Montag, 16. März 2020

Wieso braucht Gott immer Geld?

Neben dieser Frage ist die wichtigste in Zeiten wie diesen, was man nach dem Ausbruch des Corona-Virus alles anstellen kann. Und natürlich ist die Antwort für mich ganz einfach - zumal ich in letzter Zeit ohnehin relativ viel um die Ohren hatte und daher meine Schreibwut auf die lange Bank schieben musste.

Nun, das obige Zitat stammt von den Simpsons, eine der Fernsehserien, die meine Jugend geprägt haben - ich kann allerdings nicht mehr genau sagen, aus welcher Folge. Es ging auf jeden Fall um eine Spendenveranstaltung für die Kirche in Springfield, und Bart äußerte mit dieser Frage an seine Eltern seine unbewusste Kritik am religiösen Kapitalismus. Insofern bietet dieses Zitat für mich natürlich auch eine Steilvorlage, um mich endlich einmal mit meinem persönlichen Verhältnis zu Religion und Glauben auseinanderzusetzen.

Wie die meisten Österreicher, die im vorletzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geboren wurden, und damals auch alle Mitglieder meiner Familie, so wurde auch ich katholisch getauft, und die Religion spielte auch eine nicht unerhebliche Rolle in meiner Kindheit. Ich habe Erstkommunion und Firmung empfangen, besuchte einen Kindergarten, der zu einem Nonnenkloster gehörte, und ging fünf Jahre lang in eine Mädchenschule, die von eben diesem Kloster geleitet wird - wie schon meine Mutter, die allerdings aus dem Gymnasium dort genommen wurde, nachdem ihre Mitschülerinnen sie wegen ihrer nicht sehr modischen Erscheinung verspotteten. Eigentlich war die Koedukation in Österreich schon 1972 eingeführt worden, doch die Volksschule, die ich besuchte, war das letzte Relikt einer Zeit, in der Unterricht für Jungen und Mädchen getrennt stattfand - und die erste Bildungseinrichtung für Mädchen in meiner Stadt. Für mich, die ich, wie ich schon in früheren Artikeln erwähnte, mit "Mädchenkram" nicht so viel anfangen konnte, war der Besuch einer reinen Mädchenschule eine Strafe, und ich war erleichtert, dass ich nach der ersten Hauptschulklasse endlich in ein koedukatives Gymnasium wechseln durfte. Da hatte ich zwar andere Probleme, aber das interessiert jetzt nicht.

Jedenfalls spielte die Religion, wie schon gesagt, eine nicht unerhebliche Rolle in meiner Entwicklung. Von klein auf musste ich so manchen Sonntagvormittag in einer Kirche verbringen, in der es auch im Hochsommer noch eiskalt war, man sich nur flüsternd unterhalten durfte und ganz still sitzen musste und ich eintönigen Liedern und langweiligen Predigten lauschen musste, von denen ich kaum etwas verstand. Beispielsweise dachte ich jahrelang, es hieße: "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter MEINEM Dach" - da jedoch die Bibel bekanntlich voller Grausamkeiten ist und die Passionsgeschichte auch nicht gerade ein nettes Kindermärchen ist, habe ich das nie hinterfragt. Übrigens frage ich mich, warum man vielerorts Zeter und Mordio schreit, wenn Kinder mal einen nackten Menschen zu sehen kriegen und Leute die Verfilmung des Romans Die Unendliche Geschichte als für Kinder ungeeignet einstufen, weil da ein Pferd stirbt, man aber ganz offensichtlich nichts dabei findet, in christlichen Kindergärten Geschichten über die Folterung und Hinrichtung eines Menschen zu erzählen, den man sozusagen als Identifikationsfigur aufbaut. Als uns die Betreuerin im Kindergarten, die wir damals noch "Tante" genannt haben, die Geschichte von Passion und Auferstehung erzählt hat, haben ein Freund und ich bei ihm zu Hause oft "Kreuzigung" gespielt - mit Playmobil-Männchen und einem Kruzifix, das in seinem Zimmer normalerweise als Wandschmuck diente. Was Pädagogen heute wohl dazu sagen würden? Wozu das stundenlange Sitzen in einer eiskalten Kirche und langweilige Predigten gut sein sollen, konnte mir übrigens nie jemand erklären.

Für mich war die Existenz Gottes und die Wahrhaftigkeit der Bibel als kleines Kind ganz selbstverständlich und wurde nicht hinterfragt. Hinter Zweifeln und Witzen steckte immer etwas Anrüchiges, das anfangs abschreckend, mit der Zeit aber auch reizvoll wurde. Als ich erfuhr, dass es das Christkind und den Osterhasen gar nicht gibt und die Geschenke von den Eltern gebracht werden, begann ich mich zu fragen, ob die Geschichte vom lieben Gott nicht auch geschwindelt sein könnte. Das war die Zeit, als ich beim üblichen Nachtgebet mit einem Elternteil beim apostolischen Glaubensbekenntnis, wenn es hieß "den Schöpfer des Himmels und der Erde", oft fragte: "Den Suppenschöpfer?" Woraufhin meine Eltern das Beten mit mir aufgaben - es hat ja keinen Sinn, wenn das Kind immer alles ins Lächerliche zieht. Ich kann mich erinnern, dass wir, nachdem der Krieg in Jugoslawien begonnen hatte, neben dem engeren Familienkreis auch die kroatischen Verwandten meiner Mutter einschlossen - das war die Zeit, als ich erfuhr, dass es Kriege gibt. Ebenso beteten wir auch für den älteren Bruder meines Vaters, der in seinen frühen Vierzigern an Krebs starb - damals erfuhr ich, dass jeder irgendwann einmal stirbt. Man erzählte mir, dass die Seele, die ich mir so ähnlich wie eine Sehne vorstellte, dann in den Himmel fliegt, wo der liebe Gott wohnt, und dass man dort dann als Engerl herumfliegt. Als meine Großmutter mütterlicherseits starb - ich war damals zehn Jahre alt - erzählte mir die Mutter meines Vaters viel vom Himmel, auch wenn ich schon damals Zweifel hatte, ob es den überhaupt gibt. Trotzdem stellte ich mir manchmal vor, wie die "große" Großmama, wie wir sie nannten, mit dem Klapprad, auf dem sie sich immer fortbewegt hatte, im Himmel herumfliegt.

Die andere, die "kleine" Großmama, war sehr katholisch und hatte wohl den meisten Einfluss auf unsere religiöse Erziehung. Obwohl sie ansonsten eine überraschend moderne Frau war, die schon in den fünfziger und sechziger Jahren zum Lebensunterhalt der Familie beitrug, und in einer verhältnismäßig unkonventionellen Familie aufwuchs, in der die Eltern sich scheiden ließen, als die Liebe vorbei war - im Gegensatz zur "großen" Großmama, die nach dem frühen Tod ihrer großen Liebe ihr Leben mit einem Mann verbrachte, den sie nicht liebte -, hielt sie doch zeit ihres Lebens am Katholizismus fest. In Kombination mit ihrer blühenden Phantasie und ihrer Fähigkeit zur Inszenierung war das für uns als kleine Kinder irgendwo schon faszinierend. Ich erinnere mich beispielsweise, dass sie mich und meine Cousins - ich wohnte mit meinen Eltern und Geschwistern damals im selben Haus wie ein Onkel von mir mit seiner Frau und seinen Kindern sowie der "kleinen" Großmama - häufig vor dem Schlafengehen zu sich holte, damit wir miteinander den Rosenkranz beten konnten. Sie hatte in ihrem Schlafzimmer einen richtigen kleinen Hausaltar mit Kerzen und Heiligenbildchen stehen, an dem wir immer im Schlafanzug knieten und zusammen beteten, ehe wir Kinder ins Bett gingen. Nach ihrem Tod vererbte sie meiner Schwester ihren Betschemel, woraufhin diese erklärte, nur Großmama würde es schaffen, ihr noch über ihr Lebensende hinaus eins auszuwischen, weil sie ihre Kinder nicht hat taufen lassen.

Wie gesagt, habe ich auch einige der vorgeschriebenen Sakramente empfangen - neben der Taufe auch Firmung und Erstkommunion, von allen drei Ereignissen gibt es Fotos: Ich bei der Taufe in den Armen meiner Patin in einem Kleid, das schon meine Geschwister getragen hatten und das mir bereits zu kurz war, weil ich doch ein recht großes Baby war; als Achtjährige bei der Erstkommunion in einem weißen Kleidchen mit einem Blumenkränzchen auf dem kurzen Haar, das ich meiner Mutter nie verzeihen werde - ich fühle heute noch das Stechen des Drahts auf der Kopfhaut, und ihr Hinweis "Das müssen alle tragen" war gelogen -, wie ich gähnend in der Reihe meiner Schulkolleginnen stehe, die Kommunionskerze vor mir; als Vierzehnjährige neben meiner Firmpatin in blauem Blazer, weißer Bluse und weißer Jeans, der Pfarrer legt mir die Hand in die Stirn, während ich aus irgendeinem Grund ein ziemlich böses Gesicht mache. Ich bin ehrlich - die vielen tollen Geschenke, die man als Firmling so bekam, waren für uns alle ein guter Grund, uns firmen zu lassen. Ich bekam damals zum Beispiel meine erste Stereoanlage, die mich tatsächlich lange Zeit begleitete. Es gab mal eine Zeit, da bekam man als katholischer Firmling lediglich eine Uhr geschenkt - ich weiß nicht, ob dieser Anreiz so groß gewesen wäre. Für den Musiker, Autor und Schauspieler Rocko Schamoni war das jedenfalls ein Grund, in den Siebzigern zum Protestantismus zu wechseln, wo man wenigstens Geld bekam.

Die Zweifel an der Sinnhaftigkeit des katholischen Glaubens, ja überhaupt des Glaubens, zogen sich jedoch durch meine gesamte Jugend und einen Teil meiner Kindheit. Der erste Anlass war eben der Wegfall der wichtigsten Mythen meiner Kindheit - Christkind und Osterhase -, der zweite waren die Widersprüche, die sich zwischen dem, was die Kindergärtnerin und später die Religionslehrerin erzählte, und dem, was die Bibelgeschichten erzählten, auftaten. Warum sagt die Bibel, dass man nicht töten soll, warum wird uns erzählt, dass Gott uns alle gleichermaßen liebt, und dieser ist dann im Alten Testament so rachsüchtig? Und warum müssen schon in der Bibel Unschuldige - Frauen und Kinder - unter dieser Rachsucht leiden? Warum ist die Welt so ungerecht, wenn uns doch ständig versichert wird, dass Gott uns über alles liebt? Und letztendlich - warum gibt es so extrem viele Geschichten über Leute, die wirklich mit Gott gesprochen haben, aber in Wirklichkeit hat keiner je etwas erlebt, das die Existenz von diesem je bewiesen hat? Und schließlich erfuhr ich noch, dass nicht alle Menschen auf der Welt an den gleichen Gott glaubten. All das war für mich extrem verwirrend.

Wenn man erwachsen wird, entmystifiziert sich die Welt dadurch, dass man an Lebenserfahrung gewinnt, nach und nach. Und so kam mir mit etwa fünfzehn Jahren zum ersten Mal der Gedanke, dass der Katholizismus möglicherweise nicht das ist, woran ich glaube. Daraus folgte etwa zwei bis drei Jahre danach die Erkenntnis, dass Glaube ganz allgemein nicht mein Weg ist.
Ich habe in diesem Zusammenhang zwei Artikel in der Zeit entdeckt, von denen einer von einer Gläubigen, der andere hingegen von einer Atheistin stammt. Als Nicht-Gläubige kann ich natürlich Letzteren doch ein bisschen besser nachvollziehen, aber gerade deswegen war es der andere, der mich ein bisschen mehr geärgert hat, weil hier die starrsinnige Haltung wieder eingenommen wurde, die so oft jenen entgegenschlägt, die sich nun mal gegen den Glauben entschieden zu haben.

Um eines gleich einmal klarzustellen: Ich will hier nicht blöde Worte und Phrasen wie "Religioten" oder "imaginärer Freund" gebrauchen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass auch Atheisten in ihrer Entschlossenheit, alles abzulehnen, was mit Glauben zu tun hat, sehr häufig auch zu weit gehen. Ich war eine Zeit lang in einer Facebook-Gruppe für Atheisten - ich musste sie nach kurzer Zeit wieder verlassen, weil viele dort ihren latenten Rassismus mit ihrem Nicht-Glauben gerechtfertigt haben. Auch wenn viele das vollkommen anders sehen, so möchte ich doch sagen: Ja, auch Atheisten können durchaus "missionierend" auftreten - etwa, indem sie vollkommen respektlos auftreten gegenüber jenen, die glauben, und den Anspruch haben, jeden Menschen von seinem Glauben abzubringen, weil er ihrer Ansicht nach der Grund für alles Böse dieser Welt sei. Ich glaube, ich muss jetzt nicht anfangen zu erklären, dass auch Kommunismus und Nationalsozialismus dezidiert anti-religiöse Strömungen waren - obwohl sich die Nazis auch von der Kirche legitimieren ließen. Aber ganz allgemein kann man sagen: Ja, es gab und gibt Religionskriege, aber es gab und gibt auch Kriege, die keineswegs religiös motiviert sind oder waren. Und die Abwesenheit des Glaubens macht einen genauso wenig wie der Glaube selbst automatisch zu einem besseren Menschen.

