Mittwoch, 24. Februar 2021

Man kann nicht ewig auf den gleichen Haufen scheißen

©vousvoyez
Dieser Satz bezieht sich auf den Klimawandel beziehungsweise ganz allgemein auf die Folgen der Umweltverschmutzung. Und das, obwohl sie von jemandem stammen, der dem breiten wissenschaftlichen Konsens eher skeptisch gegenübersteht - oder stand, ich weiß nicht, wie es heute ist. Was beweist, dass auch Zweifel nicht immer vollkommen pauschal geäußert werden. Auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass das mit dem Klimawandel tatsächlich nicht nur ein Gerücht ist - und dazu brauchen wir uns nur mal ansehen, wie rasant sich die Wetterverhältnisse bereits seit meiner Kindheit verändert haben. Leider!

Selbstverständlich werden das nicht alle so sehen - die starken Schneefälle dieses Winters sind für viele der "Beweis", dass das mit dem Klimawandel nur ausgedacht ist. Denn würde man zugeben, dass dieses Problem real ist, dann müsste man auch einen Haufen liebgewordener Gewohnheiten und Annehmlichkeiten hinterfragen. Und das ist nun mal nicht leicht. Ähnlich wie in der gegenwärtigen Situation. Aber das soll jetzt nicht das Thema sein - nein, ich möchte mich heute ein paar anderen Legenden und Mythen widmen, und zwar deshalb, weil ich kürzlich wieder mal über was gestolpert bin - über ein "Phänomen", das anscheinend gern als wissenschaftliches Beispiel angeführt wird, obwohl es mit Wissenschaft eigentlich nichts zu tun hat. Es geht um den Mythos vom hundertsten Affen.

Diese Geschichte fand vor allem durch zwei Bücher aus den 1970er Jahren Verbreitung und stammt von dem südafrikanischen Botaniker, Zoologen, Biologen, Anthropologen, Ethnologen und Autoren Lyall Watson. Dieser bezieht sich auf die Koshima-Forschung der 1950er Jahre, als einige japanische Forscher eine Population von Japanmakaken auf der Insel Kōjima beobachteten; diese ließen auf den Strand der Insel Süßkartoffeln und Weizen für die Tiere fallen und beobachteten dann deren Verhalten. Irgendwann begann einer der Affen, die Süßkartoffeln vor dem Verzehr zu waschen, eine Tätigkeit, die bald von anderen von ihnen, vor allem den jüngeren, imitiert wurde. Lyall Watson behauptete, dass, nachdem der hundertste Affe aus der Kolonie auf Kōjima angefangen habe, seine Süßkartoffeln zu waschen, dieses Verhalten auch bei anderen Affengruppen auf anderen Inseln und dem Festland aufgetreten sei, ohne dass diese je Kontakt zu den Tieren auf Kōjima gehabt hätten. Im Jahr 1982 griff der US-amerikanische Autor Ken Keyes jr. diese Geschichte auf und führte sie in seinem Buch The Hundreth Monkey weiter; er behauptete, dass der hundertste Affe eine Art "paranormalen Lernvorgang" ausgelöst hätte, der durch "morphogenetische Felder" zustande gekommen sei, eine Hypothese von Rupert Sheldrake, die behauptet, dass Lebewesen durch unsichtbare Energiefelder miteinander verbunden sei, die energetische Information transportierten.

Watsons Ausführungen wurden bald kritisiert und als unwissenschaftlich entlarvt - auch Masao Kawai, Leiter der japanischen Verhaltensforscher, die damals vor Ort gewesen waren, wies mehrfach darauf hin, dass Watsons Angaben nicht korrekt und in der Folge auch überinterpretiert wären. Die Geschwindigkeit des Lernprozesses wurde sowohl bei ihm als auch bei Keyes übertrieben, zudem wurde der Fakt ausgelassen, dass Affen, die ein bestimmtes Alter überschritten hatten, das beobachtete Verhalten nicht mehr übernahmen. Da Fertigkeiten sowohl durch aktives Weitergeben als auch durch Beobachtung auch in anderem Kontext erlernt werden, fallen die Ergebnisse der Koshima-Forschung auch nicht wesentlich aus dem Rahmen. Auch dass sich diese Praxis plötzlich auf andere isolierte Affenpopulationen übertrug, kann nicht bewiesen werden, zumal die Süßkartoffel den Japanmakaken nur durch menschliches Eingreifen zur Verfügung stand. Da in den Originalquellen die Anzahl der Tierpopulation mit 59 angegeben wird, hat es den ominösen hundertsten Affen zudem ohnehin nie gegeben. Es ist also kein Wunder, dass diese Geschichte hauptsächlich von Leuten geglaubt wird, die generell zu Verschwörungserzählungen neigen, und nicht von systemgläubigen Schlafschafen wie mir.

Ähnlich unzureichend ist die Beweislage auch im Falle von Menschen, die völlig ohne Zutun von außen in Flammen aufgegangen sein sollen - es gibt aber zahlreiche Geschichten darüber, aber keinen einzigen stichhaltigen Beweis, dass so etwas überhaupt möglich ist. Und doch sind uns Geschichten über spontane menschliche Selbstentzündung bereits seit Anbeginn der Zeitrechnung bekannt. In Indien gibt es beispielsweise den Mythos von Sati, der ersten Frau des hinduistischen Gottes Shiva, die vor Wut in Flammen aufgegangen sein soll, als sie nicht zum Fest ihres Vaters Daksha eingeladen wurde. Auch in der Bibel gibt es Geschichten über Menschen, die sich spontan selbst entzündet haben sollen. Aus dem Mittelalter ist der Glaube überliefert, dass exzessiver Alkohol dazu führe, dass Menschen spontan verbrannten - wenn ich mich an meinen ersten Schluck Messwein erinnere, kann ich auch durchaus nachvollziehen, warum man so etwas geglaubt hat. Allerdings weiß man heute, dass eine Alkoholvergiftung sehr viel wahrscheinlicher wäre als das. Selbstverständlich kann man sich solcher Mythen auch bedienen, um einer Strafe zu entgehen - so, wie es heute Eltern gibt, die versuchen, die Folgen von Kindesmisshandlung als Impfschaden zu deklarieren. Am Pfingstmontag des Jahres 1725 verbrannte die Französin Nicole Millet; ihr Ehemann konnte das Gericht davon überzeugen, dass sie von ganz allein in Flammen aufgegangen sei. Im 19. Jahrhundert entwickelte ein Elektroingenieur aus New York die These, dass Menschen mit besonders trockener Haut eine erhöhte elektrische Spannung entwickeln können, die unter besonderen Umständen eine elektrostatische Entladung begünstige, welche bewirke, dass der Körper spontan in Flammen aufgehe - diese Behauptung weist jedoch zu viele Ungereimtheiten auf. Im 20. Jahrhundert ist der Fall der Cinder Lady (Aschendame) bekannt, einer Frau aus Florida, die im Juli 1951 in ihrem eigenen Haus verbrannte; man nimmt jedoch an, dass in Wirklichkeit ihr exzessiver Schlaftablettenkonsum in Kombination mit der Tatsache, dass sie Raucherin war, dazu geführt hatte, dass ihre Kleidung durch eine Zigarette entflammt worden war, wodurch ein sogenannter "Dochteffekt" entstand - dieser bewirkt, dass die Hitze der Flammen das Körperfett zum Schmelzen bringt und diese, ähnlich wie Kerzenwachs, so lange nährt, dass sie nicht auf ihre Umgebung überspringen. In den 1990er Jahren vermutete der Kriminalpsychologe John E. Heymer einen psychosomatischen Prozess, der eine chemische Reaktion auslösen könne, die zu spontaner menschlicher Selbstentzündung führen könnte - eine These, die jedoch sowohl chemischen als auch physikalischen Gesetzmäßigkeiten widerspricht. Auch, dass Kugelblitze zu einer Selbstentzündung führen sollen, wurde nie bewiesen. Aber zumindest inspiriert die Legende der spontanen menschlichen Selbstentzündung immer wieder die menschliche Phantasie, so dass sie in zahlreichen Romanen, Filmen und auch Fernsehserien zu finden ist.

Auch die Großstadtlegende des Krokodils im Abwasserkanal wurde schon häufig kreativ verarbeitet. Diese behauptet, dass in den Abwässerkanälen von Großstädten Krokodile und Alligatoren leben sollen, die entweder aus Zoos ausgebrochen oder von ihren Besitzern, die sie als Haustiere gehalten hatten, die Toilette hinuntergespült worden seien. Entstanden ist dieser Mythos höchstwahrscheinlich in den 1930er Jahren, als Jugendliche im New Yorker Stadtteil Harlem einen Alligator in einem Gully entdeckten. Bis heute behauptet eine moderne Sage, es gäbe in der New Yorker Kanalisation eine Population weißer Alligatoren - was mich an Kachikally erinnert, das heilige Krokodilbecken in Bakau im westafrikanischen Staat Gambia, das ich im Jahr 2006 besucht habe. Das Krokodil ist in Westafrika ein Symbol der Fruchtbarkeit; der Legende nach soll es in Kachikally ein weißes Krokodil geben, und wer dieses zu Gesicht bekommt, der soll später viele Kinder haben. Wie die Geschichte des Alligators aus New York zeigt, gab es durchaus echte Fälle, in denen Reptilien im Kanal gefunden wurden - trotzdem können die meisten Geschichten in das Reich der Legenden verwiesen werden, da der Abwasserkanal kein geeigneter Lebensraum für die Tiere ist. Erstens benötigen Krokodile als wechselwarme Lebewesen Sonnenlicht und Wärme, zweitens finden sie dort unten zu wenig Beute, drittens ist die Verschmutzung der Abwässer auf Dauer gesundheitsschädlich.

Gesundheitsschädlich klingt auch die Legende, die in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts in mehrfacher Ausführung in Polen kursierte. Damals erzählte man sich, dass nach Sonnenuntergang eine schwarze Limousine der Marke Wolga durch die Straßen fahre, um Kinder aufzugreifen und zu verschleppen - ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man damals polnischen Kindern sagte: "Wenn du zum Abendessen nicht zu Hause bist, holt dich der schwarze Wolga." Von der Geschichte gibt es mehrere Varianten - je nach Feindbild soll es sich bei den Insassen der Limousine um Priester, Juden, Satanisten oder Vampire gehandelt haben. Waren sie eines Opfers habhaft geworden, soll diesem das gesamte Blut abgelassen und an reiche Deutsche verkauft worden sein, die an Leukämie litten. Manche behaupteten auch, dass alle Organe, vor allem die Nieren, entnommen worden seien. Es gibt auch Varianten, die erzählen, dass der Fahrer des Wolga Passanten nach der Uhrzeit fragte - nannten sie ihm diese, so starben sie am darauffolgenden Tag zu genau dieser Zeit. Der Ursprung dieser Erzählung ist nicht bekannt - Anhänger von Verschwörungsmythen behaupten allerdings, die polnische Staatssicherheit habe sie in die Welt gesetzt, um echte heimliche Verhaftungen und Verschleppungen zu vertuschen.

