Donnerstag, 16. April 2020

Karotten sind gut für die Augen - oder hast du schon einmal einen Hasen mit Brille gesehen?

© vousvoyez
Allerdings habe ich, wie in meinen Kindheitsmythen schon erwähnt, als Kind fleißig Karotten gegessen, und trotzdem kann ich heute ohne Brille ab einer gewissen Entfernung ein Springseil nicht von einer Stichsäge unterscheiden. Traurig, aber wahr. Wobei ich mir sicher bin, dass ich in dem einen oder anderen Bilderbuch tatsächlich schon mal Hasen mit Brille gesehen habe - ich erinnere etwa an den kürzlich besprochenen Struwwelpeter, wo der Hase die Brille des Jägers aufsetzt, nachdem er sie ihm samt dem Gewehr weggenommen hat. Offenbar habe ich in meiner Kindheit doch zu viel ferngesehen und deshalb viereckige Augen gekriegt - wobei ich jetzt aber nicht mehr ferngesehen habe als andere Kinder damals. Eher weniger. Denn ich kannte Kinder, die durften schon im Volksschulalter fernsehen, ohne die Eltern vorher zu fragen. Und ja, ich musste meine Eltern vorher fragen - denn ich stamme ja bekanntlich noch aus der Zeit, in der die Fernseher aus Stein gehauen wurden! Haltet es mir nur ruhig vor, ich kann die Wahrheit vertragen!

Ja, genau, ich möchte heute über die Wahrheit sprechen - und zwar deswegen, weil ich in vielen Artikeln, auch dem letzten auf diesem Blog, schon angeführt habe, dass der Begriff "Wahrheit" gerade von Schwurblern sehr häufig überstrapaziert wird. Und nicht nur von ihnen - auch Leute, die Schwurbel widerlegen wollen, sind oft davon überzeugt, im Besitz der einzig richtigen, objektiven Wahrheit zu sein. Und da kann ich nur sagen: Vorsicht Falle! Oder wie Alfred Dorfer einst sagte: "Die Wahrheit ist weiblich, und wie alles Weibliche muss sie sich viel gefallen lassen."

Ich behaupte mal, im Besitz der einzig wahren Wahrheit ist niemand. Es gibt Fakten, die zu leugnen entweder Sturheit oder sogar Dummheit voraussetzt, aber das ist halt nicht dasselbe. Fakten liefern nur einen Teil der Wahrheit, aber im Großen und Ganzen ist bei jedem Menschen immer eine mehr oder minder große Portion an Subjektivität vorhanden - vollkommen objektiv ist niemand. Die Erkenntnistheorie hat dafür einen schönen Begriff: Intersubjektivität oder im Konstruktivismus auch Transsubjektivität. Konkret gesagt meint man damit einen komplexen Sachverhalt, der für die Mehrheit der Betrachter gleichermaßen erkennbar und nachvollziehbar ist. Oder anders gesagt: "Realität ist die Illusion, dass Beobachtungen ohne Beobachter gemacht werden können." (Heinz Foerster) Das ist ähnlich wie die Frage, ob das Geräusch eines fallenden Baumes auch dann existiert, wenn es niemand hört. Oder das berühmte Gedankenexperiment Erwin Schrödingers, das schon in die Quantenphysik hineinspielt. All das macht, wie ich finde, deutlich, wie komplex der Begriff der Wahrheit eigentlich ist. Jeder Psychologe, jeder Neurowissenschaftler (und natürlich auch die Innen und alles dazwischen) kann uns sagen, dass die Wahrnehmung ohne Bewertung nicht denkbar ist - sprich, dass nichts, was wir über die Welt aussagen können, vollkommen objektiv ist. Kurz gesagt: Wir als wahrnehmende und konstruierende Spezies haben auf eine vermeintliche "Realität" oder, um es mit Immanuel Kant auszudrücken, das "Ding an sich" niemals vollständigen Zugriff - wir operieren nie mit dem Realen, sondern immer mittels Selektionen und Repräsentationen. Denken wir nur an Platons Ideenwelt: In dieser Welt ist die ideale Form von jedem Ding, das es gibt, repräsentiert. Jedoch kennt keiner von uns diese ideale Form - alles, was uns gegeben ist, sind unvollständige Abbildungen, weil jede Vorstellung von uns und unserer persönlichen Wahrnehmungswelt getragen wird. Alles, was uns bleibt, ist der Prototyp - also das Bild, das wir bei der Benennung eines bestimmten Begriffes vor unserem inneren Auge haben. Spricht jemand von einem Tisch, so ist in deiner Vorstellung das Bild eines Tisches schon vorhanden. Auch wenn du einen Tisch zeichnest, der von dem Prototypen abweicht, so ist diese Zeichnung selten die Abbildung dessen, was du zuerst vor deinem inneren Auge siehst, wenn jemand das Wort "Tisch" sagt.

Dass niemand im Besitz einer allgemein gültigen Wahrheit ist, zeigt auch, dass Philosophen und Wissenschaftler schon seit Jahrtausenden darüber streiten, was Wahrheit eigentlich ist - sowohl, was ihre Natur als auch, was den persönlichen Erwerb derselben betrifft. Ich erinnere diesbezüglich wieder an Platon und sein Höhlengleichnis: "Alles, was wir sehen können, sind Schatten." Wobei das Höhlengleichnis uns am deutlichsten zeigt, dass auch die Gewinnung von Erkenntnis ihre Tücken hat, was uns wieder zum Kampf Schwurbler gegen Nicht-Schwurbler zurückbringt: Wer die höchste Stufe der Erkenntnis erlangt (im Fall des Höhlengleichnisses die Sonne sieht), wird Schwierigkeiten haben, diese Unwissenden zu vermitteln - die einen wollen weiterhin glauben, dass die Schatten, die sie sehen, die wahre Welt sind, während die anderen zwar anerkennen, dass der andere die Erkenntnis erlangt hat, selbst aber dort bleiben wollen, wo sie sind, weil das weniger Anstrengung bedeutet. Sprich: Selbst wenn jemand im Besitz einer allgemein gültigen Wahrheit wäre, so könnte er diese wohl kaum vermitteln, weil alle anderen zu sehr in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen sind. Übrigens berufen sich auch Schwurbler bisweilen gern auf das Höhlengleichnis - denken dabei allerdings meist, sie seien im Besitz der allgemeingültigen Wahrheit und wir Schlafschafe wollten das nur nicht verstehen.

Die Komplexität des Wahrheitsbegriffs zeigt sich auch an der Fülle unterschiedlichster Ansätze und Definitionen. Aristoteles, Thomas von Aquin und Kant gehen von der Wahrheit als der Übereinstimmung von erkennendem Verstand und der erkannten Sache aus, sprich: Wer die Wahrheit sagt, benennt das, was ist. Klingt einfach, aber wer einmal mit seinem Gegenüber über die Farbe seiner Tapeten gestritten hat, weiß, dass es das nicht ist. Die von Karl Marx formulierte dialektisch-materialistische Widerspiegelungstheorie wiederum benennt die Übereinstimmung von Bewusstsein und objektiver Realität, anders gesagt, die Wahrheit kann und muss von demjenigen bewiesen werden, der sie benennt. Eine Methode, die etwa in der Diskussion mit Schwurblern bis heute noch ihre Gültigkeit hat: Die Beweislast liegt bei demjenigen, der eine Behauptung aufstellt, und nicht bei jenen, die sie glauben sollen. Der logische Empirismus im Sinne von Ludwig Wittgenstein wiederum definiert Wahrheit als "Gesamtheit der Tatsachen", die wiederum aus Gegenständen oder Dingen und der Verbindung zwischen ihnen bestehen - mit anderen Worten, zwischen Sprache und Welt besteht eine abbildende Beziehung, mit deren Hilfe Wahrheiten zum Ausdruck gebracht werden. Die von Alfred Tarski formulierte semantische Theorie der Wahrheit bringt die Korrespondenz zwischen Aussage und Tatsache auf eine bestimmte Formel: Wahrheit ist, wenn ich sage, das Gras ist grün, und diese Aussage wird durch einen Blick aus dem Fenster, neben dem ich gerade sitze, bestätigt ("x ist eine wahre Aussage dann und nur dann, wenn p"). Dies könnte ich auch auf den Artikel anwenden, den ich vor ein oder zwei Jahren zum Dunning-Kruger-Effekt geschrieben habe: Wenn du mir sagst, Reiten ist total leicht, und meine erste Reitstunde besteht nur daraus, dass ich versuche, richtig zu sitzen, werde ich dir sagen, dass du mir nicht die Wahrheit gesagt hast, sondern nur das, was du für die Wahrheit gehalten hast. Somit kommen wir zur Redundanztheorie: Du strapazierst den Begriff der Wahrheit, um mich von einem bestimmten Sachverhalt zu überzeugen. Die Minimaltheorie nach Paul Horvich erklärt den Wahrheitsbegriff als fern jeder begrifflicher und wissenschaftlicher Analyse. Peter Frederick Strawson wiederum formulierte in seinem Aufsatz Truth die performative Theorie, die auf der Redundanztheorie aufbaut: Wenn du mir sagst, dass etwas wahr ist, vollziehst du deine Aussage sprachlich mit dem Wahrheitsbegriff. Die Kohärenztheorie setzt Wahrheit mit der Freiheit von Widerspruch gleich, während die Konsensustheorie von einer Akzeptanz aller vernünftiger Gesprächspartner ausgeht - wobei Jürgen Habermas vier Geltungsansprüche voraussetzt: Verständlichkeit, Wahrhaftigkeit, Wahrheit und Richtigkeit. Bleibt uns also nur der Wahrheitsbegriff im Deutschen Idealismus: Johann Gottlieb Fichte erklärt Wahrheit, die nicht von einer allgemeinen Subjektivität erlebt wird, für widersprüchlich, während Hegel sie als Übereinstimmung von Urteil und Realität auffasst. Oder, wenn man es religiös erklären will: Nur Gott ist im Besitz einer allgemein gültigen Wahrheit. Der erste Zweifel an einer objektiven Wahrheit entstand übrigens mit Nietzsche, der auf die subjektiven Faktoren hinter jeder Erkenntnis hinwies. Zu nennen sind hier auch der Universalismus, der von einer allgemein gültigen Ethik ausgeht, und der Kulturrelativismus, der die Ethik und damit auch die Wahrheit als von kulturellen Ansichten abhängig begreift.

Ich denke, mit diesen Ausführungen wird klar, wie komplex der Wahrheitsbegriff wirklich ist und wie wenig wir uns sicher sein können, im Begriff einer allgemein gültigen Wahrheit zu sein. Was ich von Verfechtern der "alternativen Wahrheit" oft höre, ist, Wissenschaft berufe sich auf Objektivität, und eine einmal bestätigte Theorie dürfe nie wieder angezweifelt werden. Wer so etwas behauptet, hat von Wissenschaft keine Ahnung, denn Wissenschaft baut auf keiner objektiven Wahrheit auf, sondern auf Fakten, und diese sind nicht objektiv, sondern intersubjektiv, sprich, sie stimmen mit der Wahrnehmung der Mehrheit überein. Wissenschaft sagt nichts über Wahrheiten aus, sondern findet Modelle und Erklärungen, die dieser am nächsten kommen. Forschung muss valide, reliabel und unabhängig von der/den untersuchenden Person/en sein. Und das ist auch der Unterschied zu denjenigen, die behaupten, alles zu wissen und im Besitz einer absoluten Wahrheit zu sein - wer tatsächlich um Wahrhaftigkeit bemüht ist, der weiß, dass er nichts weiß, oder anders gesagt: Er weiß, dass kein Wissen dieser Welt unfehlbar ist. Deswegen können wissenschaftliche Theorien auch jederzeit widerlegt werden - wissenschaftlich ist, was sowohl verifizier- als auch falsifizierbar ist, und keine Erkenntnis ist für alle Zeiten unumstößlich.

Was die Existenz einer objektiven Realität betrifft - man kann darüber streiten, ob es eine solche gibt oder nicht, aber wofür auch immer man sich entscheidet, es spielt in der Praxis eigentlich keine Rolle, weil wir, sollte es sie geben, ohnehin keinen Zugriff darauf haben. Und deshalb mein Appell: Seid misstrauisch gegen all jene, die behaupten, im Besitz einer allgemein gültigen Wahrheit zu sein! Dies könnte ein erstes Indiz dafür sein, dass sie nur Unsinn erzählen.

vousvoyez

Mittwoch, 15. April 2020

Jeder bekommt im Alter das Gesicht, das er verdient

Nun gut, auch dieser Satz stammt aus einer Fernsehserie - allerdings habe ich ihn ein wenig zusammengefasst, damit er weisheitstauglich ist. Ich glaube, dass es zumindest unter den Jüngeren nicht mehr allzu viele gibt, die diese Serie kennen, aber ich finde sie eigentlich ziemlich witzig - sie heißt Die Hausmeisterin und zeigt das Leben von nach außen hin ganz normalen Leuten im München der 1980er Jahre. Der Ex-Ehemann der titelgebenden Figur wird übrigens von Helmut Fischer gespielt, der auch so manchen, die keine Fans der alten bayerischen Serien sind, ein Begriff sein dürfte. Ihr könnt mich gern altmodisch nennen, weil mir so was gefällt - ich bin nicht mehr so jung, dass ich Angst haben könnte, in den Augen anderer nicht cool genug zu sein. Aber das sagte ich wohl schon oft genug. Jedenfalls wurde dieser Satz von einer älteren an eine jüngere Dame, die Angst vor dem Älterwerden hatte, weitergegeben, und ich finde, er beinhaltet sehr viel Wahrheit - denn tatsächlich spiegelt sich bei älteren Menschen sehr oft der Charakter im Gesicht. Was für viele auch der Grund sein könnte, sich aus Angst vor Falten bereits in den Dreißigern die erste Botox-Spritze verpassen zu lassen. Denn nach einem erfolgreichen Facelifting sieht man, wie ich finde, überhaupt nicht jünger aus, sondern nur künstlicher. Aber das kann sowieso nur jeder selbst wissen. Leider, aber auch zum Glück. Abgesehen davon, dass Botox auch nicht immer schlecht ist - ich kannte eine Frau, deren Gesichtslähmung nach zwei Schlaganfällen durch die Botox-Behandlung wieder behoben werden konnte.