Allerdings gilt das, wie schon angeführt, für beide Seiten. Was mich an dem Artikel von Hanna Jacobs, die ihren religiösen Standpunkt vertritt, am meisten gestört hat, war, dass sie die Kritikpunkte gegen die Kirche auf die längst vergangenen Kreuzzüge reduziert hat. Kein Wort von den Missbrauchs-Skandalen, kircheninterner Zensur, durchaus fehlendem Respekt gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen oder der Raffgier, die besonders die katholische Kirche an den Tag legt. Natürlich ist das soziale Engagement der Kirche keineswegs zu vernachlässigen, aber das gilt genauso für das Engagement derer, die sich keinen Glauben auf die Fahnen geschrieben haben. Und ich behaupte: Man kann sich auch ohne Glauben moralisch verhalten - ich versuche es, so gut ich kann, weil ich Mitgefühl für eines der höchsten Tugenden der Menschheit halte (auch wenn ich es sehr oft vermisse) und weil es eines der vielen, vielen Grundlagen ist, die es uns ermöglichen, als Gemeinschaft zu existieren. Der Unterschied zwischen mir und einem redlich handelnden Christen ist lediglich, dass ich mich für meine Moralvorstellungen nicht auf ein höheres Wesen berufe. Höchstens auf den kategorischen Imperativ. ("Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.") Ja, ich weiß, dass auch Kant von einer Existenz Gottes ausging - aber bis zu Nietzsche taten das so gut wie alle namhaften Philosophen der westlichen Welt. Schon allein durch diese Bemerkung sollte klar werden - auch der Atheist ist nicht davor gefeit, sich für seinen Nicht-Glauben rechtfertigen zu müssen. Der Unterschied zu früher ist halt - in einem Land, in dem Kirche und Staat getrennt sind, kann er zu seinem Nicht-Glauben genauso stehen wie der Gläubige zu seinem Glauben. Und ich gehöre zu jenen, die den Laizismus befürworten, einfach aus dem Grund, weil er alle Glaubensrichtungen, wenn man so will, mit einbezieht und Gesetze unabhängig davon funktionieren.

Abschließend kann ich nur sagen - es ist völlig in Ordnung, sich für den Weg des Glaubens zu entscheiden. Es ist halt nur nicht meiner. Ich bin trotzdem bemüht, respektvoll mit Leuten umzugehen, die meine Meinung nicht teilen - das gilt nicht nur für die Religion. Ich fahre damit einfach seit langer Zeit am allerbesten. Jeder hat nun mal seine eigene Art, die Welt zu sehen - das muss doch nicht heißen, dass wir keinen Konsens finden können. Bemühen wir uns doch, uns gegenseitig ein bisschen mehr zu respektieren!

Und am Ende will ich euch noch den Gruß mit auf den Weg geben, der momentan in aller Munde ist: Bleibt gesund! Und passt gut auf, dass ihr euch immer brav die Hände wascht und genügend Klopapier zu Hause habt!

vousvoyez


Samstag, 4. Januar 2020

Ich bin nicht zu dick, ich bin nur gut sichtbar

(c) vousvoyez
Schlagfertigkeit ist natürlich eine wunderbare Eigenschaft, wenn man sich mit dummen Leuten nicht abgeben will. Leider kann das nicht jeder - ich schaffe es auch nicht immer. Das Blöde ist halt, dass ich dann oft zu Unsachlichkeit neige - zumindest in einer Face-to-Face-Situation, wo das Timing passen muss. Und wer sich zu Unsachlichkeiten hinreißen lässt, neigt gleichzeitig dazu, seine Empörung ewig lang mit sich herumzuschleppen.

Ein neues Jahr hat begonnen, ich bin ab nächster Woche auch ein Jahr älter, und ich werde in nächster Zeit auch wieder etwas mehr zu tun haben. Aber derweil genieße ich noch die letzten Tage des Müßiggangs - und was eignet sich da besser, als ein wenig auf das alte Jahr, das alte Jahrzehnt zurückzuschauen und es auf diese Art und Weise auch hinter sich zu bringen?
Nun, das ganze Jahrzehnt oder auch nur das letzte Jahr historisch aufdröseln kann ich jetzt natürlich nicht. Und auch die letzten zehn Jahre meines Lebens würde meine geschätzten Leser und Innen nur langweilen - auch wenn mir das der eine oder andere vielleicht nicht glauben mag. Denn wer auf so bescheuerte großartige Ideen kommt wie ich, der muss ja ein extrem aufregendes Leben haben!

Nun ja, schauen wir uns mal im Groben an, was uns das vergangene Jahr, das Jahr 2019, so gebracht hat: H. C. Strache und Johann Gudenus haben durch eine "b'soffene G'schicht" die Regierung in den Sand gesetzt; Greta Thunberg ist zum amerikanischen Kontinent und wieder zurück gesegelt; verheerende Waldbrände im Amazonas und in Australien; Peter Handke gewinnt den Literatur-Nobelpreis - alles Themen, über die man sich wunderbar aufregen, ja empören kann. Und deswegen will ich heute von Dingen sprechen, über die wir uns im letzten Jahr ereifert und empört haben. Es soll aber nicht um die großen Dinge gehen - die wurden und werden schon ausreichend abgehandelt. Nein, ganz absichtlich gehe ich in diesem Artikel auf die Lappalien ein, über die man eigentlich gar nicht diskutieren muss - aber eben weil so viele Leute sich darüber das Maul zerfetzt haben, zerre ich sie noch einmal erbarmungslos ans Licht der Öffentlichkeit. Jedenfalls, soweit sie mir selbst noch in Erinnerung sind. Panem und circenses, das wussten schon die alten Römer. Aber das dürft ihr jetzt alle ganz fleißig selbst googeln! Hihihi...

Das erste große Fest nach dem Jahreswechsel - vom Tag meiner Geburt natürlich mal abgesehen - ist ja bekanntlich der Fasching, in Deutschland auch Karneval genannt. Dieser wird von unseren geliebten Nachbarn ja noch weitaus exzessiver gefeiert als von uns selbst - auch wenn ich den österreichischen Fasching schon unerträglich finde. Ja, ich hasse den Fasching! Und zwar mehr als alle anderen Feste im Jahr. So, jetzt ist es raus! Reden wir nie wieder darüber.
Jedenfalls ist es ja so üblich, dass man sich im Fasching verkleidet. Natürlich tut man das bei uns mittlerweile auch zu Halloween - darüber kann man sich ja auch empören, weil Halloween keine in unseren Breiten übliche Tradition ist, sondern irgendwann einmal von den Amerikanern übernommen wurde, die es wiederum von den Iren adaptiert haben. Ich war als Kind noch kein so großer Faschingsmuffel wie heute, weshalb ich mich auch verkleidet habe: als Marienkäfer, als Laubfrosch, als Teddybär, als Musketier, als Vampir. Zu den beliebtesten Kostümen bei Kindern zählen seit der Nachkriegszeit sicherlich Cowboy und Indianer; auch im Kindergarten, in der Schule und auf den Kinderfesten, auf denen ich eingeladen war, liefen immer ein paar Cowboys und Indianer herum. Wobei man fairerweise dazu sagen muss, dass unser Indianerbild nicht wirklich von den echten Native Americans geprägt ist, die bis heute noch nicht die Anerkennung als Opfer eines erbarmungslosen Völkermordes erhalten haben, der ihnen gebührt, und jahrzehntelang ihre Wurzeln verleugnen mussten, sondern natürlich von den Abenteuergeschichten Karl Mays, der zu dem Zeitpunkt, als er seine Wild-West-Romane schrieb, Amerika nie gesehen hat. Ich erinnere mich noch daran, wie verblüfft ich war, als mir meine Großmutter einst, als ich noch sehr klein war, das Foto eines Jungen aus einem Volk der amerikanischen Ureinwohner zeigte, der so ganz anders aussah als die Indianer in den Winnetou-Filmen. Deswegen verwende ich das Wort "Indianer" auch nicht als Synonym für Native Americans, sondern bezeichne damit die Phantasiefiguren bei Karl May.
Im letzten Jahr bat die Leitung zweier deutscher Kindertagesstätten anlässlich des bevorstehenden Faschingsfestes, Verkleidungen zu überdenken, die Stereotype bedienen, etwa die des Indianers oder Scheichs. Die deutsche BILD-Zeitung, noch reißerischer als die österreichische Krone, aber wichtiger als das bei uns heimische Müllblatt oe24, behauptete sofort, dass Indianerkostüme in diesen Kitas verboten worden seien, und der gesamte deutschsprachige Raum regte sich kollektiv auf - wobei die Debatte immer mehr ins Reich der Phantasie abglitt. Rechte Medien gaben natürlich wieder der politischen Korrektheit der "Grünen" und der angeblich fortschreitenden "Islamisierung" die Schuld daran, dass "man" sich angeblich nicht mehr im Fasching als Indianer verkleiden darf.
Nun gut, dass man sich in letztere beide Thesen versteigt, ist natürlich mehr als nur lächerlich. Abgesehen davon müssen kulturelle Stereotype nicht zwangsläufig schlecht sein - bei unserem großen Trachtenfest im Herbst werden durchaus auch häufig Asiaten und Afrikaner in unserer Landestracht fotografiert. Ein "Richtig" oder "Falsch" gibt es bei der Geschichte wohl nicht. Auch wenn es mal ein wichtiger Schritt wäre, auch die Gefühle der Betroffenen zu respektieren. Deswegen habe ich hier auch den Artikel eines "echten" Native Americans verlinkt, der all das erlebt hat, was wir hier in Europa in diesem Ausmaß gar nicht kennen. Ich sage nicht, dass man all dem zu hundert Prozent zustimmen muss. Aber man sollte durchaus mal darüber nachdenken, dass es eventuell für andere verletzend sein könnte, wenn man sich gedankenlos einer Tracht bedient, die denjenigen, zu denen sie eigentlich gehört, lange Zeit zu tragen verboten war. Aber statt dass wir uns auf vernünftige Art und Weise mit dem Thema auseinandersetzen, fangen wir an, zu jammern, dass man ja "überhaupt nichts mehr darf". Das ist genauso wie mit den Leuten, die sich das ganze Jahr über darüber beschweren, dass man gewisse Lebensmittelprodukte heutzutage nicht mehr Negerküsse und Zigeunerschnitzel nennt. So als hinge unsere gesamte Kultur ausschließlich von der stereotypen Wahrnehmung anderer Völker ab.

Einrichtungen für Kinder haben in diesem Jahr besonders oft für Empörung gesorgt - beispielsweise die Förderschule in Aschaffenburg, die es wagte, wegen des Ramadans ein Schulfest zu verschieben, ohne erst mal den gesamten deutschsprachigen Raum um Erlaubnis zu fragen. Intention war, dass niemand von dem Fest ausgeschlossen werden sollte, aber offensichtlich veröffentlichte ein Elternteil das Mitteilungsblatt, das darüber informierte, auf Social Media. Sofort machte der Post die Runde, und wieder einmal wurde ein Shitstorm losgetreten, den die Entscheidung einer einzelnen Kleinstadtschule gar nicht wert war. Die Schule erhielt zahlreiche Hass-Mails nicht nur aus Deutschland, sondern sogar aus dem Ausland. Nun, zu jeder Zeit hat schon mal eine Schule ein Fest verschoben. Dass deswegen so ein Theater veranstaltet wird, ist einfach nur dumm - und wäre sogar lustig, hätte es nicht so viel Hass gegen die Kinder gegeben, die für die Fehltritte der Erwachsenen gar nichts können.

Noch schlimmer hat es da zwei private Kindertagesstätten in Leipzig getroffen, deren Leitung es doch tatsächlich gewagt hat, den internen Speiseplan zu ändern - ebenfalls, ohne die Wahnwichtel erst um Erlaubnis zu fragen. Was diesen natürlich überhaupt nicht passte. Was ist letztlich passiert? Nun, die Kitas haben das Schweinefleisch aus dem Speiseplan genommen, um muslimischen Kindern das gemeinsame Essen mit den anderen zu ermöglichen. Was natürlich eine Unverfrorenheit ist, einfach so mir nichts, dir nichts das Schweinefleisch zu verbieten - Moment...
Von einem "Verbot" war gar nicht die Rede - niemand hat behauptet, dass man der deutschen Mutti verbieten müsse, ihr Kind zu Hause bis zum Anschlag mit Schweinefleisch vollzustopfen. Niemand hat behauptet, dass der Deutsche sein geliebtes Schweinefleisch nicht mehr essen darf. Die Debatte ging sogar bis zu uns nach Österreich - gibt's was Peinlicheres? Jawohl - und zwar, dass die mediale Zündelei zu Drohungen gegen die Kita geführt hat. Einer Einrichtung für kleine Kinder!
Das einzig Positive daran: Ich hatte ab und zu auch Spaß. Beispielsweise, als die FPÖ in einem flammenden Post gegen den Verzicht von Schweinefleisch aufrief und dazu ein paniertes Fischfilet postete. (Ich könnte ja fragen, was mit denjenigen geschieht, die aus nicht-religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen wollen - beispielsweise, weil es ungesund ist. Und ob man jetzt alle Muslime mit Schweinefleisch zwangsernähren will. Aber ich glaube, das führt zu nichts.)

