Samstag, 3. Dezember 2022

Eine Ameise alleine ist strunzdumm, aber zusammen sind sie intelligent; bei manchen Menschen scheint es jedoch umgekehrt zu sein

Photo by Joel Muniz on Unsplash
Dabei könnten wir wie Ameisen sein und sind es manchmal auch - meistens aber eher nicht, und das ist frustrierend. Beispielsweise können wir Frauen untereinander nicht solidarisch sein, wollen aber die gleichen Rechte wie Männer - während wir diese immer noch betrachten wie willenlose Triebwesen, die ständig in Versuchung geraten. Ist das nicht bescheuert? Und dabei wird der Mann schon seit Jahrtausenden so betrachtet, und das hat immer zu Problemen geführt. Aufgrund dessen wird nach einer Vergewaltigung das Opfer bestraft oder zumindest verdächtigt, aufgrund dessen drohen Frauen im Iran, in Katar und in Afghanistan drakonische Strafen, wenn sie die dortige Bekleidungsvorschrift nicht einhalten. Wir trauen Männern keine Verantwortung zu, und diese trauen uns keine zu. Wir müssen ständig beschützt werden, aber gleichzeitig sind wir immer diejenigen, die die unschuldigen Männer in Versuchung führen - das beginnt schon in der Bibel mit Eva, die Adam dazu verführt, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Dass zur Verführung immer zwei gehören, wird da nicht berücksichtigt - und dass Adam doof genug war, zu tun, was eine Nackerte ihm gesagt hat, obwohl er wusste, dass das verboten ist, auch nicht. Und trotzdem halten sich Männer seit Jahrtausenden für die Krone der Schöpfung. Und bevor sich jemand beschwert: Liebe Männer, ich weiß, dass viele von euch bereits anders denken. Deswegen sage ich euch schon im Vorhinein, dass es hier vor allem um die geht, die an einem antiquierten Frauenbild festhalten. Und auch darum, wie sehr wir Frauen das noch verinnerlicht haben.

Ich muss beispielsweise schamhaft zugeben, dass ich in jungen Jahren ein Pick-me-Girl gewesen bin - nur, dass es damals den Ausdruck "Pick-me-Girl" nicht gab, und auch keine Hashtags wie #notlikeothergirls. Hashtags hießen damals noch "Raute" oder "Doppelkreuz" und fanden hauptsächlich Anwendung in der Mathematik, Technik, Medizin, Heraldik oder Schachnotation, um nur ein paar zu nennen. Mit anderen Worten: Ich benutzte sie eigentlich nie. Aber ich war eine von denen, die anders waren als die anderen - vor allem die anderen Mädchen. Wie originell! Das Pick-me-Girl schmückt sich gerne mit "männlichen" Attributen und hat lieber Jungs als Freunde, weil ihr die anderen Mädchen einfach zu zickig und zu oberflächlich sind. Sie will, dass die Jungs sie cool finden - weil sie Bier trinkt statt Cocktails, weil sie nicht permanent mit ihrem Aussehen beschäftigt ist, weil man mit ihr zocken und über Fußball reden kann. Besonders beliebt war dieses Motiv in meiner Jugend in all diesen Teenie-Filmen, die damals ständig in den Kinos liefen. Dort gab es nur zwei Extreme: Auf der einen Seite die Tussis, die immer Pink und Minirock tragen, ein bisschen doof sind, sich nur für Make-up und Jungs interessieren und ständig völlig ohne Grund gemein zu anderen sind; auf der anderen Seite die eine, die "nicht so ist wie die anderen" - die sich schlicht kleidet, eher introvertiert ist und - ganz wichtig! - Bücher liest. Denn Bücher lesen ist in dieser Welt etwas ganz Außergewöhnliches und Originelles und bedeutet, dass Personen, die lesen, immer total tiefgründig sind. Und natürlich sind beide Gegensätze unvereinbar - ein Mädchen, das sich nach der Mode kleidet und schminkt, kann natürlich niemals Bücher lesen! Da wirkt Rory Gilmore von den Gilmore Girls, die Bücher liest und sich mit Mode und Make-up auskennt, schon beinahe revolutionär. Als Teenager habe ich diese Dynamiken nie hinterfragt - und mir ganz selbstverständlich immer die mit dem Buch zum Vorbild genommen, weil ich selbst gerne Bücher lese und mir das ewige Gedöns um Make-up und Mode zu anstrengend ist.

In Wirklichkeit aber machen wir uns damit nur gegenseitig klein - indem wir Klischees zementieren, die wir eigentlich hinter uns lassen wollen, und sie gleichzeitig abwerten: Alles, was "typisch weiblich" ist, ist uncool, weil langweilig und oberflächlich. Deswegen müssen wir immer dieses ganz besondere Schneeflöckchen sein, das sich von der pink gekleideten, sich schminkenden Masse abhebt. Langsam aber sollten wir anfangen, uns zu fragen, warum uns nicht schminken, schlichte Kleidung und Bücher lesen so "besonders" machen soll - und warum wir uns den anderen auf diese Weise überlegen fühlen. Wir sollten uns über internalisierten Sexismus Gedanken machen - also ein Sexismus gegen das eigene Geschlecht, mit welchem wir patriarchale Strukturen zementieren und welcher vor allem die klassischen Rollenklischees umfasst, wobei "typisch weibliche" Eigenschaften abgewertet werden. Mit anderen Worten: Man reduziert andere nicht nur auf Klischees, sondern verurteilt sie gleichzeitig wegen dieser. Deswegen verleibt man sich möglichst viele "typisch männliche" Attribute ein, um sich von den anderen abzugrenzen und Bestätigung von Jungs/Männern zu erhalten. Und dabei sind die Möglichkeiten in Wirklichkeit doch so vielfältig, wenn wir endlich aufhören, uns gegenseitig gegeneinander ausspielen zu lassen. Darum finde ich es großartig, dass es heutzutage Mädchen gibt, die erkannt haben, dass "die anderen Mädchen" in Wirklichkeit nur ein Mythos sind - und sich auf TikTok über das Pick-me-Girl-Syndrom lustig machen. Denn ist es letztendlich nicht viel oberflächlicher, die anderen zu verurteilen, weil sie Kleider und Make-up tragen, als selbst Kleider und Make-up zu tragen?

Aber letztendlich ist dieses Verhalten ja auch ein Resultat dessen, was wir so lange vorgesetzt bekamen: Egal ob in Büchern, Hörspielen, Filmen oder Serien - überall gibt es viele Geschichten, die sich um die Eine und Einzige drehen. Das beginnt schon mit jenen Märchen, in denen sich alles um die Eine dreht, die Auserwählte, die meistens gleichzeitig die Schönste, die Frommste, die Fleißigste ist. Vor allem aber die Schönste. Besonders die Prinzessinnen können außer Schönsein aber nicht viel - meistens sind sie sogar ziemlich doof. Zum Beispiel Schneewittchen, die dreimal auf die böse Königin hereinfällt. Oder Dornröschen, die sich mit der Spindel sticht, obwohl sie vom Fluch der bösen Fee weiß. Häufig werden sie auch von ihrem Prinzen vergessen, der sich gleich mal eine andere angelt - aber daran ist natürlich NIE er schuld, sondern immer die Nebenbuhlerin, weil sie ihn verhext hat. Und entsprechend verhält sich die wahre Braut auch nicht so, wie es jede vernünftige Frau tun würde, indem sie über den Arsch, der sie links liegengelassen hat, hinwegkommt und sich einen neuen sucht - nein, sie macht sich auch noch schön für ihn und setzt alles daran, ihn zurückzuerobern! Da frage ich euch doch: Wie verstrahlt kann man bitteschön sein? Und der Schönsten gegenüber stehen die Bösen, die meistens hässlich, häufig faul und vor allem neidisch auf die Schöne sind. Und am Ende ist es immer der schöne Prinz, der die Prinzessin aus ihrer Misere befreit. Wobei die Prinzen teilweise auch ganz schön doof sind - beispielsweise der im Froschkönig, der die junge Dame, die ihn an die Wand geknallt hat, auch noch heiratet! Aber auch in Serien und Filmen sind Frauenfiguren nicht sehr facettenreich - Schlumpfine ist in den frühen Folgen nicht nur der einzige weibliche Schlumpf, sie wurde auch noch erschaffen, um die friedliche Männergesellschaft in Schlumpfhausen zu stören. Und im Gegensatz zu den anderen ist ihr einziges besonderes Kennzeichen, dass sie weiblich ist. Beispiele gibt es viele.  Auf der anderen Seite haben wir weibliche Trickfilmfiguren, die absurd sexualisiert dargestellt werden - na gut, das kann man zumindest teilweise noch als Karikatur gelten lassen, und zudem gibt es ja ebenso auch extrem sexualisierte Männerfiguren - und vor allem seit den 1990ern oft dünner sind, als es rein anatomisch überhaupt möglich wäre. Über Schönheitsideale schreibe ich allerdings an anderer Stelle.

Halten wir also fest: Wir Frauen sind irrsinnig gut darin, einander in den Rücken zu fallen, aber eher schlecht darin, zusammenzuhalten und uns gegenseitig zu stützen - zumindest öffentlich, privat können wir uns aufeinander verlassen. Vor allem dann, wenn wir uns schon lange kennen. Besonders unfair sind wir zu jenen, die nicht unser Lebensmodell adaptiert haben, welches natürlich absolut perfekt ist. Und recht machen können wir es ohnehin weder uns gegenseitig noch anderen; wollen wir keine Kinder, werden wir vor einem unerfüllten Leben gewarnt; haben wir Kinder, legt uns der Staat beständig Steine in den Weg; haben wir Kinder und gehen arbeiten, sind wir Rabenmütter; bleiben wir aus freien Stücken zu Hause, sind wir rückständig. Aktuell gibt es auf TikTok jedoch Trends, die eher das traditionelle Rollenbild vertreten - nämlich die Stay-at-Home-Girlfriends und die Tradwifes. Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde es ganz wunderbar, dass du dich in deiner Rolle als Hausfrau und Mutter selbst verwirklichen kannst, Karen - aber nicht alle wollen oder können das.

Stay-at-Home-Girlfriends und Tradwifes zeichnen sich vor allem durch eine Gemeinsamkeit aus: Sie haben sich einen reichen Mann geangelt, leben auf deren Kosten und zelebrieren das im Internet. Stay-at-Home-Girlfriends führen vor, wie sie tun und lassen, was sie wollen und wann sie es wollen, ohne einem lästigen Job nachgehen zu müssen. Tradwifes zeigen, wie sie den Haushalt führen und sich, sofern vorhanden, um die Kinder kümmern. Manche sogar im schicken Fünfziger-Jahre-Hollywood-Outfit. Natürlich wird immer nur gezeigt, wie toll das alles ist - entsprechend sehnen sich junge Mädchen, die diese Videos ansehen, häufig danach, ebenfalls so ein tolles Leben zu führen. Was jedoch niemals vorkommt, ist der hohe Preis, den man dafür bezahlt: seine Freiheit, seine Unabhängigkeit und seine Selbstständigkeit. Darüber hinaus wird oftmals ausgeblendet, dass diese Frauen mit ihrem Lebensmodell genauso Geld verdienen wie alle Influencer innen, außen und rundherum - mit anderen Worten, weder verbringen sie ihre Zeit ausschließlich damit, das süße Leben zu genießen, noch sind sie von ihren Männern tatsächlich finanziell abhängig.

Bei Frauen, die neben ihrem Hausfrauendasein keine lukrative Influencer-Karriere am Laufen haben, sieht es jedoch oft ganz anders aus: Da ausschließlich der Mann über das Kapital verfügt, ist das Machtverhältnis im Ungleichgewicht und kann ganz leicht ausgenutzt werden. Und das führt ganz schnell in die Hilflosigkeit und nach einer Trennung auch häufig in die Armut - und aus Angst vor dem finanziellen Abstieg sind Frauen dann in einer unglücklichen oder gar gewaltvollen Beziehung gefangen.