Wie ihr wahrscheinlich schon festgestellt habt, habe ich mir bisher Mühe gegeben, die aktuelle Situation, bis auf ein paar Anspielungen, ziemlich großräumig zu umschiffen. Was auch daran liegt, dass ich keine Expertin bin und mich daher aus Themen, bei denen ich mich nicht wirklich auskenne und die ich daher den Profis überlassen muss, weitgehend raushalten will. Und dass ich von diesem Thema schon mindestens genauso genervt bin wie die meisten anderen auch - und dass es uns allen so allmählich an die Substanz geht. Ich kann nicht rund um die Uhr so tun, als würde ich die aktuelle Situation ausschließlich als "neue Chance" zur "Entschleunigung" begreifen - ich bin bisweilen echt unglücklich und auch genervt. Aber ja, in diesem Fall sehe ich keinen Grund, mich nicht an die Vorgaben zu halten - in der Hoffnung, dass das Ganze doch wenigstens ein einigermaßen glimpfliches Ende nimmt. Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen fassungslos angesichts dessen, dass es manche anscheinend tatsächlich für diskussionswürdig halten, die Leben der Schwächeren zugunsten der Wirtschaft zu opfern - hier bewegen wir uns nämlich, wie ich finde, wieder gefährlich in Richtung der Trennung von "wertem und unwertem Leben".

Unglücklicherweise stelle ich fest, dass manchen Leuten dieses Übermaß an Freizeit auch in anderer Hinsicht nicht gut zu tun scheint - denn die Schwurbler haben gerade Hochkonjunktur. Und leider muss ich sehen, dass auch Leute, die ich bisher noch für einigermaßen vernünftig gehalten habe, inzwischen geneigt sind, allen möglichen haarsträubenden Unsinn zu glauben. Natürlich ist es wünschenswert, kritisch zu sein und Dinge in Frage zu stellen - aber die eigene Ansicht über alle anderen zu stellen und sich nicht mit anderen Meinungen auseinandersetzen zu wollen hat nichts mit "Kritisch-Sein" zu tun. Denn wer wahrhaft kritisch ist, ist zuallererst einmal kritisch gegen sich selbst und auch bereit, seine eigenen Ansichten auch häufiger zu überprüfen. Gerade diejenigen, die anderen erklären, sie sollen selber nachdenken, wollen dies in Wirklichkeit gar nicht - man soll nur das nachplappern, was sie selbst sagen, und jede Kritik schränkt ihre Meinungsfreiheit ein oder ist gar "Zensur". Nun, die Definition von Meinungsfreiheit habe ich ja bereits dargelegt - denjenigen, die es immer noch nicht kapiert haben, möchte ich jedoch nahelegen, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit nach China, Russland, Nordkorea oder in den Kongo auszuwandern, um zu erleben, wie wahnsinnig schlecht es uns in Deutschland und Österreich doch geht. Nun gut.

Ja, wir müssen reden - und wahrscheinlich werde ich das eine oder andere sagen, was auch Leuten innerhalb meines üblichen Dunstkreises nicht gefallen könnte. Und zwar deshalb, weil es mit einer Person zu tun hat, die sich seit zwei Jahrzehnten großer Beliebtheit erfreut, auch wenn sie aktuell immer mehr in Ungnade fällt - nämlich Xavier Naidoo. Dass ich darüber reden muss, liegt daran, dass ich in letzter Zeit so oft gehört habe, man dürfe auf dem armen Mann doch nicht immer so böse herumhacken, es gehe doch nur um die Musik. Ja, es geht auch um die Musik - und die kann man weiterhin gut finden oder auch nicht. Mir gefällt sie nicht, aber mir gefällt auch so einiges an Musik nicht - das heißt ja nicht, dass sie anderen nicht gefallen darf. Aber Herr Naidoo hat nun mal mehr gemacht als nur Musik - besonders in letzter Zeit gab es so einige Entgleisungen. Und das ist auch nichts Neues - solche Aussetzer gab es schon öfter, und das waren nicht nur die Behauptungen der bösen Medien, sondern öffentlich von ihm selbst getätigte Aussagen. Wobei man sich bei den Songs ja noch auf die Kunstfreiheit berufen kann - wie ich kürzlich auch erklärt habe. Das Problem ist halt, dass es nicht nur bei Songs blieb.

In Wirklichkeit sorgt Xavier Naidoo bereits seit mehr als zwanzig Jahren für Kontroverse - bereits 1998 äußerte er seine Zweifel an der Legitimität der deutschen Bundestags-Wahlen, und nachdem er sich ein Jahr später öffentlich als "Rassist" bezeichnet hatte, machte er seine Nähe zu den Reichsbürgern immer wieder deutlich und trat im letzten Jahrzehnt sogar mehrmals auf deren Veranstaltungen auf. Wie ich schon in einem anderen Artikel erwähnt habe, erkennt diese Gruppierung den deutschen Staat und seine Gesetze nicht an, in letzter Zeit hört man aus diesen Reihen auch immer öfter den Aufruf, sich zu bewaffnen - das österreichische Pendant dazu nennt sich "Staatenbund". Aufgrund vieler Proteste durfte Naidoo Deutschland beim Eurovision Song Contest 2017 nicht vertreten, aber trotz all dieser Indizien gab es auch damals noch viele Künstler (und innen), darunter auch solche, die ich für vernünftiger gehalten hätte, wie Michael Mittermeier und Herbert Grönemeyer, die ihn unterstützten. Wahrscheinlich, weil er privat so ein netter Kerl ist. Das mag ja auch durchaus sein - ist allerdings keine Entschuldigung dafür, dass er seine Verantwortung als Person des öffentlichen Lebens dermaßen mit Füßen tritt. Zumal er ja bis vor kurzem noch in der Jury der Sendung Deutschland sucht den Superstar war. Aber selbst denen wurde es zu viel, als er in einem Video wieder einmal gegen Flüchtlinge hetzte - und im Zuge dessen auch den Klimawandel und die Souveränität Deutschlands leugnete. Hier muss ich eines noch einmal hervorheben: Dass er Dinge behauptet, die von der Mehrheit als unwahr klassifiziert werden, hat nichts mit "Mut" und "Courage" zu tun - weil wir erstens in einem Land leben, in dem man nicht um Leib und Leben fürchten muss, wenn man sagt, was man denkt, und weil er zweitens nicht der einzige ist, der solchen Müll solche höchst vernünftigen Fakten verbreitet. Solche Menschen brüsten sich gerne damit, dass sie - im Gegensatz zu allen anderen - nicht mit der Herde mitlaufen. Stattdessen laufen sie nur irgendwelchen selbsternannten Aufgeweckten nach und geben deren Ansichten völlig unreflektiert wider.

Deshalb möchte ich konkret auf eine der Behauptungen eingehen, die Xavier Naidoo verbreitet; kürzlich erklärte er nämlich unter Tränen, dieser Tage würden Kinder aus pädophilen Netzwerken befreit. Ob die Tränen echt waren oder sich hinter dem Sänger mit der Raunzstimme einfach nur ein talentierter Schauspieler verbirgt, weiß ich nicht - kann ja sein, dass er den Schwachsinn, den er verzapft, wirklich glaubt. Um auch das klar zu stellen: Ich weiß, dass Kindesmissbrauch tatsächlich existiert, auch organisierter und ritueller Kindesmissbrauch, und mir liegt es fern, diesen zu verharmlosen oder die Opfer zu verhöhnen. Mir ist klar, dass jedes Opfer eines zu viel ist. Ich möchte allerdings auch darauf hinweisen, dass das Aufbauschen von nicht beweisbaren und mit ziemlicher Sicherheit auch nicht existenten Missbrauchs-Fällen den tatsächlichen Opfern nicht hilft - im Gegenteil, sie laufen dadurch Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Und nein, dass es solche Fälle tatsächlich gibt, ist kein Beweis - mit dieser Argumentation könnte ich auch behaupten, dass mein Nachbar jemanden umgebracht hat, weil es Mord tatsächlich gibt. Im übrigen frage ich mich, warum man sich mehr um das Wohlergehen von Kindern sorgt, deren Existenz niemand beweisen kann, als um tatsächliche Missbrauchsfälle in der unmittelbaren Nachbarschaft, die es ja tatsächlich immer wieder gibt. Und wie Fälle wie der von Josef Fritzl zeigen, gelten die Täter häufig als "nette Nachbarn" und "aufopfernde Familienväter" - den wenigsten "Bösen" sieht man das Bösesein auch an, selbst wenn man uns in all den Kindermärchen das Gegenteil erklärt hat. Aber ich denke mal, wir sind alle alt genug, um nicht mehr an Märchen zu glauben.

Die pädophilen Netzwerke, die Xavier Naidoo anspricht, sind Teil eines großen Verschwörungsmythos, der von einer oder mehreren anonymen Personen namens QAnon im Internet verbreitet wird. Diese Person behauptet, ein anonymer Vertrauter aus dem engsten Kreis von US-Präsident Donald Trump zu sein und spricht über einen "Deep State", der in Wahrheit die Herrschaft über die ganze Welt innehat und aus einem Netzwerk pädophiler Politiker und Hollywood-Stars bestehen soll. Er stilisiert Trump als genialen Helden, der gegen diesen "Deep State" kämpft und der das Coronavirus "erfunden" haben soll, um von diesem seinem Kampf abzulenken und all die entführten und gefolterten Kinder zu retten. Ja, genau der Donald Trump, der nicht entscheiden kann, ob das Coronavirus existiert oder nicht und wie gefährlich es ist; der Donald Trump, der gegenwärtig den gesamten Staat, für den er verantwortlich ist, an die Wand fährt; der Donald Trump, der an der mexikanischen Grenze Eltern ihre Kinder wegnimmt und diese in Käfige sperrt. Laut QAnon sollen alle US-Präsidenten seit Lyndon B. Johnson, mit Ausnahme von Ronald Reagan, kriminell, pädophil und satanistisch gewesen sein - besonders das Motiv des Kindesmissbrauchs kehrt immer wieder und schlug bereits in der Vergangenheit hohe Wellen: Angeblich soll Hillary Clinton im Keller einer Pizzeria in Washington, D. C. einen Kinderpornoring unterhalten haben - eine These, die längst widerlegt wurde, als ein bewaffneter Mann in nämliche Pizzeria eindrang, um die Kinder zu retten, nur um festzustellen, dass diese gar keinen Keller hatte. Diese Behauptung ist nicht die erste und auch nicht die letzte, die sich als falsch herausstellte - QAnon wird in den USA mittlerweile als Terrororganisation eingestuft, was jedoch Leute mit Q-T-Shirts nicht daran hinderte, während Reden von Trump gut sichtbar hinter ihm auf der Bühne zu stehen. Im übrigen sind die Äußerungen dieses QAnon so kryptisch und vage, dass man, wenn sich Behauptungen als falsch herausstellen, ganz bequem darauf hinweisen kann, dass diese einfach nur falsch interpretiert worden seien. Auch, dass die Pizzagate-Affäre widerlegt wurde, überzeugt viele nicht - denn was "die Mainstreammedien" erzählen, ist natürlich alles gelogen und soll nur von der Wahrheit ablenken. Was natürlich die Attraktivität von QAnon erklärt - wer daran glaubt, sieht sich als Teil einer Elite, die als einzige "die Wahrheit" kennt. Ein lustiger Zufall ist auch, dass immer politische Gegner von Trump als Teil der großen Verschwörung genannt werden. Das Problem dabei: Durch prominente "Gläubige" wie Xavier Naidoo verbreiten sich diese kruden Thesen auch immer mehr im deutschsprachigen Raum.