Bekanntlich wird die Angst um Kinder häufig ausgenutzt, um leichtgläubigen Menschen alles mögliche einzureden - ein Mechanismus, den ich schon in früheren Artikeln häufig kritisiert habe. In den USA kursiert etwa schon, seit es den Brauch gibt, dass Kinder zu Halloween von Haus zu Haus ziehen und Süßigkeiten sammeln, die Legende, dass manche dieser Süßigkeiten vergiftet seien oder gefährliche Gegenstände wie Rasierklingen oder Glasscherben enthalten sollen. Bisher ist jedoch nur ein einziger realer Fall bekannt, dessen Idee wohl noch dazu von dieser Legende inspiriert worden ist. Die Verbreitung dieser Gerüchte nahm vor allem im 19. Jahrhundert an Fahrt auf, als Lebensmittel zunehmend industriell hergestellt wurden und in der Folge auch Zutaten enthielten, die Privatpersonen unbekannt waren. Überprüfungen ergaben, dass vorwiegend billige Süßigkeiten zwar keine tödlichen, aber durchaus gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe enthielten - eine mit Absicht herbeigeführte Vergiftung konnte jedoch nicht festgestellt werden. Dennoch haben sich diese Gerüchte bis heute gehalten - besonders in den 1970er und 1980er Jahren war die Panikmache in dieser Richtung besonders groß, und viele Ereignisse, die mit Halloween-Süßigkeiten eigentlich gar nichts zu tun haben, wurden damit in Verbindung gebracht. 1970 warnte die New York Times ohne jeglichen Anhaltspunkt vor angeblich vergifteten Halloween-Süßigkeiten, während 1983 bis 1995 die regelmäßigen Kolumnen der Schwestern Abigail van Buren und Eppie Lederer die Legende verbreiteten. Im Jahr 1970 starb ein fünfjähriger Junge am Heroin seines Onkels; um diesen zu schützen, behauptete seine Familie, er sei von einer Halloween-Süßigkeit vergiftet worden. 1994 ereignete sich in British Columbia ein ähnlicher Fall, als ein dreijähriger Junge eine Kokainvergiftung erlitt (die er allerdings überlebte) - auch da wurde zunächst von vergifteten Halloween-Süßigkeiten ausgegangen. 1988 fand die Polizei Strychnin in einer Packung Sunkist in einem Supermarkt in New Jersey - ein Einzelfall, der ebenfalls gern mit dieser Legende in Verbindung gebracht wird, obwohl er überhaupt nichts mit Halloween zu tun hat. 1990 starb ein vierjähriges Mädchen an den Folgen einer Kardiomegalie, einer Vergrößerung des Herzens - einige Zeitungen machten ebenfalls Halloween-Süßigkeiten dafür verantwortlich, ebenso wie im Fall einer anderen Vierjährigen, die im Jahr 2001 an einer Streptokokken-Infektion verstarb. Der einzig bestätigte Todesfall in Verbindung mit Halloween-Süßigkeiten ereignete sich jedoch 1974 in Texas; um an dessen Lebensversicherung heranzukommen, vergiftete der Optiker und Diakon Ronald Clark O`Bryan seinen achtjährigen Sohn Timothy, indem er eine mit Zyankali versetzte Packung Pixy Stix in seine gesammelten Halloween-Süßigkeiten schmuggelte. Um die Tat zu verschleiern, verteilte er weitere Packungen dieser Süßigkeit an andere Kinder - außer Timothy kam jedoch keines zu Tode. Der Vater wurde verhaftet und zehn Jahre später in Huntsville hingerichtet - per Giftspritze, ein Verfahren, das damals noch neu war.

Das waren wieder ein paar der vielen schwurbeligen ganz wirklich echt wahren Geschichten, die es so zu erzählen gibt - und die häufig von den ein oder anderen bis heute geglaubt werden. Aber was wäre das auch für eine Welt ohne Geheimnisse und Legenden, nicht wahr? Ich jedenfalls würde das doch ziemlich langweilig finden - schon allein deswegen, weil ich dadurch weitaus weniger zum Bloggen hätte! Wie es momentan bezüglich des Lockdowns bei mir aussieht, kann ich nicht sagen - was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass wir uns ziemlich bald wiedersehen werden. Ich habe nämlich aktuell auch noch etwas anderes in Arbeit, das, wie ich denke, in Kürze fertig sein wird. Bis dahin wünsche ich euch trotz allem eine gute Zeit, und ich hoffe, dass ihr mir alle gesund und munter bleibt und nur ja keine Dummheiten macht, weil nämlich sonst ein Krokodil aus der Kloschüssel kommen wird, hihihi! Bon voyage!

vousvoyez

Freitag, 12. Februar 2021

Das Leben ist wie ein Schulzeugnis: Wenn's scheiße läuft, versuchen viele, mit Sport und Religion noch was zu retten

@greystorm
Genau aus diesem Grund kann ich es zumindest nachvollziehen, dass die Abschaffung des Schulsports nicht für alle eine tragbare Option ist - denn für manche ist der Sportunterricht die einzige Möglichkeit, wenigstens eine gute Note im Zeugnis stehen zu haben. Obwohl es bei manchen mit ein bisschen mehr Fleiß, verständnisvolleren Lehrern oder einem fürsorglicheren Elternhaus sicherlich ganz anders aussehen würde. Während der leicht verdiente Einser im Religionsunterricht doch auch sehr vom jeweiligen Lehrer selbst abhängt - es gibt durchaus auch Religionslehrer, die ziemlich viel verlangen. Dennoch verrät uns dieser Satz etwas darüber, wie Realitätsflucht funktioniert: Die einen streben nach körperlichen Höchstleistungen, die anderen nach spiritueller Erleuchtung. Und beides erwächst häufig aus Krisensituationen.  Leider können Krisensituationen allerdings auch andere Verhaltensweisen provozieren - und darüber möchte ich heute mit euch sprechen.

!!!!!WARNUNG!!!! WER VON THEMEN WIE SUIZID ODER GANZ ALLGEMEIN PSYCHISCHEN ERKRANKUNGEN GETRIGGERT WIRD, SOLLTE JETZT AUFHÖREN ZU LESEN!!!!

Am 9. Februar dieses Jahres - zu dem Zeitpunkt, an dem ich das schreibe, vor drei Tagen - hat sich Kasia Lenhardt das Leben genommen. Kennt ihr nicht? Keine Sorge - ich wusste bis vor zwei Tagen auch nicht, wer sie ist. Und hätte sie ihrem Leben nicht vorzeitig ein Ende gesetzt, wäre das wohl auch so geblieben. Aber ich schreibe das hier nicht, um mich darüber aufzuregen, dass manche Leute zu viel Aufmerksamkeit bekommen - Kasia Lenhardt war fünfundzwanzig Jahre alt und Mutter eines kleinen Jungen. Was der Tatsache, dass sie keine andere Möglichkeit sah, als ihr Leben zu beenden, eine noch tragischere Dimension gibt. Aber um mal zu erklären, um wen es sich handelt: Kasia Lenhardt war gebürtige Polin und wurde 2012 Vierte in der Castingshow Germany's Next Topmodel. Sie war Mutter eines sechsjährigen Sohnes und bis vor kurzem mit dem Fußballspieler Jérôme Boateng liiert. Was mich dazu veranlasst, ihren Suizid zu thematisieren, sind aber vor allem die Reaktionen darauf - die Erkenntnis, die ich daraus gewonnen habe: Nämlich, dass in Bezug auf psychische Probleme immer noch ein gehöriges Maß an Unwissen, Dunning-Kruger-Verhalten und Ignoranz herrscht. Und obwohl dieses Thema für mich selbst ein sehr persönliches und auch schwieriges ist, möchte ich deswegen heute einmal mit euch darüber sprechen.

Nun, was Suizid betrifft, so scheinen viele von uns immer noch von jener Zeit beeinflusst zu sein, in der dieser als "Sünde" angesehen wurde - das steckt ja schon im Wort "Selbstmord" drin. Deswegen habe ich mich gegen die Verwendung dieses Begriffs entschieden - wenn das selbsttätige Beenden des eigenen Lebens Mord ist, dann ist Masturbation eine Vergewaltigung. Von wegen mein Körper, meine Entscheidung und so. Jedenfalls lese ich häufig Kommentare von wegen, es sei "egoistisch", "schwach" oder "feige" von ihr gewesen, sich das Leben zu nehmen - immerhin habe sie ein kleines Kind, das sie brauche, da kann sie sich doch nicht so einfach umbringen. Nun, ich verstehe diese Reaktion bis zu einem gewissen Grad - wirklich! Ich hätte vielleicht auch so gedacht, wenn meine Mutter sich das Leben genommen hätte. Das Ding ist allerdings - wir wissen nicht, was vor ihrem Suizid in dieser jungen Frau vor sich ging. Kein Mensch nimmt sich einfach so leichtfertig das Leben - da steckt in jedem Fall ein enormer seelischer Druck dahinter. Selbstverständlich ist es besonders tragisch, dass ihr Kind dadurch für sein Leben gezeichnet sein wird - aber macht man es besser, indem man noch im Nachhinein die Mutter beschimpft? Als ich einen Todesfall in der Familie hatte, der durch eine Suchtkrankheit bedingt war, sagte mir jemand: "Da brauchst du doch nicht trauern - er war doch selber schuld!" Ich sage es ganz unverblümt: Jemandem, der um einen geliebten Menschen trauert, so etwas zu sagen, ist scheiße, richtig scheiße. Es suggeriert, dass meine Gefühle falsch sind - es ist mehr oder weniger ein Vertrauensbruch. Stellt euch vor, ihr würdet zu Frau Lenhards Sohn sagen: "Du musst nicht traurig sein, weil deine Mami gestorben ist - sie war doch selber schuld!" Dumm? Unangebracht? Grausam? Exakt! Ich gebe euch einen Rat: In manchen Situationen ist es einfach besser, den Mund zu halten. Oder die Finger still. Je nachdem.

Es stehen Vermutungen im Raum, dass der unsensible mediale Hype um Kasia Lenhardts Trennung von Boateng sowie die vielen Hasspostings, die auf die junge Frau einprasselten, für ihre Verzweiflungstat zumindest mitverantwortlich waren, und auch gegen den Fußballstar stehen schwere Vorwürfe im Raum. Eine bekannte Autorin und Feministin, deren Namen ich hier bewusst nicht nennen möchte, gab gleich einmal "den Männern" die Schuld an dem, was geschehen ist. Nun - wir kennen den genauen Sachverhalt nicht, deshalb möchte ich auf Schuldzuweisungen verzichten. Ob Frau Lenhardts Suizid generell mit dem Hass im Netz zu tun hatte, kann ich nicht sagen - Tatsache ist aber, es gibt tatsächlich nachgewiesene Fälle, in denen labile Menschen durch Mobbing, auch durch Cybermobbing, in den Suizid getrieben wurden. Und das wundert mich auch nicht - die Art und Weise, wie wir im Netz miteinander umgehen, ist häufig zutiefst unmoralisch. Viele vergessen, dass hinter den Profilen auf Facebook, Twitter, Instagram und Co. zumeist ein echter Mensch steckt - ein Mensch mit Gefühlen und Meinungen, ein Mensch, der verletzt und schlimmstenfalls auch zerstört werden kann. Was für mich vor allem im Vordergrund steht: Es ist ein Mensch gestorben - eine junge Frau hat, aus welchem Grund auch immer, keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als ihrem Leben aktiv ein Ende zu setzen. Und anstatt darüber zu sprechen, wie verzweifelt jemand sein muss, der so etwas tut, haben viele von uns nichts Besseres zu tun, als jetzt noch nachzutreten.