Was die Tradwifes betrifft, so kommt noch eine ganz andere Gefahr hinzu: Dieses Konzept ist nämlich oft hoch ideologisch, und auch wenn nicht alle Frauen, die sich als Tradwifes inszenieren, rechtsradikal sind, so gibt es hier doch sehr viele Schnittstellen: So machen einige von ihnen keinen Hehl daraus, dass ihr Ziel ist, möglichst viele weiße Babys zu "produzieren". Viele sehen ihre Daseinsberechtigung darin, sich dem Mann unterzuordnen und ihm zu dienen. Häufig werden hier auch die fünfziger Jahre romantisiert, ohne zu bedenken, dass die Frau damals selten eine andere Wahl hatte, als Hausfrau und Mutter zu sein; sie hatte kaum Rechte und brauchte die Erlaubnis des Ehemannes, um einer Erwerbsarbeit nachgehen zu können. Abgesehen davon war Gewalt in der Ehe ein Kavaliersdelikt und eine Vergewaltigung der Ehefrau nicht strafbar.

Die Schnittstellen zwischen Tradwife und rechtsradikaler Ideologie werden vor allem in einem Sharepic sichtbar, das Ende Oktober diesen Jahres viral ging: Es tauchte auf dem Instagram-Kanal der AfD Sachsen auf und stellte die "moderne befreite Feministin" der "traditionellen Ehefrau" gegenüber - wobei Ersterer natürlich nur negative, Letzterer nur positive Eigenschaften zugeschrieben wurden. Das sieht man schon am Erscheinungsbild der beiden: Die "böse" Frau ist pummelig, unvorteilhaft gekleidet, hat ein Tattoo, strähnige Haare und einen miesepetrigen Gesichtsausdruck; die "gute" Frau ist schlank, züchtig gekleidet, mit einem Baby auf dem Arm und zufriedenem Gesicht. Laut des Memes ist der Lebenswandel der "Bösen" ungesund, sie hat kein Selbstvertrauen, schustert ständig an sich herum, hat "Gender" studiert, wechselt pausenlos die Partner und treibt ständig ab; die "Gute" hingegen achtet auf ihre Gesundheit und pflegt ein natürliches Erscheinungsbild, lebt gesund und ist eine patriotische Hausfrau und Mutter. Natürlich sorgte das Bild für Empörung, und binnen kürzester Zeit war es überall zu sehen - auch nachdem die AfD Sachsen es schon längst gelöscht hatte. Entsprechend fand man auch schnell heraus, woher das Bild ursprünglich stammte: nämlich aus der ultrarechten Ecke der Tradwife-Bewegung - deren Sharepic ging nämlich schon vor drei Jahren im englischsprachigen Raum viral. Und auf diesem sind exakt die gleichen Frauen zu sehen, ein Teil des hier abgebildeten Textes wurde auf dem AfD-Meme vollständig übersetzt wiedergegeben. Das einzige, was fehlt, ist der offene Rassismus (die Feministin steht nur auf Schwarze, die Tradwife liebt ihre "Rasse") und die Glorifizierung von Heimunterricht. Auch in Incel-Foren sind beide Memes übrigens sehr beliebt. Ihr erinnert euch, jene Bewegung, in der frustrierte weiße, heterosexuelle Männer sich einbilden, Sex sei ihr gottgegebenes Recht, das ihnen Frauen gefälligst zu gewähren hätten.

Wie ihr also seht, gibt es auch in unseren Breiten noch enorm viel zu tun - und dabei haben wir es besser als viele Frauen in anderen Ländern und Gesellschaften. Ein herausragendes Beispiel ist momentan der Aufstand der Frauen im Iran. Ich habe mich bereits vor längerer Zeit in die Geschichte rund um die Islamische Revolution hineingelesen - wärmstens empfehlen kann ich übrigens Persepolis, das Graphic Novel von Marjane Satrapi, in dem sie zeichnerisch darlegt, was es bedeutet, Frau im Iran nach 1979 zu sein. Denn seit damals sind die Frauen dort nahezu rechtlos. Da sie sich die Schikane durch die dortige Sittenpolizei nicht mehr gefallen ließen, griff das Regime immer härter durch: Am 16. September dieses Jahres wurde die kaum 23jährige Kurdin Jina Mahsa Amini von der iranischen Sittenpolizei verhaftet und zu Tode geprügelt, weil sie ihren Hijab nicht korrekt getragen hätte - von offizieller Seite hieß es, sie sei einem Herzversagen erlegen, die Obduktionsberichte sagten allerdings anderes aus. Daraufhin eskalierten die Aufstände gegen die iranische Regierung: Menschen demonstrierten in den Städten, Frauen schnitten sich öffentlich die Haare ab und verbrannten ihre Hijabs. Etliche von ihnen wurden verhaftet, misshandelt und getötet, aber sie haben bis heute nicht aufgegeben - sie riskieren ihr Leben für ihre Freiheit. Was aktuell im Iran passiert, ist größer als alles, was wir hier veranstalten - es zeigt, dass der Wille der islamischen Frauen auch nach über vierzig Jahren Unterdrückung immer noch nicht gebrochen ist.

Und das gehört zu jenen Themen, die wichtig sind - ebenso, wie die Tatsache, dass hierzulande immer noch viel zu viele Frauen nahezu täglich Opfer von Gewalt werden. Und dass die meisten Politiker auf das eine wie das andere bestenfalls zahnlos reagieren, während in den Kommentarspalten von Twitter, Instagram, Facebook & Co. immer wieder die Forderung laut wird, dass man sich doch lieber wichtigeren Themen widmen soll. Klar - was gibt es auch Unwichtigeres als die Freiheit und Sicherheit der halben Weltbevölkerung. Diese Frauen wollen doch eh nur Aufmerksamkeit! Und überhaupt - warum wollen wir linksgrünversifften Gutmenschen, dass Frauen im Iran ihr Kopftuch ablegen dürfen, wenn wir doch hierzulande alle verschleiern wollen? Nun - das nennt man Instrumentalisierung: Sich den Protest anderer zu eigen machen, um anti-islamische bzw. rassistische Narrative zu verbreiten. Zum Glück scheinen die Proteste der iranischen Frauen sowie die Solidarität auf der ganzen Welt jedoch diesmal das rechtspopulistische Gejaule zu übertönen. Das sollten wir uns für die Zukunft merken. Und um es klarzustellen: Ich bin nach wie vor kein Fan vom Kopftuch - für mich symbolisiert es viel zu sehr patriarchale Ansprüche -, aber ich erkenne auch an, dass die Trägerinnen es vielleicht anders empfinden. Ja, man kann tatsächlich etwas tolerieren, ohne es deswegen gleich toll finden zu müssen - denn wer sich gegen einen Kopftuchzwang ausspricht, muss deshalb nicht gleichzeitig für ein Kopftuchverbot fordern. Das wäre ungefähr so, als würde man Frauen verbieten, ihre Brüste zu bedecken, weil man sich an der Sexualisierung der weiblichen Brust stört.

Halten wir also fest: Bis wir tatsächlich die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau erreichen, muss noch viel getan werden. Trotzdem müssen wir anerkennen, dass wir bisher schon weitaus mehr erreicht haben, als innerhalb eines Jahrhunderts zu erwarten gewesen wäre. Lassen wir uns diese Rechte also nicht wieder nehmen und vor allem - hören wir auf, uns gegenseitig in den Rücken zu fallen. Denn ein so großes Ziel lässt sich nur gemeinsam erreichen.

vousvoyez






Eine legale, billige und bequeme Möglichkeit, den Frauen im Iran und auch anderen Menschen, die in einem Land mit zensiertem Internet leben, Unterstützung zukommen zu lassen:https://snowflake.torproject.org/embed

Mittwoch, 23. November 2022

"Pretty in Plüsch" ist schlimmer, als die Muppets auf Wish zu bestellen

© vousvoyez
Tatsächlich frage ich mich, was die Produzenten geraucht haben müssen, um so eine Show zu erfinden. Ich habe zwar nicht viel davon gesehen, aber mir ist tatsächlich aufgefallen, dass diese Puppen und Stoffviecher alle so aussehen wie fehlkonstruierte Muppetfiguren. Und die Muppets gehörten ebenso zu meiner Kindheit wie regelmäßige Zoobesuche.

Als ich ein Kind war, wandelten sich die winzigen Käfige, die ursprünglich für Zootiere üblich waren, langsam in großzügigere Gehege - und die Tiere wurden weniger als Objekte und mehr als Lebewesen angesehen. Ich erinnere mich an ältere Fotos, die einer meiner Brüder geschossen hat und die die schmiedeeisernen Käfige im Tiergarten Schönbrunn zeigen, in die noch in den 1970er Jahren Großkatzen eingesperrt wurden - wofür es übrigens schon damals heftige Kritik gab. Ein paar der alten denkmalgeschützten Gebäude, etwa der Bärenzwinger, existieren übrigens heute noch - werden aber nicht mehr so genutzt wie ursprünglich gedacht, beispielsweise wird der alte Kaiserpavillon, in dem früher die Papageien untergebracht worden waren, heute als Café und Restaurant genutzt, während der Bärenzwinger schon seit Ewigkeiten leer steht. Und so habe ich bei meinen Besuchen in Schönbrunn eine moderne Tiergarten-Anlage mit weitläufigen Gehegen vorgefunden, die das barocke Ambiente mit moderner Wildtierhaltung kombiniert. Wie viele Kinder, so bin auch ich gerne in den Zoo gegangen, weil ich Tiere mochte. Heute allerdings stelle ich mir die Frage: Sind Zoos eigentlich noch zeitgemäß?

Frühformen zoologischer Gärten gab es laut archäologischen Funden bereits im alten Ägypten und im antiken China; im Alten Orient wurden schon damals exotische Tiere unter den jeweiligen Herrschern ausgetauscht oder als "Zahlungsmittel" eingesetzt. Aus dem 15./16. Jahrhundert ist der den späteren Menagerien ähnliche Zoo des Aztekenherrschers Moctezuma II. bekannt. In Europa wurden sehr häufig Wild und Geflügel aus den nahen Alpenregionen in Klöstern gehalten, im weltlichen Bereich dienten Tiergehege größtenteils der Jagd. Schon damals gab es allerdings auch Menagerien, die der Zurschaustellung von Tieren dienten; die meisten befanden sich in Besitz von adeligen Höfen - berühmt war etwa die königliche Menagerie im Tower of London, welche unter Heinrich III. eingerichtet wurde. Durch Ludwig XIV., der im Schlosspark von Versailles Gehege für exotische Tiere errichten ließ,, kam es zu einer Blütezeit der höfischen Menagerien, die in der frühen Neuzeit zu einer Art Statussymbol wurden, mittels dessen absolutistische Herrscher ihren Reichtum und ihre Exklusivität zur Schau stellten. Diese Tiergärten waren allerdings adeligem Publikum vorbehalten.

Allmählich entwickelte sich auch das Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung und Beobachtung lebendiger Tiere - die nicht artgerechte Haltung in den höfischen Menagerien war dabei jedoch nicht von Vorteil, da sich die Tiere dort selbstverständlich nicht ihrer Natur gemäß verhielten. Die sukzessive Auflösung fürstlicher Privatmenagerien um 1800 förderte die Entstehung wandernder Tiersammlungen, die sich immer mehr an der Schaulust des Publikums orientierten. Der älteste Zoo, der von Beginn an wissenschaftlichen Interessen diente, war die Ménagerie du Jardin des Plantes, eine Art Nachfolge-Zoo der Versailler Menagerie der von Anfang an für jeden offen stand und Forschungsmöglichkeiten für namhafte Wissenschaftler bot. Die erste Anlage, welche die Bezeichnung "Zoologischer Garten" führte (womit auf die wissenschaftliche Ausrichtung hingewiesen werden sollte), war der Londoner Zoo.

Der erste Zoo, welcher annähernd modernen Standards entsprach, war Hagenbecks Tierpark in Hamburg. Der Name Carl Hagenbeck ist uns aus einem anderen Artikel bereits bekannt - er stellte nicht nur exotische Tiere, sondern auch Menschen in seinen Zoos aus. Heute bemühen sich Zoos vermehrt, ihre Architektur den Bedürfnissen der Tiere anzupassen - was nicht immer ganz einfach ist, da bei historischen Zoos aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert häufig Tier- und Denkmalschutz kollidieren, so etwa im Zoologischen Garten Berlin oder im bereits erwähnten Tiergaren Schönbrunn, wo die Tiere oft als eine Art Accessoire für interessante architektonische Einfälle benutzt werden. Ansonsten hat sich seit den 1990er Jahren eher die in den USA entwickelte Erlebnisarchitektur durchgesetzt, bei der die Tiergehege deren in ihrer Heimat vorgesehenen Lebensraum nachbilden. Manche Anlagen bauen auch auf das Konzept des Geozoos, in dem sich geographisch zueinander passende Tiere die Gehege teilen. Außerdem gibt es natürlich auch die Zoos, die sich auf bestimmte Lebensräume spezialisiert haben, wie Reptilienzoos, Aquarien, Safariparks oder Schmetterlingszoos. Zu Letzteren gehört auch das Schmetterlingshaus im Wiener Burggarten, das in einem Flügel des berühmten Palmenhauses untergebracht ist. Ich war als Kind einmal drin und musste feststellen, dass Schmetterlinge sich überhaupt nicht gern fotografieren lassen - außer sie sind aufgespießt, aber das wollen wir ja nicht. Auch heute stelle ich übrigens immer wieder fest, dass vor allem Tagfalter nicht gnädig darauf warten, bis du deine Foto-App geöffnet hast. In vielen größeren Zoos befinden sich auch Streichelzooanlagen, die Haustiere beherbergen, die auch angefasst und gefüttert werden dürfen. Zu erwähnen sind außerdem Themenzoos, die sich bestimmten Tierarten widmen, oder Privatzoos, die allerdings ein Kapitel für sich sind.