Teil des QAnon-Verschwörungsmythos ist auch die Behauptung, dass überall auf der Welt Kinder entführt würden, um diese dann zu foltern und so deren Blut mit Adrenochrome anzureichern. Dieses wird ihnen dann entnommen und von der Hollywood-Elite als "Verjüngungsdroge" eingesetzt. Wissenschaftlich gesehen ist Adrenochrome nichts anderes als eine chemische Verbindung, die durch die Oxidation von Adrenalin entsteht und die medizinisch hauptsächlich zur Blutgerinnung eingesetzt wird. Man kann sie ganz legal im Internet bestellen - ihre künstliche Herstellung ist überdies weitaus bequemer und effektiver, als dafür Kinder zu foltern. In nicht sehr hoher Potenz weist Adrenochrome eine halluzinogene Wirkung ähnlich der von LSD oder Meskalin auf, weshalb die Theorie entstand, dass es für Schizophrenie verantwortlich sei - Beweise gibt es dafür allerdings nicht. Im Zuge der Hippie-Bewegung entstand die These, Adrenochrome könne als eine Art körpereigenes LSD fungieren, was den Schriftsteller und Journalisten Hunter S Thompson zu seinem 1971 veröffentlichten Roman Fear and Loathing in Las Vegas inspirierte, der 1998 von Ex-Monty-Python Terry Gilliam mit Johnny Depp in der Hauptrolle verfilmt wurde und in dem behauptet wird, die effektivste Gewinnung von Adrenochrome erfolge aus den Adrenalindrüsen lebendiger Menschen. Thompson gab jedoch selbst zu, dass er das erfunden hatte.

Allerdings gehen die Ursprünge dieser Behauptungen noch weiter zurück als nur bis zu diesem Roman - nämlich bis ins 15. Jahrhundert, einer Zeit, die sich in kulturellem und religiösem Wandel befand und in der sich eine Mischung aus Antisemitismus und Hexenglauben bildete, die vielen Unschuldigen das Leben kostete. Natürliche Bedrohungen wie die Pest sowie klimatische Schwankungen, die zu Ernteausfällen und in der Folge zu Hungersnöten führten, konnten noch nicht ausreichend durch Wissenschaft erklärt werden, weshalb die meisten Leute dahinter teuflische Verschwörungen vermuteten. Als Sündenböcke mussten hierfür Andersgläubige, insbesondere die Juden, herhalten - so wurden vor allem Frauen beschuldigt, zusammen mit Juden und Teufeln in "Hexensabbaten" aus ermordeten, christlichen Kindern eine teuflische, mächtige "Hexensalbe" herzustellen. Ähnlich wie Xavier Naidoo, der die Fridays-For-Future-Bewegung mit dem biblischen Antichristen in Verbindung brachte, so vermutete man auch damals schon das unmittelbare Bevorstehen der Apokalypse aus der Johannes-Offenbarung. Und ähnlich wie damals behauptet wurde, aus christlichen Kindern würde eine Hexensalbe hergestellt, behauptet man heute, aus gefolterten Kindern werde Adrenochrome extrahiert. Mich erinnert das jedoch auch an die Legende der ungarischen "Blutgräfin" Elisabeth Báthory, die junge Mädchen auf ihre Burgen gelockt und dort zu Tode gefoltert haben soll, weil sie glaubte, durch das Trinken ihres Blutes oder durch das Baden darin ewige Jugend bewahren zu können. Einen sehr lesenswerten Artikel über historische Zusammenhänge mit dem QAnon-Mythos verlinke ich euch unten.

Und nun kommen wir zu dem Grund, warum ich all das überhaupt schreibe: Dieser QAnon-Verschwörungsmythos ist keine harmlose Spinnerei. Auch wenn QAnon selbst in den USA nach wie vor ein Randphänomen ist, bekommt dieses durch die Corona-Krise und nicht zuletzt Prominente wie eben Xavier Naidoo aktuell unnötig viel Aufmerksamkeit. QAnon erzeugt künstlich eine Hysterie, die bereits gefährliche Auswüchse zeigt - Menschen werden bedroht und eingeschüchtert, in Gruppierungen, die QAnon anhängen, wird explizit zur Gewalt aufgerufen, und nicht zuletzt wird auch die Zunahme des rechtsradikalen Terrors zum Teil mit dieser Verschwörungstheorie verknüpft - so berief sich der Terrorist von Hanau auf QAnon, und auch der Attentäter von Halle glaubte an eine jüdische Weltverschwörung. Sprich - diese Leute, wer auch immer sie sind, treiben ein gewaltig gefährliches Spiel. Aktuell zeigen sich in den USA keine geretteten Kinder, sondern lediglich, wie marode das Gesundheitssystem dort ist und dass das Land von einem Mann geführt wird, der dazu eigentlich gar nicht in der Lage ist. Um zu "beweisen", dass wir "in die Irre geführt" werden, werden in den sozialen Netzwerken bewusst manipulierte Fotos veröffentlicht - denn jeder kann irgendein Bild posten und irgendwas dazu schreiben, ich übrigens auch. Dies ist die Strategie "alternativer" Medien, Misstrauen gegen seriöse Journalisten und wissenschaftliche Quellen zu säen und auf diese Weise Klicks zu generieren und Geld zu bekommen. Und ich möchte alle, die noch alle Tassen im Schrank haben, dazu anhalten, nicht einfach völlig unreflektiert irgendwas zu teilen, nur weil es ihnen "logisch" erscheint. Vor allem aber solltet ihr nicht in die Versuchung geraten, irgendeinem "Aufruf zum Widerstand" zu folgen und jetzt auf die Straße zu rennen - wir werden in Zukunft womöglich lernen müssen, mit dem Virus umzugehen, aber momentan haben wir nun mal keine andere Wahl, als uns an das zu halten, was uns tagtäglich immer wieder eingebläut wird - also nicht öfter als nötig das Haus zu verlassen und auf persönliche Hygiene zu achten. In diesem Sinne - bleibt gesund, und ich hoffe, dass wir das alles bald ausgestanden haben!

vousvoyez


Jim Carrey: https://www.mimikama.at/allgemein/hollywood-eliten/
Adrenochrome: https://de.wikipedia.org/wiki/Adrenochrom

Dienstag, 7. April 2020

Meine Herren, Sie sind keine Herren, Sie sind Schweine, meine Herren

Ich weiß an dieser Stelle nicht mehr, ob ich je erzählt habe, dass nicht nur ich klosterschulgeschädigt bin, sondern auch meine Eltern. Meine Mutter besuchte in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren dieselbe katholische Mädchenschule, in die auch ich in den 1990ern eine Zeitlang gehen musste. Und mein Vater besuchte 1957 - 1961 ein katholisches Jungeninternat in einem Benediktinerkloster auf dem Land. Doch obgleich ein humanistisches Gymnasium mit Schwerpunkt auf Latein und Altgriechisch für ihn alles andere als die geeignete Schulform war, erzählte er von der Zeit dort meist mit lustigen Anekdoten. So wie die, welche zu dieser Weisheit geführt hat und die die Reaktion eines Lehrers darauf war, dass zu viele Jungs in den Schnee gepinkelt hatten - leider weiß ich die ganze Geschichte nicht mehr. Seit meine Eltern Kinder waren, hat sich Erziehung sowohl in der Schule als auch zu Hause natürlich drastisch verändert. Und ganz sicher werdet ihr mir auch zustimmen, wenn ich sage, dass das ein Glück ist. Denn Kinder wurden früher nicht nur strenger, sondern oftmals lieblos oder gar grausam erzogen. Viele Ältere erzählen heute von den körperlichen Misshandlungen, die ihnen zuteil wurden, wie alte Kriegsveteranen: "Ach, das hat uns doch nicht geschadet." Manche glauben sogar, dass es der Jugend von heute, die ja bekanntlich total böse ist, ebenfalls nicht schaden würde, wenn diese auch mal ab und zu was hinter die Löffel kriegen würde. Klar, das hab ich mir schon immer gewünscht: Eine untertänige Generation, deren Angst vor Schlägen mit "Respekt" verwechselt wird und die sich keine eigene Meinung bilden darf. Merkt man den Sarkasmus? Ich habe ja in einem anderen Artikel schon das Thema "schwarze Pädagogik" ein bisschen angerissen. Dieser Begriff fällt oft, wenn wir von Kindererziehung in früherer Zeit sprechen.

Der Begriff "Schwarze Pädagogik" wurde in den 1970er Jahren von der deutschen Publizistin Katharina Rutschky geprägt, die damit die Pädagogik der Aufklärung bezeichnete, als man unter Erziehung die Bestrebung begriff, den Menschen von seiner Natur hin zur Vernunft zu führen. Heute ist "schwarze Pädagogik" die Phrase für eine Erziehung, die von Gewalt, Einschüchterung und Erniedrigung geprägt ist. Vor längerer Zeit hatte ich einmal eine Diskussion darüber, dass Eltern und Großeltern sich in Sachen Erziehung oft nicht einig sind und dass einer jüngeren Elterngeneration oft nahegelegt wird, ihre Kinder ja nicht zu sehr zu verwöhnen. Da fiel mir auf, dass diese Angst in unserer Gesellschaft mitunter noch sehr tief sitzt - die Angst, seine Kinder zu verwöhnten "Haustyrannen" zu erziehen, die einem irgendwann einmal auf der Nase herumtanzen. In diesem Zusammenhang stieß ich auch auf den Namen Johanna Haarer.

Johanna Haarer war Deutsche mit tschechoslowakischen Wurzeln; eigentlich war sie Lungenfachärztin, aber während der NS-Zeit veröffentlichte sie einige Schwangerschafts- und Erziehungsratgeber, die, obwohl sie eng an die Ideologie des Nationalsozialismus angelehnt waren, auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durchaus noch lange Zeit zum Kanon der allgemein anerkannten Erziehungsliteratur gehörten. Ihr Konzept: Die natürlichen Bedürfnisse des Babys zu ignorieren, um es zu einem guten Soldaten und Mitläufer zu erziehen - letztendlich wurden damit Generationen von bindungsgestörten Menschen großgezogen, die diese Defizite an die nächste Generation weitergaben. Diese Kinder erlitten schwere Traumata, die sie an ihre Kinder und oft auch noch an ihre Enkelkinder vererbten. Natürliche Bedürfnisse wie das Beruhigen eines schreienden Babys wurden unterdrückt, weil man das Kleine ja nicht mit seiner "Affenliebe" verwöhnen dürfe - die herzlosen Begriffe einer Frau, die ganz offenbar bis zu ihrem Tod der Ansicht war, Adolf Hitler hätte es schon ganz richtig gemacht. Ich habe in dem Zusammenhang mit Frau Haarer einmal das Argument gehört, sie sei ja immerhin gegen das Schlagen von Kindern gewesen - aber was sie da propagiert hat, ist psychische Gewalt, die durch so eine Argumentation unterschätzt wird. Diese Form der Erziehung suggeriert meiner Meinung nach, dass die Beziehung zwischen Mutter und Kind ein ewiger Kampf ist, dass jede Gefühlsregung des Kindes nichts anderes ist als eiskalte Berechnung, die es auszutreiben gilt, und dass man sich alles Gute im Leben, sogar das Vertrauen zur Mutter, erst "verdienen" muss. Meinen Eltern wurde beiden diese Lieblosigkeit zuteil - sie hinterließ tiefe seelische Verletzungen, die sie kompensieren wollten, indem sie meinen Geschwistern und mir besonders viel Liebe und Zuneigung zuteil werden ließen. Dennoch brauchte es mehr als nur eine Generation, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen - ich habe letztens erfahren, dass Traumata sich auch genetisch festsetzen können. Das würde einiges erklären. Im übrigen veröffentlichte Frau Haarer neben ihren Ratgebern auch so tolle Bücher wie Mutter, erzähl von Adolf Hitler, ein Märchen, das "kindgerecht" gegen Juden und Kommunisten hetzte.

Diese übertrieben harte Form der Erziehung war allerdings keine Erfindung von Frau Haarer - schon vor Erscheinen ihrer Bücher gehörte die Abhärtung des Kindes zum guten Ton, außerdem wurde diese Art der Erziehung ja auch nicht nur im deutschsprachigen Raum praktiziert, sondern in vielen Teilen der westlichen Welt. In England wurde dieselbe Art der Kindererziehung als "viktorianisch" bezeichnet - was Aufschluss gibt, wann diese Lieblosigkeit gegenüber Kindern ihren Anfang nahm. Womit wir wieder bei der Aufklärung wären - und dem Beginn der Industrialisierung, als praktisch alles, auch Menschen, als eine Art Maschine begriffen wurde, die man nach eigenem Gutdünken modellieren, heute würde man wohl sagen "programmieren", müsse. Was bedeutete, dass Kinder zu unabdingbarem Gehorsam und absoluter Selbstkontrolle gezwungen werden mussten.

In einem anderen Artikel habe ich ja auf die sogenannten "Kindheitsmythen" angespielt - Geschichten, Behauptungen, Versprechen und Drohungen, mit denen jeder von uns aufgewachsen ist, die aber in keinem Verhältnis zur Realität standen. All diese "Mythen", wie ich sie nenne, sind mehr oder weniger Ausdruck einer Erziehung, die versucht, Kinder durch Angst gefügig zu machen. Reste davon fanden auch noch Eingang in die Zeit meiner eigenen Kindheit - man denke nur an die Drohung mit dem Krampus. Und was gerne als bestes Beispiel für "schwarze Pädagogik" herangezogen wird: Der Struwwelpeter, bis heute Teil des Kanons deutschsprachiger Kinderliteratur.

