Dienstag, 25. Oktober 2022

Ich fühle mich wie Picasso, denn ich befinde mich auch in einer blauen Periode

Photo by Johnell Pannell on Unsplash
Könnt ihr euch noch an Jana aus Kassel erinnern? Was die wohl gerade macht? Ob sie sich immer noch wie Sophie Scholl fühlt? Oder ist sie vielleicht sogar zur Einsicht gekommen? Zumindest scheint sie genug Verstand zu haben, sich aus dem Internet fernzuhalten und sich nicht mehr mit dummen Sprüchen profilieren zu wollen. Dann hat der Shitstorm wenigstens etwas gebracht. Aber zumindest sind uns ein paar schöne Erinnerungen an damals geblieben - beispielsweise die vielen ironisch gemeinten unpassenden Vergleiche, von denen es ein paar auch in die Weisheits-Liste geschafft haben. Unter anderem auch der Spruch, den ich selbst erdacht habe - der allerdings aus heutiger Sicht eher missverständlich als wirklich gelungen war. Ich meinte nämlich eigentlich nicht den weiblichen Zyklus, sondern übermäßigen Alkoholkonsum. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn ich stattdessen Picassos rosa Periode gewählt hätte. Aber egal - ich bin sowieso nicht sehr trinkfest, also vergessen wir das gleich wieder.

Reden wir stattdessen über Themen, die uns nicht erst seit gestern bewegen - auch wenn sie heutzutage ziemlich oft aufgegriffen werden. Zum Beispiel über zwei dystopische Romane, die bereits mehrere Generationen bewegt haben und immer noch beklemmende Aktualität besitzen.

Sowohl George Orwells 1984 als auch Aldous Huxleys Brave New World (dt. Schöne neue Welt) gehören bereits seit vielen Jahrzehnten zu den Klassikern unter den dystopischen Romanen - auch, weil wir vieles davon in unsere Gegenwart transferieren können. Aber gerade deshalb muss ich vorab noch einmal klarstellen, dass weder Orwell noch Huxley hellseherische Fähigkeiten hatten - sie hatten allerdings ein sehr scharfsinniges Gespür für bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, und in gewisser Hinsicht sind ihre Werke auch von der Zeit geprägt, in der sie geschrieben haben. Und besonders George Orwell würde mit Sicherheit im Grab rotieren, wenn er mitbekäme, wie häufig sein Roman dieser Tage missverstanden und missinterpretiert wird. Dazu aber später mehr.

In beiden Romanen geht es um die Schreckensvision einer zukünftigen Weltordnung, und um die Schicksale derer, die diese in Frage stellen. Es sind keine strahlenden Helden, sondern eher normale oder gar schwache Mitglieder der Gesellschaft, in der sie leben, die am Ende an dem Versuch scheitern, sich dieser zu entziehen oder sie gar zu verändern. Die Zukunftsversionen der beiden englischen Schriftsteller scheinen unvereinbar, und doch scheint sich, besonders wenn man heutzutage auf China schaut, eine Fusion aus ihnen zu entwickeln - einerseits ist das Land zu einer Art Versuchslabor für moderne Überwachungstechnologien geworden, andererseits vermischt sich High Tech mit einem totalitären Regierungssystem. Menschen werden nach einem Punktesystem bewertet, welches erwünschtes Verhalten belohnt und unerwünschtes bestraft - so werden sie zu Konformismus und Gehorsam "erzogen" und tauschen ihre persönliche Freiheit gegen finanzielle und narzisstische Annehmlichkeiten, ohne es überhaupt zu registrieren. Durch diese Art der unsichtbaren Überwachung wird eine falsche Gleichheit hergestellt - denn genau wie du allen anderen schaden kannst, können die anderen auch dir schaden. Sowohl Huxleys als auch Orwells Roman sind mit viel Zynismus geschrieben, wobei Brave New World im Ganzen eine eher ironische Betrachtung der zeitlichen Entwicklungen ist, und wirken so wie merkwürdige Zerrbilder unserer Gegenwart. Dabei schien dieser Weg ihnen gar nicht vorgezeichnet zu sein. Sie lernten einander in der Eliteschule Eton kennen, wo Huxley Lehrer und Orwell, der damals noch Eric Arthur Blair hieß, Schüler war - danach trennten sich ihre Wege, um für einen kurzen Zeitpunkt wieder zusammenzufinden, als sie gegenseitig ihre Werke rezensierten - hier endete jedoch die gegenseitige Wertschätzung ein wenig. Sie waren auch viel zu verschieden, um wieder zusammenzufinden - die klassischen Gegensätze von Intro- und Extraversion, gepaart mit der unterschiedlichen sozialen Herkunft.

Der 1903 geborene Blair, Sohn eines britischen Kolonialbeamten, kam mit einem Stipendium nach Eton, ein College für die Söhne der Oberschicht - eine zeitlose Enklave, in der die zukünftige Elite des britischen Empires ausgebildet wurde. Der 1894 geborene Huxley wiederum war der Spross einer prominenten Familie - sein Vater war Autor und Biologe und maßgeblich an der Durchsetzung der darwinistischen Lehre beteiligt; sein Bruder Julian war ein bedeutender Biologe und Zoologe, Vordenker der Eugenik und erster Generaldirektor der UNESCO; sein Bruder Andrew erhielt den Nobelpreis für Medizin. Auch er war vor seiner Lehrtätigkeit Schüler in Eton gewesen. Im Gegensatz zu ihm gelang es dem jungen Blair jedoch nie, sich in der Welt der Eliteschulen heimisch zu fühlen - aufgrund seiner Herkunft von den anderen gemobbt, begann der Junge rebellisch zu werden. Huxley hatte seinen Lehrerposten angenommen, weil sein Vater ihn nicht mehr finanziell unterstützte. Er war kein begabter Pädagoge, wurde aber für seine sprachlichen Fähigkeiten bewundert und vermittelte seine Liebe zur Sprache auch den Schülern. Durch ihn lernte Blair die französische Literatur kennen und begann zu schreiben. Sowohl Schüler als auch Lehrer wurden in ihrer schriftstellerischen Arbeit sehr vom Geist des Eton College geprägt - er festigte in ihnen die Überzeugung, dass sich in Zukunft eine streng hierarchische, unverrückbare Kastengesellschaft etablieren würde, aus der es kein Entkommen gäbe. Man muss allerdings dazu sagen, dass das Klassenbewusstsein der britischen Gesellschaft ohnehin schon immer besonders stark war - auch wenn der Auf- und Abstieg nicht von vorn herein ausgeschlossen ist.

Nachdem er Eton verlassen  hatte, trat Blair seinen Polizeidienst in Burma an, den er 1927 quittierte, um in England freier Journalist und Schriftsteller zu werden. Er lebte mehrere Jahre als Vagabund und Gelegenheitsarbeiter in Paris und London - dies bewog ihn dazu, für die Opfer des Systems zu schreiben, und festigte in ihm den Glauben, dass eine Revolution nur vom Proletariat ausgehen könnte, ein Gedanke, der sich auch in 1984 wiederfindet. Er veröffentlichte unter dem Pseudonym George Orwell, das er unter anderem auch angenommen hatte, weil seine Familie fürchtete, sonst ihr Ansehen zu verlieren. 1936 meldete er sich freiwillig als Soldat im Spanischen Bürgerkrieg, wo er auf der Seite der trotzkistischen P.O.U.M. (Partido Obrero de Unificatión Marxista) gegen die Franco-Diktatur kämpfte. Unter seinen Mitstreitern erlebte er zunächst das Idealbild einer klassenlosen Gesellschaft, doch dann wurde der Widerstand vom stalinistischen Totalitarismus überrollt, und Orwell sah sich plötzlich in der Rolle es politisch Verfolgten wieder, der fliehen musste. Seine Erfahrungen in Spanien sollten auch seine beiden bekanntesten Werke prägen: In Animal Farm finden sich beispielsweise Stalin und Trotzki in den Schweinen Napoleon und Schneeball wieder, in 1984 im Großen Bruder und dem Untergrundkämpfer Emmanuel Goldstein. Damals lernte er die Strategien des Stalinismus kennen: Falschinformation und die Umkehrung der Lüge zur Wahrheit, was vor allem in der Handlung von 1984 sehr prägend ist - etwa in paradoxen Slogans wie "Unwissenheit ist Macht" oder "Krieg ist Frieden", welche die Perversion totalitärer Regime karikieren: Wörtern wird der Inhalt geraubt und dieser ins Gegenteil verkehrt, wodurch sie jegliche Bedeutung verlieren. Wir erleben das leider auch in unserer Gegenwart: Erst vor zwei Tagen habe ich über einen Tweet von Erich von Däniken erfahren, dass man ja gar nichts mehr sagen dürfte - während er gleichzeitig ungehindert einen Schwall Unsinn ins Netz blökte, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.

Animal Farm wurde im Jahr 1945 veröffentlicht; zuvor hatte Orwell jedoch Schwierigkeiten gehabt, einen Verlag für das Buch zu finden - die meisten lehnten eine Veröffentlichung ab, da sie eine gekränkte Reaktion der Russen fürchteten. Im selben Jahr war seine Frau gestorben, mit der er ein Jahr zuvor einen kleinen Jungen adoptiert hatte. Gleichzeitig war auch sein eigener Gesundheitszustand nicht sehr stabil, da er bereits seit Jahren immer wieder Probleme mit der Lunge hatte. 1947 stellte man eine erhebliche Zerstörung seines linken Lungenflügels fest; daraufhin zog er sich in ein stilles Farmhaus auf der Hebriden-Insel Jura zurück und begann, an 1984 zu arbeiten. Hier zeigt sich wieder ein auffälliger Gegensatz zu Huxley, der milderes Klima, luxuriöse Lebensumstände und intellektuelle Gesellschaft bevorzugte und sich mit Sicherheit niemals freiwillig auf eine fast menschenleere, windige Insel zurückgezogen hätte. Orwell wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, wollte aber vorher unbedingt noch seinen Roman veröffentlichen, und arbeitete unermüdlich - selbst wenn er zu schwach war, um vom Bett aufzustehen. 1984 wurde im Jahr 1949 veröffentlicht, und Orwell wurde nach London ins Krankenhaus eingeliefert, wo er 1950 mit nur 46 Jahren an einer Lungenblutung starb.

Aldous Huxley wiederum wurde erst mal Ehemann und Vater, nachdem er Eton den Rücken gekehrt hatte. Die bedeutenden Personen in seiner Familie hatten auch in ihm von jung an ein Interesse an Wissenschaft, Medizin, Biologie und technischen Innovationen geweckt, was sich auch in Brave New World widerspiegelt, ebenso wie mit dem nie enden wollenden intellektuellen Schlagabtausch mit seinem Bruder Julian. Dieser war ein großer Befürworter der Eugenik, während Aldous ihr sowohl mit Faszination als auch mit Abstoßung gegenüberstand. Der Diskurs zwischen Rationalität und Utopie zwischen den beiden Brüdern sollte einen bis heute andauernden intellektuellen Streit der Menschheit vorwegnehmen. Das Thema Entmenschlichung durch wissenschaftliche Forschung zog sich durch viele literarische Werke Huxleys, ebenso wie die Frage der Rolle des Individuums in einer Welt aus zunehmender Massenproduktion und Massenkonsum. Sein 1932 erschienener Roman Brave New World war eine Art Gegenentwurf zur allgemein etablierten Form des Science-Fiction-Romans, in der Fortschritt immer als Segen für die Menschheit dargestellt wurde. 

1937 zog er nach Kalifornien, wandte sich dem Buddhismus, der Mystik und dem religiösen Universalismus zu und verdingte sich zeitweise als Drehbuchautor in Hollywood, wobei er mit seinem Gehalt die Flucht von Juden und linksgerichteten Künstlern aus dem deutschen NS-Staat unterstützte. In den 1950ern experimentierte er mit Meskalin und LSD - die daraus entstandenen Erfahrungen verarbeitete er unter anderem in seinem The Doors of Perception, nach der Jim Morrison später seine Band benennen sollte: The Doors. Ganz allgemein wurde er durch seine Erfahrungen mit Halluzinogenen eine Ikone der Beat Generation und später der Hippie-Bewegung. 1960 wurde bei Huxley Kehlkopfkrebs festgestellte - zwei Jahre später erschien sein letzter Roman Island (dt. Eiland), der sehr von seinen Erfahrungen mit dem Buddhismus geprägt ist und eine Art Gegenentwurf zu Brave New World darstellt. Huxley starb am 22. November 1963 - dem Tag, als John F. Kennedy erschossen wurde, weshalb sein Tod nicht so viel Beachtung fand.