Womit ich auf die eigentliche Frage zurückkomme: nämlich, ob Zoos in der heutigen Zeit noch sinnvoll sind. Nun kennen wir die Argumente von Zoobefürwortern, die immer wieder hervorgekramt werden, sobald man versucht, ernsthaft über dieses Thema zu diskutieren: Der Zoo diene den Besuchern zur Erholung und Bildung, außerdem der wissenschaftlichen Forschung sowie dem Artenschutz bzw. Arterhalt. Abgesehen davon bietet der Zoo Wildtieren ein längeres und entspannteres Leben, als sie es in freier Wildbahn hätten. Die Frage ist allerdings, inwieweit das zutrifft und wie viele dieser Argumente noch übrig bleiben, wenn man sie genauer betrachtet und auf ihre Validität überprüft.

Kommen wir als erstes zum Thema Artenschutz und wie viel der Zoo wirklich dazu beiträgt. Gerade in Zeiten wie diesen, wo pro Tag etwa 20.000 bis 100.000 Spezies ausgerottet werden und wir auf eine Klimakatastrophe zusteuern, deren Ausmaß wir noch nicht absehen können, ist das natürlich ein Argument, das zählt. Und es gibt tatsächlich auch Tierarten, die ohne Zoos nicht mehr existieren würden - so gab es erfolgreiche Auswilderungsprojekte etwa des Goldenen Löwenäffchens, des Europäischen Wisent, des Przewalski-Pferdes oder des Kalifornischen Kondors. Natürlich wären diese Projekte ohne den schädlichen Eingriff des Menschen in die Lebensräume dieser Tiere nicht notwendig gewesen, aber das ist nochmal eine andere Geschichte. Gleichzeitig gibt es jedoch auch Tierarten, die nicht mehr ausgewildert werden können und daher nur noch im Zoo existieren - so etwa der Davidhirsch, der Warzenhonigfresser oder die Pinta-Riesenschildkröte. Hier stellt sich natürlich die Frage, was für einen Sinn es hat, diese Tiere sozusagen als lebende Fossilien im Zoo zu konservieren.

Natürlich beteiligen sich Zoos finanziell auch an Artenschutzprogrammen - aber nur ein Bruchteil ihrer Einnahmen wird wirklich darauf verwendet. Dafür kostet die Zoohaltung etwa gleich viel wie die Errichtung von Schutzgebieten, mittels derer Artenschutz auch vor Ort stattfinden könnte. Darüber hinaus werden nach wie vor wilde Tiere für Zoos gefangen und exportiert - und auch wenn sie häufig geschmuggelte Tiere bei sich aufnehmen, initiierten sie andererseits Tierschmuggel auch selbst. Insgesamt gelang den Zoos die Bewahrung von etwa 50 Tierarten vor dem Aussterben, was ja doch nicht allzu viel ist. Dafür wird in Zoos eine weitaus größere Anzahl an Tierarten gehalten, die gar nicht akut vom Aussterben bedroht sind - insgesamt sind das etwa 80 % aller im Zoo lebenden Tierarten.

Der zoologische Artenschutz konzentriert sich außerdem hauptsächlich auf Tiere, die auch Besucher anlocken - und das sind in den meisten Fällen Säugetiere und Vögel. Nun gibt es die meisten bedrohten Arten wahrscheinlich bei den Amphibien, aber Frösche und Salamander sind natürlich lange nicht so beliebt wie Pandabären oder Kondore, und auch mit Würmern, Insekten und Muscheln lockt man keine Leute in den Zoo. Leider schaffen wir es immer noch nicht, der nächsten Generation klarzumachen, dass Tiere auch dann wichtig für das Ökosystem sind, wenn sie nicht putzig, schön oder lustig sind. Wie es aussieht, wird das Erbmaterial von so manchem Exemplar in Zukunft nur noch in sogenannten Tiefkühlzoos existieren - vorausgesetzt natürlich, wir bringen überhaupt noch genügend Energieressourcen auf, um diese Lager langfristig versorgen zu können, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Da ist die nächste Geschichte noch der Bildungsauftrag, vor allem betreffend der Kinder, die schließlich nicht alle einen Urwald oder eine Savanne vor der Haustür haben. Wird dieser tatsächlich erfüllt? Nun, die Studien mit den positivsten Ergebnissen, die diese Argumentation untersucht haben, wurden - Überraschung!, Überraschung! - von Zoos herausgegeben. Fest steht, dass die Ergebnisse von Zoobesuchen bei Kindern in Begleitung einer Lehrperson augenscheinlich besser ist als ohne. Klar gibt es Zoos, die so viel Authentizität wie möglich schaffen wollen, etwa indem sie ganze Körperteile statt nur zerteiltes Fleisch an Raubtiere verfüttern, um zu zeigen, dass das auch zur Natur dazugehört und dass für Fleisch immer ein Tier sterben muss. Manche verabreichen auch keine Verhütungshormone, damit die Zoo-Insassen ihrem natürlichen Paarungstrieb nachgehen können - überzählige Tiere, die nicht an andere Zoos vermittelt werden können, werden dann getötet und manchmal auch an die Raubtiere verfüttert. Dies geschieht übrigens auch mit bedrohten Arten - man will auf diese Weise Inzucht vermeiden und eine gesunde Population erhalten. Eine Geschichte, die ich selbst noch vage auf dem Schirm habe, ist die Tötung des Giraffenbullen Marius im Kopenhagener Zoo mit anschließender Zerteilung vor Publikum, um das Fleisch an die Löwen zu verfüttern - sie verursachte 2014 einen Skandal, der in wüsten Beschimpfungen, Forderungen der Schließung des Zoos oder Entlassung des Zoodirektors und sogar Morddrohungen gipfelte. Selbstverständlich hauptsächlich online - was auch sonst? Und auch im US-Fernsehen, wo sich Leute echauffierten, die garantiert nicht alle Veganer waren. Aber okay, Doppelmoral ist auch nichts Neues. Natürlich ging es da auch um die armen Kinder, die so etwas mit ansehen mussten, anstatt in dem Glauben gelassen zu werden, Fleisch wachse in Supermarktregalen. Manche Zoos bieten auch Versteckmöglichkeiten für die Tiere, so dass man sie vielleicht auch mal nicht sehen kann, und die allermeisten in unseren Breiten erlauben kaum direkten Kontakt mit den Tieren, so dass Kinder lernen, dass Wildtiere keine Streicheltiere sind, auch wenn sie noch so süß aussehen - was angesichts der Tatsache, dass wir seit Jahrtausenden Geschichten erzählt bekommen von Tieren, die sich wie Menschen verhalten, entschieden ein Fortschritt ist. Was nicht bedeutet, dass man diese Geschichten nicht mehr erzählen darf - solange die Kinder lernen, Realität von Fiktion zu unterscheiden, werden sie auch verstehen, dass das nur Geschichten sind. Statt dessen sollte man ihnen vermitteln, dass nicht nur Rehlein und Häslein Respekt verdienen, sondern auch Raubtiere Teil eines funktionierenden Ökosystems sind. Aber braucht es für all das unbedingt einen Zoo? Schließlich gibt es heutzutage genügend andere Möglichkeiten, zu erfahren, wie ein Löwe aussieht - Fernsehen, Kino, Internet, Bücher, Spiele, Dokumentationen. Darüber hinaus kann man mit Kindern auch durchaus mal öfter in die Natur gehen und mit ihnen zusammen die heimische Tierwelt entdecken. Ich habe das als Kind erlebt, und obwohl ich den Zoo mochte, fand ich es mit der Zeit noch viel cooler und aufregender, mit dem Fernglas an einem Berghang eine Gemse zu erspähen (ich weiß, man schreibt jetzt Gämse, aber das sieht so hässlich aus), bei einem Waldspaziergang auf einen Feuersalamander zu stoßen oder beim Schnorcheln die Unterwasserwelt zu entdecken, als auch die exotischsten Tiere wie auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Auch das ist eine gute Lektion fürs Leben - manches ist einfach besser, wenn man etwas dafür getan hat. Und ich habe in den Naturdokumentationen der Reihe Universum weitaus mehr über Tiere und ihre Lebensräume gelernt als im Zoo, der die natürliche Umgebung bestenfalls nachahmen kann, aber nie so sein kann wie sie. Tatsächlich ist nach einem Zoobesuch keine unmittelbare Verhaltensänderung der Besucher gegenüber Natur und Tieren feststellbar.

Bleibt also nur das Totschlagargument der Zoos selbst - nämlich, dass sie den armen Tieren ein längeres und besseres Leben bescheren können als in der gefährlichen Natur. Und ich weiß auch, dass die Pfleger in den Zoos den Tieren nichts Böses wollen - ganz im Gegenteil -, und sie lieben die Tiere auch. Sie sind überzeugt von dem, was sie tun, und das ist auch ihr gutes Recht - genauso wie ich anderer Meinung bin und damit nicht allein dastehe. Tatsächlich haben etliche Wildtiere wie Löwe, Spitzhörnchen und Weißwedelhirsch in Gefangenschaft eine höhere Lebenserwartung - andere hingegen leben in Zoohaltung deutlich kürzer, beispielsweise werden Zoo-Elefanten nur halb so alt wie die in Freiheit. Ganz abgesehen davon kann man sich natürlich fragen, ob ein längeres Leben auch zwangsläufig besser oder glücklicher ist. Tatsächlich zeigen sich nämlich bei vielen Zootieren Verhaltensauffälligkeiten - so beispielsweise bei Schimpansen, die in Gefangenschaft häufig zu Verhaltensabnormitäten wie Koprophagie oder Selbstverletzung neigen. Das Problem ist, dass die artgerechte Haltung mancher Tiere auch mit noch so viel Mühe einfach nicht möglich ist - gerade etwa bei Eisbären oder Elefanten, die einen enormen Bewegungsradius haben. Hinzu kommt, dass Elefanten in freier Wildbahn ständig mit irgendwas beschäftigt sind, während sie im Zoo viel Zeit mit Herumstehen verbringen. Das Problem ist, dass uns Menschen das unterschwellige Leid der Tiere oft gar nicht bewusst ist - beispielsweise, weil viele über keine Mimik verfügen und deswegen immer glücklich aussehen, während sie das in Wirklichkeit gar nicht sind. Ein Faultier ist beispielsweise nicht immer tiefenentspannt, nur weil es diesen Gesichtsausdruck hat, und Delphine sehen zwar immer so aus, als würden sie lachen, aber das heißt nicht, dass sie es auch tun. Und auch ein funktionierendes Paarungsverhalten sagt nicht zwangsläufig etwas über das Wohlbefinden der Tiere aus. Schon allein die Notwendigkeit eines "Enrichments", wie es schon seit längerer Zeit in Zoos praktiziert wird, also das Beschäftigen der Tiere mit immer neuen Spielen, zeigt, dass manche einfach nicht für Zoohaltung geeignet sind.