Der Struwwelpeter ist ein Bilderbuch aus dem Jahr 1844; Autor war der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann, der seinem dreijährigen Sohn zu Weihnachten ein Buch schenken wollte, aber nichts fand, was er als passend erachtete, weshalb er sich entschloss, selbst eines zu gestalten. Dieses kam nicht nur bei dem Jungen gut an, sondern auch bei Freunden und Bekannten, die ihn schließlich überreden konnten, es zu veröffentlichen - erst unter dem Namen Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3 - 6 Jahren, ab 1847 schließlich als Struwwelpeter. Die Titelfigur erhielt 1861 das Aussehen, das bis heute bekannt ist. Der Inhalt: Geschichten von Kindern, die sich nicht benehmen und die deswegen ein oft grausames Schicksal ereilt. Viele Begriffe aus diesem Buch sind inzwischen in den deutschen Sprachschatz eingegangen - man denke an den "Zappelphilipp", "Hans-Guck-In-Die-Luft", "Suppenkasper" oder auch die Titelfigur "Struwwelpeter". Diese Geschichten haben uns bis in die heutige Zeit geprägt. Manche von ihnen waren vergleichsweise harmlos, andere jedoch tatsächlich ziemlich grausam. Ich denke, jeder, der als Kind diese Geschichten gehört hat, kann eine nennen, die ihn bzw. sie besonders verstört hat. Auch wenn ich durch meinen Besuch im Struwwelpetermuseum in Frankfurt gelernt habe, die Geschichten etwas mehr im Kontext der Zeit und auch als Satire zu betrachten.

Da wäre die Titelfigur, die bis heute oft als Synonym für eine Person mit besonders unordentlichen Haaren verwendet wird: Struwwelpeter will sich die Haare nicht kämmen und die Fingernägel nicht schneiden. Ein steirischer Kabarettist (Alf Poier) hat den Jungen aus dem Buch mal mit Jimi Hendrix verglichen - aber der hatte zumindest keine überlangen Fingernägel, soweit mir bekannt ist.

An der Geschichte vom bösen Friederich haben sich wahrscheinlich The Who ein Beispiel genommen, wenn auch nur, wenn des darum ging, Hotelzimmer zu demolieren. Aber Friederich belässt es nicht dabei, Möbel zu zerstören - er quält und tötet Tiere und macht auch vor seiner älteren Schwester (?) nicht halt, so lange, bis er von einem Hund gebissen wird, der sich daraufhin an seiner Mahlzeit gütlich tut, während der Junge das Bett hüten muss. In neuerer Zeit wird seine Geschichte häufig als Parabel für einen Menschen mit gestörtem Sozialverhalten gesehen.

Eine der grausamsten Geschichten ist Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug - mit "Feuerzeug" sind hier Streichhölzer gemeint, da zur damaligen Zeit jedes Utensil zum Feuermachen so bezeichnet wurde. Während ihre Eltern weg sind, findet Paulinchen eine Schachtel Zündhölzer, die sie auf dem Tisch liegengelassen haben, und entzündet diese trotz der Warnung der beiden Katzen Minz und Maunz, woraufhin ihr Haar Feuer fängt, sie bis auf die Schuhe verbrennt und die Katzen ganze Bäche bitterer Tränen vergießen. Mir wurde damals im Struwwelpetermuseum erklärt, dass viele Behausungen noch hauptsächlich mit Holz gebaut waren und man mit einem Streichholz ganze Viertel niederbrennen konnte. Zudem waren Zündhölzer zu dieser Zeit noch eine relativ neue Erfindung, die das Feuermachen erleichterte, wodurch sie jedoch auch für Kinder gefährlich waren.

Die Geschichte von den schwarzen Buben ist ein im 19. Jahrhundert relativ ungewöhnlicher Aufruf zur Toleranz gegen nicht-weiße Hautfarben, auch wenn der Schwarze Junge, wie damals allgemein üblich, hier als "Mohr" bezeichnet wird - wobei "Mohr" historisch eine etwas weniger negative Konnotation aufweist wie etwa das völlig zu Recht verpönte N-Wort, es heute aber auch nicht ratsam ist, Schwarze Menschen als solche zu bezeichnen. Dieser "Mohr" wird von drei weißen Buben wegen seiner Hautfarbe verspottet, woraufhin der große "Nikolas" sie bestraft, indem er sie in ein riesiges Tintenfass taucht, bis sie noch weitaus schwärzer sind als der Schwarze - wobei das Bild des Nikolaus als Karikatur des Zaren Nikolaus I. verstanden werden kann, der für die Textschwärzungen in importierten Büchern bekannt war. Und natürlich kann man auch kritisieren, dass die Hautfarbe des "Mohrs" als "Makel" angesehen wird.

Die Geschichte vom wilden Jäger ist so ziemlich die einzige, die nicht erzieherisch gedacht ist, sondern sie greift ein beliebtes Motiv der Volkserzählung auf, nämlich die "verkehrte Welt" - der Schwächere triumphiert über den Stärkeren, der Hase nimmt dem Jäger Flinte und Brille weg, der flüchtet in den Brunnen, während der Hase dessen Frau, die aus dem Fenster sieht, die Kaffeetasse zerschießt. Der Vorläufer der Tom-und-Jerry-Geschichten sozusagen.

Meine persönliche Trauma-Geschichte ist Die Geschichte vom Daumenlutscher, deren Anfangsverse mit Sicherheit fast jeder deutsche Muttersprachler auswendig rezitieren kann ("'Konrad', sprach die Frau Mama, 'ich geh fort und du bleibst da ...'). Warum ich solche Angst davor hatte, liegt nahe - ich war selbst Daumenlutscher. Die Geschichte handelt von Konrad, dem die Mutter verboten hat, am Daumen zu lutschen, da ihm dieser sonst von einem "Schneider mit der Scher'" abgeschnitten werde. Als der Junge das Verbot nicht einhält, kommt der Schneider und schneidet ihm mit einer übergroßen Schere beide Daumen ab. In manchen Illustrationen sieht man dabei auch noch das Blut auf den Boden tropfen. Es gab sogar Erwachsene, die zogen mich damit auf, dass auch zu mir der "Schneider mit der Scher" kommen würde. Ich fand das damals gar nicht lustig.

Ebenfalls eine einprägende Geschichte ist die des Suppenkasper, dem Alf Poier sogar ein "Suizid-Metal" gewidmet hat. Der Bezug zu der heute so genannten anorexia nervosa, die durch psychische Probleme bedingte Verweigerung der Nahrungsaufnahme, liegt hier weitaus näher, als man vielleicht denkt - in einer Zeit, in der Hungersnöte in Europa, auch durch die Industrialisierung der Landwirtschaft, nicht mehr so verbreitet waren, war diese Erkrankung durchaus schon bekannt. Hoffmann verarbeitete in dieser Geschichte möglicherweise echte Fälle aus seiner Praxis als Psychiater. Die Geschichte ist schnell erzählt - Kaspar will seine Suppe nicht essen, magert ab und verhungert innerhalb von fünf Tagen. Als Kind stellte ich mir eher die Frage, warum Eltern ihr Kind einfach verhungern lassen, anstatt ihm einmal etwas anderes als Suppe zu geben. Besonders perfide fand ich, dass man ihm die Suppenschüssel auch noch ans Grab stellte.

Die Geschichte vom Zappelphilipp ist eine weitere, die ganze Generationen geprägt hat - heute wird der Junge, der nicht still am Tisch sitzen kann und so lange schaukelt und zappelt, bis er umfällt und das ganze Tischtuch samt Mahlzeit auf dem Boden landet, als Symbolfigur für Kinder mit ADHS gedeutet.
Parallelen zu dieser psychischen Störung werden auch in der Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft gezogen. Auf dem Schulweg ist Hanns so sehr mit den Gedanken woanders, dass er sein Gesicht unablässig in den Himmel richtet und nicht achtet, wo er hingeht. Nachdem er zuerst über einen Hund stolpert, fällt er schließlich zur Erheiterung dreier Fische ins Wasser und muss von zwei Fischern mit langen Stangen wieder herausgefischt werden, woraufhin er nass und frierend am Ufer steht.

Die Geschichte vom fliegenden Robert, mit der das Buch schließt, erzählt von einem Jungen, der bei Wind und Wetter nicht zu Hause bleiben will und der am Ende samt Regenschirm vom Sturm davongetragen wird. Diese Geschichte kann als phantasievolles Beispiel dafür gesehen werden, dass Kinder sich gern in gefährliche Situationen begeben, weil sie die Auswirkungen noch nicht abschätzen können.

Heute kann ich die Satire in dem Buch durchaus erkennen. Und auch, dass meine Großmutter eher darüber gelacht hat, hat mir ein wenig geholfen, über den Schreck hinwegzukommen, auch wenn ich das Buch jahrelang nicht einmal sehen wollte. Das Ding ist halt: Kleine Kinder können meist noch keine Satire und keine Zwischentöne erkennen. Deswegen frage ich mich, ob dieses Buch tatsächlich schon für Kindergartenkinder geeignet ist. Lustig finde ich allerdings die "Struwwelpetriaden", also die Adaptionen und Parodien - so gibt es beispielsweise einen militärischen Struwwelpeter, einen ägyptischen Struwwelpeter, einen Struwwelhitler und einen Anti-Struwwelpeter.

Wie man sieht, ist der Begriff "schwarze Pädagogik" gar nicht so einfach zu definieren. Dass aber im Bereich der Begleitung von Kindern bis ins Erwachsenenalter ein Umdenken stattgefunden hat, kann nur positiv sein - auch wenn natürlich innerhalb dieses Prozesses und auch heute noch Fehler passiert sind und passieren. Als meine Eltern noch jung waren und kleine Kinder hatten, war der Begriff "antiautoritäre Erziehung" in aller Munde, bei der Kinder von Zwängen befreit werden sollten, um ihre Persönlichkeit ungehindert entfalten zu können. Diese steht heute jedoch von vielen Seiten in der Kritik - das Problem ist jedoch auch hier, dass es oftmals stark vereinfacht dargestellt wird. Außerdem fällt mir hier auch die heute sehr beliebte bedürfnisorientierte Erziehung ein, in der sich alles ausschließlich nach den Bedürfnissen des Kindes richtet - wo ich mich allerdings frage, wie man ein Kind zu einem rücksichtsvollen Menschen erziehen will, wenn sich die Mutter so vollkommen zurücknehmen muss. Da ich aber keine Kinder großzuziehen habe, kann ich hier nur meine Meinung wiedergeben und keine empirischen Ratschläge. Und wenn ihr es besser wisst, sei euch das gegönnt - wie ich schon einmal angemerkt habe, kennt die eigene Mutter ihr Kind in der Regel am besten und sollte daher - von einigen Ausnahmen abgesehen - als die oberste Instanz in der Erziehung gelten, auch wenn ihr vielleicht am Anfang noch die Erfahrung fehlt. Aber zum Glück kann man sich heute auch hier unterstützen lassen.
Was mich betrifft - ich habe zwar so einige "Baustellen" in meinem Leben durch Schicksalsschläge und Traumata, trotzdem kann ich sagen, dass ich ein weitgehend glückliches Kind war, das nicht viel Gewalt erlebt hat. Das Beste, was man über die ältere Generation sagen kann, ist, dass viele aus den Fehlern ihrer Eltern und Großeltern gelernt haben - zumindest die aus meinem Umfeld. Und dass auch Jüngere aus ihren Fehlern lernen. Jede Generation hat mit Herausforderungen zu kämpfen, und die aktuelle ist gerade ziemlich groß. Aber auch diese werden wir überstehen - und ich hoffe doch auch, dass wir daraus möglicherweise die eine oder andere Lehre ziehen.

vousvoyez


https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2018-07/ns-geschichte-mutter-kind-beziehung-kindererziehung-nazizeit-adolf-hitler

Eine Audio-Version des Struwwelpeterhttps://www.youtube.com/watch?v=QWpnZ-dBwCc

Ein Suizid-Metal für den Suppenkaspar: https://www.youtube.com/watch?v=n2XR8G_AerA

Samstag, 28. März 2020

Habt's ihr Spar-Lampen? - Na, wir san a BILLA!

Normalerweise sind meine Weisheiten ja immer nur einen Satz lang. Diese hier ist eine Ausnahme und beschreibt eine Situation, die so etwa vor zwanzig Jahren passiert ist. Ich war Teenager und nahm Nachhilfestunden in Mathematik - das war immer mein schwächstes Fach, weshalb ich auch nicht sofort ins Gymnasium gekommen bin, sondern erst ein Jahr lang die Hauptschule besucht habe. Eigentlich hätte ich im Gymnasium die erste Klasse wiederholen sollen - ich bin dann aber doch gleich in die zweite gekommen. Jedenfalls war meine Nachhilfelehrerin die beliebteste in der Stadt - und das nicht zu Unrecht, denn erstens hatte sie auch außerhalb mathematischer Nöte immer ein offenes Ohr für Menschen, die gerade die Irrungen und Wirrungen der Pubertät durchliefen, zweitens konnte sie Mathematik so erklären, dass man es auch verstand, im Gegensatz zu manchen Lehrern in der Schule. Vor allem aber konnte man auch bei ihr lernen, wenn man keine Stunde ausgemacht hatte. Wir dankten es ihr, indem wir für sie einkauften; ich glaube, manche kochten sogar für sie. Jedenfalls bat sie mich einmal, für sie zum Supermarkt in ihrer Straße zu gehen, der der Kette BILLA angehörte - unter anderem sollte ich Energiesparlampen besorgen, die damals noch neu waren und parallel zu den alten Glühbirnen mit Glühfaden verkauft wurden. Als ich diese dann nicht fand, fragte ich eine Mitarbeiterin, ob es Spar-Lampen gäbe - sie erklärte mir von oben herab, dass hier ein BILLA sei. Sie assoziierte mit "Spar-Lampen" nicht die neuen Glühbirnen, sondern Lampen, die wohl bei der anderen Supermarktkette SPAR erhältlich waren. Im übrigen hat der österreichische SPAR nichts mit den SPAR-Märkten in anderen Ländern zu tun - auch wenn das Logo gleich ist. Ich weiß noch, dass ich ganz irritiert war, als ich in England tatsächlich einen SPAR entdeckte.