In letzter Zeit habe ich häufiger mitbekommen, dass gerade, was psychische Erkrankungen betrifft, bei vielen der Dunning-Kruger-Effekt sehr ausgeprägt ist. Und dass hier bisweilen wenig Empathie herrscht. Ich erlebe es auch häufig, wenn es etwa um prominente Todesfälle im Zusammenhang mit einer Suchterkrankung geht: "Um den/die braucht man doch eh nicht zu trauern, der/die hat ja Drogen genommen!" Ich kann durchaus nachvollziehen, dass man sich das nicht vorstellen kann - aber eine Sucht hat immer auch eine Ursache, und wenn man da einmal drin ist, kann man nicht, wie es sich diejenigen, die nichts davon verstehen, so gerne vorstellen, "einfach aufhören". Ich habe vor nicht allzu langer Zeit eine Diskussion bezüglich Depressionen mitverfolgt, die ganz ähnlich verlief. Weil man selbst keine Erfahrungen damit hat und auch nichts damit anfangen kann, glaubt man, das muss auf den Rest der Welt auch zutreffen. Wer kennt sie nicht, die gut gemeinten Ratschläge derer, die nie Depressionen hatten und auch nie jemanden kannte, der je an dieser Krankheit litt? "Jetzt stell dich doch nicht so an es gibt Menschen, denen geht es viel schlechter als dir!" (Ach so - danke, jetzt geht es mir schon viel besser!) "Ach, das ist doch wieder mal so eine Modekrankheit - heutzutage hat wohl jeder Depressionen!" (Ja klar, man kann eine Erkrankung an- und ausziehen, wie man lustig ist.) "Also wenn du mich fragst, die sind alle nur faul! Morgen sag ich auch, ich hab Depressionen - dann kann ich auch ein bisschen länger Urlaub machen." (Wenn du glaubst, es ist "Urlaub", wenn du auf jeden äußeren Reiz überempfindlich reagierst und wenn dir für die normalsten Dinge des täglichen Lebens die Kraft fehlt, nur zu, probiere es aus!) "Person XY hatte es viel schwerer als du und hat auch keine Depressionen - dann kannst du dich doch auch mal ein bisschen zusammenreißen!" (Ja, das ist schön für Person XY - hilft mir aber auch nicht weiter.) "Versuch's doch mal mit dieser und jener Diät! Finde deinen Weg zu Gott! Geh raus in die Naur! Denk positiv!" (Wow, da hätte ich auch gleich darauf kommen können! Einmal positiv gedacht - zack, keine Depressionen mehr! Warum bist du eigentlich nicht Therapeut*in geworden?) "Ich war ja letzte Woche auch schlecht drauf." ("Schlecht drauf sein" ist aber keine Depression, du wandelnder Dunning-Kruger-Effekt!) "Meine Oma hat den Krieg mitgemacht - die hatte auch keine Depressionen, obwohl sie im Gegensatz zu dir allen Grund dazu gehabt hätte." (Es ist inzwischen erwiesen, dass Traumata auch genetisch vererbt werden können - abgesehen davon, dass es damals mit Sicherheit ausreichend unentdeckte psychische Erkrankungen gab.) "Du kannst doch keine Depressionen haben - du bist doch so fröhlich!" (Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst - auch Depressive dürfen manchmal lachen und Humor haben.) Oder mein aktueller Favourite im Bullshit-Bingo: "Ich hatte auch mal Depressionen, sogar noch viel schlimmer als du, und bin da ganz alleine wieder rausgekommen - das kann jeder, und wer es nicht schafft, der will es nur einfach nicht." (Nun, dann hattest du aller Wahrscheinlichkeit nach keine Depressionen - noch einmal: Depressive sind nicht "mal traurig"; es ist ein Zustand, der anhält und aus dem man in der Regel alleine nicht wieder rauskommt.) Solche Kommentare sind schlicht und einfach anmaßend - glaubt ihr wirklich es gäbe dieses Problem, wenn alles so einfach wäre? Ich kann verstehen, dass man etwas, wozu man keinen Bezug hat, nicht versteht - aber das kann man doch auch zugeben. Blödes Beispiel: Ich habe keine Ahnung von Autos - deshalb gebe ich anderen auch keine Ratschläge, wie sie ihr Auto zu reparieren zu haben. Und noch etwas: Solche "Ratschläge" helfen nicht nur nicht - sie sind möglicherweise sogar kontraproduktiv. Denn sie geben Betroffenen das Gefühl, unzulänglich zu sein, weil sie nicht leisten können, was von ihnen verlangt wird, obwohl es doch angeblich so einfach ist - und vergrößern dadurch die Schuldgefühle. Klar gibt es Dinge, die begleitend zu medikamentöser und Psychotherapie hilfreich sein können - Bewegung, frische Luft, Natur, gesunde Ernährung, kreative Beschäftigung, um nur ein paar zu nennen. Aber es ist eben nicht alles - und zudem ist jede Depression anders. Es gibt kaum eine Erkrankung mit so vielen unterschiedlichen Symptomen und Ausprägungen. Und mit unbedachten Aussagen, mit Kleinreden oder gar mit dem Einreden von Schuldgefühlen erreicht man genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen will - nämlich, dass die betroffene Person etwas dagegen tut. Denn es erfordert enorm viel Kraft, sich selbst einzugestehen, dass man ein Problem hat - vor allem eben deshalb, weil viele nicht akzeptieren wollen, dass sie ernsthaft krank sind. Und weil doch jeder, der zum Psychiater geht oder gar in die Psychiatrie muss, nur "bekloppt" sein kann. Ihr werdet überrascht sein: Man kann psychische Erkrankungen nicht pauschal an ihren Extremfällen messen - unter Psychiatrie-Patienten gibt es selbstverständlich die, die sich nach unserem Verständnis "seltsam" verhalten, aber die meisten, die dort in Behandlung sind, sind enttäuschend "normal".

Und im schlimmsten Fall kann so eine Depression zum Suizid führen - was mich zum nächsten Punkt bringt: So ein Suizid kommt keineswegs aus heiterem Himmel. Manchmal sind tatsächlich keine Anzeichen erkennbar - und im Nachhinein ist natürlich immer leicht reden. Aber ganz allgemein kann man sagen, dass man weitaus mehr Suizidfälle verhindern hätte können, hätte man ein bisschen öfter hingesehen. Um das zu verdeutlichen, möchte ich ein prominentes Beispiel bedienen - nämlich Kurt Cobain, einen jener Musiker, die in jungen Jahren für mich eine prägende Rolle gespielt haben. Ich war noch zu jung, um den Hype um Nirvana und Cobains tragischen Suizid aktiv mitbekommen zu haben, aber Grunge im Allgemeinen und Nirvana im Besonderen waren auch in meiner Zeit als Teenager und junge Erwachsene noch cool. Auch wenn es ein wenig schräg war, all die Girls zu erleben, die weiland noch zu Angelo Kellys An Angel dahinschmolzen und zehn Jahre später auf einmal Cobains kompositorisches Talent in den Himmel lobten. Aber jeder wie er mag. Jedenfalls - wenn ich mir heute Kurt Cobains Auftritte von damals ansehe, finde ich, der seelische Schmerz war ihm damals schon anzusehen. Und ich bin überzeugt davon, dass auch seine mysteriösen Magenprobleme, die er mit Heroin "kurierte", etwas damit zu tun hatten. Seit ich weiß, wie sich Depressionen anfühlen, tut es mir manchmal weh, ihn anzusehen - aber seine Musik finde ich trotzdem nach wie vor zu gut, um sie nicht mehr zu hören. Der gigantische, über Nacht einsetzende Erfolg überforderte den begabten jungen Künstler - ebenso wie wohl auch seine toxische Beziehung zu Courtney Love, die für die gnadenlose Öffentlichkeit schon bald zum Inbegriff der kaputten Drogen-Ehe wurde. Am 5. April 1994 erschloss sich Kurt Cobain mit einer Schrotflinte - und obwohl alle schockiert waren, war dies nach all den Berichten über Überdosen, Koma und Entzügen für niemanden mehr eine echte Überraschung. Ich erinnere mich in dem Zusammenhang auch an den Tag, als mich die Nachricht von Amy Winehouse' Tod erreichte - nach all den Exzessen, die lang und breit in der Klatschpresse ausgewalzt wurden, erwischte mich das weitaus weniger kalt als der Tod von David Bowie vor fünf Jahren, obwohl ich damals selbst erst 27 Jahre alt war. Zwei Tage vor Cobains Tod musste die In-Utero-Tournee von Nirvana wegen dessen Drogen- und Magenproblemen abgebrochen werden. Ein paar Wochen zvuor posierte die Band für den amerikanischen Fotografen Youri Lenquette - Cobain hatte den Lauf eines Sturmgewehres im Mund. Alle hielten das für einen Scherz. Schon zuvor hatte er mehrmals mit Suizid gedroht - aber keiner hatte das ernst genommen. Im November zuvor erschien auf dem Sampler The Beavis and Butt-Head Experience ein von Cobain komponierter Song namens I Hate Myself and Want to Die - "ich hasse mich und will sterben".

Schon allein diese Geschichte widerlegt einen Mythos, der bis heute immer noch in den Köpfen vieler weiterlebt: Wer einen Suizid ankündigt, will nur Aufmerksamkeit und meint es nicht ernst. Das ist ein fataler Trugschluss - wer einen Suizid ankündigt, sollte immer ernstgenommen werden. Und auch ein missglückter Suizidversuch ist weitaus mehr als nur ein weinerliches Betteln um Aufmerksamkeit - es ist Ausdruck tiefster Verzweiflung und Ausweglosigkeit, und das Bagatellisieren dieses kann dazu führen, dass der nächste Versuch erfolgreich ist. Deswegen meine Bitte an euch: Solltet ihr in eurem Umfeld jemanden kennen, der damit droht, sich selbst das Leben zu nehmen, nehmt ihn ernst! Denkt daran, dass diese Person möglicherweise niemanden hat, mit dem sie sprechen kann, und keinen Sinn mehr in ihrem Dasein erkennt! Holt sie aus der Isolation, gegebenenfalls mit professioneller Hilfe! Nehmt euch nicht heraus, zu urteilen, und denkt vor allem an eines: Nur, weil heutzutage alle glauben, sie müssten ihren geistigen Müll in den Äther blasen, braucht ihr das nicht auch noch nachzumachen. Denkt daran, dass es gerade die Stigmatisierung ist, die viele Menschen daran hindert, dieses Thema anzusprechen.

Kein völlig gesunder, selbstbewusster Mensch kommt einfach so auf den Gedanken, sich umzubringen. Depressionen und suizidale Gedanken können jeden irgendwann einmal treffen - ganz egal, wie schön, reich, intelligent, erfolgreich und beliebt man ist. Kein Mensch ist davor gefeit, irgendwann einmal Hilfe zu brauchen. Ich werde euch unten ein paar Kontaktdaten angeben für alle, die aktuell vielleicht mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen - oder die jemanden kennen, der gefährdet sein könnte. Sollte jemand von euch das Gefühl haben, dass vielleicht alles zu viel wird, oder gar daran denken, sein Leben zu beenden, dann bitte wendet euch an einen dieser Kontakte! Hier findet ihr Leute, die genau wissen, was in so einer Situation zu tun ist. Ich weiß, dass es manchmal Situationen gibt, in denen man denkt, dass es keinen anderen Ausweg gibt, als seinem Leben ein Ende zu setzen. Und dass keiner einen versteht und keiner helfen kann. Solltet ihr euch in einer akuten Krisensituation befinden, dann bitte sucht euch Hilfe! Und denkt vor allem daran: Ihr seid deswegen weder dumm noch schwach. Und vor allem seid ihr nicht allein!

vousvoyez


                   http://www.kriseninterventionszentrum.at/
                   https://bittelebe.at/
                   https://www.bleibbeiuns.at/Home.html



Samstag, 6. Februar 2021

Der Hallo ist schon gestorben

@alanking
Ein Spruch, den ich schon seit meiner Kindheit kenne - wahlweise auch "der He ist schon gestorben". Der Gedanke dahinter ist, dass vor allem die ältere Generation Worte wie "hallo" und "he" als flapsig und unhöflich empfindet. Was das Wort "he" betrifft, so empfinde ich das tatsächlich selbst so - meine Reaktion ist dann allerdings eher "Ich heiße nicht He!" Was mich an einen Bekannten erinnert, der aus der DR Kongo stammt und bereits seit ein paar Jahrzehnten in Österreich lebt. In seiner Anfangszeit hier wurde er einmal von der Polizei aufgehalten; sie riefen ihm "Passport" zu, woraufhin er in durchaus verständlichem Deutsch antwortete: "Ich heiße nicht Passport!" Das mit dem Hallo und dem He ist übrigens ein Spruch, den ich noch von meinem Vater kenne - der, wenn er nach Hause kam, immer "Grüß Gott" sagte, selbst wenn er wusste, dass niemand da ist.

Gutes Benehmen ist ja bekanntlich bis zu einem gewissen Grad der Schlüssel zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Nun wissen wir ja, dass gutes Benehmen für viele Leute leider ein Fremdwort ist - wie wir ja auf Social Media tagtäglich sehen. Aber schlechtes Benehmen ist nicht nur für das Internet bezeichnend - es ist auch das, womit bei gewissen Fernsehsendern die besten Einschaltquoten erzielt werden. Allen voran natürlich der deutsche Privatsender RTL. Dieser Sender, der 1984 an den Start ging und im Prinzip ein Ableger des deutschsprachigen Radioprogramms Radio Luxemburg ist, generiert einen nicht unwesentlichen Teil seiner Quoten durch Skandale - und natürlich durch den bekannten Fremdscham-Effekt, der in uns aber gleichzeitig ein Gefühl der Überlegenheit hervorruft. Für vieles, was auf diesem Sender zu sehen ist, habe ich, ehrlich gesagt, die Nerven nicht. Gestern bin ich allerdings zufällig über ein Format gestolpert, das für mich die Bullshit-Grenzen heftig überstrapaziert. Und ja, vielleicht sollte ich darüber gar nicht schreiben - damit das Thema keine Aufmerksamkeit bekommt. Aber es tut mir leid, ich kann nicht anders - ich weiß nicht, wie ich sonst Dampf ablassen kann. Allerdings möchte ich eines anmerken: Ich bin, was Kinder und Hunde betrifft, absolut nicht "vom Fach" - betrachtet also das, was ich schreibe, als Meinung und vielleicht Denkanstoß, nicht jedoch als professionelle Einschätzung. Nun gut.

Die Rede ist von einer "Doku-Reihe" mit dem Titel Train Your Baby Like A Dog - und ja, das Wort ist bewusst in Anführungszeichen gesetzt, denn Realitätsbezug hat diese Sendung keinen. Und schon allein der Titel ist maximal geschmacklos. Wie ihr euch sicher denken könnt, musste sich dieses Format schon vor der Erstausstrahlung eine Menge Kritik gefallen lassen - und das auch völlig zu Recht. Und dass schon der Titel so auffällig provokant ist, ist natürlich Absicht. Aber schauen wir uns den Sachverhalt trotzdem mal genauer an.