Wie schon gesagt, erscheinen die beiden so bedeutenden dystopischen Romane sehr gegensätzlich - auf der einen Seite Orwells totalitäre Schreckensherrschaft, welche die Leute durch künstliche Verknappung, Desinformation und totale Überwachung in Knechtschaft hält; auf der anderen seite eine hedonistische Spaßgesellschaft, die durch Suggestion gelernt hat, diese Knechtschaft nicht nur zu akzeptieren, sondern regelrecht zu lieben. Die eine Gesellschaft wird also von Angst geleitet, die andere von Genuss. Entsprechend ist Auflehnung in beiden auf unterschiedliche Weise schwierig. Beide Romane erzählen von einer globalisierten Welt - drei sich ständig bekriegende Supermächte bei Orwell, ein Weltstaat, der fast alle Menschen unter seiner Kontrolle hält, bei Huxley. Die Regierung in 1984 ist repressiv, bürokratisch und praktisch allwissend, während die Kontrollinstanz in Brave New World auf Wissenschaft und Technik fokussiert ist und darauf achtet, die Gesellschaft stabil zu halten. Deswegen sind zu große Innovationen auch nicht erwünscht, denn diese könnten destabilisierend wirken.

Orwell hat den Geist des Totalitarismus wohl so gut verstanden wie kaum ein anderer. In 1984 kreierte er einen gigantischen Personenkult um einen "Großen Bruder" (engl. "Big Brother"), der selbst nie in Erscheinung tritt, aber dennoch allgegenwärtig ist. Personenkulte sind uns natürlich auch von realen totalitären Regimes nur allzu bekannt, sei es Hitler oder Stalin, sei es Mobutu oder Idi Amin, sei es Xi Jinping oder Kim Jong-un. Der niemals selbst in Erscheinung tretende Diktator findet sich auch in Woody Allens Film Sleeper (dt. Der Schläfer) von 1973 wieder - hier stellt sich gegen Ende des Films heraus, dass er bereits gestorben und nur seine Nase übriggeblieben ist. Die Gesellschaft in Orwells Roman ist streng hierarchisch organisiert und von ständiger Überwachung sowie Desinformation und inszenierter Armut geprägt, die Menschen sind ständig mit ihren Existenznöten beschäftigt. Auch in Brave New World gibt es strenge, unverrückbare Hierarchien, aber die Bevölkerung stellt diese aufgrund ihrer Konditionierung nicht in Frage. Statt anspruchsvoller Kunst und Kultur gibt es in beiden Werken nur seichte Unterhaltung - in 1984 werden die Leute damit dumm gehalten, in Brave New World sind sie aufgrund der emotionalen Verarmung für keine andere Unterhaltung mehr zugänglich. In 1984 werden kritische Gedanken durch Gewalt und einer Kontrolle, die bis in die intimsten Bereiche dringt, unterdrückt; in Brave New World werden alle von klein auf so angepasst, dass sowas wie kritische Gedanken gar nicht erst aufkommt - und so plappert die schöne Lenina munter alles nach, was ihr einst in der Schlafschule eingetrichtert wurde, ohne es je in Frage zu stellen oder eigene Gedanken zu entwickeln. In beiden Romanen werden politische Gegner aus der Gesellschaft entfernt: In 1984 verschwinden sie spurlos und niemand spricht danach mehr über sie; in Brave New World werden sie auf abgeschiedene Inseln deportiert, wo sie niemandem mehr "schaden" können. Bei Orwell wird Hass auf eine ominöse Widerstandsbewegung geschürt, bei Huxley hat man das jedoch nicht nötig; da alle glücklich mit ihrer Rolle in der Gesellschaft sind, kann Neid oder gar Hass gar nicht erst aufkommen.

Winston Smith, der Protagonist von 1984, gehört zur Äußeren Partei, deren Mitglieder besonders streng kontrolliert werden, und arbeitet im Ministerium für Wahrheit, wo er permanent damit beschäftigt ist, die Vergangenheit umzuschreiben und auf Parteilinie zu halten. Insgeheim zweifelt er das Staatssystem und den Großen Bruder jedoch an, führt heimlich Tagebuch und verliebt sich in Julia, die ebenfalls die Partei ablehnt, sich nach außen hin jedoch völlig parteikonform gibt. Die beiden richten sich ein Liebesnest in einem Zimmer ein, das vermeintlich nicht überwacht wird - Liebe und Sex werden somit zu einem Akt der Auflehnung und Rebellion, zu einem Ausweg aus der furchterregenden Welt, die der Roman beschreibt, und führt letztendlich in den Widerstand bis zum Tod. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass sie auf die falschen Freunde gesetzt haben, denn sie werden inhaftiert, und in der Folge wird Winstons Martyrium beschrieben - Verhöre, Folter, permanentes Licht und Essensentzug, Manipulation des Willens, Zerstörung des Selbstvertrauens, bis hin zur Aufgabe des letzten Restes an Selbstachtung: Winston verrät seine Liebe zu Julia, wodurch sein Widerstand endgültig gebrochen ist. Auch Julia verrät Winston, und ihre Liebe ist zerstört. Denn die Partei will keine Märtyrer und unterzieht die Gefangenen erst mal einer Gehirnwäsche, um sie zu demütigen und ihnen den Heldenstatus von vorn herein zu nehmen.

Bei Huxley wiederum herrscht Bequemlichkeit und Stabilität durch unmittelbare Bedürfnisbefriedigung - die Welt ist von Fortschrittsglauben, Industrialisierung und Konsum geprägt. Die Menschen werden in Reagenzgläsern gezüchtet, ihr Leben ist von Anfang an als Teil von vier Kasten vorbestimmt: Die Alphas stellen die körperliche, geistige und politische Elite dar, die Epsilons jedoch werden durch Klonen am Fließband hergestellt, um die am wenigsten anspruchsvollen Arbeiten zu verrichten. Doch sie sind alle vollauf zufrieden mit ihrem vorgezeichneten Lebensweg und wollen es gar nicht anders haben. Tiefere emotionale Beziehungen sind tabu; natürliche Vorgänge wie Geburt, Krankheit und Alter sind diesen Menschen unbekannt, sie werden sogar als anstößig erlebt; negative Gefühle werden mit einer frei zugänglichen, nebenwirkungsfreien und stark dosierbaren Droge namens Soma unterdrückt. Damit ist hier Liebe ein Akt der Rebellion, Sex hingegen reine Bedürfnisbefriedigung ohne emotionale Bindung. Das Individuum zählt nicht, der Tod eines Menschen wird einfach hingenommen und nicht beweint, zumal die Sterbenden sowieso in ein Hospiz untergebracht und mit Soma versorgt werden - ähnlich, wie Huxley kurz vor seinem Tod noch einmal LSD einnahm. Auch Religionen gibt es nicht mehr, dafür aber eine Art Verehrungskult des Automobilpioniers Henry Ford - im Gegensatz zu den Menschen in den Reservaten, die das Christentum mit Naturreligionen verbinden.

Bernard Marx gehört zur Alpha-Klasse, doch ein Fabrikationsfehler führte nicht nur zu kleinerem Wuchs und weniger Ansehnlichkeit, sondern auch zu geistiger Unabhängigkeit. Sein Außenseitertum gibt ihm ein Gefühl von Fremdheit und Einsamkeit, und er hat wenig Erfolg bei Frauen. Trotzdem gelingt es ihm, die schöne Lenina Crowne zu einem Kurzurlaub in einem Reservat in New Mexico einzuladen. Dort begegnen sie all dem, was aus dem modernen Leben schon längst verbannt ist: Schmutz, Ungeziefer, schwangere Frauen, stillende Mütter, alte Menschen. Unter ihnen leben jedoch, wie sich bald herausstellt, zwei Weiße: Linda, die vor vielen Jahren im Reservat verlorenging und wegen fehlender Verhütungsmittel ein Kind austrug, und ihr Sohn John, ein junger, gut aussehender Mann, der jedoch im Referat aufgewachsen ist und die Zivilisation nur aus Erzählungen seiner Mutter kennt. Im Gegensatz zu Bernard, der sich am Ende doch als schwach und feige herausstellt und nicht auf den Komfort der Zivilisation verzichten kann, ist John der Revolutionär unter den Außenseitern, jemand, der einen Umbruch herbeiführen will. Das Problem ist allerdings, dass es ihm hierfür an Phantasie fehlt - er gibt hauptsächlich Passagen aus Shakespeares Werken wieder, die er in der Gesamtausgabe gelesen hat, die er irgendwann einmal im Reservat gefunden hat, hat aber keine eigenen Gedanken und Ideen. Mit Bernard verbindet ihn jedoch die Erfahrung von Ausgrenzung, denn im Reservat werden er und Linda als Außenseiter behandelt, und sie empfindet es als Schande, ein Kind auf die Welt gebracht zu haben. Und wie Bernard, so leidet auch er in Folge unter der sozialen Kälte einer Zivilisation, für die sie immer anders sein werden, in einer Welt, in der man nicht anders sein darf, und all ihre Gefühle spüren wollen in einer Gesellschaft, in der Gefühlstiefe unerwünscht ist.

Bernard nimmt Mutter und Sohn mit in die Zivilisation, wo die beiden mit Neugier wie seltene, vom Aussterben bedrohte Tiere begafft werden - oder wie jene fremdländischen Menschen, die im 19. Jahrhundert aus ihrem Umfeld gerissen und in einem Zoo ausgestellt werden. John ist erst beeindruckt von der Fortschrittlichkeit dieser Welt, fühlt sich von ihren Sitten aber allmählich abgestoßen - die Lieblosigkeit der Menschen, die Banalität der Unterhaltungsmedien und der ständige Drogenkonsum irritieren ihn am meisten. Die einzigen, mit denen er offen sprechen kann, sind Bernard Marx und sein Freund Helmholtz Watson, der durch Shakespeare angeregt wird, sich kreativ zu betätigen. Bernard hingegen erlebt durch seine "Entdeckung" des "Wilden" zum ersten Mal gesellschaftliche Anerkennung und genießt sie in vollen Zügen. Am Ende werden alle drei festgenommen, und Marx wird nach Island, Watson auf die Falkland-Inseln verbannt. John wiederum zieht sich in einen verlassenen Leuchtturm zurück, wo er sich selbst geißelt und bald von Schaulustigen umgeben ist, die ihn beobachten und filmen, bis er sich im Turm erhängt.

Wie schon angedeutet, war Brave New World sehr von den Debatten um die Eugenik in den 1930er Jahren inspiriert - die sogenannte "Erbgesundheitslehre" war nicht umsonst vor allem im Nationalsozialismus sehr präsent, wo sie häufig auch als "Rassenhygiene" bezeichnet wurde. Doch auch der Burenkrieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts heizte in England die Debatte um die Eugenik an, und schon damals wurde etwa über die Sterilisation von Menschen mit Behinderung und mangelnder sozialer Anpassung gesprochen. Und selbst heute, wo die Wissenschaft schon viel weiter ist, halten rechtsextreme Gruppierungen immer noch an den alten Lehren der Eugenik fest, auch wenn sie es natürlich nicht zugeben. Im Nationalsozialismus wurde damit auch die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" gerechtfertigt, die darin bestand, Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen zu ermorden oder in den Konzentrationslagern medizinische Versuche an Menschen durchzuführen. Das ist auch der Grund, warum der Begriff "Eugenik" in der heutigen Zeit nicht mehr so gern benutzt wird. In der Frühzeit wurde die Lehre eher sozialdarwinistisch ausgelegt - ähnlich wie in der Tierzucht, sollte es darum gehen, Erbkrankheiten zu reduzieren und so die Erbanlagen der Menschen allgemein zu verbessern. Heute sind wir von einer neuen Form der Eugenik gar nicht so weit entfernt: Man denke an die Designer-Babys, die durch genetische Manipulation den Wünschen der werdenden Eltern angepasst werden sollen. Auch über Erziehung durch Konditionierung und das Lernen im Schlaf, wie sie in Brave New World praktiziert werden, wurde damals sehr angeregt diskutiert. Wissenschaft und Technik waren auf dem Vormarsch und nahmen immer mehr Einfluss auf das Leben der Menschheit. Zusätzlich verkehrte Huxley puritanische Werte in ihr Gegenteil - in seinem Roman sind offene Sexualität und viele Sexualpartner durchaus erwünscht, während Monogamie und Schwangerschaft als seltsam oder gar anstößig betrachtet werden.