Wie ich letztes Jahr schon ausgeführt habe, ist auch die Vorweihnachtszeit ein dankbarer Vorwand, um in Hysterie zu verfallen. Darüber habe ich ja im letzten Jahr schon berichtet. In diesem Jahr ging es allerdings schon im Oktober los, als die Supermarktkette Aldi, das deutsche Pendant zu unserem Hofer, den sogenannten "Herbststern" verkaufte, eine Abwandlung des tropischen Wolfsmilchgewächses Euphorbia pulcherrima, das bei uns als "Weihnachtsstern" bekannt und schon seit vielen Jahren traditionell in der Weihnachtszeit als Topfpflanze in vielen Haushalten zu finden ist. Es gab gleich einmal einen riesigen Shitstorm gegen Aldi, obwohl es noch einige Zeit dauern sollte bis Weihnachten. Weiter ging's mit einer anderen Abwandlung namens "Winterstern", so genannt, weil die Hochblätter eine andere Farbe hatten als der klassische Weihnachtsstern. In dem Stil ging's dann die ganze Adventszeit über weiter; ein AfD-Politiker fotografierte die Rückseite eines Adventskalenders der Süßigkeitenmarke Kinder und echauffierte sich darüber, dass da nicht "Adventskalender" drauf stand - nun, ich schreibe auf die Gegenstände, die mich umgeben, auch immer "Tisch", "Stuhl", "Decke", "Wäscheständer" und "Tür" drauf, weil ich von allein nie draufkommen würde, worum es sich handelt. Jeder andere, der das nicht so macht, ist übrigens islamisiert. So wie Nestlé - deren Schoko-Weihnachtsmann heißt nämlich "Klapperklaus". Dass er deswegen so heißt, weil sein Hohlkörper mit Smarties gefüllt ist, die klappern, wenn man ihn schüttelt, dass es diesen bereits seit 2004 gibt und dass es lächerlich ist, dahinter eine "Islamisierung" zu vermuten, kann nur jemand behaupten, der natürlich auch schon islamisiert ist. Am dümmsten aber war die Aufregung gegen den "Zwarte Piet", eine dunkelhäutige Schokofigur, die in der flämischen Kultur - also Belgien und den Niederlanden - als Helfer von Sinterklaas, also dem Nikolaus, bekannt ist. Mit einem Wort: Man hetzte hier gegen eine alte christliche Tradition. Lustig an der Geschichte ist, dass es dieselbe Diskussion auch schon in den Niederlanden gibt - nur andersherum. Dort werden Menschen mit dunkler Hautfarbe nämlich oft abwertend "Zwarte Piet" genannt, weshalb über die Abschaffung dieser Figur diskutiert wird.

Und last but not least möchte ich noch auf ein sehr leidiges Thema eingehen, das in den letzten Tagen des Jahres die Gemüter aufgehetzt hat, die sich bis jetzt noch nicht so richtig beruhigt haben. Und zwar geht es um einen Beitrag des Fernsehsenders WDR 2. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich weiß nicht einmal, ob ich den überhaupt noch empfange - seine Inhalte waren für mich, offen gestanden, nie wirklich interessant. Halt ein ausländischer Sender von alten Leuten für alte Leute. Auf diesem Sender wurde Anfang dieser Woche von einem Kinderchor ein Lied vorgetragen, das die Gemüter erhitzte - ich habe es hauptsächlich deshalb mitbekommen, weil es so oft auf Facebook geteilt wurde. Es war eine teilweise umgedichtete Version des beliebten Kinderliedes Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, das ich im Volksschulalter ebenfalls geliebt habe und das leicht abgewandelt mit dem Schlusssatz "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau" gesungen wurde. Nun bin ich persönlich der Meinung, dass sich dieses Lied den Titel "Satire" nicht wirklich verdient hat - dafür ist es zu platt, es ist einfach nichts anderes als reiner Klamauk, typischer Grundschul-Humor. Für einen Abend am Lagerfeuer im Pfadfinderlager vollkommen okay - in einer Fernsehsendung wohl eher nicht. Auch, weil man als Medienverantwortliche/r eigentlich schon hätte wissen müssen, wohin das führt. Erst recht, wenn bei mir, obwohl meine Medienkompetenz dagegen kaum erwähnenswert sein dürfte, beim Hören dieses Lieds schon alle Alarmglocken läuteten. Und wie sich herausstellen sollte, zu Recht. Nur wenige Stunden später hagelte es nämlich einen Shitstorm von allen Seiten, weil sich gefühlt jeder Zweite bemüßigt fühlte, die eigene Oma sowie ganz allgemein das "Heiligtum" Großmutter zu verteidigen. Der WDR entschuldigte sich in einer Sondersendung und zog das Video zurück. Die Gemüter beruhigt hat er damit nicht - im Gegenteil, jetzt mussten auch noch Leute ihren Senf dazugeben, die gar nicht mehr die Möglichkeit hatten, dieses Lied in seiner Gänze zu hören.

Irgendwie scheinen wir aktuell in einer Zeit zu leben, in der man sich ständig verpflichtet fühlt, die ältere Generation verteidigen zu müssen. Es gibt ein beliebtes Meme, in der die Jugend, die für FFF demonstriert, aufgefordert wird, doch lieber dafür zu demonstrieren, dass deutsche Rentner nicht mehr Pfandflaschen sammeln müssen. Und man hält derzeit besonders krampfhaft am Mythos der "Trümmerfrauen" fest, die sowohl Deutschland als auch Österreich angeblich ganz allein mit den eigenen Händen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut haben. Entsprechend grub man diese Geschichte auch gleich wieder aus und verteidigte die eigene Oma, die noch Socken gestopft, Pullover gestrickt und ihre Einkäufe per pedes im Einkaufsnetz vom Greißler am Eck nach Hause transportiert habe. Ganz abgesehen davon, dass die Oma in dem Lied, wie schon gesagt, fiktiv ist und auch in den Fünfzigern, als es entstand, wohl kaum eine Oma im Hühnerstall Motorrad gefahren ist, sind die Kinder, die das Lied gesungen haben, wohl doch noch viel zu jung, als dass deren Großmütter noch zu den Trümmerfrauen gerechnet werden können - diese Kinder haben Großmütter, die in den fünfziger und sechziger Jahren geboren sind, die also bereits die Annehmlichkeiten des Wirtschaftswunders genossen haben und die entbehrungsreiche Zeit nach dem Krieg nur noch aus Erzählungen kennen ("Als ich in deinem Alter war, hab ich Steine schleppen müssen!"). Im übrigen habe ich die Originalversion als Kind auch gesungen - und selbst damals schon kapiert, dass damit nicht meine eigenen Großmütter gemeint sind.

Nun, was die Oma betrifft, so hätte ich einen Vorschlag: Statt sich gegenseitig im Internet zu beschimpfen, können doch all diejenigen, die so wahnsinnig empört sind, ein paar Stunden die Woche dafür aufwenden, die eigene Oma besuchen zu gehen. Und wer keine mehr hat, könnte sich ja alternativ um eine der vielen alten Damen kümmern, die keine Enkelkinder haben. Was die oben aufgezählten Lappalien ganz allgemein betrifft: Mir ist aufgefallen, dass alle ihren Ursprung in Deutschland haben. So geht das aber nicht, dass unsere werten Nachbarn uns beim Raunzen so viel Konkurrenz machen! In diesem Jahr hat sich das zu ändern, aber zackig! Gebt euch ein bisschen Mühe, meine lieben Landsleute!

vousvoyez


Kostüme: https://www.mopo.de/hamburg/politisch-korrekter-fasching-hamburger-kita-verbietet-indianer-kostueme--32163248
https://www.vice.com/de/article/zma8ze/liebe-deutsche-indianer-kostume-an-karneval-sind-nicht-lustig

Schulfest: https://www.mimikama.at/allgemein/schulfest-verschoben/

Schweinefleisch: https://www.mimikama.at/allgemein/schulfest-verschoben/

Die Oma: https://www.zeit.de/kultur/2019-12/wdr-kinderchor-umweltsau-oma-klima-kommentar

Donnerstag, 19. Dezember 2019

Nur weil etwas Fakt ist, muss es noch lange nicht stimmen

Wie ihr euch sicher denken könnt, stammt dieser Satz von einer Vertreterin der Intelligenzallergiker intellektuellen Elite des World Wide Web. In welchem Zusammenhang, kann ich allerdings, ehrlich gesagt, nicht mehr eruieren. Allerdings ist gerade diese extrem bescheuerte intelligente Weisheit viel zu gut, als dass ich mich angesichts dessen nicht einem Thema widmen könnte, das ich schon längere Zeit eher vernachlässigt habe, das aber höchstes Unterhaltungspotenzial hat, nämlich unseren geliebten Schwurbels.

Wer mich schon ein bisschen länger kennt - online oder auch privat -, weiß, dass ich an einer bestimmten Kategorie von Schwurbelfritzen Kritikern einen besonderen Narren gefressen habe. Warum, das ist schwer zu sagen. Ich glaube, das liegt einfach daran, dass ich immer wieder über den gewaltigen Einfallsreichtum der Menschheit erstaunt bin, weshalb ich auch von Kindheit an ein leidenschaftliches Interesse an Mythen, Legenden und Religionen hege. Diese sind ja bisweilen den Schwurbelgeschichten  nicht so unähnlich. Die natürlich überhaupt gar nichts mit alternativen Fakten zu tun haben, die auch ganz wirklich vollkommen wahr sind!!!!!!11

Beginnen möchte ich meine neuerlichen Ausführungen so, wie ich viele beginnen, nämlich mit mir selbst. Seit meiner frühesten Kindheit habe ich Bücher über alles geliebt - ich wollte sie lesen, ich wollte sie aber auch einfach nur besitzen. Auch wenn mir bewusst ist, dass es sehr viele gibt, die diesen Wesenszug überhaupt nicht verstehen, und ich muss zugeben, dass das zeitweise auch ein bisschen anstrengend ist, besonders in Phasen, in denen man zu sehr vielen Wohnungswechseln gezwungen ist. Jedenfalls bin ich in Buchläden, Bibliotheken, auf Bücherflohmärkten und in Antiquariaten von jung an schon aufgeblüht. Als junge Frau war ich einmal in Frankfurt - und man musste mich fast mit Gewalt aus den vielen großen Buchhandlungen wieder rauszerren. Aber auch vor Wühltischen machte ich nicht halt - auch wenn man da zeitweise Gefahr läuft, unwissentlich den haarsträubendsten Schrott zu kaufen. Da Wühltisch-Bücher allerdings selten mehr als einen oder zwei Euro kosten - irgendwie muss man seinen Müll ja loswerden -, ist das nicht allzu schmerzhaft. Damals pendelte der Preis so zwischen zehn oder fünfzehn Schilling. Michael Mittermeier hat in seinem Buch Die Welt für Anfänger den österreichischen Schilling mit der italienischen Lira verglichen. Was nicht gerade für eine Italien-Erfahrung spricht - offenbar hat ihm seine Mutter nie tausend Lire in die Hand gedrückt mit dem Hinweis: "Geh dir ein Eis kaufen!" Im Gegensatz dazu waren tausend Schilling für mich der Inbegriff des wahren Reichtums.

Langer Rede kurzer Sinn, jedenfalls kaufte ich im zarten Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren von so einem Wühltisch mal ein Buch, an dessen Titel ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern kann. In diesem Buch wurde die angeblich wahre Geschichte einer Frau erzählt, die in einer satanistischen Sekte aufgewachsen sein soll. Satanisten sind ja immer gut, wenn man Schwurbels Wahrheitssuchende gerne triggern will. Angeblich durchlebte sie ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch grausame Folter, sexuellen Missbrauch und Demütigungen, ehe sie sich als junge Erwachsene vermeintlich aus diesem psychischen Gefängnis befreien konnte - doch in Wirklichkeit war sie immer noch darin gefangen, denn sie soll an einer Dissoziativen Identitätsstörung, auch bekannt als Multiple Persönlichkeitsstörung, leiden, und Angehörigen der Sekte, die sie glaubte, hinter sich gelassen zu haben, waren angeblich immer noch in der Lage, sie von außen zu steuern.