Mitarbeiter von BILLA, SPAR und Co. sind ja dieser Tage die Helden und Innen der Nation - da sie zu den wenigen gehören, die immer noch arbeiten, während die meisten anderen zu Hause bleiben müssen. So wie ich zum Beispiel. Eigentlich wollte ich zu dem Thema, das uns alle beschäftigt, auch noch was schreiben, aber ich habe so das Gefühl, dass es uns momentan allen ein bisschen reicht. Mir jedenfalls schon. Und da wir ohnehin schon von allen Seiten damit zugetextet werden, denke ich, besinnen wir uns lieber auf die Dinge, die uns Freude machen und derer wir momentan in aller Ausgiebigkeit frönen können. Zum Beispiel - genau, Filme schauen!

Mein Medium sind ja generell zuallererst die Bücher - aber wer mich kennt, weiß, dass ich auch einen guten Film nicht verschmähe. Und wer diesen Blog schon länger verfolgt, dem müsste inzwischen auch klar sein, dass der Film sozusagen meine zweite Passion ist. Und ja - auch ich gehöre zu denen, die Filmadaptionen von Büchern in der Regel eher unbefriedigend finden. In meinem allerersten Blog-Eintrag hab ich schon mal erwähnt, dass das daran liegt, dass diese an ein anderes Medium angepasst sind und auch, dass sie die Interpretation der Filmemacher sind, die mit den Vorstellungen des Rezipienten eher selten übereinstimmt. Und doch gibt es auch gute Adaptionen von Büchern, ganz selten gibt es sogar welche, die die Literaturvorlage sogar übertreffen. Klar - auch ich habe Verfilmungen von Büchern, die mich begeistert haben, gesehen, die mich bitter enttäuscht haben. Als Beispiel sei hier etwa Das Geisterhaus von Isabel Allende zu nennen oder Garp und wie er die Welt sah von John Irving. Ich habe beide Romane geliebt und liebe sie immer noch - die Filme finde ich leider schrecklich, obwohl ich sowohl das schauspielerische Talent von Meryl Streep als auch das von Robin Williams eigentlich sehr zu schätzen weiß. Aber ich muss zugeben, dass es ein paar Rollen gab, wo mich Robin Williams nicht ganz so begeistert hat - ich kann zum Beispiel mit diesem übertrieben witzigen Humor von Filmen wie Flubber überhaupt nichts anfangen. Aber das liegt wohl eher an den Filmen als am Schauspieler - Williams ist ein Teil meiner Kindheit und Jugend, und dämlichen Filmen wie Flubber stehen zahlreiche großartige wie Good Morning VietnamGood Will Hunting oder Der Club der toten Dichter gegenüber. Neben den Filmadaptionen, die mich enttäuscht haben, gibt es andererseits aber auch welche, die der Buchvorlage durchaus gerecht werden - beispielsweise die Verfilmung von Max Frischs Roman Homo Faber, die beweist, dass man eine Geschichte auch auf unterschiedliche Art erzählen kann, ohne dass sie an Qualität verliert. Und ich finde, dass auch die Harry-Potter-Romane verhältnismäßig gut verfilmt wurden, auch wenn es gerade bei Fantasy-Geschichten schwierig ist, die Qualität zu halten. Als Beispiel fällt mir da Die Unendliche Geschichte ein, deren Problem auch darin besteht, dass die Handlung des Buches zeitversetzt und mit verschiedenen Schauspielern umgesetzt wurde - während der dritte Teil schon gar nichts mehr mit Michael Endes Roman zu tun hat. Bestes Beispiel für einen Film, der tatsächlich besser ist als die Buchvorlage, ist A Clockwork Orange, Stanley Kubricks geniale Adaption des ebenfalls großartigen Romans von Anthony Burgess, die durch das Weglassen des letzten Kapitels eine neue Dimension gewinnt. Aber Regisseure wie Kubrick, die so etwas wirklich können - und tatsächlich schafft er das mit jedem Film -, sind nun mal selten.

Bestimmte Romane, aber auch Sagen, Legenden oder historische Ereignisse wurden in der langen Tradition des Films ja auch durchaus öfter verfilmt - weshalb spätere Adaptionen gern als "Remakes" bezeichnet werden, auch wenn sie es eigentlich nicht sind, wenn man davon ausgeht, dass Remakes sich an einem oder mehreren Vorgängerfilmen orientieren. Wir leben ja in einer Zeit, in der besonders in den USA ein Remake nach dem anderen rausgehauen wird - was mich, offen gestanden, schon langsam ein bisschen nervt. Aber Remakes haben halt rein finanziell einige Vorteile - ihre Vorbilder sind bereits etabliert, so dass das Risiko kleiner ist, auf Altbewährtes zurückzugreifen, als etwas Neues auszuprobieren, und da bereits eine Vorlage existiert, spart man bei der Ausarbeitung eines Remakes mehr Geld, als wenn man etwas Neues beginnt. Abgesehen davon neigt sich die Zeit der großen Erfolgsregisseure New Hollywoods, deren Namen allein schon einen Kassenschlager versprechen, unmissverständlich dem Ende zu. Ich muss gestehen, mich hat im letzten Jahrzehnt kaum ein Hollywoodfilm ins Kino gelockt - außer er kam von Quentin Tarantino oder vielleicht noch Woody Allen. Und dabei war ich in jungen Jahren eine begeisterte Kinogängerin. In meiner Kindheit musste man einen Disney-Film, sobald er ins Kino kam, unbedingt gesehen haben - sowohl die neuen, die damals gedreht wurden, als auch die alten, die in den Neunzigern in restaurierter Fassung neu veröffentlicht wurden. Als wir älter wurden, war es dann extrem wichtig, Filme anzusehen, die noch nicht für unser Alter geeignet waren - wer mit zehn von sich behaupten konnte, einen Film ab 16 oder gar ab 18 schon gesehen zu haben, der war der Boss. Und dabei wurden auch die alten Edgar-Wallace-Filme, die man sich heutzutage eher zur Belustigung reinzieht, einst als nicht jugendfrei eingestuft. Heute gehöre ich auch außerhalb der Quarantäne nicht zu denjenigen, die wegen jeder Neuverfilmung alter Disney-Klassiker ins Kino rennen - wobei wir hier wieder bei den Remakes wären, von denen ich eigentlich genug habe. Um es richtigzustellen - ich habe kein Problem damit, wenn andere Leute ihre Freude mit diesen Filmen haben. Und ich weiß, dass ich nicht gezwungen bin, sie zu sehen. Man kommt halt trotzdem nicht an der Diskussion vorbei - und ja, ich nehme mir das Recht heraus, meine Meinung nicht für mich zu behalten, wie mir vor allem auf Social Media oft nicht geraten, sondern geradezu befohlen wird. Genau wie es anderen zusteht, sie nicht zu teilen. Und warum rechtfertige ich mich eigentlich? Egal - ich lass es jetzt trotzdem stehen. Stellt euch einfach vor, wie ich unschuldig pfeifend zur Seite schaue.

Ich muss hier trotzdem mal eines klar stellen - ich finde Remakes keineswegs immer schlecht oder sinnlos. Ganz abgesehen davon, dass Remakes keine ganz neue Erfindung sind, die erst in den letzten Jahren aufgekommen ist - sie sind schon lange ein fester Bestandteil der Filmgeschichte. Sehr wenige wissen zum Beispiel, dass der Kassenschlager Ben Hur mit Charlton Heston aus dem Jahr 1959, der im Jahr 2016 neu verfilmt worden ist, bereits ein Remake war - denn der Stoff schaffte es schon im Jahr 1925 als Stummfilm auf die Leinwand, und das auch als Remake, denn eine weitere Verfilmung der Ben-Hur-Geschichte entstand bereits im Jahr 1907. Trotzdem haben Remakes besonders in den letzten Jahren keinen besonders guten Ruf, und das liegt nicht nur daran, dass diese momentan etwas zu oft entstehen - es hat vor allem auch damit zu tun, dass besonders Neuverfilmungen altbekannter Klassiker, die in ihrer "Urform" bestens funktionieren, häufig auf ganzer Linie versagen, sowohl qualitativ als auch quantitativ: Man erinnere sich an Alfred Hitchcocks zu Recht unvergessenen Film Psycho, der 1998 neu verfilmt wurde, und das auch noch in Farbe. Dass dieser weitgehend in Vergessenheit geriet, zeigt, dass Remakes häufig eben kein Garant für den Erfolg sind - auf ein paar Kinohits kommt eine hohe Zahl an Neuverfilmungen, die sang- und klanglos untergehen. Das Problem sehe ich allerdings nicht ausschließlich in der mangelnden Qualität - es ist auch oftmals der Eindruck, dass man das schon gesehen hat. Warum soll ich mir etwas ansehen, was ich ohnehin schon kenne und das in der älteren Fassung bereits funktioniert hat? Dann gibt es wieder Filme, die ein Kind der jeweiligen Zeit sind, in der sie entstanden - beispielsweise Conan, der Barbar von 1982 oder Total Recall von 1990. Solche Filme sind halt einfach nicht das, was in der heutigen Zeit funktioniert - und ich fürchte, dass dasselbe Problem bei einer eventuellen Neuverfilmung von Rambo auftreten wird. Ich habe ja schon einmal von den großen Action-Helden der achtziger und neunziger Jahre erzählt - diese Art von Helden sind heutzutage einfach aus der Mode. Ähnlich verhält es sich auch mit den Filmmonstern vergangener Tage wie King Kong oder Godzilla - trotz der hypermodernen CGI-Technik machen sie heute auf der Leinwand nicht denselben Eindruck wie während der Zwischenkriegszeit, als der Film als Massenmedium noch verhältnismäßig neu war und man so begeistert von den Möglichkeiten des Bewegtbilds war, dass auch Kostüme und Techniken, die heute vergleichsweise lächerlich wirken, die Leute scharenweise ins Kino lockten. Ausnahmen gibt es natürlich auch hier - aber halt auch nur dann, wenn die alten Filme nicht eins zu eins nachgedreht werden. Und es gibt natürlich die amerikanischen Remakes europäischer Filme, die hauptsächlich deshalb entstehen, weil ausländische Filme in den USA nicht synchronisiert werden und nicht jeder Lust auf Untertitel hat. Was mich an amerikanischen Remakes französischer Filme bisweilen ärgert, ist, dass häufig nur noch diese im Fernsehen gezeigt werden und nicht das Original, das ich viel lieber gesehen hätte - wie es beispielsweise bei Mein Vater, der Held von 1991 der Fall ist.

 Demgegenüber gibt es allerdings auch Remakes, die, wie gesagt, durchaus ihre Berechtigung haben. Dazu zählen beispielsweise Horrorfilme, von denen manche mit dem Älterwerden ihren Gruselfaktor verlieren. Wobei man auch hier den Nutzen ab und zu abwägen muss - das Problem bei der CGI-Technik ist, dass diese immer besser wird und daher nicht so gut altert. Den Unterschied habe ich gemerkt, als ich mir letztens Das fünfte Element angesehen habe, der zwar nicht Horror, sondern Science-Fiction ist, aber auch ein Paradebeispiel für einen gut gealterten Film, auch wenn manche Merkmale typisch für die Zeit sind, in der er entstand - gut gealtert aber vor allem deshalb, weil man auf phantasievolle Kostüme setzte und nicht auf ausufernde Computertechnik. Und gewiss auch, weil die Tatsache, dass die Kostüme von Jean-Paul Gaultier entworfen wurden, eine Besonderheit ist. Prinzipiell können Remakes aber eine Möglichkeit sein, bestimmte Inhalte auch einem jüngeren Publikum näher zu bringen.