Orwell wiederum bezog sich, wie schon gesagt, sehr auf die Mechanismen der totalitären Ausprägung des Kommunismus. Die furchterregende Welt, die er in 1984 kreiert, die beinahe körperlich spürbare eisige Atmosphäre und die allgegenwärtigen Teleschirme sollen uns unsere eigenen Ängste vor Augen führen, um uns zu ermutigen, uns dagegen aufzulehnen. Gleichzeitig führt er uns vor Augen, dass Liebe der Motor ist, um sich gegen eine lieblose Gesellschaft zu stellen - sie ist es, die den Widerstand ermöglicht, und sie muss erst zerstört werden, um auch den Menschen selbst zu zerstören. Das ist eine Erfahrung, die ich selbst schon gemacht habe - wenn auch auf weitaus weniger gefährliche Art und Weise. Nicht umsonst wird "Big Brother" bis heute als Verkörperung des Totalitarismus bzw. der totalen Überwachung verstanden. Natürlich haben sich manche Elemente von Orwells Roman inzwischen überholt - er rechnete wohl nicht damit, dass wir uns immer strengeren Überwachungsmaßnahmen ganz freiwillig unterwerfen, weil man uns einredet, es sei nur zu seiner eigenen Sicherheit. Manche haben das so sehr verinnerlicht, dass es ihnen laut eigener Aussage auch überhaupt nichts ausmachen würde, wenn Überwachungskameras mit Gesichtserkennungs-Software arbeiten würden - man hat ja nichts zu verbergen, und wenn marginalisierte Gruppen dadurch benachteiligt würden, wäre es ihnen auch egal. Gleichzeitig profilieren wir uns rund um die Uhr über unsere Social-Media-Profile und kommen uns dabei ganz toll vor - so sehr, dass wir kaum noch darauf achten, wie viele private Informationen von uns im Netz landen.

Was vor allem in 1984 thematisiert wird, ist die Macht der Sprache als Instrument der Manipulation. Im letzten Teil des Buches geht es außerdem darum, die eigene Wahrnehmung so zu manipulieren, dass man nicht mehr auf sie vertraut. So wird Winston so lange traktiert, bis er davon überzeugt ist, dass zwei plus zwei fünf ergibt, und bemüht sich am Ende sogar, alles zu glauben, was man ihn glauben lassen will, selbst wenn es seiner eigenen Wahrnehmung zuwiderläuft. Das können wir tatsächlich auch heute beobachten: Donald Trump, der in seiner Rede in Kansas den Leuten einredet, dass man ihm mehr vertrauen muss als seinen eigenen Sinnen; Menschen, die sich jede angebliche Wahrheit immer wieder so zurechtrücken, dass sie ins Weltbild passt; Leute, denen es ausreicht, andere zu hassen, wenn sie ihnen nur zutrauen, etwas Böses zu tun. Diese Art der Manipulation bewirkt dann, dass Regierungsgebäude gestürmt werden, dass andere entmenschlicht und bedroht werden, dass die schlichte Aufforderung zum Tragen einer Maske einen Mord verursacht und diese Taten von anderen auch noch verteidigt werden. Und aus diesem Grund reißen sich Leute, die mit Covid-19 auf der Intensivstation liegen, die Infusionen aus dem Arm. Auch 1984 wurde in den letzten Jahren häufig zum Gegenstand der Manipulation: Während der Krieg gegen die Ukraine zu Beginn diesen Jahres in Russland als "Friedensmission" verkauft wurde, behauptete die Sprecherin des Außenministeriums, in Orwells Roman gehe es in Wirklichkeit um den Niedergang des Liberalismus und alle anderen Interpretationen seien Fake. Im Gegensatz dazu scheint man die Message in der DDR sehr wohl verstanden zu haben - man drohte denjenigen, die das Buch verkauften, verliehen oder lasen, drakonische Strafen an, weil es den Sozialismus verunglimpfe.

In den USA und Großbritannien gingen die Verkaufszahlen für 1984 in die Höhe, nachdem Edward Snowden das PRISM-Überwachungsprogramm der NSA bekannt gemacht hatte. Als eine Beraterin Donald Trumps über "alternative Fakten" sprach, eine Phrase, die für Orwells "Doppeldenk" charakteristisch sei, war der Roman sogar auf Platz 1 der Bestsellerlisten auf Amazon. Häufig wird auch die Debatte um politische Korrektheit mit der Sprachmanipulation in 1984 verglichen, während andere zu Beginn der Corona-Pandemie glaubten, diese sei nur eine Ablenkung, um einen Überwachungsstaat ähnlich dem in 1984 zu installieren. Auch in Belarus wurde der Roman um 2020 häufig gelesen, da man Vergleiche zu der Lebenswirklichkeit im Land zog; kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde das Buch verboten und der Verleger verhaftet.

Die Frage ist nun, welche Lehren man aus diesen beiden so visionären Romanen ziehen kann. Nun, vieles habe ich in meinem Artikel ja bereits dargelegt. Vor allem sollte man sich vor denjenigen in Acht nehmen, die Informationen vorenthalten, aber auch vor jenen, die so viele Informationen liefern, dass diese uns über kurz oder lang passiv und egoistisch machen. Die einen beseitigen Fakten, die anderen reden uns ein, dass diese unwichtig seien oder es sie vielleicht sogar nicht gibt. Zu beobachten ist, dass unser aller Verhältnis zur Sprache immer katastrophaler wird - und das, obwohl sie in der Demokratie das wichtigste Instrument darstellt, um Gewalt zu vermeiden. Deshalb ist es auch enorm wichtig, die Aussagekraft und somit den Wert von Sprache zu erhalten - denn sonst treten an ihre Stelle andere Regulierungsmaßnahmen, und das kann durchaus Gewalt sein. Der Wert von Propaganda wird in beiden Romanen offensichtlich: Sie verwirrt, spaltet und schwächt die Bevölkerung. In diesem Lichte hat auch die russische Propaganda, die sich in unseren Medien eingeschlichen hat, dazu beigetragen, unsere Gesellschaft zu destabilisieren. Vieles geht auch mit fehlender Medienkompetenz und der kollektiven Sucht nach Social Media einher. Ich fürchte, der einzige Weg, sich der Manipulation zu entziehen, ist nach wie vor permanentes Überprüfen und Hinterfragen - ansonsten ist es nämlich vielleicht wirklich bald so weit, und wir kommen den Dystopien von Huxley und Orwell noch näher, als es ohnehin schon der Fall ist.

vousvoyez

Arte-Dokumentation: https://www.youtube.com/watch?v=jmHRC3Bv_IA

Freitag, 14. Oktober 2022

Das einzig Vorhersehbare bei Trump ist die Capslock-Taste beim Erstellen seiner Tweets

Photo by Ai Takeda on Unsplash
Besonders damals, als er erkannte, dass ihm die Felle davonschwammen, twitterte der damalige US-Präsident bekanntlich mehrmals täglich in Großbuchstaben (was in der heutigen Schriftsprache bekanntlich "schreien" bedeutet), bis sein Account irgendwann gelöscht wurde. Was den bekannten Sturm auf das Kapitol zu Beginn vorigen Jahres allerdings nicht verhindern konnte. Das Ende einer Nation, die uns so lange als Inspiration gedient hat? Ich weiß es nicht - sicher ist nur: Das Amerika, von dem wir als Kinder und Jugendliche immer geträumt haben, gibt es nicht mehr. Wobei man sich natürlich darüber streiten kann, ob es das jemals gab. Aber wir können nicht abstreiten, dass viele historische Ereignisse, die von dort ausgingen, die ganze Welt aus den Angeln hoben - im Negativen wie auch im Positiven. Natürlich gehört dazu auch die Raumfahrt - und nachdem ich wieder Lust bekommen habe, werde ich euch heute zwei Geschichten erzählen, die mehr oder weniger mit dem Weltraum zu tun haben. Und die wirklich ganz echt wahr sind! Ischwör!

Das erste Ereignis trug sich im Juni 1947 in der Kleinstadt Roswell, New Mexico zu, nach der es auch benannt wurde. Am 14. Juni dieses Jahres fand der Rncher William (Mac) Brazel auf der Foster Ranch ca. 105 km nordwestlich von Roswell herumliegende Trümmerteile aus Balsaholz, festem Papier, Alufolie, Klebeband und Gummi. Zuerst schenkte er diesen keine Beachtung; als er allerdings damals kursierende Gerüchte über mysteriöse, mutmaßlich außerirdische Flugobjekte aufschnappte, informierte er am 7. Juli den Sheriff von Roswell über seinen Fund. Dieser gab ihn an den lokalen Militärstützpunkt, das Roswell Army Airfield (RAAF), weiter, und so wurden die Trümmer eingesammelt und zur weiteren Analyse an den Armeestützpunkt in Fort Worth, Texas geschickt. Tags darauf erschien dann eine Pressemitteiliung in der Lokalzeitung Roswell Daily Record, in der behauptet wurde, das RAAF habe auf einer Farm in der Nähe der Stadt eine fliegende Untertasse gefunden. Diese Meldung zog natürlich größere Kreise und veranlasste General Roger Ramey und einen Wetterexperten der Armee, noch am selben Tag eine Pressekonferenz in Fort Worth einzuberufen; dort erzählten sie, ei den Trümmern habe es sich um Teile eines Wetterballons gehandelt, und erlaubten den Journalisten auch, die Fundstücke zu fotografieren. In den nächsten dreißig Jahren sprach keiner mehr davon - bis die Geschichte Ende der 1970er Jahre wieder auftauchte.

Im Jahre 1980 veröffentlichten der Schriftsteller und Linguist Charles Berlitz und der Ufologe William Moore das Buch The Roswell Incident (dt. Der Roswell-Zwischenfall), das eine Reihe von Interviews mit Augenzeugen und Beteiligten enthielt, die den Schluss zuließen, die US-Armee vertusche einen echten UFO-Fund. Hier tauchte auch erstmals die Aussage auf, jemand habe eine UFO-Absturzstelle mit mehreren toten Körpern gesehen; Militärpolizisten hätten ihn allerdings weggeschickt und befohlen, darüber zu schweigen. Das war die erste Erwähnung toter Außerirdischer in Verbindung mit Roswell.

Das Buch schlug große Wellen und zog Interviews mit Zeugen und Experten nach sich, unter ihnen auch Walter G. Haut, der 1947 Sprecher des Militärs gewesen war und im Laufe der Jahre sich ständig verändernde Geschichten zum Besten gab - manche Leute nehmen an, dass ihm verboten wurde, etwas zu sagen. Im Jahr 1995 tauchte schließlich Filmmaterial auf, das die Autopsie einer Leiche zeigt, welche wenige Wochen nach dem UFO-Absturz stattgefunden haben soll; der Körper ist unbehaart und hat etwa die Größe eines zwölfjährigen Kindes, aber die Schädelform und das Gesicht sind nicht menschlich, außerdem hat das Wesen sechs Finger und sechs Zehen, dafür fehlen die Geschlechtsorgane. Ich erinnere mich, dass ich damals im Rahmen einer Doku selbst Ausschnitte dieses Films gesehen habe.