Ich las das Buch und war milde beeindruckt, obwohl mir ein paar Behauptungen darin damals schon etwas merkwürdig vorkamen. Aber ich dachte nicht weiter nach; es verschwand irgendwo in meinem Bücherregal, und Jahre später, als ich mein Elternhaus verließ, gehörte es zu den wenigen, die ausgemustert wurden, wahrscheinlich, um auf dem nächsten Wühltisch zu landen. Vor etwa einem Jahr dann stieß ich auf ein YouTube-Video über die "Verschwörungstheorie", das viele der Fragen, die ich mir damals selbst schon gestellt habe, ebenfalls aufwarf. Die Frau in dem Buch müsste heute etwa zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt sein; bis heute gibt es noch keine konkreten Ergebnisse bezüglich ritueller Gewalt. Auch die vermeintlichen Täter bleiben äußerst diffus, obwohl es unfassbar viele sein sollen, darunter auch Ordnungsorgane und sogar Regierungsmitglieder. Wer nur ein bisschen was über den Mechanismus von Verschwörungsideologien weiß, dem sollten hierbei bereits die Ohren klingeln. Darüber hinaus wurde in dem Buch behauptet, dass junge Mädchen willkürlich geschwängert und deren Kinder hinterher dem Satan geopfert werden sollten; ich weiß, dass es Fälle gibt, in denen Frauen ihre Schwangerschaft nicht bemerken und irgendwann ein Kind auf die Welt bringen, aber so extrem viele sind es ja doch nicht, und es ist doch äußerst merkwürdig, dass kein Außenstehender bei so vielen Mädchen, denen das passiert sein soll, je deren Schwangerschaft bemerkt haben soll. Es braucht doch nur außerhalb des rituellen Kreises zu Komplikationen kommen - und so selten kommt das wiederum nicht vor -, und schon wäre alles klar. Abgesehen davon, dass Personen mit Dissoziativer Identitätsstörung doch immer noch nur einen einzigen Körper haben - ist es dann nicht äußerst merkwürdig, dass, wenn diese Person unter Drogen gesetzt wird, nicht alle inneren Persönlichkeiten die Wirkung der Drogen zu spüren bekommen sollen? Darüber hinaus wäre, wenn man diesem Buch glauben würde, wie schon gesagt eine unglaublich hohe Anzahl an Personen an diesen rituellen Gewaltakten beteiligt und würde sich von der Außenwelt völlig unbemerkt in auffallend großen Gruppen an irgendwelchen geheimen Orten treffen - und das weltweit und ohne dass bis zum heutigen Tage auch nur irgendein Außenstehender davon Wind bekommen hätte. Offenbar gibt es weitaus mehr als nur ein Buch und auch Dokumentation zu diesen Themen, aber viel mehr als in dem Buch, das ich selbst gelesen habe, kommt da nicht heraus. Versteht mich nicht falsch: Mir ist klar, dass sexuelle und auch rituelle Gewalt real sind, und ich zweifle auch nicht daran, dass die angeblichen Satanismus-Opfer tatsächlich missbraucht wurden und ihre Geschichte sicherlich auch glauben. Allerdings frage ich mich, ob das Problem da nicht eher bei den Therapeuten liegt, die diese behandeln, als bei den Opfern selbst. Es klingt für mich halt nur äußerst unglaubwürdig, dass wir von all diesen Satanisten weltweit unterwandert sein sollen und es, wie schon gesagt, seit gut einem halben Jahrhundert immer noch keine konkreten Anhaltspunkte gibt.Ja, ich weiß, dass dies nur meine Meinung ist - aber für mich hat das Ganze halt eher die Glaubwürdigkeit einer Bravo-Foto-Love-Story. Tut mir leid.

Rituelle Gewaltakte sind ja bekanntlich Bestandteil vieler Verschwörungstheorien  höchst vernünftiger Wahrheiten. Ich habe in einem anderen Artikel ja bereits über Alex Jones berichtet, den Typen mit den schwulen Fröschen. Dieser beteiligte sich während des letztens US-Wahlkampfs 2016 an der Verbreitung der Pizzagate-Geschichte, die irgendwann auf 4chan und Reddit auftauchte und in der behauptet wurde, Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton betreibe im Keller einer Pizzeria in Washington, D. C. einen Kinderpornoring. Daraufhin stürmte am 4. Dezember desselben Jahres ein bewaffneter Mann die Pizzeria, um die Kinder zu befreien - und musste feststellen, dass das Gebäude, in dem sie unterbracht war, gar keinen Keller hatte und es auch keine Kinder gab, die dort festgehalten wurden. Die Verbreitung einer kruden Theorie als unterdrückte Wahrheit brachte Menschen in Gefahr und einen weiteren für vier Jahre ins Gefängnis.

Besonders die Vorstellung, jemand könnte Kindern Gewalt antun, fügt bestimmten Schwurbelgeschichten alternativen Fakten natürlich noch einmal eine ordentliche Dimension an Dramatik hinzu. So wird in diesem Zusammenhang gerne mal über pädophile Handlungen oder Mord an kleinen Kindern geschwurbelt berichtet. So sind viele Verschwörungstheoretiker Wahrheitssuchende in diesem Jahr vor Entrüstung Sturm gelaufen anlässlich eines Interviews mit Jim Carrey, der behauptete, Hollywoodstars würden zu Weihnachten ganze Babys verspeisen. Der Witz dabei: Dieses Interview hat nie stattgefunden. Es handelt sich hierbei um "Fauxtire", eine Zusammensetzung aus dem französischen faux wie falsch und Satire - das sind Falschnachrichten, die absichtlich besonders unglaubwürdig und dramatisch gehalten werden. Ich habe unten noch einen Artikel dazu verlinkt. Ja, unglaubwürdig. Einige scheinen sie trotzdem für glaubwürdig zu halten. Und auch die Flacherd-YouTuber haben sich inzwischen offenbar auf die Promis eingeschossen - klar, irgendwann wird es ja langweilig, nichts anderes zu tun, als seiner Community ständig zu versichern, dass die Erde flach ist. Ihre neueste Masche ist jetzt, zu behaupten, dass alle Prominenten in Wirklichkeit "Transsexuelle" seien - und aufgrund anatomischer Merkmale zu entscheiden, ob diese Personen eine Geschlechtsumwandlung getätigt hätten. Manche lehnen sich sogar so weit aus dem Fenster, zu behaupten, dass sie auch ihre Kinder als das gegenteilige Geschlecht erziehen als das, mit dem sie geboren werden. Nun - dass man Trans-Personen mit exakt demselben Anstand und Respekt zu behandeln hat wie alle anderen auch, sollte inzwischen selbstverständlich sein, auch wenn manche das ganz offensichtlich immer noch nicht kapieren. Aber dass alle Prominenten ein anderes Geschlecht vortäuschen sollen als ihr biologisches, klingt irgendwie seltsam, ganz abgesehen davon, dass man nicht jedes körperliche Merkmal auf jeden Angehörigen eines bestimmten Geschlechts zuteilen kann, da die Menschen bekanntermaßen verschieden sind.

Ja, Prominente sind dankbare Projektionsflächen für alle möglichen lustigen Schwurbelgeschichten. Und deswegen will ich euch zum Abschluss noch eine aus dem popkulturellen Bereich erzählen. Wie ihr vielleicht mitgekriegt habt, hatte ich eine Phase, in der ich mich sehr viel mit der Musik der sechziger Jahre, speziell der Beatles, auseinandergesetzt habe. Das liegt unter anderem daran, dass mich das erste Soloalbum von John Lennon durch eine sehr dunkle Zeit gebracht hat. Und, dass ich, wenn mich ein Künstler begeistert, gerne so viel wie möglich über ihn (oder sie) in Erfahrung bringen möchte. Anscheinend sind die Beatles aber auch eine sehr dankbare Vorlage, wenn es um Verschwörungstheorien alternative Fakten geht. Ich habe ja bereits von den Gerüchten erzählt, die behaupten, dass Paul McCartney bereits im Jahr 1966 bei einem Autounfall ums Leben gekommen sein soll - obwohl er sich trotz seiner mittlerweile 77 Jahre immer noch bester Gesundheit zu erfreuen scheint. Aber das ist nicht alles - die Beatlemania, wie das Phänomen rund um den Hype um diese britische Popgruppe genannt wird, soll laut eines Schwurbel-Artikels ein perfider Plan der Illuminaten gewesen sein, um die Gesellschaft nach ihrem Gutdünken zu verändern. Als "Beweis" dafür wird eine unbelegte Bemerkung John Lennons gegenüber seinem Musikerkollegen Tony Sheridan in Hamburg angeführt, in der er erklärt haben soll, er habe seine Seele für den Erfolg seiner Band an den Satan verkauft. Nun - es ist nicht allen bekannt, dass John Lennon nicht nur Musiker war, sondern darüber hinaus auch noch Graphik an der Liverpooler Kunstakademie studierte und insgesamt drei Bücher veröffentlichte, in denen von ihm verfasste Kurzgeschichten, Gedichte und Illustrationen gesammelt sind. Kurz gesagt - ich kenne genug von dem, was John Lennon gesagt, geschrieben und gezeichnet hat, um zu wissen, dass der Mann über einen ziemlich provokanten Sinn für Humor verfügte. Was die Idee nahelegt, dass auch diese Bemerkung, sollte er sie tatsächlich getätigt haben, wohl eher ein Witz sein sollte. Aber man kann von einem Truther ja nicht erwarten, dass er auch noch Humor versteht - vor allem nicht von einem Mann, der bei der Royal Variety Performance 1963 das gut betuchte Publikum aufforderte, mit den Juwelen zu rasseln. Weitere "Belege" für die Beatles als Teil einer Illuminaten-Verschwörung bzw. eines "Massenexperiments" mehrerer vollkommen diametral zueinander stehenden Gruppierungen sind unter anderem auch, dass sie am Beginn ihrer Karriere in einem Liverpooler Striplokal sowie in mehreren Nachtclubs im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli auftraten, dass ihr Manager homosexuell war und dass sie während ihrer gemeinsamen Karriere auch Drogen konsumierten. Nun - eine ganze Menge Künstler nahm damals Drogen, viele auch schon vor den Beatles. Sind die etwa auch Teil der Verschwörung? Lustig finde ich auch die Behauptung, dass "Theo Adorno" die gesamte Musik der Beatles komponiert haben soll. Abgesehen davon, dass die Urheberschaft und Entstehungsgeschichte der Beatles-Songs ziemlich gut belegt ist, waren die wenigen musikalischen Werke des deutschen Philosophen und Soziologen Theodor Adorno, der im übrigen seit 1945 nicht mehr komponiert hat, wohl kaum dem Pop-Genre zuzurechnen. Abgesehen davon, dass die "versteckten Codewörter", die die Beatles unter die amerikanische Jugend gebracht haben sollen, wie "cool", "Teenager" und "Popmusik", schon vor ihrer Gründung bekannt waren und dass Begriffe wie "Beatniks" und "Beat-Generation" mitnichten eine Bezeichnung für Beatles-Fans waren. Die Beat-Generation war eine Gruppierung junger amerikanischer Literaten wie Jack Kerouac, Alan Ginsbergh und William Burroughs, die ihre ersten Werke bereits veröffentlichten, als die späteren Beatles noch Kinder waren. Als ich etwa sechzehn Jahre alt war, habe ich vor allem die Bücher von Kerouac sehr geliebt - so sehr, dass ich bisweilen träumte, selbst per Anhalter durch Amerika zu trampen. Aus dieser Generation von Literaten gingen dann die Beatniks hervor - sozusagen die Vorfahren der späteren Hippies. Und was den Umstand betrifft, dass ein paar Songs der Beatles den berühmt-berüchtigten Charles Manson inspirierten - für die Fehlinterpretationen eines gescheiterten Musikers und manipulativen Sektenführers können die Songwriter doch nichts. Und natürlich dürfen die angeblichen Rückwärtsbotschaften nicht fehlen, über die ich bereits in einem anderen Artikel erzählt habe. Wer mehr über die Illumiaten-Beatles erfahren will, dem empfehle ich ein Video über den Originalartikel, sehr amüsant vorgetragen von einem meiner persönlichen Lieblings-YouTuber, dem Bücheronkel. Das Video verlinke ich ebenfalls.

Gerade bemerke ich, dass mein Artikel wieder mal weitaus länger ist als beabsichtigt. Und das, obwohl ich vieles davon bereits wieder rigoros gekürzt habe - aus Gründen der Leserfreundlichkeit. Wer meine weiteren Ausführungen zu einigen ganz tollen Schwurbelmärchen vollkommen der Wahrheit entsprechenden, ausgesprochen vernünftigen Fakten noch nicht kennt, darf sie übrigens gerne in der Kategorie "Unterwelt" nachlesen. Ansonsten - ich komme wieder, keine Frage!

vousvoyez


Satanismus: https://www.youtube.com/watch?v=bTH7rtyVUOo

Transsexuelle Prominente: https://www.youtube.com/watch?v=rl62Wo027Wg

Fauxtire: https://www.mimikama.at/allgemein/hollywood-eliten/

Dr. Andrew Wakefield: https://www.psiram.com/de/index.php/Andrew_Wakefield

Impfungen: https://www.youtube.com/watch?v=RLbuqWlNFoU

Die Pharma-Verschwörung: https://www.youtube.com/watch?v=vDgnsMKWbZs

Die Illuminaten-Beatles: https://www.youtube.com/watch?v=Hi2ZxR9gdOs&t=2s

Dienstag, 17. Dezember 2019

Bruder, warum trinkst du so viele Zigaretten?

