt ihr, das ginge so einfach? Warum bei Zeus und allen Göttern Griechenlands bringt es ein vom russischen Staat finanziertes Medium fertig, einigen von uns einzureden, dass wir in einer Diktatur leben? Warum ist seine Macht inzwischen so groß, dass Leute glauben, gegen diese vermeintliche Diktatur auf die Straße gehen zu müssen - dass in unserem Nachbarland sogar Leute glauben, ein Regierungsgebäude stürmen zu müssen? Ist es nicht paradox, dass das Vertrauen jener, die sich für Skeptiker halten, in ein vom russischen Staatsapparat finanziertes Medium höher ist als in die gesamte Presse Deutschlands und Österreichs?
Und noch einmal: Das bedeutet nicht, dass man alles, was die eigene Regierung so treibt, kritiklos bejubeln soll - aber ist es denn eine Lösung, statt dessen auf russische Propaganda reinzufallen und sich von dieser instrumentalisieren zu lassen? Ich möchte nur an eines erinnern: Die tatsächlichen Skandale, also etwa die Maskendeals in Deutschland und Österreich, das Ibiza-Video, die Falschaussagen eines Sebastian Kurz, die BUWOG-Affäre - all das wurde weder von Russia Today noch von einem Reitschuster oder Jebsen aufgedeckt, sondern von den so verhassten "Mainstreammedien". Nicht nur das - auch Whistleblower, etwa Julian Assanges Plattform WikiLeaks, hat häufig mit den bösen "Staatsmedien" kooperiert. Selbstverständlich sollte man die Regierung nicht schalten und walten lassen, wie es ihr beliebt - aber ich zweifle doch stark daran, dass RT DE wirklich dazu beiträgt, die Demokratie aufrecht zu halten. Stattdessen würde ich gerade all jenen, die sich für die großen Kritiker und Hinterfrager halten, ans Herz legen, auch mal diejenigen, bei denen sie sich informieren, sowie deren Quellen kritisch zu hinterfragen - denn könnte es nicht sein, dass sich all jene "Kritiker" bewusst oder unbewusst von der russischen Regierung instrumentalisieren lassen? Und ich möchte noch einmal klarstellen: Wer den Anspruch erhebt, dass eine Demokratie seine Meinung aushalten muss, der sollte auch die Meinung anderer aushalten können. Abgesehen davon würde ich mir selbst auch einmal die Frage stellen, ob dies tatsächlich meine Meinung ist. Und ich sage das nicht umsonst: Diese Art von Propaganda senkt vor allem die Hemmschwellen und führt im blödesten Fall zur Radikalisierung; denn viele selbsternannte "Rebellen" verstehen den Glauben, dass sie in einer Diktatur leben, als Legitimierung von gewaltsamem Widerstand. Noch glaubt sowohl in Deutschland als auch in Österreich nur eine kleine, aber laute Minderheit der Propaganda der deutschsprachigen russischen Medien - wir sollten dafür Sorge tragen, dass das auch so bleibt.
vousvoyez
Quellen zum Weiterlesen und -hören:
https://www.zeit.de/politik/ausland/2014-11/rt-deutsch-russland-propaganda-luegen
https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-12/us-wahl-2016-russland-einmischung-soziale-medien
https://www.tagesschau.de/inland/corona-demo-berlin-131.html
Sehr empfehlenswert: https://www.radioeins.de/archiv/podcast/cui_bono/