Die zweite Geschichte, die ich euch heute erzählen will, ist mir erst kürzlich untergekommen, und das ganz zufällig. Sie ereignete sich ein bis zwei Jahrzehnte später, zur Zeit des von mir in einem anderen Artikel bereits erwähnten "Wettlauf ins All" zwischen der Sowjetunion und den USA, welcher nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs initiiert worden war. Wir erinnern uns, dass der erste Mensch im All, Juri Alexejewitsch Gagarin, der seinen umjubelten Raumflug 1961 absolvierte, aus der Sowjetunion kam, dass aber die USA die Mondlandung 1969 für sich entscheiden konnten. Und wir erinnern uns an die Hündin Laika, die als erstes Säugetier in dem sowjetischen Satelliten Sputnik 2 lebend ins All transferiert worden war. Nun sollen aber schon vor Gagarin sowjetische Kosmonauten in den Weltraum befördert worden sein - ihre Existenz soll allerdings vertuscht worden sein, weil sie diesen "Ausflug" nicht überlebt hatten. Parallel gibt es auch noch die Geschichte des Testpiloten Wladimir Iljuschin, der ebenfalls schon vor Gagarin im All gewesen sein soll - bei seiner anschließenden Landung in China soll er jedoch so schwer verletzt worden sei, dass man beschloss, den Flug geheim zu halten, um keine negative Publicity zu generieren.

Gerüchte über Menschen im All hatte es durchaus schon vor Gagarins Raumflug gegeben. Klar - wo gehobelt wird, fallen Späne, wie man so schön sagt. Und dabei spielte vor allem das italienische Brüderpaar Achille (1933 - 2015) und Giovanni Battista (*1939) Judica-Cordiglia eine wichtige Rolle. Die beiden ambitionierten Amateurfunker hatten im Alter von sechzehn und zehn Jahren begonnen, sich für Radiotechnik zu interessieren und in ihrem Elternhaus in der Lombardei mit einer gebrauchten Funkausrüstung herumzuexperimentieren. Mit Beginn des Satellitenzeitalters fingen sie an, sich auf Funksignale aus dem All zu konzentrieren, die sie mittels Berechnungen unter Nutzung des Doppler-Effekts lokalisierten - wobei sie übrigens erstaunlich präzise waren, besonders wenn man bedenkt, dass sie nur Hobby-Funker waren. Tatsächlich gelang es ihnen im Oktober 1957, Signale von Sputnik 1 zu empfangen und 1958 auch von dem amerikanischen Satelliten Explorer 1. Allerdings zeichneten sie auch Dinge auf, die eher merkwürdig waren und die Gerüchte um die verlorenen Kosmonauten erst richtig anheizen sollten. Im November 1957 etwa fingen sie ein Geräusch ein, welches ihr Vater, ein renommierter Kardiologe, als den Herzschlag eines Hundes identifizierte - da es offenbar aus dem All kam, konnte das nur der Herzschlag der Hündin Laika sein.

Als die Judica-Cordiglias 1959 nach Turin umzogen, bauten die Brüder zunächst eine Funkanlage auf der Dachterrasse des höchsten Hochhauses der Stadt; von Störnebeln behindert, richteten sie sich jedoch bald außerhalb der Stadt ihre Station in einem stillgelegten deutschen Bunker ein, den sie "Torre Bert" nannten. Hier empfingen sie im November 1960 ein SOS-Signal, das sich langsam von der Erde wegbewegte - ein bemanntes Raumschiff, das sich in den Tiefen des Weltalls verlor? Im Februar 1961 nahmen sie Geräusche auf, bei denen es sich laut ihres Vaters um die Herzschläge eines sterbenden Menschen, begleitet von einem Stöhnen und Röcheln, handeln sollte - ein Kosmonaut, der beim Wiedereintritt in den Orbit sein Leben verlor? Tatsächlich gaben die Sowjets kurz darauf zu, eine unbemannte Sonde ins All geschickt zu haben, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zerstört worden war - sagten sie die Wahrheit oder wollten sie den Tod eines Menschen vertuschen? Die Aufnahme, die allerdings am häufigsten durchs Internet geistert, entstand im November 1963, als die Judica-Cordiglia-Brüder schon längst als Nationalhelden gefeiert wurden. Zu hören ist eine Frauenstimme, die Russisch spricht; die jüngere Schwester der beiden Bruder, die ein wenig Russisch konnte, übersetzte die Aufnahme: Neben Zahlenansagen berichtet die Frau, dass ihr heiß sei, sie spricht von Atmen und Sauerstoff und fragt, ob das nicht gefährlich sei - vermutet wird, dass es sich dabei um eine Kosmonautin handelt, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte.

Die Aufnahmen der Brüder Judica-Cordiglia wurden in mehreren staatlichen Radiostationen Italiens gespielt - insgesamt ging man von sieben verunglückten Phantom-Kosmonauten aus. Die Funkstation "Torre Bert" war bald so ausgelastet, dass die beiden Brüder andere Leute zu Hilfe nehmen mussten. Ihre letzten nennenswerten Beobachtungen stammen vom Unglücksflug der Sojus 1 im April 1967, der aufgrund technischer Mängel vorzeitig abgebrochen werden musste und aufgrund eines defekten Fallschirmsystems ein Menschenleben forderte. Für das sowjetische Raumfahrtprogramm war das ein schwerer Rückschlag - zum ersten Mal musste man vor der Weltöffentlichkeit einen Fehler zugeben. Bald danach wurde die Torre-Bert-Funkstation geschlossen - zum einen war die spannende Anfangsphase der bemannten Raumfahrt vorbei, zum anderen begann für Achille und Giovanni Battista Judica-Cordiglia das normale Berufsleben, weshalb sie keine Zeit mehr für ihr aufwändiges Hobby hatten.

Was aber hat es mit diesen beiden durchaus spannenden Geschichten auf sich? Kommen wir nun also zu dem Teil, an dem ich euch die Illusion nehme und euch an meiner Enttäuschung teilhaben lasse, die ich empfand, als ich die Fakten erfuhr. Warum soll nur ich allein leiden?

Nun, was Roswell betrifft, so geschah der Absturz des Flugobjekts zu einer Zeit, als ständig UFO-Sichtungen gemeldet wurden - der Zusammenhang mit Außerirdischen war also schnell hergestellt. Dennoch dauerte es drei Jahrzehnte, bis sich wieder Leute dafür interessierten - dann aber liefen die Geschichten vollkommen aus dem Ruder. Nach Berlitz' Buch geschah das, was immer passiert, wenn etwas so gewaltige Aufmerksamkeit erregt - es tauchten immer mehr vermeintliche Zeugen und selbsternannte Experten auf, die alle etwas gesehen haben wollten. Zudem war das Buch über Roswell nicht das erste Werk von Berlitz, welches häufig kritisiert wurde; Berlitz war bekannt für seine Bücher über unerklärliche Phänomene, so schrieb er beispielsweise über das Bermuda-Dreieck und über Atlantis, und auch diese Werke strotzen vor Falschaussagen und Verfälschungen der Quellen. Auch die Aussagen von Walter G. Haut sind in diesem Lichte kritisch zu sehen, zumal er, wie schon zuvor erwähnt, seine Geschichte von Jahr zu Jahr immer wieder änderte. Er erklärte zwar, dass er von seinen aussagen keinesfalls profitiere, es ist aber mehr als offensichtlich, dass er das mediale Interesse durchaus genoss. Übrigens kamen in den 1980er Jahren auch erste Gerüchte über die Erforschung außerirdischen Lebens in der berühmten Area 51, dem militärischen Sperrgebiet in Nevada, auf, und obwohl die beiden Geschichten ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, wird der Roswell-Zwischenfall heutzutage sehr häufig mit den Verschwörungsmythen um Area 51 verknüpft.

Im Laufe der Zeit wurden die Geschichten rund um Roswell immer abenteuerlicher, und so entwickelte diese Legende zunehmend ein Eigenleben, das seinen Höhepunkt mit dem bereits erwähnten Santilli-Film feierte, der auch Alien Autopsy genannt wurde. Benannt wurde er nach dem Filmproduzenten Ray Santilli, der den Schwarzweiß-Film zum ersten Mal öffentlich vorstellte. Als ich zum ersten Mal Ausschnitte daraus zu Gesicht bekam, war ich kaum älter als zwölf - als ich Jahre später erfuhr, dass es sich um eine Fälschung handelt, war ich bitter enttäuscht. Ja, ganz recht, der Film ist nicht echt - und das fällt eigentlich relativ schnell auf: Sowohl das Ambiente als auch die Qualität der Kameraführung sowie  die geringe Zahl der beteiligten Ärzte wirkten merkwürdig amateurhaft für eine Forschungsarbeit von solch enormer Tragweite. Zudem verliert das Bild immer an Schärfe, sobald etwas detailliertere Aufnahmen zu sehen sind, und an wesentlichen Stellen wurden ganz offensichtlich Schnitte vorgenommen, was darauf schließen lässt, dass die Szenarien zuvor passend arrangiert worden waren. eine Zeitlang ging das Gerücht um, bei dem Körper handle es sich um eine menschliche Leiche mit körperlichen Anomalien, aber 2006 bekannte John Humphreys, Experte für Spezialeffekte in Filmen, das Alien-Modell aus Latex hergestellt und zudem auch einen der Autopsie-Ärzte gespielt zu haben.

Das abgestürzte Flugobjekt war also kein außerirdisches UFO - ein gewöhnlicher Wetterballon scheint das vermeintliche Raumschiff allerdings auch nicht gewesen zu sein. Heute vermutet man, dass es sich bei den Trümmern um die Überbleibsel eines missglückten Ballonzuges handelte, der im Rahmen des Project Mogul als Frühwarnsystem für sowjetische Atomtests konstruiert worden war. Da dieses Projekt jedoch geheim war, wurde die Geschichte mit dem Wetterballon erzählt. Die toten Aliens könnten in Wirklichkeit Crashtest-Dummys gewesen sein, die damals zu Testzwecken für die Konstruktion von Fallschirmen dort abgeworfen worden waren. Ob das genauso war, kann ich nicht sagen, aber es klingt zumindest schlüssiger als die Alien-Geschichte. Aber wie Menschen so sind, konnte man natürlich nicht alle von ihrer Überzeugung abbringen, in Roswell seien Außerirdische abgestürzt, und so profitiert die Wirtschaft dieser sonst nicht allzu spektakulären Stadt im Südwesten der USA ordentlich vom UFO-Tourismus. Es gibt in dieser Gegend mehrere vermeintliche Absturzstellen, außerdem Museen, Festivals und Kongresse. Zumindest für Roswell hat dieser Hype also auch Konsequenzen. Und natürlich für die Film- und Fernsehbranche, denn diese Geschichte wird natürlich immer wieder verwurstet und hat unser Alien-Bild geprägt wie kaum eine andere. Ich erinnere mich noch lebhaft an den Alien-Merchandise der späten 1990er Jahre, als die Spielzeugindustrie versuchte, mit leuchtenden, glitzernden und blinkenden Objekten gegen den Digitalisierungs-Hype anzukämpfen und ich mir heimlich diese ekelhaft weichen, neonfarbenen Fruchtgummi-Imitat-Alienköpfe in den Mund stopfte. Sogar Akte X, die Serie, die man im Alter von etwa zwölf bis fünfzehn Jahren sehen musste, wenn man cool sein wollte, selbst wenn man sich danach vor Angst nicht mehr aufs Klo traute, hat eine Roswell-Folge - die allerdings gedreht wurde, als die schrillen Neunziger bereits vorbei waren.

Im Gegensatz zu Roswell wurde die Geschichte um die vermeintlichen Phantom-Kosmonauten von der Popkultur nicht so extrem ausgeschlachtet - was wohl der Grund ist, warum sie mir erst in jüngerer Zeit begegnete. Konkrete Beweise für die verlorenen Kosmonauten gibt es bis heute nicht - dabei ist die Geschichte gar nicht so weit hergeholt, wie manche von euch vielleicht jetzt denken, denn tatsächlich neigten die Sowjets damals dazu, nur Erfolge ihrer Raumfahrt-Mission öffentlich zu machen und Fehlschläge zu vertuschen. Allerdings weisen viele Geschichten nicht nur einen Mangel an Belegen, sondern auch etliche Fehler im Detail auf. Wie schon gesagt war bereits vor Gagarins Raumflug davon die Rede, dass diese oder jene Person eine Reihe von Todesfällen unter Kosmonauten aufgedeckt hätte - 1959 wurden ein paar verunglückte Fallschirmspringer kurzerhand zu Phantom-Kosmonauten. 1960 schrieb der amerikanische Science-Fiction-Autor Robert A. Heinlein (bekannt für den Roman Starship Troopers) in seinem Artikel Wahrheit über eine Geschichte, die ihm Kadetten der Roten Armee in Vilnius erzählt haben sollen: nämlich dass die Sowjetunion am selben Tag einen Menschen in die Erdumlaubahn gebracht hätte. Tatsächlich war an diesem Tag eine ungeschraubte Weltraumkapsel ins All geschossen worden - diese war aber unbemannt gewesen.