(c) vousvoyez
Gut gemeinte Ratschläge können auch fruchtbar sein, wenn man mit der deutschen Sprache noch nicht so vertraut ist. Und natürlich kommt es auch auf den Kontext an. Diese Art von Ratschlägen kann man sicher auch eher annehmen als Besserwisserei, besonders aus den sozialen Netzwerken. Und deswegen will ich heute über ein Thema reden, das ich schon eine Weile vor mir herschiebe, nämlich Nähe und Distanz.

Dass ich dieses Thema schon seit längerer Zeit mal behandeln will, liegt daran, dass mir aufgefallen ist - und da bin ich nicht die einzige -, dass sich unser Verhältnis zu Nähe und Distanz nicht zuletzt auch durch die digitale Revolution sowie Kommunikationsmitteln wie Facebook, Instagram & Co. immer mehr verändert. Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte man noch gar nicht die Möglichkeit, sein Leben dermaßen zur Schau zu stellen, wie es heute oft der Fall ist. Was allerdings nicht heißt, dass es nicht auch schon früher Leute mit übermäßigem Geltungsbedürfnis gegeben hätte. Wer kannte sie nicht, die "Adabeis", wie man in Österreich sagt, die, die sich für wichtiger halten, als sie eigentlich sind; die zum Wiener Opernball gehen, in der Hoffnung, ins Fernsehen zu kommen; die auf Urlaub nach Venedig fahren, damit sie überall herumerzählen können, dass sie in Venedig waren, die aber ohnehin nur Schlechtes über Venedig zu berichten haben, nachdem sie ihren Plastikmüll in den Canale Grande geschmissen haben; die, die die Lebensgeschichte eines jeden Prominenten auswendig kennen und jedem nachlaufen, der mal im Fernsehen war; die, die, wenn der Nachbar einen Springbrunnen baut, einen noch größeren in ihrem Garten haben müssen. Das Ding ist halt - früher hatte man als nicht-prominente Persönlichkeit kaum Möglichkeiten, sein Leben öffentlich zur Schau zu stellen. Umgekehrt hat vor einem halben Jahrhundert ein prominentes Paar, nämlich John Lennon und Yoko Ono, die Sensationslust der Medien ad absurdum geführt, indem sie ihre Flitterwochen als Friedenskampagne öffentlich machten. Etwa dreißig Jahre später wurde ihr experimenteller Film Rape als Vorbild für die TV-Show Big Brother genannt, in der Leute zum ersten Mal ganz freiwillig ihr Privatleben aufgaben - wenn auch nur für ein paar Wochen.

George Orwell hat vor 70 Jahren seinen berühmten Roman 1984 veröffentlicht, der von einem totalitären Überwachungsstaat handelt. Auch die oben genannte Show Big Brother nimmt auf diesen Roman Bezug, denn sie ist nach dem nicht greifbaren und deswegen unterschwellig bedrohlichen Herrscher dieses fiktiven Staates benannt, der seine Augen praktisch überall zu haben scheint. Das Buch wird bis heute - ähnlich wie Aldous Huxleys nicht ganz so bekannter Zukunftsroman Brave New World - als visionäres Stück Literaturgeschichte gesehen, und das auch nicht zu Unrecht. Eines jedoch hat Orwell, wie ich, glaube ich, schon einmal erwähnt habe, nicht vorausgesehen: Kein Mensch zwingt uns, unsere Privatsphäre aufzugeben. Wir tun das ganz freiwillig und ohne darüber nachzudenken.

Seit dem 11. September 2001, jenem Tag, an dem vor allem die damals junge Generation, nämlich meine, die Illusion verlor, dass der Westen nahezu unantastbar ist, hat sich allmählich ein Gefühl der Unsicherheit eingeschlichen. Inzwischen glauben wir, die Welt war noch nie so unsicher wie heute - obwohl das ja so nicht wahr ist. In den Achtzigern hatten wir halt noch kein Internet, in dem die neuesten Schreckensmeldungen rund um die Uhr abrufbar waren. Ich war überrascht, als ich mit etwa zwanzig Jahren erfuhr, dass die "goldenen siebziger Jahre" gar nicht so golden waren - dass etwa Deutschland von etlichen Terroranschlägen heimgesucht wurde. Aber diese Flut an Information, der wir heute ausgesetzt sind, erzeugt ein Gefühl der permanenten Gefahr, das uns dazu bringt, unser Recht auf Privatsphäre Stück für Stück aufzugeben, da uns das trügerische Gefühl der Sicherheit als notwendiger erscheint. Anderen Leuten erklären wir, dass wir schließlich nichts zu verbergen hätten - aber bis wohin wird diese Toleranz gegenüber Eindringlingen in unser Privatestes reichen? Ich bin gewiss keine, die sich permanent beobachtet und überwacht fühlt - es beunruhigt mich nur, mit welcher Bereitwilligkeit manche Leute ihr Recht aufgeben, nicht permanent unter Beobachtung zu stehen, und auch anderen dieses Recht nicht mehr zugestehen. So wird jemand, der sich nicht vom Partner bespitzeln lässt, gern mal als nicht vertrauenswürdig eingestuft, während mancherorts Eltern, die nicht jeden Schritt ihres Kindes überwachen, als nachlässig angesehen werden. Und nicht zuletzt tragen auch das Internet und da besonders die sozialen Netzwerke dazu bei, dass wir unser Verhältnis zur Distanz immer mehr verlieren.

Heutzutage erfährt alle Welt, wie wir leben, wie wir fühlen, was wir anziehen, was wir essen, wohin wir auf Urlaub fahren. Ich warte eigentlich nur noch darauf, dass die Leute irgendwann einmal anfangen, Fotos von ihrem Stuhlgang auf Instagram zu posten - es würde mich, ehrlich gesagt, nicht mehr überraschen. Und die Distanzlosigkeit, die wir entwickeln, übertragen wir auch auf die nächste Generation - junge Mädchen schicken ihrem ersten Freund Nacktfotos per Handy, die diese nach einer Trennung aus Rache an der allzu Vertrauensseligen veröffentlichen. Ein Verhalten, dessen Grundstein mittlerweile schon in den ersten Lebensjahren gelegt werden kann - unter #deinkindauchnicht haben Prominente wie Wilson Gonzales Ochsenknecht eine Kampagne gestartet, die Eltern auf die Gedankenlosigkeit, ja sogar Fahrlässigkeit aufmerksam machen sollen, mit der Fotos von Kleinkindern zeitweise im Netz geteilt werden. Obgleich "Sharenting", wie man dieses Vorgehen nennt, nicht immer in böser Absicht geschieht; um ehrlich zu sein freue ich mich auch, zu sehen, wie sich die Kinder von Leuten, die ich nicht oft zu Gesicht bekomme, so entwickeln, und Mütter posten ihre Fotos ja auch oft in der Hoffnung, Gleichgesinnte zu finden. Es ist halt so, dass viele dabei mit sensiblen Daten sowie Grenzüberschreitungen, beispielsweise Fotos, die dem Kind später unangenehm werden könnten, unvorsichtig umgehen. Man denke an Woody Allens Kurzfilm Oedipus Wrecks oder den Spielfilm Stop! Or My Mom Will Shoot mit Sylvester Stallone; in beiden Filmen zeigt Mama die Babyfotos ihres inzwischen erwachsenen Sohnes in den unpassendsten Momenten herum. Und um ehrlich zu sein, finde ich Fotos von mit Essen bekleckerten oder vollgesabberten Babys und Kleinkindern nicht witzig und süß, sondern ziemlich abstoßend. Eine ganze Stufe gedankenloser sind allerdings diejenigen, die ihre Kinder schon zu Influencern machen, bevor diese auch nur ansatzweise kapieren, was das überhaupt sein soll.

Häufig wird beklagt, dass die Freizügigkeit zur Zeit der sexuellen Revolution aktuell einen Rückgang erlebt. Ich denke mir allerdings - es ist momentan gar nicht anders möglich. Obgleich auch ich den Einzug der Prüderie, wie er aus den USA zu uns herüberschwappt, zeitweise extrem übertrieben finde. Irgendwie herrscht zurzeit, auch in Bezug auf amerikanische Filme, eine merkwürdige Ambivalenz: Einerseits sind Liebesszenen in den neueren Erzeugnissen Hollywoods erstaunlich züchtig - bisweilen frage ich mich, wann es soweit ist, dass Eheleute wie in den Filmen der dreißiger Jahre wieder in getrennten Betten schlafen -, andererseits ist die Sprache in Komödien, und nicht nur in amerikanischen, oft auffallend vulgär. Ich habe dazu unten ein äußerst interessantes Video verlinkt, in dem erklärt wird, warum diese Art von Humor weitaus weniger mutig ist, als es den Anschein hat. Vorab nur soviel: Wo bleibt die vor allem für den Humor charakteristische Grenzüberschreitung, wenn es eigentlich gar keine Grenzen mehr gibt? Andererseits sind gerade die Filmanalyse-Videos von Wolfgang M. Schmitt ein schönes Beispiel dafür, dass Äußerlichkeiten oft über Inhalte hinwegtäuschen, denn Schmitt ist bei seinem oberflächlich gesehen doch eher konservativen Auftreten häufig erstaunlich provokant in seinen Ansichten. Deswegen sind seine Kritiken von Kinderfilmen für nostalgische Gemüter auch eher mit Vorsicht zu genießen.

Wie gesagt, sind wir heute wieder weit weniger freizügig als noch vor etwa 20 Jahren. In meiner Jugend war es praktisch normal, dass an Stränden oder in Schwimmbädern vor allem jüngere Frauen gern mal die Brüste entblößt hatten (hihihi, ein Busen!). Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis gehörte es zum guten Ton, dass man es mindestens einmal im Leben ausprobiert hat. Heute findet man das fast gar nicht mehr. Andererseits ist Sex medial so präsent wie noch nie, ohne dass man sich in die mit einem Vorhang abgetrennte Abteilung der Videotheken stehlen muss - neben dem Vulgär-Humor ist auch Pornographie überall und jederzeit für jeden abrufbar, eventuelle Altersbegrenzungen sind leicht umgehbar, und obgleich die Jugend sich schamhafter zeigt als noch vor zehn Jahren, kommt sie doch schon weitaus früher mit Sex in Berührung, als es bei uns der Fall war. Aber vielleicht ist gerade das der Grund für diese Schamhaftigkeit - als ich ein Schulkind war, war Sexualität etwas Geheimnisvolles, das ich als unheimlich und faszinierend zugleich empfand. Damals begann der Sexualkundeunterricht erst mit der weiterführenden Schule - also 1. Klasse Hauptschule oder Gymnasium. Heute wird bereits in den Volksschulen aufgeklärt - was ich an sich auch für richtig halte, besonders in einer Welt, in der praktisch niemand diesem Thema ausweichen kann. Und gerade dieses Überangebot nimmt dem Sex das Geheimnis - weshalb junge Leute wohl weitaus weniger das Bedürfnis nach der direkten Konfrontation haben. Wenn man Fernsehsendern wie RTL glauben darf, knattert die Jugend sich vom 12. Lebensjahr aufwärts ununterbrochen durch alle Betten. Sowohl aus meinem Umfeld als auch im Austausch mit Lehrern oder Eltern von Teenagern kann ich allerdings versichern, dass Jugendliche heutzutage im Schnitt gar nicht so viel früher Sex hat als unsere Generation, auch wenn die Pubertät durchaus früher beginnt. Natürlich gibt es sie, die frühreifen Mädels, die mit zwölf aussehen wie achtzehn und schon mit dreizehn mehr Verflossene haben als andere mit dreißig. Aber die gab's doch auch schon in früherer Zeit - das sollten wir spätestens seit Peter Cornelius' Du entschuldige, i kenn di kapiert haben.