Das Problem des fehlenden Verständnisses bei jüngerem Kinopublikum erkenne ich gerade in einem Alter, in dem man sich eher nicht mehr zur Jugend zählt, immer mehr. Trotz der Begeisterung für Vintage, die aktuell vorherrscht, ist es halt zeitweise schwierig, jungen Menschen bestimmte Filme näher zu bringen, auch wenn sie noch so gut sind. Mir erging es selbst bei den ersten Filmen von Rainer Werner Fassbinder so - mir wollte es nicht in den Kopf, warum ich mir eineinhalb Stunden lang irgendwelche Leute anschauen soll, die herumstehen und rauchen. Bei jüngeren Leuten merke ich das beispielsweise, wenn ich mich mit anderen Horrorfilm-Fans über Blair Witch Project unterhalte - Personen unter 30 finden den zumeist blöd, und obwohl ich das nach wie vor nicht denke, kann ich das auch verstehen. Da ist zum einen die Wackelkamera, die in der Tat ein wenig anstrengend sein kann, und zum anderen das Fehlen jeglicher Effekte, die in der heutigen Zeit nun mal oft für wichtig erachtet werden. Es ist verständlich, dass jemand, der die späten Neunziger nicht oder nicht bewusst erlebt hat, mit Found-Footage-Filmen nichts anfangen kann. Zur damaligen Zeit wurden die technischen Möglichkeiten des Mediums Film immer besser, was dazu führte, dass sehr viele Filme nahezu mit Technik überladen waren, oft so sehr, dass eine unterhaltsame Handlung oder gute schauspielerische Leistung keine so große Rolle mehr spielten - ein Trend, den ich leider auch heute noch beobachte. Der Hype der Handkameraästhetik war sozusagen eine Gegenbewegung dazu - ein Beispiel ist da das Manifest Dogma 95 von Thomas Vinterberg und Lars von Trier. Wobei vor allem die frühen Dogma-Filme die Grenze des Erträglichen oft deutlich überschritten. Was Blair Witch Project selbst betrifft, war es 1999 nicht nur der Film selbst, der die Leute scharenweise in die Kinos lockte, sondern auch die Tatsache, dass die Regisseure via Internet das Gerücht in die Welt setzten, was man hier zu sehen bekam, sei alles echt. Sie konstruierten mit viel Phantasie eine Legende um den Film und schufen so den richtigen Anreiz, ehe sie irgendwann zugaben, dass alles nur erfunden war. Mir persönlich hat dieser Film auch mit dem Wissen, dass es eine erfundene Geschichte ist, sehr viel Spannung beschert - und ehrlich gesagt gefallen mir Filme, die das ohne großen technischen Aufwand schaffen, in der Regel sowieso besser, als wenn sie mit Effekten überladen sind.

Die Idee, Legenden via Internet zu verbreiten, war damals noch relativ neu, weil das Internet neu war - und mir fällt ad hoc auch kein früheres Beispiel ein, wo mittels einer so akribisch konstruierten Geschichte Werbung gemacht wurde. Die Idee selbst wurde damals natürlich noch häufig kopiert - wie es halt so oft der Fall ist. Es gab aber auch zuvor schon, besonders bei Horrorfilmen, bestimmte Aufhänger, die die Leute in die Kinos locken sollten. Als Beispiel fällt mir da Der Exorzist von 1973  ein, ein Film, der durchaus in die Kategorie "gut gealtert" gepackt werden kann, denn er erzielt immer noch seine Wirkung, was vor allem an den überhöhten Sound-Effekten liegt, die auch heute noch unter die Haut gehen. Damals wurde behauptet, dass die Zuschauer bei der Europapremiere in London reihenweise in Ohnmacht gefallen seien und dass viele vorzeitig den Kinosaal verlassen hätten müssen. Es gab sogar Gerüchte über Fehlgeburten bei schwangeren Zuschauerinnen. Irgendwann hab ich mal gehört, dass all diese Geschichten auf dem Ohnmachtsanfall einer einzigen Person bei der Premiere in London beruhen - leider ist es mir jedoch aktuell nicht möglich, hierzu eine Quelle zu finden. Nichtsdestotrotz ist dieser Film auch heute nichts für zartbesaitete Gemüter, auch wenn es kein Zufall ist, dass er ausgerechnet in den frühen Siebzigern entstand - in einer Zeit, in der die Generationen sich voneinander entfernt hatten, spielt er mit der Ur-Angst von Eltern, deren süßes, verschmustes Kind sich zu einem rebellierenden Teenager entwickelt. Irgendwie muss ich dabei immer an die Doku-Soap Die strengsten Eltern der Welt aus den späten 2000ern und frühen 2010ern denken, die ich ab und zu schaute, wo die Eltern der Problem-Jugendlichen, die zur Läuterung in ein afrikanisches Dorf oder in die sibirische Pampa geschickt werden sollen, am Anfang jeder Folge immer das Familienalbum aufschlagen und darüber klagen, was für ein süßes und braves Kind ihr Terror-Teenie doch einst gewesen sei. Außerdem denke ich in diesem Zusammenhang auch an den weitaus weniger bekannten Film Macabre von William Castle aus dem Jahr 1958, den ich, offen gestanden, nie gesehen habe, auch wenn die Handlung, soweit mir bekannt, durchaus Potenzial für einen soliden Psychothriller hätte - ein kleines Mädchen, das entführt und lebendig begraben wird, und ein Vater, der seine Tochter finden und befreien muss, ehe sie erstickt. Um die Zuschauer ins Kino zu locken, verkaufte Castle zusätzlich zu den Kinokarten eine Lebensversicherung über tausend Dollar, sollte jemand beim Konsum dieses Films vor Angst sterben. Hämische Kritiker meinten daraufhin, der Zuschauer liefe eher Gefahr, vor Langeweile zu sterben.

Was mich betrifft - ich bin eigentlich schon wieder reif für etwas Neues, das ich noch nicht kenne. Und da hege ich, offen gestanden, momentan nicht mehr allzu viel Hoffnung, was die US-Filmindustrie betrifft. Aber wer weiß, vielleicht entsteht auch hier etwas, das wir jetzt noch nicht erahnen können. Einstweilen greife ich eher auf Filme jenseits des Mainstreams zurück - auch wenn die aktuelle Situation mich um ein Filmfestival gebracht hat, auf das ich mich schon sehr gefreut hatte. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Macht's gut und leckt keine Toilettensitze ab - das gilt auch für die Zeit nach dem Ende der aktuellen Krise! Zum Glück ist unser Geist immer noch frei, sich an jeden Ort zu begeben, den er wünscht, also bon voyage!

vousvoyez

Montag, 16. März 2020

Wieso braucht Gott immer Geld?

Neben dieser Frage ist die wichtigste in Zeiten wie diesen, was man nach dem Ausbruch des Corona-Virus alles anstellen kann. Und natürlich ist die Antwort für mich ganz einfach - zumal ich in letzter Zeit ohnehin relativ viel um die Ohren hatte und daher meine Schreibwut auf die lange Bank schieben musste.

Nun, das obige Zitat stammt von den Simpsons, eine der Fernsehserien, die meine Jugend geprägt haben - ich kann allerdings nicht mehr genau sagen, aus welcher Folge. Es ging auf jeden Fall um eine Spendenveranstaltung für die Kirche in Springfield, und Bart äußerte mit dieser Frage an seine Eltern seine unbewusste Kritik am religiösen Kapitalismus. Insofern bietet dieses Zitat für mich natürlich auch eine Steilvorlage, um mich endlich einmal mit meinem persönlichen Verhältnis zu Religion und Glauben auseinanderzusetzen.

Wie die meisten Österreicher, die im vorletzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geboren wurden, und damals auch alle Mitglieder meiner Familie, so wurde auch ich katholisch getauft, und die Religion spielte auch eine nicht unerhebliche Rolle in meiner Kindheit. Ich habe Erstkommunion und Firmung empfangen, besuchte einen Kindergarten, der zu einem Nonnenkloster gehörte, und ging fünf Jahre lang in eine Mädchenschule, die von eben diesem Kloster geleitet wird - wie schon meine Mutter, die allerdings aus dem Gymnasium dort genommen wurde, nachdem ihre Mitschülerinnen sie wegen ihrer nicht sehr modischen Erscheinung verspotteten. Eigentlich war die Koedukation in Österreich schon 1972 eingeführt worden, doch die Volksschule, die ich besuchte, war das letzte Relikt einer Zeit, in der Unterricht für Jungen und Mädchen getrennt stattfand - und die erste Bildungseinrichtung für Mädchen in meiner Stadt. Für mich, die ich, wie ich schon in früheren Artikeln erwähnte, mit "Mädchenkram" nicht so viel anfangen konnte, war der Besuch einer reinen Mädchenschule eine Strafe, und ich war erleichtert, dass ich nach der ersten Hauptschulklasse endlich in ein koedukatives Gymnasium wechseln durfte. Da hatte ich zwar andere Probleme, aber das interessiert jetzt nicht.

Jedenfalls spielte die Religion, wie schon gesagt, eine nicht unerhebliche Rolle in meiner Entwicklung. Von klein auf musste ich so manchen Sonntagvormittag in einer Kirche verbringen, in der es auch im Hochsommer noch eiskalt war, man sich nur flüsternd unterhalten durfte und ganz still sitzen musste und ich eintönigen Liedern und langweiligen Predigten lauschen musste, von denen ich kaum etwas verstand. Beispielsweise dachte ich jahrelang, es hieße: "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter MEINEM Dach" - da jedoch die Bibel bekanntlich voller Grausamkeiten ist und die Passionsgeschichte auch nicht gerade ein nettes Kindermärchen ist, habe ich das nie hinterfragt. Übrigens frage ich mich, warum man vielerorts Zeter und Mordio schreit, wenn Kinder mal einen nackten Menschen zu sehen kriegen und Leute die Verfilmung des Romans Die Unendliche Geschichte als für Kinder ungeeignet einstufen, weil da ein Pferd stirbt, man aber ganz offensichtlich nichts dabei findet, in christlichen Kindergärten Geschichten über die Folterung und Hinrichtung eines Menschen zu erzählen, den man sozusagen als Identifikationsfigur aufbaut. Als uns die Betreuerin im Kindergarten, die wir damals noch "Tante" genannt haben, die Geschichte von Passion und Auferstehung erzählt hat, haben ein Freund und ich bei ihm zu Hause oft "Kreuzigung" gespielt - mit Playmobil-Männchen und einem Kruzifix, das in seinem Zimmer normalerweise als Wandschmuck diente. Was Pädagogen heute wohl dazu sagen würden? Wozu das stundenlange Sitzen in einer eiskalten Kirche und langweilige Predigten gut sein sollen, konnte mir übrigens nie jemand erklären.

Für mich war die Existenz Gottes und die Wahrhaftigkeit der Bibel als kleines Kind ganz selbstverständlich und wurde nicht hinterfragt. Hinter Zweifeln und Witzen steckte immer etwas Anrüchiges, das anfangs abschreckend, mit der Zeit aber auch reizvoll wurde. Als ich erfuhr, dass es das Christkind und den Osterhasen gar nicht gibt und die Geschenke von den Eltern gebracht werden, begann ich mich zu fragen, ob die Geschichte vom lieben Gott nicht auch geschwindelt sein könnte. Das war die Zeit, als ich beim üblichen Nachtgebet mit einem Elternteil beim apostolischen Glaubensbekenntnis, wenn es hieß "den Schöpfer des Himmels und der Erde", oft fragte: "Den Suppenschöpfer?" Woraufhin meine Eltern das Beten mit mir aufgaben - es hat ja keinen Sinn, wenn das Kind immer alles ins Lächerliche zieht. Ich kann mich erinnern, dass wir, nachdem der Krieg in Jugoslawien begonnen hatte, neben dem engeren Familienkreis auch die kroatischen Verwandten meiner Mutter einschlossen - das war die Zeit, als ich erfuhr, dass es Kriege gibt. Ebenso beteten wir auch für den älteren Bruder meines Vaters, der in seinen frühen Vierzigern an Krebs starb - damals erfuhr ich, dass jeder irgendwann einmal stirbt. Man erzählte mir, dass die Seele, die ich mir so ähnlich wie eine Sehne vorstellte, dann in den Himmel fliegt, wo der liebe Gott wohnt, und dass man dort dann als Engerl herumfliegt. Als meine Großmutter mütterlicherseits starb - ich war damals zehn Jahre alt - erzählte mir die Mutter meines Vaters viel vom Himmel, auch wenn ich schon damals Zweifel hatte, ob es den überhaupt gibt. Trotzdem stellte ich mir manchmal vor, wie die "große" Großmama, wie wir sie nannten, mit dem Klapprad, auf dem sie sich immer fortbewegt hatte, im Himmel herumfliegt.

Die andere, die "kleine" Großmama, war sehr katholisch und hatte wohl den meisten Einfluss auf unsere religiöse Erziehung. Obwohl sie ansonsten eine überraschend moderne Frau war, die schon in den fünfziger und sechziger Jahren zum Lebensunterhalt der Familie beitrug, und in einer verhältnismäßig unkonventionellen Familie aufwuchs, in der die Eltern sich scheiden ließen, als die Liebe vorbei war - im Gegensatz zur "großen" Großmama, die nach dem frühen Tod ihrer großen Liebe ihr Leben mit einem Mann verbrachte, den sie nicht liebte -, hielt sie doch zeit ihres Lebens am Katholizismus fest. In Kombination mit ihrer blühenden Phantasie und ihrer Fähigkeit zur Inszenierung war das für uns als kleine Kinder irgendwo schon faszinierend. Ich erinnere mich beispielsweise, dass sie mich und meine Cousins - ich wohnte mit meinen Eltern und Geschwistern damals im selben Haus wie ein Onkel von mir mit seiner Frau und seinen Kindern sowie der "kleinen" Großmama - häufig vor dem Schlafengehen zu sich holte, damit wir miteinander den Rosenkranz beten konnten. Sie hatte in ihrem Schlafzimmer einen richtigen kleinen Hausaltar mit Kerzen und Heiligenbildchen stehen, an dem wir immer im Schlafanzug knieten und zusammen beteten, ehe wir Kinder ins Bett gingen. Nach ihrem Tod vererbte sie meiner Schwester ihren Betschemel, woraufhin diese erklärte, nur Großmama würde es schaffen, ihr noch über ihr Lebensende hinaus eins auszuwischen, weil sie ihre Kinder nicht hat taufen lassen.