Nun, was ist das Konzept der Sendung? Im Prinzip hatten wir ein ähnliches Format nämlich schon einmal: und zwar mit der Reihe Die Super Nanny, die von 2004 bis 2011 auf RTL lief - einer von vielen Ablegern der gleichnamigen britischen Originalfassung (in Österreich gab es Die Super Nannys auf ATV). In diesem Format ging es mehr oder weniger um Erziehungsberatung - die Diplompädagogin Katharina Saalfrank besuchte Familien mit Kindern, die sich nicht so verhielten, wie die Eltern es gerne gehabt hätten, beobachtete die familiäre Interaktion und bot Hilfestellung in Form von Beratungsarbeit auf Basis von Systemtheorie und Sozialpädagogik. Schon diese Sendung stand einst heftig in der Kritik - nicht nur, weil sie suggerierte, dass es nur weniger Tage bedürfe, um komplexe Probleme zu lösen, sondern auch wegen einzelner Skandale. Eigentlich könnte man meinen, dass jedem klar sein sollte, dass eine Unterhaltungssendung, die mit Voyeurismus und Schadenfreude arbeitet, nichts mit seriöser Erziehungsarbeit zu tun hat - aber nachdem ich einmal ein Interview mit einer Scripted-Reality-Darstellerin gesehen habe, ist mir klar, dass ein nicht unwesentlicher Teil des RTL-Publikums das wirklich nicht versteht. Aber Frau Saalfrank ist zumindest "vom Fach" - und auch sie übte scharfe Kritik an Train Your Baby Like A Dog - das im Prinzip den gleichen Aufhänger nutzt, nämlich Krawall-Kids, die sich nonstop aufführen, als bräuchten sie keinen Pädagogen, sondern einen Exorzisten, und ihre überforderten, verzweifelten Eltern, die nicht verstehen, dass ein Kind keine Puppe ist, die nur macht, was sie wollen. Auch diese Kinder sollen zu braven Sonnenscheinchen umgemodelt werden - aber nicht durch eine Pädagogin, sondern durch eine Hundetrainerin.

Bitte was??? Ja, ganz recht - Aurea Verebes, die in dieser Sendung als "Retterin in der Not" auftritt, ist ausgebildete Hundetrainerin. Ihre Rechtfertigung, sich für ein solches Format herzugeben? Menschen sind ja im Prinzip, genauso wie Hunde, Säugetiere - und die Gehirne aller Säugetiere funktionieren gleich. Nun, eigentlich sollte einer ausgebildeten Hundetrainerin schon einmal aufgefallen sein, dass Hunde nicht sprechen können - zumindest  nicht so wie Menschen. Natürlich gibt es viele Parallelen zwischen den Gehirnen von Säugetieren - aber das bedeutet nicht, dass sie absolut gleich sind. Weiters hält sie eine professionelle Qualifikation für überschätzt - ihre "Expertise" liege darin, dass sie selbst Mutter sei, Kinderbücher geschrieben und wissenschaftliche Literatur übersetzt habe. Aber selbstverständlich operiert die gute Frau nicht alleine - "fachliches Backup" holt sie sich von Dr. Niko Hüllemann, seines Zeichens Kinder- und Jugendpsychotherapeut, dessen Einschätzungen dem Ganzen einen "seriösen" Anstrich geben sollen. Allerdings ist er nicht vor Ort, sondern berät Frau Verebes lediglich mittels Videocall - sprich, er lernt die Familien, die sie berät, nicht einmal persönlich kennen -, und so richtig überzeugt von der Methode wirkt er auch nicht. Sprich, im Prinzip fungiert er hauptsächlich als Ausrede, um das Format zu rechtfertigen.

Ein Hauptaugenmerk von Frau Verebes' Methode liegt auf dem Klickertraining, das nicht nur in der Hunde- sondern generell in der Tierausbildung nach dem Prinzip der operanten Konditionierung angewendet wird. Dies erfolgt eben mittels eines "Klickers", der meist aus einem Kunststoffgehäuse mit Knopf besteht, in das ein geprägter Stahlblechstreifen montiert ist, so dass beim Betätigen des Knopfes ein Klickgeräusch ertönt - ein Prinzip, das auch beim Knackfrosch zum Einsatz kommt, oder bei diesen Schraubdeckeln von Lebensmittelgläsern, wenn sie das erste Mal geöffnet werden. Angewendet wird der Klicker zur positiven Verstärkung - man betätigt den Klicker, wenn das Tier erwünschtes Verhalten zeigt, und gibt ihm gleichzeitig etwas zu fressen. Irgendwann reicht das Klickgeräusch aus, um dem Tier zu signalisieren, dass es erwünschtes Verhalten gezeigt hat. Dies hat zum einen den Vorteil, dass das Geräusch unmittelbar erzeugt werden kann und man auf diese Weise auch kleine Schritte in Richtung Ziel belohnen kann, zum anderen, dass es abgekoppelt ist von den Stimmungen und Emotionen des Ausbilders. Wer sich ein wenig mit Verhaltenspsychologie auseinandergesetzt hat, wird sich wahrscheinlich noch an den berühmten Versuch des Nobelpreisträgers Iwan Pawlow erinnern, der die klassische Konditionierung nachwies, indem er die Fütterung eines Hundes mit dem Läuten einer Glocke verknüpfte, bis der Speichelfluss des Hundes durch das bloße Läuten der Glocke auch ohne anschließende Fütterung angeregt wurde. Im Gegensatz dazu erfolgt die operante Konditionierung nach B. F. Skinner, indem spontanes Verhalten durch eine bestimmte Reaktion gefördert oder vermindert wird - wodurch neue Verhaltensmuster eintrainiert werden können. Es ist sicherlich nicht die schlechteste Methode, um ein Tier möglichst ohne Strafen und Zwänge zu erziehen - allerdings muss man sich vor Augen halten, dass dies für die Arbeit von Lebewesen gilt, die lernen sollen, mit einer anderen Spezies zusammenzuleben. Was ich im Zusammenhang mit der RTL-Sendung allerdings besonders interessant finde: Alle Tiertrainer, auf die ich beim Recherchieren gestoßen bin und die mit der Klickermethode arbeiten, sind sich darüber einig, dass diese nicht dazu geeignet ist, unerwünschtes Verhalten abzutrainieren. Behaltet das beim Weiterlesen unbedingt im Gedächtnis.

Aurea Verebes zieht also immer wieder Vergleiche zwischen dem Verhalten eines Kindes und dem eines Hundes und will Kleinkinder mittels eines Klickers aus dem Fachgeschäft für Haustierbedarf zu erwünschtem Verhalten ermutigen. Sie rechtfertigt diese Methode damit, dass sie beim Vokabeltraining mit einem ihrer Kinder darauf zurückgegriffen hat, und bezeichnet diese Methode als "innovativ" - nun, wir erinnern uns an das pawlowsche Experiment, das stammt übrigens aus dem Jahr 1905, ist also nicht so neu, und gehört zu den Grundlagen der modernen Verhaltenspsychologie. Nach den aktuellen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie ist Kindererziehung allein durch Konditionierung ganz allgemein nicht innovativ, sondern im Gegenteil eher rückschrittlich, weil dadurch nur kurzfristig Erfolge erzielt werden können - sie reduziert das Kind rein auf sein Verhalten und wird weder seinem Charakter noch seinen Bedürfnissen in irgendeiner Art und Weise gerecht. Manche Experten sind sogar der Meinung, dass der Klicker sogar zur Belastung der Eltern-Kind-Beziehung führen kann, da er das Kind objektifiziert wird und dies somit eher für eine Entfremdung von der Bezugsperson sorgt. Natürlich werden in der einen Sendung, die bisher ausgestrahlt wurde, unmittelbar Erfolge erzielt - aber bereits am Ende dieser zeigt sich, dass sie nicht von Dauer sind. Zumal der Klicker bei den Kindern gar nicht so eingesetzt wird, wie er laut Frau Verebes eigentlich sollte. Darüber hinaus wird eines völlig außer acht gelassen - nämlich, der Ursache des Konflikts nachzugehen und die Verantwortung der Eltern diesbezüglich zu hinterfragen. Abgesehen davon verfolgt die Kindererziehung ja auch nicht dasselbe Ziel wie die Erziehung eines Hundes - einem Hund soll beigebracht werden, mit einem oder mehreren Menschen zusammenzuleben und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Ein Kind hingegen soll zu einem autonomen, reflektierten, selbstbewussten Erwachsenen werden - da reicht es doch nicht aus, erwünschtes Verhalten durch Klicken zu "belohnen"! Ein Hund weiß nicht, warum bestimmtes Verhalten erwünscht ist und anderes nicht - weil er auch nicht danach fragt. Das ist bei einem Kind komplett anders - das muss irgendwann verstehen lernen, warum bestimmtes Verhalten erwünscht ist und anderes nicht. Dazu reicht eine reine Symptombekämpfung, wie sie in dieser Sendung gezeigt wird, nicht aus. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann stellt euch jetzt ganz in Ruhe vor, wie ein Teenager reagieren würde, wenn ihr plötzlich mit so einem Klicker ankommen würdet.

Train Your Baby Like A Dog stellt, ähnlich wie früher Die Super Nanny, zwei Familien mit jeweils einem "Problemkind" vor - in beiden Fällen ein kleines Mädchen, das in einem Alter ist, in dem es gerade erst lernt, sich zu artikulieren. Das eine Kind verweigert das Zähneputzen und will nicht alleine einschlafen; das andere ist äußerst impulsiv und auch aggressiv, was vor allem die kleine Schwester zu spüren bekommt. In beiden Fällen wird das Verhalten der Eltern gar nicht angesprochen, auf deren generelles Verhältnis zu den Kindern nicht eingegangen - stattdessen beschränkt man sich darauf, Kinder in punktuellen Problemsituationen zu "korrigieren". Ganz abgesehen davon, dass so manche Verhaltensweisen durch den Sender ganz augenscheinlich auch noch zusätzlich provoziert werden - denn welches zweijähriges Kind fängt nicht an zu brüllen, wenn es im Bett liegt, einschlafen soll und dabei von fremden Menschen umringt wird, die ihm eine Kamera ins Gesicht halten? Wie auch immer - jedenfalls setzt Frau Verebes den Klicker ein, um in den Kindern positive Assoziationen zu bestimmten Gegenständen zu wecken - etwa bei der Zweijährigen, die nicht alleine schlafen will, zu einer Decke, die dann ins Bett kommt, oder mit einer neuen Zahnbürste. Um die angeblichen Parallelen von Kindern und Hunden zu veranschaulichen, werden außerdem Aufgaben gestellt, die mit dem eigentlichen Problem gar nichts zu tun haben - so wird das Mädchen, das seine Aggressionen an der kleinen Schwester auslässt, dazu angehalten, zuvor in ihrem Zimmer versteckte Haargummis zu suchen und in ihrem Korb zu sammeln, weil Suchen laut der ausgebildeten Hundetrainerin das "Erkundungsverhalten" fördere. Außerdem führt Frau Verebes ein sogenanntes "Markerwort" ein, bei dessen Erwähnung das Mädchen seine Tätigkeit sofort unterbrechen und zur Mutter schauen soll. Zusätzlich wird das Kind auch noch mit Leckerlis belohnt - zum Glück allerdings mit Obst und nicht mit Hundekuchen, aber so etwas kann, wenn es ganz blöd kommt, zu Essstörungen führen. Man wartet eigentlich nur noch darauf, dass den Kindern Befehle wie "Sitz!", "Hol's!" und "Pfui!" zugerufen werden.

Der Witz dabei ist, dass diese Sendung keine neue Erfindung von RTL ist - dasselbe Format gab es bereits im Sommer 2019 auf dem britischen Fernsehsender Channel 4. Schon damals gab es heftige Kritik und eine Petition gegen die Ausstrahlung der Sendung - dasselbe geschah auch bezüglich des RTL-Formats. Wie in Deutschland, so wurde auch in Großbritannien nur die Pilotfolge ausgestrahlt - zu groß war der Druck der Öffentlichkeit auf die Sender. RTL war das alles bewusst - trotzdem kauften sie die Sendung ein, weil sie die Idee als "interessant" und "erzählenswert" klassifizierten. Ebenso ist dem Sender der fehlende wissenschaftliche Rückhalt der Klicker-Methode in Bezug auf Kinder bekannt. Auch Frau Verebes war sich der Kontroverse bewusst, wurde sogar von ihrer britischen Hundetrainer-Kollegin davor gewarnt - und erdreistete sich sogar, sich selbst diesbezüglich mit Herrn Dr. Drosten zu vergleichen. Was den ominösen Herrn Dr. Hüllemann betrifft, so hat auch er sich bisher nicht öffentlich von der Methode distanziert - und das, obwohl er den Klicker auf seinem Blog eher nicht befürwortet.