Insgesamt kann man sagen, dass die Verschmelzung des öffentlichen und privaten Lebens aktuell bisweilen eine eher bedenkliche Richtung einschlägt, wie ich finde. Und dies bekommen wir Supernormalos genauso zu spüren wie auch Personen des öffentlichen Lebens. Früher musste man InTouch und Die Bunte lesen, um über das aufregende Privatleben Prominenter Bescheid zu wissen. Heute weiß man es auch, wenn man es nicht will. Während ich das schreibe, diskutiert das halbe Internet über ein Foto, das Greta Thunberg ins Netz gestellt hat und auf dem sie im Zug auf dem Boden sitzt. Eine Momentaufnahme, die weit mehr Staub aufwirbelt, als sie es eigentlich müsste. Und ich habe auch nicht darum gebeten, über das Privatleben von Heidi Klum und Pietro Lombardi (den ich vor seiner Scheidung gar nicht kannte) informiert zu werden - trotzdem weiß ich über diese Gestalten weit mehr, als mir lieb ist. Auch mir fällt es, offen gestanden, nicht immer leicht, mich abzugrenzen - trotzdem tue ich mein Bestes und achte darauf, dass ich zumindest so sensible Themen wie gesundheitliche Probleme nicht wahllos in den Äther blase, und es würde mir beispielsweise nie einfallen, mein Liebesleben im Internet breitzutreten. Und ich stelle keine Fotos meines Essens ins Internet - aus Prinzip! Und weil ich der Ansicht bin, dass es weitaus spannendere Themen gibt als einen heutigen Speiseplan. In diesem Moment höre ich beispielsweise gerade ein Klavierkonzert von George Gershwin - das ist doch schon mal ein Anfang, oder nicht?

vousvoyez

"Sharenting": https://www.youtube.com/watch?v=pkbm102QX6k
Vulgär-Humor in Filmen: https://www.youtube.com/watch?v=St7FB9pR4z

Freitag, 22. November 2019

Du hast eine Stimme wie ein alter Kupferkessel

Ich kann nicht sagen, ob ich eine Stimme wie ein alter Kupferkessel habe - wie ein Kollege behauptete. Übrigens derselbe, der mich auch fragte, was "Coco Jambo" bedeutet. Wie wir alle wissen, war Coco Jambo dereinst ein sehr beliebter Sommerhit der Eurodance-Gruppe Mr. President, eines der vielen, vielen One-Hit-Wonder, die uns immer wieder begegnen. (Edit: Inzwischen wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass Mr. President mehr als nur einen Hit hatte - das hatte ich wieder vergessen. Asche über mein Haupt!) Als der Song ein Hit war, war ich zwölf - ich verband das Lied immer mit Sonne, Strand und Meer. Und das tue ich im Prinzip bis heute, auch wenn ich nicht gerade behaupten kann, das ich ein besonders großer Fan von Eurodance bin. Der ja zurzeit, wo das Monster des 90er-Revivals mit Riesenschritten im Anmarsch ist, plötzlich wieder total in ist. Umso mehr, als ein 20 Jahre alter Song von den Vengaboys im Zuge der Ibiza-Affäre im Mai tatsächlich zum "Protestsong" avancierte. Was ich ehrlich gesagt doch sehr lustig finde. Oder sagte ich das schon? Egal.

Aufmerksamen Lesern und Innen wird auch früher nicht entgangen sein, dass ich meine Teenagerzeit in den späten 90ern und frühen 2000ern verlebte. Ich kann nicht behaupten, dass es die beste Zeit meines Lebens war. Und auch im Nachhinein muss ich gestehen, dass die 90er für mich eher eine stilistische Katastrophe waren - und das meine ich nicht mal böse. Aber sind wir uns doch ehrlich - es gab damals sehr viel schreckliche Musik, allen voran der Euro-Müll auf den Bravo-Hits-CDs, und potthässliche Mode - denken wir nur an die unförmigen Jeans und T-Shirts, diese scheußlichen Buffalos, die heute schon wieder meine Augen beleidigen, riesige Markenlogos, die man vorläufig größtenteils bei den "Sapeurs" im Kongo sieht und die man haben musste, um nicht gemobbt zu werden, Jogginghosen sogar außerhalb des Fitnessstudios, Kleidung aus purer Synthetik, wo man schon beim Anblick Schweißflecken kriegt. Nicht zu vergessen all die rein synthetischen Süßigkeiten, nach denen heute so manch einer lange Zähne kriegt, obwohl die, wenn man ehrlich ist, überhaupt nicht geschmeckt haben. So gibt es ein Riesen-Gejammer um so ein Topfenerzeugnis namens Frufoo, von dem ich als Österreicherin verschont blieb, dem aber ganz offensichtlich viele Deutsche noch nachweinen - obwohl mir einer neulich erzählt hat, dass es nicht lange auf dem Markt war, weil es eigentlich keiner fressen wollte. Heute betrachtet man das Ganze wenigstens mit einer gehörigen Portion Ironie, aber damals war das alles für uns blutiger Ernst. Cool geht anders - aber das wissen die Teenies heutzutage natürlich nicht. Denn sie waren nicht dabei, und das ist auch gut so.

Natürlich gab es in den 90ern auch andere Seiten - Grunge, Brit Pop, die Blütezeit des Rap, die ersten Filme von Quentin Tarantino, der Beginn der Karriere einiger phantastischer Schauspieler wie Johnny Depp und Leonardo DiCaprio, die Love-Parade, die die Weichen für Toleranz jenseits der Heterosexualität stellte, um nur ein paar wenige zu nennen. Ich gehörte leider nicht zu den coolen Früh-90er-Teenies, die Nirvana oder Pearl Jam bewusst miterlebt oder Pulp Fiction im Kino gesehen haben. In den frühen 90ern war ich noch im Volksschulalter und durfte Jurassic Park nicht im Kino sehen, im Gegensatz zu einigen Freunden, die zu meiner Schande auch noch jünger waren als ich. Und ich besuchte noch dazu eine reine Mädchenschule - was bedeutet, während die Jugendlichen in zerrissenen Jeans herumliefen und ihre Partys zu Smells Like Teen Spirit feierten (was allerdings in meiner Studentenzeit ebenfalls zur Passion wurde), hatten meine Mitschülerinnen in ihren portablen CD-Playern, auch bekannt als "Discman", die Kelly Family laufen. Und zwar dermaßen häufig, dass ich einen regelrechten Hass gegen diese seltsamen Post-Hippie-Gestalten mit ihren sanftmütigen Songs und ihren blonden Haaren, die so lang waren, dass man Jungs und Mädchen praktisch nicht unterscheiden konnte - ich dachte anfangs tatsächlich, Angelo sei ein Mädchen - entwickelte. Eine Zeitlang sahen die typischen Mädchenschwärme ja größtenteils wie Mädchen aus - ich denke da nur an Hanson ("Wie süß, der große Bruder macht Musik mit seinen kleinen Schwestern!") oder den deutschen Popstar Gil. Heute finde ich die Musik der Kelly Family okay im Sinne von "Ich würde mir keine CD kaufen, schalte im Radio aber auch nicht weg". Und die Kelly-Phase wurde in meinen frühen Teenager-Jahren auch noch von der Boygroup-Phase abgelöst - von der vor allem das Jugendmagazin Bravo profitierte, sozusagen das wöchentliche Manifest aller deutschsprachigen Teenager der damaligen Zeit. Und die allwissende Müllhalde, wenn es um sexuelle Fragen geht - aber auch das sagte ich bereits woanders. Und das weiß ich deshalb, weil ich mir bei dieser Formulierung damals wahnsinnig genial vorgekommen bin. Aber auch ein blindes Huhn findet halt ab und zu mal ein Korn. Die heutige Bravo ist mit der damaligen natürlich nicht zu vergleichen - auch wenn man schon in der Anfangszeit dieses Magazins nicht unbedingt als "intelligente Unterhaltung für die Jugend" sprechen konnte. Aber anscheinend hat die Bravo - wie so viele andere Ausdrucksformen der "alten Medien" - Schwierigkeiten, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, in der die Unterhaltung für die Jugend nicht mehr lediglich auf Radio, Fernsehen und Printmedien beschränkt ist. Und heute sind Teenager ja nicht mehr nur, so wie wir, auf Musiker und Schauspieler angewiesen, sondern bewundern Influencer. Von denen ich sagen muss, dass ich nicht alle schlecht finde - klar gibt es diese Instagram-Tussis, die mit zentimeterdick geschminktem Gesicht "ganz spontan" hundert Spiegel-Selfies raushauen, bis ihnen endlich mal eines gut genug ist, das sie dann bis zur Unkenntlichkeit photoshoppen und mit einem schönen Text darunter posten, der dir erklärt, dass du dich so akzeptieren sollst, wie du bist. Aber vor allem auf YouTube habe ich tatsächlich auch junge Leute entdeckt, die die neuen Medien nutzen, um selbst kreativ zu werden, und wo man sieht, dass hinter dem, was sie machen, auch einiges an Arbeit und Leidenschaft steckt. Und denen zuzusehen macht auch Spaß, wenn man "alt" ist.

Die Diskrepanz zwischen dem Erscheinungsbild und dem, was man aussagen will, sticht in den sozialen Netzwerken natürlich deutlich hervor - in Wirklichkeit gab es die aber doch schon viel länger. Genauso wie die kreischenden Fans - das fing schon bei Frank Sinatra an, und jeder kennt die Bilder der Massen an Teenager, die beim Anblick der Beatles in Ekstase verfielen. Und schon die Mitglieder der Boygroups aus den 90ern, die meist in Castings nach dem Aussehen ausgewählt wurden, erklärten in Interviews, dass für sie bei einer Partnerin nur die inneren Werte zählen, damit jedes Fangirl sich als potenzielle Partnerin begreifen konnte. Fans sind häufig lästig, in der Masse unerträglich, meistens aber harmlos - wenn auch nicht immer, wie der Mord an John Lennon und die Messer-Attacke auf dessen ehemaligen Band-Kollegen George Harrison neunzehn Jahre später gezeigt haben. Für die meisten ist das "Fan-Sein" so etwas wie die Vorstufe zum ersten Freund - solange noch kein realer Junge greifbar ist, projiziert man seine Sehnsüchte eben auf eine Person aus den Medien. Entsprechend distanzieren sich die meisten später auch wieder von dieser Phase und blicken mit Scham oder vielleicht auch Belustigung darauf zurück. Und dann gibt es ein paar wenige, bei denen das "Fan-Sein" eine Lebensentscheidung ist - und mitunter auch krankhafte Züge annimmt.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Trennung von Take That. Ich verfolgte ihren letzten Auftritt in der Sendung Wetten, dass...? Damals war ich zwölf und kam zum ersten Mal richtig mit sowas in Berührung. Und ich konnte es schon zu dieser Zeit nicht verstehen - wobei ich anmerken muss, dass solche, wie soll ich sagen, "Gruppenaktionen" mich nie besonders begeistert haben. Auch Gruppentänze wie der zu Macarena oder besonders dem Las Ketchup Song fand ich eher lächerlich. Nach der vollzogenen Trennung gab es dann die wildesten Gerüchte von verzweifelten Mädchen, die sich umgebracht haben sollen - selbst ein Lehrer an meiner Schule wusste von einer Schülerin zu berichten, die sich angeblich aus dem Fenster zu Tode gestürzt hätte, weil Take That sich getrennt hätte. Tatsächlich gab es Hotlines, wo verzweifelte Fans anrufen konnten, die sonst kein offenes Ohr fanden - und es ist sicher nicht leicht, wenn man in so einer Situation auch noch Hohn und Spott entgegennehmen muss, gerade wenn man jung und in seiner Persönlichkeit noch nicht gefestigt ist. Beweise für die vielen Selbstmorde, die damals stattgefunden haben sollen, gibt es allerdings bis heute nicht.  Ganz abgesehen davon, dass, sollte wenn es einen Selbstmord gegeben haben, sicher nicht ausschließlich die Trennung einer Boygroup daran schuld war. Ich glaube, das ist so ein Ding wie bei den Horrorfilmen, wo die Leute angeblich reihenweise in Ohnmacht gefallen sind, obwohl diese Geschichten im Nachhinein gesehen eher lächerlich wirken. Vielleicht schreibe ich mal was dazu. Wir werden sehen.

Jedenfalls habe ich mit den extremen Auswüchsen der Fankultur schon als Jugendliche so meine Probleme gehabt. Klar ist es völlig normal, dass man als Teenager in irgendeinen Star verschossen ist - aber ich kann, ehrlich gesagt, bis heute nicht verstehen, warum man, wenn dieser Star mal eine Freundin hat, diese beleidigen, bedrohen oder gar tätlich angreifen muss. Mir will ohnehin nicht in den Kopf, wie man sich reelle Chancen auf einen unerreichbaren Musiker, Schauspieler oder Influencer ausrechnen kann - bei dieser gewaltigen Konkurrenz und wo doch ohnehin kaum ein "Normalo" noch an diesen herankommt. Das einzige Jugendidol, von dem ich je gehört habe, dass es einen Fan geheiratet hat, war Ringo Starr, und der lernte dieses Mädchen in einer Zeit kennen, als der Ruhm der Beatles hauptsächlich auf die Musikclubs in Liverpool beschränkt war. Und als die Musikszene ohnehin etwas, sagen wir mal, "familiärer" war als heute. Klar muss man auch bei dieser Art von Fans zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen unterscheiden. Ich sage mal, in einem Alter unter vierzehn bis sechzehn ist ein Mensch noch nicht so gut in der Lage, zwischen einer öffentlichen Kunstfigur und einer Privatperson zu unterscheiden. Deswegen haben Meinungsblogger auf YouTube, die Kritik an einem YouTube-Star mit einem sehr jungen Publikum üben, auch immer mit einem wütenden Shitstorm an Kinderfans zu rechnen, die glauben, ihr Idol buchstäblich bis an die Zähne verteidigen zu müssen. Das Alter dieser "Hater" erkennt man sehr leicht an der miserablen Orthographie, den kindlichen Formulierungen ("Er/Sie ist nicht blöd, du bist blöd!") und den heftigen Beschimpfungen, die darauf schließen lassen, dass hier Kinder ohne Aufsicht unterwegs sind. So was gab es durchaus früher auch schon - beispielsweise in Leserbriefen an die Bravo, in denen junge Boygroup-Fans ihr Herz ausschütteten, wenn auch mit weniger Kraftausdrücken. Heute ist das alles halt noch wesentlich greifbarer, da das Internet es erlaubt, in Echtzeit zu kommunizieren. Aber die Kinder, die hier so leidenschaftlich shitstormen, wachsen da irgendwann mal raus. Schwierig wird es, wenn man diese Phase nicht überwinden kann - wie die Betreiberinnen des Internet-Blogs "Never Forget", die sich für einen offiziellen Gedenktag für die "Opfer" der Trennung von Take That organisiert haben. An und für sich spricht ja nichts dagegen, sich gemeinsam zu erinnern und die Zeit aufzuarbeiten. Aber es liegt eben in der Natur der Sache, dass Bands sich irgendwann trennen - außer vielleicht, es sind die Rolling Stones. Und es gehört nun einmal zum Erwachsenwerden dazu, mit Enttäuschungen fertig zu werden. Soweit ich sehe, gibt es jedoch seit 2013 keinen neuen Blog-Eintrag mehr. Hoffen wir, dass die Damen endlich in der Gegenwart angekommen sind.