Klar - viele werden jetzt einwenden, dass "normale" Leute gerne mal exotische Tiere live erleben möchten statt nur auf dem Bildschirm - oder auch mit neueren technischen Möglichkeiten wie Holographie oder Virtual Reality. Und diesen Wunsch kann ich sogar verstehen - andererseits gibt es auf der Welt (noch) so viele Tierarten, dass alle Zoos der Welt nicht ausreichen, damit man alle davon "in echt" zu Gesicht bekommen kann. Abgesehen davon finde ich nicht, dass es das gottgegebene Recht eines jeden siebenjährigen Kevin aus Obergail ist, mal einen echten Eisbären zu Gesicht zu bekommen - sie werden trotzdem immer wissen, wie ein Eisbär aussieht, und wenn es irgendwann keine Eisbären mehr gibt, nützt es uns auch nichts, wenn ein paar Exemplare noch in Zoos dahinvegetieren. Und ich denke auch nicht, dass man Tiere unbedingt live gesehen haben muss, um zu verstehen, dass sie schützenswert sind - immerhin haben es die Dinosaurier geschafft, das Herz vieler menschlicher Fans zu erobern, obwohl man heute nur noch erahnen kann, wie sie aussahen. Und diejenigen, die sich um die Zootiere kümmern, wollen im Grunde nur das Beste für sie. Die Sache ist halt die, dass Zoos zu einem großen Teil immer noch kommerzielle Interessen verfolgen - das heißt, dass es immer wieder einen Publikumsmagneten geben muss, und dazu eignen sich halt vor allem Jungtiere. Viele von euch werden sich bestimmt noch an den Hype um das Eisbärenbaby Knut aus dem Berliner Zoo erinnern, und auch der kleine Pandabär Fu Long lockte viele Besucher in den Tiergarten Schönbrunn.

Alles in allem sind Zoos meiner Meinung nach ein Relikt aus einer kolonialen Vergangenheit, in der das exotische Großwild als Trophäe noch zum guten Ton gehörte. Andererseits weiß ich jedoch, dass Zoos wohl nicht so bald abgeschafft werden, egal wie viele dagegen sind - deswegen würde ich eine Verbesserung der Zookultur schon als Fortschritt sehen. Beispielsweise eben der Verzicht auf Tiere, deren Lebensqualität in Zoohaltung deutlich beeinträchtigt wird, und die Fokussierung der Zucht von Tieren, die man hinterher auswildern kann, anstatt ständig Jungtiere zu produzieren, die niemals die Freiheit sehen werden können, nur weil sie süß sind. Vor allem aber finde ich, man sollte sich weiterhin an das sich immer mehr durchsetzende Prinzip halten, dass Tiere eben keine Menschen sind - und dass  wilde Tiere weder Spielzeug noch Kuscheltiere sind. Zumindest in Europa wäre mir glücklicherweise kein Zoo bekannt, der sich nicht daran hält - ein anderes Kapitel sind da allerdings Privatzoos, wie man sie beispielsweise in den USA oder arabischen Ländern oft findet - vor allem in Dubai. Diese sind häufig rein kommerziell ausgelegt und daher eher selten wirklich an Tierwohl interessiert. Im Gegensatz zu Zoos, die nach modernem Standard geführt werden, werben sie oft mit der Möglichkeit, mit Wildtieren zu spielen, sich mit Großkatzen fotografieren zu lassen oder Raubkatzenbabys zu streicheln. Häufig machen Stars aus Fernsehen und Internet mit ihrem Besuch Werbung für solche Zoos, beliebt ist etwa der Famepark in Dubai, der schon Stars wie Jérôme Boateng, Rihanna oder Mariah Carey empfing. Häufig dienen dort Tierbabys als Aushängeschild, um Besucher anzulocken - was mit diesen geschieht, sobald sie groß und gefährlich geworden ist, ist allerdings nicht immer ganz klar. Bestenfalls landen sie in anderen Privatzoos, die sich als "Rescue Center" inszenieren, etwa der des Prinzen Marcus von Anhalt - was allerdings den Nachteil hat, dass noch mehr Privatpersonen sich dazu inspirieren lassen, Wildtierbabys aufzunehmen, immerhin kann man sie ja in diese "Rescue Center" abschieben, wenn sie unbequem geworden sind. Ganz zu schweigen davon, dass die Besitzer dieser Zoos auch nicht unbedingt Vorbilder im Umgang mit Tieren sind - wie etwa jener schon erwähnte Prinz, der seiner Tochter zu Weihnachten ein Pavian-Baby geschenkt hat, während hierzulande Tierheime jedes Jahr davor warnen, Kindern lebende Tiere als Geschenke unter den Weihnachtsbaum zu setzen. Generell ist Dubai bekannt dafür, dass reiche Privatpersonen, die dort leben, Großkatzen als Statussymbol benutzen, indem sie sie als Haustiere halten. Ähnlich fassungslos machen mich auch die auf YouTube in großer Zahl zu findenden Videos von Affenbabys, die in Privathaushalten gehalten und wie Menschen behandelt werden - was mit ihnen geschieht, sobald sie erwachsen sind, ist allerdings eine andere Frage. Ganz zu schweigen davon, dass oftmals ganze Affenfamilien getötet werden müssen, um ein einzelnes Baby an Privatpersonen verkaufen zu können, weil die Familien diese unverständlicherweise nicht freiwillig hergeben.

Mit anderen Worten: Die Seriosität von Zoos erkennt man vor allem daran, wie viel direkter Kontakt zu Wildtieren möglich ist. Kein Zoo, der sich an moderne Standards hält, wirbt mit dem Streicheln von Löwenbabys oder Spielen mit Äffchen. Deswegen beherbergen Wildtierzoos oft auch noch Gehege mit Haustieren, die man füttern und streicheln kann. Darüber hinaus muss man sich, wie gesagt, nicht unbedingt auf exotische Tiere fixieren - man kann sogar mit domestizierten Tieren ein einmaliges Tierpark-Erlebnis schaffen, etwa mit der Präsentation alter Haustierrassen wie dem Mangalica-Schwein, dem Ennstaler Bergscheckenrind, dem Tiroler Steinschaf, dem Sulmtaler Huhn oder dem Noriker-Pferd, um nur ein paar zu nennen, die beispielsweise bei mir zu Hause wieder ein Comeback erleben. Die sind oft genauso süß wie die Exoten, und im Gegensatz zu Wildtieren kann man sie auch streicheln und füttern. Im essbaren Tiergarten der Zotter-Schokoladenmanufaktur kann man sogar im angrenzenden Restaurant ihr Fleisch verkosten - was anfangs zu Riesenskandalen geführt hat, inzwischen aber zur Normalität gehört. Und Kinder lernen so vor allem, dass ihr Schnitzel von einem lebenden Tier stammt. Empfehlen kann ich in meiner Gegend auch eine kleine Aufzuchtstation für Wildtiere, die gesund gepflegt und nach Möglichkeit wieder freigelassen werden.

Alles in allem gehen die Meinungen bei diesem Thema weit auseinander, und wer wirklich Recht hat, ist nicht immer zu ergründen. Zumal die Diskussionskultur heutzutage ja sehr zu wünschen übrig lässt - aber das ist eine andere Geschichte, die wir ein andermal ergründen werden. Bis dahin wünsche ich euch alles Gute und dass wir uns ganz bald wieder lesen. Ich jedenfalls habe schon wieder sehr viele Themen, denen ich mich in nächster Zeit widmen will. Bon voyage!

vousvoyez



Dienstag, 25. Oktober 2022

Ich fühle mich wie Picasso, denn ich befinde mich auch in einer blauen Periode

Photo by Johnell Pannell on Unsplash
Könnt ihr euch noch an Jana aus Kassel erinnern? Was die wohl gerade macht? Ob sie sich immer noch wie Sophie Scholl fühlt? Oder ist sie vielleicht sogar zur Einsicht gekommen? Zumindest scheint sie genug Verstand zu haben, sich aus dem Internet fernzuhalten und sich nicht mehr mit dummen Sprüchen profilieren zu wollen. Dann hat der Shitstorm wenigstens etwas gebracht. Aber zumindest sind uns ein paar schöne Erinnerungen an damals geblieben - beispielsweise die vielen ironisch gemeinten unpassenden Vergleiche, von denen es ein paar auch in die Weisheits-Liste geschafft haben. Unter anderem auch der Spruch, den ich selbst erdacht habe - der allerdings aus heutiger Sicht eher missverständlich als wirklich gelungen war. Ich meinte nämlich eigentlich nicht den weiblichen Zyklus, sondern übermäßigen Alkoholkonsum. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn ich stattdessen Picassos rosa Periode gewählt hätte. Aber egal - ich bin sowieso nicht sehr trinkfest, also vergessen wir das gleich wieder.

Reden wir stattdessen über Themen, die uns nicht erst seit gestern bewegen - auch wenn sie heutzutage ziemlich oft aufgegriffen werden. Zum Beispiel über zwei dystopische Romane, die bereits mehrere Generationen bewegt haben und immer noch beklemmende Aktualität besitzen.

Sowohl George Orwells 1984 als auch Aldous Huxleys Brave New World (dt. Schöne neue Welt) gehören bereits seit vielen Jahrzehnten zu den Klassikern unter den dystopischen Romanen - auch, weil wir vieles davon in unsere Gegenwart transferieren können. Aber gerade deshalb muss ich vorab noch einmal klarstellen, dass weder Orwell noch Huxley hellseherische Fähigkeiten hatten - sie hatten allerdings ein sehr scharfsinniges Gespür für bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, und in gewisser Hinsicht sind ihre Werke auch von der Zeit geprägt, in der sie geschrieben haben. Und besonders George Orwell würde mit Sicherheit im Grab rotieren, wenn er mitbekäme, wie häufig sein Roman dieser Tage missverstanden und missinterpretiert wird. Dazu aber später mehr.

In beiden Romanen geht es um die Schreckensvision einer zukünftigen Weltordnung, und um die Schicksale derer, die diese in Frage stellen. Es sind keine strahlenden Helden, sondern eher normale oder gar schwache Mitglieder der Gesellschaft, in der sie leben, die am Ende an dem Versuch scheitern, sich dieser zu entziehen oder sie gar zu verändern. Die Zukunftsversionen der beiden englischen Schriftsteller scheinen unvereinbar, und doch scheint sich, besonders wenn man heutzutage auf China schaut, eine Fusion aus ihnen zu entwickeln - einerseits ist das Land zu einer Art Versuchslabor für moderne Überwachungstechnologien geworden, andererseits vermischt sich High Tech mit einem totalitären Regierungssystem. Menschen werden nach einem Punktesystem bewertet, welches erwünschtes Verhalten belohnt und unerwünschtes bestraft - so werden sie zu Konformismus und Gehorsam "erzogen" und tauschen ihre persönliche Freiheit gegen finanzielle und narzisstische Annehmlichkeiten, ohne es überhaupt zu registrieren. Durch diese Art der unsichtbaren Überwachung wird eine falsche Gleichheit hergestellt - denn genau wie du allen anderen schaden kannst, können die anderen auch dir schaden. Sowohl Huxleys als auch Orwells Roman sind mit viel Zynismus geschrieben, wobei Brave New World im Ganzen eine eher ironische Betrachtung der zeitlichen Entwicklungen ist, und wirken so wie merkwürdige Zerrbilder unserer Gegenwart. Dabei schien dieser Weg ihnen gar nicht vorgezeichnet zu sein. Sie lernten einander in der Eliteschule Eton kennen, wo Huxley Lehrer und Orwell, der damals noch Eric Arthur Blair hieß, Schüler war - danach trennten sich ihre Wege, um für einen kurzen Zeitpunkt wieder zusammenzufinden, als sie gegenseitig ihre Werke rezensierten - hier endete jedoch die gegenseitige Wertschätzung ein wenig. Sie waren auch viel zu verschieden, um wieder zusammenzufinden - die klassischen Gegensätze von Intro- und Extraversion, gepaart mit der unterschiedlichen sozialen Herkunft.

Der 1903 geborene Blair, Sohn eines britischen Kolonialbeamten, kam mit einem Stipendium nach Eton, ein College für die Söhne der Oberschicht - eine zeitlose Enklave, in der die zukünftige Elite des britischen Empires ausgebildet wurde. Der 1894 geborene Huxley wiederum war der Spross einer prominenten Familie - sein Vater war Autor und Biologe und maßgeblich an der Durchsetzung der darwinistischen Lehre beteiligt; sein Bruder Julian war ein bedeutender Biologe und Zoologe, Vordenker der Eugenik und erster Generaldirektor der UNESCO; sein Bruder Andrew erhielt den Nobelpreis für Medizin. Auch er war vor seiner Lehrtätigkeit Schüler in Eton gewesen. Im Gegensatz zu ihm gelang es dem jungen Blair jedoch nie, sich in der Welt der Eliteschulen heimisch zu fühlen - aufgrund seiner Herkunft von den anderen gemobbt, begann der Junge rebellisch zu werden. Huxley hatte seinen Lehrerposten angenommen, weil sein Vater ihn nicht mehr finanziell unterstützte. Er war kein begabter Pädagoge, wurde aber für seine sprachlichen Fähigkeiten bewundert und vermittelte seine Liebe zur Sprache auch den Schülern. Durch ihn lernte Blair die französische Literatur kennen und begann zu schreiben. Sowohl Schüler als auch Lehrer wurden in ihrer schriftstellerischen Arbeit sehr vom Geist des Eton College geprägt - er festigte in ihnen die Überzeugung, dass sich in Zukunft eine streng hierarchische, unverrückbare Kastengesellschaft etablieren würde, aus der es kein Entkommen gäbe. Man muss allerdings dazu sagen, dass das Klassenbewusstsein der britischen Gesellschaft ohnehin schon immer besonders stark war - auch wenn der Auf- und Abstieg nicht von vorn herein ausgeschlossen ist.