Die Intention der Sendung ist also relativ leicht zu durchschauen - RTL will bloßstellen und provozieren, um auf diese Weise Zuschauer zu generieren. Und missachtet dabei komplett die Menschenwürde. Das ist eine völlig andere Dimension als etwa Konzepte wie das Dschungelcamp, wo ausschließlich erwachsene Menschen mitmachen, die für die Wirkung ihres Tuns in vollem Umfang die Verantwortung tragen. Hier geht es um kleine Kinder, die einem Millionenpublikum vorgeführt werden, weil sie sich nicht wehren können. Was die Eltern betrifft, so kann ich über deren Intention nicht urteilen - möglicherweise sind sie selbst Opfer leerer Versprechungen. Aber meines Erachtens grenzt das Filmen von Kindern in ihren privatesten und intimsten Momenten an seelischer Misshandlung. Einen Aspekt sollten wir aber aus gutem Grund nicht vergessen: Es reicht nicht aus, selbst Kinder zu haben, um professionelle Erziehungshilfe zu leisten. Es gibt einen Grund, warum es einer umfassenden Ausbildung und praxisnaher Erfahrung bedarf, um sich Sozialarbeiter, Therapeut, Pädagoge, Innen und alle dazwischen oder sowas in der Richtung zu nennen: Diese Berufsgruppe trägt unheimlich viel Verantwortung - und muss sich bewusst sein, dass sie bei unprofessionellem Vorgehen großen Schaden anrichten kann, der häufig nicht wiedergutzumachen ist. Darüber hinaus stützt man sich in der sozialen Arbeit nicht auf eine einzige, "allgemeingültige" Methode, sondern sind mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Methoden vertraut, weil kein Mensch wie der andere ist. So etwas kann eine Hundetrainerin nun einmal nicht leisten. Eine Hundetrainerin zu konsultieren, um Probleme mit seinem Kind zu bewältigen, ist in etwa so, als würde ich den Arzt rufen, weil mein Klo verstopft ist. Und eines noch: Soziale Konflikte sind häufig sehr spannend - ja, das stimmt, und das verstehe ich auch. Mir geht es ja mehr oder weniger genauso. Man sollte sich aber immer vor Augen halten, dass diesen häufig Schicksale zugrunde liegen, die nicht für das Auge der Öffentlichkeit bestimmt sind.

vousvoyez

Hier noch ein paar weiterführende Links:

Freitag, 29. Januar 2021

Wenn jeder seinen Senf dazugibt, dann guten Appetit!

@brett_jordan
Aktuell scheinen sich ja Hinz und Kunz bemüßigt zu fühlen, überall ihren Senf dazuzugeben - auch bei Themen, von denen sie eigentlich überhaupt nichts verstehen. Aus diesem Grund halte ich mich, was die aktuelle Pandemie betrifft, auch eher raus - denn ich bin nun mal nicht befugt, über Virologie und Immunologie zu referieren, weil ich von einer Fachfrau weit entfernt bin. Ich bin nicht die Klügste auf der Welt, aber wie ich zum Thema Dunning-Kruger-Effekt schon einmal angemerkt habe, sind es häufig die am wenigsten Intelligenten, die am stärksten davon überzeugt sind, alles zu wissen und vollkommen fehlerfrei zu sein - oder zumindest weniger Fehler zu haben als alle anderen. Deswegen - und das tut mir für alle leid, die noch immer nicht mitbekommen haben, was für ein dummes Schlafschaf ich doch bin - halte ich mich doch lieber an die Wissenschaft; denn auch diese ist nicht unfehlbar, aber sie behauptet das auch nicht von sich selbst, im Gegensatz zu jenen, die glauben, die Weisheit mit dem großen Löffel gefressen zu haben.

Nun hat uns Covid-19 ja immer noch fest im Griff - und für uns, die wir in der Sicherheit eines westlichen Industrielandes Ende des 20. Jahrhunderts/Anfang des 21. Jahrhunderts aufgewachsen sind, wo wir bisher alles machen und alles haben konnten, was uns gerade einfiel, ist dies eine ziemlich neue Erfahrung. Dabei vergessen wir häufig, dass Pandemien jetzt nichts völlig Ungewöhnliches sind. Ich habe ja bereits ein wenig über AIDS geschrieben, das bekanntlich auch zu einer Pandemie wurde, auch wenn die Übertragungswege anders sind. Es gab aber tatsächlich immer wieder Krankheiten, die eine Zeitlang das öffentliche Leben erheblich beeinflusst haben. Und die bekannteste davon ist die Pest. Diese war Ursache für eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte - eine Pandemie, die heute als "Schwarzer Tod" bekannt ist. Am heftigsten wütete sie in der Zeit zwischen 1346 und 1353 - damals kostete sie insgesamt etwa 25. Millionen Menschen, rund einem Drittel der damaligen Weltbevölkerung, das Leben. Übertragen wird sie durch das Bakterium Yersinia pestis, das 1894 durch den Arzt und Bakteriologen Alexandre Émile Jean Yersin entdeckt wurde. Dieses gelangte vermutlich in der Spätantike aus dem Orient über Handelswege nach Europa. Übertragen wird es durch Insektenbisse, vor allem durch Flöhe, die von Ratten auf Menschen übersprangen, aber auch - ähnlich wie SARS-Cov-2 - durch Tröpfcheninfektion. Am häufigsten ist die Beulenpest, die durch Flohbisse ausgelöst wird und vor allem durch die schmerzhaften Beulen an Hals, Achselhöhlen und in der Leistengegend charakterisiert wird, die durch eine Infektion der Lymphgefäße und Lymphknoten entstehen und durch innere Blutungen blau und schwarz gefärbt sind. Neben ihr gibt es noch die Lungenpest, die vor allem durch Tröpfcheninfektion übertragen wird, aber nur unter äußerst ungünstigen Umständen zur Epidemie werden kann, da ihre Ausbreitung sehr spezifisch ist. Wenn Erreger in die Blutbahn geraten, etwa über offene Wunden, kann es außerdem zur Pestsepsis führen - die zu Zeiten, als es noch keine Antibiotika gab, ein Todesurteil war. Bekannt ist darüber hinaus die weitaus harmlosere Variante, die abortive Pest, durch die Antikörper gebildet werden. Bei unkontrolliertem Ausbruch treten alle Formen der Krankheit auf, am häufigsten jedoch Beulen- und Lungenpest.

Vor allem die erste große Pandemiewelle im 14. Jahrhundert bewirkte, dass viele Menschen Trost in der Religion suchten; Wallfahrten, Prozessionen und Bittgottesdienste, ja sogar "Geißelzüge" waren an der Tagesordnung, der "Pestheilige" St. Rochus wurde intensiv verehrt. Auf der Suche nach einem Sündenbock kam es immer wieder zu Pogromen gegen damalige kulturelle Randgruppen; am stärksten zu spüren bekamen das die Juden, die vielerorts für die Seuche verantwortlich gemacht wurden, etwa durch die Unterstellung, Brunnen und Quellen vergiftet zu haben. Judenviertel wurden überfallen und ihre Bewohner niedergemetzelt, andere wurden von ihren Heimatorten vertrieben; etliche begingen auf die eine oder andere Weise Selbstmord, um einer Zwangstaufe zu entgehen. Natürlich wirkte sich die Pest auch stark auf das künstlerische Schaffen aus in den Zeiten, in denen sie wütete. So gibt es zahlreiche allegorische Darstellungen des "schwarzen Todes", etwa als Skelett oder halb verwesender Leichnam, oder auch die des Totentanzes auf sakralen Wandbildern, auf denen Angehörige jedes Alters und Standes im Tanz mit dem Sensenmann abgebildet sind. Literarisch wurden diese dunklen Zeiten etwa in der Novellensammlung Il Decamerone  des italienischen Schriftstellers Giovanni Bocciacco verarbeitet, der vom Schwarzen Tod in Florenz berichtet, oder in Daniel Defoes fiktivem Bericht Journal of the Plague Year (Die Pest in London), der von der besonders verheerenden Pestwelle in London 1665/66 erzählt, aber auch in Jeremias Gotthelfs Rahmennovelle Die schwarze Spinne. Ich möchte an dieser Stelle auch an Edgar Allen Poes Erzählung König Pest erinnern, oder auch an Die Maske des Roten Todes, in dem es zwar um die Cholera geht, die aber Parallelen zu Pesterzählungen enthält. Bei uns in Österreich zeugen vor allem die zahlreichen Dreifaltigkeits- und Pestsäulen von dieser düsteren Zeit - auch in meiner Heimatstadt gibt es einige davon. Für mich war die Pest als Kind immer etwas Unheimliches, nicht Greifbares - fern meiner Erlebniswelt und vielleicht deswegen auf diffuse Art und Weise bedrohlich. Wobei ich mir sicher bin, dass die unheimlichen Darstellungen aus dieser Zeit, die bis heute in Museen und historischen Stätten zu finden sind, dazu auch beigetragen haben. Auch die Darstellungen der Pestärzte mit ihren seltsamen Schutzmasken (in dem schnabelartigen Fortsatz waren übrigens Kräuter, deren Geruch vor der Krankheit schützen sollte) haben bekanntlich etwas Gruseliges. Und auch die Sagen und Legenden, die sich um diese Pandemie gebildet haben.

In Österreich ist aus Pestzeiten vor allem der Wiener Gassenhauer O du lieber Augustin, alles ist hin überliefert, der auf einer bekannten Volkssage des 17. Jahrhunderts basiert. Diese handelt von einem sehr bekannten und beliebten Straßenmusiker, der in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Wien lebte. Er zog mit seinem Dudelsack durch die am besten besuchten Spelunken der Stadt und unterhielt die Leute mit seinen zotigen Liedern und Späßen. Viel Geld verdiente er damit nicht, denn er soll immer schon ein freudiger Trinker gewesen sein. Im Jahr 1679 wütete nun die Pest in Wien und raffte so viele Menschen dahin, dass die Straßen und Plätze buchstäblich mit Leichen gepflastert waren, so sehr, dass man mit dem Beerdigen dieser gar nicht mehr hinterher kam. Sogenannte Siech-Knechte luden die Kranken und Toten auf Sammelwagen und brachten sie in die Lazarette oder zu den als "Pestgruben" bezeichneten Massengräbern, in denen sie die sterbenden und toten Körper stapelten, bis sie voll waren, um sie dann zuzuschütten. Da es wegen der hohen Ansteckungsgefahr schwierig war, Siech-Knechte anzuwerben, wurden damals häufig Kriminelle aus Gefängnissen dazu verpflichtet, weshalb sich bis heute allerlei düstere Legenden um sie ranken. Als Augustin in dieser Zeit wieder einmal zu viel getrunken hatte und in der Gosse seinen Rausch ausschlief, wurde er dort von solchen Siechknechten aufgelesen, die ihn für tot hielten und deshalb auf ihren Karren luden, ehe sie ihn zusammen mit den Toten in eine Pestgrube in der Nähe der Kirche St. Ulrich am Neubau warfen, das provisorisch mit Kalk abgedeckt wurde. Dort erwachte der gute Mann zwischen den Leichen, konnte aber nicht aus eigener Kraft herausklettern; so rief und spielte er auf seinem Dudelsack so lange, bis man ihn hörte und aus der Grube rettete. Im frühen 19. Jahrhundert wurde an dieser Stelle der bis heute zu besichtigende Augustinbrunnen errichtet. Bis heute gilt die Augustin-Geschichte, die in verschiedenen Varianten erzählt wird, so etwas wie eine Versinnbildlichung des Galgenhumors.