Was die Brüder Judica-Cordiglia angeht, so hat deren beachtliches Archiv an Funkaufnahmen sehr wohl historischen Wert, und es ist auch wahr, dass sie Signale aus dem Weltall empfangen haben - deren Echtheit ist ja zum Teil auch medial recht gut abgesichert. Allerdings wurde vieles, was sie damals aufgenommen haben wollen, auch widerlegt - etwa die vermeintlichen Herzschläge der Hündin Laika. Diese war am 3. November 1957 zu Propagandazwecken in einen Raumflugkörper verfrachtet und in eine Erdumlaufbahn befördert worden. Dass sie ihr "Abenteuer" nicht überleben sollte, war von Anfang an klar - ursprünglich war geplant, ihr nach zehn Tagen im Orbit vergiftetes Futter zu verabreichen, um ihr einen qualvollen Tod beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zu ersparen. Sie starb alllerdings bereits fünf bis sieben Minuten nach dem Start der Rakete, wohl an Stress und Überhitzung - was allerdings erst 2002 bekannt werden sollte. Ihre angeblichen Herzschläge wurden aber drei Tage nach ihrem Tod aufgenommen. Selbstverständlich unterstrich die Expertise des Vaters, der ja Kardiologe war, vermeintlich den Wahrheitsgehalt der Meldungen über Herzschläge - allerdings darf man nicht vergessen, dass er dieser Situation nicht unvoreingenommen gegenüberstand, sondern stets in dem Wissen herangezogen wurde, dass seine Söhne versuchten, Signale aus dem Weltall zu interpretieren. Ähnlich verhält es sich auch mit der Übersetzung der vermeintlichen Kosmonautin - durch die Voreingenommenheit der Übersetzerin, gepaart mit der Verzerrung der Stimme, die da zu hören ist und möglicherweise auch unzureichenden Sprachkenntnissen ist anzunehmen, dass die Übersetzung fehlerhaft ist. Tatsächlich stellte sich bei neuerlicher Überprüfung heraus, dass einige Sätze gar nicht vorhanden waren und dass die Wörter, die tatsächlich gefallen sind, in einem alternativen Kontext etwas ganz anderes bedeuten als das, was interpretiert wurde. Auffällig ist auch, dass bei diesen Aufnahmen die Regeln des militärischen Funkverkehrs nicht eingehalten wurden. Abgesehen davon gab es zu dem Zeitpunkt, als die Aufnahme entstand, noch gar kein Programm für weibliche Kosmonauten, und die ersten, die später tatsächlich ins All kamen, wurden auch sehr schnell bekannt. Ganz abgesehen davon wird der Funkverkehr beim Wiedereintritt in den Orbit unterbrochen - sprich, was immer die Brüder da aufgenommen hatten, es war keine Kosmonautin. Auch was das SOS-Signal betrifft, so kann die Vermutung eines verlorengegangenen Raumschiffes widerlegt werden - dennhäte es die Erdumlaufbahn verlassen, hätte man es noch einmal extra beschleunigen müssen, und das konnten die damaligen Gefährte noch nicht leisten.

Was hinter den Verschwörungsmythen rund um die verlorenen Kosmonauten steckt, ist natürlich so vielfältig wie die meisten anderen Geschichten in dieser Richtung. Ein bisschen erinnern sie an die Verschwörungserzählungen rund um den 11. September 2001 - der böse Russe, dem man alles zutraut und der alles daransetzt, den Wettlauf ins All zu gewinnen, weshalb er, wenn möglich, auch über Leichen geht. So gibt es Geschichten über Selbstmord-Kosmonauten, die zum Mond geschickt worden sein sollen in dem Wissen, dass sie nicht mehr zurückkehren würden - wenn man sich allerdings die Baupläne der sowjetischen Sonden ansieht, die zum Mond geschickt wurden, so ist dort gar kein Platz für einen Passagier. So weit hergeholt ist das allerdings trotzdem nicht - denn diejenigen, die ins All geschickt wurden, wussten natürlich, dass sie möglicherweise nicht zurückkommen würden und waren bereit, für ihr Vaterland zu sterben.  Die Unfälle, die tatsächlich passiert sind, haben jedoch einen hohen Bekanntheitsgrad erhalten - und selbst die, die vertuscht werden sollten, sind irgendwann ans Licht gekommen, sobald die Akten geöffnet wurden. Insgesamt kann man sagen, dass wir heutzutage schon ein so detailliertes Wissen über diese Missionen haben, dass man davon ausgehen kann, dass wir auch von eventuellen verdeckten Missionen schon erfahren hätten.

Wie ihr also seht, stecken auch hinter diesen tollen Geschichten vergleichsweise langweilige, doofe Fakten. Ich weiß, das ist nicht lustig - aber ich muss sagen, dass zumindest die Torre-Bert-Aufnahmen durchaus eine interessante Geschichte beherbergen, auch ohne dass man etwas dazuerfinden muss. Jedenfalls hoffe ich, es hat euch trotzdem gefallen und hoffe, dass wir uns bald wieder sehen - zumindest Themen habe ich, wie gesagt, genug. Also bis zum nächsten Mal! Bon voyage!

vousvoyez

Roswell:

https://hoaxilla.com/hoaxilla-33-roswell-ufos-co/

http://roswellproof.homestead.com/Haut.html#anchor_8

https://www.bbc.co.uk/manchester/content/articles/2006/04/07/070406_alien_interview_feature.shtml

https://verschwoerungstheorien.fandom.com/de/wiki/Santilli-Film

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Zahlen-bitte-16-Minuten-Alien-Autopsie-Santelli-Film-der-die-Welt-taeuschte-4714026.html?seite=2

https://signallinie.info/der-santilli-film/

Verlorene Kosmonauten:

https://hoaxilla.com/hoaxilla-75-lost-in-space/

https://www.zeit.de/1965/13/leichen-oder-enten

https://skeptoid.com/episodes/4115

https://www.youtube.com/watch?v=INgk5IU4UzE&t=1s

https://www.youtube.com/watch?v=nMtjDM7QpJk&t=645s

https://verschwoerungstheorien.fandom.com/de/wiki/Verlorene_Kosmonauten

http://www.satellitenwelt.de/jc_turin.htm

https://fahrplan.events.ccc.de/congress/2009/Fahrplan/events/3710.en.html


Dienstag, 27. September 2022

Könnte es sein, dass der Wendler seine eigene Musik gehört hat und deswegen durchgedreht ist?

Photo by Daniel Tuttle on Unsplash

Ach ja, der liebe Michael Wendler - die Witzfigur der deutschen Nation, der Troubadix unter den schlechten Sängern, der Bock unter den Zahlschafen, der Mann, der jene Person beim Verfassungsschutz, die sich all seine musikalischen Ergüsse anhören musste, wahrscheinlich schon an den Rand des Suizid gebracht hat. Aber wir denken nicht an den armen Mitarbeiter, nein - wir diskutieren nur über seine verschwörungsgläubigen Ergüsse! Gleichzeitig frage ich mich, was eigentlich aus dem armen Hund geworden ist, den er und seine Laura sich angeschafft haben, damit die Leute wieder lieb zu ihnen sind. Scheint aber nur so mittelmäßig geklappt zu haben.

Aber klar - süße Tiere sind natürlich immer die besten Argumente, und am besten ziehen nach wie vor junge Hunde und Katzen. Besonders, wenn der Kommentar zu dem Instagram-Foto dann auch noch aus Sicht des Tieres geschrieben wird: "Hallo, hier ist wieder mal euer Flocki. War mit Mama Gassi und habe ein riesiges Häufchen gemacht. Jetzt gibt es Leckerli. Wuff wuff!" AAAAARRRRGGGGHHHH, wie mich sowas aggressiv macht! Ebenso, wie wenn man lebendige Tiere wie Plüschtiere behandelt. Man vermittelt damit ein völlig falsches Bild - nämlich, dass so ein Haustier nichts anderes ist als ein Spielzeug und dass seine Haltung super easy ist. Das Endresultat sind dann überfüllte Tierheime, weil der bzw. die Insta-User:in draufgekommen ist, dass so ein Tier auch hohe Tierarztkosten, Erziehung und Verantwortung bedeutet. Warum in aller Welt ist es so leicht für jeden Tölpel, sich ein Tier nach Hause zu holen? Klar, dasselbe könnte ich auch bezüglich Kinderkriegen fragen. Und ein ganz heikler Punkt bei dem Thema sind Qualzuchten.

Um es mal vorwegzunehmen: Ich verurteile hier niemanden, der einen Mops oder eine Munchkin-Katze zu Hause hat. Es kann sehr viele Gründe haben, warum man sich für so ein Tier entschieden hat - vielleicht hat man es aus dem Tierheim geholt, vielleicht aber auch von einem Freund oder Familienmitglied "geerbt". Vielleicht wusste man es zur Zeit der Anschaffung auch einfach nicht besser und will dem Tier jetzt, wo man es weiß, trotzdem ein halbwegs würdiges Leben ermöglichen. Aber gerade deswegen ist es auch so wichtig, über dieses Thema aufzuklären. Qualzuchten gibt es natürlich in jeder erdenklichen Haustierrasse - da ich aber jetzt keinen Roman schreiben kann und will, beschränke ich mich hier auf die gängigsten, also Hunde und Katzen.

Nun bin ich auch nicht aus Stein - es gibt Tierrassen, die als Qualzucht bewertet werden, die ich im ersten Moment aber auch irgendwie süß finde. Dann gibt es wiederum welche, von denen ich überhaupt nicht verstehen kann, wie man die zu Hause haben wollen kann. Aber Ästhetik ist eben nicht alles - und ich finde, Mischlinge können genauso schön, lustig oder süß sein wie Rassetiere. Dafür erspart man sich meistens die Probleme, die durch Überzüchtung entstehen. Und bei Leuten, die ganz offensichtlich auf das Wohlbefinden des Tieres scheißen, hört sich bei mir auch das Verständnis auf - wie schon in einem früheren Artikel geschrieben, ist nicht jeder automatisch ein Tierfreund, nur weil er ein Tier zu Hause hat.

Ich habe ja schon darüber geschrieben, dass manche sich ein Tier anschaffen, weil sie es im Fernsehen oder Kino gesehen haben - seien es Serien, Filme oder Werbespots. Heutzutage tun aber Influencer natürlich ihr übriges, um bestimmte Haustierrassen populär zu machen. Sehr beliebt sind aktuell beispielsweise die Pomeranians oder Zwergspitze, die ich prinzipiell ja auch süß und lustig finde. Das bedeutet allerdings nicht, dass es deshalb richtig ist, solche Hunde zu züchten. Das Problem ist nämlich, dass häufig Merkmale gefördert werden, die ursprünglich als Defizite galten. Ein Beispiel dafür sind etwa die Nacktkatzen, die angeblich schon von den Azteken gehalten wurden - was allerdings ein Mythos ist. Tatsächlich lassen sich belegte Fälle haarloser Katzen lediglich bis ins 19. Jahrhundert nachverfolgen, die gezielte Zucht begann erst in den 1960er Jahren. In Wirklichkeit handelt es sich beim Erbmaterial für Haarlosigkeit bei Katzen um ein rezessives Gen, also eines, das eigentlich nur selten in Erscheinung tritt, außer man fördert es eben durch die gezielte Zucht. Warum Nacktkatzen außerhalb der Züchtung eher selten vorkommen, liegt auf der Hand - abgesehen davon, dass diese Tiere natürlich weitaus sonnenempfindlicher sind, fehlen ihnen häufig auch die für eine Katze notwendigen Schnurr- und Tasthaare, die für ihren Orientierungs- und Gleichgewichtssinn verantwortlich sind, oder sie brechen leicht ab. Ungeachtet dessen, dass ich nicht nachvollziehen kann, wie man so ein haarloses Tier in seinem Bett haben wollen kann, verstehe ich auch nicht, wie man einem Haustier, das man angeblich liebt, so etwas bewusst antun kann.