Nachdem er Eton verlassen  hatte, trat Blair seinen Polizeidienst in Burma an, den er 1927 quittierte, um in England freier Journalist und Schriftsteller zu werden. Er lebte mehrere Jahre als Vagabund und Gelegenheitsarbeiter in Paris und London - dies bewog ihn dazu, für die Opfer des Systems zu schreiben, und festigte in ihm den Glauben, dass eine Revolution nur vom Proletariat ausgehen könnte, ein Gedanke, der sich auch in 1984 wiederfindet. Er veröffentlichte unter dem Pseudonym George Orwell, das er unter anderem auch angenommen hatte, weil seine Familie fürchtete, sonst ihr Ansehen zu verlieren. 1936 meldete er sich freiwillig als Soldat im Spanischen Bürgerkrieg, wo er auf der Seite der trotzkistischen P.O.U.M. (Partido Obrero de Unificatión Marxista) gegen die Franco-Diktatur kämpfte. Unter seinen Mitstreitern erlebte er zunächst das Idealbild einer klassenlosen Gesellschaft, doch dann wurde der Widerstand vom stalinistischen Totalitarismus überrollt, und Orwell sah sich plötzlich in der Rolle es politisch Verfolgten wieder, der fliehen musste. Seine Erfahrungen in Spanien sollten auch seine beiden bekanntesten Werke prägen: In Animal Farm finden sich beispielsweise Stalin und Trotzki in den Schweinen Napoleon und Schneeball wieder, in 1984 im Großen Bruder und dem Untergrundkämpfer Emmanuel Goldstein. Damals lernte er die Strategien des Stalinismus kennen: Falschinformation und die Umkehrung der Lüge zur Wahrheit, was vor allem in der Handlung von 1984 sehr prägend ist - etwa in paradoxen Slogans wie "Unwissenheit ist Macht" oder "Krieg ist Frieden", welche die Perversion totalitärer Regime karikieren: Wörtern wird der Inhalt geraubt und dieser ins Gegenteil verkehrt, wodurch sie jegliche Bedeutung verlieren. Wir erleben das leider auch in unserer Gegenwart: Erst vor zwei Tagen habe ich über einen Tweet von Erich von Däniken erfahren, dass man ja gar nichts mehr sagen dürfte - während er gleichzeitig ungehindert einen Schwall Unsinn ins Netz blökte, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.

Animal Farm wurde im Jahr 1945 veröffentlicht; zuvor hatte Orwell jedoch Schwierigkeiten gehabt, einen Verlag für das Buch zu finden - die meisten lehnten eine Veröffentlichung ab, da sie eine gekränkte Reaktion der Russen fürchteten. Im selben Jahr war seine Frau gestorben, mit der er ein Jahr zuvor einen kleinen Jungen adoptiert hatte. Gleichzeitig war auch sein eigener Gesundheitszustand nicht sehr stabil, da er bereits seit Jahren immer wieder Probleme mit der Lunge hatte. 1947 stellte man eine erhebliche Zerstörung seines linken Lungenflügels fest; daraufhin zog er sich in ein stilles Farmhaus auf der Hebriden-Insel Jura zurück und begann, an 1984 zu arbeiten. Hier zeigt sich wieder ein auffälliger Gegensatz zu Huxley, der milderes Klima, luxuriöse Lebensumstände und intellektuelle Gesellschaft bevorzugte und sich mit Sicherheit niemals freiwillig auf eine fast menschenleere, windige Insel zurückgezogen hätte. Orwell wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, wollte aber vorher unbedingt noch seinen Roman veröffentlichen, und arbeitete unermüdlich - selbst wenn er zu schwach war, um vom Bett aufzustehen. 1984 wurde im Jahr 1949 veröffentlicht, und Orwell wurde nach London ins Krankenhaus eingeliefert, wo er 1950 mit nur 46 Jahren an einer Lungenblutung starb.

Aldous Huxley wiederum wurde erst mal Ehemann und Vater, nachdem er Eton den Rücken gekehrt hatte. Die bedeutenden Personen in seiner Familie hatten auch in ihm von jung an ein Interesse an Wissenschaft, Medizin, Biologie und technischen Innovationen geweckt, was sich auch in Brave New World widerspiegelt, ebenso wie mit dem nie enden wollenden intellektuellen Schlagabtausch mit seinem Bruder Julian. Dieser war ein großer Befürworter der Eugenik, während Aldous ihr sowohl mit Faszination als auch mit Abstoßung gegenüberstand. Der Diskurs zwischen Rationalität und Utopie zwischen den beiden Brüdern sollte einen bis heute andauernden intellektuellen Streit der Menschheit vorwegnehmen. Das Thema Entmenschlichung durch wissenschaftliche Forschung zog sich durch viele literarische Werke Huxleys, ebenso wie die Frage der Rolle des Individuums in einer Welt aus zunehmender Massenproduktion und Massenkonsum. Sein 1932 erschienener Roman Brave New World war eine Art Gegenentwurf zur allgemein etablierten Form des Science-Fiction-Romans, in der Fortschritt immer als Segen für die Menschheit dargestellt wurde. 

1937 zog er nach Kalifornien, wandte sich dem Buddhismus, der Mystik und dem religiösen Universalismus zu und verdingte sich zeitweise als Drehbuchautor in Hollywood, wobei er mit seinem Gehalt die Flucht von Juden und linksgerichteten Künstlern aus dem deutschen NS-Staat unterstützte. In den 1950ern experimentierte er mit Meskalin und LSD - die daraus entstandenen Erfahrungen verarbeitete er unter anderem in seinem The Doors of Perception, nach der Jim Morrison später seine Band benennen sollte: The Doors. Ganz allgemein wurde er durch seine Erfahrungen mit Halluzinogenen eine Ikone der Beat Generation und später der Hippie-Bewegung. 1960 wurde bei Huxley Kehlkopfkrebs festgestellte - zwei Jahre später erschien sein letzter Roman Island (dt. Eiland), der sehr von seinen Erfahrungen mit dem Buddhismus geprägt ist und eine Art Gegenentwurf zu Brave New World darstellt. Huxley starb am 22. November 1963 - dem Tag, als John F. Kennedy erschossen wurde, weshalb sein Tod nicht so viel Beachtung fand.

Wie schon gesagt, erscheinen die beiden so bedeutenden dystopischen Romane sehr gegensätzlich - auf der einen Seite Orwells totalitäre Schreckensherrschaft, welche die Leute durch künstliche Verknappung, Desinformation und totale Überwachung in Knechtschaft hält; auf der anderen seite eine hedonistische Spaßgesellschaft, die durch Suggestion gelernt hat, diese Knechtschaft nicht nur zu akzeptieren, sondern regelrecht zu lieben. Die eine Gesellschaft wird also von Angst geleitet, die andere von Genuss. Entsprechend ist Auflehnung in beiden auf unterschiedliche Weise schwierig. Beide Romane erzählen von einer globalisierten Welt - drei sich ständig bekriegende Supermächte bei Orwell, ein Weltstaat, der fast alle Menschen unter seiner Kontrolle hält, bei Huxley. Die Regierung in 1984 ist repressiv, bürokratisch und praktisch allwissend, während die Kontrollinstanz in Brave New World auf Wissenschaft und Technik fokussiert ist und darauf achtet, die Gesellschaft stabil zu halten. Deswegen sind zu große Innovationen auch nicht erwünscht, denn diese könnten destabilisierend wirken.

Orwell hat den Geist des Totalitarismus wohl so gut verstanden wie kaum ein anderer. In 1984 kreierte er einen gigantischen Personenkult um einen "Großen Bruder" (engl. "Big Brother"), der selbst nie in Erscheinung tritt, aber dennoch allgegenwärtig ist. Personenkulte sind uns natürlich auch von realen totalitären Regimes nur allzu bekannt, sei es Hitler oder Stalin, sei es Mobutu oder Idi Amin, sei es Xi Jinping oder Kim Jong-un. Der niemals selbst in Erscheinung tretende Diktator findet sich auch in Woody Allens Film Sleeper (dt. Der Schläfer) von 1973 wieder - hier stellt sich gegen Ende des Films heraus, dass er bereits gestorben und nur seine Nase übriggeblieben ist. Die Gesellschaft in Orwells Roman ist streng hierarchisch organisiert und von ständiger Überwachung sowie Desinformation und inszenierter Armut geprägt, die Menschen sind ständig mit ihren Existenznöten beschäftigt. Auch in Brave New World gibt es strenge, unverrückbare Hierarchien, aber die Bevölkerung stellt diese aufgrund ihrer Konditionierung nicht in Frage. Statt anspruchsvoller Kunst und Kultur gibt es in beiden Werken nur seichte Unterhaltung - in 1984 werden die Leute damit dumm gehalten, in Brave New World sind sie aufgrund der emotionalen Verarmung für keine andere Unterhaltung mehr zugänglich. In 1984 werden kritische Gedanken durch Gewalt und einer Kontrolle, die bis in die intimsten Bereiche dringt, unterdrückt; in Brave New World werden alle von klein auf so angepasst, dass sowas wie kritische Gedanken gar nicht erst aufkommt - und so plappert die schöne Lenina munter alles nach, was ihr einst in der Schlafschule eingetrichtert wurde, ohne es je in Frage zu stellen oder eigene Gedanken zu entwickeln. In beiden Romanen werden politische Gegner aus der Gesellschaft entfernt: In 1984 verschwinden sie spurlos und niemand spricht danach mehr über sie; in Brave New World werden sie auf abgeschiedene Inseln deportiert, wo sie niemandem mehr "schaden" können. Bei Orwell wird Hass auf eine ominöse Widerstandsbewegung geschürt, bei Huxley hat man das jedoch nicht nötig; da alle glücklich mit ihrer Rolle in der Gesellschaft sind, kann Neid oder gar Hass gar nicht erst aufkommen.

Winston Smith, der Protagonist von 1984, gehört zur Äußeren Partei, deren Mitglieder besonders streng kontrolliert werden, und arbeitet im Ministerium für Wahrheit, wo er permanent damit beschäftigt ist, die Vergangenheit umzuschreiben und auf Parteilinie zu halten. Insgeheim zweifelt er das Staatssystem und den Großen Bruder jedoch an, führt heimlich Tagebuch und verliebt sich in Julia, die ebenfalls die Partei ablehnt, sich nach außen hin jedoch völlig parteikonform gibt. Die beiden richten sich ein Liebesnest in einem Zimmer ein, das vermeintlich nicht überwacht wird - Liebe und Sex werden somit zu einem Akt der Auflehnung und Rebellion, zu einem Ausweg aus der furchterregenden Welt, die der Roman beschreibt, und führt letztendlich in den Widerstand bis zum Tod. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass sie auf die falschen Freunde gesetzt haben, denn sie werden inhaftiert, und in der Folge wird Winstons Martyrium beschrieben - Verhöre, Folter, permanentes Licht und Essensentzug, Manipulation des Willens, Zerstörung des Selbstvertrauens, bis hin zur Aufgabe des letzten Restes an Selbstachtung: Winston verrät seine Liebe zu Julia, wodurch sein Widerstand endgültig gebrochen ist. Auch Julia verrät Winston, und ihre Liebe ist zerstört. Denn die Partei will keine Märtyrer und unterzieht die Gefangenen erst mal einer Gehirnwäsche, um sie zu demütigen und ihnen den Heldenstatus von vorn herein zu nehmen.