Zu den Methoden, der Pest Einhalt zu gebieten, gehörte es etwa, eine Jungfrau zu opfern - meist, indem man sie lebendig begrub. Dies funktionierte laut Sage meistens auch, außer im Gurktal in Kärnten, wo die Bewohner, die die Jungfrau geopfert hatten, mit einem sintflutartigen Unwetter bestraft wurden, das viele Leben kostete. Von der grausamen Tat zeugt heute noch ein Steinkreuz auf dem Weg von Weitensfeld nach Gurk; wer um Mitternacht daran vorbeigeht, soll immer noch das Wimmern des Mädchens hören, und man erzählt sich, dass ihr Geist einmal jährlich dort erscheint. In Virgen in Tirol wurde keine Jungfrau geopfert, sondern einmal im Jahr ein weißer Widder, nachdem man während einer Prozession von der Wallfahrtskirche Obermauern nach Maria Lavant beobachtet hatte, wie der Sensenmann von einem solchen Tier vertrieben wurde. Von diesem Ereignis zeugt noch ein Bildstock, aber ich habe keine Ahnung, ob heutzutage immer noch Widder geopfert werden - Jungfrauen aber wohl nicht mehr. In Oberösterreich wiederum waren offenbar die Ziegenböcke Heilsbringer - und mussten dafür nicht einmal ihr Leben lassen. So soll in Tragwein jemand von der Pest verschont geblieben sein, weil er immer einen Ziegenbock mit sich schleifte, während in Neuhofen an der Krems ebenfalls die Anwesenheit eines Ziegenbocks ausreichte, um nicht krank zu werden. Vielleicht sollte ich das auch einmal probieren; blöd nur, dass Ziegenböcke in Supermärkten, Apotheken und wohl auch an meinem Arbeitsplatz nicht so gerne gesehen sind - außer vielleicht, ich behaupte, das sei ein Therapieziegenbock. Weit verbreitet war auch die Ansicht, dass das Verbrennen irgendwelcher geruchsintensiver Kräuter die Krankheit fernhalten sollte - so gibt es in Kitzbühel die Sage des "Pestmandls", das von Haus zu Haus ging und die Seuche mittels aromatischer Kräuter "ausräucherte".

Natürlich glaubte man damals auch, dass Heilquellen einen vor dem Pesttod bewahren könnten - im burgenländischen Girm in der Gemeinde Deutschkreutz befindet sich etwa der 1245 erstmals erwähnte Plattenbrunn, dessen Wasser gegen die Pest helfen sollte, und auch in Leobersdorf bei Wien soll es so eine Quelle geben. In vielen Sagen wird auch der Ratschlag zum Verzehr von Enzian, Baldrian, Anis oder Wacholderbeeren gegeben - Letztere sollen laut Volksglauben auch gegen Dämonen helfen. Die Ratschläge werden in den Sagen abwechselnd von Vögeln, irgendwelchen Männlein oder auch Stimmen vom Himmel gegeben - in Hofgastein soll es ein Geist gewesen sein. In der Wachau wurde zusätzlich am Tag des heiligen Sebastian bei Wasser und Brot gefastet - doppelt hält eben besser! Manchmal kamen die Ratschläge allerdings auch zu spät - so wie in Vorarlberg, wo eine Stimme am Himmel erst dann zu Anis riet, als schon alle tot waren. Ich würde ja nicht nur Stimmen vom Himmel, sondern auch Geister, Vögel und Männlein nach ihrer wissenschaftlichen Kompetenz fragen, aber auf mich hört ja wieder einmal keiner. Nun gut.

Die Pest wird in den Sagen häufig durch Vorzeichen angekündigt, oder sie tritt als allegorische Figur auf. Vor dem Pestjahr in Wien 1679 behaupteten die Weinbauern der Umgebung, sie hätten seltsame Irrlichter gesehen oder einen Glanz in der Luft, was auch immer man sich darunter vorstellen soll. Ein anderer erzählte, er habe auf dem Weg von Hernals nach Wien (Hernals war damals noch nicht in die Stadt integriert) auf einem freien Feld, auf dem später die Pesttoten begraben wurden, das Placebo Domino gehört. Übrigens leitet sich von diesem Psalm das Wort "Placebo" für wirkstofflose Arzneimittel ab - früher war er nämlich Teil des Trauerrituals nach dem Tod eines Angehörigen. Da er jedoch ab dem 14. Jahrhundert häufig von bezahlten "Trauernden" gesungen wurde, wurde das Wort "Placebo" (die Übersetzung aus dem Lateinischen lautet: "ich werde gefallen") irgendwann ein Synonym für "so tun als ob". Allegorisch tritt die Pest häufig als alte Frau auf - oder auch synonym mit dem Tod. So sind Sagen von Fährmännern beliebt, die sie unwissentlich über einen Fluss führten und zum Dank dafür als einzige die Seuche überlebten. In einer Sage aus dem Mühlviertel wiederum tritt die Pest als kleiner Junge auf, der den Weg nach Kollerschlag nicht finden kann, woraufhin eine alte Witwe ihn bis dorthin trug und dabei feststellte, dass er immer schwerer wurde, bis sie bemerkte, dass es der Tod war - aus Dank dafür, dass sie ihn getragen hatte, blieb sie allerdings von der Pest verschont. In Bruck an der Leitha wiederum kam es einem jungen Burschen zugute, dass er in einem dieser Inzestdörfer lebte, in dem alle miteinander verwandt sind - als eine schwarze Frauengestalt, die er ein Stück getragen hatte, ihm riet, auf die Fenstersimse seiner Verwandten Steine zu legen, damit sie von ihr verschont blieben, musste sie feststellen, dass es in seinem Heimatort für sie nichts zu tun gab.

Das Vorbild für die meisten Pestsäulen in Österreich ist übrigens die barocke Dreifaltigkeitssäule am Graben in Wien, die nach der Pestepidemie 1679 errichtet wurde. Mit ihren vielen Engelsfiguren und dem großzügigen Blattgold ist sie stilprägend für den Wiener Hochbarock und eine der markantesten plastischen Kunstwerke im Stadtgebiet - im Zuge der Corona-Krise ist sie in jüngster Zeit auch wieder eine Anlaufstelle für Leute geworden, die Trost im Gebet suchen. Künstlerische Andenken an die Pestzeit gibt es überall im Land - in meiner Stadt markierte eine 1685 errichtete bronzene Dreifaltigkeitssäule ihr Ende, die heute am Karmeliterplatz zu sehen ist. Auch die barocke Karlskirche in Wien hat ihren Ursprung in den Zeiten der Pest; damals gelobte Kaiser Karl VI., eine Kirche zu Ehren des heiligen Karl Borromäus zu bauen, wenn Gott die Stadt von der Seuche befreie. (Und ich bin ganz stolz auf mich selbst, weil ich gerade ohne nachzusehen erkannt habe, dass der Baustil byzantinisch ist. *angeb*) Als katholisches Land suchte man auch Zuflucht zu den Pestheiligen, derer es mehrere gab - etwa den schon erwähnten heiligen Sebastian, jenen römischen Soldaten, der gerne mit Pfeilen durchbohrt dargestellt wird; den heiligen Antonius von Padua, der auch für verlorene Dinge zuständig ist und von dem meine Großmutter einst behauptete, er sei so geldgierig; den ebenfalls schon erwähnten Rochus von Montpellier, der sozusagen der Hauptzuständige in Pestfragen war; oder auch Karl Borromäus, seines Zeichens Erzbischof von Mailand, den ich persönlich als Inquisitor der Gegenreformation nicht anbeten würde, aber mich fragt ja wieder mal keiner.

Wie ihr seht, gibt es über die Pestzeiten in Europa unzählige Sagen und Legenden - selbst bei uns in Österreich sind es so viele, dass ich nur einen kleinen Einblick geben konnte. Heutzutage ist die Pest nicht gänzlich von der Bildfläche verschwunden und in unseren Breiten auch immer noch melde- und quarantänepflichtig, aber in der Regel gut behandelbar. In den 1940er Jahren wurden Pesterreger im Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieg als Biowaffen eingesetzt. Angesichts dessen, dass uns diese Krankheit hier mittlerweile fast nur noch aus Erzählungen bekannt ist, sehen wir jedoch, dass wissenschaftlicher bzw. medizinischer Fortschritt durchaus nicht zu verachten ist. Auch wenn so manche mir vielleicht erklären werden, es liege ausschließlich an der verbesserten Hygiene, aber hey - auch die Erkenntnis von deren Wichtigkeit ist Teil des wissenschaftlichen Fortschritts. Ich bin übrigens schon gespannt, was eines Tages von der heutigen Zeit übrigbleiben wird - und ob und was wir daraus lernen. Und wenn ich meine Großmutter wäre, würde ich jetzt jammern, wie viel Arbeit dieser Artikel gemacht hat, obwohl mich niemand darum gebeten hat, ihn zu schreiben. Aber wie auch immer - bleibt gesund, macht keinen Blödsinn und wir sehen uns in Kürze wieder! Bon voyage!

vousvoyez

Montag, 25. Januar 2021

Ich warte immer noch auf den Tintifax, der alle in eine Kiste sperrt

@jamesponddotco
Wie jeder, der gegen Ende des vorigen Jahrtausends in Österreich aufgewachsen ist, weiß, ist Tintifax der grüngesichtige Zauberer, der in Habakuks Kasperltheater den Antagonisten zum Kasperl darstellt. Erdacht wurde er von Arminio Rothstein, jenem Puppenmacher, Puppenspieler und Autor, der in den Kasperl-Sendungen immer als Clown Habakuk auftrat. Rothstein hat das österreichische Kinderfernsehen über mehr als zwei Jahrzehnte geprägt, bis er 1994 an Lungenkrebs starb. Ich denke, dass er kein pflegeleichter Zeigenosse war - Michael Mittermeier hat ihn einst als "depressiven Clown" bezeichnet und seinen Unglauben darüber ausgedrückt, dass so jemand in Kindersendungen auftritt. Nun, ich glaube, in diesem Witz steckt ein wahrer Kern - mit Sicherheit hat ihn seine Kindheit als Halbjude im Zweiten Weltkrieg, als er wegen seines Status aus dem Gymnasium geworfen wurde und sich schließlich mit seinem Vater in einem Keller verstecken musste, geprägt. Ich denke, wir unterschätzen manchmal viel zu sehr die traumatischen Erfahrungen jener Generation, die die Kriegszeiten noch bewusst miterlebt hat. Aber viele Figuren aus Habakuks Puppentheater werden uns wohl für immer in Erinnerung bleiben.

Angesichts der jüngsten Ereignisse habe ich tatsächlich manchmal das Gefühl, ich hätte es mit einem Kasperltheater zu tun. Zum Beispiel, wenn ich jene höre oder lese, die sich über den Wechsel des Staatsoberhaupts in den USA beklagen. Ich muss sagen - es ist eine Wohltat, dass wieder jemand im Weißen Haus sitzt, der in der Lage ist, wie ein Erwachsener zu sprechen, und die Erleichterung war auch während Joe Bidens Inauguration spürbar. Ich finde allerdings nicht, dass das ein Grund zum Jubeln ist - denn die Fähigkeit, sich einigermaßen erwachsen auszudrücken, sollte eine Grundvoraussetzung für ein Staatsoberhaut sein, zumal, wenn es um eine Weltmacht geht. Dies als erwähnenswerte positive Eigenschaft anzuführen, finde ich persönlich eher traurig. Und noch etwas: :Joe Biden ist nicht der Messias, genauso wenig, wie ein Trump oder ein Obama das gewesen sind. Es gibt immer noch genügend Rassisten im Land, und es gibt immer noch die Gefahr der Pandemie. Dennoch ist die Neuigkeit, dass die dicke Orange mit der Meerschweinchen-Frisur sich endlich verabschiedet hat, zweifelsohne eine Verbesserung der Lage - zumal er ja sogar Ronald Reagan und George W. Bush als schlechteste US-Präsidenten aller Zeiten übertroffen hat. Denn die haben im Zweifelsfall zumindest noch auf jemand anders gehört, während Trump jeden entlassen hat, der ihm nicht Recht gegeben hat. Kein Wunder, dass so seltsame Gestalten wie Betsy DeVos (die schon zuvor die Privatisierung und Entprofessionalisierung des Bildungssystems vorangetrieben hatte), Steve Bannon (Betreiber eines rechtsradikalen Verschwörungs-Blogs) und Mike Pence (der sich dafür eingesetzt hat, dass in den Schulen gelehrt wird, dass die Menschen vor 6.000 Jahren auf Dinosauriern geritten sind) in der Regierung sitzen durften.