Im Jahr 2015 löste Zayn Malik auch wieder so einen hirnverbrannten Hype aus, als er die Boygroup One Direction verließ - unter #cutting4zayn ritzten sich Jugendliche die Haut, um ihn am Gehen zu hindern. Also eine dieser bescheuerten Challenges, über die ich schon berichtet habe. Ganz abgesehen davon, dass ich diese Ritz-Trends sehr kritisch sehe, da diese ungesunde Angewohnheit tatsächlich krankhaft werden kann und man im schlimmsten Fall diejenigen, die wirklich Probleme haben, möglicherweise nicht mehr ernst nimmt - wie kommt ein Mensch dazu, dass er sich von irgendwelchen ihm unbekannten Teenagern erpressen lassen soll? Sowohl für diese Aktion als auch für so Sachen wie einem Star nachzustellen oder dessen Partnerin zu schikanieren gilt: Dazu hat keiner das Recht. Wer einen Nicht-Prominenten stalkt, wird bestraft. Warum soll das bei einem Star moralisch weniger fragwürdig sein?

Im besten Fall ist die Schwärmerei für einen Star jedoch eine schöne Erinnerung - etwas, wovon man später auch noch zehren kann. Normalerweise lernt man irgendwann dann doch mal die erste Liebe kennen. Und setzt am Ende die rosarote Brille der Nostalgie auf. Was an und für sich auch okay ist. Nur sollte man darüber die Gegenwart nicht vergessen - und, dass mittlerweile eine neue Generation heranwächst, deren Lebenswelt eine andere ist. Erinnert euch an all die alten Leute, die euch in eurer Jugend auf die Nerven gegangen sind. Und macht um Himmels willen nicht den Fehler, irgendwann genauso zu werden.

vousvoyez

Freitag, 18. Oktober 2019

Die Schönheit einer Frau zeigt sich morgens nach dem Aufstehen

(c) vousvoyez
Dies ist einer der ersten Sätze, die mir von meinem Freund in Erinnerung geblieben sind, als wir uns kennen lernten. Denn er erklärte, dass es leicht ist, an einer Frau Gefallen zu finden, die einem gut angezogen, perfekt frisiert und mit dem Gesicht voller Make-up an Orten für Nachtschwärmer begegnet, dass er jedoch eine Frau bevorzuge, die ihm auch dann gefällt, wenn sie, wie ich in einem meiner Film-Artikel schon geschrieben habe, wie ein explodierter Wellensittich aussieht. Man könnte es auch so umschreiben: Nachts sind alle Katzen grau.

Was mich zu einem Problem bringt, das ich schon lange mal behandeln wollte. Kürzlich habe ich nämlich in einer Facebook-Debatte zugegeben, dass ich nie ein Fan der 90er-Kultserie Eine schrecklich nette Familie war. Wohlgemerkt ohne anderen vorzuschreiben, dass sie die Serie deshalb auch nicht mögen dürfen. Die ersten Antworten waren relativ moderat, aber dann meldete sich eine bestimmte Unterart der menschlichen Spezies männlichen Geschlechts - und zwar diejenigen, die sich für die männlichsten aller männlichen Männer halten. Und diese männlichsten aller männlichen Männer haben mitunter ein Verhalten, das eigentlich an vor- bis frühpubertierende Schulmädchen erinnert - sie halten es nicht aus, wenn man nicht ihrer Meinung ist. In diesem Fall besonders dann nicht, wenn man obendrein auch noch weiblich ist. So wurde aus einer eigentlich ganz normalen Debatte ein ziemlich lächerlicher Schlagabtausch.

Der Anstoß dieser Debatte war ein Video mit ziemlich frauenfeindlichen Kommentaren seitens der Hauptfigur der Serie, Al Bundy. Nun muss ich dazu sagen, dass ich die Intention der Serie sehr wohl verstehe - Eine schrecklich nette Familie war in den 1990ern die Antithese zu den damals üblichen Familienserien, die eine heile Welt propagierten. Sie spielt im Milieu der unteren Mittelschicht, die Figuren sind stark überzeichnet, und entsprechend ist auch der Humor. Was wohl auch der Grund ist, warum ich die Serie nicht lustig finden kann - es ist einfach nicht mein Humor. Im Gegensatz zu den Simpsons, die eine ähnliche Intention hatten, deren Humor aber zumindest in den ersten zehn bis fünfzehn Jahren weitaus cleverer war. Was aber nicht bedeutet, dass Eine schrecklich nette Familie nicht ihre Berechtigung hat - die meisten Fans, die wohl hauptsächlich aus Männern bestehen, verstehen, dass Al Bundy kein Vorbild, sondern eine Art Antiheld ist. Sie lachen über ihn, weil er chauvinistisch und misantrop ist. Weil er seiner Frau und seinen Kindern die Schuld für sein gescheitertes Leben zuschiebt, anstatt selbst Verantwortung zu übernehmen. Weil er eine tussige Ehefrau und eine dumme Tochter hat sowie einen Sohn, der keine Frau abkriegt. Weil er Stammtischparolen zum Besten gibt, wie man sie von Typen kennt, die sich bei ihren Kumpels über ihre "Alte" auslassen, während diese mit den "Mädelz" darüber diskutiert, wo sie die Schlüppis für ihr süßes Männlein kauft und ob sie ihn zum Urologen begleiten soll. Aber dann gibt es halt auch die anderen im Serienpublikum - diejenigen, die genauso sind wie Al Bundy. Diejenigen, die überhaupt nichts kapieren. Und das sind die männlichsten aller männlichen Männer. Die, die Al Bundy anbeten - die ihn sich zum Vorbild nehmen und so sein wollen wie er. Weil sie in Wirklichkeit die Dummen sind.

Und so waren auch die Kommentare, die mir entgegengeschleudert wurden - dass Al Bundy absolut recht habe und ein Vorbild für alle Männer sei. Ich habe darauf eher verhalten reagiert, da ich eigentlich keine Lust hatte, mit solch einer geballten Ladung an männlicher Männlichkeit zu diskutieren. Bis dann einer mir unterstellte, zickig zu sein und mich fragte, ob ich gerade meine Menstruation bekommen hätte. Ein Verhalten, das mich in meiner Ansicht nur bestätigte - für so männliche Exemplare ist das Nichtteilen ihrer Meinung seitens einer Frau zickiges Verhalten. Und der Grund dafür kann nur sein, dass man menstruiert oder alternativ auch frustriert oder untervögelt ist. Ein Blick auf das öffentliche Profil dieses Herrn präsentierte den Abgrund in seiner ganzen Tiefe - AfD-Fan, Greta-Basher, Wutbürger, homophob. Einer, der sich darüber wundert, warum er für Frauen unattraktiv ist - und dies wohl auf die Ausländer zurückführt, die Prachtexemplaren wie ihm das gottgegebene Recht auf Paarung verwehren. Und möglicherweise auch noch zu jenen gehört, die Angst davor haben, dass plötzlich alle Männer schwul werden, wenn diejenigen, die es sind, ein erfülltes Leben führen dürfen. Und dass ihre großartige "Rasse" ausstirbt - weil solche Prachtexemplare natürlich niemals den Gedanken aufkommen lassen, dass das Aussterben der "Herrenrasse" vielleicht doch kein so großer Verlust wäre.

Die Haltung dieser Typen ist schon seit geraumer Zeit zu beobachten. Im Großen und Ganzen können wir ja sagen, dass es der beste Schutz vor Diskriminierung immer noch ist, männlich, weiß, heterosexuell, konservativ und nicht behindert oder psychisch krank zu sein. Aber diese seit Jahrtausenden in den meisten Teilen der Welt zementierte Hierarchie scheint langsam aufzubrechen - Frauen bevölkern die Politik, den Kulturbereich, Bildungseinrichtungen, Sportplätze und alle Berufsgruppen, Menschen anderer Hautfarbe beginnen sich zu emanzipieren und Personen mit anderer sexueller Orientierung als der heterosexuellen und Geschlechtern jenseits des Mann/Frau-Prinzips fordern immer vehementer ihre Rechte ein. Noch ist die Vorherrschaft des "weißen Mannes" nicht gebrochen, doch sie wird immer mehr in Frage gestellt. Und viele der besonders männlichen Männer scheinen damit nicht zurechtzukommen - und inszenieren sich selbst als Opfer. Wie der selbsternannte "Volks-Rock'n'Roller" Andreas Gabalier, der vor wenigen Jahren bemängelte, dass man heutzutage zu einer Minderheit gehöre, wenn man als Mandl noch auf Weiberl stehe. Oder diejenigen, die sich für "fremd im eigenen Land" halten, weil sich nicht nur die kaukasische Ethnie als deutsch oder österreichisch begreifen darf.

Eine Community, die aktuell von sich reden macht, die auch sehr mit den jüngsten rechtsradikalen Anschlägen in Verbindung steht, ist INCEL, kurz für involuntary celibacy, zu Deutsch "unfreiwilliges Zölibat". Das sind im Prinzip nur frustrierte Männer, die Sex als ein gottgegebenes Recht ansehen und bereit sind, sich dieses auch mit Gewalt zu sichern - so ist der Frauenhass in dieser Community sehr essentiell, und viele halten Feminismus auch für Teil einer Verschwörung, die "die Juden" angezettelt haben, damit weniger "weiße" Kinder geboren werden und die "weiße Rasse" ausstirbt. Dabei war INCEL ursprünglich nichts anderes als eine Online-Selbsthilfegruppe für schüchterne Menschen jeglicher sexueller Orientierung. Nachdem die Initiatorin, eine kanadische Studentin, diese jedoch verlassen hatte, entwickelte es sich zu einer Plattform, auf der Männer ihre Gewaltphantasien gegen Frauen ausleben können. Ein bekannter Vertreter der INCEL-Szene ist der Amokfahrer, der 2018 mit einem Kleintransporter in Toronto zehn Menschen tötete und fünfzehn verletzte, und auch der Attentäter von Halle an der Saale scheint mit INCEL zu sympathisieren. Auch der Massenmörder Anders Breivik handelte nicht nur aus antimuslimischen, sondern auch aus frauenfeindlichen Motiven.

In diesem Zusammenhang bin ich auf eine Bewegung gestoßen, die sich MGTOW nennt - Men Go Their Own Way. Es geht im Großen und Ganzen darum, dass alle Frauen böse und Feminismus immer total kacke ist, weshalb die Männer, die dieser Bewegung anhängen, nichts mehr mit Frauen zu tun haben wollen. Darüber bin ich persönlich natürlich total bestürzt, denn selbstverständlich bin ich brennend an dem Gejammer irgendwelcher ewiggestriger Heulsusen extrem männlicher Männer interessiert, weswegen ich völlig geknickt darüber bin, dass die nichts mehr mit mir und meinem Geschlecht zu tun haben wollen. Und ich hab auch ein total schlechtes Gewissen, weil ich und natürlich auch alle anderen Frauen auf der ganzen Welt so hässlich und gemein zu diesen armen Männern gewesen sind. Nun ja - um Sex zu haben, braucht man nicht zwingend eine Beziehung. Und wenn man was gegen Prostitution hat, gibt es ja immer noch die Masturbation. Das Ding ist halt - beides ersetzt keine richtige Beziehung. Und die Frage ist halt auch, ob es tatsächlich so viele Männer gibt, die komplett darauf verzichten können oder wollen. Die Anhänger dieser Bewegung beschweren sich ja hauptsächlich darüber, dass Frauen ständig auf Händen getragen werden sollen, dass der Mann auf seine Versorgerrolle reduziert wird, um dann weniger Rechte auf die Kinder zu haben, und dass Frauen nach der Heirat und der Geburt der Kinder angeblich alle keinen Sex mehr wollen. Also das übliche Abwälzen der Verantwortung auf andere - anstatt dass man sich fragt, ob man selbst nicht auch dazu beigetragen hat, dass eine Beziehung nicht so funktioniert, wie man sich das vorstellt, wird die Schuld auf die Frau geschoben. Ich muss dazu sagen, ich kenne etliche Typen, die einer Frau, sobald sie sie kennengelernt haben, das Blaue vom Himmel herunter lügen - und sich hinterher beschweren, wenn die Frau draufkommt und nichts mehr mit ihnen zu tun haben will. Und ihre Kumpels schlagen dann oft in dieselbe Kerbe - wenn eine Beziehung in die Brüche geht, ist immer und ausschließlich die Frau schuld. Und das Tollste ist ja, dass viele andere Frauen das Spiel auch noch mitspielen.