Bei Huxley wiederum herrscht Bequemlichkeit und Stabilität durch unmittelbare Bedürfnisbefriedigung - die Welt ist von Fortschrittsglauben, Industrialisierung und Konsum geprägt. Die Menschen werden in Reagenzgläsern gezüchtet, ihr Leben ist von Anfang an als Teil von vier Kasten vorbestimmt: Die Alphas stellen die körperliche, geistige und politische Elite dar, die Epsilons jedoch werden durch Klonen am Fließband hergestellt, um die am wenigsten anspruchsvollen Arbeiten zu verrichten. Doch sie sind alle vollauf zufrieden mit ihrem vorgezeichneten Lebensweg und wollen es gar nicht anders haben. Tiefere emotionale Beziehungen sind tabu; natürliche Vorgänge wie Geburt, Krankheit und Alter sind diesen Menschen unbekannt, sie werden sogar als anstößig erlebt; negative Gefühle werden mit einer frei zugänglichen, nebenwirkungsfreien und stark dosierbaren Droge namens Soma unterdrückt. Damit ist hier Liebe ein Akt der Rebellion, Sex hingegen reine Bedürfnisbefriedigung ohne emotionale Bindung. Das Individuum zählt nicht, der Tod eines Menschen wird einfach hingenommen und nicht beweint, zumal die Sterbenden sowieso in ein Hospiz untergebracht und mit Soma versorgt werden - ähnlich, wie Huxley kurz vor seinem Tod noch einmal LSD einnahm. Auch Religionen gibt es nicht mehr, dafür aber eine Art Verehrungskult des Automobilpioniers Henry Ford - im Gegensatz zu den Menschen in den Reservaten, die das Christentum mit Naturreligionen verbinden.

Bernard Marx gehört zur Alpha-Klasse, doch ein Fabrikationsfehler führte nicht nur zu kleinerem Wuchs und weniger Ansehnlichkeit, sondern auch zu geistiger Unabhängigkeit. Sein Außenseitertum gibt ihm ein Gefühl von Fremdheit und Einsamkeit, und er hat wenig Erfolg bei Frauen. Trotzdem gelingt es ihm, die schöne Lenina Crowne zu einem Kurzurlaub in einem Reservat in New Mexico einzuladen. Dort begegnen sie all dem, was aus dem modernen Leben schon längst verbannt ist: Schmutz, Ungeziefer, schwangere Frauen, stillende Mütter, alte Menschen. Unter ihnen leben jedoch, wie sich bald herausstellt, zwei Weiße: Linda, die vor vielen Jahren im Reservat verlorenging und wegen fehlender Verhütungsmittel ein Kind austrug, und ihr Sohn John, ein junger, gut aussehender Mann, der jedoch im Referat aufgewachsen ist und die Zivilisation nur aus Erzählungen seiner Mutter kennt. Im Gegensatz zu Bernard, der sich am Ende doch als schwach und feige herausstellt und nicht auf den Komfort der Zivilisation verzichten kann, ist John der Revolutionär unter den Außenseitern, jemand, der einen Umbruch herbeiführen will. Das Problem ist allerdings, dass es ihm hierfür an Phantasie fehlt - er gibt hauptsächlich Passagen aus Shakespeares Werken wieder, die er in der Gesamtausgabe gelesen hat, die er irgendwann einmal im Reservat gefunden hat, hat aber keine eigenen Gedanken und Ideen. Mit Bernard verbindet ihn jedoch die Erfahrung von Ausgrenzung, denn im Reservat werden er und Linda als Außenseiter behandelt, und sie empfindet es als Schande, ein Kind auf die Welt gebracht zu haben. Und wie Bernard, so leidet auch er in Folge unter der sozialen Kälte einer Zivilisation, für die sie immer anders sein werden, in einer Welt, in der man nicht anders sein darf, und all ihre Gefühle spüren wollen in einer Gesellschaft, in der Gefühlstiefe unerwünscht ist.

Bernard nimmt Mutter und Sohn mit in die Zivilisation, wo die beiden mit Neugier wie seltene, vom Aussterben bedrohte Tiere begafft werden - oder wie jene fremdländischen Menschen, die im 19. Jahrhundert aus ihrem Umfeld gerissen und in einem Zoo ausgestellt werden. John ist erst beeindruckt von der Fortschrittlichkeit dieser Welt, fühlt sich von ihren Sitten aber allmählich abgestoßen - die Lieblosigkeit der Menschen, die Banalität der Unterhaltungsmedien und der ständige Drogenkonsum irritieren ihn am meisten. Die einzigen, mit denen er offen sprechen kann, sind Bernard Marx und sein Freund Helmholtz Watson, der durch Shakespeare angeregt wird, sich kreativ zu betätigen. Bernard hingegen erlebt durch seine "Entdeckung" des "Wilden" zum ersten Mal gesellschaftliche Anerkennung und genießt sie in vollen Zügen. Am Ende werden alle drei festgenommen, und Marx wird nach Island, Watson auf die Falkland-Inseln verbannt. John wiederum zieht sich in einen verlassenen Leuchtturm zurück, wo er sich selbst geißelt und bald von Schaulustigen umgeben ist, die ihn beobachten und filmen, bis er sich im Turm erhängt.

Wie schon angedeutet, war Brave New World sehr von den Debatten um die Eugenik in den 1930er Jahren inspiriert - die sogenannte "Erbgesundheitslehre" war nicht umsonst vor allem im Nationalsozialismus sehr präsent, wo sie häufig auch als "Rassenhygiene" bezeichnet wurde. Doch auch der Burenkrieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts heizte in England die Debatte um die Eugenik an, und schon damals wurde etwa über die Sterilisation von Menschen mit Behinderung und mangelnder sozialer Anpassung gesprochen. Und selbst heute, wo die Wissenschaft schon viel weiter ist, halten rechtsextreme Gruppierungen immer noch an den alten Lehren der Eugenik fest, auch wenn sie es natürlich nicht zugeben. Im Nationalsozialismus wurde damit auch die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" gerechtfertigt, die darin bestand, Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen zu ermorden oder in den Konzentrationslagern medizinische Versuche an Menschen durchzuführen. Das ist auch der Grund, warum der Begriff "Eugenik" in der heutigen Zeit nicht mehr so gern benutzt wird. In der Frühzeit wurde die Lehre eher sozialdarwinistisch ausgelegt - ähnlich wie in der Tierzucht, sollte es darum gehen, Erbkrankheiten zu reduzieren und so die Erbanlagen der Menschen allgemein zu verbessern. Heute sind wir von einer neuen Form der Eugenik gar nicht so weit entfernt: Man denke an die Designer-Babys, die durch genetische Manipulation den Wünschen der werdenden Eltern angepasst werden sollen. Auch über Erziehung durch Konditionierung und das Lernen im Schlaf, wie sie in Brave New World praktiziert werden, wurde damals sehr angeregt diskutiert. Wissenschaft und Technik waren auf dem Vormarsch und nahmen immer mehr Einfluss auf das Leben der Menschheit. Zusätzlich verkehrte Huxley puritanische Werte in ihr Gegenteil - in seinem Roman sind offene Sexualität und viele Sexualpartner durchaus erwünscht, während Monogamie und Schwangerschaft als seltsam oder gar anstößig betrachtet werden.

Orwell wiederum bezog sich, wie schon gesagt, sehr auf die Mechanismen der totalitären Ausprägung des Kommunismus. Die furchterregende Welt, die er in 1984 kreiert, die beinahe körperlich spürbare eisige Atmosphäre und die allgegenwärtigen Teleschirme sollen uns unsere eigenen Ängste vor Augen führen, um uns zu ermutigen, uns dagegen aufzulehnen. Gleichzeitig führt er uns vor Augen, dass Liebe der Motor ist, um sich gegen eine lieblose Gesellschaft zu stellen - sie ist es, die den Widerstand ermöglicht, und sie muss erst zerstört werden, um auch den Menschen selbst zu zerstören. Das ist eine Erfahrung, die ich selbst schon gemacht habe - wenn auch auf weitaus weniger gefährliche Art und Weise. Nicht umsonst wird "Big Brother" bis heute als Verkörperung des Totalitarismus bzw. der totalen Überwachung verstanden. Natürlich haben sich manche Elemente von Orwells Roman inzwischen überholt - er rechnete wohl nicht damit, dass wir uns immer strengeren Überwachungsmaßnahmen ganz freiwillig unterwerfen, weil man uns einredet, es sei nur zu seiner eigenen Sicherheit. Manche haben das so sehr verinnerlicht, dass es ihnen laut eigener Aussage auch überhaupt nichts ausmachen würde, wenn Überwachungskameras mit Gesichtserkennungs-Software arbeiten würden - man hat ja nichts zu verbergen, und wenn marginalisierte Gruppen dadurch benachteiligt würden, wäre es ihnen auch egal. Gleichzeitig profilieren wir uns rund um die Uhr über unsere Social-Media-Profile und kommen uns dabei ganz toll vor - so sehr, dass wir kaum noch darauf achten, wie viele private Informationen von uns im Netz landen.

Was vor allem in 1984 thematisiert wird, ist die Macht der Sprache als Instrument der Manipulation. Im letzten Teil des Buches geht es außerdem darum, die eigene Wahrnehmung so zu manipulieren, dass man nicht mehr auf sie vertraut. So wird Winston so lange traktiert, bis er davon überzeugt ist, dass zwei plus zwei fünf ergibt, und bemüht sich am Ende sogar, alles zu glauben, was man ihn glauben lassen will, selbst wenn es seiner eigenen Wahrnehmung zuwiderläuft. Das können wir tatsächlich auch heute beobachten: Donald Trump, der in seiner Rede in Kansas den Leuten einredet, dass man ihm mehr vertrauen muss als seinen eigenen Sinnen; Menschen, die sich jede angebliche Wahrheit immer wieder so zurechtrücken, dass sie ins Weltbild passt; Leute, denen es ausreicht, andere zu hassen, wenn sie ihnen nur zutrauen, etwas Böses zu tun. Diese Art der Manipulation bewirkt dann, dass Regierungsgebäude gestürmt werden, dass andere entmenschlicht und bedroht werden, dass die schlichte Aufforderung zum Tragen einer Maske einen Mord verursacht und diese Taten von anderen auch noch verteidigt werden. Und aus diesem Grund reißen sich Leute, die mit Covid-19 auf der Intensivstation liegen, die Infusionen aus dem Arm. Auch 1984 wurde in den letzten Jahren häufig zum Gegenstand der Manipulation: Während der Krieg gegen die Ukraine zu Beginn diesen Jahres in Russland als "Friedensmission" verkauft wurde, behauptete die Sprecherin des Außenministeriums, in Orwells Roman gehe es in Wirklichkeit um den Niedergang des Liberalismus und alle anderen Interpretationen seien Fake. Im Gegensatz dazu scheint man die Message in der DDR sehr wohl verstanden zu haben - man drohte denjenigen, die das Buch verkauften, verliehen oder lasen, drakonische Strafen an, weil es den Sozialismus verunglimpfe.

In den USA und Großbritannien gingen die Verkaufszahlen für 1984 in die Höhe, nachdem Edward Snowden das PRISM-Überwachungsprogramm der NSA bekannt gemacht hatte. Als eine Beraterin Donald Trumps über "alternative Fakten" sprach, eine Phrase, die für Orwells "Doppeldenk" charakteristisch sei, war der Roman sogar auf Platz 1 der Bestsellerlisten auf Amazon. Häufig wird auch die Debatte um politische Korrektheit mit der Sprachmanipulation in 1984 verglichen, während andere zu Beginn der Corona-Pandemie glaubten, diese sei nur eine Ablenkung, um einen Überwachungsstaat ähnlich dem in 1984 zu installieren. Auch in Belarus wurde der Roman um 2020 häufig gelesen, da man Vergleiche zu der Lebenswirklichkeit im Land zog; kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde das Buch verboten und der Verleger verhaftet.