Für eine Gruppierung ist der Machtwechsel hingegen alles andere als ein Grund zum Jubeln: Ich spreche hier natürlich von den QAnon-Schwurblern und ihren Mitläufern. Nachdem diese im letzten Jahr auch hier in Europa sehr viel Zulauf hatten, habe ich bereits im April darüber berichtet. Trotzdem fasse ich es an dieser Stelle noch einmal kurz zusammen: QAnon ist ein Netzwerk, das auf einen anonymen Benutzer des Messageboards 4chan zurückgeht, der seit Oktober 2017 immer wieder kryptische Botschaften veröffentlicht hat. Dieser nannte sich "Q", was in den USA die höchste Stufe der Zugriffsberechtigung für Mitarbeiter auf brisantes bzw. geheimes Material bedeutet; "Anon" wiederum ist ein Kürzel von "Anonymous". Nun - Leute, die behaupteten, Zugang zu geheimen bzw. vertraulichen Informationen der Regierung zu haben, gab es vorher auch schon, aber keiner hat dafür je irgendeinen Beweis geliefert, auch dieser ominöse "Q" nicht. Seine Identität ist bis heute noch nicht geklärt - vermutet werden aktuell Ronald Watkins, der Inhaber des Messageboards 8kun, zuvor 8chan, und sein Vater Arthur Watkins, die beide auf den Philippinen leben. (Ironischerweise stellte sich im letzten Jahr heraus, dass James Watkins über sein Unternehmen Web-Domains für Kinderpornographie und Pädokriminalität verwaltete und verkaufte.) Auf jeden Fall verfasste dieser "Q" auf 4chan und später auf 8chan bzw. 8kun immer wieder kryptische Botschaften sowie Vorhersagen, die nie eintrafen (ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft Trumps politische Gegner angeblich schon verhaftet worden sind) und die, nachdem sie sich nie bewahrheiteten, mit der Zeit immer nebulöser wurden - wobei Gläubige hinter diesen einen "tieferen Sinn" vermuteten, weshalb die schlechte Trefferquote eigentlich auch nicht schadete. Aber man sollte eben keine Risiken eingehen. Jedenfalls, der Inhalt dieser Kommentare sprach vor allem diejenigen an, die selbstverständlich überhaupt gar nicht rechts sind, auch wenn deren Aussagen eine erstaunlich hohe Schnittmenge zu rechtsextremen Narrativen aufweisen. Im Großen und Ganzen geht es um einen "Deep State" aus satanistischen, pädophilen Politikern und Hollywood-Stars, der die ganze Welt beherrschen soll; dem gegenüber steht Donald Trump, der heldenhafte Kämpfer für das Gute und gegen Satanisten, Juden, Homosexuelle und Pädokriminelle. Die rechte Radiomoderatorin und Trump-Anhängerin Tracy Diaz griff die Andeutungen des ominösen "Q" auf und verschaffte ihnen mittels ihres YouTube-Kanals noch mehr Reichweite. So wurde eine alternative Realität geschaffen, in der jeder einzelne unbedeutende Bürger Amerikas potenziell entscheidend zur Gestaltung der Weltgeschichte beitragen und sich mit einem Mal ganz wichtig fühlen kann - und in der alles, was auf der Welt geschieht, als Teil dieser Verschwörung interpretiert werden kann. Entsprechend wurden auch die dümmsten Aussagen und Tweets des heiligen Onkel Donald als "verschlüsselte Botschaften" aufgefasst. Und nachdem dieser schon Monate vor den Wahlen diese als "gefälscht" angeprangert hatte, sah man darin die Bestätigung seiner hellseherischen Fähigkeiten.

Da die QAnon-Gläubigen natürlich ganz in Mr. Trumps Sinne handelten, war er auch nicht bereit, an diesen Kritik zu üben bzw. sich von ihnen zu distanzieren - stattdessen erklärte er rechtsterroristische Vereinigungen wie QAnon zu den wahren Patrioten und griff deren Narrative auch gerne auf. Nach seiner Wahlniederlage wetterte er immer wieder gegen die "bösen Menschen", die seine Wahl "gestohlen" hätten und "zur Rechenschaft gezogen" werden müssten. So ließ sich seine Niederlage vor Wahlbehörden und Gerichten zu einem heroischen Kampf gegen das Establishment (dem er als Milliardär ja eigentlich selbst angehört) umdeuten, zu einer Art Auftakt des Endkampfes gegen die bösen Mächte des "Deep State". Und am 6. Jänner dieses Jahres gab Trump schließlich selbst den Marschbefehl - der in den "Sturm auf das Kapitol" gipfelte.

In diesen inzwischen über drei Jahren, in denen Leute einen anonymen Internet-Account anbeten, hieß es immer wieder "Trust" the plan" oder "Where we go one, we will go all" (WWG1WWGA), und man wartete sehnsüchtig auf den Tag des großen Showdowns, an dem der heilige Onkel Donald seine Feinde verhaften, vor Gericht stellen und hinrichten würde. Und das betraf nicht nur die QAnons aus den USA - denn inzwischen haben sich auch hier in Europa Leute zu Anhängern dieser Vereinigung erklärt, die meiner bescheidenen Ansicht nach die Züge einer Sekte trägt. Wie auf der anderen Seite des großen Teichs, wo QAnon bald zu einem Sammelpool für Trump-Fans, christliche Fundamentalisten, Rassisten, Faschisten, Antisemiten, Impfgegner, Leichtgläubige etc. wurde, so überschneiden sich die Gläubigen dieser Bewegung auch hierzulande häufig mit Leerdenkern (ich weigere mich, diese Mischpoche als "Querdenker" zu bezeichnen) und anderen Gruppierungen, welche selbstverständlich auch überhaupt nicht rechts oder so irgendwas sind!

Jedenfalls setzten die Q-Äugigen (geiles Wortspiel, nicht wahr? Bin ich nicht toll, hä? Hä?), ebenso wie die rechtsradikalen "Proud Boys" und andere Gruppierungen, die den heiligen Onkel Donald ganz toll finden, all ihre Hoffnungen in den 20. Januar 2021 - dem Tag der Angelobung Joe Bidens -, und bestätigte sich zwischendurch immer wieder via Telegram, dass alle anderen Unrecht hätten, man selbst aber natürlich nicht. Und jetzt dürft ihr raten, was an diesem Tag passiert ist - nun, da ich annehme, dass keiner von euch seit zwanzig Jahren in einer dunklen Höhle lebt oder gerade erst aus einem dreißigjährigen Koma erwacht ist, wisst ihr es natürlich längst: Nichts! Donald Trump verließ bereits vor der Inauguration das Weiße Haus und kehrte nicht wieder - er tauchte nicht auf, um den "Deep State" offenzulegen, es gab keinen prophezeiten "Sturm", keine Verhaftungen, keine Gerichtsverhandlung, keine Verurteilungen, keine Hinrichtungen. Die Vereidigung des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten ging durch die Corona-rise etwas ungewöhnlich, aber ansonsten reibungslos über die Bühne. Und unter all jenen, die einer ihnen unbekannten Person (oder mehreren Personen) blind nachgelaufen waren, machte sich Verwirrung und Enttäuschung breit.

Auch Ronald Watkins, der mutmaßliche "Q", veröffentlichte einen Post auf 8kun, in dem er empfahl, zu seinem alten leben zurückzukehren und die Verfassung zu respektieren - ein Hinweis darauf, dass selbst der Oberguru bereits das Handtuch geworfen hat? Möglich, möglich ... Und auch unter den Anhängern der Gruppierung machte sich Zweifel breit; viele bemerkten dass von den versprochenen Prophezeiungen keine einzige eingetroffen ist, Accounts wurden gelöscht, viele fühlen sich betrogen und demoralisiert - und haben damit selbstverständlich auch vollkommen Recht. Und so stehen die QAnon-Gläubigen aktuell vor einer schwierigen Entscheidung: Wollen sie die Realität nun endlich akzeptieren und wieder zu ihr zurückkehren, oder wollen sie diese weiterhin verweigern und an das Märchen von Superdonald glauben?

Denn selbstverständlich bedeutet diese Ernüchterung keineswegs das absolute Ende von QAnon - und übrig bleiben jene, die man mit Vernunft und Rationalität nicht mehr erreichen kann: Die Hardcore-Anhänger, denen keine Verschwörungstheorie zu abstrus und keine Behauptung zu wirr ist, als dass nicht doch "irgendwas dran sein" könnte. Zu ihnen gehören auch die Schwurbel-Promis Michael Wendler und Oliver Janich - die wohl endgültig nicht mehr zurückkönnen. Und so wird vermutet, dass auch die Inauguration Joe Bidens in Wirklichkeit nur Teil von Trumps genialem Plan ist: Etwa, dass Biden nur dessen Strohmann ist. Oder, dass Washington D. C. in Wirklichkeit gar nicht zu den USA gehört. Oder, dass Trump sich als Biden "getarnt" hätte - mittels einer Gesichtstransplantation, wie wir sie aus John Woos Actionfilm Face/Off kennen. Der selbstverständlich voll und ganz die Realität abbildet *zwinker zwinker*.

Fest steht jedoch - wir dürfen diese Strömung nach wie vor nicht unterschätzen. Denn auch wenn sich das alles nach wirren Hirngespinsten anhört, so haben wir schon mehrmals gesehen, wozu diese Hirngespinste führen können - sei es nun das Attentat in Hanau im Februar 2020, der versuchte "Sturm" auf den Reichstag im Sommer letzten Jahres oder auch das Ereignis in Washington am 6. Jänner. Und die Tatsache, dass wohl hauptsächlich jene übrig bleiben werden, die für logische Argumente überhaupt nicht mehr empfänglich sind, macht diese Bewegung eher noch gefährlicher - denn diese Menschen sind zum allem bereit, um ihre Agenda durchzusetzen, selbst wenn diese schon von vorn herein zum Scheitern verurteilt ist. Und findet in einschlägigen Online-Communities das passende Ventil für ihre Lügen und Gewaltphantasien - was die Sache natürlich noch bedenklicher macht. Und das ist auch der Grund, warum ich diesen Artikel hier schreibe. Denn auch ich habe bei Leuten, zu denen ich Kontakt hatte bzw. habe, bereits Tendenzen zu dieser Sekte - anders kann ich das gar nicht nennen - bemerkt. Und Überlegungen, ob da nicht doch was Wahres dran ist. Deswegen hier mein Appell an meine lieben Leser und Innen: Lasst euch nicht von irgendwelchen Fremden aus dem Internet irgendwas einreden! Hört nicht auf, zu zweifeln - und zwar nicht nur am bösen "Mainstream", sondern auch an all jenen, die von sich behaupten, jenseits dessen zu stehen! Denn glaubt mir - das sind nicht eure Freunde, auch wenn sie es noch so oft behaupten. Das ist so ein ähnliches Ding wie mit diesen Influencern, die ihren Fans erzählen, dass sie sie lieben - man kann keine Leute lieben, die man überhaupt nicht kennt. Genauso wenig, wie man mit Leuten befreundet sein kann, die man überhaupt nicht kennt. Natürlich bin auch ich nicht die Freundin von jedem, der das liest, aber hey: Just saying. Was ihr mit dieser Information anstellt, ist natürlich eure Sache - ich kann euch nur bitten, nicht allen blind zu vertrauen, nur weil sie zufällig eure Meinung bestätigen. Nicht einmal meiner Wenigkeit.

vousvoyez

Dienstag, 19. Januar 2021

Die Stiege geht man hinauf, die Treppe fällt man hinunter

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Die Antwort einer Freundin auf der Frage, was denn der Unterschied zwischen Stiege und Treppe sei. In Wirklichkeit ist das natürlich so: Bei uns in Österreich wird die Treppe allgemein eher als "Stiege" bezeichnet - außer vielleicht die Wendeltreppe. Ich erinnere mich noch, dass mein Vater mich dafür rügte, dass ich in einem Aufsatz das Wort "Treppe" verwendet habe - es war ihm immer enorm wichtig, dass ich meiner eigenen Sprache treu bleibe. Ich habe übrigens einmal gelesen, dass es gar nicht so leicht ist, eine Treppe im richtigen Winkel zu bauen, und dass es im Prinzip auch ein Ding der Unmöglichkeit ist - entweder ist das Hinaufsteigen einfacher oder das Hinuntersteigen, beides zugleich geht nicht. Die Treppe gehört ganz offensichtlich nicht zu den natürlichen Lebensräumen des Menschen - obwohl sie in der zivilisierten Welt allgegenwärtig ist. Übrigens haben wir in meiner Heimatstadt eine der seltenen mittelalterliche Doppelwendeltreppen. Der Wiener Schauspieler und Kabarettist Hans Peter Heinzl hat die Kellertreppe übrigens einmal mit einem Atomkraftwerk verglichen - nur, weil ab und zu mal einer eine Kellertreppe hinuntergefallen ist, schafft man doch auch nicht die Kellertreppen ab, oder?