Für mich ist diese Haltung, ehrlich gesagt, mehr mit der eines trotzigen Kindes vergleichbar - wenn du garstig zu mir bist, spiel ich nicht mehr mit. Es ist halt nur so - selbst wenn ich nicht das Glück hätte, in einer erfüllenden Beziehung zu sein, bin ich nicht unbedingt auf Typen angewiesen, die einen auf schmollendes Kleinkind machen. Es gibt genügend Männer auf dieser Welt, die wissen, was Verantwortung heißt. Ich will keine Prinzessin sein, die 24 Stunden lang von einem starken Mann auf Händen getragen wird - das wäre mir ohnehin zu langweilig. Aber wenn ich so unbedingt auf meine Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert werden wollte, dann würde ich das machen - zum Glück hat man da ja die Wahl. Es kommt halt auch drauf an, ob der Mann das nötige Kleingeld hat, aber ich habe kein Interesse daran, mich in eine Zeit zurückversetzen zu lassen, wo man als Frau nichts anderes tun konnte als das. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich nicht alle Strömungen des Feminismus für gut befinde, aber das ist eine andere Geschichte.

vousvoyez

Donnerstag, 26. September 2019

Wenn du ein Strich in der Landschaft bist, ist der mit einem sehr dicken Filzstift gemalt worden

(c) vousvoyez
Auch, wenn - wie schon so oft angemerkt - zu viel Schlankheit ohnehin überbewertet ist. Und ich persönlich dicke Stifte ohnehin lieber mag als dünne - die Schrift sieht damit meist besser aus. Ja, ich gehöre zu den alten Schachteln, die immer noch mit der Hand schreiben, auch wenn das anscheinend nicht die Zukunft ist. Aber ich hatte in meiner Jugend genug damit zu tun, cool zu sein - jetzt bestehe ich auf mein Recht, uncool zu sein. Und sind wir uns ehrlich: Handschrift ist über kurz oder lang doch klimafreundlicher.

Eigentlich wollte ich nichts mehr über Greta Thunberg und Fridays For Future schreiben, da das Thema ohnehin schon in aller Munde ist und ich meinen Standpunkt im Wesentlichen dargelegt habe. Aber die Jugend lässt nicht locker, und das ist im Wesentlichen auch das beste, was sie tun kann - denn wir werden das Thema nicht bis in alle Ewigkeit ignorieren können, und irgendwann ist es dann zu spät. Und je lauter die Jugend wird, desto lauter sind auch diejenigen, die gegen die Jugend im Allgemeinen und Greta im Besonderen hetzen.

Greta hat vor ein paar Tagen beim Klimagipfel in New York ihre jetzt bereits berühmte "How-dare-you?"-Rede gehalten, die viele so tief bewegt - und andere in Wut versetzt hat. Kalt gelassen hat sie aber, soweit ich das beurteilen kann, tatsächlich keinen. Auch wenn viele inzwischen in den sozialen Netzwerken ihr hässlichstes Gesicht zeigen - das reicht bis zu Vergewaltigungsphantasien und konkreten Mordplänen gegen eine Jugendliche. Und Facebook & Co. sind wieder mal heillos überfordert. Viele regen sich auch auf, dass Greta nervt, weil sie so wahnsinnig viel Aufmerksamkeit bekommt. Und ich frage mich zum wiederholten Male, warum man jemanden thematisiert, von dem man nicht will, dass er bzw. sie Aufmerksamkeit bekommt - denn auch die Hater tragen dazu bei, dass über Greta gesprochen wird.

All die Erwachsenen, die sich über die heutige Jugend auslassen, die ihrer Ansicht nach ohnehin nichts Besseres zu tun hat, als die Schule zu schwänzen und die gefälligst wie in der Steinzeit leben soll, wenn sie schon eine bessere Klimapolitik verlangt, die sich darüber aufregen, dass junge YouTuber wie Rezo eine große Reichweite generieren, indem sie für eine Jugend sprechen, die in der Politik und den etablierten Medien keine richtige Stimme hat, rühren etwas an meinem Gedächtnis. Etwas, das mich zutiefst abschreckt. Ich erinnere mich dabei nämlich an alte Dokumentationen aus den 60er und 70er Jahren, vereinzelt auch aus späterer Zeit. In vielen dieser Dokus sind Interviews mit Vertretern der damaligen älteren Generation zu sehen - die zutiefst empört sind über die Jugend, ihre Mode, ihre Musik, ihre Ideen, und sich über den allmählichen Sittenverfall beklagen. Schon als ich selbst Jugendliche war, wusste ich, dass ich so niemals sein wollte. Und jetzt muss ich beobachten, dass viele schon in meinem Alter genauso werden - auch wenn sie selbstverständlich keine Trachtenhüte und -mäntel mehr tragen. Ich werde bald 36 - unter den heutigen Jugendlichen könnten auch meine Kinder sein. Ich habe keine eigenen Kinder, aber mein Freund hat Kinder, zwei meiner Geschwister und viele meiner Freunde haben Kinder - und die sind mir nicht egal. Im Gegenteil - ich wünsche ihnen die bestmögliche Zukunft, so wie ich sie auch meinen eigenen Kindern wünschen würde. Und gerade deshalb finde ich es gut, wenn die nächste Generation darum kämpft.

Auffällig an der "Generation scheißegal" ist, dass echte Argumente meist fehlen - deswegen werden entweder Falschbehauptungen aufgestellt, oder man greift die Jugend, insbesondere Greta Thunberg, persönlich an. Besonders beliebt ist es in letzter Zeit jedoch auch, die Vorwürfe der jüngeren Generation empört von sich zu weisen und zu erklären, dass man früher viel nachhaltiger gelebt habe und deswegen gar nicht schuld an der Katastrophe sei, ganz im Gegensatz zur Jugend, die Smartphones und Spielkonsolen besitzt, billig produzierte Kleidung trägt, mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegt und mit dem SUV zur Schule gebracht wird.

In einem Kettenbrief, der zurzeit auf Facebook die Runde macht, wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass Kleidung früher lange getragen, oft repariert und als "Ersatzteillager" für Reißverschlüsse und Knöpfe verwendet wurde. Nun, die Frage ist aber doch - ab wann haben wir angefangen, billig produzierte Kleidung aus Niedriglohnländern der haltbaren Ware vorzuziehen? Ich hätte sehr, sehr gerne wieder Klamotten in der Qualität, wie ich sie noch in den Neunzigern kannte. Ich wäre, auch wenn ich nicht reich bin, sogar bereit, mehr Geld dafür auszugeben - denn über kurz oder lang lebt man auf diese Weise tatsächlich billiger, weil man seltener Kleidung wegwerfen und neue kaufen muss. In meiner Jugend trug ich die alten Polohemden meiner Brüder, die unverwüstlich waren. Heute halten solche Hemden maximal ein Jahr. Als ich jung war, waren Schuhe von Dr. Martens sehr beliebt - die bis zu einem Jahrzehnt überdauern konnten. Heute sind Schuhe derselben Marke nach zwei Jahren kaputt. Diejenigen, die entschieden haben, dass möglichst billig und mit maximalem Profit produziert werden soll, sind aber - und das wird wohl einige überraschen - keine Angehörigen der jungen Generation, sondern der der Babyboomer, die in den 50ern und 60ern geboren wurden. Abgesehen davon - wenn man doch ohnehin weiß, wie man nachhaltig lebt, warum gibt man das nicht an die nächste Generation weiter? Wann hat man denn angefangen, nicht mehr zum kleinen Greißler am Eck oder auf den Wochenmarkt zu gehen, sondern in die tollen Supermärkte, wo alles einzeln in Plastik verpackt erhältlich ist? Wann hat man das hoch gelobte Einkaufsnetz oder den Einkaufskorb gegen Einwegsackerln aus Plastik eingetauscht? Wer hat denn die Stoffwindeln gegen Pampers aus Plastik ausgetauscht, die man nach Gebrauch einfach wegwirft? Wer hat sich denn Gedanken gemacht über den wachsenden Berg an Plastikmüll, als die Plastikdosen mit den Feuchttüchern aufkamen? Und wer hat sich Gedanken darüber gemacht, dass wir es weit entfernten Ländern zu verdanken haben, dass wir Erdbeeren im Winter und Äpfel im Frühjahr genießen dürfen? Dass wir ohne Massentierhaltung wohl kaum in der Lage wären, täglich Fleisch zu essen?

Die Welt, in der wir heute leben, hat nicht die Jugend geschaffen, sondern diejenigen, die heute in meinem Alter oder älter sind. Nein, die Generation der in den 50ern und 60ern Geborenen wurde nicht täglich mit dem SUV in die Schule kutschiert - aber sie hat dies in den 80ern und 90ern teilweise schon mit ihren Kindern gemacht, und die wiederum machen dies noch häufiger mit ihren Kindern. Ja, wir waren schon ältere Teenager, als wir unser erstes Handy bekamen - weil damals das Mobiltelefon von einem Luxusgut zu einem für jeden erschwinglichen Alltagsgegenstand geworden war. Und es war unsere Generation, die daran beteiligt war - genau wie es unsere Generation ist, der es viele schlaflose Nächte bereitet, wenn ihr sechsjähriges Kind nicht 24 Stunden am Tag per Telefon erreichbar ist. Ja, von uns sind nur die wenigsten jeden Sommer mit dem Flugzeug in den Urlaub geflogen - aber wir sind auch diejenigen, die das heutzutage unbedingt brauchen. Und überdies sind von denjenigen, die ich da draußen auf ihren Smartphones herumtippen sehe, sehr viele in meinem Alter - und viele, die so alt sind wie ich, reden mit Leidenschaft über das neue iPhone, obwohl sie bereits ein sehr gut funktionierendes Smartphone besitzen. Es war der Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg, der uns Waschmaschine und Fernseher bescherte, und noch heute denken alle noch nostalgisch verklärt an die tolle HiFi-Anlage von damals, an die VHS-Kassetten und die ersten Spielkonsolen. Schon damals galt - sobald es etwas Neues gibt, muss es jeder haben. Viele tun heute so, als wären wir in bitterer Armut aufgewachsen - dabei hatten wir doch alles!

Ja, wir geben gerne damit an, dass wir nicht so "verwöhnt" wurden wie die heutige Jugend und dass früher alles besser war. Übersehen damit aber gerne, dass auch wir schon vor Jahrzehnten für eine klimafreundlichere Zukunft hätten kämpfen können. Schon in meiner Volksschulzeit in den frühen 90ern war der Umweltschutz in aller Munde - passiert ist allerdings nichts, und die meisten von uns hatten auch kein Interesse daran, ihre Komfortzone zu verlassen und auf ein paar unnotwendige Annehmlichkeiten zu verzichten, um das Leben auch für zukünftige Generationen lebenswerter zu gestalten. Stattdessen hielten wir es für eine gute Idee, die Nachfrage für immer größere Dreckschleudern, die wir Autos nennen, in die Höhe zu treiben und Lebensmittel zu kaufen, die gefühlt hundertfach in Plastik verpackt sind. Und lasten genau das jetzt der Generation an, die wir in diese Welt gesetzt haben.

Nein, ich bin auch nicht perfekt, wenn es um Klimaschutz geht - im Gegenteil. Aber ich zeige auch nicht mit dem Finger auf andere. Und ich tue mein Möglichstes, um mein Verhalten zu ändern. Denn was die anderen machen oder angeblich machen, ist für mich keine Ausrede, mich zurückzulehnen und die Augen zu schließen. Deswegen werde ich auch nicht aufhören, gegen das anzuschreiben, was mir unter den Nägeln brennt. Auch wenn es mitunter recht anstrengend ist. Und ja, ich begrüße es sehr, dass Greta und die FFF-Bewegung ernsthafte Diskussionen zum Thema Klima- und Umweltschutz angestoßen haben, so dass dies nun in aller Munde ist - auch wenn ich dem Personenkult um sie, offen gestanden, zeitweise skeptisch gegenüber stehe. Aber ich bin nicht allein auf der Welt.

vousvoyez

https://volkerkoenig.de/2019/07/24/babyboomer-verlogene/?

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/klimadebatte-ab-hier-ad-hominem-a-1287995.html

https://krautreporter.de/3067-das-klimapaket-der-bundesregierung-oder-soll-man-es-lassen?

https://www.volksverpetzer.de/social-media/fridays-for-hubraum/