Was aktuell bei Hunden sehr beliebt ist, ist die bewusste Verzwergung bzw. das Züchten von Toy-Hunden. Der Grund liegt auf der Hand - diese Hunde entsprechen dem Kindchenschema, welches eine evolutionäre Schutzfunktion darstellt, die uns dazu bringt, sie süß zu finden und liebhaben zu wollen, wie eben bei kleinen Kindern. Zusätzlich erinnern kleine Hunde mit üppigem Haarkleid, wie es beispielsweise der schon erwähnte Pomeranian hat, auffällig an Plüschtiere. Dabei kann schon mal vergessen werden, dass diese süßen Kerlchen vom Wolf abstammen - und dass die kleineren Mägen vor allem im Welpenalter oft zu Mangelernährung, Unterzuckerung oder Allergien führen können. Ebenso beliebt sind Hunde, die vor allem durch ihre Kurzköpfigkeit auffallen - etwa der Mops oder die französische und englische Bulldogge; aber auch Boxer, Pekinesen, Malteser oder der Cavalier King Charles Spaniel zählen zu den Kurzkopf-Hunden. Das Problem bei diesen Tieren ist, dass durch die Deformation des Schädels der Rachenraum verkürzt und häufig auch der Kehlkopf verändert wird - abgesehen davon, dass bei der Selbstregulierung der Körpertemperatur oft Probleme auftreten. So ist das für Mopse und Bulldoggen so charakteristische "Schnarchen" keineswegs eine süße Eigenheit, sondern ein Indiz für Atemprobleme. Besonders an heißen Sommertagen leiden diese Tiere; unglücklicherweise wissen das viele Halter nicht, oder es ist ihnen auch egal, jedenfalls werden die Hunde dann häufig trotzdem durch die Gegend geschleift. Und manchmal postet man auch lustige Fotos und Videos auf Instagram, wo sich über die angezüchteten Defizite lustig gemacht wird. Extreme Kurzköpfigkeit kann aber auch bei Katzen vorkommen - speziell bei Perserkatzen und Exotic Shorthair. Und klar, diese flachgesichtigen Katzen sehen auch irgendwie lustig aus - ich kann allerdings mit voller Überzeugung sagen, dass mir Katzen mit normalen Gesichtern weitaus besser gefallen. Zudem weisen Katzen mit extremer Kurzköpfigkeit häufig zu Zahnfehlstellungen, die Verengung bis Verschließung der Tränennasenkanäle führt oft zu permanentem Augenausfluss.

Der Gipfel der Verzwergung sind aber die sogenannten Teacup-Hunde, die ebenfalls auf Social Media ihren Siegeszug gestartet haben - lebendige, ausgewachsene Hunde, die so klein sind, dass sie in Teetassen sitzen können, was ihre Halter oft mit der Tat beweisen. Da sie nicht einmal einen Kilo wiegen, gelten sie hierzulande als illegale Züchtung - trotzdem werden sie auf Instagram gepusht, und bekanntlich gibt es ja auch Länder, die einen Scheiß darauf geben, was legal ist und was nicht. Diese Hunde erhält man dadurch, dass man die Kleinsten und Schwächsten eines Wurfs über Generationen hinweg immer wieder miteinander paart. Das bedeutet natürlich, dass diese Hunde ganz allgemein eher schlechte Gene haben - mit anderen Worten, die Zucht von Teacup-Hunden ist aktive Tierquälerei.

Auch bei Katzen ist Kleinzüchtung durchaus üblich- allerdings sieht diese eher disproportional aus, etwa durch besonders kurze Beine, und glücklicherweise ist sie auch eher selten; vor allem deshalb, weil die Nachkommen zweier kurzbeiniger Katzen meist nicht lebensfähig sind und häufig schon im Mutterleib sterben. Katzen mit dackelartig verkürzten Beinen sind etwa die Munchkin-, Minskin- oder Minuet-Katze - diese haben Schwierigkeiten, ihr natürliches Verhalten wie Laufen und Springen auszuleben, zudem verursacht die Fehlstellung der Knochen und Gelenke häufig Schmerzen, etwa durch Arthrose oder Bandscheibenvorfälle. Übrigens gehört die Minskin-Katze auch noch zu den Nacktkatzen.

Es gibt jedoch auch Qualzuchten, die nicht offensichtlich sind - dazu gehören zum Beispiel Hunde mit Merle-Färbung. Diese ist vor allem bei größeren Rassen sehr beliebt, etwa dem Australian Shepherd, dem Shetland Sheepdog oder auch dem Collie - aktuell sieht man sehr viele Hunde auf der Straße, deren Fellfarbe von diesen unregelmäßigen hellen Flecken durchzogen ist. Generell macht so eine Merle-Färbung einem Hund nichts aus - allerdings wird nicht ohne Grund empfohlen, keine Hunde mit Merle-Faktor miteinander zu paaren. Da dieser aber aktuell sehr beliebt ist, geschieht das natürlich trotzdem, was bei den Welpen häufig zu Blindheit und/oder Taubheit sowie organischen Schäden und Missbildungen führt.

Eine weiteres Merkmal einer Qualzucht ist auch die geförderte Skelettdysplasie - also die Züchtung von Katzen mit Knickohren wie der Scottish oder Highland Fold. Die für diese Rassen charakteristischen nach vorne abfallenden Ohren sind häufig nicht die einzigen Anomalien - die permanenten Schmerzen hindern die Tiere daran, ihr natürliches Verhalten ausüben zu können, die Knorpel- und Knochenveränderungen hindern die Katzen an normalen Bewegungen können. Da die Ohren bei Katzen ein wichtiges Instrument der Kommunikation sind, wird auch diese durch die Faltohren erschwert. Die Schmerzen führen häufig auch zu einem aggressiven Verhalten, wenn man versucht, die Katze zu berühren. Wie man sich ein solches Tier auch noch wünschen kann, ist mir schleierhaft.

Ich denke, das Problem ist, dass sowohl Filme und Serien als auch Musikvideos und Influencer häufig ein falsches Bild der Tierhaltung vermitteln. Die Tiere werden oft wie Spielzeug oder Accessoires behandelt, so dass die Verantwortung, die mit Haustieren einhergeht, oftmals unterschätzt wird. Ähnlich, wie andere häufig vermitteln, dass es ganz easy peasy sei, Kinder zu haben. Daher mein Appell an alle: Wenn ihr euch ein Haustier zulegen wollt, bitte informiert euch vorher genau und überlegt euch gut, ob ihr dieser Verantwortung auch gewachsen seid, vor allem aber achtet darauf, woher ihr dieses Tier nehmt. Selbstverständlich sind nicht alle Züchter verantwortungslos und profitgeil; ich finde beispielsweise den Ansatz, wieder Mopse mit längeren Schnauzen zu züchten, ziemlich gut, zumal mir diese Rückzüchtungen sowieso besser gefallen, die Qualen, die mit der Kurzköpfigkeit einhergehen, wegfallen und die Tiere weitaus mehr nach Hund aussehen. Am besten wäre es jedoch, einen Hund aus dem Tierheim zu holen und dabei gar nicht erst auf die Rasse zu achten. Wie gesagt, können Mischlinge genauso süß und liebenswert sein wie reinrassige Tiere, vielleicht sogar noch mehr. Ganz abgesehen davon, dass es auf dieser Welt so viele herrenlose Tiere gibt, die auf den Straßen ein trostloses Leben fristen, und dass man ein gutes Werk tut, dazu beizutragen, dass mehr von ihnen ein gutes Zuhause finden.

Damit möchte ich mich für heute wieder verabschieden und hoffe, dass ihr nett zu euren Tieren seid, keinen gelben Schnee esst und nicht in die Dusche pinkelt. Bon voyage!

vousvoyez

Strg.-F.: https://www.youtube.com/watch?v=ucmnnk50VU4

Jonas: https://www.youtube.com/watch?v=CePz2UxctJ8

Sonntag, 21. August 2022

Seit ich quer denke, stoße ich immer gegen den Türrahmen – gerade denken ist weniger schmerzhaft!

©vousvoyez
Nun haben wir ja schon im letzten Artikel besprochen, dass es nicht sehr ratsam ist, quer zu denken, bevor man das Geradeausdenken nicht gelernt hat. Wobei Querdenken ja ursprünglich eine positive Bedeutung hatte - es bedeutete, über den eigenen Tellerrand zu sehen und neue Ideen zu etablieren. Leider tun diejenigen, die sich heute als Querdenker bezeichnen, gerade das nicht - denn sie akzeptieren nur die, die ihre eigenen Phantasien bestätigen. Und bisweilen habe ich den Eindruck, dass viele von ihnen, wenn sie noch Jugendliche wären, diese dämlichen Challenges mitmachen würden, über die ich mich schon seit geraumer Zeit so auslasse.

So habe ich bereits vor über einem Jahr von der Blackout-Challenge berichtet, bei der Kinder und Jugendliche sich vor der Kamera selbst bis zur Bewusstlosigkeit strangulieren, um das Video dann auf TikTok zu stellen. Das ging so weit, dass ein paar von diesen Kindern sich dabei tatsächlich erdrosselten. Kürzlich haben nun Eltern aus den USA TikTok tatsächlich verklagt, nachdem ihre Kinder, ein achtjähriges Mädchen aus Texas und ein neunjähriges aus Wisconsin, bei dieser Challenge ums Leben gekommen waren. Tatsächlich hat TikTok inzwischen mitgeteilt, dass es den Hasthag #BlackOutChallenge in seiner Suchmaschine gesperrt hat. Eine weitere Dummheit, vor der vor allem Anfang 2020, noch vor dem ersten Lockdown, häufig gewarnt wurde ist die Skull Breaker Challenge: Zwei Personen treten einer dritten die Beine im Sprung weg, so dass sie hintenüber auf den Boden knallt, was natürlich ein hohes Risiko für Kopfverletzungen zur Folge hat. Dazu muss man allerdings sagen, dass diese Challenge zwar saudumm ist und absolut nicht nachgemacht werden sollte, aber auch keineswegs so ein großer Trend war wie etliche Beiträge in sozialen Netzwerken es suggerierten. Kein Wunder - die Videos sehen äußerst schmerzhaft aus, und ich hätte auch als Jugendliche liebend gern darauf verzichtet.

Nun sind Internet-Challenges natürlich kein ganz neues Phänomen, und sie sind auch nicht zwangsläufig dumm und gefährlich - man erinnere sich etwa an die im Lockdown so beliebte Jerusalema-Challenge, bei der Menschen aus aller Welt zu einem südafrikanischen Hit tanzten, um in diesen düsteren Zeiten etwas Lebensfreude zu verbreiten. Auch andere Aktionen, die viral gingen, waren einfach nur lustig, wie etwa die Owling Challenge, bei der man sich irgendwo hinhockt und versucht, wie eine Eule auszusehen - einer der wenigen Momente, als ich über Stefan Raab tatsächlich einmal lachen konnte -, oder sollten auf Problematiken aufmerksam machen, etwa die  ALS Ice Bucket Challenge, welche die Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) thematisierte: Gesunde Menschen kippten sich einen Eimer voll eiskaltem Wasser über den Kopf, um durch das Gefühl der Lähmung, das dabei für ein paar Sekunden entsteht, nachvollziehen zu können, wie sich Betroffene ihr Leben lang fühlen. Aber auch die älteren, eigentlich harmlosen und ausschließlich lustig gemeinten Challenges konnten auch gefährliche Ausmaße annehmen: So gab es einen Trend, der sich "Planking" nannte und bei dem sich Facebook-User an verrückten Orten gerade und flach mit dem Gesicht nach unten hinlegten - einige begannen jedoch, sich für diese Aktion gefährliche Plätze auszusuchen, wie jener Mann, der in Australien im 7. Stock von einem Balkongeländer stürzte.