Die Frage ist nun, welche Lehren man aus diesen beiden so visionären Romanen ziehen kann. Nun, vieles habe ich in meinem Artikel ja bereits dargelegt. Vor allem sollte man sich vor denjenigen in Acht nehmen, die Informationen vorenthalten, aber auch vor jenen, die so viele Informationen liefern, dass diese uns über kurz oder lang passiv und egoistisch machen. Die einen beseitigen Fakten, die anderen reden uns ein, dass diese unwichtig seien oder es sie vielleicht sogar nicht gibt. Zu beobachten ist, dass unser aller Verhältnis zur Sprache immer katastrophaler wird - und das, obwohl sie in der Demokratie das wichtigste Instrument darstellt, um Gewalt zu vermeiden. Deshalb ist es auch enorm wichtig, die Aussagekraft und somit den Wert von Sprache zu erhalten - denn sonst treten an ihre Stelle andere Regulierungsmaßnahmen, und das kann durchaus Gewalt sein. Der Wert von Propaganda wird in beiden Romanen offensichtlich: Sie verwirrt, spaltet und schwächt die Bevölkerung. In diesem Lichte hat auch die russische Propaganda, die sich in unseren Medien eingeschlichen hat, dazu beigetragen, unsere Gesellschaft zu destabilisieren. Vieles geht auch mit fehlender Medienkompetenz und der kollektiven Sucht nach Social Media einher. Ich fürchte, der einzige Weg, sich der Manipulation zu entziehen, ist nach wie vor permanentes Überprüfen und Hinterfragen - ansonsten ist es nämlich vielleicht wirklich bald so weit, und wir kommen den Dystopien von Huxley und Orwell noch näher, als es ohnehin schon der Fall ist.

vousvoyez

Arte-Dokumentation: https://www.youtube.com/watch?v=jmHRC3Bv_IA

Freitag, 14. Oktober 2022

Das einzig Vorhersehbare bei Trump ist die Capslock-Taste beim Erstellen seiner Tweets

Photo by Ai Takeda on Unsplash
Besonders damals, als er erkannte, dass ihm die Felle davonschwammen, twitterte der damalige US-Präsident bekanntlich mehrmals täglich in Großbuchstaben (was in der heutigen Schriftsprache bekanntlich "schreien" bedeutet), bis sein Account irgendwann gelöscht wurde. Was den bekannten Sturm auf das Kapitol zu Beginn vorigen Jahres allerdings nicht verhindern konnte. Das Ende einer Nation, die uns so lange als Inspiration gedient hat? Ich weiß es nicht - sicher ist nur: Das Amerika, von dem wir als Kinder und Jugendliche immer geträumt haben, gibt es nicht mehr. Wobei man sich natürlich darüber streiten kann, ob es das jemals gab. Aber wir können nicht abstreiten, dass viele historische Ereignisse, die von dort ausgingen, die ganze Welt aus den Angeln hoben - im Negativen wie auch im Positiven. Natürlich gehört dazu auch die Raumfahrt - und nachdem ich wieder Lust bekommen habe, werde ich euch heute zwei Geschichten erzählen, die mehr oder weniger mit dem Weltraum zu tun haben. Und die wirklich ganz echt wahr sind! Ischwör!

Das erste Ereignis trug sich im Juni 1947 in der Kleinstadt Roswell, New Mexico zu, nach der es auch benannt wurde. Am 14. Juni dieses Jahres fand der Rncher William (Mac) Brazel auf der Foster Ranch ca. 105 km nordwestlich von Roswell herumliegende Trümmerteile aus Balsaholz, festem Papier, Alufolie, Klebeband und Gummi. Zuerst schenkte er diesen keine Beachtung; als er allerdings damals kursierende Gerüchte über mysteriöse, mutmaßlich außerirdische Flugobjekte aufschnappte, informierte er am 7. Juli den Sheriff von Roswell über seinen Fund. Dieser gab ihn an den lokalen Militärstützpunkt, das Roswell Army Airfield (RAAF), weiter, und so wurden die Trümmer eingesammelt und zur weiteren Analyse an den Armeestützpunkt in Fort Worth, Texas geschickt. Tags darauf erschien dann eine Pressemitteiliung in der Lokalzeitung Roswell Daily Record, in der behauptet wurde, das RAAF habe auf einer Farm in der Nähe der Stadt eine fliegende Untertasse gefunden. Diese Meldung zog natürlich größere Kreise und veranlasste General Roger Ramey und einen Wetterexperten der Armee, noch am selben Tag eine Pressekonferenz in Fort Worth einzuberufen; dort erzählten sie, ei den Trümmern habe es sich um Teile eines Wetterballons gehandelt, und erlaubten den Journalisten auch, die Fundstücke zu fotografieren. In den nächsten dreißig Jahren sprach keiner mehr davon - bis die Geschichte Ende der 1970er Jahre wieder auftauchte.

Im Jahre 1980 veröffentlichten der Schriftsteller und Linguist Charles Berlitz und der Ufologe William Moore das Buch The Roswell Incident (dt. Der Roswell-Zwischenfall), das eine Reihe von Interviews mit Augenzeugen und Beteiligten enthielt, die den Schluss zuließen, die US-Armee vertusche einen echten UFO-Fund. Hier tauchte auch erstmals die Aussage auf, jemand habe eine UFO-Absturzstelle mit mehreren toten Körpern gesehen; Militärpolizisten hätten ihn allerdings weggeschickt und befohlen, darüber zu schweigen. Das war die erste Erwähnung toter Außerirdischer in Verbindung mit Roswell.

Das Buch schlug große Wellen und zog Interviews mit Zeugen und Experten nach sich, unter ihnen auch Walter G. Haut, der 1947 Sprecher des Militärs gewesen war und im Laufe der Jahre sich ständig verändernde Geschichten zum Besten gab - manche Leute nehmen an, dass ihm verboten wurde, etwas zu sagen. Im Jahr 1995 tauchte schließlich Filmmaterial auf, das die Autopsie einer Leiche zeigt, welche wenige Wochen nach dem UFO-Absturz stattgefunden haben soll; der Körper ist unbehaart und hat etwa die Größe eines zwölfjährigen Kindes, aber die Schädelform und das Gesicht sind nicht menschlich, außerdem hat das Wesen sechs Finger und sechs Zehen, dafür fehlen die Geschlechtsorgane. Ich erinnere mich, dass ich damals im Rahmen einer Doku selbst Ausschnitte dieses Films gesehen habe.

Die zweite Geschichte, die ich euch heute erzählen will, ist mir erst kürzlich untergekommen, und das ganz zufällig. Sie ereignete sich ein bis zwei Jahrzehnte später, zur Zeit des von mir in einem anderen Artikel bereits erwähnten "Wettlauf ins All" zwischen der Sowjetunion und den USA, welcher nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs initiiert worden war. Wir erinnern uns, dass der erste Mensch im All, Juri Alexejewitsch Gagarin, der seinen umjubelten Raumflug 1961 absolvierte, aus der Sowjetunion kam, dass aber die USA die Mondlandung 1969 für sich entscheiden konnten. Und wir erinnern uns an die Hündin Laika, die als erstes Säugetier in dem sowjetischen Satelliten Sputnik 2 lebend ins All transferiert worden war. Nun sollen aber schon vor Gagarin sowjetische Kosmonauten in den Weltraum befördert worden sein - ihre Existenz soll allerdings vertuscht worden sein, weil sie diesen "Ausflug" nicht überlebt hatten. Parallel gibt es auch noch die Geschichte des Testpiloten Wladimir Iljuschin, der ebenfalls schon vor Gagarin im All gewesen sein soll - bei seiner anschließenden Landung in China soll er jedoch so schwer verletzt worden sei, dass man beschloss, den Flug geheim zu halten, um keine negative Publicity zu generieren.

Gerüchte über Menschen im All hatte es durchaus schon vor Gagarins Raumflug gegeben. Klar - wo gehobelt wird, fallen Späne, wie man so schön sagt. Und dabei spielte vor allem das italienische Brüderpaar Achille (1933 - 2015) und Giovanni Battista (*1939) Judica-Cordiglia eine wichtige Rolle. Die beiden ambitionierten Amateurfunker hatten im Alter von sechzehn und zehn Jahren begonnen, sich für Radiotechnik zu interessieren und in ihrem Elternhaus in der Lombardei mit einer gebrauchten Funkausrüstung herumzuexperimentieren. Mit Beginn des Satellitenzeitalters fingen sie an, sich auf Funksignale aus dem All zu konzentrieren, die sie mittels Berechnungen unter Nutzung des Doppler-Effekts lokalisierten - wobei sie übrigens erstaunlich präzise waren, besonders wenn man bedenkt, dass sie nur Hobby-Funker waren. Tatsächlich gelang es ihnen im Oktober 1957, Signale von Sputnik 1 zu empfangen und 1958 auch von dem amerikanischen Satelliten Explorer 1. Allerdings zeichneten sie auch Dinge auf, die eher merkwürdig waren und die Gerüchte um die verlorenen Kosmonauten erst richtig anheizen sollten. Im November 1957 etwa fingen sie ein Geräusch ein, welches ihr Vater, ein renommierter Kardiologe, als den Herzschlag eines Hundes identifizierte - da es offenbar aus dem All kam, konnte das nur der Herzschlag der Hündin Laika sein.

Als die Judica-Cordiglias 1959 nach Turin umzogen, bauten die Brüder zunächst eine Funkanlage auf der Dachterrasse des höchsten Hochhauses der Stadt; von Störnebeln behindert, richteten sie sich jedoch bald außerhalb der Stadt ihre Station in einem stillgelegten deutschen Bunker ein, den sie "Torre Bert" nannten. Hier empfingen sie im November 1960 ein SOS-Signal, das sich langsam von der Erde wegbewegte - ein bemanntes Raumschiff, das sich in den Tiefen des Weltalls verlor? Im Februar 1961 nahmen sie Geräusche auf, bei denen es sich laut ihres Vaters um die Herzschläge eines sterbenden Menschen, begleitet von einem Stöhnen und Röcheln, handeln sollte - ein Kosmonaut, der beim Wiedereintritt in den Orbit sein Leben verlor? Tatsächlich gaben die Sowjets kurz darauf zu, eine unbemannte Sonde ins All geschickt zu haben, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zerstört worden war - sagten sie die Wahrheit oder wollten sie den Tod eines Menschen vertuschen? Die Aufnahme, die allerdings am häufigsten durchs Internet geistert, entstand im November 1963, als die Judica-Cordiglia-Brüder schon längst als Nationalhelden gefeiert wurden. Zu hören ist eine Frauenstimme, die Russisch spricht; die jüngere Schwester der beiden Bruder, die ein wenig Russisch konnte, übersetzte die Aufnahme: Neben Zahlenansagen berichtet die Frau, dass ihr heiß sei, sie spricht von Atmen und Sauerstoff und fragt, ob das nicht gefährlich sei - vermutet wird, dass es sich dabei um eine Kosmonautin handelt, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte.

Die Aufnahmen der Brüder Judica-Cordiglia wurden in mehreren staatlichen Radiostationen Italiens gespielt - insgesamt ging man von sieben verunglückten Phantom-Kosmonauten aus. Die Funkstation "Torre Bert" war bald so ausgelastet, dass die beiden Brüder andere Leute zu Hilfe nehmen mussten. Ihre letzten nennenswerten Beobachtungen stammen vom Unglücksflug der Sojus 1 im April 1967, der aufgrund technischer Mängel vorzeitig abgebrochen werden musste und aufgrund eines defekten Fallschirmsystems ein Menschenleben forderte. Für das sowjetische Raumfahrtprogramm war das ein schwerer Rückschlag - zum ersten Mal musste man vor der Weltöffentlichkeit einen Fehler zugeben. Bald danach wurde die Torre-Bert-Funkstation geschlossen - zum einen war die spannende Anfangsphase der bemannten Raumfahrt vorbei, zum anderen begann für Achille und Giovanni Battista Judica-Cordiglia das normale Berufsleben, weshalb sie keine Zeit mehr für ihr aufwändiges Hobby hatten.

Was aber hat es mit diesen beiden durchaus spannenden Geschichten auf sich? Kommen wir nun also zu dem Teil, an dem ich euch die Illusion nehme und euch an meiner Enttäuschung teilhaben lasse, die ich empfand, als ich die Fakten erfuhr. Warum soll nur ich allein leiden?

Nun, was Roswell betrifft, so geschah der Absturz des Flugobjekts zu einer Zeit, als ständig UFO-Sichtungen gemeldet wurden - der Zusammenhang mit Außerirdischen war also schnell hergestellt. Dennoch dauerte es drei Jahrzehnte, bis sich wieder Leute dafür interessierten - dann aber liefen die Geschichten vollkommen aus dem Ruder. Nach Berlitz' Buch geschah das, was immer passiert, wenn etwas so gewaltige Aufmerksamkeit erregt - es tauchten immer mehr vermeintliche Zeugen und selbsternannte Experten auf, die alle etwas gesehen haben wollten. Zudem war das Buch über Roswell nicht das erste Werk von Berlitz, welches häufig kritisiert wurde; Berlitz war bekannt für seine Bücher über unerklärliche Phänomene, so schrieb er beispielsweise über das Bermuda-Dreieck und über Atlantis, und auch diese Werke strotzen vor Falschaussagen und Verfälschungen der Quellen. Auch die Aussagen von Walter G. Haut sind in diesem Lichte kritisch zu sehen, zumal er, wie schon zuvor erwähnt, seine Geschichte von Jahr zu Jahr immer wieder änderte. Er erklärte zwar, dass er von seinen aussagen keinesfalls profitiere, es ist aber mehr als offensichtlich, dass er das mediale Interesse durchaus genoss. Übrigens kamen in den 1980er Jahren auch erste Gerüchte über die Erforschung außerirdischen Lebens in der berühmten Area 51, dem militärischen Sperrgebiet in Nevada, auf, und obwohl die beiden Geschichten ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, wird der Roswell-Zwischenfall heutzutage sehr häufig mit den Verschwörungsmythen um Area 51 verknüpft.