Wie gesagt, habe ich auch einige der vorgeschriebenen Sakramente empfangen - neben der Taufe auch Firmung und Erstkommunion, von allen drei Ereignissen gibt es Fotos: Ich bei der Taufe in den Armen meiner Patin in einem Kleid, das schon meine Geschwister getragen hatten und das mir bereits zu kurz war, weil ich doch ein recht großes Baby war; als Achtjährige bei der Erstkommunion in einem weißen Kleidchen mit einem Blumenkränzchen auf dem kurzen Haar, das ich meiner Mutter nie verzeihen werde - ich fühle heute noch das Stechen des Drahts auf der Kopfhaut, und ihr Hinweis "Das müssen alle tragen" war gelogen -, wie ich gähnend in der Reihe meiner Schulkolleginnen stehe, die Kommunionskerze vor mir; als Vierzehnjährige neben meiner Firmpatin in blauem Blazer, weißer Bluse und weißer Jeans, der Pfarrer legt mir die Hand in die Stirn, während ich aus irgendeinem Grund ein ziemlich böses Gesicht mache. Ich bin ehrlich - die vielen tollen Geschenke, die man als Firmling so bekam, waren für uns alle ein guter Grund, uns firmen zu lassen. Ich bekam damals zum Beispiel meine erste Stereoanlage, die mich tatsächlich lange Zeit begleitete. Es gab mal eine Zeit, da bekam man als katholischer Firmling lediglich eine Uhr geschenkt - ich weiß nicht, ob dieser Anreiz so groß gewesen wäre. Für den Musiker, Autor und Schauspieler Rocko Schamoni war das jedenfalls ein Grund, in den Siebzigern zum Protestantismus zu wechseln, wo man wenigstens Geld bekam.

Die Zweifel an der Sinnhaftigkeit des katholischen Glaubens, ja überhaupt des Glaubens, zogen sich jedoch durch meine gesamte Jugend und einen Teil meiner Kindheit. Der erste Anlass war eben der Wegfall der wichtigsten Mythen meiner Kindheit - Christkind und Osterhase -, der zweite waren die Widersprüche, die sich zwischen dem, was die Kindergärtnerin und später die Religionslehrerin erzählte, und dem, was die Bibelgeschichten erzählten, auftaten. Warum sagt die Bibel, dass man nicht töten soll, warum wird uns erzählt, dass Gott uns alle gleichermaßen liebt, und dieser ist dann im Alten Testament so rachsüchtig? Und warum müssen schon in der Bibel Unschuldige - Frauen und Kinder - unter dieser Rachsucht leiden? Warum ist die Welt so ungerecht, wenn uns doch ständig versichert wird, dass Gott uns über alles liebt? Und letztendlich - warum gibt es so extrem viele Geschichten über Leute, die wirklich mit Gott gesprochen haben, aber in Wirklichkeit hat keiner je etwas erlebt, das die Existenz von diesem je bewiesen hat? Und schließlich erfuhr ich noch, dass nicht alle Menschen auf der Welt an den gleichen Gott glaubten. All das war für mich extrem verwirrend.

Wenn man erwachsen wird, entmystifiziert sich die Welt dadurch, dass man an Lebenserfahrung gewinnt, nach und nach. Und so kam mir mit etwa fünfzehn Jahren zum ersten Mal der Gedanke, dass der Katholizismus möglicherweise nicht das ist, woran ich glaube. Daraus folgte etwa zwei bis drei Jahre danach die Erkenntnis, dass Glaube ganz allgemein nicht mein Weg ist.
Ich habe in diesem Zusammenhang zwei Artikel in der Zeit entdeckt, von denen einer von einer Gläubigen, der andere hingegen von einer Atheistin stammt. Als Nicht-Gläubige kann ich natürlich Letzteren doch ein bisschen besser nachvollziehen, aber gerade deswegen war es der andere, der mich ein bisschen mehr geärgert hat, weil hier die starrsinnige Haltung wieder eingenommen wurde, die so oft jenen entgegenschlägt, die sich nun mal gegen den Glauben entschieden zu haben.

Um eines gleich einmal klarzustellen: Ich will hier nicht blöde Worte und Phrasen wie "Religioten" oder "imaginärer Freund" gebrauchen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass auch Atheisten in ihrer Entschlossenheit, alles abzulehnen, was mit Glauben zu tun hat, sehr häufig auch zu weit gehen. Ich war eine Zeit lang in einer Facebook-Gruppe für Atheisten - ich musste sie nach kurzer Zeit wieder verlassen, weil viele dort ihren latenten Rassismus mit ihrem Nicht-Glauben gerechtfertigt haben. Auch wenn viele das vollkommen anders sehen, so möchte ich doch sagen: Ja, auch Atheisten können durchaus "missionierend" auftreten - etwa, indem sie vollkommen respektlos auftreten gegenüber jenen, die glauben, und den Anspruch haben, jeden Menschen von seinem Glauben abzubringen, weil er ihrer Ansicht nach der Grund für alles Böse dieser Welt sei. Ich glaube, ich muss jetzt nicht anfangen zu erklären, dass auch Kommunismus und Nationalsozialismus dezidiert anti-religiöse Strömungen waren - obwohl sich die Nazis auch von der Kirche legitimieren ließen. Aber ganz allgemein kann man sagen: Ja, es gab und gibt Religionskriege, aber es gab und gibt auch Kriege, die keineswegs religiös motiviert sind oder waren. Und die Abwesenheit des Glaubens macht einen genauso wenig wie der Glaube selbst automatisch zu einem besseren Menschen.

Allerdings gilt das, wie schon angeführt, für beide Seiten. Was mich an dem Artikel von Hanna Jacobs, die ihren religiösen Standpunkt vertritt, am meisten gestört hat, war, dass sie die Kritikpunkte gegen die Kirche auf die längst vergangenen Kreuzzüge reduziert hat. Kein Wort von den Missbrauchs-Skandalen, kircheninterner Zensur, durchaus fehlendem Respekt gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen oder der Raffgier, die besonders die katholische Kirche an den Tag legt. Natürlich ist das soziale Engagement der Kirche keineswegs zu vernachlässigen, aber das gilt genauso für das Engagement derer, die sich keinen Glauben auf die Fahnen geschrieben haben. Und ich behaupte: Man kann sich auch ohne Glauben moralisch verhalten - ich versuche es, so gut ich kann, weil ich Mitgefühl für eines der höchsten Tugenden der Menschheit halte (auch wenn ich es sehr oft vermisse) und weil es eines der vielen, vielen Grundlagen ist, die es uns ermöglichen, als Gemeinschaft zu existieren. Der Unterschied zwischen mir und einem redlich handelnden Christen ist lediglich, dass ich mich für meine Moralvorstellungen nicht auf ein höheres Wesen berufe. Höchstens auf den kategorischen Imperativ. ("Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.") Ja, ich weiß, dass auch Kant von einer Existenz Gottes ausging - aber bis zu Nietzsche taten das so gut wie alle namhaften Philosophen der westlichen Welt. Schon allein durch diese Bemerkung sollte klar werden - auch der Atheist ist nicht davor gefeit, sich für seinen Nicht-Glauben rechtfertigen zu müssen. Der Unterschied zu früher ist halt - in einem Land, in dem Kirche und Staat getrennt sind, kann er zu seinem Nicht-Glauben genauso stehen wie der Gläubige zu seinem Glauben. Und ich gehöre zu jenen, die den Laizismus befürworten, einfach aus dem Grund, weil er alle Glaubensrichtungen, wenn man so will, mit einbezieht und Gesetze unabhängig davon funktionieren.

Abschließend kann ich nur sagen - es ist völlig in Ordnung, sich für den Weg des Glaubens zu entscheiden. Es ist halt nur nicht meiner. Ich bin trotzdem bemüht, respektvoll mit Leuten umzugehen, die meine Meinung nicht teilen - das gilt nicht nur für die Religion. Ich fahre damit einfach seit langer Zeit am allerbesten. Jeder hat nun mal seine eigene Art, die Welt zu sehen - das muss doch nicht heißen, dass wir keinen Konsens finden können. Bemühen wir uns doch, uns gegenseitig ein bisschen mehr zu respektieren!

Und am Ende will ich euch noch den Gruß mit auf den Weg geben, der momentan in aller Munde ist: Bleibt gesund! Und passt gut auf, dass ihr euch immer brav die Hände wascht und genügend Klopapier zu Hause habt!

vousvoyez


Samstag, 4. Januar 2020

Ich bin nicht zu dick, ich bin nur gut sichtbar

(c) vousvoyez
Schlagfertigkeit ist natürlich eine wunderbare Eigenschaft, wenn man sich mit dummen Leuten nicht abgeben will. Leider kann das nicht jeder - ich schaffe es auch nicht immer. Das Blöde ist halt, dass ich dann oft zu Unsachlichkeit neige - zumindest in einer Face-to-Face-Situation, wo das Timing passen muss. Und wer sich zu Unsachlichkeiten hinreißen lässt, neigt gleichzeitig dazu, seine Empörung ewig lang mit sich herumzuschleppen.

Ein neues Jahr hat begonnen, ich bin ab nächster Woche auch ein Jahr älter, und ich werde in nächster Zeit auch wieder etwas mehr zu tun haben. Aber derweil genieße ich noch die letzten Tage des Müßiggangs - und was eignet sich da besser, als ein wenig auf das alte Jahr, das alte Jahrzehnt zurückzuschauen und es auf diese Art und Weise auch hinter sich zu bringen?
Nun, das ganze Jahrzehnt oder auch nur das letzte Jahr historisch aufdröseln kann ich jetzt natürlich nicht. Und auch die letzten zehn Jahre meines Lebens würde meine geschätzten Leser und Innen nur langweilen - auch wenn mir das der eine oder andere vielleicht nicht glauben mag. Denn wer auf so bescheuerte großartige Ideen kommt wie ich, der muss ja ein extrem aufregendes Leben haben!

Nun ja, schauen wir uns mal im Groben an, was uns das vergangene Jahr, das Jahr 2019, so gebracht hat: H. C. Strache und Johann Gudenus haben durch eine "b'soffene G'schicht" die Regierung in den Sand gesetzt; Greta Thunberg ist zum amerikanischen Kontinent und wieder zurück gesegelt; verheerende Waldbrände im Amazonas und in Australien; Peter Handke gewinnt den Literatur-Nobelpreis - alles Themen, über die man sich wunderbar aufregen, ja empören kann. Und deswegen will ich heute von Dingen sprechen, über die wir uns im letzten Jahr ereifert und empört haben. Es soll aber nicht um die großen Dinge gehen - die wurden und werden schon ausreichend abgehandelt. Nein, ganz absichtlich gehe ich in diesem Artikel auf die Lappalien ein, über die man eigentlich gar nicht diskutieren muss - aber eben weil so viele Leute sich darüber das Maul zerfetzt haben, zerre ich sie noch einmal erbarmungslos ans Licht der Öffentlichkeit. Jedenfalls, soweit sie mir selbst noch in Erinnerung sind. Panem und circenses, das wussten schon die alten Römer. Aber das dürft ihr jetzt alle ganz fleißig selbst googeln! Hihihi...