Im Laufe des vorigen Jahrzehnts begannen die Internet-Challenges jedoch, sich ganz allgemein in eine ungesunde oder gar lebensgefährliche Richtung zu entwickeln - ich habe ja bereits öfter von solchen berichtet. Am bekanntesten sind wohl die Blue-Whale-Challenge, bei der es darum gehen sollte, Jugendliche in den Suizid zu treiben, und die Tide-Pod-Challenge, bei der junge Menschen auf diesen Waschmittelkapseln herumlutschten. Im vorigen Jahr machten einige jedoch auch bei der Fire Challenge mit - sie rieben sich mit einer brennbaren Flüssigkeit ein und zündeten sich dann selbst an. Wie man so dumm sein kann? Ja, das frage ich mich auch. Natürlich sind Kinder leicht zu manipulieren und neigen dazu, alles nachzumachen, was sie gut finden - bei Personen, die sich allmählich dem Erwachsenenalter nähern, verstehe ich so etwas allerdings echt überhaupt nicht. Das Schlimme daran ist jedoch, dass diese Challenges durch TikTok mittlerweile in immer schnellerer Abfolge zum Trend werden - und wir es dadurch inzwischen nicht nur mit einer alle paar Monate, sondern mit zahlreichen parallel laufenden zu tun haben.

Anders verstörende Challenges sind jedoch schon seit geraumer Zeit vor allem bei jungen Mädchen und Frauen in China sehr beliebt: Dort ist aus dem chinesischen Schönheitsideal einer schmalen, zierlichen Figur ein Trend erwachsen, der im Wesentlichen daraus besteht, dass junge Mädchen in Videos sich gegenseitig dabei übertrumpfen, zu zeigen, wie dünn sie sind. Begonnen hat das Ganze wohl mit der iPhone6-Challenge um 2014, als junge Chinesinnen auf Instragram wetteiferten, wer es schafften, mit geschlossenen Beinen die Knie mit einem solchen Handy zu bedecken. Was an sich schon deshalb absurd ist, weil an so einem Knie ja naturgemäß kein Fett ansetzt, da man ansonsten das Bein nicht abknicken könnte - entsprechend kann man da natürlich auch nicht abnehmen. Außerhalb von China erregte jedoch vor allem um 2016 die A4-Paper-Waist-Challenge, ebenfalls auf Instagram, Aufmerksamkeit und wurde auch von Europäerinnen nachgeahmt: Man hielt sich ein Din-A4-Blatt vertikal vor die Taille, um zu beweisen, dass man mindestens so dünn ist wie dieses 21 cm breite Blatt Papier. Da ich eher groß bin, würde Hungern allein bei mir allerdings schon mal nicht ausreichen, um das zu schaffen - ich müsste mir wohl einige Rippen entfernen lassen. Jajaja, ich weiß, ich hör ja schon auf! Aber ich glaube, ihr wisst, worauf ich hinauswill: Dadurch, dass nicht jeder menschliche - in dem Fall weibliche - Körper gleich gebaut ist, sind diese Challenges auch nicht für alle gleichermaßen erreichbar.

Ebenfalls in den Westen übergeschwappt ist auch die Collarbone-Coin-Challenge, bei der man versucht, möglichst viele Münzen in der Mulde seines Schlüsselbeins zu stapeln. In Asien ging man sogar noch weiter, füllte die Knochenhöhlen mit Wasser und ließen dann einen oder mehrere lebendige kleine Fische darin schwimmen. Natürlich hat niemand die Fische gefragt, ob sie das möchten, und ich kann mir auch kaum vorstellen, dass dies allzu vergnüglich für die Tierchen ist. Nun bin ich ja in einer Zeit aufgewachsen, als leichenblasse, ausgemergelte Gestalten über Laufstege taumelten, eine Art Gegenbewegung zu den braungebrannten, sportlichen Models der Achtziger und frühen Neunziger, und natürlich gab es auch damals junge Mädchen und Frauen, die sich schier zu Tode hungerten, um Idolen wie Kate Moss nachzueifern. Aber zum damaligen Zeitpunkt war das Internet noch nicht so verbreitet, man war weit davon entfernt, Videos in erstklassiger Qualität hochladen und verbreiten zu können, und so gab es nicht diesen permanenten Vergleich von jungen Menschen untereinander. Und deshalb auch nicht diesen Optimierungszwang, der vor allem in einem Alter, in dem man noch auf der Suche nach sich selbst ist, meiner Ansicht nach ungesund, vielleicht sogar gefährlich ist. Und ich muss auch sagen - diese operierten Gestalten, die vor allem die untere Liga der TV-Prominenz bevölkern, sind für mich absolut austauschbar. Ich wundere mich immer wieder, wie viele Personen, von denen ich noch nie etwas gehört habe, heutzutage als "prominent" gelten. Und warum es "schön" sein soll, so auszusehen - zumal die Kardashians sich ja augenscheinlich die aufgeblasenen Hintern wieder operativ verkleinern lassen.

Und so bin ich von idiotischen Challenges wieder mal zu unrealistischen Schönheitsidealen zu kommen - na herzlichen Glückwunsch! Ich bin oftmals selbst verblüfft, wohin mich das Schreiben so führt! Nun glaube und hoffe ich, dass ich in naher Zukunft wieder öfter das Vergnügen habe, euch mit dem ein oder anderen Artikel zu beglücken, und wünsche euch bis zum nächsten Mal eine schöne Zeit und bon voyage!

vousvoyez

Video zu den Schlankheits-Challenges: https://www.youtube.com/watch?v=81xt1IH0o2Q

Sonntag, 14. August 2022

Sebastian Kurz ist das Katzenbild unter den Politikern

© vousvoyez
Ein Spruch, den ich auf dem YouTube-Kanal Walulis Daily gehört habe und der meiner Meinung nach bezeichnend ist dafür, wie lange es dem von dem Satire-Magazin Titanic so bezeichneten "Baby-Hitler" gelang, viele von uns zu blenden. Es war eine Erleichterung, dass er letztendlich die Konsequenzen tragen musste, aber andererseits scheint er nicht sonderlich darunter zu leiden - stattdessen versucht er nun, als Unternehmer Fuß zu fassen. Und wir hier in Österreich haben nun einen Kanzler, mit dem der Großteil der Bevölkerung - sowohl Rechte als auch Linke - nicht einverstanden ist. Das ist in der Tat eine prekäre Situation, allerdings muss ich zugeben, dass auch eventuelle Neuwahlen mir momentan Bauchschmerzen bereiten, da die große Frage ist, wie diese ausgehen werden - denn leider fehlt es an einheitlichen Gegenstimmen zu den Schreihälsen am rechten Rand. Und was nun passiert ist, zeigt, wie sehr von unseren Behörden mit zweierlei Maß gemessen wird.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, hat mit Sicherheit mitbekommen, dass auch ich ab und zu meinem Ärger über jene, die glauben, quer denken zu müssen, obwohl sie es noch nicht einmal hinbekommen, geradeaus zu denken, Luft gemacht habe. Auf diese Weise habe ich auch die schlimmste Pandemie-Zeit mit dem ärgsten Geschwurbel auch ganz gut überstanden  - in der ich leider ziemlich viel von der toxischen Seite des Internets mitbekommen habe. Insofern hatten meine privaten Probleme im letzten halben Jahr auch etwas Gutes: Ich hatte keine Kraft und Zeit mehr, mich allzu intensiv mit der Materie zu befassen. Und so habe ich mir nur ab und zu ein kurzes Update verschafft, aber die Vermutung, die ich schon länger hatte, schien sich zu bestätigen: Die "Querdenken"-Bewegung zerfiel, ihre Initiatoren zerstritten sich und etliche Mitläufer haben tatsächlich wieder in die Realität zurückgefunden - denn nachdem der letzte Lockdown beendet war und man wieder Geschäfte und Cafés besuche durfte, nachdem in diesem Sommer sogar die Maskenpflicht gefallen ist, gab es ja keinen Grund mehr, zu protestieren. Übrig blieb also ein harter, radikaler Kern, der sich immer mehr von der Realität abkapselte, immer weniger mit anderen Meinungen zurechtkam und sich immer weiter in seine Aggressionen hineinsteigerte. Im Herbst letzten Jahres kostete diese Radikalisierung einem jungen Studenten das Leben (hier). Ende letzten Monats wurde die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr in ihrer Praxis in Seewalchen am Attersee, Oberösterreich, tot aufgefunden. Todesursache: Suizid.


Dr. Lisa-Maria Kellermayr hatte durch ihren engagierten Einsatz zur Bekämpfung des Coronavirus viel Aufmerksamkeit erlangt - positive wie auch negative. Zu Beginn der Corona-Pandemie im Februar 2020 gehörte sie zu den wenigen, die sich freiwillig meldeten für die undankbare Aufgabe der Versorgung der an Covid-19 Erkrankten - sie war also von Anfang an dabei und lernte so schon früh, das Virus richtig einzuschätzen. Diese Erfahrungen bewirkten, dass sie einerseits häufig zu dem Thema interviewt wurde, andererseits ihr Wissen auch bereitwillig auf diversen Social-Media-Plattformen teilte. Natürlich musste sie sich immer wieder Beleidigungen und Anfeindungen gefallen lassen - aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man sich daran verhältnismäßig schnell gewöhnt. Das passiert jedem, der sich öffentlich zu einem kontroversen Thema äußert - erst letzte Woche wurde ich wegen eines uralten Facebook-Kommentars als "Regenbogen-Faschist" und "Mitläufer" betitelt. Das ist eigentlich schon ganz normal, und man sollte sich von solchen Würstchen nicht einschüchtern lassen - aber es gibt halt eben auch Grenzen, die im Fall Kellermayr überschritten wurden: Im Herbst 2021 schlug der bösartige Spott in blinden Hass über. Im November 2021 äußerte sich die Ärztin in einem Twitter-Post kritisch zu der Belagerung eines Krankenhauses durch Impfgegner in ihrer Heimatstadt Wels, wodurch unter anderem die Rettungszufahrt blockiert wurde. Die Polizei relativierte den Vorfall jedoch und bezeichnete den Tweet als "Falschmeldung". Eine Entschuldigung ist bis heute ausständig - selbst der Kommentar wurde nicht gelöscht. Dafür wurde er zum Auftakt einer Hasswelle gegen Kellermayr - ein Screenshots des Polizei-Tweets geisterte durch einschlägige Telegram-Gruppen und wurde von vielen ihrer Mitglieder als Freifahrtschein verstanden, um ihre Gülle über dieser Frau auszuschütten. Von da an wurde sie immer heftiger per E-Mail und Social-Media beschimpft und bedroht - ich habe einige Screenshots gesehen, sie sind unfassbar schockierend und eindeutig strafrechtlich relevant. Dennoch erfüllten sie laut Polizei nicht den Tatbestand der gefährlichen Drohung.

Die Passivität der Behörden führte dazu, dass Frau Dr. Kellermayr auf eigene Kosten einen privaten Sicherheitsdienst einstellen musste - was letztendlich dazu führte, dass ihre Praxis schließen musste. Da sie von aggressiven Impfgegnern belagert und nicht einmal mehr in ihrem Zuhause in Ruhe gelassen wurde, musste sie sich darin verbarrikadieren. Und was haben die Polizei, die Behörden, die Ärztekammer, die Politik dagegen getan? Die Antwort ist so empörend wie niederschmetternd: Nichts! Null komma Scheiße! Die Verantwortlichen eines Landes mit immer noch vergleichsweise niedriger Kriminalitätsrate haben es nicht fertiggebracht, Leib und Leben einer Person zu schützen, die ihre Verpflichtung gegenüber der Gesundheit seiner Bevölkerung ernst genommen hat! Stattdessen passierte der engagierten Frau genau das, was so vielen passiert, die Gewalterfahrungen machen mussten: Die Schuld für die Bedrohungen wurde ihr selbst zugeschoben - ja, hätte sie es nicht gewagt, sich öffentlich zu äußern, dann wäre das alles nicht passiert! Hätte sie vor den Schreihälsen der Pandemie-Leugner-Szene den Kotau gemacht, wäre sie noch am Leben! Würden Frauen nicht immer so kurze Röcke tragen, gäbe es weniger Vergewaltigungen! Merkt ihr selber, oder?