Nun, ich würde jetzt eine Kellertreppe nicht unbedingt mit einem Atomkraftwerk vergleichen - aber Satire darf ja bekanntlich alles. Vielleicht nicht alles, aber doch zumindest weitaus mehr als etwas, das ernst gemeint ist. Das Problem ist halt, dass es zu viele gibt, die das eine vom anderen nicht unterscheiden können. Deswegen ist es heutzutage auch sehr leicht, alle möglichen Märchen als wahr zu verkaufen - irgendjemand wird das schon glauben. Wenn auch nur, weil es ja Verschwörungstheorien gibt, die tatsächlich wahr geworden sind!

Nun - das ist tatsächlich nicht falsch. Prominentes Beispiel dafür ist etwa die Shoa: Lange wollte man außerhalb des europäischen Kontinents nicht glauben, dass Juden und andere dem Nationalsozialismus missliebige Personengruppen systematisch in Konzentrationslagern dahingerafft wurden. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man das fast schon witzig finden - immerhin wurden diese unfassbaren Grausamkeiten ebenfalls mit einer Verschwörungstheorie gerechtfertigt, nämlich jener des "Weltjudentums", dem zufolge die Juden angeblich die Weltherrschaft an sich reißen wollen. Ich denke, man muss kein Genie sein, um zu erkennen, dass "die Juden" ein genauso schwammiges Kollektiv ist wie etwa "die Deutschen" oder "die Radfahrer". Und auch die Überwachungs- und Spionagepraktiken britischer und amerikanischer Geheimdienste, die der ehemalige CIA-Mitarbeiter Edward Snowden aufgedeckt hat, wurden ursprünglich als "Verschwörungstheorien" bezeichnet. Und auch die Watergate- und die Iran-Contra-Affäre waren ursprünglich nur Verschwörungstheorien.

Aber wenn das stimmt, dann muss es doch auch wahr sein, dass die Amerika nie auf dem Mond waren, dass die Erde flach ist und dass uns durch die Covid-Impfungen ein Chip implantiert wird, oder? Nein, ganz so einfach ist es natürlich nicht! Nehmen wir einmal ein anderes Beispiel: Wir alle sind seit unserer Kindheit mit den berühmten Schauspielerinnen und Schauspielern Hollywoods vertraut. Und so manch einer ist von diesen so fasziniert, dass er oder sie den großen Wunsch hegt, einer von ihnen zu werden. Sie bzw. er absolviert eine Schauspielausbildung (oder auch nicht) und reist nach Los Angeles, in der Hoffnung, dort entdeckt zu werden. Da dies allerdings selbstverständlich nicht gerade wenig Leute sind, liegt es in der Natur der Sache, dass nur ein Bruchteil all dieser hoffnungsvollen Talente oder Möchtegern-Talente eines Tages auf den großen Leinwänden der Welt zu sehen sein wird, und sei es auch nur als kleiner Mitarbeiter oder Statist. Viele vergeuden praktisch ihr ganzes Leben damit, auf die große Chance zu warten, und übersehen dabei komplett, dass es auch noch andere Dinge auf der Welt gibt. Denn wer es wirklich schafft, kann niemand voraussagen - auch großes Talent ist keine Garantie, zumal mitunter auch Leute wie Ashton Kutcher am großen Hollywood-Kuchen mitnaschen dürfen. (Ja, es tut mir furchtbar leid, ich habe nichts gegen ihn persönlich, aber ich halte ihn nicht für einen guten Schauspieler. Und jetzt her mit den faulen Tomaten!) Ähnlich ist es auch mit den Verschwörungsgeschichten - seit Menschengedenken gibt es davon ungefähr so viele wie Sand am Meer, aber nur die wenigsten stellen sich irgendwann einmal als wahr heraus. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Wenn du oft genug würfelst, ist klar, dass du irgendwann einmal die Vier erwischst. Und da es schon seit Jahrtausenden so viele Verschwörungstheorien gibt, ist klar, dass nicht alles davon falsch ist. Es macht aber das Geschwurbel über die angeblich erfundene Pandemie und die ach so gefährliche Impfung, das gerade jetzt von allen Seiten auf uns einprasselt, nicht wahrer.

Im Großen und Ganzen sind Verschwörungstheorien, ob glaubwürdig oder nicht, wahr oder nicht, wohl schon so alt wie die Menschheit selbst - es gab und gibt sie in allen Gesellschaften und Kulturen. Vor Beginn der Neuzeit erreichten sie allerdings weitaus seltener eine Massenwirksamkeit - zu den wenigen Beispielen gehörte etwa der frühe Tod des allseits beliebten römischen Feldherrn Nero Claudio Germanicus, dem man ein Mordkomplott andichtete, weil die Erklärung, er sei einer Krankheit erlegen, zu profan erschien. Im Mittelalter waren es vor allem die Juden, die für Verschwörungsmärchen herhalten mussten - so behauptete man, sie seien Schuld am Ausbruch der Pest, da sie die Brunnen vergiftet hätten, oder man unterstellte ihnen, christliche Kinder zu entführen und rituell zu ermorden. Ähnlich rechtfertigte man auch die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit - ein Schema, das auch heute noch funktioniert: Die Corona-Pandemie ist eine Verschwörung der Regierung, an der Behinderung meines Kindes ist die Masernimpfung schuld und die Flüchtlinge sind für alle wirtschaftlichen Probleme verantwortlich. Im Großen und Ganzen wurden unerfreuliche Ereignisse jedoch eher als Strafe Gottes verstanden denn als die Machenschaften menschlicher Verschwörer. Die erste Verschwörungstheorie in größerem Maßstab entstand im elisabethanischen England mit dem Mythos der vom Ausland gesteuerten Jesuiten-Verschwörung - diese sollten angeblich für diverse Mordanschläge auf das Königshaus verantwortlich sein. Dass der Jesuiten-Orden im 18. Jahrhundert aufgelöst wurde, war nicht zuletzt auch die Ursache solcher Verschwörungstheorien, die viele auch bestätigt sahen, als sich diese in Paraguay gegen spanische und portugiesische Herrschaftsansprüche zur Wehr setzten. Dennoch hielten sich antijesuitische Verschwörungstheorien in den USA bis ins 19. Jahrhundert hinein.

Als einen der berühmtesten Verschwörungstheoretiker der Geschichte könnte man Maximilien de Robespierre bezeichnen, der einen prägenden Einfluss auf die Französische Revolution hatte. Er rechtfertigte die Verfolgung, Inhaftierung und Hinrichtung politischer Gegner damit, dass sie Teil der Verschwörung des absolutistischen Auslands gegen die revolutionäre Regierung seien - eine Behauptung, die durchaus einen wahren Kern besaß, sich aber zu einem Selbstläufer entwickelte, der darin gipfelte, dass im Frühjahr 1794 die Hébertisten hingerichtet wurden, die angeblich vom Ausland dafür bezahlt wurden, durch absichtlich übersteigerte Maßnahmen die junge Republik zugrunde zu richten - oder, wie es in Georg Büchners Drama Dantons Tod so treffend zum Ausdruck gebracht wird: "Ich weiß wohl, die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder." (Georg Büchner: Sämtliche Werke. Insel Verlag (insel taschenbuch) 2002, S. 31)

Dass man jenen, die dem Konspirationismus anhängen, unterstellt, gerne eine Kopfbedeckung zu tragen, die aus Stanniolpapier gefertigt ist, ist allerdings ein Narrativ, der erst seit dem 20. Jahrhundert populär ist. Heute ist es bereits gang und gäbe, dass man Leuten, die behaupten, Donald Trump befreie Kinder aus dem Untergrund, deren Blut Prominenten, die lustigerweise immer politische Gegner des amerikanischen Fast-nicht-mehr-Präsidenten sind, als Verjüngungsmittel diene, empfiehlt, ihren Aluhut abzunehmen, oder andere, die die aktuelle Pandemie für eine Verschwörung diffuser Welt-Eliten halten, zu fragen, ob ihr Aluhut möglicherweise zu fest sitzt. Aber woher kommt das?

Nun, der Aluhut geht auf die Science-Fiction-Kurzgeschichte The Tissue-Culture King zurück, die der britische Biologe, Philosoph und Schriftsteller Julian Huxley im Jahr 1927 veröffentlichte. Darin schützt sich der Protagonist vor den telepathischen Fähigkeiten eines afrikanischen Stammes, der ihn gefangen hält, mit Hilfe einer aus Metallfolie gebastelten Kopfbedeckung. Seit damals wird der Begriff des Aluhutes mit Paranoia und Konspirationismus in Verbindung gebracht - und wird meist im übertragenen Sinn verwendet. Auch tatsächliche Aluhüte werden meist im satirischen Sinne verwendet - oder auch als Trotzreaktion, etwa während jener Proteste gegen die Maßnahmen bezüglich der aktuellen Pandemie, die seit April 2020 regelmäßig stattfinden. Eine Demonstrantin in Wien behauptete gar, der Aluhut ermögliche es ihr, frei zu denken - eine Aussage, die an Ironie nur schwer zu überbieten ist. Beliebt bei jenen, die sich "Querdenker" nennen, sind auch Kugeln aus Alufolie, an der Kleidung befestigt, die ihnen als Erkennungszeichen dienen (und es unsereins erleichtern, bestimmten Leuten aus dem Weg zu gehen). Allerdings gibt es auch nicht-konspirationistische Bereiche, in denen so ein Aluhut von Nutzen ist: Israelische Chirurgen kamen etwa auf die Idee, ihre OP-Haube bei Operationen an Frühgeborenen durch eine Abdeckung aus Aluminium zu ergänzen, um ihre Köpfe vor der für die Körperregulierung der Kinder notwendigen Infrarot-Strahlung zu schützen. Bekannt ist auch der Negativpreis Goldener Aluhut, gestiftet von Giulia Silberbergers gleichnamiger Initiative, der seit 2015 in Berlin verliehen wird und dessen Träger so verschwurbelte großartige Persönlichkeiten wie Xavier Naidoo und der Volkslehrer, desinformative Institutionen wie der Kopp-Verlag und Astro-TV oder auch diverse Blogs und Kanäle aus dem Kontext der Universität zu Youtubingen sind. Ironischerweise brach Michael Ballweg, seines Zeichens Initiator der Schwurbel-Bewegung "Querdenken", einen Rechtsstreit gegen den Goldenen Aluhut vom Zaun, weil er glaubte, einen Anspruch auf diesen Preis zu haben - ein seltsames Anliegen, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um einen Spott-Preis handelt. Aber jeder, wie er glaubt, nicht wahr?

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass "Querdenken" ursprünglich so gar nichts mit Konspirationismus zu tun hatte - ganz im Gegenteil. Quer zu denken hieß früher nicht, an Märchen zu glauben, um sich als etwas Besonderes darstellen zu können - Querdenker waren Menschen, die dazu fähig waren, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und die Menschheit ein Stück weit voranzubringen. Deswegen wurde Querdenken, ehe Ballweg den Begriff als "Marke" etablierte, als Synonym für laterales Denken gebraucht - für die Lösung eines intellektuellen Problems mittels kreativem Denken. In Ballwegs Sinne bedeutet "Querdenken" jedoch, alles abzulehnen, was einem nicht gefällt und nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein. Und das finde ich, ehrlich gesagt, ziemlich betrüblich - denn viele scheinen sich ja tatsächlich auf einer Ebene mit jenen großen Künstlern und Wissenschaftlern zu sehen, die einst in konservativen Kreisen für ihre revolutionären Ideen in Ungnade fielen. Was angesichts dessen, dass viele sich nicht einmal in ihrer eigenen Muttersprache einigermaßen verständlich ausdrücken können, ziemlich schmerzhaft ist.

Aus Erfahrung kann ich nur sagen: Wenn ein Begriff einmal auf diese Weise in Ungnade gefallen ist, ist es leider nahezu unmöglich, ihn wieder seiner ursprünglichen Bedeutung zuzuführen. Aber gerade deswegen möchte ich euch anregen, eure Gedanken die Flügel ausstrecken zu lassen, als einfach nur stumpf den Ballwegs, Schiffmanns und Wendlers dieser Welt nachzulaufen. Denn dies hat nichts mit "Freiheit" zu tun - ganz im Gegenteil, man lässt sich damit auf einen Mechanismus ein, der sehr ausgrenzend ist. Um hier dazuzugehören, muss man denjenigen, die das Sagen haben, stets nach dem Mund reden - im Prinzip ist es, auch wenn es hart klingt, vergleichbar mit dem Eintritt in eine Sekte. Und wenn das einmal eingetroffen ist, sind eure Gedanken nicht mehr frei - auch wenn ihr es noch so sehr glaubt. Dann hilft euch auch das Singen alter Studentenlieder nicht mehr.

vousvoyez