Das erste große Fest nach dem Jahreswechsel - vom Tag meiner Geburt natürlich mal abgesehen - ist ja bekanntlich der Fasching, in Deutschland auch Karneval genannt. Dieser wird von unseren geliebten Nachbarn ja noch weitaus exzessiver gefeiert als von uns selbst - auch wenn ich den österreichischen Fasching schon unerträglich finde. Ja, ich hasse den Fasching! Und zwar mehr als alle anderen Feste im Jahr. So, jetzt ist es raus! Reden wir nie wieder darüber.
Jedenfalls ist es ja so üblich, dass man sich im Fasching verkleidet. Natürlich tut man das bei uns mittlerweile auch zu Halloween - darüber kann man sich ja auch empören, weil Halloween keine in unseren Breiten übliche Tradition ist, sondern irgendwann einmal von den Amerikanern übernommen wurde, die es wiederum von den Iren adaptiert haben. Ich war als Kind noch kein so großer Faschingsmuffel wie heute, weshalb ich mich auch verkleidet habe: als Marienkäfer, als Laubfrosch, als Teddybär, als Musketier, als Vampir. Zu den beliebtesten Kostümen bei Kindern zählen seit der Nachkriegszeit sicherlich Cowboy und Indianer; auch im Kindergarten, in der Schule und auf den Kinderfesten, auf denen ich eingeladen war, liefen immer ein paar Cowboys und Indianer herum. Wobei man fairerweise dazu sagen muss, dass unser Indianerbild nicht wirklich von den echten Native Americans geprägt ist, die bis heute noch nicht die Anerkennung als Opfer eines erbarmungslosen Völkermordes erhalten haben, der ihnen gebührt, und jahrzehntelang ihre Wurzeln verleugnen mussten, sondern natürlich von den Abenteuergeschichten Karl Mays, der zu dem Zeitpunkt, als er seine Wild-West-Romane schrieb, Amerika nie gesehen hat. Ich erinnere mich noch daran, wie verblüfft ich war, als mir meine Großmutter einst, als ich noch sehr klein war, das Foto eines Jungen aus einem Volk der amerikanischen Ureinwohner zeigte, der so ganz anders aussah als die Indianer in den Winnetou-Filmen. Deswegen verwende ich das Wort "Indianer" auch nicht als Synonym für Native Americans, sondern bezeichne damit die Phantasiefiguren bei Karl May.
Im letzten Jahr bat die Leitung zweier deutscher Kindertagesstätten anlässlich des bevorstehenden Faschingsfestes, Verkleidungen zu überdenken, die Stereotype bedienen, etwa die des Indianers oder Scheichs. Die deutsche BILD-Zeitung, noch reißerischer als die österreichische Krone, aber wichtiger als das bei uns heimische Müllblatt oe24, behauptete sofort, dass Indianerkostüme in diesen Kitas verboten worden seien, und der gesamte deutschsprachige Raum regte sich kollektiv auf - wobei die Debatte immer mehr ins Reich der Phantasie abglitt. Rechte Medien gaben natürlich wieder der politischen Korrektheit der "Grünen" und der angeblich fortschreitenden "Islamisierung" die Schuld daran, dass "man" sich angeblich nicht mehr im Fasching als Indianer verkleiden darf.
Nun gut, dass man sich in letztere beide Thesen versteigt, ist natürlich mehr als nur lächerlich. Abgesehen davon müssen kulturelle Stereotype nicht zwangsläufig schlecht sein - bei unserem großen Trachtenfest im Herbst werden durchaus auch häufig Asiaten und Afrikaner in unserer Landestracht fotografiert. Ein "Richtig" oder "Falsch" gibt es bei der Geschichte wohl nicht. Auch wenn es mal ein wichtiger Schritt wäre, auch die Gefühle der Betroffenen zu respektieren. Deswegen habe ich hier auch den Artikel eines "echten" Native Americans verlinkt, der all das erlebt hat, was wir hier in Europa in diesem Ausmaß gar nicht kennen. Ich sage nicht, dass man all dem zu hundert Prozent zustimmen muss. Aber man sollte durchaus mal darüber nachdenken, dass es eventuell für andere verletzend sein könnte, wenn man sich gedankenlos einer Tracht bedient, die denjenigen, zu denen sie eigentlich gehört, lange Zeit zu tragen verboten war. Aber statt dass wir uns auf vernünftige Art und Weise mit dem Thema auseinandersetzen, fangen wir an, zu jammern, dass man ja "überhaupt nichts mehr darf". Das ist genauso wie mit den Leuten, die sich das ganze Jahr über darüber beschweren, dass man gewisse Lebensmittelprodukte heutzutage nicht mehr Negerküsse und Zigeunerschnitzel nennt. So als hinge unsere gesamte Kultur ausschließlich von der stereotypen Wahrnehmung anderer Völker ab.

Einrichtungen für Kinder haben in diesem Jahr besonders oft für Empörung gesorgt - beispielsweise die Förderschule in Aschaffenburg, die es wagte, wegen des Ramadans ein Schulfest zu verschieben, ohne erst mal den gesamten deutschsprachigen Raum um Erlaubnis zu fragen. Intention war, dass niemand von dem Fest ausgeschlossen werden sollte, aber offensichtlich veröffentlichte ein Elternteil das Mitteilungsblatt, das darüber informierte, auf Social Media. Sofort machte der Post die Runde, und wieder einmal wurde ein Shitstorm losgetreten, den die Entscheidung einer einzelnen Kleinstadtschule gar nicht wert war. Die Schule erhielt zahlreiche Hass-Mails nicht nur aus Deutschland, sondern sogar aus dem Ausland. Nun, zu jeder Zeit hat schon mal eine Schule ein Fest verschoben. Dass deswegen so ein Theater veranstaltet wird, ist einfach nur dumm - und wäre sogar lustig, hätte es nicht so viel Hass gegen die Kinder gegeben, die für die Fehltritte der Erwachsenen gar nichts können.

Noch schlimmer hat es da zwei private Kindertagesstätten in Leipzig getroffen, deren Leitung es doch tatsächlich gewagt hat, den internen Speiseplan zu ändern - ebenfalls, ohne die Wahnwichtel erst um Erlaubnis zu fragen. Was diesen natürlich überhaupt nicht passte. Was ist letztlich passiert? Nun, die Kitas haben das Schweinefleisch aus dem Speiseplan genommen, um muslimischen Kindern das gemeinsame Essen mit den anderen zu ermöglichen. Was natürlich eine Unverfrorenheit ist, einfach so mir nichts, dir nichts das Schweinefleisch zu verbieten - Moment...
Von einem "Verbot" war gar nicht die Rede - niemand hat behauptet, dass man der deutschen Mutti verbieten müsse, ihr Kind zu Hause bis zum Anschlag mit Schweinefleisch vollzustopfen. Niemand hat behauptet, dass der Deutsche sein geliebtes Schweinefleisch nicht mehr essen darf. Die Debatte ging sogar bis zu uns nach Österreich - gibt's was Peinlicheres? Jawohl - und zwar, dass die mediale Zündelei zu Drohungen gegen die Kita geführt hat. Einer Einrichtung für kleine Kinder!
Das einzig Positive daran: Ich hatte ab und zu auch Spaß. Beispielsweise, als die FPÖ in einem flammenden Post gegen den Verzicht von Schweinefleisch aufrief und dazu ein paniertes Fischfilet postete. (Ich könnte ja fragen, was mit denjenigen geschieht, die aus nicht-religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen wollen - beispielsweise, weil es ungesund ist. Und ob man jetzt alle Muslime mit Schweinefleisch zwangsernähren will. Aber ich glaube, das führt zu nichts.)

Wie ich letztes Jahr schon ausgeführt habe, ist auch die Vorweihnachtszeit ein dankbarer Vorwand, um in Hysterie zu verfallen. Darüber habe ich ja im letzten Jahr schon berichtet. In diesem Jahr ging es allerdings schon im Oktober los, als die Supermarktkette Aldi, das deutsche Pendant zu unserem Hofer, den sogenannten "Herbststern" verkaufte, eine Abwandlung des tropischen Wolfsmilchgewächses Euphorbia pulcherrima, das bei uns als "Weihnachtsstern" bekannt und schon seit vielen Jahren traditionell in der Weihnachtszeit als Topfpflanze in vielen Haushalten zu finden ist. Es gab gleich einmal einen riesigen Shitstorm gegen Aldi, obwohl es noch einige Zeit dauern sollte bis Weihnachten. Weiter ging's mit einer anderen Abwandlung namens "Winterstern", so genannt, weil die Hochblätter eine andere Farbe hatten als der klassische Weihnachtsstern. In dem Stil ging's dann die ganze Adventszeit über weiter; ein AfD-Politiker fotografierte die Rückseite eines Adventskalenders der Süßigkeitenmarke Kinder und echauffierte sich darüber, dass da nicht "Adventskalender" drauf stand - nun, ich schreibe auf die Gegenstände, die mich umgeben, auch immer "Tisch", "Stuhl", "Decke", "Wäscheständer" und "Tür" drauf, weil ich von allein nie draufkommen würde, worum es sich handelt. Jeder andere, der das nicht so macht, ist übrigens islamisiert. So wie Nestlé - deren Schoko-Weihnachtsmann heißt nämlich "Klapperklaus". Dass er deswegen so heißt, weil sein Hohlkörper mit Smarties gefüllt ist, die klappern, wenn man ihn schüttelt, dass es diesen bereits seit 2004 gibt und dass es lächerlich ist, dahinter eine "Islamisierung" zu vermuten, kann nur jemand behaupten, der natürlich auch schon islamisiert ist. Am dümmsten aber war die Aufregung gegen den "Zwarte Piet", eine dunkelhäutige Schokofigur, die in der flämischen Kultur - also Belgien und den Niederlanden - als Helfer von Sinterklaas, also dem Nikolaus, bekannt ist. Mit einem Wort: Man hetzte hier gegen eine alte christliche Tradition. Lustig an der Geschichte ist, dass es dieselbe Diskussion auch schon in den Niederlanden gibt - nur andersherum. Dort werden Menschen mit dunkler Hautfarbe nämlich oft abwertend "Zwarte Piet" genannt, weshalb über die Abschaffung dieser Figur diskutiert wird.

Und last but not least möchte ich noch auf ein sehr leidiges Thema eingehen, das in den letzten Tagen des Jahres die Gemüter aufgehetzt hat, die sich bis jetzt noch nicht so richtig beruhigt haben. Und zwar geht es um einen Beitrag des Fernsehsenders WDR 2. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich weiß nicht einmal, ob ich den überhaupt noch empfange - seine Inhalte waren für mich, offen gestanden, nie wirklich interessant. Halt ein ausländischer Sender von alten Leuten für alte Leute. Auf diesem Sender wurde Anfang dieser Woche von einem Kinderchor ein Lied vorgetragen, das die Gemüter erhitzte - ich habe es hauptsächlich deshalb mitbekommen, weil es so oft auf Facebook geteilt wurde. Es war eine teilweise umgedichtete Version des beliebten Kinderliedes Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, das ich im Volksschulalter ebenfalls geliebt habe und das leicht abgewandelt mit dem Schlusssatz "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau" gesungen wurde. Nun bin ich persönlich der Meinung, dass sich dieses Lied den Titel "Satire" nicht wirklich verdient hat - dafür ist es zu platt, es ist einfach nichts anderes als reiner Klamauk, typischer Grundschul-Humor. Für einen Abend am Lagerfeuer im Pfadfinderlager vollkommen okay - in einer Fernsehsendung wohl eher nicht. Auch, weil man als Medienverantwortliche/r eigentlich schon hätte wissen müssen, wohin das führt. Erst recht, wenn bei mir, obwohl meine Medienkompetenz dagegen kaum erwähnenswert sein dürfte, beim Hören dieses Lieds schon alle Alarmglocken läuteten. Und wie sich herausstellen sollte, zu Recht. Nur wenige Stunden später hagelte es nämlich einen Shitstorm von allen Seiten, weil sich gefühlt jeder Zweite bemüßigt fühlte, die eigene Oma sowie ganz allgemein das "Heiligtum" Großmutter zu verteidigen. Der WDR entschuldigte sich in einer Sondersendung und zog das Video zurück. Die Gemüter beruhigt hat er damit nicht - im Gegenteil, jetzt mussten auch noch Leute ihren Senf dazugeben, die gar nicht mehr die Möglichkeit hatten, dieses Lied in seiner Gänze zu hören.

Irgendwie scheinen wir aktuell in einer Zeit zu leben, in der man sich ständig verpflichtet fühlt, die ältere Generation verteidigen zu müssen. Es gibt ein beliebtes Meme, in der die Jugend, die für FFF demonstriert, aufgefordert wird, doch lieber dafür zu demonstrieren, dass deutsche Rentner nicht mehr Pfandflaschen sammeln müssen. Und man hält derzeit besonders krampfhaft am Mythos der "Trümmerfrauen" fest, die sowohl Deutschland als auch Österreich angeblich ganz allein mit den eigenen Händen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut haben. Entsprechend grub man diese Geschichte auch gleich wieder aus und verteidigte die eigene Oma, die noch Socken gestopft, Pullover gestrickt und ihre Einkäufe per pedes im Einkaufsnetz vom Greißler am Eck nach Hause transportiert habe. Ganz abgesehen davon, dass die Oma in dem Lied, wie schon gesagt, fiktiv ist und auch in den Fünfzigern, als es entstand, wohl kaum eine Oma im Hühnerstall Motorrad gefahren ist, sind die Kinder, die das Lied gesungen haben, wohl doch noch viel zu jung, als dass deren Großmütter noch zu den Trümmerfrauen gerechnet werden können - diese Kinder haben Großmütter, die in den fünfziger und sechziger Jahren geboren sind, die also bereits die Annehmlichkeiten des Wirtschaftswunders genossen haben und die entbehrungsreiche Zeit nach dem Krieg nur noch aus Erzählungen kennen ("Als ich in deinem Alter war, hab ich Steine schleppen müssen!"). Im übrigen habe ich die Originalversion als Kind auch gesungen - und selbst damals schon kapiert, dass damit nicht meine eigenen Großmütter gemeint sind.

Nun, was die Oma betrifft, so hätte ich einen Vorschlag: Statt sich gegenseitig im Internet zu beschimpfen, können doch all diejenigen, die so wahnsinnig empört sind, ein paar Stunden die Woche dafür aufwenden, die eigene Oma besuchen zu gehen. Und wer keine mehr hat, könnte sich ja alternativ um eine der vielen alten Damen kümmern, die keine Enkelkinder haben. Was die oben aufgezählten Lappalien ganz allgemein betrifft: Mir ist aufgefallen, dass alle ihren Ursprung in Deutschland haben. So geht das aber nicht, dass unsere werten Nachbarn uns beim Raunzen so viel Konkurrenz machen! In diesem Jahr hat sich das zu ändern, aber zackig! Gebt euch ein bisschen Mühe, meine lieben Landsleute!

vousvoyez


Kostüme: https://www.mopo.de/hamburg/politisch-korrekter-fasching-hamburger-kita-verbietet-indianer-kostueme--32163248
https://www.vice.com/de/article/zma8ze/liebe-deutsche-indianer-kostume-an-karneval-sind-nicht-lustig

Schulfest: https://www.mimikama.at/allgemein/schulfest-verschoben/

Schweinefleisch: https://www.mimikama.at/allgemein/schulfest-verschoben/

Die Oma: https://www.zeit.de/kultur/2019-12/wdr-kinderchor-umweltsau-oma-klima-kommentar