Im Laufe der Zeit wurden die Geschichten rund um Roswell immer abenteuerlicher, und so entwickelte diese Legende zunehmend ein Eigenleben, das seinen Höhepunkt mit dem bereits erwähnten Santilli-Film feierte, der auch Alien Autopsy genannt wurde. Benannt wurde er nach dem Filmproduzenten Ray Santilli, der den Schwarzweiß-Film zum ersten Mal öffentlich vorstellte. Als ich zum ersten Mal Ausschnitte daraus zu Gesicht bekam, war ich kaum älter als zwölf - als ich Jahre später erfuhr, dass es sich um eine Fälschung handelt, war ich bitter enttäuscht. Ja, ganz recht, der Film ist nicht echt - und das fällt eigentlich relativ schnell auf: Sowohl das Ambiente als auch die Qualität der Kameraführung sowie  die geringe Zahl der beteiligten Ärzte wirkten merkwürdig amateurhaft für eine Forschungsarbeit von solch enormer Tragweite. Zudem verliert das Bild immer an Schärfe, sobald etwas detailliertere Aufnahmen zu sehen sind, und an wesentlichen Stellen wurden ganz offensichtlich Schnitte vorgenommen, was darauf schließen lässt, dass die Szenarien zuvor passend arrangiert worden waren. eine Zeitlang ging das Gerücht um, bei dem Körper handle es sich um eine menschliche Leiche mit körperlichen Anomalien, aber 2006 bekannte John Humphreys, Experte für Spezialeffekte in Filmen, das Alien-Modell aus Latex hergestellt und zudem auch einen der Autopsie-Ärzte gespielt zu haben.

Das abgestürzte Flugobjekt war also kein außerirdisches UFO - ein gewöhnlicher Wetterballon scheint das vermeintliche Raumschiff allerdings auch nicht gewesen zu sein. Heute vermutet man, dass es sich bei den Trümmern um die Überbleibsel eines missglückten Ballonzuges handelte, der im Rahmen des Project Mogul als Frühwarnsystem für sowjetische Atomtests konstruiert worden war. Da dieses Projekt jedoch geheim war, wurde die Geschichte mit dem Wetterballon erzählt. Die toten Aliens könnten in Wirklichkeit Crashtest-Dummys gewesen sein, die damals zu Testzwecken für die Konstruktion von Fallschirmen dort abgeworfen worden waren. Ob das genauso war, kann ich nicht sagen, aber es klingt zumindest schlüssiger als die Alien-Geschichte. Aber wie Menschen so sind, konnte man natürlich nicht alle von ihrer Überzeugung abbringen, in Roswell seien Außerirdische abgestürzt, und so profitiert die Wirtschaft dieser sonst nicht allzu spektakulären Stadt im Südwesten der USA ordentlich vom UFO-Tourismus. Es gibt in dieser Gegend mehrere vermeintliche Absturzstellen, außerdem Museen, Festivals und Kongresse. Zumindest für Roswell hat dieser Hype also auch Konsequenzen. Und natürlich für die Film- und Fernsehbranche, denn diese Geschichte wird natürlich immer wieder verwurstet und hat unser Alien-Bild geprägt wie kaum eine andere. Ich erinnere mich noch lebhaft an den Alien-Merchandise der späten 1990er Jahre, als die Spielzeugindustrie versuchte, mit leuchtenden, glitzernden und blinkenden Objekten gegen den Digitalisierungs-Hype anzukämpfen und ich mir heimlich diese ekelhaft weichen, neonfarbenen Fruchtgummi-Imitat-Alienköpfe in den Mund stopfte. Sogar Akte X, die Serie, die man im Alter von etwa zwölf bis fünfzehn Jahren sehen musste, wenn man cool sein wollte, selbst wenn man sich danach vor Angst nicht mehr aufs Klo traute, hat eine Roswell-Folge - die allerdings gedreht wurde, als die schrillen Neunziger bereits vorbei waren.

Im Gegensatz zu Roswell wurde die Geschichte um die vermeintlichen Phantom-Kosmonauten von der Popkultur nicht so extrem ausgeschlachtet - was wohl der Grund ist, warum sie mir erst in jüngerer Zeit begegnete. Konkrete Beweise für die verlorenen Kosmonauten gibt es bis heute nicht - dabei ist die Geschichte gar nicht so weit hergeholt, wie manche von euch vielleicht jetzt denken, denn tatsächlich neigten die Sowjets damals dazu, nur Erfolge ihrer Raumfahrt-Mission öffentlich zu machen und Fehlschläge zu vertuschen. Allerdings weisen viele Geschichten nicht nur einen Mangel an Belegen, sondern auch etliche Fehler im Detail auf. Wie schon gesagt war bereits vor Gagarins Raumflug davon die Rede, dass diese oder jene Person eine Reihe von Todesfällen unter Kosmonauten aufgedeckt hätte - 1959 wurden ein paar verunglückte Fallschirmspringer kurzerhand zu Phantom-Kosmonauten. 1960 schrieb der amerikanische Science-Fiction-Autor Robert A. Heinlein (bekannt für den Roman Starship Troopers) in seinem Artikel Wahrheit über eine Geschichte, die ihm Kadetten der Roten Armee in Vilnius erzählt haben sollen: nämlich dass die Sowjetunion am selben Tag einen Menschen in die Erdumlaubahn gebracht hätte. Tatsächlich war an diesem Tag eine ungeschraubte Weltraumkapsel ins All geschossen worden - diese war aber unbemannt gewesen.

Was die Brüder Judica-Cordiglia angeht, so hat deren beachtliches Archiv an Funkaufnahmen sehr wohl historischen Wert, und es ist auch wahr, dass sie Signale aus dem Weltall empfangen haben - deren Echtheit ist ja zum Teil auch medial recht gut abgesichert. Allerdings wurde vieles, was sie damals aufgenommen haben wollen, auch widerlegt - etwa die vermeintlichen Herzschläge der Hündin Laika. Diese war am 3. November 1957 zu Propagandazwecken in einen Raumflugkörper verfrachtet und in eine Erdumlaufbahn befördert worden. Dass sie ihr "Abenteuer" nicht überleben sollte, war von Anfang an klar - ursprünglich war geplant, ihr nach zehn Tagen im Orbit vergiftetes Futter zu verabreichen, um ihr einen qualvollen Tod beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zu ersparen. Sie starb alllerdings bereits fünf bis sieben Minuten nach dem Start der Rakete, wohl an Stress und Überhitzung - was allerdings erst 2002 bekannt werden sollte. Ihre angeblichen Herzschläge wurden aber drei Tage nach ihrem Tod aufgenommen. Selbstverständlich unterstrich die Expertise des Vaters, der ja Kardiologe war, vermeintlich den Wahrheitsgehalt der Meldungen über Herzschläge - allerdings darf man nicht vergessen, dass er dieser Situation nicht unvoreingenommen gegenüberstand, sondern stets in dem Wissen herangezogen wurde, dass seine Söhne versuchten, Signale aus dem Weltall zu interpretieren. Ähnlich verhält es sich auch mit der Übersetzung der vermeintlichen Kosmonautin - durch die Voreingenommenheit der Übersetzerin, gepaart mit der Verzerrung der Stimme, die da zu hören ist und möglicherweise auch unzureichenden Sprachkenntnissen ist anzunehmen, dass die Übersetzung fehlerhaft ist. Tatsächlich stellte sich bei neuerlicher Überprüfung heraus, dass einige Sätze gar nicht vorhanden waren und dass die Wörter, die tatsächlich gefallen sind, in einem alternativen Kontext etwas ganz anderes bedeuten als das, was interpretiert wurde. Auffällig ist auch, dass bei diesen Aufnahmen die Regeln des militärischen Funkverkehrs nicht eingehalten wurden. Abgesehen davon gab es zu dem Zeitpunkt, als die Aufnahme entstand, noch gar kein Programm für weibliche Kosmonauten, und die ersten, die später tatsächlich ins All kamen, wurden auch sehr schnell bekannt. Ganz abgesehen davon wird der Funkverkehr beim Wiedereintritt in den Orbit unterbrochen - sprich, was immer die Brüder da aufgenommen hatten, es war keine Kosmonautin. Auch was das SOS-Signal betrifft, so kann die Vermutung eines verlorengegangenen Raumschiffes widerlegt werden - dennhäte es die Erdumlaufbahn verlassen, hätte man es noch einmal extra beschleunigen müssen, und das konnten die damaligen Gefährte noch nicht leisten.

Was hinter den Verschwörungsmythen rund um die verlorenen Kosmonauten steckt, ist natürlich so vielfältig wie die meisten anderen Geschichten in dieser Richtung. Ein bisschen erinnern sie an die Verschwörungserzählungen rund um den 11. September 2001 - der böse Russe, dem man alles zutraut und der alles daransetzt, den Wettlauf ins All zu gewinnen, weshalb er, wenn möglich, auch über Leichen geht. So gibt es Geschichten über Selbstmord-Kosmonauten, die zum Mond geschickt worden sein sollen in dem Wissen, dass sie nicht mehr zurückkehren würden - wenn man sich allerdings die Baupläne der sowjetischen Sonden ansieht, die zum Mond geschickt wurden, so ist dort gar kein Platz für einen Passagier. So weit hergeholt ist das allerdings trotzdem nicht - denn diejenigen, die ins All geschickt wurden, wussten natürlich, dass sie möglicherweise nicht zurückkommen würden und waren bereit, für ihr Vaterland zu sterben.  Die Unfälle, die tatsächlich passiert sind, haben jedoch einen hohen Bekanntheitsgrad erhalten - und selbst die, die vertuscht werden sollten, sind irgendwann ans Licht gekommen, sobald die Akten geöffnet wurden. Insgesamt kann man sagen, dass wir heutzutage schon ein so detailliertes Wissen über diese Missionen haben, dass man davon ausgehen kann, dass wir auch von eventuellen verdeckten Missionen schon erfahren hätten.

Wie ihr also seht, stecken auch hinter diesen tollen Geschichten vergleichsweise langweilige, doofe Fakten. Ich weiß, das ist nicht lustig - aber ich muss sagen, dass zumindest die Torre-Bert-Aufnahmen durchaus eine interessante Geschichte beherbergen, auch ohne dass man etwas dazuerfinden muss. Jedenfalls hoffe ich, es hat euch trotzdem gefallen und hoffe, dass wir uns bald wieder sehen - zumindest Themen habe ich, wie gesagt, genug. Also bis zum nächsten Mal! Bon voyage!

vousvoyez

Roswell:

https://hoaxilla.com/hoaxilla-33-roswell-ufos-co/

http://roswellproof.homestead.com/Haut.html#anchor_8

https://www.bbc.co.uk/manchester/content/articles/2006/04/07/070406_alien_interview_feature.shtml

https://verschwoerungstheorien.fandom.com/de/wiki/Santilli-Film

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Zahlen-bitte-16-Minuten-Alien-Autopsie-Santelli-Film-der-die-Welt-taeuschte-4714026.html?seite=2

https://signallinie.info/der-santilli-film/

Verlorene Kosmonauten:

https://hoaxilla.com/hoaxilla-75-lost-in-space/

https://www.zeit.de/1965/13/leichen-oder-enten

https://skeptoid.com/episodes/4115

https://www.youtube.com/watch?v=INgk5IU4UzE&t=1s

https://www.youtube.com/watch?v=nMtjDM7QpJk&t=645s

https://verschwoerungstheorien.fandom.com/de/wiki/Verlorene_Kosmonauten

http://www.satellitenwelt.de/jc_turin.htm

https://fahrplan.events.ccc.de/congress/2009/Fahrplan/events/3710.en.html