Einer der Drohbriefe fiel besonders auf - er war sehr konkret und schilderte sehr detailliert, was er mit der unliebsamen Ärztin zu tun gedenke. Laut Polizei sei es "technisch unmöglich", den anonymen Poster ausfindig zu machen. Die deutsche Hackerin "Nella" schaffte das innerhalb von sechs Stunden - und auf völlig legalem Weg. Die Spur führte tief in die rechtsextreme Szene in Deutschland - auch wenn einer dieser Fake-Accounts, nachdem die Recherche öffentlich geworden war, natürlich sofort eilig bemüht war, die Morddrohungen der pöhsen Linken in die Schuhe zu schieben. Und das, obwohl das Wort "rechts" mit keinem Wort erwähnt worden war.

Monatelang suchte Frau Dr. Kellermayr bei der Polizei, der Ärztekammern, Lokalpolitikern um Unterstützung an - ohne Erfolg. Stattdessen riet man ihr, sich nicht mehr öffentlich zum Thema Corona zu äußern; die oberösterreichische Polizei warf ihr sogar "Dramatisierung" vor und behauptete, sie wolle nur mediale Aufmerksamkeit generieren. Es war der Staatsschutz, der die Drohungen letztendlich tatsächlich ernst nahm und zu ermitteln begann - zu spät, wie sich jedoch herausstellen sollte. Der psychische Druck scheint der 36jährigen Ärztin zu viel geworden zu sein - am 29. Juli wurde sie tot in ihrer Praxis aufgefunden. Und sie war nicht die einzige, die mit Hassnachrichten zum Schweigen gebracht wurde - zuletzt sind einige Politiker, darunter auch Gesundheitsminister Wolfang Mückstein, aufgrund dessen von ihren Ämtern zurückgetreten. Behördlichen Schutz dürfen sich Leute, die bemüht sind, Aufklärung zu betreiben und Fakten zur Verfügung zu stellen, nicht erwarten - weil sich die zuständigen Behörden einen Scheiß dafür interessieren, was im Internet passiert. Wer beleidigt, verleumdet oder bedroht wird, weil er Reichweite generiert, ist immer "selbst schuld". Im Gegensatz dazu sind diejenigen, die keine Ahnung von einer bestimmten Thematik haben, sogar bei strafrechtlich relevanten Äußerungen von der "Meinungsfreiheit" geschützt. Auf diese Weise muss man sich mit dieser viel zu komplizierten Materie nicht auseinandersetzen. Dadurch vermittelt man jedoch den Eindruck, dass das Recht, sich zu einer bestimmten Thematik gefahrlos äußern zu dürfen, nicht schützenswert ist. Auf diese Weise vertreibt man die Stimmen der Vernunft sukzessive aus dem öffentlichen Raum. Einige haben auch schon Konsequenzen gezogen, etwa die Ärztin Dr. Natalie Grams-Nobmann und der Rechtsanwalt Chan-jo Jun: Beide haben ihre Twitter-Accounts gelöscht. Ich bin heilfroh, dass sie nicht generell aufhören wollen, Aufklärungsarbeit zu betreiben - gerade die Videos des sympathischen Anwalt Jun sind für mich sehr wertvoll, um bestimmte Zusammenhänge zu verstehen.

Und natürlich ist auch nicht zu erwarten, dass "Querdenker" und Konsorten durch Kellermayrs Suizid zum Umdenken angeregt wurden - im Gegenteil, ihr Tod wurde in einschlägigen Telegram-Gruppen bejubelt und abgefeiert. Die einen machten die Impfung dafür verantwortlich, andere hielten den Suizid für ein Schuldeingeständnis - immerhin hätte sie ja für eine gefährliche Impfung geworben. Und viele fanden es ganz richtig so, dass sie aus dem Leben geschieden war - eben weil sie angeblich so viele Menschenleben auf dem Gewissen hätte -, und äußerten ihre "Dankbarkeit". Gleichzeitig werden weiterhin all jene bedroht, die Angehörigen der eigenen Bubble widersprechen. Das sind sie also, die "ganz normalen Leute", die ja ach so friedlich sind, während alle, die ihnen widersprechen, Hetze betreiben. Die sich ständig auf die Meinungsfreiheit berufen, dabei aber keinerlei Widerspruch dulden und gegebenenfalls für all jene, die es doch wagen, die Todesstrafe fordern.

Nun ist hierzulande die Zurückhaltung gegenüber rechtsextremen Gruppierungen schon längst nichts Neues mehr - Aufmärsche werden sogar dann toleriert, wenn sie zuvor polizeilich verboten wurden, während die, die sich dagegenstellen, mit keinerlei behördlichem Schutz rechnen dürfen. Wie bereits von einem Jahr von allen vermutet, die hingesehen haben, ist von der "Querdenker"-Bewegung nur noch ein harter Kern übriggeblieben, der sich ungestört weiter radikalisiert hat und sich schon für die Zeit rüstet, in der Corona keine so große Rolle mehr spielen wird. Andere Themen gibt es genug - Verschwörungserzählungen wie der "Great Reset", der Krieg in der Ukraine, die Sanktionen gegen Russland, die Teuerung der Lebenshaltungskosten. Schon zu Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine waren bei Corona-Demos auffällig viele russische Fahnen zu sehen. Auch der Kampf gegen Migration und die Rechte sexueller Minderheiten wird nach wie vor eine Rolle spielen. Und nachdem angeblich nur ganz wenig Zeit bleibt, um den "Bevölkerungsaustausch" und die herbeiphantasierte kommunistische Weltordnung zu verhindern, sind buchstäblich alle Mittel erlaubt. Es wird bei weitem nicht zum ersten Mal davor gewarnt, dass diese Szene brandgefährlich ist - trotzdem wurde die Gefahr bisher immer ignoriert und bagatellisiert. Auch nach Kellermayrs Suizid zeigen die offiziellen Stellen keinerlei Einsicht, sind aber erstaunlich schnell zur Stelle, sobald es um kritische Stimmen gegen sie geht. Und während Bundespräsident Alexander van der Bellen schon einen Tag später an den Zusammenhalt der österreichischen Bevölkerung appellierte, brauchte Bundeskanzler Karl Nehammer eine geschlagene Woche, um bedauernde Worte zu dem Tod der Ärztin zu äußern - das Verhalten der Behörden wurde auch von ihm nicht hinterfragt. Das ist umso bezeichnender, da selbst internationale Medien wie die Washington Post dem Kanzler zuvorgekommen sind.

Die Reaktionen derjenigen, die noch ein wenig Empathie übrig haben, waren entsprechend emotional. Auch bei mir sind im ersten Moment die Emotionen hochgekocht - deshalb habe ich auch so lange gewartet, bis ich mich dazu äußere. Und auch jetzt muss ich mir Mühe geben, moderate Töne anzuschlagen, da ich mich immer noch komplett hilflos fühle. Es ist nicht das erste Mal, dass viele von uns dazu auffordern, diejenigen, die mit Galgen aufmarschieren, Todeslisten schreiben und ihrem Hass auf Telegram freien Lauf lassen, endlich nicht mehr als "besorgte Bürger" zu verharmlosen. Stattdessen werden diejenigen, wie wie Klartext reden, im Stich gelassen - und Ärzt:innen wie Lisa-Maria Kellermayr, die ihren Job ernst nehmen, dürfen nicht auf behördliche Unterstützung hoffen.

In diesem Kontext kann ich auch die wütende Reaktion von AnonLeaks gut nachvollziehen, die in ihrem offenen Brief OpKalteWut extremere Maßnahmen ankündigen als das, was sie bisher unternommen haben. Auch ich hatte den Gedanken, dass wir, die wir auf der Seite von Fakten und Vernunft stehen, endlich mehr tun sollten als nur zu schreiben, zu diskutieren und Aktionen gegen Rechts zu feiern, während wir hinter unseren Handys, Tablets und PCs hocken und zuschauen. Die Frage ist allerdings, ob es nur darum geht, uns kurzfristig ein wenig Erleichterung zu verschaffen, oder ob wir auf langfristige Veränderungen hinsteuern wollen - und für Letzteres ist Selbstjustiz, wie ich denke, nicht unbedingt die beste Idee. Was den Hastag #QuerdenkerSindTerroristen betrifft - nun, diese Leute sind keine Terroristen, wie beispielsweise Al Qaida es sind, aber ich muss zugeben, dass ich das, was sie veranstaltet haben, durchaus als Psychoterror einordnen würde - besonders zu jenen Zeiten, als sie diesen Demonstrations-Tourismus betrieben und ganze Innenstädte nicht mehr zugänglich waren. Und auch diese Drohbriefe sind Teil davon - es geht hier weniger darum, tatsächlich jemanden umzubringen als darum, all jene in Angst zu versetzen, die es wagen, ihnen zu widersprechen und ihre Äußerungen als einzig legitime Wahrheit anzuerkennen.

Ich muss zugeben, es fällt mir immer schwerer, mein Vertrauen in höhere Instanzen zu richten, zumal die politische Situation bei mir zu Hause so chaotisch ist wie noch nie. Klar kann man nicht verhindern, dass man auf Widerstand stößt, wenn man sich zu kontroversen Themen äußert - aber es ist trotzdem wichtig, für Fakten und Vernunft einzustehen, und es ist nicht einzusehen, warum gerade jene Menschen sich den Mund verbieten lassen sollen, nur weil die Behörden sich nicht mit jenen herumschlagen wollen, die keine Gegenpositionen aushalten und deshalb verbal und manchmal sogar physisch auf diese einschlagen. Dabei glaube ich nicht, dass es wirklich so schwer ist, wie sie tun - denn diese Leute sind alles andere als die mutigen Rebellen, als die sie sich geben. Im Gegenteil - sie sind nur in der Gruppe so stark, oder wenn sie sich hinter irgendwelchen Social-Media-Profilen verstecken können. Zudem ist es meiner Ansicht nach auch äußerst unklug, in Zeiten wie diesen Leuten aus Gesundheitsberufen keinerlei Schutz zu gewährleisten und so noch mehr von ihnen zu verlieren. Einerseits wird immer nach Aufklärung geschrien, andererseits nimmt man diejenigen, sie dich darum bemühen, für selbstverständlich und verweigert ihnen im Ernstfall jegliche Unterstützung. Das muss aufhören: Wir sollten froh und dankbar sein, dass es überhaupt noch Leute gibt, die sich bemühen, Fakten in die Welt zu tragen, anstatt diese auch noch zu denunzieren! Und auch wenn dieser Blog keine große Reichweite hat, möchte ich doch einige Namen jener Leute nennen, die mir und anderen in den letzten beiden Jahren Mut und Hoffnung geschenkt haben. Leider sind es zu viele, als dass ich alle nennen könnte, deshalb beschränke ich mich auf jene, die mir persönlich am wichtigsten waren bzw. sind:

Dr. Mai-Thi Nguyen-Kim, Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin
Florian Aigner, Physiker und Wissenschaftspublizist
Dr. Janos Hegedüs, Facharzt für Innere Medizin
Prof. Dr. Christian Drosten, Virologe
Katharina Nocun, Publizistin
Mag. Ulrike Schiesser, Psychologin und Psychotherapeutin
Pia Lamberty, M. Sc., Sozial- und Rechtspsychologin
Dipl. Psych. Lydia Benecke, Kriminalpsychologin
Dr. Lisa-Maria Kellermayr, Allgemeinmedizinerin
Dr. Nathalie Grams-Nobmann, Ärztin
Chan-jo Jun, IT-Rechtsanwalt
Ingrid Brodnig, Journalistin

Vielen Dank für Ihr Bemühen, Ihre Fachgebiete auch Laien näherzubringen und der Verbreitung von Falschinformationen mit Fakten entgegenzuwirken!
Merci beaucoup!

vousvoyez